Volker Walter Robert Buchloh

Weihnachtsbegegnung

Weihnachtsbegegnung

 

1996

 

von Volker Buchloh

 

 

 

Der Hund vor mir hatte etwas geschnüffelt, was seine ganze Aufmerksamkeit erforderte. Ich überholte ihn. Es war ein Mischling aus einer Liebesbeziehung zwischen einem Deutsch Drahthaar und einer Münsterländer Hündin. Um sie brauchte ich mich nie zu kümmern. Er klebte am mir wie eine Klette. Auch, wenn sie sich über hunderte Meter von mir entfernte, oder ich mich versteckte, sie fand mich stets. Nach ihr brauchte ich nur selten zu pfeifen. In dieser Situation empfand ich diese Eigenschaft als ungemein angenehm, konnte ich doch meinen Gedanken nachhängen.

Die Bescherung in meiner Familie war beendet. Meine beiden Kinder lagen im Bett und auch meine Frau hatte sich ins Schlafzimmer zurückgezogen. Sie liebte es, früh zu Bett zu gehen. Warum zu Weihnachten davon abweichen? Lars träumte wohl von seinem Piratenschiff, dass er sich sehnlichst gewünscht hatte. Nach anfänglichem Widerstreben hatten wir uns trotz des hohen Preises zu diesem Kauf entschlossen, weil Lars beim Spielen mit dieser Spielzeugart ganz aufging. Er hockte dann weniger vor dem Fernseher. Doch! Diese Entscheidung war wohl richtig gewesen. Hatte ich mich überhaupt richtig verhalten? Meine Gedanken wanderten schneller als ich. Sie sprangen zum Piratenschiff, zur Pferdedecke, die ich meiner Frau dieses Jahr geschenkt hatte. Da waren doch auch ihre Reitstiefel. Aber dies war keine Überraschung gewesen, weil sie diese ja vorher hatte anprobieren müssen. Meine Frau wünschte sich stets zu Weihnachten eine Überraschung, neben dem, was sie schon wusste. Sie liebte es auch, mich hin und wieder zu überraschen, was auf geringe Gegenliebe stieß. Meine Gefühlslage wechselte. Geschenke! Geschenke sollten eine Überraschung sein neben des, was sie schon wusste.m . Ich hielt nichts von Geschenken, des Schenkens willen. Dies, da war ich mir sicher, ist der wahre Grund für das Kaufverhalten vor Weihnachten. Konsumterror! Meine Stirne teilte sich durch die beiden Falten in drei runzelige Teilflächen. Der Stein, der auf einmal vor meinen Füßen lag, wurde in die Dunkelheit geschossen. Mein Hund, der dieses Geräusch vernahm, vermutete ein Karnickel, sein Lieblingsspielzeug. In der Weise, wie er seine Vermutung überprüfte, brachte er mich zum Lächeln. Ich fühlte, wie sich mein verkrampfter Körper entspannte. In dem Moment wurde mir bewusst, dass ich Erholung dringend notwendig hatte. Die freie Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr, so fuhr es mir durch den Kopf, wird für Erholung viel zu kurz sein. Aus diesem Grunde hatte ich doch diesen Spaziergang unternommen.

Ich liebte es, solche Spaziergänge zu unternehmen. Vor allem, wenn ich dabei Mutterseelenallein sein konnte. Nur meinen Gedanken nachhängen, mit ihnen auf die Reise gehen. Mal schnell, von Stichwort zu Stichwort eilend, mal bohrend, sich immer wieder und wieder um den gleichen Gedanken kreisend, wenn mich etwas bedrückte. Der Hund ermöglichte mir diesen Weg, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Er musste seinen Auslauf haben und ich hatte ein Alibi, mir diese oder jene Fernsehsendung nicht anschauen zu müssen. Meine Frau bestand darauf, dass wir den Abend immer gemeinsam verbrachten. Wir waren beide berufstätig. Ich konnte ihrer Forderung selten widersprechen, weil wir uns nur abends sahen. Diese nächtlichen Spaziergänge liebte ich trotzdem. Sie gaben mir die Ruhe nach einem hektischen Tag, oder nach Ärger mit den Kindern die ich unterrichtete.

Um diese Zeit war kaum jemand auf der Straße und ich hatte das Gefühl, als gehöre mir diese Welt allein. Der Schlosspark in Raesfeld, durch den ich gewöhnlich zu nachtschlafender Zeit wanderte, hatte viele Wege, so dass sich bei den vielen Spaziergängen nie das Gefühl einer Routinehandlung breitmachte.

Die Person in dunkler Kleidung hatte ich zunächst gar nicht wahrgenommen. Nicht, dass ich Angst hätte, man wolle mir an die Gurgel. Meine Aufmerksamkeit richtet sich vielmehr darauf, ob dieser ebenfalls seinen Hund ausführte. Nicht, dass meiner ein aggressiver Zeitgenosse ist, aber ich wollte keinen Ärger. Weder mit Bewohnern der Nachbarschaft, noch mit Tierarzt und Versicherung. Ich erkannte gleich, dass dort kein weiterer Hund sein konnte. Ich brauchte ihn nicht herbei zu pfeifen. Meine Gedanken begannen, wieder Besitz von mir zu nehmen. Mir fiel ein, dass ich vergessen hatte, den Hund zu bürsten. Ich war in letzter Zeit da sehr nachlässig gewesen. Ich bemerkte eine beginnende Verkrampfung in meinem Rücken. Sie ließ aber nach, als ich mich selbst dazu verdonnerten, trotz des Feiertages morgen früh den Hund zu striegeln.

Da war schon wieder jemand. Es war ungewöhnlich, dass um diese Zeit noch so viele Spaziergänger unterwegs waren. Das Gefühl der wohltuenden Einsamkeit begann zu bröckeln. Wer weiß, wer da noch einen weihnachtlichen Verdauungsspaziergang machte, obwohl es dafür eigentlich schon recht spät war? Als ich die Person mit meinen Blicken auf Hundebegleitung untersuchte, stellt ich fest, dass es die selbe Person war, die mir vorher schon über den Weg gelaufen war. Mein Gehirn signalisierte bereits Entwarnung und begann zu fragen, woran ich gerade noch gedacht hatte. Da es mir nicht einfiel, begann der Ärger wieder mit einer Unmutswelle durch meinen Körper zu fluten.

Die Person bewegte sich auf mich zu. Die Dunkelheit ließ die Konturen dieses Menschen verschwimmen. Wie er so langsam, bedächtig auf mich zukam, ließ mein Herz in die Hose rutschen. So musste sich eine Ziege fühlen, wenn sich der Tiger heranschlich. Um diese Zeit? Kein Mensch auf der Straße!, sind zunächst meine Gedanken. Zu alt, etwas verfettet und untrainiert sind meine Einschätzungen über meinen Fitnesszustand. Ich verspreche mir schnell, mal wieder zu Joggen oder sonstigen Sport zu treiben. Verdammt noch einmal! Wo ist der Hund? Der interessiert sich wieder einmal nur um die Kaninchen. Immer wenn man ihn braucht, dann ist er nicht da.“ Dabei tat ich ihm unrecht, denn zum einen war ich noch nie in einer solchen Situation gewesen und zum zweiten stand er direkt neben mir. Dabei hatte der den Fremden wahrscheinlich vor mir schon längst ausgemacht. Die Nähe des Hundes gab mir ein wenig mein Selbstvertrauen wieder. Dadurch arbeitete mein Gehirn wieder klarer. Ich bemerkte, dass sich der Fremde zwar langsam näherte. Es geschah aber nicht auf eine Weise, die Feindschaft vermuten ließ. Ich kam mir vor wie ein Junge, der vor lauter Angst im dunklen Keller pfeift, als ich laut nach meinem Hund rief, der ja längst neben mir war. Es hatte einzig und allein den Zweck meinem Gegenüber mitzuteilen, dass ich nicht so hilflos war, wie er vielleicht wohl vermuten könnte. Die dunkle Gestalt stockte. Dies gab mir Zeit, durchzuatmen. Die kalte Luft machte meinen Kopf klarer. Ich begann logischer zu denken. Wenn der Fremde mich tatsächlich hätte überfallen wollen, hätte er dies viel einfacher aus dem Dunkel des riesigen Strauches machen können, den ich vorher arglos passiert hatte. Jedes kleine Kind weiß doch, dass ein Angriff von hinten viel erfolgreicher war, als eine langsamere Annäherung von vorne.

Der Hinweis auf den Hund hatte sichtbaren Erfolg. Die schattenhafte Gestalt vor mir zögerte sichtlich. Sie wendete sich zögernd von mir ab, als ob sie das, was sie vor hatte, aufgeben wollte. Aber ich hatte mich zu früh gefreut, denn die Gestalt brach ihr Vorhaben ab und kam langsam auf mich zu. Ich hätte eigentlich erwartet, dass sich der Hund auf sie stürzen würde. Nichts geschah. Der Hund schaute interessiert, unternahm aber nichts. Sein Verhalten gab mir mein Selbstvertrauen zurück. Auch ich bewegte mich auf die Person zu, nahm meinen ganzen Mut zusammen und sagte mit fester Stimme: „Guten Abend!“ Dann verbesserte ich mich: „Frohe Weihnacht.“

Mein Gegenüber sagte nichts, verhielt sich so, als hätte ich nichts gesagt. Langsam hob er die rechte Hand. Ich zuckte unwillkürlich zusammen. Jetzt kam der Angriff, mit dem ich die ganze Zeit gerechnet hatte. Idiot!, schimpfte ich mich selbst aus. Aber meine Hand verharrte in der Höhe meiner Brust. Die Hand des Fremden war so gedreht, dass sie nach oben geöffnet war. Nun war mir alles klar. Der Fremde bettelt mich an. Ich war noch nie Nachts in menschenleerer Umgebung angebettelt worden. Bei Tag schon, aber dann meist in der Stadt. In einem dunklen Wald, das war neu. Die Überraschung musste in meinem Gesicht zu lesen gewesen sein, wenn ein Lichtschein darauf fallen würde. Auf jeden Fall spürte ich eine unwahrscheinliche Erleichterung. An eine Bedrohung brauchte ich nicht mehr denken. Das stimmte mich sofort versöhnlicher. Und so klang dann auch meine Stimme.

Das tut mir leid, aber ich habe kein Geld bei mir. Hier im Wald habe ich nie Geld bei mir. Hier gibt es keine Geschäfte“, scherzte ich. Einmal entsprach das den Tatsachen, zweitens wollte ich meinem Gegenüber keinen erneuten Anlass geben, mir dennoch Gewalt anzutun und drittens war es bei mir Überzeugung, Bettelnden nie Geld zu geben.

Meiner Überzeugung nach waren die wenigsten Menschen bei uns bedürftig. Die sozialen Systeme stellten bei uns sicher, dass jedem Bedürftigen geholfen wird. Wenn sich jemand um Hilfe bemüht, dann wollte er sowieso nur Geld. Meist waren diese Menschen nicht bedürftig sondern wollten sich nur auf Kosten Dummer bereichern. Der Markt von Spenden und sonstigen Dienstleistungen war ja ein Milliardengeschäft auf dem sich nur Kriminelle tummelten. Nicht mit mir, nicht aus meiner Tasche, dachte ich. Aus diesem Grunde hatte ich mir einen Trick einfallen lassen, der diese Leute und ihre Beweggründe entlarvte. Bettelte mich jemand an, dann bot ich ihm Naturalien an. Beispielsweise einem Bettelnden Bier, Kaffee oder einem Hungernden eine Mahlzeit bei einer Pommesbude. Wer wirklich Durst oder Hunger hatte, der nahm ein solches Angebot dankend an. Aber das war mir bislang schon nicht mehr passiert. Nur einmal, da hatte ich beinahe gedacht, einen Bedürftigen vor mir zu haben. Es war schon einige Jahre her, als es an meiner Haustüre klingelte. Vor mir stand ein bärtiger Mann. Er war für diese Jahreszeit zu warm angezogen. Sein fleckiger und ausgefranster Mantel, den ich nur sehen konnte, verriet mir, einen Hausierer vor mir zu haben. Ich war peinlich berührt und konnte ihm nicht in die Augen schauen. Als ich meinen Blick senkte, bemerkte ich, dass er barfuß war. Seine Bitte war Geld. Er sei auch mit kleinen Beträgen zufrieden. Sein Verhalten verriet mir, dass er damit wohl Erfolg hatte. Ich sagte ihm, mit Geld und Bier könne er bei mir nicht rechnen. Ich würde ihm aber eine Tasse Kaffee kochen. Überraschenderweise nahm er mach einigem Zögern mein Angebot an. Ich bat ihn zu warten, wenn der Kaffee fertig sein würde, brächte ich den nach draußen. Als ich mit der dampfenden Tasse Kaffee zur Haustüre zurückkam, war von meinem Bedürftigen nichts mehr zu sehen. Die Situation gab mir nur wenig Zeit, an Vergangenes zu denken.

Ich war gewillt, das Gesetz des Handelns wieder in die Hand zu bekommen. „Was wollen Sie um diese Zeit überhaupt mit dem Geld anfangen? Und dann dieser Ort?“ Ich war stolz über meinen Entlastungsangriff, verwischte er doch den Eindruck, dass ich ihn nicht helfen wollte.

Überheblichkeit musste aus meiner Stimme geklungen haben, denn wortlos wandte sich mein Gegenüber nach rechts. Dabei kam er mir näher. In diesem Augenblick fiel ein Strahl des Mondes auf sein Gesicht. Ich erkannte einen älteren Mann mit scharf geschnittenen Gesichtszügen. Seine Augen spiegelten alles Leid der Welt wieder.

Vor einem solchen Menschen hatte ich Angst gehabt, sagte ich zu mir. Gleichzeitig schämte ich mich, eine solche Empfindung überhaupt gehabt zu haben. Ich war keine zwei Schritte gegangen, als mir einfiel, um welchen Tag bzw. welche Nacht es sich heute handelte. Mir fiel die Weihnachtsgeschichte ein und konnte mich der Duplizität der Ereignisse nicht entziehen. Am Heiligen Abend fragte mich ein alter Mann um meine Hilfe und meine Antwort war Überheblichkeit. Nein, ich musste sofort handeln. Ich drehte mich um und wendete mich wieder dem Mann zu.

Sagen Sie!“, sprach ich ihn an und gab meiner Stimme bewusst einen interessierten Tonfall: „Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“

Der Alte drehte sich langsam zu mir um und verhielt sich so als sei er überrascht, dass die Angelegenheit noch diese Wende nehmen würde. Er hatte mich also schon abgeschrieben. Er schaute mich prüfend an. Jedenfalls hatte ich diesen Eindruck, konnte ich seine Augen bei dieser Dunkelheit doch nicht sehen. Nach einer längeren Zeit des Schweigens hörte ich seine Stimme. Sie war leise, aber doch von einer gewissen Festigkeit,

Ich bin hungrig und müde.“

Ich fühlte mich, als habe er mir erfolgreich den Schwarzen Peter zugespielt. Ich musste wohl oder übel nun handeln. Mit fester Stimme, um mir die peinliche Situation von vorhin zu ersparen forderte ich ihn auf, mir zu folgen.

Kommen Sie, vielleicht kann ich ihnen anders helfen, als mit Geld.“

Irgendwie fühlte ich mich veranlasst ein Gespräch zu beginnen, stellte jedoch fest, dass der Fremde an einer Unterhaltung mit mir nicht sonderlich interessiert schien. Mein Hund verhielt sich so, als wären wir beide alleine. Er folgte wieder seinen Gerüchen und ließ uns alleine zurück. So schritten wir schweigend nebeneinander her. Ich konnte mich dabei nicht des Gefühl erwehren, als trotte der andere brav neben mir her.

Ich war für dieses Schweigen dankbar, verschaffte es mir doch auf diese Weise die Möglichkeit, mir zu überlegen, was ich nun tun musste. Zuerst machte ich mir klar, was nicht geschehen durfte. Frau und Kinder schliefen. Es war undenkbar, diese zu wecken. Es würde eine mittlere Katastrophe gegeben, käme ich mit diesem Fremden in unsere Wohnung und würde ihm einen Bettplatz anbieten. Ein heimliches Übernachten in meinem Hause war ebenso unmöglich. Wachte einer meiner Familie Nachts auf und träfe auf den Fremden ... Ich wagte diesen Gedanken erst gar nicht erst zu Ende zu denken. Es war so wie so unmöglich, den Fremden ins Haus zu nehmen. Ich dachte an Diebstahl. Sogar Mord war möglich. Morgens aufzuwachen und tot zu sein. Dieser Kalauer brachte mich dennoch zu lächeln. Die einzige Möglichkeit, die mir einfiel, war er musste in meinem Schuppen übernachten. Ich hatte auf meinem Grundstück einen alten Schuppen stehen. Als ich das Haus kaufte war ich von dieser Ruine nicht sehr erbaut gewesen. Mit der Zeit hatte ich sie aber so renoviert, dass ich heute stolz auf meinen Werkzeugschuppen war. Heute diente er mir als Unterstellraum für Gartenmöbel und Gartengeräte. Wenn man hier einiges beiseite räumen würde, könnte man die Sommerliege aufstellen, die auch irgendwie dort sein müsste.

Weil mein neuer Untermieter nach wie vor keine Bereitschaft zeigte, sich mit mir zu unterhalten, schwieg auch ich. Ich führte ihn, zu Hause angekommen, in den Schuppen, räumte mit wenigen Handgriffen die Sommermöbel der Terrasse zur Seite, fand die Liege schneller als erwartet. Einen Stuhl und einen Tisch stellte ich daneben. Eins, Zwei, Drei hatte ich eine Unterkunft für den Alten eingerichtet. Ich deutete mehr mit Gesten als mit Worten an, nun einige Decken holen zu wollen und verließ den Schuppen. Ob er noch da sein würde, wenn ich zurückkehrte?

Das war er. Ich hatte auf dem Arm alle Decken, die ich in der kurzen Zeit finden konnte. Besser eine mehr als zu wenig, denn die Nacht war kalt. Ich legte alle Decken auf die Liege und deutete dem Fremden an, es sich bequem zu machen. Da fiel mir ein, dass seine letzten und einzigen Worte Hunger und Müde waren. Für das letztere hatte ich gesorgt, das Erste allerdings vergessen.

Einen Moment noch bitte!“, murmelte ich und ging wieder ins Haus.

Vom Weihnachtsessen war noch jede Menge übriggeblieben. Während ich daraus einen großen Teller zusammenstellte, ließ ich Wasser kochen. Mit einer großen Tasse dampfenden Tees und dem Teller voller Salate, Fleisch und Shrimps betrat ich erneut den Schuppen. Ein Samariter zu sein, fühlte mich in Hochstimmung. Schließlich war es ja Weihnachten und zudem die Heilige Nacht. Ich betrat den Raum mit der Ankündigung, dass er es sich schmecken lassen sollte, als ich feststellte: Keiner ist mehr da. Sofort begann sich das alte Vorurteil sich zu melden.

Siehst Du! Das ist alles das Gleiche. Diesmal hat man dich wieder auf den Arm genommen. Na, wer weiß, wofür es denn gut war.

Ich wollte mich gerade umdrehen, um die Speisen wieder ins Haus zu tragen. Da stand er wieder vor mir. Er musste wohl draußen gewesen sein, um sein Wasser abzuschlagen, vermutete ich. In seinen Augen konnte ich ablesen, wie erfreut er über Speise und Trank war. Ich zeigte ihm den Schalter für das Licht und wünschte ihn eine gute Nacht. Sein zweiter Satz, den er zu mir sprach, bestand nur aus dem Wort.

Danke!“.

 

In meinem Bett fand ich schlecht Schlaf. Zu viel ging mir durch den Kopf. Ich war mir unsicher, ob ich richtig gehandelt hatte. War der Alte wirklich bedürftig? Oder hatte er nur eine Gelegenheit gesucht, uns auszuspionieren, was bei uns zu holen sei? Wie würde die Familie reagieren, wenn sie von unserem neuen Untermieter erfuhr? In dieser Nacht schlief ich unruhig. Schon früh erwachte ich. Auf die ärgerliche Frage meiner Frau, was ich in Gottes Namen so früh mache, gab ich zur Antwort, der Hund sei unruhig. Dies war aber eine Ausrede. Der Hund hatte seinen Platz im Zwinger außerhalb des Hauses. Er war die ganze Nacht ruhig gewesen. So konnte ich sicher sein, das der Fremde nicht um mein Haus schlich. Sicher? Mir fiel ein, dass er bei der Begegnung in der Nacht wieder allen Erwartens ruhig geblieben war. Vielleicht hatte er schwanzwedelnd zugeschaut, wie der „neue Hausgenosse“ in unser Haus einbrach. Ich beeilte mich mit dem Anziehen.. Das Schlafzimmer lag in der ersten Etage. Unten angekommen konnte ich nichts Auffälliges feststellen. Ich setzte den Kaffee auf und deckte den Tisch. Sollte ich den Fremden um diese Zeit stören? Meine Neugier war größer als mein Pflicht des Gastgebers.

Behutsam öffnete ich die Stalltüre. Die Liege war benutzt aber leer. Von dem Fremden gab es keine Spur. Mein schweifender Blick verriet mir, von den herumliegenden Teilen fehlte wohl nichts. Er hatte sich wohl wieder in die Büsche geschlagen, fiel es mir ein. Ich ging nach draußen, um genauer nachzusehen. Nein! Von dem Alten war nichts mehr zu sehen. „Er ist bestimmt schon auf der Walz“, sagte ich laut zu mir und ein Gefühl der Erleichterung durchflutete meinen Körper. Dann brauchte ich auch meiner Familie nichts erklären.

Ich nahm die Decken von der Liege, faltete sie zusammen. Ich wollte gerade im Halbdunkel des Stalls die Liege zusammenklappen, als ich es bemerkte. Auf der Liegefläche war der fluoreszierende Umriss eines Menschen abgebildet. Ich traute meinen Augen nicht, aber es war unverkennbar. In dem Maße, wie ich begriff, das dies eine Botschaft des Alten an mich war, verblasste die Kontur langsam vor meinen Augen. Ich dachte an Heiligenschein, Weihnachten und Gott Vater. Mir war aber sofort klar, dass ich darüber nie sprechen würde. Erzählen Sie mal jemandem, in der Heiligen Nacht habe Gott Vater in ihrem Schuppen geschlafen. Sie werden den Spott in ihrem ganzen Leben nicht mehr los.

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