Björn Seiler

Rechteck aus der Hölle

Seit kurzem nimmt meine zweijährige Tochter ihr quietscht-buntes
ABC-Kinderhandy, hält es lächelnd vom Gesicht weg und versucht
Selfies zu machen.

Ich bin ein miserables Vorbild, vielleicht sind wir das alle auf die eine
oder andere Weise.

Eine alte Bekannte sagte mal zu dem Thema
Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit. So ist das halt.“

Was für eine fürchterliche Weisheit oder besser gesagt Dummheit.
Ich persönlich sehne mich nach Entschleunigung und ich hasse mich
regelmäßig selbst dafür, dass ich diesen Zeitfresser ständig in der Hand halte,
anstatt was Sinnvolles zu tun. Aber noch habe ich die Kontrolle über mein Leben.

Wenn heute jemand auf der Arbeit merkt, dass er sein Handy zu Hause auf den
Esstisch hat liegen lassen, dann bricht blanke Panik aus. Welten brechen zusammen
und der Sinn des Lebens wurde schachmatt gesetzt. Herz und Hirn liegen zu Hause auf dem
Esstisch und du sitzt wie eine leere Hülle in deinem Bürostuhl und kannst nur erahnen, was deine
1200 Facebook-Freunde heute zum Frühstück hatten.

Vielleicht solltest du deinem Leben jetzt ein Ende setzten und aus dem Bürofenster springen,
denn du hast noch 8 Stunden Arbeit, eine anderthalbstündige Zugfahrt und einen 15minütigen
Fußmarsch vor dir und keinen Internetanschluss auf deinem Arbeitsrechner, was schon eine Frechheit ist.
Du verwirfst die suizidalen Gedanken, gehst zum Büro des Chefs und sagst ihm, dass du dir gerade die
Seele aus dem Leib geschissen hättest.
Dein Chef wird sagen „Ab nach Hause und gute Besserung.“

Du sitzt schweißgebadet im Zug und weißt nicht was du mit deiner Handyhand anfangen sollst. Sie
liegt funktionslos auf deinem rechten Oberschenkel und verursacht einen Schweißfleck auf deiner
Skinny-Jeans.

Ein schöner Tag heute nicht war“, sagt die nette alte Dame zu deiner Linken.
Du hörst sie gar nicht, der innere Kampf ist übermächtig und übermannt all deine Sinne.

Was für eine Tragödie dieser Flugzeugabsturz in Taiwan. 215 Tote, um Himmels Willen,“ redet die Alte weiter.

215…..215 Neue Nachrichten
215….215 mehr Likes auf meinen letzten Post
215….215 Kilometer zwischen mir und dem Esstisch.

Zu Hause angekommen kickst du die Katze beiseite, hechtest ins Esszimmer, krallst dir das schwarze Rechteck
mit Glitzerhülle und atmest einmal tief durch. Das Display springt an, beleuchtet dein Gesicht und
bringt die Schweißperlen auf deine Stirn zum funkeln.

Das Martyrium hat ein Ende.Henry hatte zum Frühstück Haferflocken und Mira ein Omelett, vier andere Cornflakes und Malte macht
Intervallfasten.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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