Volker Walter Robert Buchloh

Auf und unter der Erde

Auf und unter der Erde

 

von

Volker Buchloh

2007

 

 

 

„Holla! Holla!“

„Aus dem Wege!“

„Ich komme, ich!“

Das fünf Monate alte Stutfohlen jagte über die Weide. Dabei lief sie so schnell. Wie es ihre Hinterbeine ermöglichten.

„Holla! Holla!“ Mensch, machte das Spaß, so über die grüne Weide zu galoppieren. Viel zu schnell kam der Zaun näher. Nun hieß es, möglichst schnell zu bremsen. Bloß diese Schnur nicht berühren, die so fürchterlich beißen konnte. Bevor Mama einen zwickte, wenn man nicht gehorsam war, dann legte sie zur Warnung vorher die Ohren nach hinten und spannte ihre Muskeln an. Dann wusste man, dass man schleunigst gehorchen musste. Die gewaltigen Vorderzähne der Mutter konnten schon schön weh tun.

Aber dieser Zaun, der warnte nicht. Der zwickte, sobald man ihn berührte ohne Vorwarnung. Sie wusste nicht, was mehr weh tat, die Zähne ihrer Mutter oder dieser Zaun. Man sollte es besser nicht darauf ankommen lassen. Sie wendete und nach wenigen Sprüngen schoben sich die Hinterbeine tief unter den Oberkörper. Und wieder ging es mit vollster Geschwindigkeit über die Weide.

„Stella, sei nicht so wild!“

Die Stimme der Stute trug sich über die Weide. Stella hielt einen Moment inne. Als sie aber sah, dass der Kopf ihrer Mutter sich dem Grase zuwandte, machte sie mit ihrem Flachrennen weiter.

So ging es eine ganze Zeit lang. Beschleunigung, Abbremsen vor dem Zaun, Wenden, um dann erneut mit dem gleichen Spiel zu beginnen. Langsam fiel Stella das Atmen aber schwerer. Sie bremste stark ab. Grasbrocken flogen durch die Luft. Heftig stieß sie die Luft durch die Nase. Es war so heftig, dass es wie ein Trompetenstoß klang. Verschreckt flogen einige Tauben auf.

„Hey! Hey! Muss das unbedingt sein?“

Erstaunt wendete Stella ihren Kopf zuerst nach rechts, dann nach links. Aber da war keiner, der sie angesprochen hatte.

„Hey Großer! Hier unten bin ich.“

Stella schaute nach unten. Und tatsächlich, zwischen ihren Vorderhufen schaute der Oberkörper eines Wesens aus einem kleinen Sandhaufen heraus.

„Wer bist du denn, sagte Stella verwundert? „So was wie dich habe ich ja noch nie gesehen!“

„Ich“, sagte das Geschöpf mit der spitzen Nase, „ich bin Max der Maulwurf. Warum zerstörst du meine Wohnung?“

„Deine Wohnung?“ Stella schaute sich um, aber so sehr sie sich auch anstrengte, sie konnte keinen Stall erkennen. „Wo ist denn dein Stall?“, fragte sie deshalb verwundert.

Max zeigte mit seinen großen Händen in Richtung Boden.

„Da unten wohne ich. Weißt du dass denn nicht?“

„Natürlich“, antwortete Stella schnippisch, denn es war ihr unangenehm, dass sie etwas nicht wusste, was sie anscheinend wissen sollte. „Ich habe einen Moment nicht daran gedacht“, fügte sie erklärend hinzu.

„Aber da unten kann doch deiner Wohnung gar nichts passieren.“

Stella schüttelte erstaunt ihren Kopf. Für sie war alles, worauf sie ihre Hufe setzte fest, so selbstverständlich fest. Und so etwas Festes sollte zusammenstürzen? Unglaublich. Sie war aber noch verunsichert, weil sie nicht gewusst hatte, dass man auch wohl unter der Erde schlafen konnte. Um nicht wieder durch Unkenntnis bei dem Fremden aufzufallen, versuchte sie ihre Schwäche zu überspielen.

„Willst du mich auf die Hufe nehmen?“

„Da stürzt durch dein Getrampel mein Wohnzimmer ein und du behauptest, es könne nicht einstürzen. Ich habe dann die Arbeit mit der Instandsetzung, nicht du.“

Zur Unterstützung seiner Entrüstung klopfte Max mit den Händen auf den Sand seines Berges.

„Dann sag mir doch, wie ein fester Boden einstürzen kann.“ Stella spitzte schnippisch ihre Lippen. War das nicht ein geschickter Schachzug? Etwas nicht zu wissen, es nicht zugeben zu müssen und sich durch den anderen die Sache erklären zu lassen. Stella stampfte vor Stolz mit dem linken Vorderbein auf den Boden.

„Gemach, Gemach! Willst du mein zweites Wohnzimmer auch noch zum Einsturz bringen? Also! Ich grabe Gänge durch den Boden und an einigen Stellen auch Höhlen. Quasi eines meiner vielen Wochenendhäuser.“ Und dies stürzt dann durch dein Getrappel zusammen.“ Max richtete sich ein wenig auf. Um zu unterstreichen, was er sagte, bewegte er seine Hände von vorne nach hinten, dass der Sand nur so hochgeschleudert wurde.

„Unter der Erde sich bewegen? Pha! Das geht doch gar nicht.“ Stella schüttelte wieder ihren Kopf und vertrieb dabei einige Fliegen, die sich auf der Suche nach was Essbarem in ihrem Fell breit gemacht hatten.

„Soll ich es dir zeigen?“

Der Kopf der Stute führte eine nickende Bewegung aus. Als Stella wieder auf den Sandhügel schaute, war Max verschwunden. So sehr sie aber nach ihm im Grase suchte, sie konnte ihn nirgends finden.

„Hier bin ich!“

Stella wirbelte herum. Und da war Max wieder. Er thronte auf einem anderen Sandhügel. Sein spitzes Maul lachte.

„Du hast dich heimlich durch das Gras geschlichen, damit ich dich nicht sehen konnte.“ Stella fühlte sich von Max verschaukelt. Wie konnte etwas sein, was man nicht sehen konnte? Aber Max war in seinem Element. Um die Wette graben, das war eines seiner großen Leidenschaften.

„Siehst du da hinten den Löwenzahn?“ Max zeigte auf eine Pflanze mit einer knall gelben Blüte. Sie stand gute zwei Meter von ihnen entfernt.

„In einer Minute komme ich beim Löwenzahn heraus.“ Max peilte in die Richtung der Pflanze, nahm Maß und holte tief Luft. Dann war er tatsächlich mit einer kurzen Bewegung im Boden verschwunden.

Stella fuhr mit ihrer Nase so tief über den Boden, wie es ihr möglich war. Und wirklich, von Max war keine Spur zu sehen. Kaum am Löwenzahn angekommen, da platzte vor ihr der Boden auf. Erschrocken wich Stella zurück, aber dennoch konnte sie sehen, wie Max den Boden aufwarf. „Alle Achtung! Bist du aber schnell!“

Max atmete tief ein und sein Brustkorb schwoll mächtig an. „Na ja, du bist ja auch ziemlich schnell“, sagte er gnädig.

„Soll ich es dir einmal zeigen?,“ fragte Stella eilfertig.

Max schüttelte schnell die spitze Nase.

„Damit du den Rest meiner Wochenendwohnungen auch noch zerstörst.“

„Entschuldige“, bemerkte Stella, das habe ich nicht gewusst. Wenn ich demnächst deinen Sandhaufen sehen, dann werde ich einen weiten Sprung über deine Ferienwohnung machen.“

Während Max erfreut mit seinem spitzen Kopf nickte, kam Stella auf einmal eine prächtige Idee.

„Willst du die schönste Ferienwohnung haben, die es im weiten Umkreis gibt?“

„Natürlich“, stotterte Max. „Aber wie wollen wir das machen?“

„Du machst deinen Teil der Arbeit im Boden und ich schaufle mit meinen Hufen noch mehr Sand auf den Hügel deiner Ferienwohnung. So bekommst du den schönsten und größten Hügel auf einer Ferienwohnung, den es bisher gab und auch geben wird.

Während Max in Windeseile in seinem Sandhaufen verschwand, begann Stella rund um den Hügel mit ihren Hufen zu scharren. Bald war ein gewaltiger Hügel geformt. Und als Max am Ende aus der Spitze seiner neuen Burg herausschaute, strahlte Zufriedenheit aus seinen Zügen.

„Ich bin dir auch überhaupt nicht mehr böse. Vor allem wo ich nun die gewaltigste Ferienwohnung besitze, die je ein Maulwurf bewohnt hat.“ Er schirmte mit dem Rücken seiner gewaltigen Hand einen Teil seines Mundes ab, senkte seine Stimme und räusperte sich: „Und wenn ich ehrlich bin, dann hast du mit deinem Galoppieren so viel nicht kaputt gemacht. Das habe ich schnell wieder gerichtet.“

Stella fiel ein Stein vom Herzen, hatte sie sich doch die ganze Zeit vorzustellen versucht, wie man ohne Stall schlafen könnte. Aber dann konnte sie ja weiterhin nach Herzenslust über die Weide tollen, ohne Angst haben zu müssen, Ferienwohnungen zu zerstören.

Max verabschiedete sich mit dem Hinweis, dass es ihm hier draußen langsam zu trocken wurde. Er brauchte die Feuchtigkeit des Erdbodens. Außerdem musste ja die neue Ferienwohnung noch eingerichtet werden. Arbeit gab es also für ihn noch jede Menge.

Auch Stella machte sich auf den Weg. Sie musste ihrer Mutter unbedingt von der neu geschlossenen Freundschaft berichten. Sie hatte jemanden kennengelernt, der sich unter der Erde bewegen konnte. Und der konnte das fast so schnell, wie Hella galoppierte – aber eben nur fast so schnell, wie sie. Hella hob den Kopf in den Nacken und trabte zu ihrer Mutter.

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