Monika Litschko

Autoren morden anders

Autoren morden anders

 

Es juckte mir in den Fingern, einmal in meinem Leben einen guten Krimi zu schreiben. Aber wie ich so dasaß, und über die Handlung nachdachte, fiel mir ein, dass ich keinen blassen Schimmer hatte, wie ein Mörder sein Verbrechen plante, wie er dachte und fühlte. Kinder, Fantasie und Liebesromane hatte ich schon etliche geschrieben. Aber einen Krimi? Mein Freundin Erika hatte ein Händchen für Krimis, aber ich war zu zart besaitet. Sie rieb sie mir ständig unter die Nase, meine gefühlvollen Seiten. Und so ich sah mich genötigt, ihr zu beweisen, dass auch ich dazu fähig war. Aber wie sollte ich das anstellen? Einen Rückzieher wollte ich nicht machen. Mein Stolz verbot mir derlei Unsinn.

Also rief ich meinen Verleger an und verkündete ihm die frohe Botschaft. Ganz schnell erfand ich einen Buchtitel … Ich, die Mörderin … und war entsetzt über seine Reaktion. Er seufzte erleichtert und sagte mir, dass ich ihm viel Mühe erspart hätte, denn meine altbackenen Bücher fänden keinen Anklang mehr und dass er mir hiermit eine neue Chance geben würde. Ein Jahr gab mir dieser fiese Kerl. Ein Jahr, in dem ich lernen musste, zu denken wie ein Mörder und dieses auch zu Papier bringen. Da ich von meiner Schreiberei lebte, blieb mir nichts anderes übrig.

Verzweifelt setzte ich mich vor meinen Kamin und überlegte. Dachte über den Inhalt nach, über die Personen, den Ort der Handlung und so weiter. Aber alles, was ich mir ausdachte, machte keinen Sinn. Als ich schon gefährlich nah an einem Selbstmordversuch war, lachte mich eine Flasche Whisky an. Erika hatte sie mir geschenkt, obwohl sie wusste, dass ich kaum Alkohol trank. Erst recht keinen Whisky. Aber nun griff ich nach ihm. Angewidert nippte ich an dem Glas und verzog mein Gesicht. Sein ekelhafter Geruch erzeugte einen Würgeanfall.

ch holte tief Luft, hielt den Atem an und spülte ihn herunter. Nach dem dritten Glas nahm ich den Geruch nicht mehr wahr und geriet in eine Art Ekstase. Ich wollte den absoluten Krimi schreiben. Er sollte ein Bestseller werden und den Machern Hollywoods als Filmmaterial dienen. Meine Morde würden so simpel sein, dass sie als diese gar nicht zu erkennen waren. In Gedanken schritt ich schon über einen roten Teppich und nahm meinen Oskar entgegen. Blitzlichtgewitter hüllte mich ein und ich winkte den glücklichen Fotografen zu, denen es eine Ehre war, mich ablichten zu dürfen.

Benommen schüttelte ich den Kopf und dachte nach. Wenn ich dieses Ziel erreichen wollte, musste ich Opfer bringen. Opfer umbringen, selbstverständlich auch. Aber ich brauchte Zeit, denn in mir reifte ein Plan.

Dreiundzwanzig Uhr. Ich hob den Hörer und wählte die Nummer meines Verlegers. Verschlafen meldete er sich und ich bemühte mich, meiner Stimme einen festen Klang zu geben. Nur nicht lallen. Beschwörend bat ich ihn um eine Fristverlängerung. Erzählte von Recherchen, die ich noch betreiben wollte. Log, dass ich mit einem anderen Verleger über den Inhalt des Buches geredet hätte. Und dass dieser mich für sich gewinnen wollte, aber dass unsere jahrelange Zusammenarbeit mir am Herzen lag. Redete Unsinn, lachte verlegen und wartete auf seine Antwort. Nur über den Inhalt, da redete ich nicht. Wie auch, ich hatte ja noch keinen. Ich tat geheimnisvoll, stachelte ihn damit an und bekam ein halbes Jahr Verlängerung. Wenn das mal kein guter Anfang war. Ich prostete mir noch einmal zu und kippte zur Seite. An diesem Abend wurde ich zur Mörderin.

Der andere Tag war hammerhart. Mein Kopf hämmerte und mir war schlecht. Ich schleppte mich in die Küche und setzte einen Kaffee auf. Mein Gott, was war nur letzte Nacht gewesen? Als ich den zweiten Schluck Kaffee nahm, wusste ich es und schämte mich in Grund und Boden. Aber gleichzeitig war mir klar, dass es kein Zurück gab. Nach einer heißen Dusche ging es mir besser und ich tüftelte an einem teuflischen Plan.

In unserer Straße gab es einen Spanner, der mit seinem Nachtglas in alle Fenster spähte und sich dabei einen, na ja... Er landete als Erster auf meiner Liste. Dann die blonde Susi. Sie arbeitete als Bedienung in Pauls Pub und hatte mir vor zwei Jahren meinen Freund ausgespannt. Der Pfarrer, der mir mit anzüglichen Bemerkungen den Tag versaut hatte, landete auf Platz drei. Der Vierte im Bunde war mein ehemaliger Lehrer. Ein fieser Kerl, der mir eine glatte Fünf verpasst hatte für einen Aufsatz, der eine Eins verdient hätte. Und nur weil er mich nicht leiden konnte. Das heißt, meinen Vater. Ich badete es nur aus. Das Thema des Aufsatzes waren Pilze. Gute und schlechte. Ich hatte mir damals so viel Mühe gegeben. Hatte gelernt und war mit einem Buch bewaffnet in den Wald marschiert. Er nahm Platz Vier auf meiner Liste ein. Platz Fünf übernahm Erika. Ich war mir sicher, nach Beendigung meines Buches konnte es nur Eine geben und die war ich.

Im Internet suchte ich nach einem kleinen, abgelegenen Hotel und wurde auch schnell fündig. Es lag zweihundert Kilometer von hier entfernt, im schönen Norden. Ich rief dort an und stellte mich als Managerin eines großen amerikanischen Filmunternehmens vor, dessen Bestreben es war, neue Talente zu finden. Natürlich hatte ich mir den Namen des Filmunternehmens ausgedacht.

Kentucky – Pictures und selbstverständlich redete ich Englisch. Verschwörerisch bat ich den Herrn am anderen Ende der Leitung, die Zielpersonen über unser Vorhaben im Unklaren zu lassen. Da so eine bessere Auswahl stattfinden konnte. Außerdem könnte das Konkurrenzdenken der Personen, wenn sie wussten, dass nur zwei von ihnen für eine Rolle in Frage kamen, viel Streit heraufbeschwören. Die Rechnung unserer Gäste würde ein Mr. Apetito begleichen. Dieser sollte am letzten Tag eintreffen und die zwei Rollenangebote vergeben. Natürlich würde sich auch ein verdeckter Ermittler von Kentucky – Pictures immer in der Nähe befinden. Seinen Namen könnte ich aus bestimmten Gründen nicht preisgeben. Der nun sehr aufgeregte Herr versprach alles zu unserer Zufriedenheit zu regeln. Glücklich legte ich auf und ließ mir in einem Shop fünf Einladungskarten drucken. Kentucky – Pictures, blablabla und so weiter und so fort. Anschließend buchte ich einen Flug nach Kentucky und warf sie dort in einen Briefkasten.

Zwei Tage später rief Erika mich an. Aufgeregt erzählte sie mir von ihrer Einladung. Sie glaubte allen Ernstes, dass die Auswahl auf sie gefallen war, wegen ihrer hervorragenden Krimis. Ich ließ sie in dem Glauben. Hatte ich doch andere Sorgen, denn eine unauffällige Verkleidung musste her.

Ich besorgte mir eine graue Männerperücke, einen schwarzen Anzug, ein weißes Hemd, einen riesengroßen Schnurrbart und gewaltige Augenbrauen. So würde mich bestimmt niemand erkennen.

Vorsichtshalber checkte ich zwei Stunden früher als meine Opfer in dem Hotel ein. So konnte ich noch einige Vorbereitungen treffen und mich auf die Situation einstellen. Ich meldete mich an der Rezeption und schenkte dem netten Herrn ein Moni lächeln. Schmunzelnd gab er mir zu verstehen, dass er verstanden hatte. Der Ermittler war angekommen. So ein Mist, ich wollte doch nicht erkannt werden. Aber er sah so süß aus, dass meine weibliche Seite gleich anfing zu flirten. Das hatte ich mir selbst vermasselt und nun musste ich das Beste aus dieser Situation machen.

Mein Zimmer war gemütlich und das große Bett winkte mir gönnerhaft zu, doch ich blieb standhaft. Immer wieder kontrollierte ich mein Aussehen, das alle Weiblichkeit verloren hatte. Fest geschnürt schmerzte 90 D unter einem strengen Verband, aber da musste ich durch. Hoffte aber, dass sie später ihre alten Formen wieder annehmen würden. Außer Unterwäsche, Strümpfe, Schlafanzügen und Toilettenartikel hatte ich nur ein Kleid mitgenommen. Das würde ich am Ende der mörderischen Vorstellung dringend brauchen. In einem separaten Koffer hatte ich eine kleine Kochplatte gesteckt, die ich nun auspackte und unter mein Bett schob. Neugierig spähte ich durch mein Fenster. Wer würde wohl zuerst eintreffen? Meine größte Sorge aber war, dass außer Erika niemand meiner Einladung gefolgt war. Die Aufregung zerrte an meinen Nerven und ich ging in die Empfangshalle, griff nach einer Zeitung und schielte angespannt über ihren Rand. Der Mann an der Rezeption bemühte sich, unbeteiligt zu gucken, aber immer wieder warf er einen vielsagenden Blick zu mir herüber.

Ich staunte nicht schlecht, als zur vereinbarten Zeit alle von mir eingeladenen Opfer eintrafen. Erika überraschte mich am meisten. Wo war der immerwährende Mittelscheitel? Wo war das leicht grau melierte Haar? Wer hatte ihr diesen wunderbaren Haarschnitt verpasst? Oh Gott, alles nur wegen Kentucky – Pictures. Pfarrer Spitzer hatte seinen besten Anzug an, Lehrer Mickermann steckte in einer grauen Kombination, Susi brachte einen Hauch von Reeperbahn mit und der Spanner stakste in einer knallengen Jeans durch das Foyer. Eigentlich war es eine Groteske, die Komisches, Extremes und Grausiges miteinander verband. Es war absurd, aber auch interessant.

Der heutige Tag sollte ihnen gehören, denn morgen würden sie zusammen ins Gras beißen und mir zu meinem verdienten Ruhm verhelfen.

Ich sah wie Erika nach ihrem Handy griff. Aufgeregt, mit einem Bein zappelnd, wartete sie darauf, dass abgenommen wurde. „Ach Moni, wo bist du denn?“, schnatterte sie sauer. „Man, ich bin da. Es ist bombastisch hier. Filmleute, wo du hinguckst. Sie haben schon ein paar Aufnahmen von mir gemacht. Ich sei geeignet für eine Rolle, hat der Regisseur gesagt. Wenn du das abhörst, sei bitte nicht neidisch. Melde dich mal bei mir. Tschüss.“

Ich holte tief Luft. So ein verlogenes Weibsbild. Filmleute, Regisseur, Aufnahmen. Mir blieb die Spucke weg. Aber ich regte mich schnell wieder ab. Es waren ihre letzten Stunden und die sollte sie genießen. Als man ihnen ihre Zimmer zuwies, setzte ich mich in den Speisesaal und bestellte mir eine warme Mahlzeit, die ich als Ermittler grinsend vorgesetzt bekam. „Auf Kosten des Hauses“, sagte ein netter Herr. Ich zuckte zusammen. Hatte ich nicht um Stillschweigen gebeten? Aber so waren die Menschen, Geheimnisse wurden erst zu Geheimnissen, wenn es jeder wusste.

Auf meinem Zimmer angekommen, verschloss ich die Tür. Riss die Perücke von meinem Kopf, rupfte Brauen und Bart ab, kratzte alles einmal durch und stieg unter die Dusche. Endlich konnte auch 90 D wieder atmen. Das Bett hielt, was es versprochen hatte und ich schlief wie ein Murmeltier. Ein mörderisches Murmeltier.

Die Sonne kitzelte mit ihren Strahlen an meiner Nasenspitze. Wohlig reckte und streckte ich meine Glieder. Ob alle noch schliefen? Oder saßen sie schon im Frühstücksraum? Egal, ich würde jetzt meine Hexenküche anschmeißen. Ich kniete gerade vor meinem Bett, als es klopfte. „Zimmerservice!“, quiekte eine Stimme aufgeregt. Mein Gott ja, das Frühstück. Ich hatte es extra nach oben bestellt, bevor ich gestern mein Zimmer aufsuchte. „Moment!“, rief ich mit tiefer Stimme. Schnell setzte ich meine Perücke auf, klebte meinen Bart und die Brauen an, öffnete die Tür einen Spalt und schob nur meinen Kopf dazwischen. „Stellen sie es ab“, sagte ich ernst. „Ich habe nichts an und hole es gleich rein.“ Das Mädchen guckte mich fragend an, stellte das Tablette aber brav ab. Nach zwei Minuten öffnete ich vorsichtig die Tür und zog mein Frühstück herein. Brötchen, Kaffee, Wurst, Käse, Marmelade. Lecker. So lecker, dass ich alles verputzte. Danach kniete ich mich noch einmal vor mein Bett und zog die Kochplatte hervor. Schleppte sie ins Badezimmer und steckte den Stecker ein. In einem mitgebrachten Töpfchen schüttete ich einhundert zerstoßene Viagra, gab Wasser dazu und kochte alles auf. Später füllte ich den eingekochten Sud in eine kleine Flasche. Dann putzte ich die schlechten Pilze. Die Pilze, die aussehen wie Speisepilze, aber keine sind. Sie verursachten Übelkeit, Schwindel, Herz – Kreislaufbeschwerden, Verwirrtheit, Atemnot und noch andere unangenehme Beschwerden. Mystizismus eben. Na ja, nicht mal eben. Ich hatte mich bei Google schlau gemacht. Außerdem gehörte es zu meinen Recherchen. In einer extra für diesen Zweck gekauften Pfanne würde ich sie schon bald zubereiten. Zufrieden betrachtete ich mein Fälschen Viagrasud, meine geputzten Pilze und ging in Gedanken meinen raffiniert ausgetüftelten Plan durch.

Der Spanner aus Zimmer 201 würde auf seinem Nachttisch einen Zettel finden, auf dem stand …

… begeben sie sich in Zimmer 204. Dort sitzt ein täuschend echter Roboter an einer Schreibmaschine. Betäuben sie den Roboter, in dem sie das Chloroform benutzen, das unter ihrem Bett bereit liegt. Er wird sofort alle Tätigkeiten einstellen. Wickeln sie ihn in eine Decke und schleppen sie ihn unbemerkt nach unten in den Wirtschaftsbereich. Dort setzen sie ihn den Kühlraum und verschwinden wieder.

Erika bekam eine kurze Nachricht. Setzen Sie sich an ihre Schreibmaschine und tippen sie wie eine Besessene. Versuchen Sie, nicht auf auffällige Geräusche zu reagieren. Machen sie wie gehabt weiter.

Der Spanner und der Priester würden an meinem Viagrasud verenden. Das stand so fest, wie das Amen in der Kirche. Susi würde ich von einem Ecstasy Lumumba überschnappen lassen. Sie war die Einzige, die diesen Horror überleben würde. Denn im Grunde war ich ihr damals dankbar, denn dieser Schleimschmarotzer an meiner Seite, nervte mich damals schon viel zu lange. Den Lumumba hatte ich schon fertig. Die riesige Tasse brachte ich nach unten und gab die Anweisung, ihn später in einer Mikrowelle heiß zu machen. Was gut kam, war der Schriftzug auf meiner überdimensionalen Tasse. Kentucky – Pictures.

Meine leckeren Pilze waren für Herrn Mickermann. Mit einem Taser würde ich den Kellner außer Gefecht setzten und die Pilze austauschen. Natürlich musste ich ihn zeitig abfangen und auch geschickt die fliegenden Pilze fangen. Viagrasud und Krimsekt mischen. Fertig. Spanner und Pfarrer würden sich freuen. Die anderen sollten ein kühles Blondes bekommen. Bis auf Susi, die würde nach ihrem leckeren Lumumba nicht mehr die Alte sein. Ich wusste, dass sie diesem Gesöff nicht widerstehen konnte. Heißa, das würde ein Spaß werden. Aber dachte so ein Mörder? Musste er wohl. Aber warum empfand ich nur Spaß und kein kaltes Grausen? Oder wenigstens ein Kribbeln in meinem Körper?

Gegen 16 Uhr verteilte ich meine Zettel. Ich hatte im Vorfeld den netten Herrn von der Rezeption gebeten, mir die Ersatzschlüssel auszuhändigen, da es für die Kandidaten Überraschungen hageln sollte. Vertrauensvoll übergab er sie mir.

Wie eine Diebin schlich ich durch die Gänge und horchte an den Türen. Nichts außer Stille. Türen auf, Zettel rein. Türen zu … Puh. Die Zeit wurde knapp, denn ich musste die Pilze noch zubereiten. Meine ersten Morde würden beim Abendbrot geschehen.

Um 17 Uhr 45 stand ich mit einer Schale Pilze in der dunkelsten Ecke eines Flures, der in den Küchenbereich führte. Den Taser zwischen den Zähnen, da ich Kamel nicht wusste, wo ich den Sekt abstellen sollte. Mein Herz klopfte und der Schweiß lief mir in Strömen den Rücken herunter. Mein erster Mord, wie aufregend das war. Ich überlegte und kam zu der Lösung, dass ich den Sekt loswerden musste. Er behinderte mich bei meinem Vorhaben. Also stellte ich die Pilze kurz auf eine staubige Ablage und steuerte auf die Bar zu. Klebte einen dieser nicht klebenden Zettel an die Flasche und stellte sie hinter den Tresen. Da kein Ober zu sehen war, kam ich unerkannt davon.
 

Bitte den beiden Herren Sowieso, zum Essen reichen. Der Ermittler. Das hatte ich auf den Zettel geschrieben und schlich wieder zu meinen Pilzen. Ich versteckte mich dabei hinter jeder Säule. Bevor ich sie wechselte, schaute ich nach, ob die Luft auch rein war. Geschafft. Aber wo waren meine Pilze? Ich bekam einen gehörigen Schreck und mein Herz raste wie ein Propeller. Verdammte Scheiße, was hatte ich getan? Die Küchentür öffnete sich und zwei Kellner huschten an mir vorbei. „Die Essen an Tisch Vier!“, rief der Koch ihnen nach.

Ein köstlicher Duft zog mir in die Nase. Unter anderem auch der von gut zubereiteten Pilzen. Lecker, lecker. Dann fiel der Groschen. Tisch Vier. Mein Gott, den hatte ich bestellt. „Wenn du Speisen noch einmal auf dem Flur abstellst, dann kannst du was erleben,“ schimpfte der Koch. Als ich diesen Satz hörte, drückte ich unbewusst auf meinen Taser und traf einen vorbeieilenden Kellner. Ein kurzer Aufschrei, dann kippte er um. Dabei sah er mich mit großen, unschuldigen Augen an und flüsterte: „Warum?“ Unglücklicher Weise landete er direkt vor der Küchentür und versperrte so den Eingang.

Ich sprintete aus meinem Versteck, lief zu Tisch Vier und dann nahmen die Dinge ihren Lauf. Wie in Zeitlupe verfolgte ich das Geschehen.

An Tisch Vier saßen mir völlig unbekannte Gäste und speisten. Meine Opfer saßen an Tisch Fünf, da Tisch Vier nur mit vier Stühlen bestückt war und Tisch Fünf mit fünf Stühlen. Sie hatten meinen Opfern einen anderen Tisch zugewiesen. So ein Mist. Ich sah einen Kellner, der fünf Gläser, gefüllt mit Krimsekt, an Tisch Fünf trug. Gott sei Dank. Hörte einen anderen Ober, der rief: „Warum stehen hier Pilze!? Wer hat die gebracht!?“ Sah einen jungen Kellner heraneilen, der Susi lächelnd ihren Drogen Lumumba servierte und bekam ein komisches Gefühl. Was würde jetzt mit meinen Pilzen passieren? Dass ich die auch einfach hatte stehen lassen. „Schon zu kalt, ab in den Abfall“, sagte der Oberkellner und winkte einen Lehrling heran, der sich die Pilze schnappte. „Abfall?“, fragte der unsicher. „Müll“, bekam er zur Antwort. Und hätte der Schnösel nicht wilden Augen Sex mit Susi getrieben, in dem er einfach weiter gegangen wäre, wäre vieles nicht passiert. Ein bisschen zwar schon, aber eben nicht alles.

Nachdem meine fünf Opfer gut gelaunt angestoßen hatten, leerten sie ihre Gläser. Nur Susi nahm kleine Schlucke, da ihr der Lumumba zu heiß war. Aber dafür mehrere hintereinander.

Der Pfarrer sprang als Erster auf. Sein Anzug spannte und er hatte blutunterlaufene, gläserne Augen. Gierig leckte er sich die Lippen und auch die anderen kamen in Fahrt. Nur Susi bekam einen bescheuerten Gesichtsausdruck. Sie stierte mich an und zeigte mit dem Finger auf mich. „Meeehhr, meeehhr“, lallte sie. Diese Ziege. Und dann das, vier meiner Opfer fielen über die anwesenden Gäste her und benahmen sich wie wilde Tiere. Susi lachte ununterbrochen und die Kellner naschten vor Entsetzen von meinen Pilzen, die der Lehrling immer noch in seinen Händen hielt. Nach geschlagenen fünf Minuten krümmten sich ihre Körper und der aufkommende Schwindel ließ sie orientierungslos umherirren. Sie atmeten wie austrocknende Fische und redeten wirres Zeug. Mittlerweile befand sich der gesamte Speisesaal im Ausnahmezustand. Alle anwesenden Gäste, einschließlich meiner, lebten ihre wildesten Fantasien hemmungslos aus. Mir blieb nur noch eins. Die Flucht.

Keuchend rannte ich die Treppen hoch. Schloss mich in mein Zimmer ein und befreite mich von meiner Verkleidung. Zog mein Kleid über, packte meine Klamotten und verschwand durch den Hinterausgang des Hotels.

Ich habe diesen Krimi nie geschrieben, denn mir wurde klar, dass mir das nötige Talent fehlte. Morden war nicht so mein Ding.
Die beste Krimiautorin schreibt neuerdings heiße, frivole Bücher. Der Pfarrer arbeitet als Türsteher in einem Bordell. Mein ehemaliger Lehrer heiratete eine Domina und der Spanner spielt in Sexfilmen das Plüschsofa. Susi hat eine Lumumba Bar eröffnet, aus der man zu später Stunde immer nur eines hört. „Meeehhr, Meeehhr, Meeehhr!“

Alle haben meinen fehlgeschlagenen Anschlag überlebt. Dem Personal wurden die Mägen ausgepumpt, meine Nichtopfer wurden psychologisch betreut und meine lebenden Toten, legten einen Zwischenstopp in einem Sanatorium ein.

Tja, so war das damals. Ich habe das Schreiben ganz aufgegeben und arbeite jetzt bei der Kripo, als verdeckte Ermittlerin. Der Job macht mir Spaß, denn ich bin eine Meisterin der Verkleidung.

Mein Gewissen wog schwer damals und ich stellte mich freiwillig der Polizei. Aber das Glück war auf meiner Seite, denn ich geriet an einen Kommissar, dem meine Vorgehensweise so fasziniert hatte, dass er mir ein Angebot unterbreitete. Ich brauchte es nur annehmen und wanderte nicht ins Gefängnis. Wer hätte da schon ‚Nein‘ gesagt? Und so trat ich am anderen Tag, meinen Dienst als verdeckte Ermittlerin an. Schnell war ich bekannt als Meisterin der Verkleidung und deckte manch heiklen Fall auf.

Es kam aber noch viel dicker, denn unsere Abteilung bekam den Auftrag, sich der unheimlichen Fälle anzunehmen, die sich in letzter Zeit häuften. Ich bettelte meinen Vorgesetzten an, mir diese Aufgabe zu übertragen. Es wurde ein harter Kampf, aber ich gewann ihn. Als ich mich vor ihm auf die Knie warf und sein Bein mit meinen Armen umschlang, hatte ich gewonnen. Aber er stellte mir den Matratzenhorcher an die Seite, als Hilfe und zum Schutz. Ich hatte nichts dagegen, denn er lauschte aus Matratzen, alle jemals gedachten Gedanken. Das konnte ich nicht.

Unser Auftrag war es, den Faltenkiller dingfest zu machen. Er schlich sich in die Häuser wohlhabender Frauen, die zu ihrem Alter und den dazugehörigen Falten standen, spritzte ihnen im Schlaf Botox und verschwand auf mysteriöse Weise wieder. Uns allen war klar, dass wir es mit einem unheimlichen Fall zu tun hatten, denn nie war eine Tür aufgebrochen, ein Fenster eingeschlagen oder ähnliches. Also musste er über eine Zwischenwelt direkt zu seinen Opfern gelangt sein, und da wollten wir ansetzen. Wir besuchten jedes Botox Opfer und befragten es. Natürlich ließen wir uns nichts anmerken, als wir in ihre faltenfreien Gesichter blickten. Aber ich musste mich zusammenreißen, denn ihre Augenbrauen waren nah am Haaransatz und ihre Lippen dick wie Sitzringe. Mein Gott, was hatte er ihnen angetan. Wir untersuchten jedes Zimmer, in der Hoffnung einen wichtigen Hinweis zu finden der uns weiterbrachte. Und bald hatten wir ihn.
 

Im Keller der Witwe Lanzenotter, entdeckten wir Geschwindigkeitsspuren. Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass der Botox Killer eine Weltensprungmaschine besaß. Was nun? Der Matratzenhorcher hatte eine geniale Idee. „Wir bauen uns auch eine“, schlug er vor. Ok, damit war ich einverstanden. Aber wie? Wir überlegten und überlegten, dann machte es klick. Gut gelaunt installierten wir eine Drehscheibe auf dem Kellerboden und montierten einen Highfidelity Motor an ihr. Sägten zwei Paar Ski hinten und vorne ab, schraubten sie auf die Drehscheibe und bestaunten unsere gerade erfundene Weltensprungmaschine. „Gib mir Fünf!“, rief ich verzückt und überglücklich. „Es kann losgehen.“

Wir stellten uns in die Halterungen unserer Ski. Der Matratzenhorcher drückte mit einem Skistock auf den Highfidelity Knopf und los ging es. Mir wurde übel und ich klammerte mich an ihn. Wir drehten uns immer schneller und erreichten schon bald eine wahnsinnige Geschwindigkeit. Ich schrie, er schrie, die Wände des Kellers lösten sich auf und wir drehten uns durch die Schwerelosigkeit, bestehend aus bunten Farben. Unsere Sinne waren berauscht, so herrlich war das, was wir sahen.

Ein gewaltiger Ruck schleuderte uns aus den Skihalterungen. Wo waren wir? Benommen richteten wir uns auf und begutachteten die neue Umgebung. Es war dunkel und roch muffig, also waren wir in einer Höhle. Dort wo Witwe Lanzenotter Haus stehen müsste, war nun eine Höhle. Interessant. Der Matratzenhorcher zündete seinen Meggi Leuchtstab an, der in schlichtes Silber gehalten war, und fasste nach meiner Hand. „Komm“, flüsterte er, „wir müssen den Ausgang finden.“ Bevor ich ihm folgte, verdeckte ich die Drehscheibe mit Geröll, welches massenhaft vorhanden war.

Die Höhle war groß und zahlreiche Abzweigungen erschwerten unsere Suche nach dem Ausgang. Ich verzweifelte, schlug mit meiner Faust gegen die Höhlenwand und schrie auf, als eine klebrige Masse mir ins Gesicht spritzte. „Igitt!“, rief ich. „Was ist das?“ Der Matratzenhorcher leuchtete die Stelle ab und antwortete: „Du hast eine Bergader getroffen. Wir sollten schleunigst von hier verschwinden.“

Endlich Licht. „Der Ausgang“, sagte ich dankbar, „wir haben ihn gefunden.“ Der Matratzenhorcher blies seinen Meggi Leuchtstab aus und gemeinsam betraten wir eine neue, uns unbekannte Welt, die sich nicht großartig von unserer unterschied. Aber eigentlich doch. Die Erde zu unseren Füßen war schwarz und das Gras kräuselte sich. Auch die Bäume sahen anders aus, denn ihre Stämme waren durchsichtig und die Blätter an den Ästen leuchteten rosa. Huch, meine Lieblingsfarbe, dachte ich. Ist das süß. Der Matratzenhorcher freute sich und sagte: „Durchsichtige Baumstämme, wie praktisch. Hier kann sich niemand verstecken.“ Ich suchte mit den Augen die weitere Umgebung ab und entdeckte eine kleine Holzhütte. „Information“, las ich laut und wir steuerten darauf zu. Eine Frau, die hinter einer Glasscheibe saß, winkte und öffnete die Tür. Ich betrachtete sie von oben bis unten. Sie war ungefähr zweiundvierzig Jahre alt, hatte einen roten, stoppeligen Haarschnitt und wog an die 20 Kilo. „Seid ihr Weltenspringer?“, fragte sie neugierig.

„Ja, genau so ist es“, antwortete der Matratzenhorcher. „Wo sind wir hier?“ Die Frau, die Lavinia Debora hieß, zwinkerte ihm zu. „Hast du verpasst in deine magische Weltenkarte zu gucken? Ihr seid auf, Unbegrenzte Möglichkeit. „Hm?“, machte ich nur und schluckte das was ich sagen wollte herunter. Lavinia bot einen Looser an, der uns durch 'Unbegrenzte Möglichkeit' führen würde. Im Gegenzug sollten wir ihrem Mann eine Nachricht übermitteln. Wir willigten ein und sie schrieb ein paar Zeilen auf ein Stück Papier. Dieses schob sie mir zu und ich steckte es in meinen BH, dem sichersten Ort an mir. Der Looser nach dem sie rief, war groß und schlank, aber er sah supernett aus. Lange blonde Haare umrahmten sein liebliches Gesicht wie einen Schleier. Seine frisch polierten Fingernägel glänzten und die Zähne funkelten wie weiße Perlen. „Den nehmen wir“, sagte ich entschlossen.

Wir waren schon eine geraume Weile unterwegs, als wir neunschwänzige Pferde sahen, die auf einer Kräuselwiese auf und ab galoppierten. Matratzenhorcher und ich staunten Bauklötze. „Das sind Schwansebammels“, erklärte der Looser. „Die letzten ihrer Art und sie stehen unter Naturschutz.“ Ich nickte nur, denn die Bezeichnung kam mir sehr bekannt vor. So ganz nebenbei zog ich den Zettel aus meinen BH und las Lavinias Nachricht - Habe Hunger, löse mich ab -. Ich grinste, denn Hunger hatte ich auch. Über mir hörte ich einen Vogel kreischen und laute, gellende Schreie. Der Looser schüttelte sein langes Haar. „Das ist die Piepmatz Airlines“, sagte er nebenbei. „Die billigen Plätze sind auf den Schwingen, deshalb das Geschrei. Wo wollt ihr eigentlich hin?“ Der Matratzenhorcher schaute mich hilfesuchend an. „Ach, weißt du“, antwortete ich. „Eigentlich wollte ich mich ein wenig verjüngen lassen. Ich habe gehört, dass das hier viel billiger ist als anderswo. Aber ich habe den Namen desjenigen vergessen, der da weiterhelfen könnte.“

Das Gesicht des Loosers erhellte sich. „Ach, du meinst bestimmt den Botox Ripper. Da kann ich euch hinführen. Ist aber ein bisschen kompliziert.“ Ich strahlte ihn an. „Was tut Frau nicht alles, wenn es um Schönheit geht“, säuselte ich und schmiegte mich an ihn.

Der weitere Weg wurde kompliziert, denn wir verließen die zauberhafte Landschaft und betraten steinigen Boden. „Gleich kommen wir an das Salz und Pfeffergebirge“, sagte Looser ernst. „Wir sollten uns bewaffnen, denn ein Finanzwesen treibt dort sein Unwesen.“ Er grub drei Haudegen aus und reichte zwei an uns weiter. „Immer auf die Birne, wenn es auftaucht“, riet er uns. „Da tut es am meisten weh. Und keine Angst vor den Rollmöpsen, sie bellen nur, beißen aber nicht.“ Der Matratzenhorcher verdrehte die Augenbrauen. „Warum Rollmöpse?“, fragte er neugierig. „Rollen sie?“ Der Looser legte seinen Arm um ihn. „Sicher tun sie das. Sie rollen die Hänge rauf und runter. Immer fröhlich, immer munter.“

Als wir das Salz und Pfeffergebirge endlich erreicht hatten, überkam mich große Angst, denn sie ragten bedrohlich in den Himmel. Der Wind blies uns Pfeffer in die Augen und das Salz auf unsere Zunge brannte wie Feuer. Gegen das Salz konnte der Looser nichts tun, aber er erlegte drei Brillenschlangen, die wir erleichtert aufsetzten. So konnten wir unseren beschwerlichen Weg weiter fortsetzen. Ab und zu hörte ich einen Rollmops kläffen oder die Schreie der Passagiere, die mit Piepmatz Airlines über uns hinweg flogen. Sonst war Ruhe. Aber nicht lange, denn ein langer gellender Schrei, dessen Echo sich noch gruseliger anhörte, erschreckte uns fast zu Tode. „Das Finanzwesen“, flüsterte der Looser. „Es ist verzweifelt und wartet nur darauf uns zu verschlingen. Lauft so schnell ihr könnt.“ Wir nahmen unsere Beine in die Hand und rollten gefährlich nah an einen Abhang heran. „Stopp!“, rief Looser. „Hier geht es nicht weiter, wir müssen den Durchhänger nehmen. Folgt mir.“ Achselzuckend schaute der Matratzenhorcher mich an. Ich nickte ihm zu und wir folgten dem blonden Schönling.
 

Der Durchhänger entpuppte sich als Hängebrücke, die über einen wahnsinnig tiefen Abgrund schaukelte und die einzige Verbindung zur sicheren Seite war. Leider hatte sie keinerlei Seile, an denen man sich festhalten konnte. Ich spielte die Mutige und ließ den Männern den Vortritt. Furchtlos überquerten sie den Durchhänger, ohne ein einziges Mal zu straucheln. Man war ich neidisch, aber das nützte mir nun nichts. Also legte ich mich auf den Bauch, schob mich auf den Durchhänger und robbte weinend und keuchend hinter ihnen her. Nach drei Stunden hatte ich es geschafft.

Hier war es viel kälter als drüben und ich setzte mein Sahnehäubchen auf, welches ich vorsichtshalber eingesteckt hatte. Auch der Matratzenhorcher zog seinen Zuckerhut hervor. „Es ist nicht mehr weit“, tröstete uns der Looser. „Dort hinten, hinter dem Wald, da wohnt der Botox Ripper.“ Ich atmete erleichtert aus. Endlich konnten wir dieses Scheusal dingfest machen und auch der Matratzenhorcher schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Wir zapften unsere letzten Kraftreserven an und folgten dem Looser keuchend.

Endlich geschafft. Vor uns lag ein kleines Dorf. Süße kleine Häuschen säumten die schmalen Straßen und ein schnuckeliges Wirtshaus erinnerte uns daran, dass wir einen Bärenhunger hatten. Auf irgendeinem Mist krähte ein Knurrhahn, Stinkfische schwammen in einem kleinen Teich und ein Rammbock sorgte für Zickenkrieg. Ach, war das schön. Wir bestellten uns ein großes Frühstück und eine lose Dame servierte uns bombastische, leckere Sachen. Am schärfsten waren die Eier. Sie waren riesig und steckten in übergroßen Eipotts.

Mit einem wahren Heißhunger verzehrten wir alles, sogar die Eierschalen. Looser bezahlte und wir machten uns wieder auf den Weg. Komisch, es begegneten uns nur zeitlos schöne Menschen. Matratzenhorcher und auch ich, kamen uns alt und hässlich vor.

Das Haus des Botox Ripper war groß und protzig. Weißkittel hockten in den Bäumen und kreischten laut, als wir das Grundstück betreten wollten. Looser wurde blass, Schweiß trat auf seine Stirn und er zitterte am ganzen Körper. Ich bekam Mitleid und drückte ihm Lavinias Zettel in die Hand. „Bring ihrem Mann die Nachricht“, sagte ich und wuselte durch sein langes Haar. „Den Rest schaffen wir allein. Die paar Piekser die ich jetzt bekomme, sind ein Klacks. Aber danke für deine Hilfe.“ Der Looser nahm mich in den Arm und drückte mich an sich. „Ich kann keine Spritzen sehen“, flüsterte er mir zu. „Man sieht sich.“ Und weg war er.

Matratzenhorcher hatte unterdessen schon die Lage gepeilt und einen Hintereingang gefunden, der versteckt hinter einer Zypresse lag. Wir schlichen uns unbeobachtet bis zum Eingang und öffneten die Tür. Sterile Luft schlug uns entgegen, als wir eintraten. Auf Zehenspitzen schlichen wir durch die Gänge und suchten nach dem Botox Ripper. Als wir ihn nicht fanden, schlichen wir die Stufen hoch und suchten nach seinem Schlafzimmer. Dabei kamen wir an einer Tür vorbei, an der ein Schild hing „Vorsicht, Botox Brummer“. Neugierig öffnete ich sie und wich entsetzt zurück. Ein überdimensionaler, dicker Brummer, lag mitten im Raum und produzierte Literweise gelbes Zeug. Botox im Rohzustand. Der Matratzenhorcher fand eine überdimensionale Fliegenklatsche, brachte es aber nicht übers Herz sie zu benutzen. Ich auch nicht, denn der Brummer schaute mich mit traurigen Augen, gequält an.

Zwei Türen weiter fanden wir das Schlafzimmer. Außer einem riesigen Bett, fanden wir nichts vor. Der Matratzenhorcher legte sich quer übers Bett und presste sein Ohr auf die Matratze. „Ach was“, murmelte er. „Ach, ne. Das ist ja... Was soll das? So ein Schuft.“ Endlich war er fertig und krabbelte mit einem sauren Gesicht aus den Federn. „Er benutzt die Weltensprungmaschine, damit er seine Botox Kreationen, zuerst an unseren Frauen testen kann“, flüsterte er heiser. „Das wird er so lange wiederholen, bis er das perfekte Botox hergestellt hat. Ohne Nebenwirkungen natürlich. Er will die künstliche Starre, die sich nach den Anwendungen bildet, besiegen.“ Ich lächelte und antwortete: „Na, das ist ja nicht so schlimm. Hat doch was Gutes.“ Der Matratzenhorcher schüttelte sich. „Nein, hat es nicht. Was nützt es den Frauen, wenn sie weiterhin mit einem Putenhals herumlaufen. Oder mit faltigen Oberarmen. Willst du nur von schönen Menschen umgeben sein?“ Da hatte er Recht. Wenn alle um uns herum nur noch schön und jung waren, was würde dann kommen? Mir war klar, dass musste sofort beendet werden. Außerdem würde ich mir nie Botox spritzen lassen und wenn wir ihn nicht stoppten, bald die Hässlichste unter all den Schönen sein. Nur das nicht.

Wir fanden den Botox Ripper in einem geheimen Labor, tief unter der Erde. Wie Raubkatzen schlichen wir an ihn heran und überwältigten den Schuft. Matratzenhorcher zückte seine, Binsofortheiß Klebepistole und klebte ihn gnadenlos zusammen. Jetzt hatte ich endlich Zeit ihn zu betrachten. Mir stockte der Atem und ich lachte laut. „Du bist Rumpelheinzchen!“, rief ich und schlug mir auf die Schenkel. „Du wolltest das Rind des Bauern seiner Frau haben, wenn sie deinen Namen nicht errät. Und als du aufgeflogen bist, hast du dich aus dem Staub gemacht. Sieh mal an, zwei Fliegen mit einer Klatsche.“ Rumpelheinzchen senkte beschämt den Kopf, sagte aber nichts, ohne seinen Anwalt.

Der Matratzenhorcher schmiss sich das meckernde Rumpelheinzchen über die Schulter und wir verließen das Haus. Die Weißkittel zeterten wütend, aber das störte uns nicht mehr. Mutig buchten wir einen Flug bei dem Piepmatz Airlines und sprangen über der Höhle ab, in dem unsere Weltensprungmaschine versteckt war. Rumpelheinzchen schmissen wir zuerst ab, damit wir weicher landeten. Dann ging es ab nach Hause.
 

Alle waren so stolz auf uns und steckten dankbar einen Orden an unsere Kleidung. Ich bin jetzt nicht nur Meisterin der Verkleidung, sondern die Obermeisterin. Der Matratzenhorcher ist jetzt Obermatratzenhorcher und Rumpelheinzchen sitzt in einem Hochsicherheitstrakt. Man hat ihm die abgelegten Requisiten von Hannibal Lecter aufs Auge gedrückt. Ab und zu besuche ich ihn mal. Dann rufe ich immer wieder seinen Namen und weide mich an seiner Wut. „Rumpelheinzchen, Rumpelheinzchen, Rumpelheinzchen!“

Und ihr, ihr habt jetzt die schlechteste Geschichte gelesen, die ich je geschrieben habe. Aber das liegt eben an der derzeitigen Lage.

 

 

©Monika Litschko

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Monika Litschko).
Der Beitrag wurde von Monika Litschko auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  • Autorensteckbrief
  • Millozartgmx.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Monika Litschko als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Mittagsläuten von Maike Opaska



Weil ich das Verschwenderische des Lebens begriffen habe, die Extreme erkannte und über den Weg von einem zum anderen nachzudenken anfing, weil ich verstand wie elend es ist, wußte ich auch, wie schön es ist und weil ich erkannte, wie ernst es auch ist wußte ich auch wie fröhlich es ist.

Und weil ich begriff wie lang und wie kurz der Weg zwischen beiden ist, nahm ich ihn auch wahr und so ist mir heute jeder Schritt es wert eingehalten zu werden, weil hinter jedem Ereignis sich ein anderes verbirgt und sichtbar wird.

Und deshalb schrieb ich diesen Gedichtband.

Wen Du auf deinem Weg bist, dann kann dir dieses Buch ein treuer Begleiter sein!

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Satire" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Monika Litschko

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Kamera - Das vierte Medaillon Teil 6 von Monika Litschko (Unheimliche Geschichten)
Förderverein der Profiteure (FDP) von Norbert Wittke (Satire)
ES GIBT DOCH NICHTS, WAS ES NICHT GIBT von Christine Wolny (Autobiografisches)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen