Peter Biastoch

Das wenn / dann - Syndrom

Überlegungen eines Zeugen Jehovas, an einen seiner Brieffreunde.

 

Lieber W…. !

 

Auch Dir wieder ein herzliches „Danke“, für Deine Zeilen, vom 28.02. im Corona-Jahr 2. Was hältst Du davon, eine neue Zeitrechnung zu beginnen? Ist die Pandemie ein so einschneidendes Ereignis, dass man die Zeitrechnung von jetzt an neu beginnt? Wir zählen bisher die Jahre, als vor oder nach Christi. Wobei die eigentliche Geburt des Messias im Jahr 2 vor unserer Zeit stattgefunden hat.

Du schreibst hier, dass ich wieder tolle Fotos gemacht habe, weil ich genug Zeit dazu habe und Du jeden Tag arbeiten musst. Dann kommt auch bei Dir die Aussage, die ich schon oft gehört habe: „Wenn ich mal Rentner bin, dann…“

Erst einmal meinen herzlichen Dank für Dein Lob meiner Fotos! Allerdings sehe ich in Deiner Begründung eine Parallele zu dem unten stehenden Spruch. Meiner Meinung nach schieben wir mit diesem: „Wenn, dann…“ nur unser Leben vor uns her. Immer wieder finden wir Gründe, weshalb wir dieses oder jenes jetzt nicht machen. Dann sagen wir, aber irgendwann pack ich das an.

Aber, was ist, wenn es dann auch nicht geht? Wenn andere Umstände eingetreten sind, die uns daran hindern? Viele haben mir in letzter Zeit geschrieben, dass sie sich betrogen fühlen – dass man ihnen die Zeit stiehlt. Es ist auch bei denen dieses „Wenn, dann…“- Syndrom! Zugegeben, wenn jemand schreibt, dass er jetzt nicht verreisen kann, weil es durch diese Corona-Geschichte einfach nicht geht, bedauert er das. Vor allem, wenn er inzwischen Rentner ist und eigentlich Geld und Zeit zur Genüge hätte!

Logischerweise fragt er sich dann, was passiert, wenn sich diese Einschränkungen noch ein Jahr, oder gar noch zwei, drei, vier Jahre hinziehen? Als Rentner ist man schließlich in einem Lebensalter, wo es ganz plötzlich vorbei sein kann, mit Reisen. Man wird unbeweglicher, man wird vielleicht schwer krank und vorbei ist es mit Reisen! Da stellt sich doch die Frage, ob man den Umständen hilflos ausgeliefert ist.

Eine chronische Krankheit, eine Scheidung, der Tod eines lieben Menschen — und schon ist nichts mehr so, wie es war. Womöglich wünscht man sich nur noch hinaus aus dem eigenen Leben. Kann man das Ruder wieder in die Hand nehmen?

Mir gibt die Bibel ein interessantes Beispiel an die Hand. Das Leben des Apostels Paulus. Im 1. Jahrhundert reiste der Apostel Paulus weite Strecken als einsatzfreudiger Missionar. Damit war es schlagartig vorbei, als er unschuldig verhaftet und für zwei Jahre zu Hausarrest unter strenger Bewachung verurteilt wurde. Statt zu verzweifeln, konzentrierte er sich auf das, was er noch tun konnte. Für jeden, der ihn besuchte, hatte er ein liebes Wort oder einen guten Rat aus den Schriften. In dieser Zeit schrieb er sogar einige der Briefe, die heute in der Bibel zu finden sind (Apostelgeschichte 28:30, 31).

Oder nehmen wir eine reale Person in unserer Zeit. Anja ist ans Haus gefesselt. Sie sagt: „Seitdem ich Krebs habe, ist alles anders geworden. Ich darf es mir absolut nicht erlauben, mich irgendwo anzustecken. Arbeiten oder Leute treffen ist deshalb im Moment so gut wie gar nicht möglich.“ Wie geht sie mit ihrer Situation um? „Ich habe mein Leben umstrukturiert. Dazu habe ich mir überlegt, was für mich wirklich wichtig ist. Außerdem weiß ich, wo meine Grenzen liegen, und dementsprechend habe ich dann meinen Rhythmus angepasst. Jetzt habe ich wieder das Gefühl, mein Leben ein Stück weit im Griff zu haben.“

„Ich habe gelernt, in jeder Lebenslage zufrieden zu sein“ (Zitat von Paulus, nach Philipper 4:11, Neue Genfer Übersetzung)

Fragen wir uns also, was man selbst machen kann. Dazu fand ich in unserer Literatur gute Hinweise. Hier ein paar Vorschläge, wenn man sich den Umständen hilflos ausgeliefert fühlt:

Sich auf das konzentrieren, was man tun kann. Zum Beispiel kann man nicht immer verhindern, dass man krank wird, aber für ausreichend Bewegung, gesunde Ernährung und genügend Ruhe kann man schon sorgen.

Sich darüber klar werden, was man aus seinem Leben machen will. Den Weg dahin in kleine Schritte aufteilen und wenn möglich jeden Tag ein bisschen Zeit investieren, um darauf hinzuarbeiten.

Etwas tun, was einem ein kleines Erfolgserlebnis beschert — auch wenn es noch so wenig ist. Vielleicht den Tisch abräumen und das Geschirr spülen. Sich schick anziehen. Die Dinge, die am wichtigsten sind, immer gleich morgens erledigen.

Der Situation Pluspunkte abgewinnen. Vielleicht lernt man ja gerade, wie man mit Problemen besser umgeht? Kann man anderen mit der eigenen Erfahrung weiterhelfen?

Unterm Strich: Die Umstände mag man nicht bestimmen können, aber man hat in der Hand, wie man darauf reagiert. Mir hat das im vergangenen Corona-Jahr sehr viel weitergeholfen! Besonders das Umdenken, von „das geht jetzt nicht“, zu „aber etwas anderes ist mir jetzt möglich“! All die Fotosafaris, die ich bisher in der näheren Umgebung meiner Wohnung unternommen habe, waren im vergangenen Jahr.

Meine Frau, fand letztens einen Kalenderspruch, der in etwa folgenden Inhalt hatte: Schreib jeden Abend etwas Positives, das du an diesem Tag erlebt hast auf einen Zettel. Stecke diese Zettel dann in ein Gefäß, das du anschließend wieder verschließt. Zum Jahresende liest du dann all diese Zettel und wirst erstaunt sein, wie schön dieses Jahr gewesen ist!

Auch wenn wir das im vergangenen Jahr nicht gemacht haben, können wir uns an viele schöne Erlebnisse erinnern. Vor allem haben wir in diesem Jahr sehr vieles gelernt. Wir sind fit in Beziehung auf Onlinekonferenzen. Wir haben uns inzwischen selbst einen Zoom-Konferenzraum angeschafft, in dem wir uns mit Freunden und Verwandten sehen und austauschen können. In Bezug auf meine Fotoleidenschaft, konnte ich mehrere Bücher ersteigern und mich damit weiterbilden! Und bei unserem Predigtdienst, haben wir alle neue Wege beschritten und uns weiter gebildet!

Mein Rat an Dich ist deshalb folgender: Warte nicht erst ab, wenn Du einmal Rente bekommst. Nutze die freien Zeiten, die Du jetzt schon hast. Nutze die Möglichkeiten, die sich Dir bieten! In der Zeit zwischen 2015 und 2020 waren durch die Pflege des Vaters meiner Frau auch unsere Möglichkeiten sehr stark eingeschränkt. Trotzdem ist es uns gelungen, uns frei Zeiten zu schaffen und diese für unsere Interessen zu nutzen. Rückblickend waren diese Jahre für mich viel mehr als nur Pflege und Telefondienst. Nie habe ich mehr geschrieben, mit Fotos versehen und veröffentlicht, als in dieser Zeit!

Damit kann ich Dich inzwischen auch wieder auf einen meiner letzten Ausflüge mitnehmen. Doch zuvor möchte ich mich jetzt wieder von Dir verabschieden. Ich sende Dir und Deinen Lieben die herzlichsten Grüße. Alles Gute und bleibt gesund!

Dein Brieffreund

 

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