Katja Baumgärtner

Katrin

Katrin

 

 

Es war einmal ein Mädchen und eine Mutter, die zusammen lebten wie ein altes Ehepaar. Die Geschwister lebten in ganz Deutschland zerstreut. Das Mädchen war auch eigentlich kein Mädchen mehr, sondern eine junge Frau und hieß Katrin.

Sie hätte ebenfalls wie ihre Geschwister studieren können, aber Katrin wollte nicht, denn ihre Mutter wäre alleine gewesen, und sie mochte ihre Mutter sehr gern. Ihre Mutter war damals für sie da, als ihre Seele wegen eines jungen Mannes erkrankte.

Auch das Abitur war damals recht anstrengend für Katrin, und sie hatte keine Freunde in der Schule. Aus all diesen Gründen und noch vieler anderen musste Katrin in stationärer Behandlung. Dort konnte sie sich erholen und später zu Hause genesen.

Zu Hause ergab es sich, dass Katrin neben ihrer Mutter schlief, und die beiden hatten ein recht vergnügtes Leben miteinander. Katrin alberte mit ihrer Mutter herum. Sie sprach über sich von einem Wellensittichkind und über ihre Mutter von der Wellensittichmutter. Normal ist das sicherlich nicht, denkt ihr, aber ernsthaft erkrankt war Katrin deswegen nicht. Sie hatte immerhin einmal Wellensittiche. Vielleicht trauerte sie ihrer Kindheit nach oder wollte wie ein kleiner Wellensittich von seiner Mama versorgt werden oder was auch immer.

Nach den schönen Seiten ihrer Zusammenleben gab es aber auch eine andere Seite. Eines steht fest, die beiden gewöhnten sich sehr aneinander, und es wurde immer schwerer sie voneinander zu trennen. Es gab die beiden nur noch im Doppelpack. Sie gingen gemeinsam einkaufen und schwimmen, sie aßen zusammen und schauten gemeinsam fernsehen, bis jede von beiden alleine einschlief. Nach der Scheidung war die Mutter sehr einsam. Ihre nahe stehenden Verwandten und ihre Freunde hielten Distanz. So hatten keine der Zweien gute Freunde, sie verließen sich so gut wie möglich aufeinander.

Doch dieses friedliche Zusammensein trügte, denn es engte beide ein. Es machte Katrin unzufrieden, aggressiv und wütend. Sie schlug dann weinend und verzweifelt auf ihre Mutter ein und beschimpfte sie. Ihre Mutter versuchte sie zu trösten. Sie redete Katrin zu, es werde alles gut, sie werde bestimmt sicherlich bald mit ihrer Ausbildung beginnen können und es werde ihr bald ein Mann bei Seite stehen, der sie liebt.

Je mehr jedoch die Mutter auf Katrin einredete, um so wütender und aggressiver wurde sie manchmal. Katrin schrie so ihre Mutter an bis sie sich vor Erschöpfung hinlegte. Nachdem Wutanfall schien alles vergessen zu sein, was vor einer Viertelstunde wie eine Tragödie aussah. Katrin stand dann vor dem Spiegel und redete zum Beipiel mit sich, dass sie ein besseres Wellensittichbaby werde. Auch die Mutter hatte ihre schlechten Tage und war verzweifelt. Sie weinte, weil sie alleine war, kein Geld hatte und deswegen nicht ausgehen oder in den Urlaub fahren konnte. So schien die Verbundenheit zwischen beiden unabdingbar und verständlich zu sein. Selten aber immer noch zu oft versuchte Katrin im Gegensatz zu ihrer Mutter Kontakte zu knüpfen, was vergeblich war. So rief sie ihre Klassenkameraden von ihrer alten Schule an. Es rief nie jemand zurück. Sie versuchte die Gespräche mit ihnen mehr und mehr zu reduzieren, denn es konnte so keine Beziehung entstehen. Es war reine Verzweifelung und Einsamkeit.

Während ihrer Freizeit aber schrieb Katrin Phantasiegeschichten, die sie in eine andere Welt abtauchen ließen und wobei sie regelrecht aufblühte. Sie war dann sehr beschäftigt und zufrieden in ihrer kleinen Welt. Es sammelten sich immer mehr Texte an, und Katrin dachte sie zu veröffentlichen. So geschah es, dass Katrin als Autorin bekannt wurde, zwar nicht ganz so wie Goethe zum Beispiel, aber Katrin konnte sich glücklich heißen. Durch den Erfolg wurde Katrin selbstsicherer und fuhr nun öfters mit ihrem Bruder Roman nach Würzburg, der dort studierte. Die Menschen kamen ihr dort entgegen und waren sehr freundlich zu ihr und nicht so voreingenommen wie ihre alten Schulkameraden. Seit dieser Zeit wurde sie das erste Mal von ihren Bekannten und Freunden aus der Schulzeit angerufen. Katrin nahm das jedoch nicht mehr ernst.

Es kam ein Tag, an dem sie wieder so wütend wurde, dass sie auf ihre Mutter einschlug. Die Mutter blieb dieses Mal am Boden liegen, anstatt ihre Tochter wie sonst immer zu trösten. Als die Mutter da lag, läutete es und dann klingelte noch das Telefon. Als sie den Hörer nahm, wollte ein ehemaliger Schulkamerad gerade etwas sagen. Katrin legte sofort auf und rief ihren Hausarzt Doktor Heinrich. Wenn es ihrer Mutter bloß wieder besser gehen würde, wünschte sie sich. Katrin sah nun ein wie falsch es war, ihren ehemaligen Schulkameraden nach zu hängen und dass keiner mehr der Rede vom heutigen Tag wert war. Vorsichtig spähte Katrin aus dem Fenster, um zu schauen, ob der Doktor Heinrich schon da war. Aber was sah Katrin. Die blöden Gänse von ihrer alten Schule! Schon kam der Arzt und die blöden Gänse fragten Katrin, als diese die Tür öffnete, was denn passiert sei. Der Arzt schüttelte den Kopf über diese blöde Frage. Er wusste von Katrin wie allein sie war. Katrin und er schlossen die Haustür hinter sich und ließen die drei stehen, die sich so gern mit Katrin angefreundet hätten, seitdem sie so erfolgreich war.

Katrins Mutter erholte sich schnell und stand schon wieder auf den Beinen, als es klingelte. Katrin öffnete nicht bis sie Michael, den Studenten erkannte - mit einem großen Blumenstrauß in der Hand. Er wollte gerade wieder gehen, da öffnete Katrin und rief Michael nach. Die Schulkameraden standen immer noch da und schauten mit neugierigen Blicken zu. Michael ging auf Katrin zu und küsste sie auf dem Mund und gab ihr die Blumen. Die Mutter stand hinter ihnen und freute sich. Sie schlossen nach dem sie sich von Doktor Heinrich verabschiedet hatten, gemeinsam die Tür hinter sich und ließen die drei Frauen stehen, die sich, als Katrin hinschaute, in richtige Gänse verwandelten.

 

 

1996

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