Anneliese Leding

Tanz am Meer

Tanz am Meer

Die Kellnerin hatte gerade unseren Tisch abgeräumt und wir bestellten noch zwei Cappuccini, als ich sie hereinkommen sah. Umringt von drei Frauen und drei Männern nahm sie an einem der Tische am Fenster Platz. Es war eine fröhliche Runde. Alle sieben Personen waren so mit sich beschäftigt, so dass sie nicht bemerkte, wie ich sie beobachtete. Ich konnte nicht den Blick von ihr lassen. Sie hatte sich verändert. Ein bisschen hatte sie zugenommen, was ihr ausgezeichnet stand. Ihre braunen Haare waren länger und umschmeichelten ihr schmales Gesicht. Sie trug ein buntes Sommerkleid und um ihre schlanke Taille trug sie einen breiten roten Gürtel. Ihre grünen Augen hatten nichts von ihrem Glanz verloren, und ihr Lachen war noch genauso ansteckend wie damals auf der Insel. Ich konnte mich nicht von ihrem Anblick lösen. Sie strahlte von innen und keine Spur von Traurigkeit war in ihrem Gesicht zu erkennen. War sie verliebt? Vielleicht in einen der Männer an ihrem Tisch? Sehr genau beobachtete ich die einzelnen Gesten der Herren. Einer legte seine Hand auf die ihre und ich fing an zu schwitzen. Aber dann sah ich, dass sie Ihre Hand schnell weg zog. Ich war wie benommen und mein Herz fing an zu hämmern.

Ich wollte sie nicht wiedersehen, weil ich genau wusste, dass es mir wehtun würde. Wir hatten noch mehrmals nach unserem Inselaufenthalt miteinander telefoniert und immer wenn ich ihre Stimme und ihr herzhaftes Lachen hörte, fühlte ich diese Sehnsucht in mir, sie wieder in meine Arme zu nehmen, so wie ich es während unseres Trauer-Seminar getan hatte. Allerdings war das ein anderes In-den-Arm-nehmen. Wir hatten uns oft über das Thema „Neue-Partnerschaft“ unterhalten. Ich hatte ihr von meiner Bekannten erzählt, von der ich mir vielleicht vorstellen könnte, wieder in einer Partnerschaft zu leben. Sie knallte mir dann die Worte um die Ohren: „Was sind Sie nur für ein Mann! Ihre Frau ist erst ein paar Monate tot und Sie sind schon wieder auf der Suche nach einer Partnerin. Das hätte ich Ihnen nicht zugetraut. Wenn so ein Mann wie Sie auf mich zukommen würde, den würde ich voll vor die Wand laufen lassen. Wissen Sie, was Sie für mich sind? Ein großes Weichei!“ Ich konnte ihr nichts darauf erwidern und ging wütend davon. Sie hatte mich sehr getroffen und verstand nicht, dass ich nur wieder leben wollte. Ich war ein Mann von 55 Jahren und hatte jahrelang keine Sexualität mehr erlebt. Ich wollte endlich wieder wie ein Mann leben und nicht wie ein Priester. Stundenlang ging ich durch die Dünen und hing meinen Gedanken nach. 

Nach dem abendlichen Trauer-Seminar verabredeten wir uns dann doch wieder und machten unseren allabendlichen Spaziergang durch die Dünen zum Strand. Als wir die Uferpromenade hoch kamen, erlebten wir einen wunderschönen Sonnenuntergang. Tränen liefen ihr übers Gesicht und sie erzählte mir von ihrem verstorbenen Mann, mit dem sie oft den Sonnenuntergang am Meer beobachtet hatte. Ich legte meinen Arm um sie und fragte vorsichtig, ob sie sich nicht vorstellen könnte, irgendwann wieder mit einem Mann zusammen zu leben. Sie zuckte mit den Schultern und erwiderte, dass man durch das Tal der Trauer gehen müsse, und sie könne sich inm Moment nicht vorstellen wieder mit einem Mann zusammen zu sein. Einmal sagte sie zu mir: „Sie laufen Ihrer Trauer davon. Irgendwann holt es Sie wieder ein.“

Sie hatte Recht gehabt, aber als Mann will man das ja nicht wahrhaben. Dass Sonja neben mir saß, hatte ich vollkommen vergessen. Immer wieder schallte ihr Lachen herüber und mein Herz ging einige Takte schneller. Ja, meine Bekannte Sonja war einfach nach dem Tod meiner Frau da. Sie war schon lange von ihrem Mann geschieden. Natürlich fand ich das tröstlich. Sie kam zu mir und brachte Essen oder ich besuchte sie zum Kaffee oder zum sonntäglichen Frühstück. Sie war so verständnisvoll und irgendwann ist es dann passiert. Ich mochte sie, aber war es Liebe? Nein, Liebe war etwas anderes. Nach dem Tod meiner Frau konnte ich einfach nicht allein sein. Ich konnte nichts mit mir anfangen und war immer auf der Flucht. Dann ging ich jeden Abend aus. Mal mit Freunden mal mit Sonja. Meine Frau war über zehn Jahre krank. Die letzten zwei Jahre habe ich sie gepflegt. Ich hatte so einen Nachholbedarf. Ich habe meine Frau sehr geliebt und war ihr treu, aber durch den Tod wurde mir bewusst, dass ich kein Mensch bin, der allein leben kann. Zuerst betäubte ich mich mit Alkohol. Nach ein paar Wochen merkte ich, dass mich das kaputt macht. Sonja war es, die mich auf den Zeitungsartikel aufmerksam machte. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, an einem Trauer-Seminar teilzunehmen. Da ich auf der Flucht war, meldete ich mich kurzentschlossen an. Im Juli war es dann soweit.

Als wir mit der Fähre in den kleinen Hafen der Insel einfuhren, ging es mir ziemlich dreckig. Ich war voller Trauer und mein Nervenkostüm lag total am Boden. Die ersten Tage empfand ich so schlimm, dass ich am liebsten wieder nach Hause gefahren wäre. Aber ich lernte Anna kennen und wir gingen oft allein spazieren und unterhielten uns lebhaft. Ihr Mann war plötzlich verstorben und sie weinte viel. Ich nahm sie dann in den Arm und tröstete sie. In ihrer Gegenwart fühlte ich mich sehr wohl und mit ihr konnte ich über alles reden. Sie war eine selbstbewusste Frau. Mir war sehr schnell klar, dass sie ihren Weg gehen würde - auch allein. Die Tage gingen schnell vorüber und am letzten Abend fand eine kleine Abschiedsfeier innerhalb der Gruppe statt. So gegen Mitternacht verabschiedete man sich. Anna wartete im Flur auf mich und fragt, ob ich noch einmal mit ihr zum Strand hinuntergehen würde. Schweigend ging sie neben mir. Dann brach es nur so aus ihr heraus. Sie erzählte, dass sie jeden Abend weinend eingeschlafen sei, aber heute Abend habe sie einen Wunsch, sie möchte einmal am Meer tanzen. Erstaunt blieb ich stehen und sagte ihr, dass sie hier auf mich warten solle. Schnell lief ich zurück und holte aus meinem Zimmer den CD-Player und nahm die angebrochene Flasche Rotwein mit. Ich beeilte mich und sah ihre schlanke Gestalt auf der Bank in den Dünen sitzen. Ich zog sie mit mir und wir gingen zum Strand hinunter. Ich machte die Flasche auf und die Musik an. Es waren meine Lieblingssongs der siebziger-und achtziger Jahre darauf zu hören. Ich beugte mich vor und sagte: „Darf ich bitten?“ Sie lachte und machte einen kleinen Knicks und dann tanzten wir eng umschlungen nach meiner Musik. Wir tranken den Wein aus der Flasche. Es waren nur Minuten, die uns wegtrugen von all der Trauer und Verzweiflung der letzten Monate. Wir hielten uns fest wie zwei Ertrinkende und genossen den Augenblick. Ich hätte sie am liebsten geküsst, aber ich habe mich nicht getraut. Schweigend gingen wir durch die Dünen zurück. Am nächsten Morgen standen wir mit unseren Koffern im Flur und warteten auf die Pferdekutsche, die uns zum Schiff bringen sollte. Nichts erinnerte mehr an den Zauber der letzten Nacht. Die Realität holte uns schnell ein und wir fürchteten uns vor dem Nach-Hause-Kommen – vor dem Alleinsein.

Meine Gedanken überschlugen sich. Aus der Ferne hörte ich Sonjas Stimme: „Sag mal, ist das die Frau, von der du mir erzählt hast?“  Ich antwortete nicht, denn jetzt sahen mich zwei Augen an, die ich nicht vergessen hatte. Sie legte ihren Kopf ein wenig schief - das tat sie immer, wenn sie lächelte - und wie in Trance ging ich auf ihren Tisch zu. Ich musste mit ihr reden. Ein Jahr war vergangen seit dem Inselaufenthalt und wir standen uns gegenüber und reichten uns die Hand. Ich zog sie fest an mich. Jetzt waren alle Blicke auf uns gerichtet, doch das störte mich nicht. Leise flüsterte ich ihr ins Ohr: „Ich werde dich nie mehr loslassen.“

© Anneliese Leding

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