Volker Walter Robert Buchloh

Der Brombeerstrauch

Der Brombeerstrauch

 

von Volker Buchloh

 

Aug./Sept. 1987

 

 

Wer heute einen Brombeerstrauch sehen will, der wird lange suchen müssen. Wenn er sich dann dieser Anstrengung unterzieht, kann er sich dem Eindruck nicht entziehen, dass sich der Brombeerstrauch dem Zugriff des Menschen zu entziehen trachtet. So wundert es denn auch nicht, wenn nur aufmerksame Waldgänger seinen Standort kennen. An versteckten Waldrändern oder in Wiesenecken ist er anzutreffen. Wer aber nur dort nach ihm sucht, der wird ihn nicht in jedem Fall finden. Man könnte meinen, der Brombeerstrauch halte sich versteckt.

Dieser Gedanke verdichtet sich, wenn man einen solchen Strauch gefunden hat. Er ist hüfthoch und nur an einigen Stellen höher, wenn er andere Vegetation überwuchern kann. Es scheint, als kauere er am Boden, wolle sich allem Zugriff entziehen, vor allem dem menschlichen. Dieses Empfinden verstärkt sich, wenn man näher an ihn herantritt. Erst dann erkennt man an seinem Äußeren, dass er sich verbarrikadiert. Die verschlungenen Ranken verstärken den Willen zum Abkapseln und die drohend nach außen gerichteten Dornen betonen die Abwehrbereitschaft. Die gezackten Blätter bilden eine Außenhaut, die an einen Reptilienpanzer erinnert. Wenn man so eine Zeit vor ihm steht, dann schiebt sich ein Gedanke in den Vordergrund: Wie ist ein solches Verhalten zu erklären? Ich habe nun von einer Erklärung erfahren, von der ich nun berichten will.

Nur wenigen ist bekannt, dass der Brombeerstrauch einmal ganz anders ausschaute, dass erst die äußeren Umstände ihn zu dem gemacht haben, was er heute ist. Diese kleine Geschichte soll hier erzählt werden, damit sie der Nachwelt erhalten bleibt. Gleichzeitig ist der erhobene Zeigefinger beabsichtigt. Der Brombeerstrauch war nicht immer ein so aggressiv dreinschauender Geselle. Wer ihn nur so kennt, mag kaum glauben, dass er einst ein eitler Geck war und sich selbst zu den schönsten Sträuchern auf Gottes Erdboden erklärte. Die Vermessenheit, die schönsten Früchte auf Gottes Erdboden hervorbringen zu wollen, machte ihn zu dem, was er heute ist: einen zurückgezogenen, stets abwehrbereiten Einsiedler. Und dies kam so:

Als Gottvater den Schöpfungsakt vollzogen hatte, wusste er infolge seiner göttlichen Allwissenheit, dass eine bloße Vorgabe von Gestalt, Ausstattung und Eigenart, wie er sie seinen Kreaturen gerade diktiert hatte, in the long run Unzufriedenheit nach sich ziehen würde. Aus diesem Grunde richtete er eine Art "Beschwerdestelle" ein, bei der die Pflanzen und Tiere vor dem Herrn der Schöpfung treten konnten, um ihre Unzufriedenheit vorzutragen. Der Allwissende wusste, wenn er ihren Wünschen auf Änderung nachkam, dass sie sein Werk damit im Grunde akzeptierten und indem er ihren Wünschen entsprach, stellte er sicher, dass seine Kreaturen mit der Gewissheit heimkehrten. Ohne ihre Verbesserungsvorschläge wäre der Schöpfungsakt mangelhafter ausgefallen. In der Beschränktheit ihres Erfahrungsbereiches vermochten sie die göttliche Strategie nicht zu erkennen. Dem Herrgott war es aber dadurch gelungen, seine Geschöpfe aktiv in seine Schöpfung mit einzubinden.

Auch der Brombeerstrauch nutzte die Möglichkeit, die Vorgaben seiner Existenz zu ändern. Er war halt nur ein Strauch und dies missfiel ihm, weil es in seiner Umgebung eine Menge von Sträuchern gab. Als er Gottvater seinen Wunsch nach einer besseren Ausstattung vortrug, erkannte dieser die Eitelkeit des Bittstellers. Weil er im Moment Wichtigeres zu regeln hatte (Er hatte das Problem der DNS‑Moleküle noch nicht zufriedenstellend gelöst) und weil er auch im Moment unter Überarbeitung litt, entsprach der Schöpfer diesem Anliegen, ohne sich der Mühe zu unterziehen, eventuelle Folgen abzuschätzen. "Wohl an!", so begann er (eine Lieblingsfloskel, die er stets benutzte): "Du sollst Früchte tragen dürfen, die auf dieser meiner Welt einmalig sind." Dies ist, so dachte er im Stillen, eine Selbstverständlichkeit, entsprach sie doch seiner Handlungsmaxime, immer nur Einmaliges zu schaffen. Aber hier wollte er sich nicht in seine Karten schauen lassen. Die Verleihung des Attributs >Einmaligkeit< schmeichelte den Beschwerdeführern und diente so der Motivation der unzufriedenen Bittsteller. "Sie sollen", fuhr er sinnend fort, "die Form einer Kugel haben und von blauer Farbe sein." Er dachte dabei an das Wasser, wo er diese Farbe bereits erfolgreich erprobt hatte. Allerdings könnte es diesmal etwas dunkler sein. "Deine Früchte könnten ein dunkles Blau tragen, etwas ins Violette vielleicht" fragte er gönnerhaft. Seine Stimme ließ aber keinen Zweifel, dass er über seinen Vorschlag nicht zu diskutieren dachte. Um dann aber seiner Stimme einen unwirschen Klang zu geben: "So! Nun störe mich nicht weiter". Während er diesen Satz sprach, waren seine Gedanken schon wieder mit der Lösung der DNS‑Molekül-Problematik beschäftigt.

Mit stolzgeschwellter Brust kehrte der Brombeerstrauch zu seinem Standort zurück und erfüllte Gottes Wille, indem er seinem Eigennutz folgte. Mit all seiner Kraft und mit Unterstützung der Sonne erwuchs er im Herbst Früchte, mit einem Blau und einer Süße, daß sie Gott zur Ehre gereichte. Er wollte eine gerade zum Schöpfer tragen, um diesem sein erstes Exemplar zu Füßen zu legen, als ein Vogel sie zur Abrundung seines Speiseplanes verzehrte. Auch weitere Versuche endeten ähnlich, weil neben Vögeln und Insekten auch die Menschen der Farbe und dem süßen Geschmack erlagen. Keine Frucht blieb übrig, um sie dem Weltenlenker vorlegen zu können. So blieb dem Brombeerstrauch nichts anderes übrig, als wiederum die göttliche Beschwerdestelle aufzusuchen.

Nachdem der Strauch seine Klagen vorgebracht hatte, versank Gott in schöpferisches Grübeln. Er erkannte, dass er sich in eine brenzlige Situation hineinmanövriert hatte. Einerseits war dem Anliegen des Brombeerstrauches auf ungestörtes Wachsen seiner Frucht Rechnung zu tragen (Wie sollte er sonst die Fortpflanzung sichern?), andererseits konnte er seinem Grundprinzip der kollektiven Verteilung von Produktion nicht untreu werden. Des Pudels Kern , so erkannte er bald, war die Konstruktion der Frucht. Ähnliche Probleme waren auch bei den Fischen aufgetaucht, und so beschloss er, eine bereit erfolgreich praktizierte Problemlösung zu variieren. "Wohl an", sprach Gottvater, "Deine Frucht soll in Zukunft aus einer Vielzahl kleiner Kugeln bestehen, die nicht sehr fest miteinander verbunden sind. So werden die Vögel und andere Räuber wenn überhaupt nur einen Teil deiner Frucht mitnehmen können. Der verbleibende Rest wird zu deiner Erbauung ausreichen." Damit, so dachte Gott bei sich, erfährt auch die Eitelkeit des Brombeerstrauchs einen Dämpfer, wenn er sich nur mit einer Teilfrucht begnügen muss. Der eitle Strauch versöhnte sich bald mit dieser Lösung. Im nächsten Jahr erwuchs er eine Frucht, die in Farbe und Form noch besser aussah und zudem besser schmeckte als der Prototyp der letzten Saison.

Der Erfolg leitete aber eine Entwicklung ein, die keiner vorausahnen konnte. Bald pfiffen es die Spatzen von den Dächern, welche neue Köstlichkeit es in Gottes Garten nun gab. Was der eine Vogel an Kugeln liegen ließ, gereichte dem nächsten zur Freude. Die Nachfrage war so gewaltig, dass dem Brombeerstrauch keine einzige Kugel verblieb. Statt dessen zierte den Strauch nun ein hässlicher weißer Stumpf, der sich mit seiner Vorstellung von Ästhetik nicht vereinbaren ließ. Dem Strauch blieb also nichts anderes übrig, als dem Herrgott ein weiteres Mal zur Last zu fallen.

Einerseits war der Schöpfer froh, dass seine Kreation dermaßen Anklang gefunden hatte, andererseits musste diese Angelegenheit endlich einer Lösung zugeführt werden. Wenn jedes seiner Geschöpfe so oft von der Möglichkeit der Beschwerde Gebrauch machen würde wie der Brombeerstrauch, dann kam er mit seinem Zeitplan, in einer Woche fertig zu sein, überhaupt nicht mehr klar. Im Moment hatte er nämlich genug damit zu tun, die Abläufe in der Milchstraße zu koordinieren. Er schob seine Berechnungen zur Seite und griff zu einem Blatt Schmierpapier. Nicht, dass er dieses gebraucht hätte, aber er musste auch öffentlich zeigen, dass er jeder Beschwerden pingelig genau nachkam. Während er Käsekästchen auf dem Papier kritzelte, arbeitete sein konstruktiver Verstand alle möglichen Alternativen durch.

Als er sich dem Strauch zuwandte, lächelte er schon wieder. Dieses Lächeln verriet, dass er eine Lösung gefunden hatte. "Wohl an!", so begann er erwartungsgemäß, "um sich vor der Zudringlichkeit anderer zu retten, hat sich in einigen Fällen die Lösung bewährt, Dornen einzusetzen." Er unterdrückte den Seufzer, als er an die künftigen Ereignisse in Palästina dachte und er zwang sich, auf das nahestehende Problem zu denken. "Wenn jemand an Deine Früchte will", sprach er erklärend, "verfängt er sich in den Widerhaken der Dornen und je mehr er versucht, sich zu befreien, um so fester wird er gehalten. Je mehr Dornen, je besser! Du verstehst?“ Er gab seinem letzten Satz einen barschen Unterton. Er sollte die Endgültigkeit seiner Entscheidung signalisieren und dem Bittsteller mitteilen, ihn doch in Zukunft nicht mit jeder Kleinigkeit zu behelligen. Das Enteilen des Brombeerstrauches nahm er schon nicht mehr wahr, weil seine Gedanken schon mit der Berechnung der Abstände im Andromedanebel beschäftigt waren.

Der göttliche Ratschlag zeigte durchschlagenden Erfolg. Stolz konnte der Strauch nun seine Beeren so präsentieren, wie sie seiner Eitelkeit entsprachen. Die Dornen hielten die Vögel und anderes Kleingetier ab und der Verlust durch Insekten war durch eine Erhöhung der Quantität leicht auszugleichen. Der Brombeerstrauch war rundherum zufrieden. Er hatte aber nicht gemerkt, dass er neben seiner naiven Keckheit inzwischen auch introvertierter und abwehrbereiter geworden war.

Die Geschichte könnte an dieser Stelle zu Ende sein, wenn, ja wenn der Mensch nicht im gesteigerten Maße begonnen hätte, sich für Brombeeren zu interessieren. Kraft seiner von Gott ihm zugestandenen Intelligenz gelang es ihm, die Tücke der Dornen zu umgehen. Auf diese Weise brachte er den Strauch wiederum um seine Beeren und damit um den Stolz seines Daseins. Auch, wenn er sich bei diesem Schritt etwas unwohl fühlte - er hatte noch den unwirschen Tonfall in den Ohren - so suchte er doch die göttliche Beschwerdestelle erneut auf.

Diesmal hatte der Strauch Glück. Der Weltenkonstrukteur hatte alle Probleme der Materie gelöst und war gewillt, sich dem siebten Tage zu widmen. Endlich wollte er einmal ausspannen. Nun hatte er etwas mehr Zeit, um sich den Reklamationen und Einwänden seiner Kreaturen zuzuwenden. Außerdem erfüllte ihn seine getane Arbeit mit Zufriedenheit und versetzte ihn in eine freundliche Stimmung. Deshalb nahm er sich mehr Zeit, um über die Lösung seines ewigen Beschwerdeführers nachzudenken. Eine Änderung der menschlichen Intelligenz kam nicht in Betracht, weil die Folgeprobleme ihm zu zahlreich erschienen. Aber er dachte doch, die Lösung des Problems im menschlichen Verhalten zu verankern. "Die Lösung Deines Problems ist recht einfach", wandte sich der Weltenlenker dem Strauch zu, nachdem er seine Rede wie üblich mit "Wohl an!" begonnen hatte. "Damit mir die Spezies Mensch nicht zu selbstgefällig wird, werde ich ihr eine Eigenschaft zuordnen, die man künftig als typisch menschlich bezeichnen wird", sagte er mehr murmelnd, als den Brombeerstrauch ansprach. Dieser verstand aber nicht, was sein Herr und Meister gemeint hatte. Als Gott seinen Gegenüber in die Augen sah, bemerkte er dessen Unverständnis. So hob er seine Stimme an, als er sprach: "Die Lösung deines Problems ist einfach, wenn du die Menge, Zeit und Ort Deines Beerenangebots zu variieren weißt. Sehe zu, dass Du stets reife, überreife und unreife Beeren gleichzeitig hervorbringst. Auf diese Weise kann sich auch der Mensch nicht all deiner Früchte bemächtigen, weil er bei solch einem Angebot die Übersicht verlieren wird. In seiner Gier, alles haben zu wollen, wird er Vieles übersehen. Gier macht unvorsichtig, und wenn sich die menschlichen Hände häufig an deinen Dornen verletzt haben, dann wird der Wille, dich zu beernten, schon abnehmen." Während er sprach, eilten seine Gedanken in die Zukunft und es erschien ihm vorsorgend, noch etwas anzuordnen. "Auch werde ich meinem Ebenbild ein bisschen Faulheit dem Charakter beigeben," sagte er laut und dachte bei sich, dass es doch schrecklich wäre, wenn durch unverhältnismäßig großen Eifer seine Schöpfung laufend durcheinander gebracht würde. An den Strauch gewandt, fuhr er deshalb fort: "Wenn du dich an einen Ort zurückziehst, der für den Menschen schwer erreichbar ist, dann werden viele die Mühen scheuen, sich deinen Früchten zu bedienen."

Der Brombeerstrauch tat, wie ihm geheißen. Der zu Beginn unserer Erzählung eitle Fatzke sah sich nun gezwungen, sich in unwegsames Gelände zurückzuziehen. Mit der Zeit freundete er sich mit seiner Situation an. Er wurde still und bescheiden und nur seine Früchte sind Zeugen von der Zeit, als sie nicht nur Nahrung, sondern allein Mittel der Selbstdarstellung waren. Auf diese Weise erreichte der Herrgott dass, was er in seiner Allwissenheit schon zu Beginn seiner Schöpfungsarbeit geplant hatte. Auch seine Methode, durch Motivation und Mitarbeit Zufriedenheit zu erzeugen, hatte sich bewährt. Und so erfüllen alle doch letztendlich das, was ihnen am Anfang zugedacht war.

Zwischenmeldung: Wenn man sich heute umschaut, dann kann von Zufriedenheit im Verhältnis Brombeerstrauch und Mensch nicht geredet werden. Hat hier der Schöpfer die Rechnung ohne den Wirt gemacht? Betrachtet man den Menschen, dann erkennt man auf den ersten Blick, dass er Bagger und Straßenwalzen erfunden hat. So kann er leicht mit diesem dornigen Gestrüpp fertig werden, auch an den unwegsamsten Stellen, wo sich der Brombeerstrauch auch zurückziehen mag. Man kann den Brombeerstrauch verstehen, warum er sich heute so abwehrbereit gibt. Aber es stellt sich doch die Frage, ob all das, was der Mensch macht, am Anfang so gedacht war, oder ob sein Ebenbild dem Schöpfer doch etwas aus dem Ruder läuft.

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