Volker Walter Robert Buchloh

Die Alte gibt nicht auf

Die Alte gibt nicht auf

 

eine Erzählung von Volker Buchloh

1999

 

 

1

 

Der Scheibenwischer hakte immer dann, wenn sein Gummi der Einfassung der Windschutzscheibe zu nahe kam. Aber die Fahrerin bemerkte dies nicht. Sie fuhr ungern bei einem solchen Wetter. So konzentrierte sie sich voll darauf, was die Scheinwerfer ihres Wagens sichtbar machten. Nach einiger Fahrzeit schloss sie zu einem Lkw auf, dessen Fahrer wohl noch mehr Angst verspüren musste als sie selbst, denn das Fahrzeug vor ihr bewegte sich noch langsamer als ihres. Aber sie traute sich nicht den Wagen zu überholen. Nicht bei diesem Wetter und dieser Dunkelheit. Die Regentropfen wanderten die Scheibe aufwärts, bis der Scheibenwischer sie zur Seite putzte.

Die Fahrerin war eine alte Dame, dessen Alter nicht bekannt ist, weil man Damen über Fünfzig nicht mehr nach ihrem Alter fragt. Aber die schlohweißen Haare verrieten doch das ein oder andere. Man hatte sie auf den Namen Klara getauft, ein Name den sie zutreffend fand. Im Schein der Armaturenbeleuchtung wurde ein geblümtes Kleid sichtbar, über dem sie trotz der eingeschalteten Heizung eine Strickjacke trug, die oberhalb ihrer Brust zugeknöpft war. Nur mit einem Teil ihres Körpers war sie nicht zufrieden. Um die Straße vor ihrem Auto überblicken zu können musste sie ein Kissen auf dem Fahrersitz legen. Die modernen Pkws hatten eine Ausgleichsmechanik. Ihr alter Focus der ersten Generation hatte sie noch nicht.

Eigentlich wollte sie um diese Zeit schon längst zu Hause in Dorsten Hardt sein, bei diesem Regenwetter vor allem. Aber ihre Familie hatte sie daran gehindert. Na ja, Familie war nicht das zutreffende Wort. Es waren ihre beiden Enkelkinder, die sie im Königshardt besucht hatte. Ihren bittenden Augen, noch ein paar Minuten länger zu bleiben, hatte sie nichts entgegensetzen können. Bekanntlich bedeuten einige Minuten übersetzt meist eine Stunde, und so war es heute auch gewesen. Marina war die älteste von den beiden Kindern und schon acht Jahre alt. Die Schule hatte sie zu einem selbstständigen Wesen gemacht. Sie wusste was sie wollte und konnte nur mit Worten überzeugt werden. Wetter und Dunkelheit waren keine Argumente die ihr einleuchteten, wenn sie mit der Großmutter spielten. Tina, noch keine fünf Jahre alt, war ein verspieltes kleines Ding. Wenn Oma Klara etwas von ihr wollte, dann tat sie mitunter genau das Gegenteil von dem, was sie eben noch gewollt hatte.

Die Bremslichter des Vordermanns brachte die Frau in die Gegenwart zurück. Sie hielt den Abstand bei und folgte dem Fahrzeug in die Kurve. Dem verwaschenen Aufdruck auf der zitternden Plane konnte man auf das hohe Alter des Lastkraftwagens schließen. Ob er so alt war wie ihr Focus. Dieser war von 2000 und hatte – sie schielte auf den Tachometer – fast hundertfünfzig tausend Kilometer auf dem Buckel. Sie versuchte die Buchstabenfolge zu enträtseln, aber Wind und Sonne hatten sie unlesbar gemacht. Gewaltig rüttelte der Wind an dem Segeltuch. Nur dank der Befestigungsösen folgte es nicht dem Fahrwind. Sie hatte die Grafenmühle gerade passiert. Da brachte eine Windböe den Vordermann in Schwierigkeiten. Sie vergrößerte den Abstand.

Da sie sich entschlossen hatte nicht zu überholen, begannen ihre Gedanken wieder zu ihrer Familie zu wandern. So bemerkte sie den schwarzen Schatten erst als er schon ein weites Stück unter der Plane hervorgekrochen war. Er hatte eine Stelle gewählt, die wohl nicht von einer Öse gesichert wurde. Sie konnte sich nicht erklären, was da ablief und glaubte mehr an ein Spiel von Licht und Schatten, welche die wandernden Scheinwerfer ihres Focus bei der kurvenreichen Strecke auf die Rückfront projizierten. Auch als zwei strampelnde Beine sichtbar wurden, glaubte sie noch an eine Sinnestäuschung. Gaukelten ihre Augen ihr etwas vor was sie fälschlicherweise für Beine hielt und in Wirklichkeit etwas anderes war? Aber ihre Augen wurden nicht getäuscht. Es waren Beine, zweifelsfrei Beine, und sie mussten zu einem Menschen gehören.

Das wollte sie aber nun genauer wissen. Zunächst tippte sie auf einen Scherz, einen Scherz dessen Sinn sie im Moment nicht begriff. Aber die Füße suchten sichtbar nach einem Halt. Sollte diese Erklärung zutreffen, – wer klettert bei diesem Wetter und während der Fahrt aus diese Weise von einem Lkw herunter? – dann war Vorsicht geboten. Es galt den Abstand zum Vordermann zu verlängern. Sie verringerte den Druck auf das Gaspedal, der Focus fiel zurück. Aber dies war auch keine Lösung, denn durch den größeren Abstand sah sie schlechter, was auf dem Laster geschah.

So beschleunigte sie ihren waren behutsam. Die erneute Annäherung beseitigte ihre Zweifel. Hatte sie nur Konturen und Schatten gesehen, so erschien auf dem Rücken der Person eine unleserliche farbige Inschrift. Die suchenden Bewegungen des Menschen hörten auf, er schien Halt gefunden zu haben. Eine Zeitlang tat sich nichts. Der Verlauf der Straße zwang wohl den Fahrer des Brummis zu einer Korrektur. Auf jeden Fall schwankte das Fahrzeug hin und her. In den Schatten kam auf einmal Bewegung. Die Beine strampelten verzweifelt. Hektisch suchten sie erneut nach einem Halt. Ob wohl beide Kraftfahrzeuge eine Geschwindigkeit von gut siebzig Stundenkilometern hatten, versuchten die Beine bei dieser Geschwindigkeit mitzuhalten. Es war abzusehen, dass dies nicht gut gehen konnte. Klara zog den Wagen in die Mitte der Straße, geradezu rechtzeitig um den fallenden Körper nicht zu berühren.

Spontan wollte sie bremsen. Aber das Gefühl der Hilfsbereitschaft wurde sofort durch den Instinkt der Angst verdrängt. Bei diesem Wetter und einer solchen Dunkelheit? Nein, das kam nicht infrage. Wer weiß, wo der Körper hin gerollt war? Sie hatte keine Lampe dabei. Und dann den schützenden Kokon aus Blech aufzugeben? Eher würde sie sterben.


 


 

2


 

Die Mine des Mannes zeigte deutlich eine Gereiztheit, die ihm als Uniformträger nicht zustand. Die Tränensäcke seiner Augen gaben ihn das Ansehen eines Bernhardiners. Seine schütteren Haare kündigten eine kommende Halbglatze an. Er hatte zwar den Schilderungen der alten Frau zugehört, dabei aber die ganze Zeit unlustig mit einem Kugelschreiber gespielt. Er hatte zwar mehrmals den Schreibstift für eine Notiz angesetzt, dann aber immer wieder den Versuch abgebrochen. Der Polizist fluchte innerlich. Warum musste er gerade jetzt Dienst schieben, um sich das Geschwafel der irren Alten anhören zu müssen. Er verfluchte seinen Dienstherren, der ihm auferlegte gegen jeden freundlich zu sein. Auch bei so einer Spinnerin. Die da oben hatten doch keine Ahnung von der täglichen Arbeit. Er wusste aus Erfahrung, solche Leute waren gefährlich, ließ man sie nicht ausreden. Sonst brachten sie es fertig, und beschwerten sich beim Dienststellenleiter. Das würde noch mehr Ärger bedeuten. Also schaltete er einfach ab, und ließ die Irre reden. Er zauberte ein Lächeln hervor, was ihm aber misslang. Aber die Frau bemerkte dies nicht. Zu sehr war sie mit den Bildern beschäftigt, welche sie seit gestern Abend ständig verfolgten. Als sie geendet hatte, und den Beamten freundlich anschaute, atmete der Uniformierte tief durch. Er räusperte sich und setzte mit einer Tastenbewegung den Bildschirm seines Computers in Bewegung.

„Also, Ihren Namen?“

„Aber ich habe doch vorhin schon...“

Das Lächeln kühlte sich ab. „Es ist notwendig.“ Der Bescheid war endgültig.

Nun seufzte die Frau. „Klara Schmitz.“

„Geborene?“

„Bergner, Klara Bergner.“ Die Finger begannen auf der Tischplatte des Dienstschreibtisches zu tanzen, hörten aber sofort auf, als der Bernadinerblick des Polizisten sie missbilligend ansah.

„Ausweis?“

Klara Schmitz kramte in ihrer Handtasche, dann legte sie die Karte auf den Schreibtisch. Während der Uniformierte die weiteren Daten auf die Tastatur übertrug, beherrschte sie sich, erneut zu trommeln. Also schaute sie in die Krone einer Linde, welche versuchte den Angriff des Windes durch Bewegungen auszuweichen.

„Nun, dann erzählen Sie mal.“ Das verunglückte Lächeln trat wieder zu Tage.

„Aber ich habe Ihnen schon zweimal...“

Die Hände des Polizisten plumpsten auf die Schreibtischplatte. Die Frau zuckte zusammen.

„Also, meine Dame. Jetzt geht es um das Protokoll. Also?“ Die Lidfalten blieben unten.

Stotternd begann Klara Schmitz mit den Schilderungen des gestrigen Abends. Nach jedem Satz wurde sie unterbrochen, denn der Gesetzeshüter wiederholte laut, was er in die Tastatur tippte. In den Zwangspausen starrte sie auf das Namensschild vor ihr auf dem Schreibtisch. Kriminalkommissar P. Weigelt stand dort eingraviert.

„Und Sie sind sich sicher, dass es sich um Beine handelte, die Sie zu sehen glaubten?“ Es weigerte sich allen in ihm, das Gesagte niederzuschreiben. Absurd! Wer würde bei einer solchen Geschwindigkeit von der Ladefläche eines Lkws steigen. „Und ich sage es noch einmal: Wir haben nichts gefunden. Kein Blut, keinen Körper. Nichts.“

Die Stimme nahm einen trotzigen Klang an. Was ich gesehen habe, das habe ich gesehen. Sie hob ihre Handtasche hoch und stellte sie energisch auf ihren Schoß ab. Unwillig protokollierte der Mann Satz für Satz das Gesagte. Dabei zuckte der Gedanke durch sein Gehirn, man hätte der Alten einer Alkoholprobe unterziehen müssen. Er seufzte. Dafür war es jetzt wohl zu spät. Er schluckte, dann blies er seine Backen auf.

„Also, weiter. Was geschah dann?“

Klara Schmitz schilderte den Rest ihrer Beobachtung. Wieder und wieder wurden ihre Sätze wiederholt, um in Tastaturbewegungen umgesetzt zu werden. Während der Kriminalkommissar den letzten Satz des Protokolls einfügte, ergriff Oma Klara ihre Handtasche beim Kopf und kniff sie befriedigt zusammen.

Kriminalkommissar P. Weigelt beendete die Eingabe, machte eine Denkpause, dann hob er seinen Kopf. „Warum sind Sie nicht ausgestiegen, um nach dem angeb...“ Er räusperte sich. Beinahe hätte er gegen seine Neutralitätspflicht verstoßen. „... nach dem Verunglückten zu sehen?

„Ich?“ Hände und Handtasche wanderten Richtung Hals. „Bei dieser Dunkelheit? Bei diesem Wetter?“

„Na ja.“ Die Schärfe verschwand aus der Stimme des Kommissars. „Die Situation? Ihre Neugierde vielleicht?“

Klara Schmitz fühlte sich in die Enge gedrängt. Sie musste anders reagieren. „Musste ich denn dort halten. Ich habe doch so schnell wie möglich die Polizei angerufen.“

Weigelt schluckte, dann räusperte er sich mehrmals. „Also. Nicht, wenn Sie sich bedroht fühlten.“

Die Frau vor ihm atmete erleichtert auf. „Natürlich war das eine bedrohliche Situation. Außerdem, bei der Dunkelheit konnte man die Hand nicht vor den Augen...“

Der Polizist winkte energisch ab. Innerlich fluchte er. Natürlich hätte er vor der Anzeigenaufnahme hier nachfragen müssen. Er wechselte die Datei, um zu sehen, was die Kollegen der Nachtschicht notiert hatten. Er brauchte nicht lange zu suchen. Eine Klara Schmitz hatte um 23.01 Uhr angerufen. Sie hatte von einem Mann berichtet, der von einem fahrenden Lkw geklettert und dabei heruntergestürzt sei. Um 23.48 Uhr war ein Streifenwagen zu der angegebenen Stelle gefahren. Man hatte fast eine halbe Stunde das Gebiet abgesucht und weder Blut noch einen Verletzten gefunden. Auch ein Kontrollanruf beim Marien Hospital Dorsten war vergeblich gewesen. Die Niederschrift endete mit der Bemerkung: >Die Frau hätte einen erregten Eindruck gemacht.< Auf den Link, sich die Tonbandaufzeichnung anzuhören, verzichtete Weigelt.

Sein Eindruck fand sich bestätigt. Die Alte hatte eine Meise. „Also, die Kollegen haben Ihren Anruf notiert.“

„Und?“ Der Oberkörper der Frau schnellte nach vorne.

„Also, die Kollegen haben nichts gefunden.“ Die gehobenen Schultern unterstrichen das Ergebnis der Suche.

„Ich schwöre, ich habe alles genau so gesehen, wie Sie es aufgenommen haben.“. Blut schoss in ihren Kopf. Hilflos stotterte sie: „Und? Wird denn keiner vermisst? Da muss doch jemand vermisst werden? Oder?“

Weigelt schwieg. Er wechselte zur Vermisstendatei. „Bislang ist keine Person in diesem Zeitraum vermisst worden. Wir müssen Geduld haben. In ein paar Tagen wissen wir mehr.“ Er wollte noch hinzufügen, sie könne dann ja nachfragen. Aber diesen Ärger wollte er sich und seinen Kollegen ersparen. Er drückte das Icon für >Druck<.


 


 

3


 

Als Frau Schmitz nach drei Tagen die Polizeiwache auf der Weseler Straße erneut betrat, war sie froh auf eine Person zu treffen, die sie bereits kannte. Diese Freude wurde aber nicht erwidert. Als Kommissar Weigelt seinen Besuch erkannte, drehte er seinen Drehstuhl in Richtung Fensterfront. Nachdem der seinen Dienstherrn verflucht hatte, weil dieser ihn zur Freundlichkeit auch gegenüber dementen Personen verurteilt hatte, drehte er sich mit einem verunglückten Lächeln der Alten zu. Bevor diese ihre Fragen überhaupt stellen konnte, sprudelte es aus ihm heraus:

„Es gibt keine vermissten Personen! Hier nicht und im weiten Umkreis auch nicht.“

Er hoffte damit die Angelegenheit von vorne herein zu verkürzen. So wollte er gerade seinen Drehstuhl betätigen, stoppte dann aber die Bewegung, weil die Alte sich nicht erhob.

Frau Schmitz konnte ihre Enttäuschung nicht verbergen. Mehr als ein „Aber?“ brachte sie nicht heraus.

Ohne auf den Einwand einzugehen, fuhr er dienstlich fort: „In den Krankenhäusern oder bei Ärzten ist keine verletzte Person gemeldet. Es tut mir leid, aber mehr kann ich Ihnen nicht sagen.“ Weigelt wandte sich demonstrativ von seinem Arbeitsplatz ab. Er griff nach einem Papierstapel und stauchte ihn als erneutes Zeichen: >Das war´s<

„Und, wenn er das nicht überlebt hat?“ Klara Schmitz Stimme klang unsicher. Für sie war die Angelegenheit immer noch nicht erledigt.

Kommissar Weigelt blies seine Backen auf, um sie dann hörbar wieder zu entlüften. „Na, dann hat man sie in ein freies Grab gelegt, um sie dann mit einer ordentlichen Beerdigung zu entsorgen.“

„Eben.“ Das Gesicht der Alten nahm einen Ausdruck an, als glaubte sie was der Polizist gerade gesagt hatte.

Nun war Weigelt nicht mehr in der Lage, den Vorgaben seines Dienstherren zu folgen. Sein Kopf lief rot an. Er schluckte, dann sprudelte es aus seinem Munde heraus. Im Nachhinein wusste er nicht mehr, was er der bekloppten Alten so alles an den Kopf geworfen hatte.


 


 

4


 

Der Knöterich hatte stellenweise begonnen, den Maschendrahtzaun in Besitz zu nehmen. Aber der Blick auf das Gelände der Transportfirma >Dortrans< in Dorsten Ulfkotte wurde dadurch wenig beeinträchtigt. Das Transportunternehmen lag mitten im Grünen. Außer Bäume und Sträucher gab es hier keine Bebauung. Klara Schmitz schlenderte auf der Herwester Landstraße entlang, die parallel zum Zaun verlief. Wenn man sie schon nicht hereinließ, dann wollte sie zumindest den Wagenpark in Augenschein nehmen.

Sie hatte die letzte Nacht äußerst unruhig geschlafen. Immer wieder – wie in einer Endlosschleife – hatte sie sich die Unverschämtheiten des Wachtmeisters anhören müssen. Woher nahm der ungehobelte Klotz sich die Freiheit nahm ihr so etwas an den Kopf zu werfen? Immer dann, wenn sie im Nachhinein auf die Ungehörigkeiten eingehen wollten, brach der Gedankengang ab. Und der Vorgang begann von neuem. Was hatte sie nicht alles versucht, um aus diesem Karussell auszusteigen? Sie hatte sich heiße Schokoladen gekocht, hatte die Hände in kaltes Wasser gehalten, die Stirne unter einem nassen Lappen verborgen. Auch das Zählen von Schafen war sinnlos geblieben. Am weitesten kam sie mit Schäfchen Nummer 28, dann startete der Alptraum erneut. Sie wusste nicht was schlimmer war: Nicht geantwortet oder sich diese Unverschämtheiten überhaupt angehört zu haben. Sicher, sie war keine Zwanzig mehr, aber ihrem Oberstübchen zu unterstellen, es sei eine Kalkhöhle. Sie wusste, was sie gesehen hatte. Na ja, eine kleine Unsicherheit, es könnte auch etwas anderes gewesen sein, was sie bemerkt hatte, verunsicherte sie selbst. Aber sie deshalb als aufgeblasene Schachtel zu bezeichnen, dies musste sie sich doch nicht bieten lassen. Diesem jungen Schnösel würde sie es zeigen. Ihre Überlegungen, wie das ablaufen sollte, beendeten dann diese Endlosschleife.

Aber dadurch verlagerten sich ihre Probleme auf eine andere Ebene. Sie hatte das Bild des Lastwagens genauestens vor Augen. Wenn man sie gelassen hätte, sie hätte eine perfekte Beschreibung liefern können. Ärgerlich trat sie mit dm rechten Absatz ihres Schuhs auf den Asphalt des Straßenasphalts. Dabei rollten einige Steine in die Grassoden zurück, welche den Straßenrand bildeten. Ihre ersten Gedanken galten Transportunternehmen. Sie hatte sich in den Gelben Seiten kundig gemacht. Sie hatte sich in ihrem Bekanntenkreis über das Transportgewerbe informieren lassen. Schnell war ihr klar geworden, sie konnte ihre Suche erst nach 16 Uhr beginnen, weil die Fahrzeuge unterwegs waren. Sieben Treffer hatte das Buch ausgewiesen. So war sie hier gelandet. Sie kam aber nicht weit. Das Gelände der Firma Dortrans war mit einem fünf Meter hohen Zaun umgeben. Unbeachtet konnte man an den Parkplatz der Brummis gelangen. An dem einzigen Zugang verwehrten zwei Uniformierte den Zutritt. Klaras Begehr, einen Blick auf alte Laster werfen zu wollen, hatte man belächelt aber dennoch nicht stattgegeben. Wenn sie auf diese Weise nicht weiter kam, dann musste sie ihre Strategie ändern. Sie beschloss, erst einmal nach dem Objekt Ausschau zu halten. Dann würde man weitersehen.

Bei der Anzahl von Fahrzeugen parkte man sie alle auf einer riesigen, asphaltierten Fläche. Und warum man ausgerechnet einen solchen Klapperkasten in eine Garage stellen sollte, leuchtete nicht ein. Von außen sah sie doch das gleiche, was sie vom Eingang gesehen hatte, nur problemloser. Bald wurde ihr klar, hier würde sie das gesuchte Objekt nicht finden. Die Fahrzeuge waren einfach zu neu, stabiler und auch wesentlich größer. Die meisten hatten sogar Anhänger. Laster mit Plane gab es überhaupt nicht.


 


 

5


 

Der zweite Versuch führte Klara zu einer Firma in Kirchhellen, die eindeutig weniger Transportmittel besaß. Es gab auch hier einen Pförtner, aber sein Platz war nicht besetzt. Sie nutzte den freien Zutritt. Hinter einer Ziegelsteinmauer hatte man die Lkws geparkt. Dahinter gab es einen Ring von Wohnhäusern, dessen dritte Etage auch auf den Wagenpark schauen konnte. Eine riesige Platane an der Mauer vermittelte einen Hauch von Natur in dieser Steinöde. Der sichere Schritt der Alten überspielte ihre Unsicherheit. Aber das, was sie hier suchte, gab es hier auch nicht. Zwar hatten die meisten keine oder weniger Anhänger, aber deren Aufbauten war aus massivem Metall. Zwar gab es auch einige Laster mit Plane, aber deren Material war glatten Folien. Auch war auf allen Oberflächen der Schriftzug >DEUTEG< lesbar. Sie war um einen Aufleger herum gegangen, als vor ihr ein Mann in einem braunen Arbeitsanzug mit schwarzen Streifen vor ihr stand.

Zuerst fiel Klara der Mongolenbart auf, der dem Gesicht einen länglichen Anschein gab. Seine blasse Gesichtsfarbe konnte nur eine Folge sein, immer in der Fahrerkabine eingesperrt zu sein. Er kam näher. Klars schaute gegen den Bauch des Mannes.

„Na, was wollen Sie denn hier?“

„Klara Schmitz schluckte, dann fasste sie sich ein Herz. „Meine Katze, wissen Sie, meine Katze ist auf diesen Hof gelaufen. Nun habe ich schreckliche Angst, dass sie hier überfahren wird.“

Der strenge Gesichtsausdruck des Arbeiters verschwand. „Und wie wollen Sie die hier finden?“

„Bis jetzt ist sie auf mein Rufen immer gekommen.“ Die Frau spitzte die Lippen. „Mimimi! Mimimi komm´! Komm zu Mammi. Mimimi!“

Auch der Arbeiter begann mit der Wortwahl der Alten anzulocken. Nur tat er das mit einer Stimme und Lautstärke, die jede Katze zum Weglaufen gebracht hätte. Als Klara sicher war, hier nichts Interessantes gefunden zu haben, brach sie die Katzensuche ab.


 


 

6


 

Es hatte die ganze Nacht bis in die Morgenstunden geregnet. Aber der starke Wind, der geblieben war, hatte die Feuchtigkeit längst schon wieder aufgesogen. Trotzdem nahm Klara einen Knirps mit. Der nächste Fuhrunternehmer hatte seinen Fuhrpark in einem Gewerbepark in Dorsten Hardt untergebracht. Hier war der einzige Zugang besetzt. Eine ferngesteuerte Schranke verwehrte Mensch und Technik den Zutritt. Klara Schmitz überlegte wie sie diese Hürde nehmen könnte. Da fiel ihr Blick auf das eingepackte Brötchen. Sie hatte es sich heute Morgen geschmiert, für den Fall, dass sie mittags ihren Hunger bekämpfen müsste. Aber dazu war sie heute nicht gekommen. Bei einer solchen Beobachtung blieb doch einiges liegen. Sie zog den Reißverschluss ihrer Jacke nach oben, fest entschlossen, auch diese Hürde zu nehmen. Der Mann hinter der Scheibe beäugte sie argwöhnisch, sagte aber kein einziges Wort. Klars sah nur den oberen Teil einer blauen Uniformjacke und ein aufgeknöpftes hellblaues Hemd. Eine schmale Metallfassung hielt die Sehgläser auf der Nase.

„Mein Untermieter hat sein Mittagessen vergessen.“ Sie zeigte als Beleg die Verpackung. Dies geschah aber so schnell, damit dem Pförtner keine genauere Begutachtung des Gezeigten möglich war.

„So? Na, wie heißt denn Ihr Untermieter?“ Die Stimme klang skeptisch.

„Manfred, ja Manfred heißt der.“ Viele Männer, die sie kannte, hießen Manfred. Ihre Unsicherheit schlug auf ihre Stimme durch.

„Manfred, und wie weiter?“ Er zog eine in Plastik geschweißte List zu sich über die Arbeitsplatte. Nur undeutlich drang seine Stimme durch den Sprachschacht der Frontscheibe.

„Hmm, Ähh. Er fällt mir im Moment nicht ein. Wissen Sie, in meinem Alter?“ Sie schlug sich leicht gegen die eigene Stirn. „Ab und zu vergesse ich schon mal was. Aber wenn Sie mir ein paar Namen nennen, dann fällt er mir bestimmt wieder ein.“ Klara zauberte das verführerischste Lächeln auf ihre Züge, zu dem sie fähig war.

Die Augenbrauen hinter der Scheibe wanderten zu dem Haaransatz. Er zögerte, griff dann zu dem eingeschweißten Blatt, drehte es mehrmals um. Dann fuhr sein Zeigefinger über die Vielzahl von Namen. Das Nuscheln seiner Aussprache zeigte, wie unbehaglich er sich fühlte. Er schien das Begehren der alten Frau aber als kalkulierbar einzustufen. Nun begann er einzelne Namen vorzulesen. Immer, wenn er einen nannte, schaute er die Besucherin an.

„Bergner?“

„Nein.“

„Dextler?“

Kopfschütteln.

„Grünberg?

„Nein.“

„Hmm, Inghorst?

Die Frau krauste die Stirn.

„Hmm, Land...“

„Inghorst“, jubelte die weibliche Stimme. In Wirklichkeit hatte sie Angst, dass es hier keine weiteren Manfreds mehr gab.

Der Zeigefinger wanderte in der Spalte nach rechts. „Der Manni arbeitet in der Halle 4.“ Er wandte sich rückwärts, drehte sich dann wieder um. „Ach, Sie meinen den Rottweiler. Nun dann gehen Sie mal auf den dunklen Backsteinbau zu.“ Er wies mit dem Daumen nach hinten. Es konnte nur das Gebäude sein, vor dem ein Lkw beladen wurde.

Sie ging zwar in die abgewiesene Richtung, interessierte sich aber nicht für Manni Wie-hieß-der-noch? Sie begutachtete alle Fahrzeuge an denen sie vorbeikam. Als ein Brummi am Eingang hielt, wechselte sie schnell die Richtung. Der Pförtner war bestimmt nun abgelenkt. Ihre Suche war immer noch erfolglos, als ein Mann im Sportdress mit blauen und roten Teilstücken sie ansprach. Er hatte einen gewaltigen Bauch. Um diesen nicht zu sehr in Kleidungsstücke einzwängen zu müssen, hatte er sich für den Sportdress entschieden. Als er sie ansprach rutschte eine dunkle Hornbrille auf die Nasenspitze. Auf ihre Ausrede hin einen Manni Rottweiler zu suchen, wurde sie in die Richtung geschickt, die sie von vorhin kannte.

„Ach, übrigens!“ Der Zeigefinger schob die Hornbrille nach hinten.

Klara Schmitz schnellte herum. Sie sah sich schon enttarnt, aber der Sportanzug mit Kahlkopf zeigte ein freundliches Gesicht.

„Können Sie einen Besteckkasten gebrauchen?“ Die Gläser wanderten die Nase hinab, um wieder nach oben geschoben zu werden.

„Besteckkasten?“ Klara war nun wirklich überrascht. Sie wusste nicht, war er meinte.

Er fasste die Frau sanft an den Ärmel ihrer Jacke, und führte sie zu einem abseits stehenden Laster. Leider kamen sie an dem Objekt ihrer Suche nicht vorbei. Nach dem er ihr erklärt hatte was er wollte, ahnte sie was auf sie zukommen würde. Er wollte ein Geschäft machen. Sie sollte die Gelegenheit zu einem Schnäppchen bekommen. Er öffnete die Fahrertüre, kletterte hinein und forderte sie mit einer Handbewegung auf ihm zu folgen. Spontan dachte Klara Schmitz nun an Vergewaltigung. Energisch schüttelte sie den Kopf.

Sie wollte sich schon umdrehen, da hielt ein: „Warten Sie bitte!“ zurück. Der Mann schob die verrutschte Sehhilfe zurecht, hantierte hinter dem Fahrersitz, was ihm bei seinen Körpermaßen sichtlich schwer fiel. Er wischte Schweiß von seiner Stirne, dann zog er einen hellroten Lederkoffer aus einem Gerümpelhaufen hervor. Er rutschte auf den Boden zurück. Vorsichtig schaute er in alle Richtungen, bevor er die Schnapsschlösser des Koffers betätigte. Als der Deckel nach hinten klappte, kamen je 12 glänzende Gabeln, Messer und große Löffel mit gold- silberner Prägung zum Vorschein. Er hob den mit blauem Sand ausgekleideten Boden empor. Kuchengabeln und diverse Besteckteile kamen zum Vorschein. Nun begriff sie endlich.

„Eine Extraausgabe“, begann er die Verkaufsverhandlungen. Er korrigierte den Brillensitz: „Besonders günstig!“

„Schön, sehr schön, aber das ist doch viel zu teuer. Klara winkte mit beiden Händen ab.

„Nein, nein. Ich kann Ihnen einen Sonderpreis machen. 100 Euro! Toll, was. Im Geschäft müssten Sie dafür bestimmt 700 bis 800 bezahlen. Ist doch ein guter Preis, nicht?“

„Ja, - ja schon.“ Die Frau war sichtlich verlegen. „Aber so viel Geld habe ich nicht. Ich bin eine arme Rentnerin.“ Ingeheim hoffte sie, damit die unangenehme Situation zu beenden.

„Wie viel haben Sie denn? Äh, ich meine, wie viel haben Sie denn dabei?“ Für den Mann schienen die Verkaufsverhandlungen so wenig beendet zu sein, wie der Brillensitz.

Klara überlegte. Sie hatte 70 Euro in der Handtasche. Nach einer viertel Stunde stapfte sie über den Fuhrpark. 60 Euro ärmer, aber mit einem Besteckkasten in der Hand. Sie war über alle Maßen zufrieden. Sie hatte nicht nur ein Weihnachtsgeschenk für Tochter und Schwiegersohn, sondern auch die Aussage eines Sachkundigen, dass sich ein so beschriebener alter Lkw nicht auf dem Werkgelände befand.


 


 

7


 

Sie hatte alle Fuhrunternehmen im Umkreis abgeklappert. Nirgendwo gab es auch nur im Entferntesten eine Firma, die mit solchen gebrechlichen Fahrzeugen Transporte durchführte. Sie hatte immer gehofft, doch noch fündig zu werden. Schließlich musste sie einsehen, dass mit den Transportunternehmen war ein Schuss in den Ofen. Sie wusste nicht weiter. Sie dachte schon die Sache auf sich beruhen zu lassen. Langsam entstand in ihrem Kopf eine Alternative, die sie mit einem Gefühl der Abscheu erfüllte, je konkreter ihre Gedanken wurden. Es gab doch die Möglichkeit, dass ein Transportfahrzeug häufig die selbe Route fuhr. Zeitpunkt und Häufigkeit mochten unterschiedlich sein, aber die Strecken waren begrenzt. Das bedeutete an der Straße zu warten, wo sich das Unglück ereignet hatte. Allein in der Dunkelheit mutterseelenallein durchhalten zu müssen, ließ ihre Herzfrequenz in die Höhe schnellen.


 

Sie hatte ihren Vorsatz aufgegeben, an beliebigen Zeiten die Kontrolle durchzuführen. Wenn sie ehrlich war, dann hätten ihre Nerven dies bestimmt nicht lange mitgemacht. So war der Kompromiss, es auf den Wochentag zu belassen, an dem es geschehen war, eine erträglichere Alternative. Aber sie musste doch ihren gesamten Mut zusammennehmen.

Die nächsten Tage bis zu diesem wiederkehrenden Stichtag zur selben Stunde waren die Hölle. Sie schlief schlecht und dachte auch tagsüber nur an das eine. Als der Termin fällig war, hatte sie noch gehofft schnellen Erfolg zu haben. Sie wurde enttäuscht. Sie nahm all ihren Mut zusammen und setzte einen weiteren Tag der Observation an. Aber nichts geschah. Sie zwang sich dazu doch eine Stunde vorher anwesend zu sein und länger durchzuhalten. Hatte sie nur Pech oder war die ganze Sache ein Reinfall, eine Schnapsidee? Sie kannte das Sprichwort von dem B, welches man dem A folgen lassen musste. Also hielt sie durch. Man konnte ja nicht wissen, ob man...


 

Gottseidank regnete es nicht. Der Focus war wie immer verriegelt. Alles Licht war ausgeschaltet. Nicht einmal die Armaturenbeleuchtung brannte. Nur der Zündschlüssel steckte, zum Starten bereit, im Zündschloss. Sie hatte den Wagen so geschickt geparkt, damit die Straßenbeleuchtung ihren Parkplatz nicht ausleuchten konnte. Aber dies half ihr den vorbeifahrenden Verkehr in Richtung Kirchhellen besser zu beobachten. Das Ritual hatte sich bei dem spärlichen Verkehr eingeschliffen. Der Rückspiegel kündigte den Ankommenden an. Während dieser bei ihr vorbeifuhr, wurde er beobachtet. Immer und immer wieder fiel dieses Gutachten negativ aus. Entweder war es ein Pkw, dann war die Entscheidung leicht. Im Falle eines Lkws musste die Entscheidung schnell getroffen werden, aber das war bislang noch nie der Fall gewesen.

Das Licht des kommenden Wagens spiegelte sich in ihrem Gesicht. Es musste sich äußerst langsam bewegen. Während er an ihr vorbeifuhr bremste es sogar ab. Während sie darüber grübelte, hielt das Fahrzeug. Blaulicht wurde eingeschaltet. Während ein Uniformierter auf sie zu kam, setzte er etwas auf seinen Kopf. Es klopfte am Seitenfenster. Sie misstraute ihrer Wahrnehmung. Konnte das eine Falle sein? Sie wagte nicht sich zu bewegen. Wieder klopfte es an der gleichen Stelle. Eine Taschenlampe leuchtete auf, ihr Strahl huschte durch ihr Wageninneres.

„Hallo, Hallo, öffnen Sie die Wagentüre.“ Die Stimme klang selbstsicher.

Sie würde den Teufel tun. Der Lichtstrahl tauchte erneut auf, blendete sie, verschwand dann aber sofort wieder.

„Gute Frau, öffnen Sie doch bitte. Geht es Ihnen nicht gut?“

Die Aussprache klang routiniert. Aber klang sie nicht immer so, um Vertrauen herzustellen, was dann bitter entäusch...

„Hier spricht die Polizei. Öffnen Sie die Wagentüre.“ Der Lichtstrahl wanderte zu einer Hand, die einen Ausweis hielt, dann sprang er auf einen Oberkörper, der auf einer blauen Uniformjacke den Aufnäher >Polizei< trug.

Die alte Frau fasste ich ein Herz, dann zog sie an dem Türhebel. Die Verriegelung rastete aus.

„Was machen Sie hier?“

„Ich? Ich mache...“ Was sollte sie antworten? Mit Sicherheit nicht die Wahrheit. Die hatte man ihr sowieso nicht geglaubt und in dieser Situation sowieso nicht. Man würde sie wieder für verrückt halten, sie zu einer Alkoholkontrolle mitnehmen. Ja, was sollte sie sagen? Je näher sie bei der Wahrheit blieb, um so besser. „Ich komme gerade von meiner Tochter. Plötzlich wurde ich müde. Darf man das nicht?“

„Doch, doch“, versicherte der Polizist. „Das ist sehr verantwortungsvoll von Ihnen. Aber ich an Ihrer Stelle hätte unter der Laterne gehalten.“ Er zeigte auf die Bogenlampe vor ihm.

„Soll ich den Wagen bis dorthin fahren?“

Die abwehrenden Handbewegungen waren durch den Strahl der Stablampe deutlich zu erkennen. „Nein. Das ist wohl nicht notwendig. Wie lange wollen Sie denn noch Pause machen?“

Die Frau überlegte. Eine viertel Stunde wollte sie den Verkehr noch beobachten. Es erfüllte sie mit einem Gefühl der Sicherheit, wenn die Polizei hier Streife fuhr. „Eine viertel Stunde. Geht das in Ordnung?“

„Bleiben Sie so lange wie nötig. Ich komme allerdings in einer Stunde hier noch einmal vorbei, um nach dem Rechten zu sehen. Gute Fahrt.“ Er tippte an seine Mütze.

Die Rücklichter des Streifenwagens wurden von der Dunkelheit geschluckt. Die Beobachterin war wieder alleine. Ob der gesuchte Laster in der Zwischenzeit vorbei gekommen war? Sie konnte sich nur an drei Autos erinnern. Es war weit über die veranschlagte Zeit, als der Motor des Focus ansprang und die Beobachtungsaktion beendete.


 


 

8


 

Die Tage bis zur nächsten Observation waren verstrichen. Die Angst hatte nachgelassen, war aber noch präsent. Sie war jedoch durch die Gewissheit der Polizeikontrolle geschrumpft. Routine hatte sich breit gemacht. In immer kürzeren Abständen konnte sie entscheiden, ob das sich nähernde Fahrzeug wieder nicht das gesuchte war. Sie hatte sich schon daran gewöhnt den Passierenden als Ausschuss zu verbuchen. Dann geschah es. Es waren zwei Kraftfahrzeuge, die sich mit engem Abstand näherten. Sie hatte schon den letzten ausgeschlossen, als ihr Blick auf den Vordermann fiel. Zunächst zweifelte sie, aber dann erkannte sie die verwaschene Aufschrift. Auch das klappende Segeltuch stimmte. Infolge ihrer langen Reaktionszeit hatten die beiden Rücklichter einen gewaltigen Vorsprung. Sie startete den Motor. Dieser lief in der Drehzahl hoch, erstarb dann aber wieder. So oft sie es auch versuchte, er wollte nicht anspringen. Erst ein Stoßgebet zum Himmel erweckte ihn zum Leben. Humpelnd hüpfte der Focus auf den Asphalt.

Sie beschleunigte ihren Wagen. Die roten Lichter vor ihr hatte die Dunkelheit geschluckt. Sie glaubte, mit ihrer normalen Geschwindigkeit die Vorausfahrenden schnell einzuholen. Aber keine Rücklichter tauchten auf. Ihr Gedanke, vor ihr müsste eine Kurve liegen, beruhigte sie etwas. Aber es kam keine Kurve. Sie schaute rechts und links ihres eigenen Lichtkegels, um abbiegende Fahrzeuge zeitiger zu erkennen. Nichts. Ihre Nervosität stieg. Sie entschloss sich, schneller zu fahren, gegen ihre Überzeugung. Sie schien das einzige Lebewesen in dieser unendlichen Dunkelheit zu sein. Die erleuchtete Uhr vor ihr zeigte an, es ging langsam auf Mitternacht zu. Sie machte sich schon mit der Enttäuschung vertraut, es ein weiteres Mal den Laster suchen zu müssen. Da leuchteten vor ihr Lampen auf, verschwanden aber wieder. Sie erreichte diese Stelle bald und wusste warum. Der Straßenverlauf machte einen deutlichen Knick. Sie selbst musste hier bremsen. Eine Flut der Erleichterung strömte durch ihren Körper. Von Aufgeben war nun nicht mehr die Rede. Es dauerte nicht lange und die roten Lichter blieben konstant sichtbar.

Der Lkw setzte links Lichter und verließ die Landstraße. Klara Schmitz verringerte ihre Geschwindigkeit, als sie ihm folgte. Zunächst ging es schnurstracks immer gerade aus. Die Breite der Straße nahm ab, blieb aber asphaltiert. Dann folgten einige Richtungswechsel. Die Verfolgerin musste nun häufiger den Abstand zum Vordermann verkürzen, um sich dann wieder zurückfallen zu lassen. Sie wollte auf keinen Fall Aufmerksamkeit erregen. Abrupt bog der Vordermann in einen Feldweg. Ein offenes Weidetor gab den Zugang frei. Es war ein deutliches Zeichen, dies konnte keine Durchgangsstraße mehr sein. Klara fuhr einige Meter weiter. Als sie ihr Licht löschte, befand sie sich in völliger Dunkelheit. Sie lenkte den Wagen zurück, bis sie in den Abzweig schauen konnte. Die Spuren im Gras verrieten, hier fuhren des öfteren Fahrzeuge durch. Eine Gegenfahrbahn gab es allerdings nicht. Ebenso wie ein Licht, welches Leben anzeigte.

Keinesfalls wollte sie ihr Auto verlassen. Wo ein Lkw durchkam, würde ihr Focus bestimmt durchkommen. Sie musste allerdings ihr Parklicht einschalten, um überhaupt dem Verlauf des Wirtschaftsweges folgen zu können. Es mussten Büsche gewesen sein, die den Blick auf einige Lichter versperrt hatten. Ein hohes Stabstahlzauntor versperrte die Weiterfahrt. Es bestand aus zwei mächtigen Flügeln und war in der Mitte durch eine grobgliedrige Kette verbunden, die sich im Parklicht spiegelte. Sie schaltete es aus. Nach einer Eingewöhnungszeit erkannte sie ihren Laster. Er war unbeleuchtet, wurde aber von einigen Leuten abgeladen. Das Licht des Raumes, in dem die Träger verschwunden waren, erlosch. Nichts war mehr erkennbar. Es kehrte Stille ein. Auch die letzten Lichter wurden ausgeschaltet.

Sie wartete noch etwas, bevor sie den Motor startete, wendete vorsichtig und schlich den Weg zurück, den sie gekommen war. Sie erreichte den asphaltierten Weg und lenkte den Focus in die Richtung, aus der sie sich vorher genähert hatte. Sie zählte die Wege auf der linken Seite. Bei der Zahl zwölf reflektierte ein Straßenschild. Sie notierte: >Zum alten Steinbruch, dann elf<.


 

Die Sonne lachte, so als gefiel ihr, die alte Frau wiederzusehen. Eine Straßenkarte hatte sie zum Alten Steinbruch geführt. Den Wirtschaftsweg zu finden war eine Klacksache. Bei Tageslicht sah hier alles anders aus. Sie parkte ihren Wagen weiter weg. Dann begab sie sich zu Fuß zu ihrem Ziel. Sie musste sich ein Herz fassen, als sie ihre Schritte auf den Wiesenweg setzte. Das Gras war noch nass, sie achtete nicht darauf. Immer bereit sich, wenn notwendig, hinter einem Strauch zu ducken, erreichte sie das Drahttor. Nun bemerkte sie, es bestand aus besonders dickem Rundeisen. Aus diesem Material war auch ein Zaum in selbst Höhe, der sich um das Gebäude zog. Sonst blieb alles ruhig. Nach einer Stunde des Wartens brach sie ihre Beobachtung ergebnislos ab. Sogar ihre Socken waren durchfeuchtet.


 

Über das weitere Vorgehen hatte Oma Klara lange gegrübelt. Sollte sie mit ihrem jetzigen Wissen zur Polizei gehen? Sicher nicht zu dem Rüpel, mit dem sie es schon zu tun hatte. Was sollte sie sagen? Für das Erlebnis auf der xxxxx-Landstraße hatte sie immer noch keinen Beleg. Sie würde sich selbst nicht als eitel bezeichnen, aber sie musste sich gestehen, eine gewisse Neugier war in ihr. Je mehr sie drüber nachdachte, um so mehr reifte der Entschluss zu wissen, was sich da um den baufälligen Lkw so abspielte.

Sie hatte sich ein Fernglas bei einem Nachbarn ausgeliehen. Nichts besonderes. Der Zeitpunkt ihrer Beobachtung drängte sich förmlich auf. Da der Laster erst spät kam und dann wenig auf dem Gelände geschah, musste sie früh vor Ort sei. Dies musste aber früher sein als beim letzten Mal. Sie parkte den Focus, wo sie ihn immer geparkt hatte. Das Fernglas gab ihr die Ruhe, sich nicht mehr so nah an das Objekt heranschleichen zu müssen. Sie hatte als festes Schuhwerk ihre Winterstiefel gewählt. Ihr Teil der Erdoberfläche drehte sich unerbittlich der Sonne zu. Man konnte viele Konturen schon unterscheiden. Lange vor dem Wiesenzugang schlug sie sich in die Büsche. Die Richtung war ja bekannt. Nach wenigen Schritten hatte der Tau ihre Hose durchnässt.

Wenn sie gedacht hatte vor allem vor Ort zu sein, egal was da ablief, dann sah sie sich getäuscht. Man befand sich mitten im Aufbruch. Das Glas zeigte Menschen, welche den bekannten Laster beluden. Schmuggelware? Andere bewachten. Zweifellos Schmuggelware. Schnell verwarf sie ihre Annahme wieder. Es wurden Gerätschaften sichtbar, die auf der Ladefläche verstaut wurden. Sie hatte keine Ahnung von Rauschgift und all dem chemischen Zeug. Nein, - kein Zweifel. Es musste sich um Rauschgift handeln. Was gab es sonst noch Verbotenes als Rauschgift. Hier handelte es sich zweifelsfrei um etwas Verbotenes. Der Zaum, die Lage, die vielen Leute, das abgeschlossene Tor, die Tätigkeiten in der Frühe und in der Nacht. Wenn sich hier nicht Verbotenes zutrug? Es fiel ihr nur schwer, einen Zusammenhang zwischen dem, was vor ihr ablief und dem Ablauf an der Lkw-Plane. Vielleicht war das ein Drogensüchtiger der unbedingt fliegen wollte. Man hörte da doch so einiges. Sie sah ein, hier kam sie nicht weiter.


 


 

9


 

Es gab doch noch freundliche Polizisten. Das Weltbild von Klara Schmitz rutschte wieder in die Normallage. Man hatte ihr sogar eine Tasse Kaffee angeboten. Sie hatte diese nur angenommen, um zu erfahren, ob man es ehrlich mit ihr meinte. Man meinte es ehrlich mit ihr. Hauptkommissar N. Schnitzler hatte ein offenes Ohr. Er war ein sportlicher Typ, der sein Gesicht mit einem dunklen Vollbart kleidete. Die krausen Kopfhaare zeigten an den Schläfen Stichelhaare. Alles, was Oma Klara ihm erzählt hatte, war sofort auf sein Interesse gestoßen. Nur was die Äußerungen seines Kollegen aus Dorsten betraf, zeigte er sich merklich unterkühlt. Oma Schmitz hatte einfach die Polizeistelle gewechselt. Sie war nach Gladbeck gefahren, um ihr Wissen an den Mann zu bringen. Zuerst hatte sie sich leichten Vorwürfen aussetzen müssen, als sie begann von ihren Beobachtungen zu berichten. Aber im Verlaufe der Schilderungen waren sie bei Schnitzler auf steigendes Interesse getroffen. Immer hatte er gelächelt, wenn sie von ihrer Detektivarbeit erzählt hatte. Heute sollte alles zum Abschluss kommen.

„Ich möchte ihnen danken, dass Sie mich noch einmal besucht haben. Aber wer sich so in eine Sache versenkt hat, der hat meiner Meinung auch ein Recht auf Information.“

Zufrieden schob die alte Frau ihre Handtasche auf dem Schoß herum. Sie lächelte nur.

„Dank Ihres Einsatzes ist es uns gelungen, einen entscheidenden Schlag gegen die kriminelle Organisation zu führen.“

„Rauschgift! Kokain!“ Die alte Dame zeigte sich informiert.

„Es tut mir leid. Die Burschen haben illegale Arbeiter vermittelt.“

„Nur Arbeiter?“ Die Enttäuschung war offensichtlich. „Nur Arbeiter?“

„Ha, Sie glauben nicht, das ist ein gewaltiges Geschäft. Es geht dabei um Millionen. Von Dorsten aus hat man das nördliche Ruhrgebiet mit billigen Arbeitskräften versorgt. Für zwei, drei Euro mussten die Männer arbeiten. Fast alle waren Bootflüchtlinge aus dem Mittelmeer. Sie mussten ihre Schlepper abbezahlen. Wenn man berücksichtigt, dass sie auch noch für Unterkunft und Verpflegung zahlen mussten, dann können Sie sich vorstellen, wie viel von ihrem Lohn übrig blieb.“

„Wer stellt denn solche Leute ein? Ist das nicht verboten?“ Die Frau rutschte in Richtung Schreibtisch vor.

„Natürlich ist das alles illegal.“ Der Kommissar tippte mit einem Schreiber auf die Schreibtischplatte. „Die Unternehmen begründen dies mit dem Kostendruck in ihrer Branche.“

„Werden die denn jetzt bestraft,“ entrüstete sich die Besucherin.

„Wohl kaum.“ Schnitzler seufzte. „Man beschäftigt Subunternehmer. Das ist legal. Die Firmen, welche diese Arbeiter aus Dorsten beschäftigt und damit verkauft haben, sind längst liquidiert. Das geschah teilweise schon dann, als wir auf das Gebäude vorrückten. Oder die Subunternehmer sitzen im Ausland, EU-Ausland. Da kann man praktisch nichts machen. Auf jeden Fall sind die armen Gestalten nun frei. Ob sie abgeschoben werden, kann ich aber nicht sagen. Jedenfalls ist der Staat der gelackmeierte. Man hat ihn um die Sozialbeiträge geprellt und jetzt muss er auch noch die armen Schweine kümmern.“

Klaras Mundwinkel sanken nach unten. Einige Minuten lang kehrten Ruhe im Büro der Polizei ein. „Und was ist mit der Person vom Laster?

Der Unterkiefer des Polizisten mahlte. „Das ist der einzige Wermutstropfen. Wir wissen nichts genaueres. Die Vernehmungen der Asylanten hat ergeben, dass einer von ihnen verschwunden ist. Auch das Wachpersonal wusste davon, behauptete aber er sei spurlos verschwunden. Wenn das zutrifft, wie Sie den Ablauf geschildert haben,...

Oma Klars nickte anhaltend.

„.. dann hat er das nicht überlebt. Ich habe Ihre Schilderung einem Gerichtsmediziner vorgelegt. Dieser ist der festen Überzeugung, in dem Moment, wo die Füße die Straße berührt haben, wurde der Oberkörper mit gewaltiger Kraft gegen das Chassis des Lasters geschlagen. Kein Kopf hält so etwas aus.“ Er zuckte mit den Achseln. „Keiner. - Leider.“

„Und wo ist der arme Mensch geblieben?“

Schnitzler zuckte mit den Schultern. „Ehrlich gesagt, wir wissen es nicht. Ich persönlich glaube an folgenden Ablauf: Man hat den Toten vermisst. Eine Leiche am Straßenrand und dann noch so nah von ihrer Unterkunft, hätte zu viel Staub aufgewirbelt. Also hat man sie gesucht und wohl auch gefunden. Wo die Leiche geblieben ist? Das kann ich Ihnen nicht sagen. Diese Organisationen haben mit so etwas häufiger zu tun, wie wir wissen. Arbeitsunfälle und so, Sie verstehen? Die haben so ihre Möglichkeiten. Wenn wir nicht irgendwann ein Skelett finden, dann wurde dieser Körper spurlos entsorgt.

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