Angie Pfeiffer

O sole mio

„Ach, ich würd‘ gerne mal was Romantisches mit dir machen. Zum Beispiel in einer Gondel durch Venedig fahren. Das wäre bestimmt toll“, seufzte Manu.„Venedig!“, murmelte Andy. „Geh mir doch damit weg. Letztens habe ich bei Arte einen Bericht über die Stadt gesehen. Eine Gondelfahrt kostet schlappe dreihundert Euro. Die spinnen, die Italiener. So viel Geld, um auf einem muffelnden Kanal herumzufahren. Also träum weiter.“
Manu horchte auf. Was ihr Mann da sagte, entbehrte nicht einer gewissen Logik. Warum zum Gondelfahren nach Venedig reisen und viel Geld ausgeben, wenn man dieses Vergnügen entschieden billiger direkt vor der Haustür haben konnte. Schließlich sollten in der nächsten Zeit an dem durch Münster führenden Dortmund-Ems-Kanal Verschönerungsmaßnahmen durchgeführt werden. Na gut, erst einmal sollte der Radweg am Kanal neu gemacht werden, doch bestimmt würde auch das Ufer aufgeforstet werden. Sie konnte es fast vor sich sehen: Eine bunt angemalte, venezianisch gestylte Gondel, die mit Samt und Seide ausgeschlagen war. Malerisch würde sie am Kanalufer entlanggleiten, würde verliebten Pärchen als Gondel ins Glück dienen. Mit leuchtenden Augen erzählte sie Andi, was ihr vorschwebte, was der mit einem lauten Rülpser und den Worten: „Weib, du spinnst!“ beantwortete.
„Das werden wir ja sehen“, murmelte Manu kämpferisch. Gleich morgen würde sie einen Termin bei der Bank machen. Dort würde sie hoffentlich auf ein offenes Ohr und eine Kreditzusagen treffen. Warum sollte man sich auch nicht darauf einlassen, schließlich war das Einfamilienhaus, das sie und Andi bewohnten abbezahlt und würde bestimmt als Sicherheit genügen.

„Du wirst es nicht glauben, die Gondel ist über die Sommermonate ausgebucht. Erst mal. Für den Herbst sieht es auch gar nicht so schlecht aus“, stellte Manu befriedigt fest.
Andi glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. „Wie? Was? Gondel? Sag mal, hast du das wirklich durchgezogen?“
„Klar! Was hast du denn gedacht?“, war die prompte Antwort. „Wenn du dich mehr für mich und meine Wünsche und Träume interessieren würdest, dann hättest du das schon längst mitgekriegt. Die Leute können sich mit der Gondel von Senden bis nach Münster in den Hafen fahren lassen.“
Mit offenem Mund lauschte Andi seiner Frau, die ihm ihr Geschäftsprinzip erklärte. „Alles in trockenen Tüchern. Der Bankberater war zwar zuerst etwas skeptisch, aber schließlich hat er eingesehen, dass es eine bombensichere Sache ist. Schließlich ist das Haus ja als Sicherheit da.“

„Unser Haus???“
Manu runzelte die Augenbrauen, „Frag doch nicht so blöd. Sicher unser Haus. Was denn sonst. Ist aber kein Risiko dabei. Ich habe Frederico mit ins Boot“, hier kicherte Manu. „Ich wollte sagen in die Gondel holen können."
„Welcher Frederico???“
„Boh, du bist aber heute schwer von Kapee! Frederico, der das Incotro hat. Du weißt schon, die Pizzabude an der Ecke. Er hat einen Cousin, der super mit dem Paddel umgehen kann.“
„Mit dem Paddel?“, murmelte Andi schwach und fühlte sich überfordert.
„Na mit dem Paddel für die Gondel. Einer muss die Leute ja schließlich fahren. Du bringst das ja eher nicht“, kam es kämpferisch von Manu. „Übrigens kann Ernesto super singen. O sole mio zum Beispiel. Aber er kann auch Rammstein, wenn es gewünscht wird. Oder Helene Fischer und natürlich Eros Ramazzotti. Essen und Trinken können die Leute auch an Bord.“
„Ah ha?“, Andi hatte sich wieder etwas gefasst. „Und was gibt es für kulinarische Spezialitäten? Pizza von Frederico? Serviert vom singenden Oberkellner mit dem tollen Paddel?“
Entweder verstand Manu die Spitze nicht oder sie wollte nicht verstehen. „Pizza und Pasta gehen natürlich auch“, erklärte sie ernsthaft. „Aber es muss nicht italienisch sein. Auf Wunsch servieren wir auch Töttchen mit Kartoffelbrei. Das ist auch bei den Getränken so. entweder Vino tinto und Grappe oder ein Pott’s Landbier mit nem anständigen Lagerkorn. Da sind wir variabel.“
„Das gibt’s doch nicht! Das hast du alles hinter meinem Rücken gemacht. Einfach so?“ Andi schüttelte den Kopf. „Das geht doch gar nicht.“
„Das geht super“, erklärte Manu mit einem gewollt unschuldigen Augenaufschlag. „Frederico und ich, wir verstehen uns richtig gut. Er ist von meiner Geschäftsidee begeistert. Deshalb haben wir beschlossen noch enger zusammenzuarbeiten.“
„Oh nein! Das kommt gar nicht in Frage. Da habe ich als dein Mann ja wohl auch noch ein Wörtchen mitzureden“, brach es aus Andi heraus. Ehe er sich in Rage reden konnte, unterbrach ihn seine Frau.
„Ex Mann!“, sagte sie freundlich.
„Wie? Was? Ex?“
Manu stand auf. „Sag ich doch, Du bist einfach schwer von Kapee. Aber wenn du darüber nachdenkst, dann kommst du schon noch drauf.“ Sanft strich sie ihm über das schüttere Haar. „Übrigens: Wenn du mal eine Gondelfahrt auf dem Kanal machen willst, bekommst du von uns einen satten Rabatt, aus alter Freundschaft.“ Mit diesen Worten schwebte sie aus dem Zimmer. Mit offenem Mund hörte Andi, wie die Haustür ins Schloss fiel.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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