Helga Moosmang-Felkel

Die Regenkatze Kapitel 14

Komm mit mir…, ich zeige dir meine Höhle…“, flüsterte der schwarze Korsar Blue ins Ohr und leckte sie zart und leise, „es ist nicht weit von hier…“ Er schnalzte leicht mit der Zunge und erhob sich. „Wir sind bald zurück… und Sugar ist ja bei dir in den allerbesten Händen…“, sagte der Korsar lächelnd zu Ebony und sie quetschten sich durch die Türe in die Winternacht.

 

Blue zuckte zusammen, als sie hinaustraten. Es war stockdunkel und ein Sturm hatte zu wüten begonnen. Der mit Schnee untermischte Regen peitschte in ihre Gesichter und durchnässte nach ein paar Metern ihr Fell. Trotzdem folgte Blue ohne zu zögern dem schwarzen Korsaren, der sie quer durch das Holundergehölz in ein Dickicht führte, in dem sie zwar geschützter waren, aber sich ständig in den Zweigen verfingen. Hinter dem Gehölz führte ein Pfad steil bergauf. Entmutigt sah Blue hinauf, bis eine unvermutete Dusche des vom Wind geschüttelten, triefenden Laubwerks sie zwang, den Kopf einzuziehen. Der Weg schien in der Dunkelheit abweisend und viel zu steil. Doch plötzlich war der Korsar neben ihr mit einem wilden Lachen und sagte: „Dort oben ist meine Höhle…, sie liegt sehr geschützt…, um sie zu finden, müsste man erst wissen, was man dort oben sucht…“ Er begann den abschüssigen, glitschigen Hang hinauf zu klettern. Mühsam, Meter für Meter folgte ihm Blue. Ihr Gesicht war vom Regen überronnen. Der Korsar führte sie höher und höher hinauf. Er erreichte die Höhe vor ihr und sah zu ihr hinunter. Sie kroch fast auf dem Bauch, richtete sich wieder auf, zog sich von einem Ast zum anderen und endlich stand sie neben ihm. Trotz der trüben, stürmischen Nacht war sie glücklich. Als sie endlich oben waren, lag ein weiterer Abhang vor ihnen, aber der Korsar wies nach unten. Ein kurzer Schlängelpfad führte zu einem Loch, einer Art Fuchsbau. Dicht hintereinander krochen sie über einen Blätterteppich in die unterirdische Höhle, die sehr windgeschützt und trocken tief in der Erde lag. Dem Unwetter entronnen, wartete der Korsar lächelnd, bis Blue sich ein wenig an die ungewohnte Umgebung gewöhnt hatte, dann kam er zu ihr hinüber und drückte sich herrisch an sie. „Endlich gehörst du mir allein…, ich habe bereits viel zu lange gewartet“, flüsterte er heiser und sein dunkler Blick traf sie bis ins Mark. Blue streckte sich lang aus und ließ den Kopf auf den Boden sinken. Sie schloss die Augen und keuchte und zitterte, ohne genau zu wissen warum. Der Korsar ließ sich von nichts im Geringsten stören und leckte sie weiter am Hals, hinter den Ohren und am Nacken. Prickelnd fuhr seine Zunge über sie, betäubte sie und ließ sie in angenehmen Gefühlen versinken. Sie fühlte seine starken Pfoten und seinen dichten Pelz und sah seine beredten, dunklen Augen. Blue fühlte sich wie in einem Traum, fast so, als wäre sie endlich in den roten Ahornwäldern angekommen. Mit tiefer Befriedigung hörte sie draußen das Prasseln des Regens und das Heulen des Windes. Selig und ängstlich zugleich lieferte sie sich der Zunge des Korsaren aus, die sie immer tiefer in einen strudelnden Traum hineinzuziehen schien.

Die Zeit verging wie im Flug. Manchmal glaubte Blue zu träumen, dann wieder war sie hellwach und betrachtete großäugig den höhlenartigen Raum mit der niedrigen Decke, durch den ein herber aromatischer Duft strömte, der an feuchte Wiesen und Wälder erinnerte. Diese kleine Höhle, dieses Lager aus Moos und Blättern, in der sich ihre Körper nun wohlig ausstrecken konnten, war der Zufluchtsort ihrer Liebe. Der Korsar beobachtete sie lächelnd aus den Augenwinkeln und seine große Ruhe griff auf sie über. Geduldig-gütig berührte er sie immer wieder und seine raue Zunge war unermüdlich. Blue hatte das Gefühl, dass sie ein altes Band gemeinsamer Erinnerungen verband, das sich ihrem bewussten Sein noch entzog, aber in der Tiefe wartete. Ahnungen streiften sie von anderen Orten, früheren Zeiten. Der Gedanke, vielleicht neun Katzenleben hindurch mit ihm verbunden gewesen zu sein, gefiel ihr irgendwie und sie bedauerte es, Sooty nicht mehr danach fragen zu können. Immer ergebener genoss sie die Zärtlichkeiten des Korsaren. Gemeinsam fielen sie in einen Rausch, der tief und lange wirkte. Die körperliche Anziehung zwischen ihnen war groß und der Korsar hatte geduldig in die Glut geblasen und auf den Moment gewartet, in dem Blue endlich ihm ganz gehören würde. Er wollte sie eng bei sich halten, so eng wie möglich mit ihm verbunden, denn er hatte schon einmal eine große Liebe verloren. Er umschlang Blue kraftvoll und seine kühle Schnauze streifte ihre Stirn, während er ununterbrochen zärtliche, dunkle Töne ausstieß. Gemeinsam tauchten sie tief in die Liebe ein und Blue konnte sich nicht erinnern, je zuvor etwas Ähnliches erlebt zu haben. Jede Erinnerung an ihr vorheriges Leben, an Said schien erloschen. Es schien keine Wege und Pfade mehr zu geben, die zurückführten zu dem, was einmal gewesen war. Sie waren alle vom Sturm verweht. Etwas Neues, Gewaltiges hatte begonnen, gegenüber dem alles Alte verblich. Einmal angefangen, konnte der Korsar nicht mehr von ihr ablassen. Nach jedem Zungenstrich gierte er noch mehr nach ihr als zuvor. Der Korsar erschien Blue heller und weicher als je zuvor und sie fragte sich wieder, wie sie ihm je hatte misstrauen können. Er hing an ihr, klebte an ihr. Als er von Blue abließ, waren all die demütigenden Verletzungen durch Omar und die Rassekatzen verheilt. Sie fühlte sich taumelig vor Wonne und Hunger. Als Blue vor Erschöpfung einschlief, schlüpfte der Korsar aus der nun stickig warmen Höhle, um Fressbares zu besorgen. Der Mond spielte auf seinem dunklen Fell, als er begann in der dunklen Erde zu wühlen.

 

Als sie am nächsten Tag spät erwachten, schneite es. Der Schnee fiel ohne Unterbrechung und die Welt draußen versank unter einer dicken, weißen Decke. Für Blue und den Korsaren gab es nur die Wirklichkeit ihrer Liebe und den lautlosen Schnee, sein träges, beständiges Fallen, das kein Windhauch störte. Schicht um Schicht bedeckte er die matschige Erde. Der Rausch zwischen ihnen dauerte an. Sie jagten sich im Schnee, kugelten übereinander und balgten sich. Dann beleckten sie sich wieder. Die Bewunderung Blues für die Stärke des Korsaren wuchs zu einem Hingerissensein und grenzenlosem Vertrauen. Der Sog, der von ihm ausging und ihren Leib zu ihm hinriss wurde von Stunde zu Stunde mächtiger und stärker. Der Korsar zeigte ihr eine weitere Höhle, die unter hohen Tannen lag, von der aus ein Gang tief ins Innere der Erde zu führen schien. Und der Schnee fiel immer weiter. Manchmal regte sich die alte Angst vor Ralf und Magnolia in ihr, hielt sich aber tief in einer hinteren Mulde ihres Körpers. Blue wollte jetzt nicht an die düsteren Geschehnisse in der Altstadt rühren, denn ihr Herz war voll von Liebe und hatte jede Schwere abgeschüttelt. Sie verbrachten viele wilde, ausgelassene Stunden und es gab Momente, da hätte sich Blue den großen schweren Kater am liebsten einverleibt, oder wäre in ihn hineingekrochen.

Nach dem ersten nächtlichen Jagdausflug des Korsaren, verließen sie die Höhle nur noch gemeinsam und jagten zusammen. Schnauze an Schnauze liefen sie bergauf und bergab, überquerten die Felder. In ihrem Liebesrausch taumelte Blue oft wie betäubt neben ihm, verlor aber nie die Spur, die sie aufgenommen hatten. Der Korsar wusste genau, an welche Pfade er sich zu halten hatte und konnte sich am Glanz der Sterne orientieren. Um bewohnte Gebiete machte er meist einen weiten Bogen. Manchmal glaubte Blue, sie könnte nicht länger mit ihm Schritt halten und der Faden ihrer Geduld wurde immer spröder und drohte zu reißen. Sie stieß ihn dann frech mit der Schulter, oder mit den Rippen, bis er sie lachend am Fell zupfte und sie sich einen Lidschlag lang an ihn anlehnte. Plötzlich hielt der Korsar an einem Bachbett an und steckte die Schnauze in die Luft und witterte. Dann gähnte er ausgiebig und miaute tief. Er wälzte sich im Schnee, sprang auf und schüttelte sich kurz und heftig. Er gab Blue, die langsam unruhig wurde, ein Zeichen und sie liefen den Hang hinauf. Der Korsar lag immer um einen Hals vor ihr. Plötzlich duckte er sich und schien zu erstarren, seine Schnurrhaare vibrierten. Er hatte die Witterung von einer Maus aufgenommen. Blues Erschöpfung verflog augenblicklich. Der Korsar schmiegte sich an die Erde und schlängelte sich stürmisch vorwärts, während Blue in seiner Spur lag und sich auch voranarbeitete. Ihr Hals schien verwachsen mit dem Ende seines buschigen schwarzen Schwanzes, den er hin- und her wand. Sie ahnte, dass er gleich losschnellen würde und hielt sich auch sprungbereit. Dennoch gelang es ihr nicht so wie ihm. Er hob ab und sie lag noch am Boden, als er der Maus den tödlichen Biss ins Genick verpasste. Die Maus kam nicht dazu, einen einzigen Laut auszustoßen. Gemeinsam kauten und zerrten sie an ihrer Beute und ihre lachenden, wilden Blicke tauchten ineinander. Gesättigt und ruhiger kehrten sie zurück in ihr Liebesnest. Von Tag zu Tag wurden sie übermütiger und sorgloser und achteten nicht mehr auf die Spuren, die sie im Schnee hinterließen. Sie fühlten sich unbesiegbar. Sie brausten über die Felder, oft bis nahe an die Friedhofsgrenze, schnellten umeinander herum, flogen durch die Luft und stürzten zurück in ihre Höhle. Blue verlor jedes Zeitgefühl und vergaß das Versprechen, das sie Sooty gegeben hatte. Sie tollten wie ein kleiner Orkan durch den Schnee, brachen durch die verzweigten Äste des Dickichts und fraßen sich voll, bis sie stöhnten und ächzten. Sie fielen in jähen Erschöpfungsschlaf und lagen dicht aneinandergeschmiegt, wurden ein Körper. Blues Augen sprühten vor Lebenslust und phosphoreszierten in der Dämmerung. Der Korsar liebte es, sie zu umschlingen, zu bändigen, zu entzücken und zu berauschen. Sie blieben sich unaufhörlich und intensiv nahe.

 

Als sie an einem strahlenden Schneemorgen den Hang hinunter sprangen und ihre Schwänze flogen, hatte Blue plötzlich das Gefühl, einen Blick aufzufangen. Sie verlangsamte ihr Tempo und spähte in das dichte Gebüsch. Einen kurzen Moment glaubte sie einen Schatten wahrzunehmen und spitze Ohren mit Pinseln, die unter einem Ast hervorlugten. Sie erstarrte, während der Korsar weiter den Hang hinunter flog. Einen Kurzen Moment tauchte ihr Blick in grasgrüne Augen und sie glaubte Leonora zu erkennen. Ein Sonnenstrahl tanzte über den Schnee und blendete sie sekundenlang. Sie stürzte sich in das Gebüsch, um sich Gewissheit zu verschaffen. Im gleichen Augenblick sah sie Leonora in die Ebene hinunterjagen und eine ungreifbare Angst schnürte ihr die Kehle zu.

Sie starrte auf die Pfotenspuren von Leonora und eine Ahnung streifte sie, dass die ungestörte Zeit ihrer Liebe sich ihrem Ende näherte. Sie verharrte immer noch wie gelähmt, als der schwarze Korsar zurückkehrte, um nachzusehen, warum sie zurück geblieben war. Er näherte sich ihr wie immer und streifte sie mit seiner Pfote. Doch diesmal entzog sie sich ihm mit einer abrupten Drehung. Der Korsar entdeckte die Spuren der Katzenpfoten und sagte: „Wer ist dir hier begegnet…, meine Blue…“ Blue fuhr herum und sagte zornig: „Deine geliebte Leonora…“ Das Blut begann heiß in ihr zu pulsieren. Plötzlich streifte sie der Verdacht, der Korsar könnte immer noch einen geheimen Kontakt zu Leonora unterhalten und Botschaften von ihr empfangen. Die ungelöste Vergangenheit ragte plötzlich in die Gegenwart ihrer Liebe hinein und verdüsterte sie. Blue musste wieder an die verdächtige Vertrautheit zwischen dem Korsar und Leonora denken, als sie die beiden damals belauscht hatte. Der Korsar seufzte: „Sie stellt mir immer noch nach…“ Blue zuckte abwehrend mit den Schultern. Sie wollte sich der lästigen und trüben Gedanken erwehren, doch es gelang ihr nicht. Sie dachte an all das Unbekannte, das der Korsar barg, an seine früheren Liebschaften und diese geheimnisvolle Tiffany. Plötzlich stieg ein brennender Schmerz in ihr auf und sie rannte einfach davon, um ihre quälende Unruhe loszuwerden. Sie erwog sogar, zu Ebonys Schuppen zu laufen, ohne sich noch einmal nach ihm umzudrehen. Alles Licht war durch Leonoras Auftauchen plötzlich erloschen. Sie rannte blindlings weiter und verhakte sich an einem dornigen Ast. „Wie ungeschickt ich bin…“, sagte sie wütend, während sie den Tränen nahe war. Der Korsar holte sie ein und Blue fühlte seinen forschenden Blick auf sich gerichtet, doch sie wich ihm aus. Eine blindwütige Panik befiel sie und sie kehrte ihm den Rücken zu. Doch sie fühlte seine Pfote auf seiner Schulter und hörte ihn mit Bestimmtheit sagen: „Noch einmal wirst du mir doch nicht einfach davonlaufen…“ Der Korsar belauerte jede ihrer Reaktionen, um zu verhindern, dass sie ihm entfloh. „Was verbindet dich mit ihr? Warum sucht sie immer wieder deine Gegenwart…, liebst du sie immer noch?“ platzte sie heraus. Er antwortete nicht sofort. „Das ist eine lange Geschichte…“, sagte er dann und ein harter Glanz trat in seine Augen. Er hob den Kopf und hielt Ausschau und Blue bemerkte, dass ihn etwas beunruhigte. Es war ein grauer Tag, die Kälte hatte nachgelassen und von den Bäumen tropfte das Tauwasser. „Sie hat unsere Höhle entdeckt…, wir müssen uns ein anderes Versteck suchen oder ganz aus der Gegend verschwinden…“, murmelte er besorgt. „Wir sind nicht mehr sicher…dort oben…“ Es begann leicht zu regnen, es war ein feiner Sprühregen. Hinter dem Regengrau und den Nebelfetzen lag Ebonys Schuppen. „Lass uns in den Schuppen zurückgehen,…ich möchte ohnehin wissen, wie es Sugar geht…“, flüsterte Blue ängstlich. Der Korsar schien nachzudenken. „Es kann sein, dass sie bald mit Ralf und seinen Anhängern zurückkehren wird,…im Schuppen würden wir Ebony und Sugar gefährden…“, sagte er ruhig. Plötzlich schienen alle Wege versperrt. „Ich würde mich Ralf stellen, aber nicht einer blindwütigen übermacht…und vor allem möchte ich dich nicht verlieren…“, sagte der Korsar und ein Schatten zog über sein Gesicht, das plötzlich sehr beunruhigend aussah. Sein Atem kam in heftigen Stößen. „Leonora wird mir nie verzeihen, dass ich sie verlassen habe…“, sagte er seufzend, „obwohl unser Verhältnis lange zurückliegt…“ „Du hattest so viele Katzen…“, rief Blue mit klagender Stimme. „Das ist doch nun alles vorbei…, jetzt wo ich dich habe…“, erwiderte er ernsthaft. Wieder stockte er, doch dann begann er zu erzählen: „Leonora lebte wie ich damals im Vorort der weißen Villen, wir waren beide jung und unerfahren…, sie war wild und verspielt…“. „Und sie hat Tupfen…“, fiel ihm Blue ins Wort, „ein getupftes Fell…“ „Und wenn schon…“, sagte der Korsar, „sie hat ein heimtückisches und zänkisches Wesen,…ich erwischte sie mehrmals, wie sie kleine Katzen quälte und habe mich zurückgezogen…, seitdem verfolgt sie mich abwechselnd mit Racheakten und Liebesschwüren…“ Blue versuchte, sich wieder in die Pfote zu bekommen, doch so leicht ließen sich ihre Zweifel nicht abschütteln. „Wer ist Tiffany…?“ fragte sie und verkrampfte sich im selben Moment völlig. Der Korsar schüttelte unwillig den Kopf: „Du hast uns damals in der Nähe des Schuppens belauscht…, ich habe es mir bereits damals gedacht…“ „Wer ist Tiffany…“, brüllte Blue und wich immer weiter von ihm zurück. „Tiffany ist verschwunden, ich habe sie lange gesucht,…nirgends habe ich eine Spur von ihr entdeckt…“, antwortete er ausweichend. Blue drehte sich um und raste den Abhang hinunter. Sie ertrug en Gedanken nicht, dass er Tiffany so geliebt hatte wie sie oder sogar mehr. Sie jagte blindwütig den Hang hinunter und hörte am Aufprall seiner Pfoten, dass er ihr folgte. Instinktiv schlug sie die Richtung zum Schuppen ein, der für sie immer noch Sooty und Sootys Kraft bedeutete. Der Korsar war schneller und stärker als sie und auf den letzten Metern überholte er sie und peitschte um sie herum mit seinem buschigen, schweren Schwanz. Sie spürte wieder seinen großen, festen und dicht behaarten Körper. „Ich werde von deiner Seite nicht mehr weggehen…, egal was du sagst…“, sagte der Korsar. Als er sie berührte, fühlte Blue wieder den leichten, beginnenden Rausch zwischen ihnen entstehen. Die Glut begann wieder aufzulodern. Doch gleichzeitig spürte sie auch den Schmerz und sie fragte noch einmal, diesmal leiser: „Wer ist Tiffany…?“ Der Korsar schob den mächtigen, runden Hals nach vorne und schien nachzudenken. Blue, die seine Mimik genau kannte, sah, dass er an die Andere dachte, die sie sich größer und ansehnlicher vorstellte, als sich selbst. Doch der Korsar schien kein Verlangen nach der Anderen zu empfinden, er sagte leise: „Ich möchte es nicht anders haben als jetzt…“

Er sah in die regnerisch-neblige Ebene hinunter und sagte: „Tiffany war meine erste große Liebe,…ich befürchte, dass Ralf und Leonora sie getötet oder zumindest vertrieben haben…“ Blue stieß ihn ungeduldig an: „Wie sah sie aus,…wo hast du sie verloren…?“ Sie spürte, dass er sich innerlich von ihr entfernte und zurücktauchte in die Vergangenheit. „Tiffany war eine sehr liebevolle Katze, sie zirpte und gurrte, wenn sie sich freute, und das tat sie fast immer. Ihr seidiges Fell hatte die Farbe von Zimt und ihre Augen waren goldfarben…“ Blue krümmte sich innerlich, seine Worte über Tiffany marterten sie. „Sehr apart…“, sagte sie böse und verdrehte die Augen. Sie war nahe davor, wieder davonzulaufen. „Ich bin ja bei dir, meine kleine Wilde…es ist so schön bei dir, dass ich mich mein ganzes Leben nicht mehr von der Stelle rühren werde…“, sagte er besänftigend. „Nein, du bist immer noch auf der Suche nach ihr, ich bin nur ein Ersatz…“, sagte sie und spürte eine große Leere in sich aufsteigen. „Ich liebe deine Kraft und Leidenschaft, Blue,…Tiffany hatte nichts davon, sie war gutgläubig, ja fast naiv…, du bist eine kleine Rebellin…“ Ein flüchtiges Beben überlief Blue und ihre Lider flatterten kurz. Einen kurzen Moment blitzten ihre kleinen weißen Zähne zwischen ihren Lippen auf, doch dann sagte sie in strengem Ton: „Weiter, ich will die ganze Geschichte hören…“ Er lachte und fuhr fort: „Nun, ich war unterwegs, auf der Jagd,…und als ich zurückkehrte in den Pfingstrosengarten, wo wir uns immer trafen, war sie verschwunden. Ich fand büschelweise ausgerissene Haare, aber keine Spur mehr von Tiffany…, ich verfolgte ihre Duftspur durch die Straßen, aber sie riss irgendwo hinter der Altstadt einfach ab, ich habe immer wieder diese Straße umkreist und die Umgebung…“ Blue starrte versonnen auf eine verwegene Drossel, die dreist ein paar Katzenlängen von ihnen entfernt herumhüpfte und eine Schnecke schnappte. „Warum glaubst du, dass Ralf damit zu tun hat oder Leonora?“ fragte sie schließlich, „vielleicht wurde sie von Katzenfängern verschleppt?“ Die Drossel klatschte die Schnecke gegen einen Stein, einmal, zweimal, dreimal. „Ich sah ihn kurz vor dem Überfall zum ersten Mal in dieser Gegend,…zusammen mit Leonora…“ antwortete der Korsar. „Meinst du, Ralf hat sie umgebracht…?“ fragte Blue beklommen. Der Korsar zögerte lange mit der Antwort. „Ich traue ihm das zu…“, sagte er dann gepresst…, „aber dann gibt es wieder Momente, wo ich zu fühlen glaube, dass Tiffany lebt…, ich möchte Ralf in meine Gewalt bringen und die Wahrheit aus ihm herausprügeln…“ Blue spitzte ihre Ohren, wieder erwachte die Angst in ihr, er könnte zu Tiffany zurückkehren. Mehrere Augenblicke herrschte eine seltsame Stille zwischen ihnen. Jeder hing seinen eigenen Befürchtungen nach. „Meinst du, Ralf hat auch die Katzen aus dem „Moulin Rouge“ ermordet?“ fragte Blue schließlich. „Ich denke, er hat damit zu tun…“, sagte der Korsar kurz, „und er wird bald für alles bezahlen…“

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Helga Moosmang-Felkel).
Der Beitrag wurde von Helga Moosmang-Felkel auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.05.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  • Autorensteckbrief
  • sharonmultimedica-software.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Helga Moosmang-Felkel als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Der Nomade im Speck von Thorsten Fiedler



Diese Real-Satire beschreibt das Aufeinandertreffen von Ironie und Mietnomaden. Statt Mitleid gibt es nur „Mietleid“ und die Protagonisten leben ohne wirkliche Mietzahlungsabsicht, kostenfrei in den schönsten Wohnungen, wie:“ der Nomade im Speck“.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Tiergeschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Helga Moosmang-Felkel

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Regenkatze Kapitel 2 von Helga Moosmang-Felkel (Tiergeschichten)
Gedanken nach einem Erlebnis von Margit Farwig (Tiergeschichten)
Muschi von Norbert Wittke (Freundschaft)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen