Volker Walter Robert Buchloh

Die Pille

Die Pille

 

Von Volker Buchloh

2016

 

 

Vorsichtig schloss die Frau die Terrassentüre auf. Ohne sich umzuschauen, schlüpfte sie in die Wohnung. Sie durchquerte das Wohnzimmer, ohne Licht einzuschalten. Auf ihrem Weg in die Essecke, wo eine Stehlampe notdürftige Helligkeit verbreitete, legte sie achtlos ihre Daunenjacke über einen Stuhl. Sie beachtete die gehobene Ausstattung des Zimmers nicht. Auf leisen Sohlen steuerte sie auf eine Zimmertüre zu, die im hinteren Teil des Raumes lag. Vorsichtig drückte sie die Klinke herunter. Sie behielt sie in dieser Position, als sie die Türe nach innen schob. Mitten im Raum stand ein einzelnes Bett. Das Licht der Stehlampe brachte auch hier nur einen gedämpften Kegel zustande. Die Kontur einer schlafenden Person konnte man ahnen. Vorsichtig wollte sie die Türe wieder zuziehen, als eine gebrechliche Stimme erklang.

„Wie war’s?“

„Wir müssen Geduld haben. Morgen erzähle ich dir mehr. Schlaf jetzt.“

Die sich schließende Zimmertüre tauchte den Schlafraum in völlige Dunkelheit. Die Frau betrat das Zimmer daneben. Die Deckenbeleuchtung wurde eingeschaltet. Ein Schlafzimmer wurde sichtbar. Ein Doppelbett war an den vier Ecken mit fallenden Stoffen drapiert. Zum Entkleiden brauchte sie die zahlreichen Spiegel in den weißlackierten Türen der beiden Kleiderschränke nicht. Achtlos warf sie ihre Ober- und Unterkleidung in einen Schacht, der die Wäsche direkt an die Waschmaschine im Keller transportieren würde. Die Frau überlegte, verfolgte dann aber den Gedanken an eine kurze Dusche nicht weiter. Es dauerte eine Weile, bis der Schlaf ihre Gedanken an die Ereignisse der heutigen Nacht ablöste.

Das Wetter hatte sich während der Nacht geändert. Ein leiser Nieselregen hüllte die Landschaft ein. Die dichte Wolkenschicht machte das Einschalten künstlicher Lichtquellen notwendig. Die Frau hatte einen Hausanzug aus blauer Seide überzogen, als sie das danebenliegende Krankenzimmer betrat. Ein kurzer Blick sagte ihr, dass ihr Mann eine Änderung seiner Liegeposition wünschte. Das Durchziehen des Transportgurtes unter dem reglosen Körper war ebenso Routine, wie das Einhängen in den Kragarm. Ein Druck auf die Winde, und der Körper des Mannes hob sich in die Luft. Eine Drehung der Hebevorrichtung und nun senkte sich der Körper in einen Rollstuhl, der neben dem Krankenbett stand. Der Mann sagte nichts. Seine ungesunde Gesichtsfarbe unterstrich seinen schlechten Gesundheitszustand ebenso, wie die Gesichtszüge mit den tiefen Falten. Mühsam bewegte er die Räder seines Hilfsmittels. Er hatte Zeit.

Sein Frühstück bestand aus einer Scheibe Knäckebrot, auf die man Frischkäse gestrichen und mit einer dünnen Scheibe Salami belegt hatte. Eine Cherrytomate und zwei Apfelstücke vervollständigten das Mahl. Der Mann hatte keinen Hunger. Wieder einmal.

„Sag´, wie war es?“

Die Frau belegte eine Scheibe Stuten mit Streichkäse. Unwille zeigte sich in den Falten ihrer Stirn. „Nichts! Die Hooligans halten zusammen, oder sie wissen wirklich nichts. Ich verstehe nun, warum die Polizei die Ermittlungen eingestellt hat.“

„Du hast es versprochen“, sagte er mit matter Stimme.

„Ich weiß, und daran wird sich nichts ändern. Aber noch haben wir die Schuldigen nicht. Mach´ dir keine Vorwürfe.“ Sie biss in die Scheibe Stuten.

Unwirsch schüttelte der Mann seinen Kopf. „Ich hätte der Provokation aus dem Wege gehen müssen.“

Das „Du hattest doch getrunken!“ klang wie eine Entschuldigung. Eine Essiggurke wurde in Scheiben geschnitten. „Komm iss ein wenig. Versuche es wenigstens.“

„Ich hatte das Pech, dass die Arbeitskollegen alle schon die Betriebsfeier Richtung ihrer Autos verlassen hatten, und um diese Zeit keiner mehr auf der Straße war. Und mit den zwei Gestalten dachte ich fertigzuwerden.“ Mit zusammengebissenen Zähnen brach der Mann ein Stück aus dem Knäckebrot, ohne es in den Mund zu führen.

„Man hat dich in einen Hinterhalt gelockt“, verteidigte seine Frau ihn. Sie positionierte die Gurkenscheiben auf dem Belag und biss eine Ecke der Scheibe ab.

„Ich habe die drei Mann hinter mir nicht gesehen. Das musst du mir glauben.“

Die Frau nickte eifrig. Sie kannte diese Geschichte, die seit einem knappen Jahr ihr Frühstücksgespräch war, immer dann, wenn sie von ihren nächtlichen Streifzügen nach Hause kam. Sie wusste auch, wie notwendig er diese Aufarbeitung seines Albtraums brauchte. Nur mit halber Aufmerksamkeit folgte sie seinen Schilderungen, wie ihm die Schläge mit dem Baseballschläger sein Rückgrat zertrümmerten.

Mit ausdruckslosen Augen verfolgte der Mann von seinem Gefährt aus, wie seine Frau die Hausarbeiten in Angriff nahm.

„Du musst dich bewegen“, hat der Arzt gesagt. Sie räumte Geschirr und Besteck in eine Spülmaschine.

Teilnahmslos nickte der Angesprochene. Er fuhr zwei Meter in Richtung der riesigen Scheibe, die den Blick in den Garten erlaubte. Dann verharrte er wieder. Seine Frau erschien. In der einen Hand hielt sie eine Gießkanne aus Edelstahl, in der anderen eine Fliegenklatsche.

„Übrigens, die Schmeiß nehmen wieder zu.“ Sie schlug mit der Klatsche nach einem dicken Brummer, der nach zwei Fehlschlägen sein Leben auf der Marmorfensterbank aushauchte.

„Bei diesem Regenwetter? Es war doch nur bei Sonnenschein unerträglich?“ Ein Ruck ging durch seinen Körper.

Die Frau schwang die Fliegenfalle. „Ich habe heute schon Zwölfen den Garaus gemacht.“

„Es ist eben eine schlechte Zeit.“ Er sackte teilnahmslos in sich zusammen.

„Du kannst sagen, was du willst. Ich habe das Gefühl, es wird immer schlimmer.“ Wieder wurde der Insektenvernichter geschwungen. „Dreizehn!“, verkündete die Frauenstimme.


 

Der Mann war in seinem Rollstuhl eingenickt. Er hatte nicht mitbekommen, dass seine Frau ihn in der Zwischenzeit an die Terrassentüre geschoben hatte. Ein triumphierendes „Dreiundvierzig!“ brachte ihn in die Gegenwart zurück.

Die Sonne hatte die Regenwolken abgelöst. Die Frau hätte gerne die Türe zur Terrasse aufgemacht, aber die Fliegen würden noch mehr das Innere der Wohnung aufsuchen. Er beobachtete, wie seine Gärtnerin den Boden um die blühenden Pflanzen auflockerte, Verblühtes durch Blühendes ersetzte. Als sie sah, dass er wach war, öffnete sie die Terrassentüre.

„Willst du nicht nach draußen? Es ist herrlich hier.“

Unentschlossen schaute er in den Himmel, so als befürchtete er, der Regen könnte jeden Moment zurückkommen. Kurzentschlossen schob sie ihn nach draußen. Dann schloss sie die Terrassentüre hinter sich.

„Hast du gegen die Schmeiß gesprüht?“ Der Mann schaute sich um, so als drohte der Angriff der Killerbienen. Als dieser ausblieb rollte er zum Rand der Veranda.

Seine Frau unterbrach die Arbeit mit dem Spaten und stützte sich auf den Querholm. „Nicht nur das. Ich habe auch die spiralförmigen Fliegenfallen in deinem Zimmer ausgewechselt. Sie waren wieder voll. Ich weiß nicht, was das für ein Sommer ist.“

Ihr Mann antwortete nicht. Er beobachtete das Treiben der Fische im nahen Teich. „Holst du mir bitte eine Kappe?“

Sie erschien mit einem halbvollen Glas, das eine bräunliche Flüssigkeit enthielt. „Es ist Zeit für deine Medizin.“

Begierig leerte er das dargebotene Glas. Er hatte Angst, dass die Schmerzen wieder einsetzen könnten. Dann war es meist zu spät. Es dauerte zwar fast eine Viertelstunde, bis die Schmerzen nachließen. Aber es war unmenschlich, diese Zeit des Wirksamwerdens auszuhalten. Mit einem „Danke“ reichte er das Glas zurück.

Sie hielt ihm eine schwarze Mütze hin, in dessen Schirm ein Flaschenöffner eingelassen war und das Wort >Calento< in roten Buchstaben trug.

„Ach, die alte Firma. Ich habe ganz vergessen, dass ich die noch hatte.“ Er hatte bei Calento, einem Fertigbetonmischwerk, als Betriebsleiter gearbeitet, bevor man ihn zum Krüppel geschlagen hatte. Seine Hände zitterten, als er erneut an die verhängnisvolle Nacht denken musste.

„Soll ich dir etwas zu Essen machen?“

Er winkte unwirsch ab. Ihm war bei all diesen Erinnerungen übel geworden.


 

Eine abgehängte Deckenleuchte beschien gerade die runde Tischfläche und tauchte den Rest des Raumes in ein heimeliges Halbdunkel. Auf der Tischplatte lag ein aufgeschlagener Stadtplan und ungeordnete Blätter mit Notizen. Der Rollstuhl machte es ihm unmöglich, näher an den antik gebeizten Eichentisch zu rücken. So verblieben auch seine Gesichtszüge im Halbdunkel, was seine rote Gesichtsfarbe verhüllte.

„Du musst wieder an die Stelle, wo es passiert ist. Der Täter kommt wieder an den Ort seines Verbrechens zurück.“ Die Stimme überschlug sich. Wenn er gekonnt hätte, er wäre aufgestanden und bereit zu einem Faustkampf gewesen.

„Natürlich“, beruhigte ihn seine Frau. Sie hatte sich stärker geschminkt, als es ihre Art war. Aus einem hellblauen Wickelkleid schaute eine weiße Bluse mit langen Kragen heraus, welche von der Brustpartie mehr offen legte, denn verdeckte. Eine Sammlung unterschiedlicher Ketten lockerte die nackte Hautpartie auf. „Ich weiß auch, wie der Bursche mit dem Schlagholz ausgesehen hat. So groß wie du, breitschultrig...“

„...wie ich mal war.“, murmelte er niedergeschlagen.

„...mit rötlichem Haar und Vollbart. Auf der linken Backe hat er eine dunkle Hautverfärbung neben der Nase.“

„Genau! So sah er aus.“ Die Stimme des Mannes überschlug sich vor Übereifer. „Er sieht schlampig aus. Seine Kleidung ist bestimmt aus einer Kleiderkammer.“

„Beruhige dich doch!“ Sie legte ihre kühle Hand auf seinen Unterarm.

Unwirsch schüttelte er die Berührung ab. „Und was machst du, wenn du ihn findest?“

„Was wir besprochen haben.“ Sie griff nach ihrer Handtasche und förderte eine Druckflasche zu Tage. „Ich werde ihm die Säure mitten ins Gesicht sprühen.“

„Genau! Genau!“ Seine Stimme klang erregt, so als könnte er dies nicht abwarten. Er atmete tief durch. Seine Sprache normalisierte sich. „Lass dich nicht erwischen. Das musst du mir versprechen.“

„Ich muss los!“

Der Mann rollte sein Hilfsmittel zurück. „Gut, dann bring mich ins Bett.“

Die Frau unterstützte die Fortbewegung des Rollstuhls. Sie schaute auf die Uhr. Es war kurz nach Zehn.

„Ist die Pille immer noch in der Schublade im Badezimmer?“

Der Schritt der Frau stockte. Immer wieder kam ihr Mann darauf zu sprechen, wenn sie nachts unterwegs war. Er hatte die Befürchtung, dass sie einmal nicht zurückkehren würde. Schon lange bereute sie die Entscheidung, Kontakt mit dem Schweizer aufgenommen zu haben. Eigens war er zu ihnen angereist. Er hatte sich über ihr Umfeld informiert, hatte mit den Gesichtszügen eines Bestattungsunternehmers die Krankengeschichte ihres Mannes aus den Akten zur Kenntnis genommen. Dann hatte er das Angebot mit der Pille gemacht. Es war nur eine und es gab nur die eine. Sein Verein war eine Selbsthilfeorganisation, die den Wunsch unter ganz bestimmten Bedingungen erfüllte, den Zeitpunkt des Ablebens selbst zu bestimmen. Diese Bedingung war erfüllt, als er den Namen des Morphiumpräparates erfuhr. Da wusste er, dass die Schmerzen immer weiter zunehmen würden. Die schrittweise Erhöhung der Dosis würde zwar eine gewisse Schmerzlosigkeit begleiten. Aber irgendwann verlor die Chemie den Kampf gegen das körperliche Gebrechen. Dann war der Augenblick gekommen, wo man nach der Pille greifen würde. Er wusste, dass sie nur nickte. Ihre Schritte beschleunigten die Zeit, ins Krankenzimmer zu kommen.

„Bevor ich gehe werde ich dir wie immer ein Glas mit dem Schmerzmittel auf den Krankentisch stellen, sollte ich mich verspäten. Aber ich werde bestimmt rechtzeitig wieder zurück sein.“


 

Die Frau war im Kernschatten der Toreinfahrt nicht zu erkennen. Die Analoguhr auf der Spitze einer matt erleuchteten Reklamesäule zeigte zwei Uhr an. Auf der anderen Straßenseite standen einige Raucher vor dem Eingang einer Szenekneipe. Die Leuchtschrift >Reichsadler< erhellte ihre Körper. Für den Zeitpunkt wo das Unglück mit ihrem Mann geschehen war, war es eigentlich schon zu spät. Aber sie hatte beschlossen noch zu warten, ein wenig zumindest. Vor einer Stunde war sie an der Kaschemme vorbei gegangen. Kein Raucher hatte sich nach draußen bemüht. Sie hatte durch die schmutzigen Scheiben gestarrt. Eine Gruppe von Männern hatte sich vor der Theke eingefunden. Sie alberten herum und waren ausgelassen. Einer von ihnen hatte rote Haare. Ob es der Richtige war, konnte sie nicht sagen, aber allein die Möglichkeit war mehr, was sie die ganze Nacht an Chancen gehabt hatte.

Lärmend sickerte die Gruppe aus dem Adler. Ihr Grölen zeigte, wie ausgelassen ihre Stimmung war, und wie wenig sie sich für die Nachtruhe ihrer Mitmenschen interessierten. Einer der Zecher schwang auf einmal ein Holz und ließ es klatschend in seine geöffnete Handfläche knallen. Der Schläger machte eine Bemerkung, von der die Frau nur „abklatschen“ verstand. Die anderen wieherten vor lachen. Die Frau zuckte zusammen. Es war weniger die Freude auf ein weiteres Indiz, denn die Angst, was ihr drohen könnte. Das Grausen verstärkte sich noch, als ein anderer lachend ähnliche Bewegungen mit einer Kette machte. Krakeelend setzte sich die Clique in Bewegung.

Die Frau ließ sich bei der Verfolgung Zeit. Sie hatte den Reißverschluss ihres Blousons ganz nach oben gezogen. Ihre Kapuze lag tief in ihrer Stirn und verfremdete ihre Gestalt. Die Horde wechselte häufig die Richtung. Die Frau hatte den Eindruck, als suchte man als Absacker nach einer Schlägerei, bevor es nach Hause ging. Die Frau wurde noch vorsichtiger. Unvermittelt ging der Bursche mit dem Baseballschläger über die Straße. Die Frau erstarrte. Hatte man sie erkannt? Was sollte sie tun? Aber die brüllende Stimme eines Angetrunkenen ließ ihren Herzschlag sinken.

„Äh, Klatsche wat is?“

Der Angesprochene drehte sich mitten auf der Straße um, hielt sein Schlagholz vor seinen Schritt und verkündete mit fläzigen Worten seine Absicht zu urinieren. Bedächtig torkelte er auf ein schmählich erleuchtetes Schaufenster zu, und öffnete seine Hose. Im breiten Strahl lief der Urin über das Glas. Die Frau achtete weniger auf dieses Geschehen. Sie interessierte der Kopf des Asozialen. Sie machte drei Versuche, um die Merkmale, die ihr Mann aufgelistet hatte mit dem Kopf abzugleichen. Es konnte kein Zweifel bestehen. Langsam zog sie den Reißverschluss nach unten und wischte die Kapuze in den Nacken. Sie machte Anstalten, die Straßenseite zu wechseln. Die lauten Schritte irritierten die Gestalt, welche Anstalten machte, ihre Hose zu verschließen. Eigentlich war er auf dem Weg zurück zu seinen Kumpeln, aber das Geräusch in seinem Rücken erweckte seine Neugier. Als sich die Frau erkannt fühlte, ging sie eiligen Schrittes zurück. Der Abstand zur randalierenden Gruppe verlängerte sich dadurch. Sie wollte eigentlich nicht fliehen, obwohl alle Nerven in ihrem Innern sie zur Flucht aufforderten. Für den Mann mit Schlagholz war es so ein Leichtes, die Frau einzuholen.

„Hat dein Stecher dich versetzt?“ Er erwartete eigentlich keine Antwort. Das Entsetzen, welches sich im Gesicht der Frau spiegelte, stachelte ihn an. Die Schwere des Alkohols war auf einmal verschwunden. „Komm, ich besorge es dir. Wie ich es dir mache, so macht es keiner.“ Er war wohl der Meinung, dass dies als Vorspiel ausreichte, denn ergriff nach ihr. Sie schaute auf den unsauber wachsenden roten Bart, die ungepflegten öligen rötlichen Haare und erstarrte. Die dunkle Stelle an der Backe war eine vernarbte Stelle, welche von einer Brandverletzung herrührte.

Ihre Brustpartie wurde von den umliegenden Lichtquellen nur undeutlich ausgeleuchtet. Aber dieses Schemenhafte spornte die Phantasie des Vergewaltigers um so mehr an. In dem Moment, wo er ihre Brüste berührte, um sie in den Schatten eines Hauseingangs zu drücken, zog sie die Sprühdose aus der Jackentasche. Ihre unerwartete Handbewegung reizte seinen Instinkt. Sein Schlag auf ihren Arm verhinderte das Besprühen seiner Augen. Der Säurenebel traf seine Mundpartie. Der unerwartete Geschmack des Säurenebels und die Überraschung öffneten seinen Mund noch weiter. Der zweite Strahl traf so die gesamte Mundhöhle. Instinktiv schluckte er. Als die Zersetzung der Speiseröhre begann, brachte er statt eines Alarmschreis nur ein Röcheln zustande. Die Gier nach einem sexuellen Abenteuer verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Der Schmerz im Hals raubte ihm fast den Verstand. So bekam er überhaupt nicht mehr mit, dass das Objekt seiner Begierde schon längst nicht mehr da war.


 

Um diese frühe Morgenstunde war noch keiner unterwegs. Jedenfalls nicht auf ihrem Weg vom Garagenhof zu dem Trampelpfad, der hinter ihrem Haus vorbeiführte. Trotzdem hielt sie sich im Schatten von Bäumen, Sträuchern, oder Geräteschuppen. Sie huschte durch das Gartentor und verschloss es danach. Auch in ihrem Garten nahm sie nicht den kürzeren Weg über den Rasen. Es gab Schatten genug. Voll Vorfreude schloss sie die Terrassentüre auf. Heute hatte sie Freudiges zu berichten. Endlich!

Wie immer verzichtete sie auf das Einschalten der Beleuchtung. Erst als ihr Fuß gegen Gegenstände stieß, die dort nicht hingehörten, wurde sie aufmerksam. Der Lichtschein der eingeschalteten Stehlampe machte die gesamte Unordnung sichtbar. Zunächst dachte sie an einen Einbruch, aber die Spur der Zerstörung zog sich nur wie ein Streifen durch die Wohnung. Sie hastete in das Krankenzimmer ihres Ehemannes. Das Bett war leer. Der Bettbezug lag wenige Meter entfernt auf dem Boden. Den Rollstuhl hatte jemand umgekippt. Die Spur der Verwüstung führte aus dem Krankenzimmer heraus. Rechts und links war umgekippt, was als Dekoration gedient hatte: Blumenvasen, die geschnitzte Madonna, die sie in Oberammergau erstanden hatten, Blumenständer, Sammelbehälter von Muscheln oder Obstimitaten. Ihr Gehirn begann wieder zu arbeiten. Sie hastete ins Krankenzimmer zurück. Das Glas mit der Morphiumration lag in Scherben auf dem Boden. Eine bräunliche Flüssigkeit war über Oberfläche des Krankentisches, seine Seitenteile und dem Fußboden gelaufen. Alles begann anzutrocknen.

Sie legte die Hände auf ihren Mund, um den Schreckensschrei zu unterdrücken. Nun ahnte sie, was geschehen sein musste. Ihr Mann war aufgewacht, durch oder wegen seiner Schmerzen. Die Ungeschicklichkeit hatte zum Verschütten und Fall der Medizin geführt. Während er nachgedacht haben musste, wie er sich in einer solchen Situation verhalten sollte, waren die Schmerzen immer schlimmer geworden. Sie waren schließlich wohl so schlimm geworden, dass er sie nicht mehr aushalten konnte. Nur ein Wort musste ihn schließlich beherrscht haben: Die Pille.

So schnell sie konnte, hastete sie ins Badezimmer. Dort lag er. Er hatte alle Schubladen des Badezimmerschrankes herausgezogen. Beide Flügeltüren waren aus dem Scharnier gebrochen. In der Zerstörung erkannte sie die Verzweiflung, zu dem ihn der Schmerz getrieben hatte. Der leichte Schaum auf den verzerrten Lippen sagte ihr, dass er die Pille gefunden hatte. Sie beugte sich zu ihm herunter. Liebevoll begann sie sein Haar zu streicheln. Sie glaubte zunächst, dass der Schrei von einer anderen Person käme. Die Schmeißfliege, die aus der Nase hervorkam, verschwand bei der Handbewegung wieder in ihrer Bruthöhle. Nun erst bemerkte sie die Vielzahl der Schmeiß, die sich im Badezimmer breit gemacht hatten. Sie stolperte zur Toilette und erbrach sich.


 

Die Frau hatte ihr Bügelbrett aufgebaut und plättete eine schwarze Bluse. Jedes Mal wenn sie auf diese Farbe sah, warf sie das in ihre depressive Stimmung zurück. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. So hörte sie das zaghafte Klingeln an der Haustüre erst beim zweiten Mal. Der Mann am Eingang kam ihr bekannt vor. Erst als er seinen Dienstausweis präsentierte, wusste sie, woher er sie kannte.

„Darf ich hereinkommen?“

Sie nickte, machte den Eingang frei, in dem sie ins Wohnzimmer vorausging. Hinter sich hörte sie, wie die Haustüre ins Schloss gezogen wurde.

„Ich werde es kurz machen, Frau... Re...“ Er blätterte fahrig in einem Notizblock, wo er den Namen irgendwo notiert hatte.

„...Rasdramadshi, Chastra Rasdramadshi. Verkürzte die Frau den Suchvorgang.

„Richtig, Frau Rasda...“ Er verschluckte die Silben, die ihm nicht mehr einfallen wollten. „Inder?“

„Ja, nein“, stotterte die Frau. „Mein Mann nicht. Er ist hier geboren. Meine Geburtsstadt ist Mumbay. Ich habe die deutsche Staatsangehörigkeit aber schon seit zwölf Jahren.“

„Ach so, daher ihre gute Aussprache.“

Chasdra nickte gnädig.

„Sie hatten ja in den letzten Wochen viel am Hals. Wenn ich...“

Ja, dachte sie, da war einiges über sie hereingestürzt. Der Tod ihres Mannes, und dann die Geschehnisse in der bewussten Nacht. Vor allem die Folgen ihrer Beinahevergewaltigung hatten sie brennend interessiert. Erst zwei Tage später war sie in einer Tageszeitung fündig geworden. Beinahe hätte sie den Achtzeiler im Lokalteil übersehen. Auf einen Bruno M., den man der fremdenfeindlichen Szene zurechnete, war ein Säureanschlag verübt worden. Mund und Speiseröhre waren stark verletzt, ebenso wie die Stimmbänder. So konnte er nicht mehr schildern, was in dieser Nacht geschehen war. Seine Kenntnisse der deutschen Schrift und Grammatik waren so mangelhaft, dass man aus diesen Äußerungen nichts Entscheidendes entnehmen konnte. Klar war nur, dass es sich um eine Frau handeln musste.

„Frau Chastra, hören Sie mir überhaupt zu?“

Die Hausherrin zuckte zusammen. „Ja, doch, ja.“

Der Kriminalbeamte glaubte dieser Äußerung nicht so recht. Deshalb fasste er das Gesagte noch einmal zusammen. „Wie gesagt, dass was ich Ihnen gesagt habe, könnte man auch schriftlich machen. Der Herr Schnürrli aus Zürich hat gegenüber der schweizerischen Kantonspolizei die Aussage verweigert. Es ist zu erwarten, dass die hiesige Staatsanwaltschaft die Ermittlungen gegen Sie wegen Beihilfe zur Selbsttötung wohl einstellen wird.“

Er stockte und gab der Frau Zeit, das Gehörte zu verarbeiten. Karma, dachte sie. Der Vergeltungskausalität ihres Glaubens war es zu verdanken, dass man denjenigen strafte, der sich gegen die Bestimmungen des Taoismus verging. Die Stimme ihres Besuches riss sie aus ihren religiösen Gedanken.

„Ich habe da noch einen Punkt. Es hört sich etwas komisch an, aber wir sind Ihrem Mann dankbar.“

Das Kinn der Frau sackte abwärts. „Meinem Mann dankbar?“

„Ja“, setzte der Polizist an. „Eigentlich dürfte ich das Ihnen nicht sagen, aber unser Gerichtsmediziner hat sich über das frühe Verpuppungsstadium der Drysophi...“ Er stotterte.

„Schmeißfliege“, half ihm die Frau. „Wir haben sie immer Schmeiß genannt. Was ist mit denen?“

Er nickte, weil er einen anderen Namen im Gedächtnis hatte, im Moment aber nicht auf die exakte lateinische Bezeichnung kann. „Dabei ist er hier auf die ungewöhnliche Anhäufung dieser Insekten gestoßen. Wir haben sie dann lokalisiert. Ich weiß auch nicht wie die Kollegen dies gemacht haben? Jedenfalls konnten wir dadurch ein Tötungsdelikt feststellen. Jemand hat eine Kinderleiche in einer Gefriertruhe versteckt. Leider, nein besser. Glücklicherweise war diese defekt. So setzte die Kühlung aus.

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