Ingrid Baumgart-Fütterer

Corona-Stress setzt uns Pflegekräften immer mehr zu

Tagebucheintrag einer fiktiven Pflegekraft

Ich müsste mich teilen können und jeder dieser Teile sollte zehn Hände besitzen. Dann könnte ich so flink arbeiten, wie es uns
Pflegekräften in Corona-Zeiten abverlangt wird. Ich befürchte in der Hektik meinen Pflichten nicht nachkommen zu können. Auch macht es mir zu schaffen, die Arbeit  vor dem Schichtwechsel nicht rechtzeitig erledigt zu haben und überlasteten Kollegen zusätzlich Arbeit aufzuhalsen. Weil ich zu viele Dinge in immer kürzeren Zeitabständen erledigen muss, lässt die Qualität meiner Arbeit zwangsläufig öfter zu wünschen übrig.
Die komplexen Kompetenzen, die ich im Laufe meiner Ausbildung, Fachweiterbildung und langjährigen Erfahrung in fachübergreifenden Praxiseinsätzen erworben habe, kann ich nicht in der Intensität zum Einsatz bringen, wie es dringend erforderlich und wünschenswert wäre. Die Zeit sitzt mir im Nacken. Ich haste von einer Tätigkeit zur nächsten, renne mir die Hacken ab, arbeite mit "fliegenden Fingern", während  in meinem Kopf die anstehenden Verrichtungen laufend priorisiert und gedanklich abgespult werden.
Weil ich an verschiedenen Fronten mehr oder weniger gleichzeitig arbeiten muss, wird bei dem Multitasking mein Tun oft unterbrochen. Dieses "Stückwerk" verzerrt den Blick auf die eigenen Leistungen. Da ich sie nur noch zerstückelt wahrnehme, kann ich sie für mich
nicht als Erfolg verbuchen. Tag für Tag verausgabe ich mich und sehe doch nur, was ich noch nicht erledigt habe. Mich beschleicht das Gefühl unzulänglich zu sein und die  mir anvertrauten Patienten zeitweise schmählich im Stich zu lassen. Zweifel an meinen beruflichen Fähigkeiten nagen am Selbstwertgefühl und zu allem Übel frage ich mich, wie kompetent ich wohl in den Augen meiner "vernachlässigten" Patienten dastehe.
Müde und erschöpft beiße ich die Zähne zusammen und knipse mein freundliches Lächeln an, um mir nicht anmerken zu lassen, dass mir die Arbeit allmählich über den Kopf wächst. Wer in unserer Leistungsgesellschaft nicht mithalten kann, hat von vornherein die schlechteren Karten. Um nicht als schwarzes Schaf abgestempelt zu werden, nehme ich Mehrbelastungen ohne großes Murren hin. Ich befürchte, irgendwann wegen gravierender Pflegefehler belangt zu werden, schlimmstenfalls dafür vor Gericht geradestehen zu müssen. Streng genommen kann ich der Verantwortung, die im Pflegealltag auf mir lastet, nicht gerecht werden. So bleibt nur zu hoffen, dass sich Befürchtungen nicht bewahrheiten, oder ich im Falle eines Falles mit einem blauen Auge davonkommen werde.

Manchmal werde ich unnötigerweise von Vorgesetzten, Kollegen, Patienten oder Angehörigen regelrecht angeblafft, heruntergeputzt, gemaßregelt.  Dann gerate ich oftmals ungewollt in Erklärungsnot. Wie soll ich mich verhalten, wenn zur gleichen Zeit überaus wichtige Pflegeverrichtungen anstehen und aus Zeitnot keiner meiner Kollegen mir zur Hand gehen kann? "Unsinnigerweise" neige ich dazu, mich für mein "Versagen" zu rechtfertigen. Schuldgefühle quälen mich, obwohl mich keinerlei Schuld trifft. Wir Pflegekräfte neigen dazu, freiwillig mehr Verantwortung zu übernehmen, als dem eigenen Gewissen zuträglich ist. Mit der selbst auferlegten Bürde gehen Versagensängste einher, die sich nicht ohne weiteres abschütteln lassen.

Ich wage es nicht, im Beisein der Vorgesetzten über derartige Ängste zu sprechen. Offenheit könnte mir als Schwäche ausgelegt werden. Vielleicht würde sie bei passender Gelegenheit sogar gegen mich verwendet werden. Wer sich Blößen gibt, macht sich verwundbar und läuft Gefahr, sich dem beißenden Gespött derjenigen auszusetzen, denen es bisher gelang mit ihrem Zynismus und ihrer sarkastischen Arroganz von eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken. Anstatt berechtigte Kritik an unhaltbaren Zuständen zu üben, beiße ich mir lieber auf die Zunge und schlucke meinen Ärger hinunter. Viele meiner Kollegen verhalten sich ähnlich.  So werden Probleme verdrängt und morgen kommt zu dem unverdauten Ärger der Vortage neuer hinzu, gärt vor sich hin und vergiftet das Betriebsklima. Eine Situation zum Kotzen! Man kann nicht immer nur alles wegstecken. Irgendwann bricht sich zur Unzeit die aufgestaute Wut Bahn und  ein "Unschuldiger" muss als Blitzableiter herhalten. 
Im Dauerstress sind Galgenhumor, Zynismus und Ironie an der Tagesordnung. Diese Art von Ventilfunktion verhindert, dass man gefühlsmäßig implodiert oder explodiert. Wir haben wie  Roboter auf Knopfdruck zu funktionieren. Mit Gefühlen jeglicher Art würden wir uns selbst im Weg stehen. Das trifft vor allem dann zu, wenn unterdrückte Gefühle nicht im Kontext vertrauensbildender Maßnahmen zur Sprache gebracht und  zumindest ansatzweise aufgearbeitet werden können.

"Sprachlosigkeit" ist die Folge!

Immer mehr Kollegen ziehen - so wie ich - die Flucht aus dem beruflichen Spannungsfeld in Erwägung. Sie tragen sich mit dem Gedanken, in andere Berufe abzuwandern. Viele haben kein Vertrauen in die Politik, deren Vertreter offensichtlich nur halbherzig sich der Problematik annehmen.
Um aufgestauten Gefühlen Luft zu verschaffen, vertraue ich mich mit meinen Nöten dem Tagebuch an. Ich hoffe, dass sich eines nicht allzu fernen Tages unsere berufliche Situation merklich verbessern wird, sodass ich mich nicht dazu gezwungen fühle, im unermüdlichen  Kampf ums berufliche Überleben die Waffen strecken zu müssen. Es wäre schade, denn der Pflegeberuf mit seinen komplexen fachlichen Herausforderungen vor allem im direkten Kontakt mit Patienten ist im Grunde genommen vielseitig, abwechslungsreich und lehrreich.  Aber solange trotz aller Anstrengungen nur das Allernötigste geschafft werden kann und berufliche Kompetenzen brachliegen, ist und bleibt die Situation zum Davonlaufen.

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