Volker Walter Robert Buchloh

Doppelleben

Doppelleben

 

 

 

Der Lärm war in der gesamten Wohnung zu hören. Er war mal lauter, mal leiser, je nachdem, wo man sich befand. Töpfe, Geschirr und Besteck leisteten dazu ihren Beitrag, aber auch die Stimmen der Frauen, die damit hantierten. Gedämpft drang er auch in den halb verdunkelten Raum, in dem ein älterer Mann in einem Polstersessel saß.

Im Raum hing der Geruch kalten Tabaks. Er mischte sich mit dem Aroma frischer Minze, das sich aus der Küche in alle Räume der Wohnung verbreitete. Der Raum war spartanisch eingerichtet. An allen Wänden mit Ausnahme unter dem einzigen Fenster standen Polstermöbel. Sie sahen in Form und Farbe zusammengewürfelt aus. Sie standen auf einem groß florieren Teppich, der nahezu den gesamten Boden bedeckte. Oberhalb dieser Polstermöbel waren in ungeordneter Weise Bilder von Personen an der Wand befestigt, deren Rahmen und Grüße sich vielfältig von einander unterschieden. Gegenüber des Ohrensessels, in dem der Mann sich niedergelassen hatte, hing die Fotografie eines jungen Mannes mit scharfen Gesichtszügen, der stolz einen Hammel präsentierte. Im Hintergrund spannte sich der Gebirgszug des Taurus Gebirges. Das Foto war zu einer Zeit entstanden, in dem eine Fotografie noch eine Besonderheit war. Sie zeigte den Vater des Betrachters. Die vielen anderen Rahmen präsentierten Fotos von Personen unterschiedlichster Generationen, die alle zu der weitverzweigten Familie des Wohnungsinhabers gehörten.

Messsud Pamuk schaute auf seine Armbanduhr. Er hatte noch eine gute halbe Stunde, bevor der Rummel losging. Diese Zeit brauchte er auch, um seinen Gedanken nachzuhängen. Nur an seinem Geburtstag kam er dazu, gehörte ihm der Raum alleine. Nur ihm kam dieses Privileg zu. Er ließ seine Gedanken wandern, denn er hatte sonst keine Dokumente über diese Zeit seines Lebens. Es war vor allem die Zeit, in der er jung war, in der er bestimmen konnte was geschah, oder geschehen sollte. In der Zeit, wo er in Gümüsler lebte, seiner Geburtsstadt in der Türkei. Der Mann hustete. Er liebte das Bild des Als-Dag, seine schneebedeckten Gipfel so, dass er sein Bild vor Augen hatte, wenn er daran dachte. Und mit dem Bild dieses gewaltigen Bergmassivs wurden die Tiere seiner damaligen Herde sichtbar, die er vor diesen Hängen weidete. Dort kannte er sich aus. Es waren nicht nur die Namen von Pflanzen und Tieren. Nein, er wusste auch um ihre Bedeutung der Ernährung im Ablauf des Jahres. Er bestimmte, wann seine Schafe geschoren wurden, wann man die Milch seiner Ziegen gut verkaufen konnte. Er legte fest, ob und welches Tier bei Feiern geschlachtet wurde, was aus diesem Fell und den Knochen Notwendiges geschaffen wurde. Er seufzte, während er sich eine Zigarette drehte und ansteckte. Ja, damals war er noch ein ganzer Mann. Jedermann im Ort achtete ihn. Wäre er nur dort geblieben. Erneut musste er husten. Warum hatte er dem Tratsch der Leute geglaubt, in Deutschland wäre alles besser? Er dachte bei dem neuen Land damals an grünere Weiden, stärkere Tiere, größere Herden. So hatte er sich mit seiner Familie der Gruppe angeschlossen, die in Deutschland das Paradies sahen.

Sein Augenkino verdunkelte sich. Er fand sich im Bergwerk wieder, wo man ihn hineingesteckt hatte. Einen anderen Arbeitsplatz hatte es für ihn nicht gegeben, bot man ihm auch nicht an. Ein Zurück gab es nicht. Frau und Sohn verlangten nach Brot und Unterkunft. So hatte er sich dem Schicksal gebeugt Es waren ja nur zehn Jahre, die er aushalten wollte. Heute wusste er, aus zehn Jahren war daraus ein ganzes Leben geworden, sein Leben.

Er hüstelte, während er auf die Uhr schaute. Tief zog er den Tabaksqualm in seine Lungen. Es war Zeit. Die Gratulationsempfang musste beginnen. Tradition hatte auch in der Fremde seine Bedeutung. Daran hielt er fest. So wie es sein Vater gehalten hatte und sein Großvater bestimmt auch, hatte er selbst bestimmt, dass jeder ihn allein aufsuchte. Im vertrauten Gespräch nahm er die Ehrenerweisung an. Daneben regelte man das ein oder andere. Er gab das verabredete Signal. Er löschte seine Zigarette, zog die Jalousien hoch, ein Zeichen, dass er aus dem Mittagsschlaf aufgewacht war.

Es klopfte leise an der Zimmertüre. Nach dem dritten Male wurde die Klinke sachte betätigt. Es war Aykan Pamuk sein ältester Sohn. Mit gebeugtem Kopf trat er an den Sessel und ergriff die angebotenen Hände seines Vaters.

Aykan Pamuk war ein breitschultriger Mann, der über einen Kopf größer war als sein Vater. Messsud liebte seinen Sohn. Er hatte gelernt, aufrecht zu gehen in diesem neuen Land. Schnell hatte sein Sohn die fremde Sprache gelernt, schneller als er selbst. Auch heute noch vermochte er nicht, all seine Gedanken in dieser Sprache auszudrücken. Er hatte eine Schulausbildung gehabt, die weit über das hinausging, was man in Gümüsler anbot. Schule fand dort nur im Sommer statt. Sie dauerte nur wenige Stunden und keiner kontrollierte, ob man überhaupt kam. Aykan hatte sogar einen Abschluss geschafft. Aufgrund dieses Zeugnisses durfte er dann eine Ausbildung beginnen. In Gümüsler drehte sich alles um Landwirtschaft, in Deutschland gab es nur Maschinen. So hatte sein Sohn das Reparieren von Autos gelernt. Er selbst war nie so weit gekommen. Unter Tage musste er all die Arbeiten machen, welche die anderen nicht gewillt waren zu verrichten. Als die Zechen begannen einer nach dem anderen zu schließen, war seine Arbeit ersetzbar. Unter Tage gab es nun keine Arbeit mehr, für ihn nicht, aber auch für andere nicht. Es dauerte lange, bis er etwas Neues fand. Auf einem Reiterhof am Rande von Bottrop fand er eine Anstellung als Mister. Es war eine harte Arbeit, aber er arbeitete nun unter der Sonne, und er hatte Kontakt zu Tieren.

„Allah schenke dir ein langes Leben. Möge sein Segen jedes deiner Schritte erleuchten.“ Er murmelte einen Wunschkanon herunter, von dem man die hergebrachten Dinge formelhaft herunter leierte. Es war Aufgabe des Geehrten, dieses Band der Wünsche abzuschneiden. Er hob seine Hände und der Sohn verstummte. Nun war es an ihm, sich für die Wünsche zu bedanken. Damit war der formale Rahmen der Gratulation erfüllt.

„Was macht dein Beruf?“ Leise hustete er in seine Handfläche.

„Ach, Vater, es ist alles so wie immer. Ich verdiene gut. Die Arbeit macht Spaß, und ich werde bald Vorarbeiter sein.“ Aykan schaute auf die Hände seines Vaters. Dadurch vermied er den Kontakt ihrer Augen.

„Wann wirst du endlich heiraten? Ich wünsche mir so sehr einen Enkel.“

„Ich habe noch nicht die Richtige gefunden. Es gibt so wenig türkische Frauen in Bottrop. Oder soll ich eine Deutsche heiraten?“ Auch bei dieser Antwort vermied er den Kontakt mit den väterlichen Augen. Wie sollte er seinem Vater klar machen, dass er zwar keine Deutsche heiraten wollte, aber dennoch mit vielen schlief?

„Allah mache dich stark, und erleuchte dich. Außerhalb des türkischen Volkes zu heiraten, ist gegen den Willen des Allmächtigen.“ Er löste den Kontakt zu seinem Sohn und führte die Hände zu seinen Lippen.

Die beiden Männer tauschten noch einige Gedanken aus, bis das Geburtstagskind zu erkennen gab, dass die Gratulation beendet war. Aykan ging einige Schritte bis zur Türe, dann drehte er sich um.

„Vater, es geht nicht anders. Wir müssen über Elif reden.“

Elif war seine jüngste Schwester.

Messsud Pamuk wollte gerade zu seiner Zigarettenschachtel greifen. Seine Hand zuckte zurück. Das Wort „Rede“ zeigte all den Widerwillen, den der Alte mit diesem Thema verband.

„Vater, mit Elif kann es so nicht weiter gehen. Siehst du nicht wie sie sich kleidet? Ich will keine Schwester haben, zu der man Nutte sagt. Und dann ihr Verhalten. Erst neulich habe ich sie aufgefordert sich züchtig zu kleiden. Eine Frau raucht nicht. Sie hat einfach keinen Respekt. Sie hatte nur ein >Ja, ja.< Sie gehorchte eine Zeitlang, dann war ihr Verhalten so wie vorher.“ Aykan knirschte mit den Zähnen. Er konnte sich nur mühsam beherrschen.

Messsud Pamuk runzelte die Stirn. „Ich weiß, aber sie ist noch so jung. Sie wird sich ändern, glaube mir.“ Mühsam unterdrückte er den Zwang zum Husten.

„Sie wird sich erst ändern, wenn sie einen Mann hat. Wir haben darüber doch schon gesprochen.“ Aykan wartete, bis der Zorn aus seinen Augen verschwunden war. „Du bestimmst, wer in unserer Familie heiratet.“

„Ja, schon. Aber meinst du nicht, dass Haydar zu alt ist? Fast zwanzig Jahre.“ Seine Lungen verlangten nach Nikotin.

„Er ist 36. In dem Alter haben Männer noch genug Kraft in den Lenden, um jede Menge Kinder zu zeugen. Wenn er ihr so viele Kinder macht, wie du sie hast, dann wird sie vernünftig werden wie Mutter.“

Messsud Pamuk wusste, dass seine Tochter Elif nie so sein würde, wie seine Ehefrau. Sie war schließlich auch seine Tochter. „Ich werde über die Angelegenheit nachdenken.“ Er nahm sich vor, mit Elif darüber zu reden. Er hob die rechte Hand. Die Gratulation war beendet.

Saria Pamuk war eine Frau kleiner Gestalt. Ihr Gesicht hatte die Frische der Jugend längst verloren. Die Falten um Augenwinkel und Mund hatten das Leben an der Seite ihres Ehemannes hervorgerufen und vertieft. Ihre Haare hatten begonnen stellenweise, ihre schwarze Farbe zu verlieren. So wie Messsud sie kennengelernt und auch geheiratet hatte trug sie ihr langes Haar gebündelt unter einem Schador. Er hatte sie nie mit langem Haar gesehen. Die Geburt von fünf Kindern hatte ihr Becken erweitert, ebenso wie ihre Brüste. Sie hielt sich nicht lange mit religiösen Wünschen auf. Längst hatte sie den Glauben daran verloren. Ein Gott, der sie in eine solche Form der Ehe presste, konnte entweder kein Gott, oder kein guter Herr sein. Sie hatte Messsud nie geliebt. Und sie war sich sicher, er sie auch nicht. Das sollte auch nicht Zweck ihres Lebens sein. Ihren hatte sie erfüllt. Sie hatte ihm drei Söhne und zwei Töchter geboren. Messsud war ihr ein guter Mann gewesen. Er schlug sie nicht, und bemühte sich stets die Familie zu ernähren. Er hielt sich keine zweite Frau, was aber eher daran lag, wie schwer sie es hatten, hier in Deutschland Fuß zu fassen.

Mit einem Streichholz wurde der Tabak in Brand gesetzt.

Sie gratulierte ihm zu dem erreichten Lebensjahr, und wünschte ihm Gesundheit für das neue. Schweigend, wie immer, hörte Messsud seiner Frau zu. Er schaute auf die Glut, aus der leichter Rauch empor stieg.

„Entschuldige Mann, aber ich möchte dich rechtzeitig daran erinnern, dass bald das Zuckerfest kommt. Wir müssen dieses Jahr das Schaf früher kaufen, dann ist es nicht so teuer, wie beim letzten Mal.“ Sie senkte ihre Augen, um nicht aufsässig zu erscheinen.

Messsud dachte nach. Saria dachte immer an das Wohl der Familie. Nein, lächerlich machen und kein Schaf anzubieten konnte er sich nicht erlauben. „Dann könnten wir ja vielleicht an zwei Schafe denken?“ Das „Meinst du nicht auch?“ war keine Bitte um Zustimmung, sondern ein lautes Nachdenken.

Das Schweigen zeigte, es gab nichts mehr zu besprechen. So küsste sie wieder seine Hände und drehte sich schweigend der Zimmertüre zu. Ihr Rücken hörte das Wort, welches er zweifellos an sie richtete.

„Danke.“ Messsud räusperte sich verhalten.

Sarina Pamuk war so perplex, dass sie ihre Bewegungen nicht weiterführen konnte. Den erstaunten Gesichtsausdruck brachte sie nicht unter Kontrolle. So drehte sie sich nicht um. Lautlos verschwand sie aus dem Raum.

Mely, seine älteste Tochter, war Sarina wie aus den Rippen geschnitten. Er hatte sie gut verheiratet. Ihr Mann Ulas machte in Lebensmittel. Es ging ihm gut. Und wenn es Ulas gut ging, dann ging es auch der Familie gut. So hatte er einen Teil des heutigen Essens als Geschenk beigesteuert. Ulas und Mely hatten drei Kinder. Zum Leidwesen seines Schwiegersohns waren es drei Töchter. Schon seit ihrer Geburt kalkulierte sein Schwiegersohn, wie viel es ihn kosten würde, sie zu verheiraten. Weil es immer noch einen Frauenmangel heiratsfähiger türkischer Frauen gab, bemühte er sich, seine Töchter so früh wie möglich unter die Haube zu bringen. Das drückte den Brautpreis.

Messsud ließ sich über ihre Familie unterrichten, um auf dem Laufenden zu bleiben. Seine drei Enkelkinder würde er beim Essen zu Gesicht bekommen. Mely war eine stille Frau, die nie aus sich herausging. Ohne Murren ordnete sie den Haushalt. Das Geburtstagskind musste immer wieder fragen, wenn er das eine oder andere erfahren wollte. Von sich aus öffnete sich seine Tochter nicht. Er unterdrückte den Hustenreiz bis er allein war. Dann hustete er so lange bis ihm vor Erschöpfung die Kraft dazu fehlte.

Hassan und Sanel waren Zwillinge, eineiige Zwillinge. Sie waren nicht zu unterscheiden. Messsud gelang es aber an einer kleinen Fehlstellung von Sanels Nase. Dieses Merkmal hatte er nie preisgegeben. Statt dessen hatte er immer die Anerkennung genossen, dass zu schaffen, was anderen unmöglich war, die beiden zielgerichtet zu unterscheiden. Hassan und Sanel hatten nach gemeinsamem Schulbesuch eine Lehre als Speditionskaufmann begonnen. Auch wenn sie äußerlich wie ein Ei dem anderen glichen, waren ihre Fähigkeiten doch unterschiedlich. Der Chef der Spedition Wolff KG konnte nur einen von ihnen übernehmen, und hatte sich für Hassan entschieden. Eine Trennung der Zwillinge stand nun unmittelbar bevor. Zumal beiden klar wurde, es war schon schwer genug, einen einzelnen Arbeitsplatz zu bekommen. Aber gleich zwei, das war unmöglich. Sanel spielte schon mit dem Gedanken, nach der Anstellung seine derzeitige Freundin Lamya zu heiraten. Er äußerte diesen Gedanken frühzeitig genug, damit die Familie dafür sparen konnte.

Elif war mit ihren 16 Jahren schon eine Frau. Sie war sich ihrer weiblichen Reize bewusst. Wenn sie auch daheim auf Schminke verzichten musste, so fand sie doch die Möglichkeit, nicht darauf zu entsagen, wenn sie mit ihrer Freundin Aydan ausging. Sie liebte die knöchellangen Kleider nicht, wie ihre Mutter sie trug. Sie bevorzugte knielange Röcke. Um diese tragen zu dürfen, trug sie darunter Leggins, welche ihre Beine auch verhüllten, sie aber dennoch zur Geltung brachten. Sie hatte die Haare ihrer Mutter, trug diese aber wechselseitig, gerade so, wie es ihr passend schien. In der Familie verbarg sie es unter bunten Tüchern, die sie flott um Kopf und Hals schlang. In der Schule trug sie es offen. Ging sie mit ihren Freundinnen aus, dann baumelten die gebündelten Haare lustig an ihrem Hinterkopf.

Unbefangen betrat sie den Raum, wo der Vater sie erwartete. Mit jungenhaften Bewegungen hüpfte sie auf ihren Vater zu. Sie ergriff nicht die Hände ihres Vaters, sondern umarmte ihn. Ohne ihre Stimme zu dämpfen wünschte sie ihm Gesundheit und Erfolg. Sie dachte dabei auch an sich bei dem Wunsch, dass er ihr lange erhalten bleiben sollte. Messsud genoss diese Form von Weiblichkeit, ohne sich Gefühle zu erlauben, die mehr ausdrückten. Aber dadurch fiel es ihm schwer, seiner Tochter ein solches Verhalten anderen gegenüber zu untersagen. Elif schaute sich um. Ohne um Erlaubnis zu fragen, zog sie einen Sessel in die Nähe des Ohrensessels nach vorne und nahm darauf Platz. Unbeschwert berichtete sie über die Schule, die sie gerade besuchte. Sie wollte studieren, um dann Kinderärztin zu werden.

Messsud Pamuk atmete schwer. Wie sollte er seiner Tochter klar machen, was er, und damit die gesamte Familie, von ihr erwartete? Andererseits war er mächtig stolz darauf, was Elif anstrebte. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass jemand es in der weitverzweigten Familie der Pamuks zu einem Arzt gebracht hätte. Sie waren alle Hirten gewesen. Doch! Ein Vetter zweiten Grades hatte es zum Dorfvorsteher gebracht. Messsud konnte sich daran erinnern, wie stolz auch sein Familienzweig auf war, einen solchen Menschen in der Verwandtschaft zu haben. Und dann eine Frau? Er wagte nicht, diesen Gedanken zu Ende zu denken. Behutsam ergriff nach dem Hüsteln ihre Hände.

„Wir müssen über eine Sache reden, die sich nicht länger aufschieben lässt.“ Er machte eine bewusste Pause, um den erwarteten Sturm im Voraus zu dämpfen. „Du bist eine junge Frau. Frauen in deinem Alter müssten längst verheiratet sein.“ Nun war es heraus. Er fühlte sich erleichtert und bedrückt zugleich.

Elif sprang auf, als wäre ihre Sitzfläche auf einmal heiß geworden. „Du denkst an Haydar, den Widerling. Er könnte mein Großvater sein. Er meint, wenn er sein Hemd nicht verschließt und eine dicke Goldkette zwischen seinen Brusthaaren baumeln lässt, dann werden alle Weiber wild. Schau dir seine fettigen Haare an und den Wanst, den er sich angefressen hat. Widerlich, einfach ätzend. Eher bringe ich mich um.“

Ihr Vater drückte sie sanft auf die Sitzfläche zurück. „Gewiss, er ist nicht mehr der Jüngste, aber er hat einen Frisörsalon. Du brauchst dir um Geld keine Sorgen zu machen.“ Mit seinen Händen auf ihren versuchte er das Zittern ihres Körpers zu beruhigen.

„Tagsüber holt er sich Appetit bei seinen Frisörinnen“ – Sie sprach das Wort mit äußerster Abscheu aus. – „und nachts macht er sich über mich her. Pfui, Deibel!“

„Allah möchte dich beschützen, wenn du dich mit dem Scheitan anlegst.“ Messsud machte eine Pause. Woher sie dieses impulsive Wesen wohl hat? Von Saria nicht und von ihm schon gar nicht. Er versuchte es erneut. „Du weißt ja, dass die Familie den Mann für dich aussucht.“ Er meinte mit der Familie sich selbst, wagte aber dies so nicht zu sagen. „Wenn du jemanden kennst...“ Er brachte diesen Satz bewusst nicht zu Ende.

Was als Friedensangebot gedacht war, wurde als solches nicht erkannt.

„Diese überheblichen jungen Machos? Man kann mit denen Tanzen. Gut. Auch ihre Komplemente, die sind ja ganz nett. Aber ein Leben damit zu verbringen? Nein danke vielmals. Lieber bleibe ich unverheiratet. Und einen Deutschen...“

Ihr Vater unterbrach sie impulsiv mit einer heftigen Kopfbewegung. „Undenkbar!“ Der Husten ließ sich nicht weiter zurückhalten.

„Ich will nicht!“ Trotzig schüttelte sie ihren Kopf.

Ruhe kehrte im Raum ein. Auf dem Tisch unter dem Fenster stiegen in einem Glasgefäß von elektrischem Strom erhitzte Glasblasen empor und veränderten ständig dabei die Farben des Inhalts.

„Du wirst müssen. Viel Zeit bleibt uns nicht mehr. Die Familie wird nicht lange warten können.“ Das Geburtstagskind wendete sich von Elif ab, als Zeichen, dass die Unterhaltung damit beendet war.

 

Das Essen hatte wie immer vorzüglich geschmeckt. Der Hammel, dessen Fleisch Schwager Ulas Koyak besorgt hatte, hatte vorzüglich geschmeckt. Und die Nachspeise, in flüssigen Honig getaucht, eingelegte Obststücke wie Trauben oder Feigen, und die süßen Gebäcke zu dem türkischen Mokka, waren seine Lieblingsspeisen. Die Frauen hatten sich in die Küche zurückgezogen, um die Spuren des opulenten Mahls zu beseitigen. Seine Söhne hatten im Wohnzimmer eine Wasserpfeife in Betrieb gesetzt. Sonst hatten sie die Zeit nicht dazu. Zwei Neffen von Messsud Schwester hatten sich dazugesellt. Das junge Volk hatte sich in eine Ecke des Raumes begeben. Sie hatten ihre eigenen Themen, und kümmerten sich bald nicht mehr um die Generation ihrer Eltern. Der volle Bauch von dem phantastischen Essen machte Messsud zufrieden. Im Moment wollte er die Probleme mit Elif nicht an sich heranlassen. Er hatte keine Lösung, und er sah auch keine.

Er hatte so eine Weile vor sich hin sinniert. Da störte Mehmed Endemir seine Gedankenkreise. Mehmed war ein alter Kumpel. Er gehörte zu dem Personenkreis, der sich mit ihm aus Gümüsler auf den Weg in das vermeidliche Paradies gemacht hatte. Und wenn sich zwei Männer, die sich so lange kennen, austauschen, dann landeten sie meist in der Vergangenheit. Messsud hatte gerade von den goldenen Zeiten am Fuße des Als-Dag geschwärmt, als sein Freund ihm unterbrach.

„Glaubst du wirklich, früher wäre alles besser gewesen?“

Messsud zögerte. „Einiges nicht, aber doch vieles. Es ist meine Heimat.“

„Schöne Heimat“, entgegnete der Freund, „die einen nichts zum Leben lässt. Was hattest du denn? Ein paar magere Ziegen, eine handvoll Schafe und einen Hammel. Damit hättest du deine heutige Familie nie satt bekommen. Hast du für mich eine Zigarette?“

Mesdames reichte ihm die Schachtel samt Zündhölzer. „Glaubst du wirklich, unter Tage wäre es besser gewesen? Es hat meine Gesundheit ruiniert.“ Er drehte sich zur Seite und hustete in die Hand.

Mehmed Endemir zog den Qualm in seine Lungen und atmete nach einer Weile, nach dem das Nikotin sein Blut erreicht hatte, tief aus. „Ich leide auch unter dem damaligen Steinstaub. Aber die Arbeit hat uns und unsere Familien satt gemacht. Auch eine Wohnung, wie diese, kannst du dir inzwischen leisten. Auch wenn sie dir nicht gehört, sie ist doch mehr als deine Bretterhütte in Gümüsler.“ Asche fiel auf den Teppich und wurde dort hereingetreten.

“Ja, ja. Jetzt kommst du wieder mit Fernsehen, Krankenversorgung und den Wagen, den ich fahre. „Aber dort war ich glücklich.“ Er schwieg eine Weile, dann fügte er hinzu: „Und Saria auch.

„Und warum bist du nicht zurückgegangen? Hättest dir von deinem Ersparten ein Steinhaus bauen lassen.“ Endemir warf die Kippe in eine bronzene Urne, welche nur wenig Rauch nach außen durchließ.

„Der Kinder wegen. Aykan hatte eine Lehre als Automechaniker begonnen, Elif ging schon zur Schule.“ Er zog seine Schultern hoch. Er liebte diese Art des Gespräches nicht. Er konnte seine Gedanken nicht ausdrücken. Dadurch fühlte er sich hilflos und damit unverstanden. „Komm, wir trinken einen Raki.“

 

Das junge Volk hatte sich an einer anderen Ecke des Wohnzimmers zusammengefunden. Sie hatten einige Polstermöbel so von der Wand entfernt, dass ein Kreis entstanden war. Auf dem Fußboden inmitten dieses Kreises stand eine Wasserpfeife mit sechs Mundstücken. Wechselweise wurde daraus der Qualm gesogen, den die Rauchmaschine erzeugte. Blubbernd stieg der Tabakqualm durch den Wasserfilter, um dann in die Lungen der Raucher zu gelangen. Die jungen Leute hatten kein festes Thema. Es fand ein Ende, wenn keiner mehr einen Beitrag dazu brachte, oder jemand ein interessanteres Thema anschnitt. Auffallend war nur, dass Aykan Pamuk eine bestimmende Rolle in dieser wechselnden Unterhaltung spielte. Er wusste vieles besser und liebte Gegenargumente überhaupt nicht. Wenn ihm etwas nicht passte, wurde er sofort aufbrausend. Unliebsame Argumente entkräftete er durch Schlagen an die Stirne oder Stöße vor die Brust. Er war halt der älteste in der Runde und Aykan forderte die Achtung ein, die ihm seiner Meinung nach in dieser Familie zustand. So kam es immer mal wieder zu Reibereien mit Ulas Koyak, seinem Schwager. Ulas hatte ein Gespür dafür, zurückzustecken, wenn eine Eskalation drohte. Dafür brachte er seinerseits Themen ins Spiel, die Aykan unangenehm sein mussten. So stellte er dann die harmlose Frage nach Alkans beruflicher Zukunft, obwohl er dessen Antwort aus dritter Hand bereits wusste. Aykan druckste herum und erzählte das, was er vor einer Stunde seinem Vater auch gesagt hatte. Er erwartete, in absehbarer Zeit Vorarbeiter bei seiner Firma Krüger und Sohn zu werden. Ulas wusste natürlich nichts über die Beweggründe der Firmeninhaber, konnte sich aber nicht die Frage verkneifen, was die kleine Firma Krüger und Sohn mit einem zweiten Vorarbeiter anfangen sollte. Darauf hatte Aykan keine Antwort und es wurde merklich still um ihn. Das änderte sich sofort, als Sanel, einer der Zwillinge, nach seinem Auto fragte. Aykan hatte den BMW Z4 sDrive 23i günstig als Unfallwagen gekauft, in seiner Freizeit bei Krüger und Sohn herrichten können. Das dreizehn Jahre alte Cabrio hatte unfallfrei einen Wert von über Dreißigtausend Euro. So verschwieg er den Schaden. Weiß lackiert, mit einem Renndesign war dieser Wagen das Traumfahrzeug der Gruppe. Aykan genoss die Bewunderung aller und seine Hinweise der Ausstattung: 6 Gänge, Einparkhilfe und Traktionskontrolle erzeugten unterschwelligen Neid. Aykan schien dort angekommen, wo Brüder und Verwandtschaft sich sehnten.

 

Mely und Elif hatten sich abgesondert. Die Unterhaltung der anderen Frauen war ihnen zu lebhaft und laut gewesen. Mely, die ältere der beiden Schwestern, bot Elif eine Zigarette an. Nach dem sie den Tabak ihres Stäbchens in Brand gesteckt hatte und das gleiche bei dem angebotenen machte, sagte sie beim Ausatmen des Rauches: „Na, dann sag mal, was hast du auf dem Herzen?“

Elif blickte furchtsam um sich. „Ich will nicht heiraten, noch nicht.“ Nach dem sie das gesagt hatte entspannte sich ihre Muskulatur.

„Müssen wir das nicht alle?“ Mely tippte an ihrer Zigarette, obwohl keine Asche vorhanden war. Ihre Stimme nahm einen mütterlichen Ton an.

„Mag ja sein. Aber Aykan will mich mit Haydar verheiraten. Schon wie der aussieht. Ich könnte vor Ekel kotzen.“ Elif spukte einen Tabakkrümmel auf den Boden und trat gegen ein Stuhlbein.

„“Ruhig, ruhig! Wir sind nicht mehr in der Türkei. Obwohl man mich auch nicht gefragt hat, als man mich mit Ulas verheiratete. Hast du denn keinen anderen, der hier in Frage käme. Ich könnte zu Vater gehen, und...“

Die jüngere Schwester schüttelte den Kopf. „Die Jungs sind alle Machos. Die haben nur Ficken im Kopf. Zu Hause bei der Schwester machen sie einen auf Racheengel, wenn man mit Jungen engeren Kontakt hat. Und mit einem Deutschen brauche ich gar nicht erst kommen. Aykan hat mir ein Messer an den Hals gehalten, als ich einmal nur eine Bemerkung machte. Der wollte zuerst den Kuffar abstechen und dann mich. Und wenn ich keine Jungfrau mehr...“

Mely drückte ihre Handflächen gegen ihren Mund. „Bei Allahs Gnade, mach das nicht. Bestenfalls muss du den Burschen dann heiraten. Dann kannst du auch warten. Oder man verstößt dich aus der Familie. Bestimmt bringt Aykan dich dann um. Willst du das?“

Elif schüttelte verzweifelt den Kopf. Sie drückte die Glut im Aschenbecher aus.

„Mensch, Elif, du bist doch eine hübsche Frau. Und so wie du dich schminkst und kleidest, du wirst doch einen netten Typen kennen lernen. Die Männer müssen doch auf dich abfahren.“ Sie drückte das Kinn gegen ihre Nase. Eigentlich verstehe ich nicht, warum du dich so herausputzt?“

Eine Träne lief den Nasenwinkel entlang. „Jetzt fängst du auch damit an.“ Sie wischte über ihre Oberlippe. Das machen doch alle. Und dann weiß ich, dass ich Aykan damit ärgern kann. Meinst du nicht auch, dass meine Nase krumm ist. Besser die Männer schauen auf meine Beine, als ins Gesicht.

Mely steckte eine Dattel in den Mund. Sie schwieg, während sie kaute. „Ich bin sicher, du wirst den Richtigen finden.

Elif hob die Schultern. „Vielleicht irgendwann später einmal, aber ich habe keine Zeit. Aykan hat mir gedroht, es müsste noch dieses Jahr sein. Haydar würde schon rechnen, was er für mich bieten kann. Eher bringe ich mich um.“

Mely kratzte an ihrer Wange. „Allahs Wege sind unergründlich. Unter seiner Weisheit wird er das Richtige für dich tun.“ Sie streichelte ihre Schwester sanft über die langen, schwarzen Haare. Dann drehte sie sich um und ging zurück zu den Frauen.

 

Hassan Pamuk reinigte die Wasserpfeife. Er entleerte die Tabakasche in einen Behälter, den Abdullah, sein Vetter, ihm hinhielt. Aykan griff zu einer Kiste, in der die Tüten verschiedener Tabaksorten. Er wählte die Sorte aus, die er rauchen wollte. Sanel kam mit glühenden Holzkohlestücken aus der Küche und setzte liebevoll den Tabak in Brand. Das Feuer der angefachten Glut tauchte sein Gesicht in rote Farbe.

Das Gespräch hatte sich am Fußball festgemacht. Der Lieblingsverein aller jungen Männer war der FC Schalke 04. Trainer, Spieler, gegnerische Vereine wurden nach und nach durchdiskutiert. Aykan hatte sich gerade zu der Behauptung verleiten lassen, man würde den Pokal siegreich nach Gelsenkirchen holen. Sein mobiles Telefon schlug an. Nach ein paar Fingerbewegungen hatte er die Kurznachricht vor sich. „Ich muss mal eben weg. Ich bin gleich zurück.“

Auf der Straße wartete ein Mann, der unwesentlich älter als Aykan war. Auffallend war sein wuchtiger Vollbart, der nur oberhalb der Lippe beschnitten war. Er trug passend zu der schwarzen Jeans und dem schwarzen Sporthemd eine Mütze, dessen Schirm zum Nacken zeigte. Auf der Brust des Hemdes war in Kleinbuchstaben das Wort Al-Qaida drauf geflockt. Und für diejenigen, die des Deutschen nicht mächtig waren, stand die arabische Übersetzung darunter.

„He Alter, wie geht´s? Wir haben dich vermisst. Wo warst du gestern. Alle haben nach dir gefragt. Ich wusste nicht Bescheid. Dachte, geh´ mal vorbei.“

Aykan schluckte. Die lange Anrede nutzte er, um seine Überraschung zu verbergen. „Tut mir echt leid, Mohamad. Hab´ ich total verschmitzt.“

„Warst wohl in der Moschee?“ Die dunklen Augen beobachten seinen Gegenüber.

Aykan senkte den Blick. „Ja, natürlich.“ In Wirklichkeit hatte er ein Mädchen aus dem Café Izmir an gequatscht. Es war schließlich zu einer Spazierfahrt gekommen, weil sie unbedingt einen Abstecher in seinem BMW machen wollte. Nachher hatten sie... Er untersagte sich selbst, diesen sündigen Gedanken im Beisein eines Gläubigen auszusprechen.

„Du bist doch immer noch arbeitslos?“ Die dunklen Augen entfalteten eine Perspektivwirkung, der Aykan sich nicht entziehen konnte.

Aykan war dieses Thema äußerst peinlich. Er nickte nur.

„Das war doch richtig, dass du diesem Ungläubigen zusammengeschlagen hast. Mohammed sagt, schlage die Kuffar, wo du sie antriffst. Du hast gottgefällig gehandelt. Die Gerechtigkeit Allahs muss durch Gewalt gegen solche hergestellt werden. Er hat sich Allah nicht zugewendet. Dadurch hat er sein Leben vertan. Du hättest ihn auch umbringen können. Der Gute darf so etwas.“

„Er hat mich einfach herausgeworfen“, murmelte Aykan.

„Wir haben einen Nissan Navara. Kannst du den reparieren?“

Aykan nickte heftig, weil damit das unangenehme Thema beendet war. „Heiße Ware?“

Der Vollbart nickte. „Das Bestehlen von Kuffars ist eine Tat, um den Islam zu verbreiten. Hast du Zeit, den Wagen dann in die Heimat zu überführen?“

Aykan schwieg, dann schüttelte er den Kopf. „Aber bis auf den Balkan kann ich ihn bringen.“

Mohamad fuhr mit beiden Händen über den Bart. Dann nahm er die Mütze ab und juckte sich am kahlen Schädel. „Mal sehen. Ich melde mich dann. Was machst du im Moment?“

„Mein Vater hat heute Geburtstag.“

Der Schirm der Kappe wurde auf dem Schädel nach hinten gedreht. „Mohammed hat den Genuss von Alkohol verboten.“

„Ich weiß“, stammelte Aykan. „Ich habe nur Tachay getrunken.“

„Und, schafft es dein Vater immer noch nicht, die Ehre der Familie durchzusetzen?“

Als Aykan nachdenklich nickte, umfasste er seine Schultern. „Ihr hättet hier nie leben dürfen. Die Welt der Ungläubigen ist voll von Streit. Jeder macht hier, was er will. Sie baden ja förmlich in all den Sachen, die Allah als falsch bestimmt. Wir müssen uns zusammenschließen, um den Verlockungen des Scheitan nicht nachzugeben. Er will uns vom Weg zum wahren Islam abbringen. Das ist deine Aufgabe die Allah dir auferlegt hat. Die Gemeinschaft der Gläubigen ist dir Schutz und Weg zugleich. Wenn dein Vater keine Ehre mehr hat, in unserer Gemeinschaft wirst du sie finden.“

 

Sechs Monate später

 

Messsud Pamuk hat lange Zeit gezögert, seine jüngste Tochter zu verheiraten. Aykan hat es verstanden, eine Koalition in der verzweigten Familie zu schmieden. Jeder ächtete den Zustand von Elif, Unverheiratet zu sein. Weil er keinen Ausweg mehr sah, hat er sich dem Druck gebeugt, Haydar als neuen Schwiegersohn zu akzeptieren.

 

Saria Pamuk, seine Frau, hatte nach und nach das Verständnis für Elifs Wünsche aufgegeben. Eine Hochzeit war für sie eine logische Konsequenz. Mit Töchtern, Schwiegermutter und Schwägerinnen hat sie begonnen, die Vorbereitungen für die Festlichkeit zu planen. Sie steckt all ihren Ehrgeiz darin, eine Hochzeitsfeier darzubieten, von der alle noch in Zukunft sprechen werden. Elif ist nicht nur ihre jüngste Tochter, sie ist auch die letzte, die sie verheiraten kann.

 

Ulas und Mely Koyak erwarten ihr viertes Kind. Wenn die türkische Ärztin Recht behält, dann soll es ein Junge sein. Ulas hatte sich in einen Lebensmittelladen eingekauft. Er ist nun sein eigener Herr. Im Moment fährt er nur einen Lieferwagen, um seine Lebensmittel zu transportieren. Er träumt aber davon eine weitere Filiale aufzumachen, und dann einen Mercedes zu fahren.

 

Die beiden Zwillinge Hassan und Sanel versuchen ihrer beiden Leben zu organisieren. Hassan arbeitet immer noch bei der Speditionsfirma Wolff KG. Er ist inzwischen für den Raum Balkan und Türkei zuständig und organisiert dorthin Frachten und Rückfahrten. Sanel ist über seine neue Firma für den Verkauf von Werkzeugmaschinen zuständig. Auch er hat für den Exportraum Naher Osten Verantwortung übernommen. Sein Vorgesetzter geht in drei Jahren in Rente. Er hat durchblicken lassen, dass Sanel durchaus dazu geeignet sei, sein Nachfolger zu werden. Sanel und Lamyar haben beschlossen, zu heiraten. Die Feier soll im Sommer nächsten Jahres stattfinden, aber sie wohnen jetzt schon zusammen.

 

Aykan sitzt zur Zeit im Gefängnis. Man hat ihn dabei überrascht, gestohlene Fahrzeuge umzumünzen. Man konnte ihm nicht nachweisen, dass er an den Autodiebstählen beteiligt war, aber die Mithilfe konnte er nicht leugnen. Das schaffte auch nicht der Anwalt, den Mohamad ihm besorgt hatte. Der Richter hatte ihm aus dieser Tat und anhängenden Verfahren wegen Körperverletzung noch acht Monate zusätzlich drauf gebrummt. Aykan ist das egal, er glaubt wie Mohamad an die Rache der Kuffar. Seine Gruppe hat ihm den Rücken gestärkt. Er bringe im Moment ein Opfer, dass Allah ihm später vergüten werde. Mohamad wollte ihn dazu werben, kaputte Autos im syrischen Kriegsgebiet reparieren zu sollen. Aykan hat dies aber bislang abgelehnt, weil er von dem Lebensstandard der Ungläubigen nicht lassen will. Er hat sich vorgenommen in eine Firma einzusteigen, die Pickups und andere kriegstaugliche Fahrzeuge offiziell in den Nahen Osten liefert. Türkei, Iran und Libanon sind Staaten, wohin die Ausfuhr von Pkws nicht verboten ist. Was die Kollegen da unten mit den Fahrzeugen machen, dass juckt ihn nicht.

 

Elif weiß nun, was sie macht. Nachdem ihre ganze Sippschaft ihr in den Rücken gefallen ist, hat sie Zuflucht in einer Gruppe von sunnitischen Frauen gefunden. Hier findet sie Unterstützung nicht nur im Widerstand gegen die beabsichtigte Hochzeit. Die Gruppe der jungen Frauen akzeptiert ihre Einstellung. Diese hat sich zwar gewandelt, denn ihr Interesse an Schminke und freizügiger Kleidung hat stark nachgelassen. Auch haben sie ihr deutlich gemacht, welchen Weg eine gläubige Muslima zu gehen hat. Das wichtigste für sie ist aber die Sicherheit, dass es einen Weg gibt, wo man den Mann finden und heiraten kann, der für Elif bestimmt ist. Keiner in ihrem Umfeld, geschweige denn der Familie wissen, dass die Fahrkarten bereits gekauft sind. Morgen früh verlässt der Intercity Bottrop Richtung Wien. Von dort geht es über Istanbul nach Diyarbakir. Hier erwartet sie ein Bus, der sie bis und über die Grenze bringen wird. Das halbe Jahr Ausbildung an Waffen, Munition und Sprengstoff wird sie mit ihren drei Freundinnen problemlos schaffen. Dann geht es ins Kriegsgebiet. Mit Sehnsucht erwartet sie dann, den mutigen Kämpfer für Allahs Wille zu treffen, mit dem sie dann viele Jungen zeugen wird. Bis diese groß sind wird sie mithelfen, dass ihre Kinder in einer weltumspannenden Gemeinschaft der Gläubigen eines Tages leben werden.

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