Volker Walter Robert Buchloh

Der Stutenschlitzer

Der Stutenschlitzer


 

von Volker Buchloh

1999

 

Die Stute und ihr Fohlen waren deutlich im Mondlicht zu erkennen. Beide hatten den Kopf nach unten gebeugt und schienen zu grasen. Nur ab und zu hob die Stute ihren Kopf, um den vollen Mund leer zu kauen. Gleichzeitig vergewisserte sie sich, ob die Geräusche, die sie die ganze Zeit wahrnahm, wirklich keine Gefahr signalisierten. Ihre Ohren spielten in die Richtung, in der die Geräusche der Nacht zu ihr drangen. Das Fohlen, es war wohl drei Monate alt, hielt sich eng an der Stute. Bei Tag, da traute sie sich, die schützende Nähe der Mutter häufig zu verlassen. Bei Nacht war es ihm zu bedrohlich, sich zu entfernen. Da war die Nähe der Mutter eine sichere Bank. Die beiden Pferde wanderten beim Fressen langsam über die Weide und verschwanden so im Schatten einer großen Buche. Nun schien es so, als ob sich niemand auf der Weide befände.

Die dunkle Gestalt war kaum zu erkennen, so gut hatte sie sich mit ihrer grünen Kleidung der Dunkelheit angepasst. Sie wollte auch nicht erkannt werden. Durch das dringende Bedürfnis, die verkrampfte Beinmuskulatur durch leichte Bewegungen zu durchbluten, hätte die Gefahr bedeutet, erkannt zu werden. Sie schaute sich um, ob etwas Verdächtiges geschah, dann machte sie zwei Trippelschritte. Langsam griff die rechte Hand zu dem Fernglas und setzte es vor die Augen. Die linke Hand griff unterstützend hinzu, als die Scharfeinstellung betätigt wurde. Das Nachtglas verfolgte Stute und Fohlen im Schatten der Buche und machte das sichtbar, was das normale Auge nicht erkannten. Um die beiden Pferde herum blieb alles still. Sicherheitshalber schwenkte die Optik in einem weiteren Kreis um die Pferde, um eventuell näher Kommendes rechtzeitig zu erkennen. Aber alles blieb ruhig. Die Person nahm nun wieder ihre vorherige Position ein und war nicht mehr mit bloßem Auge zu erkennen. Die Geräusche der Nacht bestimmten die Melodie dieser Augustnacht.

Die dunkle Gestalt war der Züchter und Besitzer dieser beiden Pferde. Was ihn veranlasste, um diese Nachtzeit sich hier aufzuhalten, war keine vier Tage alt. Wie ein auf „autoreverse“ geschaltetes Tonband lief dieser Film immer und immer wieder vor seinem inneren Auge ab. Vor drei Tagen - nein, er schaute auf seine Uhr, in ein paar Stunden würden es schon bald vier Tage sein, hatte er ahnungslos diese Weide betreten. Er wollte nach den Pferden schauen, ob mit ihnen alles in Ordnung war. Es war ein normaler Kontrollgang. Das Wetter war trocken, er konnte mühelos seine Arbeit unterbrechen. Nur mal kurz nach den Pferden sehen. Die Stute war zwar vernünftig, aber bei einem Fohlen konnte man nie Nie sagen. Diese waren immer neugierig und unternehmungslustig. Von Weideverletzungen über niedergetretene Zäune bis zum verfangenen Busch im Schweif hatte er schon Alles erlebt. In der Hand hielt er einige Maiskolben. Die Stute war immer verfressen und Leckereien nie abgeneigt.

Plötzlich hatte er es gesehen. Es war nicht zu übersehen. „Wer hatte denn hier Möhren gefüttert?“, hatte er verständnislos gemurmelte. „Verflucht! Da muss doch ein anderer die Weide betreten haben.“

In dem niedergetretenen Gras waren Möhren und Möhrenstücke erkennbar. Er hatte diese prüfend mit dem Fuß verteilt . Sie waren noch ziemlich frisch. Er hatte keine Möhren gefüttert,besaß noch nicht einmal welche. Und bevor er irgendwas kaufte, verfütterte er das, was er besaß - Maiskolben. Seine Augen wanderten umher. Beide Tiere waren nicht zu sehen gewesen. Durch seinen Kopf schoss ein Zeitungsartikel, den er vor einer Woche wohl gelesen hatte. Ein Pferd war circa 100 km von hier Nachts auf einer Weide wohl mit einem Messer aufgeschlitzt worden. Nur mit großem Aufwand war es in einer Tierklinik gerettet worden. Er hatte diesen Artikel mehr oberflächlich zur Kenntnis genommen, ihm keine Bedeutung beigemessen. Es war ja so furchtbar weit entfernt.

Die Weide war auch ungünstig zugeschnitten. Sie wand sich entlang eines Bachlaufs, der mäandernd an einem Wäldchen entlang floss und Wiese und Wald von einander trennte. Was als Schutz für die Tiere gedacht war, erwies sich jetzt als ein Nachteil.

Nichts war zu sehen gewesen. Wenn die Stute lag, dann wäre sie bei diesem hohen Grase schlecht zu sehen. Er hatte seine Taktik ändert. Ohne zu zögern war er mitten auf die Wiese gelaufen, dabei so hoch gesprungen er, wie er konnte. Er wollte dadurch die liegenden Tiere aufzuschrecken. Nichts war zu sehen. Das Herz hatte gestockt, die Atmung zwang ihn bald, mit seinem Gehopse aufzuhören. Er musste sein Gehirn und nicht seine Muskeln bewegen. Die von einem Wald angrenzende Weide war für ihn zu groß gewesen, um sie mal eben zu durchlaufen. Er hatte diese ja auch deshalb für die beiden Pferde ausgewählt, damit diese keine Knappheit an Gras erlitten und er sich das umständliche Zufüttern sparen konnte. Da war ihm eingefallen, die Stute könnte sich bei der kleinen Insel im hinteren Teil der Weidefläche befinden. Hier könnte sie sich zurückgezogen haben. Er war durch das hohe Gras gestapft wie ein Storch dies tat, wenn dieser keine nassen Füße haben wollte. Er musste sich zwingen, seine Stimme normal klingen zu lassen, als er seine Ankunft verbal ankündigte. Die Pferde sollten nicht noch zusätzlich in Panik geraten.

Da hatte er sie gesehen. Zuerst das Fohlen, dann die Stute. Er hatte erleichternd durch geatmet. Was er sich auch immer einbildete? Als er sich den Pferden vorsichtig genähert hatte, bemerkte er, etwas war nicht in Ordnung. Er sah es mit einem Blick. Beide Pferde waren verstört. Die Stute wieherte aufgeregt und war nicht geneigt, ihn näher herankommen zu lassen. Das Fohlen folgte ihr verängstigt. Es musste etwas geschehen sein.

Was, zum Teufel ist nur geschehen?“, murmelte er, um sich selbst Zuversicht zuzusprechen. Die Stute hatte geschwitzt. Zweifellos. Die Vorderhand war vom getrockneten Schweiß noch verklebt. Er lockte mit dem Mais, aber die Stute blieb misstrauisch. Das war sonst nicht der Fall. Im Gegenteil, sie galt als verfressen. Auch seine Stimme konnte sie nicht locken. Wenn die Stute, sich seiner Stimme erinnernd, stehenbleiben wollte, dann war es das Fohlen, welches sich entfernte. Der Beschützerinstinkt der Stute war dann größer, als ihre Fressgier.

Aber er war an die beiden nicht heran gekommen. Er war stehengeblieben und hatte beide Pferde beobachtet, ob und wo sie eventuell verletzt sein könnten. Die Schnittverletzung sah er erst, als sich die Stute umdrehte. Sie verlief quer über die rechte Halsseite. Aber diese Verletzung schien nicht so groß zu sein. Die Wundränder waren blutgetränkt, aber herunterfließendes Blut war nicht erkennbar. Das war natürlich. Unnatürlich war Blut auf der Sattellage.

Wenn er noch daran dachte, mit wie viel Mühe es ihm schließlich gelungen war, die beiden Pferde einzufangen und nach Hause zu bringen. Der Tierarzt, der sofort gekommen war, hatte seine Annahme bestätigt. Die Wunde war geringfügig, aber mit einem scharfen Gegenstand herbeigeführt worden – möglicherweise mit einem Messer. Eine Astverletzung schied aus. Auch eine Verletzung durch Stacheldraht kam nicht infrage. Zum einen war die Weide damit nicht eingezäunt und zum anderen schloss die hohe Lage der Verletzung dies aus. Aber für das Blut in der Sattellage hatte er keine Erklärung. Sicherheitshalber hatte der Tierarzt eine Probe von der Wunde genommen.

Die tägliche Arbeit hatte ihn den Vorgang fast vergessen lassen, als ihm der Tierarzt einen Tag später eröffnete, dass es sich hier zweifelsfrei um eine Schnittverletzung mittels eines Messers gehandelt hatte. Kurios war es mit dem anderen Blut. Es gehörte einem Menschen. Ging hier ein Pferdeschlitzer seinem grausamen Handwerk nach? Einer, der hundert Kilometer dafür zurückgelegt hatte? Oder ein Nachahmungstäter? Ein Verrückter jedenfalls. Es half alles nichts, er musste nachts Kontrollen durchführen. Deshalb war er heute wieder hier.

Die Beinmuskeln des Beobachters signalisierten wieder Durchblutungsstörungen und so erhob er sich wieder. Er fluchte, weil er seinen Gedanken nachgehangen hatte. Aber Stute und Fohlen grasten ruhig in der Weidenmitte, so ruhig, als ob vor drei, Pardon knapp vier Tagen nichts geschehen wäre. Das Fohlen hatte wohl in der Zwischenzeit gesäugt, denn schien müde. Es knickte mit den Vorderläufen ein. Mit einem Plumps krachte die Hinterhand auf den Boden. Es fiel zur Seite. Der Beobachter hob das Nachtglas. Nein! Nichts war passiert. Das Fohlen hob die Beine, strampelte, als könnte es Radfahren und bewegte sich so von einer Seite auf die andere. Dies war eine typische Bewegung, wenn Pferde ihre Muskulatur entspannen wollen. Dann hielt es in der Bewegung inne, legte den Kopf auf die vorderen Beine und bewegte sich nicht mehr. Es begann wohl einzuschlafen. Imposant stand die Stute im faden Mondlicht und wachte über ihren Sohn. Der Beobachter verkroch sich wieder in die Dunkelheit. Als im Osten der erste Streifen der aufgehenden Sonne sichtbar wurde, stellte er seine ergebnislose Nachtwache ein.

Dies war nun seine dritte Nachtschicht. Gestern Nacht war alles ruhig gewesen. Die Pferde standen friedlich im Mondschein. Man könnte meinen, bei einer solchen Ausleuchtung wäre es ideal für einen Angriff auf Pferde. Aber weit gefehlt. Schließlich hatte er auch diesmal die Beobachtung ergebnislos eingestellt.

Nun war er wieder da. Es war abnehmender Mond. Die Wolken schoben sich häufig vor die Mondscheibe und verdunkelten die Landschaft. Er hielt nach den beiden Pferden Ausschau. Sie waren nicht zu sehen. Das war bei diesen Lichtverhältnissen nichts Außergewöhnliches. Dennoch machte sich ein merkwürdiges Gefühl in seinem Magen breit. Es wurde in dem Maße mächtiger, als er die Tiere nicht sehen konnte. Hatte der Pferdeschlitzer heute zugeschlagen? Er fluchte langanhaltend. Wo aber waren die Pferde? Er fluchte erneut, als er sie nicht erblicken konnte. Seine Phantasie ging mit ihm durch. Vor seinen Augen sah er schon den aufgeschlitzten Bauch seiner Stute, oder ein abgetrenntes Vorderbein von ihr, das Fohlen massakriert. Sein Puls war über ein Normalmaß angestiegen, sein Hemd tränkte sich durch Schweiß. Es hatte sich an auf seinem Rücken festgeklebt.

Endlich erblickte er sie. Die Stute stand am Bach und trank. Das Hengstfohlen roch am Wasser, traute sich aber nicht, in das fließende Gewässer zu treten. Es war ein friedliches Bild. Schon bereute er seine überschwängliche Phantasie.

Das Bild der Stute erregte die Einbildungskraft des Züchters. Aus ihr hatte er schon sechs Fohlen gezogen. Vier davon waren sogar prämiert worden. Das jetzige war sogar auf den ersten Platz gesetzt worden. Er wusste noch nicht, ob er es legen, oder für die Hengstkörung ausbilden sollte. Es war noch zu früh. Die Zeit würde dies entscheiden. Er züchtete mehr aus einem Hobby heraus. Bei den heutigen Marktpreisen konnte kein Züchter reich werden. Wenn er neben seinem Hobby noch mit Plus Minus heraus kam, dann war er mehr als zufrieden. Leider konnte er die Stute nicht mehr reiten. Sie war inzwischen vierzehn Jahre alt. Bis vor zwei Jahren hatte er sie noch geritten. Die ersten Anzeichen von „Rolle“ hatten ihm die Entscheidung leicht gemacht, sie nur noch zu Zuchtzwecken einzusetzen. Dabei war sie eine temperamentvolle Dame. Immer beanspruchte sie die volle Aufmerksamkeit ihres Reiters. Wenn sie nicht vollständig an den Hilfen stand, dann konnte sie bei den geringsten Geräuschen kehrt machen, oder zur Seite springen. Nein! Ein Dressurpferd war sie nie gewesen. Auch wenn er sich redlich bemüht hatte, eines aus ihr zu machen. Erst als sie in einer M-Dressur aus dem Prüfungsviereck sprang, hatte er es aufgegeben. Erst dann hatte er dem Drängen seines Freundes nachgegeben, es im Springsport einzusetzen. So hatte ihre Karriere begonnen. Eine Reihe von Pokalen verstaubten seitdem in seiner Vitrine. Diese außergewöhnlichen Erfolge hatten ihn bewogen, diese Stute zur Zucht einzusetzen.

Ja, ein Kämpfertyp war sie. Angst hatte sie nicht. Wenn ihr etwas nicht passte, dann langte sie hinten aus. Vor allem die Gerte hatte es ihr angetan. Er erinnerte sich noch, als sich die Stute nach einem Turnier auf einmal nicht verladen ließ. Hunderte Male hatte sie diesen Pferdehänger betreten und nun wollte sie partout nicht hinauf. Alles hatte nichts genutzt, Schmeicheln, Locken, Futter, Fluchen. Da hatte er zur Gerte gegriffen und auf sie eingeschlagen. An diesem Tag hatte er wohl einen guten Schutzengel. Er sah die beschlagenen Hufe auf seinen Kopf zukommen und hatte keine Zeit, ihnen auszuweichen. Obwohl sich die Stute nach hinten so weit wie möglich nach hinten ausstreckte, erstand glücklicherweise so weit von ihr entfernt, dass sie seinen Kopf nur um wenige Zentimeter verfehlte. Nur den Arm hatte er sich damals verstaucht, als er ihn instinktiv zum Schutz seines Kopfes gehoben hatte Dem Besentrick eines Sportkameraden war es damals zu verdanken, dass die Stute sich anschließend verladen ließ.

Das Schnauben der Stute richtete seine Gedanken wieder auf die Weide. Die Ohren spielten. Rechts vom Beobachter musste sich etwas bewegen. Das Fohlen stand auf und hielt sich eng an der Mutter. Der Beobachter verkrampfte sich. Seine Hand griff zum Nachtglas. Er durchsuchte die Dunkelheit in der Richtung, die die Stute ihm wies. Näherte sich von dort das Schwein, weshalb er hier ausharrte, statt im weichen Bett zu liegen. Er vergewisserte sich, ob das Gewehr schussbereit war. Er war felsenfest entschlossen, diesem Tierquäler, diesem meuchelnden Tierschänder zuerst eins zu verpassen und dann zu fragen, wer da sei. Seine Strategie der Nachtwache war also richtig gewesen. Er kam zurück. Die Stute wandte sich wieder dem Gras zu, wechselte dabei aber schneller als sonst ihre Position. Glücklicherweise aber in eine Richtung, die es dem Beobachter ersparte, seinen Platz verlassen zu müssen. Die Stute blieb wiederum im Schatten stehen. Ausgiebig untersuchte das Nachtglas die nähere und weitere Entfernung, aber es war nichts Auffälliges festzustellen.

Auch, wenn sich die nervliche Anspannung des Beobachters legte, so blieb dennoch die Wut über einen solchen Tierquäler in seinem Kopfe. Psychopathen, Frustrierte sollten es sein, die ihre Frustration an Pferden ausließen. Wenn der in seine Hände fiele, er würde ihn schon heilen. Er würde so lange auf ihn einschlagen, bis dass dieses Schwein froh sein konnte, durch eine Erklärung seiner Beweggründe eine Pause in seiner Heilbehandlung zu erreichen. Es kam nicht in seinen Schädel, wie man ein wehrloses Tier mutwillig verletzen konnte, um es dann auch noch verbluten zu sehen. Eigentlich sollte man mit ihm genauso verfahren, wie er mit den Pferden umging: aufschlitzen und dann qualvoll liegenlassen. Solche Gedanken taten gut. Er wusste aber auch, dass er solche Gedanken nie umsetzten würde. Aber diesem Monster würde er eine solche Tracht verabreichen, dass sich dieser in seinem Leben nie mehr traute, sich einem Pferd zu nähern. Dies war auch der Grund gewesen, warum er seine Pferde immer noch auf die Weide stellte. Freunde und Nachbarn hatten ihm davon abgeraten. Dass diese ihre Pferden nun im Stall hielten, passte genau in seine Überlegungen, seinem Plan. Er hatte sich ausgerechnet, dass durch eine solche Aktion sich nun wenig Pferde auf den Weiden aufhalten würden. Wenn, dann müsste dieser Mistkerl hierher kommen. Das war die Chance, auf die er wartete. Dabei wollte sie diesem Subjekt so eine verpassen, dass dieser sich ernstlich verletzen würde. Es war anzunehmen, dass sich diese Missgeburt zum Ort seiner Schlächtereien zurückkommen würde. Deshalb saß er hier. Ihn würde er gebührend empfangen. Er hatte über seine Beweggründe gegenüber seinen Nachbarn und Freunden geschwiegen. Einmal wollte er keine „schlafenden Hunde“ wecken, also diesen Bekloppten nicht vorwarnen, zum anderen wollte er vermeiden, dass man ihm hierbei Vorsatz nachweisen konnte, falls er diesem Ferkel eine Lektion erteilen würde.

Die zunehmende Helligkeit kündigte die Ankunft der Sonne an. Die Schatten an der Weidenbegrenzung wurden immer schwächer. Es würde nun nicht mehr solange dauern, bis die ersten Landwirte unterwegs zu ihren Feldern sein werden. Der Nebel zog in leichten Streifen über das Gras der Weide. Die Pferde verharrten in ihrer Bewegung, als gelte es, den Augenblick als Bild einzufangen. Die Schönheit dieser frühen morgendlichen Stunde legte sich auf sein Herz. Der Frieden kehrte in seinen Kopf ein und vertrieb die mordlüsternen Gedanken. Irgendwie hatte sich seine Wache, seine entbehrungsreiche Nacht doch wohl gelohnt. Seinen Pferden war diese Nachts nichts geschehen. Wenn er jetzt noch zwei Stunden Schlaf finden könnte, dann könnte er seinem Tagwerk nachgehen.

 

Seit dem grauenvollen Vorgang waren nun schon fünf Tage vergangen, fünf Tage, an denen der Züchter die Nacht zum Tage gemacht hatte. In seiner Brust machten sich Zweifel breit, ob er mit seiner Annahme auch richtig läge. Jeden Mittag hatte er die Zeitung sorgfältig daraufhin durchgelesen, ob irgendein Artikel über den heimischen Stutenschlitzer veröffentlicht wurde. Aber er wurde nicht fündig. Vielleicht hatte dieser Unhold schon anderswo wieder zugeschlagen und der betroffene Leidensgenosse hatte sich so verhalten, wie er selbst. Er hatte nämlich den Tierarzt nicht alles über den Vorgang erzählt und ihn gebeten, nichts weiter zu zutragen. Mit jeder weiteren Nacht, die er an der Weide verbrachte, musste er sich selbst zwingen, in seinem Verhalten nicht nachzulassen. Nur der unbändige Hass, die ihn bei jedem Gedanken an diesen Schlitzer befiel, beflügelte ihn dazu. Rache beherrschte seine Gedanken noch, wie am ersten Tag. Hier musste gehandelt werden. Sollte dieser Gehirnkranke beim zweiten Versuch Erfolg haben, er würde weitermachen. Den Verlust seiner Pferde wollte er nicht kampflos hinnehmen. Sein Kampf war auch ein Kampf für die anderen Pferde dieser Umgebung. Mit jeder erfolglosen oder wenn man wollte erfolgreich durchwachten Nacht stieg in ihm der Groll gegen diesen Abschaum der Menschheit hoch.

Nun war es doch geschehen. Krampfhaft hatte er sich bemüht, dieses zu vermeiden. Er fluchte laut mit sich selbst über sich. Er hatte sich verschlafen. Während er so schnell wie möglich dem geschlungenen Feldweg Richtung Weide folgte, suchte er nach einer Entschuldigung. Er hatte sich nicht wohl gefühlt. Hoppla! Nicht in die Pfütze treten und ausrutschen! Wenn er jetzt Lärm machte, würden die Pferde ihn an den Schlitzer verraten, wenn er denn da sei. Warum musste er auch seinem Schlafbedürfnis nachgeben? Sicher! Er hatte in letzter Zeit wenig Schlaf gehabt. Aber dass er den Wecker überhört hatte und sich dadurch verschlafen hatte, das würde er sich nie verzeihen. Es war nach zwei Uhr in der Nacht, als er auf seinem Sofa aufgeschreckt war. Um zehn Uhr war er sonst gewöhnlich auf seinem Beobachtungsposten. Und nun das! Ab jetzt sollte er sich noch vorsichtiger vorwärts bewegen. Er hielt inne, als er sich der Weide näherte und lauschte. Nur die Geräusche der Nacht drangen an sein Ohr. Das musste nichts Gutes bedeuten, denn der Schlitzer könnte schon zugeschlagen haben. Er schlich vorwärts und verließ den Feldweg hinter der Brücke, die über den Bach führte. Er hielt sich im Schatten, um selbst nicht gesehen zu werden. Von Zeit zur Zeit nahm er das Nachtglas an die Augen, drehte an der Schärfenjustierung und hielt nach den beiden Pferden Ausschau. Aber er konnte nichts sehen. Mit dem Handrücken wischte er sich in kurzen Abständen den Schweiß aus dem Gesicht. Mit Zeigefinger und Daumen fuhr er entlang seiner Nase, um den Schweiß aus den Augenwinkeln zu entfernen. Nicht jetzt auch noch ein Tuch suchen müssen, um den Schweiß vom Okular zu entfernen. Da sah er das Fohlen. Nur der Schweif ragte aus dem Kernschatten eines Weißdorns heraus. Wo das Fohlen war, war auch in der Regel die Stute. Lag sie schon aufgeschlitzt auf dem Boden? Er konnte nichts erkennen. Er rieb zuerst die rechte, dann die linke Hand über den jeweiligen Oberschenkel, weil er Angst hatte, das Nachtglas nicht mehr halten zu können. Er wollte schon alle Vorsicht über den Haufen werfen und sich dem Tier nähern, als er ein leises Schnauben vernahm. In diesem Geräusch lag keine Gefahr, keine Möglichkeit einer Verletzung. Die Panik legte sich, er schaute nun entspannter durch die Optik. Da stand die Stute circa 10 Meter von ihrem Fohlen entfernt und graste in aller Ruhe. Der nächtliche Beobachter nahm sich nun alle Zeit der Welt und observierte das Terrain. Nichts war zur erkennen. Er hatte noch einmal Glück gehabt. Erleichternd atmete er mehrfach tief durch. In aller Ruhe nahm er seinen gewohnten Beobachtungsposten ein. Ein oder zweimal nahm er noch das Glas zur Hilfe, um nach dem Rechten zu sehen. Aber es blieb alles ruhig. Mit der Zeit bewegte sich die Stute aus dem Schatten, gefolgt von ihrem Fohlen und blieb grasend im schwachen Mondlicht stehen. Er fühlte sich auf einmal reich. Dieses Gefühl nahm immer mehr von ihm Besitz. Wer hatte schon das Glück, ein solches Bild des Friedens miterleben zu dürfen.

Am Horizont wurde der Streifen immer heller. Bald würde die Sonne aufgehen. Normalerweise würde er sich nun bald auf den Heimweg machen, aber er fühlte sich nicht wie sonst so müde. Er hatte ja geschlafen und das Bild der aufgehenden Sonne, die friedlich grasenden Pferde, hielten ihn fest. Er wollte noch einen Augenblick länger verweilen. Zumal auch deshalb, weil das Fohlen begann, mit der sich immer mehr ausbreitenden Sonne, unternehmungslustiger zu werden. Das Unheimliche, das es mit der Dunkelheit verband, legte es ab. Es sprang und tollte über die Wiese, als ob es die gesamte Nacht eingesperrt worden war und nun Auslauf bekäme. Die Kreise um die Stute wurden immer größer, die Bewegungen immer ausgelassener. Da sah er es zum ersten Mal.

Wer zum Teufel“, fuhr es ihm über die Lippen, „hatte auf meine Weide den Baumstamm geworfen"? Das war gestern nicht geschehen. Das musste heute Nacht passiert sein. Eine solche Verantwortungslosigkeit ließ seinen Ärger ansteigen. Sollten sich die Pferde daran verletzen? Um diese Zeit war eigentlich mit dem Schlitzer nicht mehr zu rechnen, denn in unmittelbarer Nähe hörte der die Arbeitsgeräte der Landwirtschaft. Er erhob sich und ging auf die Stelle zu, wo der Stamm lag. Da auf einmal sah er es. Die Blutlache war so groß, dass man sie nicht übersehen konnte. Hier war eine Menge Blut geflossen. Sein Atem stockte, sein Blick suchte die Pferde. Die Stute wieherte, als sie ihn erkannte. Sicherlich erhoffte sie eine Leckerei. Erst als er kurz vor dem Baumstamm stand, stockte sein Atem. Vor ihm lag die Leiche einer Frau. Der zweite Blick verriet ihm, dass ihr Kopf bis zur Unkenntlichkeit zermatscht war. Oberhalb der halbgeöffneten Bluse war nichts mehr als eine blutige Masse. An dem geronnenen Blut war zu sehen, dass sie schon lange tot war. Die Frage des Todes war eindeutig beantwortet. Einen knappen Meter entfernt lag ein Stilett auf dem Boden. An ihm befand sich kein Blut. Eigentlich hätte er sofort die Polizei verständigen müssen, aber er entschied anders. Er untersuchte seine Tiere auf Verletzungen. Er atmete auf, als er sie unverletzt vorfand.

 

Es hatte viel Aufregung gegeben. Die Kriminalpolizei, die er gerufen hatte, stellte viele Fragen. Er hatte angegeben, erst um diese Zeit zur Weide gegangen zu sein. Von seinen mitternächtlichen Ausflügen sagte er kein Wort. Der Polizei war es trotz intensiver Bemühung nicht gelungen, festzustellen, wer diese Frau war. Zweifelsfrei hatte man es hier mit einer Schlitzerin zu tun, welche die beiden Pferde schon einmal heimgesucht hatte. Auf der linken Seite ihres Oberkörpers war eine frisch verheilte Wunde zu sehen. Es war anzunehmen, dass die Blutspur in der Sattellage lache, die er später erst gesehen hatte, Folge des ersten Überfalls war. Er musste unangenehme Fragen der Kriminalpolizei beantworten, warum er den ersten Vorgang nicht gemeldet hatte. Er hatte einen Rechtsanwalt eingeschaltet, zumal man ihm androhte, die Stute wegen dieses Vorfalls einschläfern zu wollen. Analysen an ihrem Huf hatten ergaben, dass sie zweifelsfrei die Frau erschlagen hatte. Aber sein Rechtsanwalt hatte sich mit seiner Position durchgesetzt, dass die Stute quasi in Notwehr gehandelt haben musste. Schließlich lag ja als Beweis das Messer am Tatort.

Anfänglich hatte er Genugtuung darüber empfunden, was dieser Frau widerfahren war. Für ihn hatte sie die gerechte Strafe erfahren. Die Stute hatte ihm abgenommen, was er ihr sonst vielleicht angetan hätte. Aber das Gefühl des Triumphs war nicht stabil. In dem Maße, in dem es verblasste, stellten sich im Traum die Bilder ein, die ihm zutiefst zu wider waren. Immer und immer wieder sah er diesen formlosen, blutenden Kopf, oder was davon übrig geblieben war. Es wurde immer schlimmer. Vorletzte Nacht hatte sich die Frau zum ersten Mal im Traum bewegt. Gestern Nacht war sie auf ihn zugekommen, das Stilett in der linken Hand. Ihm grauste vor dem nächsten Schlaf. Sollte er nicht lieber seinen Beobachtungsposten an der Pferdekoppel einnehmen?

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