Volker Walter Robert Buchloh

Der Frechdachs

Der Frechdachs

 

von

Volker Buchloh

2007

 

 

 

Der Ruf der Stute war kräftig und meilenweit zu hören. Aber demjenigen, dem dieser Ruf galt, der hörte ihn nicht. Na, ja, er wollte ihn auch nicht hören, denn seine Mutter hatte immer etwas an ihm auszusetzen. Und dieses geschah meistens dann, wenn er gerade etwas tat, dass ihm viel Spaß bereitete.

Wieder erscholl der eindringliche Schrei der Schimmelstute:

„Fernando, mache nicht so enge Wendungen! Gleich brichst du dir alle Beine.“

Der Angesprochene stellte sich weiterhin taub. Er fand es nämlich ungemein amüsant, über die Weide zu galoppieren, um Vögel aufzuscheuchen, die Würmer aus dem nassen Gras pickten. Dann hatte man schleunigst kehr zu machen, denn diese bewegungsfaulen Zeitgenossen ließen sich sofort wieder nieder, sobald er vorbei galoppiert war. Aber Fernando war nicht bewegungsfaul. Das Gegenteil war der Fall. Ein kurzer Spurt und seine maximale Geschwindigkeit war wieder erreicht. Und schon musste sich das nichtsnutzige Federvieh erneut in die Lüfte erheben. Und weil man davon ausgehen konnte, dass sie sich unmittelbar darauf wieder niederlassen würde, konnte dieses Spiel unendlich fortgesetzt werden.

Wieder erscholl der Warnruf der Mutter. Nur Bruchstücke drangen an das Ohr des Hengstfohlens.

„... gleich passiert was!“

Aber Fernando ließ teilnahmslos dieses ewige Gezeter verklingen. Genüsslich schnaubte das Pferdejunge voller Lebensfreude. Die Mutter hatte doch immer was zu bemängeln, oder zu meckern. Sie stand den ganzen Tag herum und stopfte sich den Magen mit Wiesenkräutern voll. Nur um dann manchmal einen Schritt vorwärts zu gehen. Das war ätzend langweilig. Und wenn er sie mal ein wenig knuffte, um sie zu einem Galopp über die Weide aufzufordern, dann legte sie missmutig die Ohren nach hinten und drohte mit der Hinterhand. Das einzige, was ihm blieb, war das Aufscheuchen der Vögel oder das Erkunden von Unbekanntem. Aber auch das war nur dann interessant, wenn es mit Geschwindigkeit verbunden war.

Hei!

Da vorne war eine Stelle, die er bislang noch gar nicht bemerkt hatte. Hier stand das Gras besonders hoch. Vielleicht versteckten sich dort ein paar Vögel, die man aufscheuchen konnte. Als er sich der Stelle näherte, da roch er es schon. Hier war die Toilette von Mutter und ihm. Fernando wusste, hier schmeckte das Gras bitter. Deshalb ließ man es ungestört wachsen. Aber das bedeutet nicht, dass man diese Stelle nicht betreten durfte. Könnte man nicht versuchen, hierauf eine Wendung zu machen? Dem Gedanken folgte die Tat. Fernando galoppierte auf die Stelle hin. Dort, wo das Gras besonders hoch war, da sollte die Wendung erfolgen.

Dabei hatte das Fohlen nicht bedacht, dass die Grasnabe an dieser Stelle noch feucht von nächtlichen Tau war. Auch wusste er nicht, wie glitschig Pferdeäpfel waren.

Es kam, wie es kommen musste. Das rechte Hinterbein rutschte weg, kaum dass es in Berührung mit dem Kot kam. Da sich naturgemäß das andere Hinterbein in der Luft befand, gab es nunmehr keine Stütze für die Hinterhand. Sie plumpste auf den Boden. So konnten auch die beiden Vorderbeine das Gewicht des Körpers nicht mehr tragen. Fernando überschlug sich. Benommen blieb er liegen. Deshalb bekam er nicht mit, wie erschrocken die Tauben über dieses ungewöhnliche Ereignis waren. Sie stürzten in die Luft und ließen sich auf dem Dach eines weiter entfernten Stallgebäudes nieder. Von dieser sicheren Stelle wollten sie beobachten, wie sicher oder unsicher ihr Futterplatz war. Die Würmer dort waren aber auch äußerst bekömmlich.

Die weiche Schnauze seiner Mutter stieß in seine Lenden.

„Siehst du, das habe ich gemeint. Wer nicht hören will, der wird es fühlen müssen.“

Benommen sortierte Fernando seine Beine, erhob sich und schüttelte erst einmal seinen Kopf. Das war ihm aber peinlich. Dass seine Mutter wieder einmal Recht gehabt hatte, das fuchste ihn gewaltig, aber der Schock war ihm dennoch in die Glieder gefahren.

„Es ist doch überhaupt nichts geschehen“, erwiderte er schnippisch. „Ich habe noch nicht einmal eine Verstauchung, geschweige denn so etwas wie einen Knochenbruch.“

„Ein Knochenbruch ist nicht heilbar.“

Über so viel Unverstand konnte die Stute nur mit dem Kopf schütteln. Sie begann wieder zu grasen, musste sich doch dafür sogen, dass wieder Milch in ihrem Euter entstand und mit den besten Nährstoffen durchsetzt war. Nur so würde aus dem kleinen Fernando ein stattlicher Hengst werden können.

Der Lausbub war durch die Bemerkung seiner Mutter mehr verunsichert, als er zugeben wollte. Wenn solche Wendung so gefährlich waren, wie Mutter behauptete, dann sollte man sich doch ein anderes Betätigungsfeld suchen. Das rechte Sprunggelenk, auf das er gefallen war, schmerzte doch mehr als geglaubt. Da eine schnellere Gangart nur mit Schmerzen verbunden war, konnte man durch den Schritt zeigen, dass man einsichtig war, ohne zugeben zu müssen, einen Fehler gemacht zu haben.

Wie er so über die Wiese schlenderte und nach allen Seiten Ausschau hielt, da fiel sein Blick auf einen Weidepfahl. Er war krumm gewachsen und lud förmlich dazu ein, genauer untersucht zu werden. Der Geruch verriet, es handelte sich um Holz. Und wenn er sich die Erklärung seiner Mutter in Erinnerung rief, dann musste dies Eiche sein. Für Fernando gab es nur zwei Sorten von Gegenständen. Entweder waren sie fressbar oder nicht. Die Frage beantwortete sich immer, in dem man hinein biss. Also grub er seine Zähne in Querschnittsfläche des Pfahls.

„Hey, das war aber festes Material.“

Dieser Pfahl war gar nicht so weich wie das Gras und viel härter als der Hafer, von dem er seiner Mutter etwas stahl. Aber vielleicht, wenn man es mehrmals versuchte, änderte sich was. Die Zähne des Fohlens wanderten hin und her. Kein noch so winziger Span lies sich aus der Oberfläche lösen.

„Pass auf, gleich hast du einen Splitter in der Lippe.“

Was die Mutter immer hatte. Alles was er machte, das machte er falsch. Dabei hatte er gerade Erfolg. Eine Faser lies sich mit einiger Mühe aus der Holzoberfläche lösen. Und dann sollte man aufgeben? Vielleicht würde der Pfahl seinen Widerstand gleich aufgeben und weicher werden. Man musste eben nur dranbleiben. Und er hatte Recht. Eine weitere Faser gab ihren Widerstand auf und ließ sich verschlucken. Aufgeben war zu diesem Zeitpunkt die falsche Strategie. Wieder und wieder gruben sich die kleinen Zähne in das Eichenholz und ab und zu gelang es ihm tatsächlich, einzelne Fasern herauszulösen, die dann prompt verschluckt wurden.

„Muss ich erst kommen, um dir gewaltig in den Hals zu beißen?“ Seine Mutter schien ärgerlich zu sein.

Oh! Diese Zähne kannte er. Diese waren viel größer und kräftiger als die seinen und sie konnten mächtig Weh tun. Fernando grummelte Unverständliches, aber er ließ dann doch von der Holzbearbeitung ab.

Bah, ist das hier langweilig! Augen und Ohren drehten sich nach links und rechts, auf der Suche nach etwas Interessantem. Auf einmal fiel sein Blick auf einen dünnen Draht, der in der Luft schwebte. Er war kaum erkennbar und nur bei genauerem Hinsehen sichtbar. Ein schwebender Draht. Das musste genauer untersucht werden. Langsam humpelte er auf den Draht zu. Den letzten Rest der Strecke legte er durch ganz vorsichtiges Strecken seines Halses zurück. Seine Geruchsnerven meldeten: Geruchlos! Etwas, das nach Nichts roch? Das konnte nicht gefährlich sein. Nur eine Geschmacksprobe würde weitere Aussagen zulassen. Fernando öffnete vorsichtig seine Lippen. Seine Zähne öffneten sich. Als er zurück schreckte.

„Sei vorsichtig! Gleich wirst du fürchterlich an der Nase gezwickt werden.“ Die Stute kaute dabei ihren Mund leer.

Die Stimme seiner Mutter klang streng und herausfordernd. Was die auch immer hat, dachte Fernando. Nicht der geringste Spaß wird einem gegönnt. Der Draht sah immer noch harmlos aus. Er hatte keine Zähne und dann konnte er auch nicht zwicken. So einfach war das.

Irgend etwas in seinem Inneren forderte ihn auf zu überprüfen, ob seine Mutter wohl Recht hatte. Aber so sicher wie vorher war er sich nicht mehr. Millimeter um Millimeter schob das Hengstfohlen seine Nase in Richtung Draht. Ab und zu stockte er und überlegte. Der Draht änderte sein Verhalten in keinster Weise. Gerade, als er seinen ganzen Mut zusammen nahm, berührte er den Draht. Natürlich nur ein bißchen.

Er hatte die Empfindung >Kalt!< noch nicht durchdacht, als der elektrische Strom über die Nase durch seinen Körper floss, um im Boden wieder zu verschwinden. Fernando glaubte sich von einem gewaltigen Hammerschlag getroffen. Unkontrolliert sprang er zurück. Alle Vögel schreckten auf. Sogar seine Mutter machte einige Sätze vom Zaun weg, bis sie merkte, dass keine Gefahr drohte.

Das Hengstfohlen schüttelte ungläubig seinen Kopf. Das musste aber ein gefährlicher Zeitgenosse sein, der ohne Anzeichen von Aggression und Vorwarnung so fürchterlich reagieren konnte. Mit dem wollte er aber auch künftig nichts mehr zu tun haben.

Der Schmerz flaute schneller ab, als erwartet. Fernando beschloss, sich nach einen gefahrloseren Betätigungsfeld umzuschauen. Galoppiere ich noch eine Runde über die Weide, oder nehme ich einen kräftigen Schluck Milch? Er hatte sich wegen der Schmerzen in der Hinterhand gerade für eine Zwischenmahlzeit entschieden, als er einen Vogel erblickte, der einen langen Wurm aus dem Boden zerrte.

Oh! Das sah aber auch interessant aus.

„Wie heißt du? Ich bin Fernando, der Hengst.“

Dabei verschwieg er geflissentlich, dass er eigentlich nur ein Hengstfohlen war.

„Ich bin Dolly Dohle“, antwortete der Vogel und schluckte schmatzend den Rest des Regenwurms herunter.

„Warum haust du immer ab, wenn ich über die Weide galoppiere?“ Fernando stellte sich scheinheilig und fügte verschmitzt hinzu: „Hast du Angst? Bis du ein Feigling?“

„Ich und ein Feigling?“, prustete die Dohle entsetzt und stampfte mit dem Fuß auf den Boden.

„Ich will nur nicht von so einer dicken Dampfwalze, wie du eine bist, überrollt werden. Aber Angst, nein Angst habe ich nicht.“

„Dann können wir das doch einfach schnell einmal testen.“

Das Pferd richtete sich auf, in der Vorfreude, was da kommen würde.

„Du hast keinen Mut, den Draht da vorne zu berühren.“ Und um zu unterstreichen, dass er allen Worten der Dohle keinen Glauben schenken würde, verzog er seine Lippen geringschätzig nach hinten.

„Berühren? Das ist eine Kleinigkeit. Da setze ich mich sogar drauf.“

Dolly Dohle blies ihr Gefieder auf, so weit wie es ging, um zu unterstreichen, zu welcher gewaltigen Leistung sie fähig sei.

„Das möchte ich aber sehen“, schnaubte Fernando ungläubig.

Dolly Dohle erhob sich, flog ohne Umschweife zu dem Draht und ließ sich auf ihm nieder.

„Jetzt, jetzt“, flüsterte das Fohlen.

„Jetzt bekommt sie einen Schlag mit dem Hammer. Jetzt!“

„Ich kann sogar darauf herumtanzen!“

Um ihre Worte zu unterstreichen, hüpfte Dolly auf dem dünnen Draht hin und her. Aber der erwartete Schlag mit dem Hammer blieb aus. Ungläubig weiteten sich die Augen des Pferdes. Nichts geschah. Jetzt nicht und auch einen langen Zeitraum darauf nicht.

„Wie lange muss ich denn hier noch sitzen, damit du mir glaubst.“ Dolly Dohle streckte ihren Schnabel gegen den Himmel. „Siehst du, Ich bin kein Feigling.“

Um ihren Wagemut auch noch zu unterstreichen stand sie auf und schlug mit ihren Flügeln.

Das verstehe, wer kann, dachte Fernando, wobei er enttäuscht seine Lippen verzog. Es war ungerecht. Immer musste nur ihm so etwas passieren, den anderen aber nicht.

„Ist schon gut, schon gut. Du bist kein Feigling.“ Seine vorher übermütige Stimme klang nun reumütiger.

Die Welt ist ungerecht. Die Großen und Starken bekommen ohne Vorwarnung einen gewaltigen Schlag mit dem Hammer und den Kleinen passiert überhaupt nichts. So etwas konnte einem den ganzen Tag verleiden. Missmutig humpelte Fernando zu seiner Mutter. Er war sich noch nicht sicher, ob er ihr von seinem Pech erzählen wollte.

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