Volker Walter Robert Buchloh

Eine ganz normale Sache

Eine ganz normale Sache

von

Volker Buchloh

2000

 

 

 

Beweggründe

 

 

An sich bin ich ein ganz normaler Fluggast. Auf jeden Fall habe ich dies geglaubt, bevor ich diese eine Reise antrat, die mich adelte.

Bislang verliefen meine Flüge immer ereignislos. Mit ereignislos meine ich nicht den Flug als ganzes, nein ich denke da frivoler Weise so an Flugzeugentführung, Luftlöcher oder randalierende Mitflieger. Nichts dergleichen geschah bislang. Jedenfalls nicht, bis ich diese besagte Reise antrat. Eigentlich war es mehr der Rückflug dieser Reise. Einige Ereignisse auf dem Hinflug hätten mir eigentlich zu denken geben müssen. Aber es war der Rückflug, der alles auf den Kopf stellte. Und der war wirklich schlimm.

Habe ich Sie neugierig gemacht?

Eigentlich nicht?

Nun, dann muss ich etwas weiter ausholen. In meiner unschuldigen Phase sozusagen, was meine Teilnahme am Flugverkehr betrifft, hatte ich mich um einen Flug nach Thailand bemüht. Wegen der Enge des Reisetermins kam für die Beförderung nur die Alitalia in Betracht. In meiner Naivität stimmte ich der Buchung zu, denn damals sah ich noch keinen Unterschied zwischen den großen Fluggesellschaften dieser Welt. Ich war mit der Lufthansa geflogen und der PAM. Ich hatte mich der Britisch Airways ebenso anvertraut, wie der kanadischen Fluglinie. Ich möchte Sie hier nicht mit einer reinen Aufzählung von Fluggesellschaften langweilen. Auf jeden Fall beförderten mich diese so zu meinem Urlaubsziel, dass ich hinterher viel über den Urlaub und nur wenig über den Flug berichten konnte. Selbstverständlich geschah auch hierbei das ein oder andere. Im Grunde waren dies aber alles Lappalien. Mal bekam ich keine Zeitschrift oder mal bekam der Kollege vor mir gerade die letzte Portion Boef Strogganoff. Aber all dies sind Ereignisse, die es sich nicht aufzuschreiben lohnt.

Wie gesagt alles nur Lappalien. Und dann vertraute ich mich, wie bereits gesagt, dieser Alitalia an. Damals gehörte ich noch nicht zu dem Club der Wissenden. Oder sollte ich an dieser Stelle schon anmerken zu dem Club der Opfer? Wie es auch sei! Wenn ich seit diesen Ereignissen den Namen Alitalia bei Urlaubsgesprächen in den Mund nehme, treffe ich nur auf Betroffenheit, Ärger, Unzufriedenheit oder Berichte über Scherereinen. Nun bin auch ich Mitglied dieses Clubs.

Mit stolzer Brust?

Es kommt wie immer auf das an, was man aus einer schlechten Sache für Nutzen ziehen kann. Sie kennen doch das Sprichwort mit dem abschreckenden Beispiel, zu dem jeder nutze ist. Jetzt befinde ich mich nicht nur mit meinen Erfahrungen in guter Gesellschaft. Nein ich kann für mich seit diesen Erfahrungen in Anspruch nehmen, zu denjenigen zu gehören, denen diese Fluglinie gezeigt hat, wie organisiertes Chaos aufrecht zu erhalten ist.

Nun, ist ihre Neugierde jetzt entfacht?

Noch nicht so ganz?

Na gut, dann lassen Sie es mich noch durch folgenden Metapher versuchen. Kennen Sie die Situation: Sie sitzen als Goldfisch in einem Wasserglas und ein durch die Wölbung des Glases vergrößerter Zeigefinger klopft freundlich dagegen. Er klopft an, um Sie aufzumuntern, sich zu bewegen, etwas mehr mit ihrem Körper zu machen?

Nein?

Ich habe als Goldfisch darin gesessen und man hat nicht angeklopft, man hat das ganze Glas geschüttelt.

Nun interessiert?

Na, dann können wir ja loslegen.

 

 

 

Die Freiheit über den Wolken

 

 

Wir hatten einen wunderbaren Thailand-Urlaub verbracht und mussten eigentlich gegen unseren Willen, also nur durch Sachzwänge begründet, die Heimreise antreten. Wir, das waren meine Frau und ich. Wir also hatten tags zuvor telefonisch anfragen lassen, wann wir uns auf dem Flughafen einfinden sollten. Man hatte uns die abenteuerliche Zeit von dreieinhalb Stunden vor dem Abflugtermin genannt. Und der war so um elf Uhr angesetzt.

Vielleicht brauchen die Italiener etwas mehr Zeit, um ein Flugzeug zu packen? Oder waren die thailändischen Hilfskräfte der Alitalia noch sorgfältiger, als die israelischen es für sich eigentlich in Anspruch nehmen?

Denn der zweiwöchige Aufenthalt in diesem Lande war für uns ein Auffrischungskurs für Ordnung und Sauberkeit gewesen. Trotz Touristenströme und Überbevölkerung waren wir nur auf Sauberkeit gestoßen. Wir begriffen, warum man die Thais als die >Preußen Asiens< bezeichnete. Wobei die Wortentlehnung >Preußen< heute kaum mehr in diesem Zusammenhang Entsprechung findet. Sei, wie es sei, wir befanden uns in einer so ausgezeichneten Stimmung, dass wir bereitwillig noch zwanzig Minuten vor der geforderten Zeit eintrafen. Nicht, dass Sie nun glauben, wir seien besondere Pünktlichkeitsfanatiker. Das Gegenteil ist eigentlich der Fall. Ich hatte mich schlicht und einfach mit der Fahrtzeit verrechnet. Normalerweise dauert eine Taxifahrt von der Innenstadt Bangkoks bis zum Flughafen gute fünfzig Minuten. Das liegt weniger an der Entfernung, als vielmehr an den verstopften Straßen dieser Großstadt. Da man seinen Berechnungen aber nicht ohne das tägliche Verkehrschaos in dieser Stadt machen kann, fuhr unser Taxi schon eine Stunde vor dem verlangten Anwesenheitstermin am Hotel ab. Eine halbe Stunde später waren wir bereits am Airport. Der morgendliche Verkehr Bangkoks war entweder noch nicht wach, oder aber unser Taxifahrer hatte in Erwartung eines Trinkgeldes, das ich ihm angekündigt hatte, einen Weg genommen, der nicht so verstopft war.

Vor der Zeit standen wir also vor der Schalterzeile der Alitalia. Wir waren aber zu dieser frühen Zeit nicht die ersten Passagiere. Vor uns stand ein Pärchen, jeder mit einem riesigen Rucksack ausstaffiert. Sie mussten wohl die Nacht im Flughafengebäude verbracht haben, anders konnte ich mir ihr Erscheinen zu dieser frühen Zeit nicht erklären. Vom Flugpersonal unserer Fluggesellschaft war noch keiner zu sehen. Nur eine Thailänderin führte noch ihre Reinigungsarbeiten hinter dem Schalterbereich zu Ende. Verschämt schaute ich nach zwanzig Minuten auf meine Armbanduhr. Eigentlich sollte es schon vor fünf Minuten losgegangen sein.

Aber wer will denn so kleinlich sein?

Während an den anderen Abfertigungsschaltern schon lange reger Betrieb herrschte, träumten die Counter unserer Fluggesellschaft noch vor sich hin – unbenutzt und unbehelligt. Das einzig Erfreuliche war, hinter uns bildete sich langsam eine Schlange von Mitreisenden. Von einer Fehlauskunft konnten wir somit nicht ausgehen.

Wir warteten schon fast eine Stunde vor den Abfertigungsschaltern. Noch immer war nichts geschehen. Nichts im eigentlichen Sinne der Bedeutung: Abfertigung von Passagieren. Ein Mann mit der dunkelblauen Fluguniform der Alitalia erschien, hantierte hinter der Möbelreihe, verschwand dann wieder. Die wartende Schlange von Kunden seines Arbeitgebers störte ihn dabei in keinster Weise. Er sah müde aus – irgendwie urlaubsbedürftig. Vielleicht setzte er sein Nickerchen weiter fort als er seinen Abgang von der Bühne hatte. Ich fühlte mich an eine surreale Theatervorstellung erinnert, bei der man zur Unterhaltung des Publikums Personen auf die Bühne schickt, sie unsinnige Handlungen vornehmen lässt, um die Zuschauer zu schockieren, zuminest zu unterhalten. Als nächstes erschien eine Frau. Sie war gut geschminkt. Auch sie trug die Kleidung der Alitalia. So schön hergerichtet würde sich diese bestimmt nicht mehr zum Schlafen hinlegen. Sie war aber nicht die einzige Statistin, denn einen Text für uns stand nicht in ihrem Repertoire.

Kommen, Hantieren und Verschwinden – das war das Programm für die Frühaufsteher.

Immerhin geschah etwas für unsere Augen. Wir waren abgelenkt, warteten jedes Mal, dass es jetzt losgehe. Private Koffer wurden hochgehoben, mehr oder weniger lange gehalten. Dann stellte man sie wenige Zentimeter weiter wieder ab. So ließ sich die Illusion erzeugen, es ginge vorwärts.

Enttäuschung?

Nein!

Kaum machte sich Unmut in der Schlange breit, dann wurde wieder ein Komparse auf die Bühne geschickt. Nur kam von denen keiner auf den Gedanken, uns zu informieren, warum es nicht endlich losginge, oder uns mitzuteilen warum nichts geschehen konnte. Die Schlange der Wartenden war schon so lang, dass ich zu faul war, die Anzahl der Leidensgenossen zu zählen. Immerhin war dies ja ein Großraumflugzeug, welches uns nach Europa zurückbringen sollte. Ich fragte mich zu dieser Zeit noch, wie es die Alitalia denn überhaupt schaffen konnte, in zwei Stunden das zu schaffen, was für einen dreieinhalbstündigen Zeitraum geplant war?

Heute weiß ich, wir befanden uns schon inmitten des chaotischen Netzwerks dieser Fluggesellschaft. Nur wir wussten es noch nicht.

Berücksichtigt man das Wohl für das Warten auf fremde Personen übliche akademische Viertel, dann begannen die für das Einchecken üblichen Handlungen so pünktlich, wie bei jeder anderen Luftfahrtsgesellschaft auch. Eine Stunde vor dem Abflug ging es endlich los.

 

Der Abflugraum für unseren Flug nach Mailand war überfüllt. In ihm standen weniger Stühle, als Passagiere Zutritt hatten. Einige Besitzer von Hartschalenkoffern nutzten ihr Gepäck als Sitzgelegenheit. Wir hatten keinen Hartschalenkoffer bei uns, somit auch keine Sitzmöglichkeit. Wir mussten uns die Beine in den Bauch stehen.

Einspruch Euer Ehren!

Stattgegeben!

Die Ausstattung der Abflugräume kann nicht der Alitalia angelastet werden. Außerdem ist mir nicht bekannt, ob sie sich um größere Abflugräume bemüht hatte. Bei einem solchen Flughafen sollte man allerdings davon ausgehen können, dass auch größere Wartehallen zur Verfügung standen.

Aber uns traf auch eine gewisse Mitschuld. Wir hatten zu lange in den Duty-free-Geschäften herumgetrödelt. Wären wir zeitiger in die Abflughalle gekommen, dann hätte man bestimmt ....

Ach nein! Dann hätte einer der glücklichen Stuhlbesetzer statt Unsereiner stehen müssen. Ärgerlich war nur das Verhalten des Alitalia-Personals. Es stand herum und unterhielt sich. Keiner störte sich an der Überfüllung des Raumes.

Alltag bei der Alitalia?

Dafür hatten sie sich eine organisatorische Meisterleistung einfallen lassen. Im Grunde war der Gedanke ja nicht schlecht: Die Passagiere auf den hinteren Plätzen betreten das Flugzeug zu erst. Dann folgt Gruppe für Gruppe die Passagiere im mittleren Bereich, bis diejenigen dran sind, deren Sitzplatz sich vorne befindet. Ein toller Gedanke. Nur muss man so etwas auch organisatorisch begleiten. Man hätte den Raum parzellieren können, man hätte Schilder für die einzelnen Gruppen aufstellen können, man hätte auf den Abflugscheinen lesbare Gruppenbildungen vornehmen können. Man hätte auch schlicht und einfach kontrollieren können, ob die richtigen Passagiere den Zugang zum Flugzeug suchten.

Nichts geschah, bis auf die Lautsprecherdurchsage. Sie war zu lang und teilweise unverständlich. Die Sprecherin leierte einen Text so monoton herunter, als wäre das Ablesen für sie eine Strafe. Ob ihre Ausführung überhaupt zu verstehen waren, schien sie nicht zu interessieren. Gleiches galt auch für die Umsetzung ihrer Anordnung. Sicher war nur, sie bekam dafür sicherlich Zeilenakkord. Sie verband Worte miteinander und das so schnell, dass einem der Sinn des Gesagten häufig verwehrt blieb.

Auch hier will ich dem Einspruch stattgeben. Dies scheint mehr ein Merkmal der heutigen Zeit zu sein, für die hektischer Flugbetriebs in einen Flughafen Normalität zu sein scheint, denn ein besonderes Qualitätsmerkmal unserer Fluggesellschaft. Kurz gesagt, keiner hielt sich an die Vorgaben. Diejenigen, welche die ganze Zeit hatten stehen müssen, waren als erste am Kontrolldesk. Während eine Bodenstewardess die Abflugscheine abriss – ohne Kontrolle versteht sich - standen drei ihrer Kolleginnen untätig daneben und beobachteten uns. Vielleicht war dies der letzte Sicherheitsscheck, den wir vor Betreten des Flugzeugs über uns ergehen lassen mussten?

Nun geschah eine Zeitlang nichts mehr, jedenfalls nichts, was Außergewöhnlich wäre, in diesem Zusammenhang berichtet zu werden. Ich hatte einen Fensterplatz ergattert und genoss den Abflug von Bangkok. Kurz vor dem Tenasserim-Gebirge, welches Thailand von Birma trennt, flogen wir in eine dicke Wolkenschicht. Schade, aber leider nicht zu ändern. An Bord wurde der Willkommens-Drink gereicht. Gleichzeitig traf man Vorbereitungen für eine Mahlzeit. Ich hatte seit über fünf Stunden nichts gegessen und mein Magen signalisierte Aufnahmebereitschaft. So ließ sich die Enttäuschung, wegen des dichten Wolkenteppichs nichts vom Andamanischen Meer und Birma zu sehen leicht verkraften. Kurz vor der indischen Küste brach der Wolkenvorhang auf. Wenn ich jetzt so auf den Atlas schaue, dann könnte es die Stadt Kattak gewesen sein, die wir überflogen. Leider erfährt man nur in den seltensten Fällen, über welchen Teil der Erde man fliegt.

Die Landschaft war berauschend: Berge, Flüsse, Städte, Felder Straßen. Langsam aber stetig wurde man darüber hinweggeführt. In jedem Moment änderte sich das Bild vor einem. Man hatte die Empfindung vor einer riesigen Cinemascope-Leinwand zu sitzen. Auf dem Hinflug hatte uns die Nacht den Blick auf die Landschaft unter uns verwehrt. Außerdem war ich damals müde. Jetzt aber war ich wach und meine Augen schlangen das herunter, was vor meinem Fenster aufgetischt wurde.

Im Nachtprogramm unserer Fernsehanstalten, wo die Maxime gilt, rund um die Uhr senden zu müssen, überträgt man Fahrten mit dem Auto oder Zug. Auch Übertragungen von Satelliten habe ich dort gesehen. Aber noch keiner ist auf den Gedanken gekommen, solche Flüge aufzuzeichnen und zu zeigen. Ich glaube, dafür würde ich mir den Wecker stellen, wenn ich wüsste, man sendete einen Film: “Flug von Maracaibo nach Feuerland”, oder “Eindrücke einer Flugreise von Mombasa nach Dakar”.

Ich bin nun kein Mensch, der gute geografische Kenntnisse hat. Bestimmt habe ich damals in der Schule nicht, oder zu wenig aufgepasst. Aber es gab ja eine Unterstützung in Geografie. In unregelmäßigen Abständen wurde auf dem Bildschirm der bordeigenen Fernsehanlage die Position des Flugzeugs angezeigt. Unser Flieger besaß somit eine Satellitenortung. Das war toll. Man wusste, wo man sich im Moment befand. Gleichzeitig wurde einem der bisherige Flugweg und der künftige angezeigt. Dazu gab es noch Zeit- Kilometer und Höhenangaben. Nach dieser Routenplanung sollte uns der Flug über Pakistan, Iran und die Türkei nach Europa führen. Wenn mich meine beschränkten geografischen Kenntnisse nicht im Stich ließen, dann mussten wir irgendwann die Flusslandschaft des Indus überqueren. Ich wusste nicht wann, dazu fehlten mir weiterführende Einblicke.

Eine Flusslandschaft folgte. War dies der Indus? Ich hätte mir den breiter vorgestellt. Eine Stadt bot sich meinen Blicken feil. Konnte dies Neu Delhi sein? Eigentlich war sie nicht so gewaltig in ihrer Ausdehnung, wie ich es vermutet hatte. Aber dann verließen wir den Indischen Kontinent. Wir flogen über Wasser.

Welches Meer befindet sich zwischen Indien und dem Iran? Ich kannte keines.

Seit wann findet man Neu Delhi am Meer?

Nun verstand ich, warum die Satellitennavigation nicht mehr auf dem Bildschirm ausgestrahlt wurde. Wir hatten die Route geändert.

Warum sagte man uns das nicht?

Was war geschehen?

Befürchtete man einen Aufruhr an Bord?

Steuerten wir einen Ersatzflughafen an?

Reden ist Blech und Schweigen ist Gold. An diesen Spruch hielt man sich wohl. Noch einer anderen Maxime bediente man sich: Brot und Spiele. Normalerweise sieht man während eines Fernflugs zwei Spielfilme. Sie sind aktuell und meistens noch nicht in deutschen Kinos eingespielt. Man kennt sie aber schon aus Berichten über die Premieren in den USA. Auf diesem Flug was alles anders. Ein Fernsehfilm folgte dem nächsten. Ich weiß nicht mehr, welche Filme gezeigt wurden. Dafür interessierte mich das Geschehen außerhalb des Flugzeugs zu sehr. Im Laufe der Zeit bemerkte ich aber, dass auch Filme gezeigt wurden, die wir aus dem Hinflug bereits kannten. Die Küste, die ich vor meinen Augen sah, musste zur arabischen Halbinsel gehören. Ausgedehnte Wüsten bestätigten dies. Wir befanden uns nicht auf dem Flug, den man uns gezeigt hatte

 

 

 

Wie sag´ ich es meinem Kinde?

 

 

Von den folgenden Vorgängen um die Flugzeugführung habe ich eigentlich keine Einblicke. Aber meine Fantasie hat mir verraten, wie so etwas abgelaufen sein könnte. Ob das alles so ähnlich oder tatsächlich so abgelaufen ist, das kann ich nicht bestätigen. Aber abgelaufen ist es, denn die Tatsachen sprechen dafür. Wenn es nicht so abgelaufen wäre, wie ich es hier schildere, dann kann es bestimmt nur noch chaotischer zugegangen sein. Man sollte sich ja immer von den angenehmsten Vorstellungen leiten lassen.

 

Raul Rougliero hatte sich verspätet. So etwas geschah bei ihm nicht so häufig. Etwas nervös kontrollierte er den Sitz seiner Krawatte. Sie gehörte zur Dienstkleidung eines Flugkapitäns der Alitalia. Er war am vergangenen Abend bei einem Geburtstag gewesen. Jim Hangs war Vierzig geworden und hatte dies ausgiebig feiern wollen. Er war mit ihm früher mal zusammen geflogen, bis dieser ein besseres Angebot bei der Canadian Airlines bekam. Na ja, die Bezahlung bei Alitalia war ja auch wirklich nicht die beste. Verdammt! Es war später geworden, als er es eigentlich gewollt hatte. Er hatte Jim durch Zufall beim Einchecken gestern Abend in seinem Hotel getroffen. Er checkte immer im Hyatt ein, Jim wohl auch. Seit mindestens zwei Jahren hatten sie sich nicht mehr gesehen. Groß war die Wiedersehensfreude. So konnte Raul die Einladung zu einer >kleinen Feier< nicht abschlagen. Und das wollte er auch im Grunde nicht, denn er hatte sich für den Abend nichts Wichtiges vornehmen wollen.

Wie oft im Leben kann man schon seinen vierzigsten Geburtstag feiern?

Er hatte eine Reihe interessanter Leute kennen gelernt und sich so richtig verquatscht. Per Saldo war er deshalb nur auf fünf Stunden Schlaf gekommen. Im Moment hatte er einen Brummschädel. Er hatte sich zwar nicht betrunken, aber den ein oder anderen Whiskey nicht abgelehnt. Bis zum Abflug in viereinhalb Stunden würde der Restalkohol aber bestimmt abgebaut sein.

Der Flugkapitän wechselte den dunklen Pilotenkoffer in die andere Hand. Er griff in die linke Innentasche seiner Uniform. Der Ausweis, der ihn als Mitglied der Flugbesatzung von Alitalia auswies, eröffnete ihm den Zugang zu dem Gebäudetrakt. Der Kontrolleur, ein in eine Uniform der Bangkoker Flugsicherheit gezwängter Thai, nickte zustimmend hinter der Scheibe. Das leise kontinuierliche Summen der Schließanlage deutete ihm an, er konnte ohne weitere Erklärungen abgeben zu müssen, das Gebäude betreten.

Zwei Stufen gleichzeitig nehmend, begab sich Rougliero in die zweite Etage. Hier lagen die Besprechungsräume für die anstehenden Flüge. Er atmete etwas knapp.

>Du solltest doch etwas mehr Sport treiben alter Junge<, sagte er halblaut zu sich. >Wann hast du zu letzten Mal auf dem Tennisplatz gestanden? Was es letzte Woche, oder schon davor?< Raul liebte diesen Sport, kam aber selten dazu, weil ihm die Langstreckenflüge in den fernen Osten immer seltener Gelegenheit dazu gab. Manchmal bot sich für ihn zwar die Möglichkeit, in der Hotelanlage den Schläger zu schwingen, aber es fehlte dann meist an den geeigneten Partnern. Entweder waren sie zu dickbäuchig oder sie legten ein elitäres Verhalten an den Tag.

Der schmale lange Gang hatte nur am Ende ein breites Fenster. Aus diesem Grund war er durch Neonlampen hell erleuchtet. Rougliero schaute auf die Schilder an den Türen, die er passierte. Vor der Türe, an der das Schild >Milan Flight No. 767> stand, hielt er im Schritt inne. Raul korrigierte den Sitz seiner Schirmmütze, nahm dann den Knoten seiner Krawatte zwischen die drei Finger seiner Hand und rückte sie zurecht. Dann klopfte er kurz an. Keiner antwortete. Er hatte eigentlich auch nichts anderes erwartet. Im Raum waren zwei Personen damit beschäftigt, gemeinsam den Inhalt eines Computerausdrucks zu lesen, der auf dem großen Tisch lag. Lou Sampang der Leiter der thailändischen Wetterdienstes, hob kurz den Kopf.

Hey! RR”

Guten Morgen, Lou.” Lou Phailang war für die Abklärung der Wetterbedingungen für den Flug 767 zugeteilt worden. Er gehörte zu den großwüchsigen Thais. An seiner Kleidung erkannte man sofort, worauf dieser Mann großen Wert legte - auf sein Äußeres. Stets trug er immer einen Anzug, mal mit westlichem Schnitt, manchmal aber auch solche mit einem asiatischen Design. Immer aber sahen die Anzüge so aus, als hätte er sie gerade gekauft. Heute trug er einen beigen Zweireiher mit Unterweste. Das Dunkelbraun seines Hemdes war farblich auf den Stoff des Anzugs abgestimmt. Die bunte Krawatte war etwas gewagt, passte aber eben so zu seinem Qutfit.

Rougliero stellte seinen Pilotenkoffer auf eine Anrichte und ging zur Kaffeebar. Er nahm eine Tasse, drückte eine Taste für >Cappuccino< und ließ sie volllaufen. Er nahm einen tiefen Schluck. Sofort meldete sein Kopf Erleichterung.

Alles klar mit dem Wetter, Lou?”

Vor dem Wetter hatte Rougliero Respekt. Es konnte einen in ganz prekäre Situationen bringen. Entweder musste man es weiträumig umfahren, oder es zwang einen, überbelegte Routen einzuschlagen. Wie auch immer, es war immer gleichbedeutend mit Stress. Aus diesem Grunde war der Wetterbericht der einzelnen Regionen, über die seine Route führte, für ihn immer bedeutsam.

Mit dem Wetter schon, aber ...” Lou kratzte sich an den wenigen aber immer noch tiefschwarzen Haaren, die seinen Hinterkopf bedeckten.

Was bedeutet das >aber< Lou?”

Der Vertreter der thailändischen Luftfahrtsbehörde schaltete sich in die Unterhaltung ein. Thor Sarang war wie immer nach der thailändischen Mode gekleidet. Sein Erscheinungsbild verriet eine gewisse Nachlässigkeit. Man sah es seinem Jackett an, dass er es achtlos auf dem Rücksitz geworfen hatte, als er heute Morgen mit dem Auto zum Flugplatz gefahren war. Sein Gesicht war eigentliche immer verschlossen, aber seine nach unter gezogenen Mundwinkel verrieten nichts Gutes.

Wir haben Probleme mit der Flugroute.”

Obwohl es Raul schwer fiel, lächelte er breit. “Sind die Berge im Himalaja so gewachsen, dass wir sie umfliegen müssen?”

Lou war wie immer zum Scherzen aufgelegt. Während Thor nach Worten suchte, um den ironischen Bemerkungen des Flugkapitäns zu entgegnen, spottete Lou zurück:

Du fliegst halt so schnell es geht um die Bergspitzen. Dann treffen sie dich bestimmt nicht.”

Sein Lachen war angenehm. Auch Thor Sarang zeigte ein schüchternes Lächeln. Man sah im an, das solche Wortspiele nicht seine Welt waren. Dann nahm aber sein Gesicht ernste Züge an.

Der Luftraum über Pakistan ist gesperrt.”

Raul Rougliero wusste, was das für seinen anstehenden Flug bedeutete. Seine heutige Flugroute sollte ihn heute über Pakistan nach Italien führen. Er hatte von dem Militärputsch in Pakistan in den Abendnachrichten gehört, hatte diesen jedoch keine besondere Bedeutung bei gemessen. In diesen Militärdiktaturen wurde laufend geputscht. Das interessierte ihn selten, denn schließlich flog er gut zehntausend Meter darüber hinweg. Seines Wissens war dies einer in einer langen Reihe von Putschen. Nie hatte es deshalb Schwierigkeiten gegeben. Meistens blieben die siegreichen Putschisten ruhig, hatten sie ihre innenpolitischen Ziele erreicht. Die internationalen Flugverbindungen betraf dies in den seltensten Fällen. Es muss also etwas besonderes vorgefallen sein.

Und weshalb in drei Teufels Namen machen die den Luftraum dicht?”

Thor Sarang, der Vertreter der thailändischen Luftfahrtbehörde, korrigierte den Sitz seiner Sehhilfe mit spitzen Fingern.

Ich vermute, die Putschisten wollen wohl Druck auf Indien machen. Oder sie befürchten indische Vergeltungsschläge. Dann brauchen sie wohl den gesamten Luftraum für sich. Die Nachrichtenagenturen berichten einmütig, dass die Militärs in Pakistan deshalb geputscht haben, weil der entmachtete Staatschef, ich weiß nicht, wie der überhaupt heißt, zu zaghaft gegen die Inder vorgegangen ist.

Krieg?”

Kann man nicht sagen. Jedenfalls nicht im Moment” Der Thailänder zuckte leicht mit seinen schmächtigen Schultern.

Raul winkte abwehrend mit seiner rechten Hand. Ihn interessierte dieser militärische Hickhack sowieso nicht. Außerdem störten ihn so tiefgreifende Erörterungen. Sie brachten für die Flugvorbereitungen sowieso nichts.

Dann werden wir Pakistan eben umfliegen müssen. weiß Tonio schon Bescheid? Wo ist der eigentlich?”

Tonio Velpuci war Rauls Co-Pilot auf diesem Flug. Eigentlich hätte der schon da sein müssen, denn Rougliero war ja selbst schon zu spät gekommen. Tonio und er waren schon mehrmals zusammengeflogen. Daher wusste Rougliero, dass Tonio erst seit kurzem diesem Flugzeugtyp der 747 zugeteilt worden war. Thor Sarang nickte zustimmend.

Er hat kurz vor deinem Erscheinen angerufen, er müsse Andrea Salvatori abholen.” Er zog seine Schultern hoch, als wüsste er den Grund dieser Verspätung nicht genau. “Motorschaden oder so? Auf jeden Fall habe ich ihn kurz unterrichtet.”

Rougliero nahm einen Schluck Cappuccino aus der Tasse, bis auf einen kleinen Rest. Er drehte die Tasse so heftig im kleinen Kreisen, dass der verbliebene Kaffee die Sahne am Tassenrand ablöste und kippte den Rest in seinen Mund.

Weiß Perucci schon Bescheid?”

Sarang, der Vertreter der thailändischen Luftfahrtsbehörde, legte das Lineal beiseite, mit dem er Linien in der großen Luftkarte gezogen hatte, die den asiatischen Raum abbildete.

Meinst du Perucci, euren Lufthafenmanager?”

Rougliero machte sich wieder auf den Weg zur Kaffee-Bar. Er drehte sich kurz um, als er auf die Frage von Thor einging.

Bei allem, was Alitalia Geld kostet, müssen wir Perucci fragen. Das weißt du doch. Der stimmt es dann mit Rom ab. Damit will ich auch nichts zu tun haben. Ich fliege den Vogel nur. Aber das >Wohin?< und das >Wie teuer?<, das interessiert mich nicht.“

Mit Rom meinte der Kapitän die Zentrale der Alitalia. Die örtlichen Manager hatte eine Grenze, bis zu der sie eigenmächtig Ausgaben verfügen konnten. Ab einer gewissen Summe, die genaue Höhe kannte nur Perucci, wurden aber alle Entscheidungen in der Zentrale in Rom getroffen. Man nannte das Rationalisierung. Aber Rationalisierung für wen? Die in der Zentrale in Rom mochten vielleicht Kosten sparen, er RR durfte dafür eine halbe Stunde zeitiger zum Briefing kommen. Ergaben sich nämlich solche Probleme wie man sie jetzt diskutierte, dann musste genügend Zeit zur Verfügung stehen, den Segen aus Rom einzuholen. Ohne dieses OK durfte kein Flug beginnen. Rationalisierung bedeutete für Rougliero Mehrarbeit.

Weil Thor Sarang seine Frage mit einem Kopfschütteln geantwortet hatte, ging der Kapitän zum Telefon und forderte die am anderen Ende im Alitaliabüro sitzende Telefonkraft auf, Perucci würde dringend beim Briefing 767 benötigt. In der Zeit bis zu seinem Erscheinen beugten sich alle drei über die Luftfahrtkarte und überlegten, welche Flugstrecke wohl infrage kommen könnte.

 

Die Türe des Besprechungszimmers wurde auf einmal aufgestoßen. Lachend betraten der Copilot und der Kommunikations-Pilot des Flugs 767 den Raum. Velpuci musste wohl wieder einen seiner Blondinen-Witze erzählt haben, denn Salvatori lachte aus vollem Herzen. Sein Bauch hüpfte dabei wie ein Ball auf und nieder.

Entschuldigung der Wagen von Andrea sprang nicht an. Wahrscheinlich der Anlasser. Er machte ein Geräusch, wie die Blondine, die in der Bar sitzt und von ...”

Rouglieros strenger Blick erstickte den Wortschwall seines Co-Piloten. Die beiden Neuankömmlinge stellten ihre Pilotenkoffer neben den ihres Kapitäns.

Du weißt von der Änderung unseres Flugplans wegen des Putsches in Pakistan?” Rouglieros Stimme ließ ganz deutlich den Vorgesetzten erkennen.

Tonio nickte. Dabei konnte der Flugkapitän auf die Oberfläche einer Bürste schauen, so kurz waren die Haare von Tonio geschnitten. Die Nummer zwei zog die Uniformjacke aus, legte sie sorgfältig über die Rückenlehne eines Sessels: “Habt Ihr schon eine Entscheidung getroffen?”

Wir warten auf Perucci! Aber bis dieser kommt, kannst du schon einmal ...” Velpuci bekam eine Reihe von technischen Anweisung, sich mit den technischen Vorschriften des Flugzeugs zu kümmern. Die Unterhaltung im Besprechungszimmer nahm einen geschäftigen Ton an.

 

Romano Perucci war ein großgewachsener Mann. Er hatte die für einen normalen Italiener übliche Körpergröße überschritten. Er selbst führte das auf seinen Vater zurück, von dem er nur wusste, dass er seiner Mutter bei der Befreiung der Amerikaner am Ende des Zweiten Weltkriegs gefallen hatte. Er trug einen Anzug aus dunkelblauer Seide. Er hatte sie wohl in der thailändischen Hautstadt auf eigen Kosten anfertigen lassen. Nur das Emblem von Alitalia verriet, dass es sich um den Dienstanzug seiner Fluggesellschaft handeln sollte. Perucci kannte die Neuigkeit des Überflugverbots bereits. Er wandte sich direkt an den Leiter der thailändischen Luftfahrtbehörde.

Kann man die Pakistani nicht dafür haftbar machen, wenn sie internationales Recht brechen?”

Thor zuckte hilflos mit den Achseln.

Aber Perucci erwartete eigentlich auch keine Antwort. Ohne auf die Geste von Thor einzugehen, lamentierte er weiter. “Dieser Flug kostet uns mindestens Zweihundertfünfzigtausend Peseten extra. Aber ich habe das diesmal nicht zu verantworten. Ich nicht!” Seine Stimme klang über alle Maßen ärgerlich. Peruccis Augen zuckten. Sie zuckten immer, wenn er gefordert wurde. Allen Anwesenden war durch diese Worte klar, Perucci wollte sich in dieser Angelegenheit also Rückendeckung in Rom holen.

Habt ihr schon eine Alternativroute?”

Thor Sarang erläuterte die mit Rougliero und Phailang ausgearbeitete Alternative.

Können wir nicht mitten über den Golf von Oman fliegen? Das spart mindestens eine halbe Tonne Treibstoff.”

Sarang und Rougliero schüttelten gemeinsam entschieden ihre Köpfe. Sarang war aber derjenige, der dieser Möglichkeit laut widersprach.

Dann fliegen wir ziemlich genau am pakistanischen Luftraum vorbei.”

Perucci wollte gerade erneut mit den Treibstoffkosten anfangen, als der Flugkapitän sich wütend einmischte.

Roman, möchtest du gerne eine abgeschossene 747? Dann sollten wir nicht so viel tanken.”

Perucci schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Seine Augen zuckten eine Sequenz schneller. Dabei jammerte er laut und anhaltend: “Um Himmels willen nein! Eine 747 kostet bestimmt ...”

Der wütende Blick von RR ließ ihn erstummen. Betreten gab er mit seinen Bedenken klein bei.

Ich werde mit Rom telefonieren. Was machen wir mit den Passagieren?”

Diese Frage interessierte auch den Kapitän. Man diskutierte hin und her. Das Hauptproblem war, wie würden die Passagiere reagieren, wenn man ihnen von gesperrten Lufträumen und Militärputsch erzählte? Würde man eine Gefährdung des Luftverkehrs richtig verstehen? Die Anwesenden entschlossen sich, solange nichts zu sagen, bis das Flugzeug Bangkok verlassen hätte. Während des Fluges würde wohl keiner mehr aussteigen wollen. Es war dann in der Verantwortung des Flugzeugführers, von dieser Information Gebrauch zu machen oder nicht. Rougliero war mit dieser Lösung einverstanden.

Wie sag ich es meinem Kinde? Erstens überhaupt nicht freiwillig und zweitens nur dann, wenn es fragt.

Ohne seine Gedanken laut zu äußern war Rougliero fest entschlossen nichts verlauten zu lassen. Seine Strategie würde sein, nach Möglichkeit keine Fragen aufkommen zu lassen. Dann gab es auch keine Probleme.

Der Flughafenmanager der Alitalia schaute auf seine Uhr. Die Zeit bis zum Abflug wurde knapp. Seine Augen begannen stärker zu flattern. „Ist sonst noch etwas?“

RR schaute in die Liste des Briefings. Was war noch nicht abgeharkt?

Richtig! Die >Salerno< soll an Gate B 13 andocken. Der Warteraum ist doch für die Anzahl unserer Passagiere viel zu klein. Romano, kannst du nicht dafür sorgen, das wir Gate B 24 oder 25 bekommen. Diese Warteräume haben genügend Sitzplätze für die Passagiere einer 747. Du musst dich aber beeilen, in ...“ Raul schaute auf die Breitling >Crosswind Special< an seinem linken Handgelenk, „... einer knappen Stunde wird sie an die Gates geschleppt.“

Perucci nickte. Seine Augen zuckten wieder. Er holte einen kleinen Notizblock hervor und machte sich eifrig Notizen.

Es war Tonio Velpuci, der Co-Pilot, der nach dem Verschwinden die Stille des Zimmers störte.

Gottseidank, dass dieser Tintenpisser hier raus ist.“

Rougliero konnte nur mit Mühe sein Lächeln unterdrücken. Er dachte ähnlich, konnte dies aber nicht zugeben. Deshalb blickte der Kapitän des Alitaliaflugs >Milano 767< gar nicht erst hoch, als er seinem Co anfuhr.

Dann kannst du ja in aller Ruhe die Treibstoffmenge berechnen, die wir für unseren neuen Kurs tanken müssen.“

Rougliero nannte ihm eine Reihe von Zahlenkolonnen. Velpuci trug sie in eine Liste ein. Danach ging er zu einen freistehenden Schreibtisch an der Fensterseite des Briefingraumes, schaltete einen Computer ein und begann mit der Eingabe.

Der Leiter des thailändischen Wetterdienstes ging mit Rougliero noch einmal die Wetterberichte der Gebiete durch, die sie auf dem kommenden Flug durchfliegen würden. Das Wetter würde fast nur Sonnenschein bringen. Nur über der Türkei war mit einer Wolkendecke zu rechnen. Wenigstens das Wetter würde heute mitspielen, wenn es schon die Politik nicht konnte. Dann begab sich der Flugkapitän zu seiner >Salerno<.

Raul fand nicht sofort eine Fahrgelegenheit, die ihn zu seinem Flugzeug bringen konnte. Er ärgerte sich. Eigentlich hätte er vom Briefingraum ein Flughafentaxi bestellen müssen. Sonst fuhren immer genug hier herum. Immer wenn man aber eines brauchte, dann ... Raul fluchte, als er wieder auf seine Uhr blickte. Es war schon kurz nach Sieben. Sicher zu früh für die Fahrbereitschaft. In zwei Stunden würde es losgehen. Und er hatte noch eine Menge Dinge zu erledigen.

Rougliero betrat ein nahestehendes Gebäude, von dem er wusste, dass man von hier telefonieren konnte. Während er die Nummer in die Tasten drückte, sah er Perucci im Gespräch mit einer Blondine. War das seine Art, Anweisungen an die Zentrale von Alitalia zu geben? Er wurde abgelenkt. Am anderen Ende der Leitung meldete sich der Diensthabende der Fahrbereitschaft. Raul Rougliero gab seine Position und sein Ziel durch. Nun musste er wohl oder übel ein paar Minuten warten.

Wer war es denn, mit dem Perucci sich unterhielt? Der prüde Perucci und eine Blondine?

Als diese sich während der Unterhaltung etwas seitwärts drehte, erkannte Raul sie. Es war die Notticelli, oder die >scharfe Bella<, wie man Arabella Notticelli auch nannte. Aber das durfte man nur unter der Hand sagen, denn in dieser Sache verstand Arabella Notticelli keinen Spaß. Wer wollte schon ein Beratungsgespräch mit der Gleichstellungsbeauftragten in der Zentrale führen? Notticelli war die Chefstewardess des Bodenpersonals hier in Bangkok. Sie war ein scharfes Luder. Bedenkenlos setzte sie ihre weiblichen Reize zur Erreichung ihrer Ziele ein. Die Natur hatte sie mit großen Titten ausgestattet. Man hatte das Gefühl, die Notticelli wählte absichtlich eine zu kleine Konfektionsgröße, um ihre Oberweite gewaltig ins Bild zu setzen. Ja, ja, Bella konnte sich gut verkaufen. Man munkelte, ihr Männerverschleiß sei gewaltig, aber Raul hatte bei ihr noch kein Glück gehabt. Nicht, das er es nicht schon versucht hätte. Aber ihn hatte sie immer schnell abgefertigt. Vielleicht hatte sie ein Verhältnis mit Perucci? Eigentlich undenkbar. Möglicherweise unterrichtete Perucci sie auch über den Gatewechsel. Aber dieser starrte auf das Bein der Blondine, welches unter dem blauen Rock der Dienstuniform keinen Platz fand und sich deshalb durch den überlangen Schlitz seinen Weg nach draußen bahnte. Der Wagen der Bereitschaft kam. Raul ließ sich zu seinem Flieger bringen.

Im Cockpit verstaute er seine privaten Sachen. Sein Finger fand den Schalter der Klimaanlage. Er hatte gerade das Fahrwerk und die Landeklappen der >Salerno< kontrolliert. Draußen begann es, warm zu werden. Er setzte sich in seinen Sessel. Es war der linke von den beiden, die im vorderen Teil des Cockpits eingebaut waren. In diesem würde er die nächsten achtzehn Stunden verbringen müssen. Dann nahm er seine Arbeit auf. Die peinlich genau festgelegten Handschritte würden ihn die nächsten neunzig Minuten voll in Anspruch nehmen. Gleich musste Tonio kommen, der musste ihm einen Teil der Arbeit abnehmen.

Das Flugzeug ruckte an. Der Plainmover würde das Luftfahrzeug nun an das vorgesehene Gate manövrieren. Der Kapitän schaute auf seine Uhr. Wo blieb Velpuci eigentlich. Er nahm sich vor, diesen deutlicher auf seine Pflichten hinzuweisen. Gleich kamen die Tankfahrzeuge. Eigentlich sollte Velpuci den Tankvorgang überwachen. Als Rougliero aus dem Fenster seines Cockpits schaute stand seine >Salerno< doch vor Gate 13. Das fing ja gut an.

 

 

Die Sonne bringt es an den Tag

 

Nun wechselt die Geschichte von der Fiktion zum Erzähler.

Der Tag hatte kaum begonnen, da wurde er an Bord der 747 schon beendet. Sicherlich, wir waren heute morgen etwas früher aufgestanden, als man dies gewöhnlich macht. Sicher auch, dass die Passagiere, die eine gute Stunde vor dem Abflug noch so eincheckten, als gäbe es die Zeitvorgabe von dreieinhalb Stunden nicht, wohl zwei Stunden länger schlafen konnten als wir. An Bord konnten aber keine übermüdeten Passagiere vermutet werden. Um so unverständlicher war es, als man uns nach zwei Stunden Flug und einem guten Frühstück alle ins Bett geschickte. Schlafen war angesagt oder Fernsehschauen.

Unverständlich für eine solche Anweisung, die Sonnenblenden alle herunter zu ziehen, war dabei nicht nur der frühe Abflugtermin sondern wir flogen auch mit der Sonne. Um dies zu verstehen, muss man auch unterscheiden: fliegt man mit oder gegen die Sonne. Der Unterschied ist bedeutsamer als man denkt. Ich kannte beides und war bis dahin schon mehrmals gegen die Sonnenbahn gereist. So auch auf dem Hinflug nach Thailand. In dieser Reiserichtung vergeht der Tag wie im Fluge. Hebt man gegen Mittag von Ausgangsflughafen ab, dann beginnt nach zwei Stunden der Nachmittag. Schaut man eine weitere Stunde später auf die Uhr, dämmert es bereits. Und ruckzuck ist es dunkel. Nur innerhalb des vibrierenden Flugzeugkörpers ist dann noch Helligkeit. Der Körper stemmt sich noch ein wenig gegen das frühe zu Bettgehen. Aber nach einem doch sehr früh beginnenden Abreisetag und dem leckeren Abendessen an Bord gibt sich der Körper gerne geschlagen. Obwohl die noch nicht umgestellte Armbanduhr einem verrät, dass zu Hause die Nachrichten beginnen, hat unter dem Flugzeug die Mitternacht begonnen. Gerne kommt man so der Aufforderung nach, die Sonnenblenden herunterzuziehen, denn draußen ist es eh dunkel. Man sieht sowieso nichts.

Wo aber findet man bei dieser Reiserichtung den Haken? Folgt man der bisherigen Schilderung, dann ist diese Richtung der Flugreise ideal für diejenigen Menschen, die mit sich und dem Tage nichts anzufangen wissen. Das darf aber bei Flugreisen nicht grundsätzlich unterstellt und der Alitalia schon gar nicht angelastet werden. Nein! Der Haken liegt in der Kürze der Nacht. Nicht nur der Nachmittag und der Abend verklingen wie im Flug, auch die Nacht hält sich an die Gesetzmäßigkeiten der Erdumdrehungen. Bekanntlich geht so zwischen fünf und sechs Uhr wieder die Sonne auf.

Was erzählt der denn da? – werden Sie mit scharrenden Hufen fragen. Das ist doch alles bekannt.

Haben Sie denn auch an die verkürzte Nacht gedacht? Sehen Sie! Und da strapazierte und der Ruhe bedürftigen Urlauber eines langen Schlafes bedürfen, wäre es mit der Nachtruhe sehr früh zu Ende. Zumal, da Sie ja in sitzender Stellung auch noch unbequem geschlafen haben. So würden Sie die vibrierenden Triebwerke recht bald in die Tristheit des Bordalltags zurückgeholt haben. Deshalb wird das Flugzeug zu Beginn der Nacht verdunkelt. Und das ist gut so.

Kommen wir nun zu unserer Flugrichtung in Begleitung unserer Sonne zurück. Nichts dergleichen gilt, was für das Gegenteil sinnvoll war. Man ist ausgeschlafen. Es ist nicht dunkel. Obwohl die Bordzeit sich an die internationalen Regeln hält, dreht sich unter Ihnen die Erde hinweg, die Sonne folgt ihnen aber auf dem Fuße. Es bleibt hell. Warum also verdunkeln?

Am Schlafbedürfnis der Passagiere konnte es also nicht liegen. Dann käme nur noch das Fernsehbedürfnis infrage. Man kann darüber streiten, ob ein Spielfilm interessanter ist, als das, was unter unserem Flieger dargeboten wurde. Über Geschmack lässt sich bekanntlich trefflich streiten. Ich jedenfalls hatte mich für die Natur entschieden. Es war mir zu anstrengend, der englischen Konversation des Filmes zu folgen. Der Film war mir zudem recht langweilig. Auch hatte ich einen >Jerry-Cotton-Roman oder Vergleichbares nicht im Handgepäck. Zudem gehörte ich zu den glücklichen zwanzig Prozent, die einen Fensterplatz bei der Platzvergabe zugeteilt bekommen hatten.

So und nun stellen Sie sich mein Dilemma vor. Unter mir eine phantastische Landschaft, die durch die Sonne voll ausgeleuchtet wurde und die von keinem klitzekleinen Wölkchen verdeckt wurde. Wann hat man dieses Glück schon einmal? Auf der anderen Seite bedurft die nacheinander ab gespulten Spielfilme der Verdunkelung, weil man sonst von der ablaufenden Handlung der Kontrast wohl nicht zu scharf war. Rücksicht war gefordert und auch angebracht. So war das Bordpersonal pausenlos damit beschäftigt, die Fensterplatzbenutzer aufzufordern, die Jalousie geschlossen zu lassen. Zuerst stellte ich mich begriffsstutzig. Bald aber gehörte ich zu den Letzten, die man durch persönliche Ansprache aufforderte, die Sonne auszusperren. Auch der Ellenbogen meiner Frau unterstrich die Richtigkeit der Einstellung des Bordpersonals. Meine Blende musste ich Stück für Stück immer tiefer ziehen. Aber gänzlich geschlossen halten wollte ich sie auch nicht.

Können Sie sich vorstellen wie hell es in einem verdunkeltem Raum wird, wenn ihre Blende auch nur einen Fingerbreit geöffnet wird?

Schlimm, kann ich Ihnen sagen, schlimm.

Aber man hat ja so seine Tricks auf Lager. Das beginnt mit der abschirmenden Hand, geht über Körperverrenkungen und endet natürlich bei einer gewissen Portion Halsstarrigkeit. Diese Halsstarrigkeit belohnte mich durch unendlich schöne Eindrücke. Ich habe dadurch Landschaften gesehen, deren Bilder ich auch heute noch nicht missen möchte und die mir noch immer in meinem Kopf herumschwirren. Da dies aber nicht zu meiner eigentlichen Geschichte gehört, möchte ich an dieser Stelle nur anmerken: Ich habe sehenden Auges die Landschaft vom Arabischen Meer bis nach Griechenland aus einer Höhe von zehn Kilometern erblicken dürfen.

Bekanntlich folgt auf einer Glückssträhne häufig eine lange Periode des Pechs. Für uns begann sie über dem Ägäischen Meer. Wir wussten es aber noch nicht.

 

 

 

Dunkle Wolken am strahlend blauen Himmel

 

Der Flug verlief, wie jeder andere auch. Routine beherrschte das Cockpit der Boeing 747. Kapitän Rougliero starrte auf den Steuerknüppel, der sich zwischen seinen Beinen wie von magischen Kräften bewegte. Raul liebte dieses Spiel des Autopiloten. Es war immer faszinierend, was die Technik so zu Stande brachte. Langsam pendelte die milchige Oberfläche des Capuccinos in seiner Tasse hin und her. Gemächlich trennte sich der Rauch von der Oberfläche des heißen Getränks und stieg nach oben. Vor wenigen Minuten hatte die Stewardess, die kleine Cicellina, ihm eine weiter Tasse Capuccino gebracht. Er brauchte so etwas nicht zu bestellen. Cicellina war für die Erste Klasse zuständig, die sich direkt hinter dem Cockpit befand. Sie versorgte die Crew ungefragt mit allem, was gewünscht war. Sie kannte die Vorlieben der drei Männer und das wurde auch prompt geliefert.

Andrea, hast du Kontakt mit Er Riad?“

Der Kommunikationspilot war mit der Justierung seiner Gesprächsfrequenzen beschäftigt, hörte damit aber auf, als er angesprochen wurde. Rougliero wusste zwar, um die Kontaktaufnahme, fragte aber dennoch, um Andreas Zustimmung auf dem Voice-Recorder zu haben.

Schon seit zehn Minuten. Wir haben Glück. Wenn wir AEP 27/3 erreichen werden, können wir uns wahrscheinlich problemlos einfädeln.“

AEP stand für Aviation Enter Point und kennzeichnete den Verkehrsknoten, bei dem die 747 sich über den Luftraum Saudi Arabiens in die Luftstraße 27 einfädeln sollte.

Der Verkehr über Saudi Arabien ist etwas dichter als sonst, RR, aber wir haben unseren Platz. Sobald wir da sind, können wir rein.“

Roger!“ knurrte der Kapitän.

Wo sind wir Tonio?“

Die Standortbestimmung war Aufgabe des Co-Piloten.

18 minus AEP.“ Das bedeutete, in 18 Minuten würden sie den Knotenpunkt erreicht haben. Die Stimme von Velpuci klang schläfrig. Wenn wir AEP 27/3 passiert haben, dann lege ich mich etwas aus Ohr. OK, RR?“

Was hast du heute Nacht gemacht“, witzelte Andrea Salvatori.

An der Bar habe ich eine Blonde kennengelernt. Ein Deutsche aus Regensburg. Ich glaube, das war eine echte Blonde, keine gefärbte.“

Wie hast du das überprüft?“ fiel ihm Andrea ins Wort.

Als ich das heute Nacht überprüfen wollte, da hat ihr Mann sie ins Körbchen geholt. Die ganze Mühe war umsonst. Dabei hat sie sich den ganzen Abend von mir unterhalten und aushalten lassen und dann ...“ Velpuci schnippte mit den Fingern und bewegte dabei die Hand nach oben. „Niente!“

Bevor du dich hinlegst, musst du noch einmal die Treibstoffvorräte berechnen.“ Die Stimme des Flugkapitäns klang geschäftig. Mit keiner Silbe ging er auf die Erzählung seines Stellvertreters ein, als habe er all dies, was dieser gesagt hatte, nicht gehört.

Es wird verdammt knapp werden. Jetzt bereue ich, dass ich dem Drängen von Perucci nachgegeben habe und nur das Minimum habe tanken lassen. Diese Kostentreiberei geht mir ganz deutlich auf den Keks.“

Die sparen, wo sie nur können.“ Der Co-Pilot griff zu er Liste mit den Treibstoffberechnungen. „Warum? Ist das Kerosin in Thailand teuerer, als bei uns?“

Der Flugkapitän zuckte mit den Schultern. „Hat was mit einem Abkommen zu tun, bin aber nicht sicher. Gleich fliegen wir über das größte Ölfass der Welt und unsere Tanks sind so leer, wie ein trockener Schwamm.“

Ich glaube nicht, dass unsere Triebwerke das ungereinigte Öl gut vertragen werden?“ Der Co-Pilot schaute nicht hoch und tippte Zahlenreihen in einen Bordrechner. Mehrmals musste er Zahlen erneut eingeben. Dann fluchte er jedes Mal leise vor sich hin. „Dieses Menü ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss.“

Rougliero griff zum Mikrophon, um sich mit dem Chefsteward in Verbindung zu setzen.

Hier ist RR. Kannst du frei sprechen? Fein! Wie ist die Situation an Bord? Das erfreut mich.“ Der Kapitän lauschte, was am anderen Ende gesagt wurde. „Dann zeigst du eben die Filme für den Rückflug. Von den Passagieren wird schon keiner mit dieser Maschine wieder zurück wollen.“

Am Ende der Leitung wurde gesprochen. Rougliero nickte mehrmals mit seinem Kopf und bestätigte seine Meinung mit einer Wiederholung des Wortes „Ja.“. „Genau! In den Pausen lässt du einfach den Getränkewagen den Gang rauf und runter rollen. Das lenkt die Leute ab. Wenn die was geschenkt bekommen, dann werden die den Getränkewagen nicht aus den Augen lassen.“

Wieder wurde auf der anderen Seite der Sprechverbindung etwas gesagt. Mehrmals gab der Chef des Flugzeugs seine Zustimmung.

Nein, ich werde die Satellitennavigation nicht auf die Monitore schalten. Das gibt bestimmt Fragen. Wenn einer laut wird, dann haben wir den Ärger an Bord.“ Die Stimme des Flugzeugführers nahm eine energische Form an. „Auf keinen Fall werden wir die Leute unterrichten. Auch später nicht. Verstanden?“ Wütend wuchtete er das Mikro in die Halterung. „Da will dieser Idiot die Leute mit dem Kopf darauf stoßen, das wir eine andere Route fliegen. Scheiße, jetzt ist der Cappuccino kalt.“

In der Kanzel wurde es ruhig. Der Kapitän drückte einige Hebel und drehte an Potentiometern. Es musste routinemäßig geschehen. Tonio, der Co-Pilot war immer noch mit den Berechnungen beschäftigt. Er brummte etwas zu sich selbst, dann bearbeitete er weiter die Tasten. Andrea Salvatori lauschte den Signalen, die sein Kopfhörer ihm übermittelte. Ab und zu drückte er auf eine Tastatur, die eine Zahlenanzeige veränderte. Dann sprach er leise in sein Kehlmikrophon. Dies waren die einzigen Geräusche, die den Fahrtwind übertönten.

Hast du Kontakt mit >Z<?“

Es war der Kapitän, der Andreas Aktivitäten von außen in das Cockpit zurückholte. >Z< war die gängige Abkürzung für die Zentrale in Rom. Von hier wurden alle Flüge der Alitalia koordiniert. Nur so ließen sich die Ankunftsflüge und die Landevorbereitungen abstimmen.

Ja, Alles OK. Ich hab unsere Position durchgegeben. Wir sind ein bisschen langsam sagt >Z<. Wir werden minus 15 in Milano sein.“

Fünfzehn Minuten Verspätung, wenn man den Zeitverlust der anderen Route mal vernachlässigt? So pünktlich war ich die letzten Wochen nicht.“ Die Stimme von Rougliero klang beruhigt. „Vielleicht bekommen wir über der Türkei noch Rückenwind, dann sind wir pünktlicher als >Z< annimmt.“

Tonio Velpuci beendete das Menü zur Berechnung der benötigten Kerosinmenge nach Milano und klappte den Deckel des Laptops zu. Er streckte sich. Ein Gähnen verzerrte sein Gesicht. Der schmale Computer wurde in den dafür vorgesehenen Schlitz geschoben. Velpuci verschränkte die Arme hinter seinen Kopf. Dabei machten seine Hände Greifübungen nach imaginären Früchten. „Ich glaube es wird eng.“

Mit dem Kerosin meinst du?“ RRs Stimme klang besorgt. „Erzähl!“

Wenn wir in Milano landen, dann werden wir keine halbe Tonne Treibstoff an Bord haben.“

Rougliero richtete sich auf. Besorgnis sprach aus seinen Worten. „So ernst? Dann haben wir weniger als vorgeschrieben ist.“

Ich habe es zweimal durchgerechnet. Es gibt keinen Zweifel.“ Tonio unterdrückte ein weiteres Gähnen.

Rougliero fluchte. Immer diese Sparärsche. Warum machen die den Tank nie voll? Ich tanke auch nicht zehn Liter, wenn ich in den Wintersport fahre.“ Der Kapitän starrte in das Blau des Himmels, der sich vor ihnen ausbreitete. Kaum eine Wolke war zu sehen. „ Eigentlich müssen wir >Z< davon unterrichten.“ Rougliero zog seinen Schnurbart nach oben. „Aber die können uns auch nicht den Tank füllen.“ Der Kapitän kratzte an seiner Nase, bohrte dann den kleinen Finger seiner rechten Hand in ein Nasenloch. Neugierig betrachtete er, was er so zutage gefördert hatte, dann schnippte er es auf den Boden. „Ich kann auch nichts daran ändern. Andrea gib´s durch.”

Der Kommunikationspilot stellte die benötigte Frequenz ein. Dann begann er den Kontakt zur Außenwelt herzustellen. RR stand auf, griff zu seiner Uniformjacke. Während er sie überstreifte drehte er sich zu seinem Co-Piloten um.

Ich vertrete mir noch ein wenig die Beine. Ich bin in der ersten Klasse, wenn ihr mich sucht. Wenn ich zurück bin, dann kannst du dich meinetwegen hinlegen Tonio.“

Er griff in die Innentasche seiner Jacke, zog einen Kamm hervor. Obwohl seine Frisur keiner Korrektur bedurfte, führte er den Kamm durch seine Haare. Auch die kurzen Haar seines Lippenbartes wurden in Fasson gebracht. Im Spiegel kreuzten sich die prüfenden Blicke mit seinem Spiegelbild. Klackend drückte die Gasdruckfeder die Kabinentüre ins Schloss.

 

Ein heftiges Rütteln an seinen Schultern beendete den Schlaf des Co-Piloten. Tonio schaute verschlafen auf seine Fliegeruhr. Nur eine halbe Stunde hatte er geschlafen. Er brauchte nicht zu fragen, was passiert war. Cicellina erzählte es ihm mit überschlagender Stimme.

Du sollst sofort zu RR kommen. Er braucht dich.“

Gemach, gemach Schätzchen! Ich habe zuerst gedacht, du Stürmische wolltest unter meine Decke.“

Er schlug einladend seine Decke zurück. Er hatte für diese kurze Ruhepause seine Uniformhose nicht ausgezogen. Dennoch machte er seine Beine einladend breit.

Ich glaube, unter deiner Decke ist mehr Flaute, denn Sturm“, war ihre schnippische Antwort. „Außerdem kannst du deinen Dampf besser bei RR ablassen.“ Ihre langen, blondierten Haare wehten hinter ihr her, als sie den kleinen Vorraum der Pilotenkanzel verlies.

Tonio musste seine Kopf einziehen, um sich überhaupt erheben zu können. Er faltete schnell die Decke zusammen, warf diese achtlos auf die schmale Liege zurück. Er kontrollierte den Sitz seine Krawatte, bevor er die Türe zum Cockpit öffnete.

Kaum hatte er die Türe wieder geschlossen, als ihn Rougliero anblaffte: „Wird auch Zeit, dass du mal aus den Sträuchern kommst, Tonio. Du musst noch einmal den Kerosinverbrauch nachrechnen. Ich habe es vorhin überschlagmäßig getan. Ich glaube wir haben zu wenig.“ Die Stimme von Rougliero zeigte etwas Aufregung. Die streichende Bewegung über seinen Schnurrbart unterstrich dies.

Wo sind wir im Moment?“

Wir haben vor zehn Minuten gerade Riad passiert.“ Andrea Salvatori hatte in der letzten halben Stunde die Aufgaben des Co-Piloten mit übernommen. Er gab ihm die genauen Daten ihrer Position. Tonio begann sofort fieberhaft zu rechnen. Ein leichter Schweißfilm bildete sich auf seiner Stirn, blieb aber unbeachtet.

Du hast recht RR. Der Sprit reicht nicht. Nach meinen Berechnungen würden wir bei Modena abstürzen.“

Rede keinen Scheiß, Tonio!“ Die Stimme des Kapitäns klang ärgerlich. Velpuci zuckte zusammen. Wenn RR in dieser Tonlage sprach, dann war mit ihm nicht gut Kirschen essen.

Sicherheitshalber rechne ich noch einmal nach“, sagte er eilfertig.

Das Kerosin reichte tatsächlich nicht. Eine Zwischenlandung war unvermeidlich. Nur wo? Eine solche strategische Entscheidung traf immer die Zentrale, nie der Kapitän des Flugzeugs. Dieser durfte nur dann eigenmächtig handeln, wenn eine unmittelbare Gefahr für das Flugzeug bestand. Und das war im Moment nicht der Fall. Während die Crew auf die Anweisungen aus Rom wartete, gab Rougliero den Befehl aus, alles zu überprüfen, ob nicht technische Defekte Ursache für diesen Treibstoffverlust verantwortlich zeichneten. Das war aber nicht der Fall. Die Technik der >Salerno< funktionierte einwandfrei.

 

Hoch über dem Wilden Kurdistan befand sich ein weiterer AEP - Verkehrsknotenpunkt. Hier würde das Flugzeug mit der Zielrichtung Mailand das europäische Luftverkehrsnetz betreten. Die Luftüberwachung Er Riad würde das Flugzeug an die Flugüberwachung Athen übergeben. Das Flugzeug würde, den Vorgaben der neuen Strecke folgend, in eine leichte Linkskurve gehen. Rougliero schaute auf seinen Steuerknüppel, der es nicht aufgegeben hatte, sich in leichten Pendelschlägen zu bewegen. Er müsste sich bewegen, damit das Luftfahrzeug wie ein Brett in der Luft liegen konnte. Die Pendelbewegungen hörten abrupt auf. Der Steuerknüppel legte sich nach links. Mit einer sanften Richtungsänderung folgte die Maschine der Vorgabe und flog eine langanhaltende Linkskurve. Bei einer Richtungsänderung bestand immer die Gefahr, dass die Abweichung durch den Autopiloten zu groß würde. Aus diesem Grunde berechneten die beiden Piloten die Position des neuen AEP. Dieser befand sich kurz vor Eskisehir in der Türkei. Rougliero korrigierte die kleine Winkelabweichung des Autopiloten.

Es wird Zeit, dass Rom langsam aus den Sträuchern kommt. Wenn wir in Athen runter müssen, dann sollten wir uns dort bald anmelden.“ Die Stimme des Flugzeugchefs klang ungehalten. Immer, wenn es irgendwo eng wurde, dann hatte die Zentrale große Probleme zu kooperieren.

Meinst du RR, die lassen uns in Athen runter? Ich glaube es nicht. Ich möchte wetten, die lassen uns erst in Rom tanken.“ Velpucis Stimme klang zweifelnd. Er schaute sich zu Salvatori um. Dieser zuckte mit den Schultern, während er an der Frequenzweiche drehte. Die Zentrale hatte sich noch nicht gemeldet.

Das Gespräch erstarb. Eine der routinemäßig durchzuführenden Kontrollen stand an. Sie nahm Rougliero und Velpuci voll in Anspruch. Cicellina betrat mit einer Tasse frischen Capuccino das Cockpit. Als sie sah, wie beschäftigt die beiden Piloten waren, stellte sie wortlos die Tasse in die dafür vorgesehene Halterung des Kapitäns.

Danke! Wenn wir dich nicht hätten.“ Der Kapitän schaute sie aber nicht an. Zu sehr war er mit den Vorgaben beschäftigt, die sein Zweiter ihm diktierte.

Cicellina liebte diese Aussicht. Auf diesem schmalen Gang, der zu den vorderen Pilotenplätzen führte, stand sie am liebsten. Aus ihrem Blickwinkel heraus hatte sie eine ausgezeichnete Aussicht durch die beiden geteilten Frontfenster auf die Landschaft unter ihnen. Obwohl durch die doch kleinen Fenster die Sicht eingeschränkt war, bot sich ihr doch von dieser Position aus ein Panorama, wie man es von keiner Stelle des Flugzeugs zu sehen bekam. Eigentlich war ein zu langes Stehen im Gang nicht erlaubt. Ein Luftloch könnte sie plötzlich auf die Piloten schleudern und dadurch in ihrer Reaktion behindern. Aber so war es halt. Die schönsten Dinge im Leben sind ja immer verboten.

Hast du für mich eine Pasta, Cicellina? Mein Magen knurrt so laut. Wenn ich nicht bald etwas zu Essen bekomme, dann hört man binnen Kurzem die Triebwerke nicht mehr.“ Auf Tonios Gesicht zeigt sich ein breites Grinsen.

Er versuchte dem Hintern der Stewardess einen Klaps zu geben, aber diese hatte die Ungehörigkeit früh genug erkannt und war dieser Berührung geschickt ausgewichen.

Keine Kraft haben und dann Sachen machen wollen, die einen ganzen Mann erfordern.“ Die Stimme der Stewardess hatte einen verachtenden Beiklang. Nur Tonio wusste, dass sich diese Worte auf seine Anspielung beim Wecken bezogen. „Ich werde mal nachschauen, was da ist.“ Mit einen spöttischen Lächeln verließ sie die Kabine.

Habt ihr das gesehen. Diese Frau liebt mich. In Mailand werde ich mit ihr die heutige Nacht verbringen.“ Velpuci glaubte wirklich, war er sagte.

So?“ Zu einem weiteren Kommentar der Ereignisse wollte sich Rougliero nicht beteiligen.

Aber sicher doch! Sie hat schon längere Zeit ein Auge auf mich. Ich sehe doch, wie sie mich anschaut. Komme ich in ihre Nähe, dann hört sie auf zu atmen. Ihre Hände vibrieren und sie errötet. Sie weiß zwar nicht, dass ich es bemerkt habe, aber meine sexuellen Sensoren haben ....“

Das es dir dabei aber nicht so ergeht wie der Frau meines Nachbar”, schaltete sich Salvatori in den Monolog seines Kollegen ein.

Was ist denn mit der passiert?“, wollte Tonio wissen.

Die wollte wohl auch so wie du, aber ihr Mann roch wohl den Braten.“

Tonio dreht sich so schnell zum Funkplatz um, wie es ihm möglich war. „Red´ nicht so geheimnisvoll. Was ist passiert?“

Der dickleibige Kommunikationspilot fuhr mit seinen Fingern durch sein angefettetes Haar. “Na gut!, wenn du meinst.! Er machte eine kleine Pause, um nachzudenken, oder um den vermeintlichen Frauenheld in Spannung zu versetzen. Entspannt lehnte er sich in seinem Sessel zurück. „Ich kenne mich doch ein wenig mit Elektronik aus.”

Sicher!”, bestätigte Velpuci die Ausführungen des Kommunikationspiloten. „Mehr noch, du bist auf dem Gebiet ein richtiges Ass.

Bescheiden winkte Andrea ab. “Es hält sich in Grenzen.

Was ist denn nun mit der Nachbarin?” Tonios Stimme verriet deutlich seine Neugier. Fahrig glitten seine Hände durch das kurzgeschnittene Haar.

Wollt ihr das wirklich wissen?”

Aber sicher doch”, entfuhr es dem Co-Piloten. Raul Rougliero konnte sein breites Grinsen über die Ungeduld seines Co nicht verbergen. Er sagte aber nichts.

Im Nachbarhaus wohnt ein Pierro Lazarus. Mit Betonung auf dem A.“ Er wiederholte die richtige Sprechweise, ließ aber dabei offen, ob dieses wesentlicher Bestandteil seiner Erzählung oder ein Herausschinden von Zeit war. „Wir kennen uns vom Modellfliegen her. Eigentlich treffen wir uns alle zwei Wochen auf der Modellfluganlage - wenn ich denn frei habe.” Ein Seufzen begleitete seine Worte. „Pierro weiß alles über Verbrennungsmotore, von Elektronik hat er weniger Ahnung. Eines Tages ist er an mich herangetreten und hat mich gefragt, ob ich auch Wanzen bauen könnte. >Wanzen?<, hab ich gefragt. Wanzen baut man nicht, die kauft man. >Wo?< hat er gefragt. >Nicht im Supermarkt!< hab ich geantwortet.”

Mach es nicht so spannend” unterbrach ihn Velpuci. Nervös nestelten seine Finger an dem Knoten seiner Krawatte. ”Ich will keine Gebrauchsanleitung für Wanzen, ich will wissen, was mit der Nachbarin ist.”

Andreas Hand machte eine beschwichtigende Bewegung. ”Porka Madonna! Habt Ihr keine Zeit? Wir haben noch sechs Stunden bis Milano.” Eine Strähne seines fettigen Haars fiel in seine Stirn und wurde instinktiv nach hinten geschoben. Sichtlich genoss er es, die Aufmerksamkeit der anderen auf sich zu ziehen. ”Ich wollte wissen, wofür er eine Wanze brauchte. Zuerst wollte er nichts sagen. Als ich ihm aber andeutete, wie sensibel und auch gefährlich der Einsatz von Wanzen ist, wurde er gesprächiger. Da erzählte er mir, seine Frau arbeite dreimal in der Woche bei einem Häusermakler. Ich glaube Seraffino war sein Name.“ Wieder folgte eine Pause. „Richtig Serafino hieß er. Sie führte ihm wohl die Buchführung. Leider war sie seine einzige Beschäftigte. Aber das habe Pierro erst herausgefunden, als die Sache schon eine Zeit lief. Dieser Seraffino ist nur gute zehn Jahre jünger als Pierro und auch sonst ein flotter Typ. Wie Ihr es sicherlich selbst erraten habt, Pierro war fest davon überzeugt, dass seine Frau nicht nur Hand an die Buchführung legte.”

Das Lachen des Co-Piloten erfüllte das Cockpit. Auch Rougliero, der an sich bemüht war, Desinteresse zu heucheln, musste mitlachen. ”Andrea hau rein! Das wird alles vom Voice-Recorder mitgeschnitten.”

Sein Co winkte ab. ”In fünf Minuten ist dort sowieso nur noch unser Schweigen zu hören. Erzähl weiter Andrea!”

Salvatori ,der Kommunikationspilot des Fluges Milan 767, hatte erst mitgelacht, als ihn die beiden anderen mit ihrem Lachen ansteckten. Eigentlich kam ihm bei jedem Flug die Rolle des Zuhörers zu. Entweder führten die beiden Piloten an den Steuerknüppeln das große Wort, oder aber er hatte den Äther nach Radiosignalen abzuhören. In beiden Fällen spielte er eine untergeordnete Rolle. Diesmal hatte er aber ein Thema, das die beiden da vorne interessierte. Von Velpuci wusste er, dass dieser schlüpfrige Themen liebte. Aus diesem Grunde hatte er seine Worte bewusst so gewählt, dass der Co darauf anbeißen würde. Eine Zufriedenheit breitete sich auf seinen Gesichtszügen aus.

Ich habe Pierro einen Sender und Empfänger aus Manila mitgebracht. Dort bekommt man sie besonders leicht. Außerdem sind die Spuren bis dort nicht zu verfolgen, wenn die Wanzen in falsche Hände geraten. Der Sender montierte ich in eine Puderdose, die Pierro sofort seiner Frau schenkte. Den Empfänger habe ich ihm in sein Autoradio gebaut.“ Die Stimme des Erzählers änderte seinen Klang. Sie wechselte vom Kollegialen zum dienstlichen. „Ich glaube, ich sollte doch noch einmal Kontakt mit Rom aufnehmen!”

Untersteht dich! Das kannst du gleich machen, wenn du zu Ende erzählst hast.”

Auch RR nickte gnädig mit seinem Kopf. Zwar waren solche privaten Gespräche während eines Fluges nicht erlaubt, aber ab und zu geschah es doch. Wie gesagt, der Mitschnitt des Voice-Recorders würde in fünf Minuten automatisch überschrieben werden. Dann war alle wieder gelöscht. Und es sah im Moment nicht danach aus, dass etwas passieren konnte. Vor dem Flugzeug schien sich die Wolkendecke langsam zuzuziehen, aber die Wettermeldungen hatten nichts Außergewöhnliches gemeldet.

Komm erzähl weiter Andrea! Du siehst doch, wie gespannt Tonio an deinen Lippen hängt.”

Wie Ihr wollt! Aber sagt mir nachher nicht, ich hätte meine Aufgaben nicht wahrgenommen.” Der Stoff seines Pilotenhemdes begann sich langsam mit dem Schweiß seiner Achseln zu füllen. Die Stimme nahm wieder den kameradschaftlichen Ton an. ”Na gut! Ihr habt es so gewollt! Pierro sorgte dafür, dass seine Frau die Puderdose mit sich führte, wenn sie zur Arbeit ging. Es war ja auch ein wertvolles Stück. Hat ihn so fünfhunderttausend Lira gekostet. Zu folgen brauchte er ihr ja nicht, weil er ja wusste, wo sie arbeitete. Er wollte ja nur wissen, was über oder unter ihrem Schreibtisch geschah.

Das Lachen von Tonio hatte Salvatori erwartet.

Leider konnte er nur vor dem Haus des Immobilienmaklers einen Parkplatz finden. Es war für ihn unproblematisch, da er ja hören konnte, wann seine Frau die Arbeit beenden würde. Die Übertragung war ausgezeichnet. War ja auch ein amerikanisches Modell!” Andreas Gesicht wurde zu einem Lächeln. Er genoss es, wie die beiden Piloten an seinen Lippen hingen.

Tonio zeigte dies ganz offen. Seine Augen waren erwartungsvoll geweitet. Sein Mund stand einen Spalt weit auf. Dahinter konnte man das Zucken der Zungenspitze sehen. Das Gesicht des Flugkapitäns war für den Erzähler nur von der Seite einsehbar. Offiziell täuschte er Beschäftigung vor. Die Gesichtszüge waren trotzdem gespannt. Um aber bei den Triebwerksgeräuschen die Erzählung seines Kommunikationspiloten mitverfolgen zu können, musste er doch ein wenig seinen Kopf in seine Richtung drehen. Dieses fortwährende Schauen nach rechts gab seinem Verhalten ein künstliches Aussehen und verriet dadurch seine Anteilnahme. Salvatori merkte, dass er nicht zu lange mit der Aufmerksamkeit seiner Zuhörer spielen konnte.

In der ersten Zeit geschah nichts. Nur die Beschreibung von Objekten, die seine Frau tippen musste, oder Zahlenkolonnen, die nach Buchführung aussahen.”

Und?”, unterbrach Velpuci ungeduldig den Erzählenden. “Was geschah?”

Nichts!” bemerkte Salvatori trocken.

Wie >Nichts<? Es muss doch etwas passiert sein!”

Ist es auch! Aber anders, als du es erwartet hast. Pierro ist einfach eingeschlafen!”

Eingeschlafen?” Der Co blickte auf Andrea, als habe er ihm gerade mitgeteilt, dass Alitalia die Lufthansa aufgekauft hätte. Das Lächeln, das die Lippen von RR verbog, verriet, er hatte doch alles mitbekommen.

Jawohl, eingeschlafen. Du weist doch, die ewigen Beschreibungen und Zahlenreihen und seine schlaflosen Nächte. Aber jetzt kommt’s. Als seine Frau nach der Arbeit das Gebäude verlässt, erkennt sie den eigenen Wagen. Verwundert geht sie darauf zu, erkennt ihren schlafenden Mann und fragt ihm, was er denn hier mache. Da hört sie ihre eigene Stimme im Autoradio.”

Das Lachen erfüllte das gesamte Cockpit. Es wurde immer dann losgetreten, wenn einer Teile des Sachverhalts wiederholte, oder durch mimische Darbietungen die Geschichte anzureichern versuchte.

Silenzio! Silenzio maledetto!” Andrea versuchte mehrmals den Geräuschpegel zu senken. Langsam begriffen die beiden anderen, das Andreas Worte nichts mehr mit seiner Geschichte zu tun hatten. Erst als er mit seinem Kopfhörer winkte, machte sich die Stille in diesem vordersten Teil des Flugzeuges breit.

Anweisung von Rom! Wir haben keine Freigabe für Athen. Wir sollen erst in Rom runter.”

Die Stimme des Flugkapitäns war emotionslos. “Tonio, rechne aus, wie weit der Sprit noch reicht. Andrea nehme sofort Kontakt mit Rom auf und frage, wie die sich den weiteren Ablauf denken.”

 

Die Stimmung an Bord war entspannt. Wir mussten uns über Griechenland befinden. Wo sonst gibt es so viele Inseln und dann noch in dieser Häufigkeit? Die Stimmung an Bord war gelöst. Das Flugpersonal hatte alle Filme gezeigt, die an Bord waren. Die Leute widmeten sich wieder dem, was sie zur Überbrückung einer langen Flugreise mitgebracht hatten.. Einige nickten vor sich hin. Andere begannen durch eine Wanderung an Bord ihre versteiften Glieder zu lockern. Die Zahl derjenigen, welche mit mir die Sonnenblenden hochschoben, wuchs. Die Stewardess, die mich längere Zeit höflich damit genervt hatte, mit meiner nicht so tiefgezogenen Blende doch nicht die anderen Passagiere zu stören, widmete sich endlich anderen Aufgaben. Auch meine Frau begann nun dem Außen mehr Beachtung zu schenken. Sie lehnte sich an meine Brust, um mehr von dem Geschehen außerhalb des Flugzeugs zu erhaschen. Gemeinsam genossen wir den Flug über diese Landschaft, die sich uns wolkenlos darbot. Gegenseitig machten wir uns auf Entdeckungen aufmerksam: Ein riesiger Krater, der fast den gesamten Raum einer Insel einnahm. Auf dem Grunde dieses Naturereignisses hatten Sieder einige Häuser gebaut. Wir rätselten, wie man wohl über den Kraterrand zu diesen Gebäude würde vordringen können. Nur mit Mühe erkannten wir die schmale Serpentine, die man zur Besiedlung dieses Tales hatte bauen müssen. Es war aber die Schroffheit der Küstenform, die in einem unversöhnlichen Kontrast zu den weichen Rundungen der Berge und den anderen Landschaftsformen stand. Wir folgten Autos über den Landstraßen, die vergeblich versuchten mit uns mitzuhalten. Wir zählten die vielen Fischerbote, die sich deutlich vom Blau des Wassers abhoben. Ich hatte das Gefühl, Gulliver zu sein, der sich mit riesigen Schritten über die Ameisenmenschen bewegte.

 

 

 

Wie bekommt man einen Wal in ein Aquarium?

 

Der Finger des Flugkapitäns tickte mehrmals gegen die Armatur. Es geschah unbewusst und weniger zielstrebig. Raul Rougliero glaubte nicht tatsächlich daran, das eines der Geräte in seinem Cockpit nicht funktionieren würde. Es war mehr das Ausschalten einer Möglichkeit, die man auch bei geringster Wahrscheinlichkeit eben doch nicht ausschließen konnte. Es war ein Unbehagen, dass seinen Körper im Moment beherrschte. Er wusste nicht genau, wie es um seine Kerosinvorräte bestellt war. Im Flugzeug gibt es eben keine Tankanzeige. Und Unsicherheit war etwas, was er sich als Verantwortlicher für das Leben von knapp 500 Menschen nicht leisten konnte. Nach Mailand, das war klar, würde der Treibstoff bestimmt nicht reichen. Aber würde er bis Rom langen, so wie die Zentrale dies ihm nahegelegt hatte? Der Gegenwind war immer ein schlecht zu berechnender Faktor beim Kerosinverbrauch. Er war doch stärker gewesen, als sie in Bangkok angenommen hatten. Eigentlich glich man dies durch eine Sicherheitsreserve aus. Aber dann war wegen der Sparmaßnahmen nur so wenig Kerosin getankt worden, um eben damit Mailand erreichen zu können. Nur wo sollte er runter gehen, wenn sie Rom tatsächlich nicht erreichen könnten? Er musste diese Entscheidung treffen, denn er hatte allein die Verantwortung für den Flug. Gegenüber Rom genauso, wie gegenüber dem Luftfahrtaufsichtsamt und schließlich auch gegenüber den Passagieren. Aber so weit wollte er noch nicht denken.

Tonio! Die Sache mit dem Treibstoff lässt mir noch keine Ruhe. Komm, rechne doch noch einmal nach, ob es denn bis Rom reicht.”

Der Co-Pilot nickte zustimmend. Auch er sah die Treibstoffsituation nun mehr als kritisch an. Er blätterte in den Flugunterlagen, bestimmte die Entfernung nach Rom, vergewisserte sich zum wiederholten Male über den Spritverbrauch der B 747 bei dem Wert des momentanen Gegenwindes. Dann glitten seine Finger über die Tastatur des eingebauten Rechners. Er vervollständigte die Zahlenangabe, welche die Maske des Bildschirms gespeichert hatte. Je länger die Programmbearbeitung dauerte, um so mehr legte sich seine Stirn in Falten. Der Unterkiefer drückte seine Oberlippe unter die Nase und verlängerte so ihre Länge.

Es wird knapp! Der Sprit müsste gerade bis Rom reichen.”

Was ist, wenn der Gegenwind noch etwas stärker wird?” Die Stimme das Chefs klang klar nüchtern und sachlich.

Dann wird es problematisch.”

Was ist, wenn wir in Rom nicht sofort herunterkönnen?”

Ich weiß nicht, ob es für die große Schleife dann noch reicht. Bei der kleinen hätte ich auch schon Bedenken.”

Raul Rougliero schaute aus dem Seitenfester seines Arbeitsraumes, als gelte es etwas zu erspähen, was sich ihm nur undeutlich zeigte. Nach einer kurzen Zeit des Schweigens wandte er sich seiner Besatzung zu.

Wir werden nicht in Rom runter gehen:”

Diese Entscheidung hatten die beiden Männer nicht erwartet. Man kann nicht sagen, dass sie schockiert waren, dazu hatten sie schon brenzlichere Situationen durchgestanden. Aber überrascht von dieser Entscheidung ihres Chefs waren sie dann doch. Nun galt es, diese Entscheidung umzusetzen.

Und wo willst du mit dem Vogel runter, es ist schließlich eine 747? Auf der Stirne von Andrea Salvatori bildeten sich die ersten Schweißperlen. Er schwitzte immer, wenn man ihn unter Stress setzte. Das war aber nichts Besonderes. Sein Nervenkostüm blieb dabei stets stabil. Er war immer die ruhende Pol, wenn auch der feuchteste, wenn es hektisch zuging. Er selbst führte dieses Schwitzen auf eine Stoffwechselstörung zurück. Rougliero glaubte mehr an eine falschen Ernährung. Salvatori lebte nur von frittierten Kartoffeln, die er stets noch mit Mayonnaise würzte und Unmengen Cola dabei in sich abfüllte. Es waren aber wohl auch die vielen Süßigkeiten, die er in sich hineinstopfte. “Athen haben wir vorhin passiert. Willst du zurück?”

Nein!” Die Antwort von RR war schneidend. Sofort wurde ihm die Schärfe seiner Antwort bewusst. “Entschuldigung Andrea! Es war so nicht gemeint. Du weißt doch kein Tanken außerhalb Italiens, wenn es sich nicht vermeiden lässt” Rougliero machte bewusst eine kleine Pause, um seinem Kommunikationspiloten die Zeit zu geben, sein verkniffenes Gesicht zu entspannen. “Bis wir uns in Athen eingereiht haben, ist unser Sprit längst alle. Willst du einen Schaumteppich zur Begrüßung?”

Der Kommunikationspilot winkte mit beiden Händen ab, als wollte ihm jemand die Adoption eines Tigers aufzwingen.

Dann bleibt noch Neapel.” Velpuci der Co-Pilot schaltete sich in die Diskussion ein.

Daran hatte RR auch schon gedacht. Auf jeden Fall wäre dies eine Möglichkeit. “Andrea, nehme Kontakt mit Neapel auf. Mal sehen, was die sagen.”

Während der Kommunikationspilot die gewünschte Verbindung aufnahm, richtete der Co-Pilot die Maschine auf den nächsten Verkehrsknoten aus. Unmerklich kippte die 747 über den rechten Flügel ab und beschrieb eine lange Kurve. Die Spitze des Großraumflugzeugs zeigte nun genau in Richtung Rom.

Mit Neapel haben wir Pech.” Andrea mischte sich in die Kommandos, die das Richtungswechsels begleiteten. “Die haben nur eine Start- und Landebahn. Die andere wird gerade repariert. Da ist im Moment der Teufel los. Wenn wir eine Notlage haben, dann sollen wir im Golf von Neapel wassern. Da wären immer genug Fischerboote, um uns zu helfen.” Sein Gesicht zeigte ein breites Grinsen. Der Tower in Neapel hatte also einen Scherz gemacht. Selbstverständlich würden sie in einer Notlage dort landen können.

Ich hab davon gehört”, bestätigte Velpuci. “

Alle Augen waren auf RR gerichtet. Man erwartete von ihm die Entscheidung. „Ich will keine Notlage, auf jeden Fall nicht, so lange sie sich vermeiden lässt.“

Rougliero wusste, dass er mit dieser Absichtserklärung die eigentliche Frage noch nicht beantwortet hatte. Und prompt folgte die Frage „Und nun?“ von seinem Co. Die Finger der rechten Hand fuhren durch die ergrauten Schläfen. Dann kämmten diese den Schnurbart nach unten. “Es bleibt uns nur Brindisi.”

Bist du verrückt?” Velpucis Kehlkopf schluckte schwer. “Entschuldigung, aber der Regionalflughafen ist für uns einen Nummer zu klein.”

Oder auch zwei”, hörte man die Stimme von Salvatori aus dem Hintergrund.

Aber es ist möglich. Die Landebahn reicht gerade aus. Wenn wir präzise am Anfang landen, dann müsste es klappen.” RR machte eine Pause, so als überdenke er das, was er noch sagen wollte. “Ich glaube, wir werden etwas heftig bremsen müssen.”

Wenn nicht, dann werden wir die ersten sein, die im Flughafengebäude sind.“ Velpuci lachte selbst über seinen Scherz. Zögernd fielen die anderen beiden in das Lachen mit ein.

RR räusperte sich. “Andrea. Informiere die Leitstelle in Rom, das wir in Brindisi runter gehen. Dann sagst du der Zentrale Bescheid. Ich berufe mich auf 26 12. Das ist ...”

Ich weiß!”, unterbrach ihn sein Co-Pilot, “Du bist in Notsituationen an Bord die letzte Instanz.”

Genau!” Rougliero nickte bestimmend. Trage dies bitte so ins Bordbuch ein.“

 

 

Das Klingelgeräusch schreckte mich aus meinen Gedanken. Es ist, egal in welchen Flugzeug man auch sitzen mag, immer das gleiche Geräusch. Die Information des Anschnallen ist damit ebenso verbunden, wie die des Rauchverbots, oder die Durchsage des Bordpersonals. Es ist aber nicht so sehr die Häufigkeit ihres Gebrauchs, die einen stört, als vielmehr dessen Tonfrequenz. Irgend ein findiger Kopf wird es komponiert haben, als er sich mit seiner Schwiegermutter im Kriegszustand befand. Alle Generationen von Fluggästen haben nun darunter zu leiden. Da alle Fluggesellschaften der Welt das Rauchen während des Flugbetriebs längs durchgesetzt haben, konnte der akustische Hinweis nur die Aufforderung zum Gurtanlegen bedeuten.

Heißa!” fuhr es mir durch meinem Kopf. Wir befanden uns gut 10 Kilometer über dem Mittelmeer. Keine Wolke trübte den Blick auf die glatte Oberfläche des Thyrrenischen Meeres. Ein Unwetter schied als Ursache der Aufforderung eindeutig aus.

Gleich bekommen wir nasse Füße”, sagte ich mehr spaßeshalber zu meiner Frau.

Ihr geistesabwesender Blick verriet mir, ich hatte sie in einer Schlafphase erwischt. Mit kurzen Worten schilderte ich ihr den Sachverhalt.

Wir haben wohl einen kleinen Motorschaden und werden mal eben zwischendurch wassern. Bist du schon einmal auf dem Wasser gelandet?”

Die Komposition meiner Gedanken machte sie auf einen Schlag hin wach. “Was du wieder für einen Quatsch redest!” Ihr rechter Ellbogen bohrte sich in meine Seite.

Die Stimme, die über die Bordanlage verbreitet wurde, gehörte zweifellos dem Captain. Er sprach ein fürchterliches Englisch und das auch noch sehr schnell. Ich verstand nur so viel, wir würden landen. Allerdings nicht auf dem Wasser. Schade eigentlich. Das wäre einmal eine neue Erfahrung gewesen. Aber der Verlust unseres Gepäcks, der dann zweifellos damit auch eintreten würde, ließ mich von dieser Möglichkeit dann doch schnell wieder Abstand nehmen.

Anders, als wie es bei den üblichen Landungen der Fall ist, breitete sich an Bord eine hektische Betriebsamkeit aus. Ein Teil der Passagiere hatte noch nicht mitbekommen, worum es eigentlich ging. Sie wähnten sich noch eine gute Stunde von Mailand entfernt und wollten ihren individuellen Bedürfnissen nachgehen. Andere glaubten an eine Fehlmeldung oder an einen kleinen Scherz und ignorierten deshalb die Aufforderung, sich anzuschnallen. Das Flugpersonal hatte alle Hände voll zu tun, ihre Fluggäste auf ihre Plätze zu bugsieren. Die Eile der Landevorbereitungen war unübersehbar.

Sind wir schon in Mailand?” Die Stimme meiner Frau schreckte mich aus meinen Beobachtungen.

Seit wann liegt Mailand am Meer?” Mein Oberkörper gab die Sicht durch das Bordfensterfrei. Das Meer unter uns dehnte sich bis in den Horizont. Sogar die jugoslawische Küste war nicht zu sehen.

Liegt Mailand denn nicht am Meer?” Die Augen meiner Frau strahlten ohne Arglist. Sie glaubte tatsächlich das, was sie sagte. Mein Körper verdeckte wieder das Fenster. Der Hinweis mit dem Meer was also nicht hilfreich gewesen. Ich versuchte es anders herum: “Als wir im Winter dieses Jahres Urlaub in Levigno gemacht haben, hast du mich auf das Schild >Mailand< selbst hingewiesen. 30 Kilometer haben da draufgestanden. Erinnest du dich?“

Sie zögerte, bis sie dann nickte.

Und. Hast du da das Meer gesehen?“

In die Augen meiner Frau machte sich Ratlosigkeit breit. Sie schüttelte ihren Kopf. “Und warum landen wir hier?”

Das war die Frage, die auch ich ihr nicht beantworten konnte. Es ging abwärts wie im Aufzug. Der Wasserspiegel auf meiner Seite kam immer näher. Aus achthundert Metern Höhe waren die Wellen mit ihren kleinen Schaumkronen deutlich zu erkennen. Hatte der Pilot uns in Sicherheit wiegen wollen? Würden wir tatsächlich wassern müssen? Der Wasserspiegel kam immer näher. Die Klappen am Flügel standen auf >Landung<. Und es ging noch immer tiefer. In meine Beine breitete sich das Gefühl aus, welches ich zu ersten Male erfahren hatte, als ich mit einem Segelboot unterging. Die Kälte des einströmenden Wassers in das Bootsinnere, die langsam von meinem Körper Besitz ergriff, machte sich wieder in meinen Beinen breit. Wieder krampften sich meine Muskeln zusammen, als könnten sie nur so sich der Zangenwirkung des Untergehens entziehen. Damals war nur mein Kopf noch trocken geblieben, jetzt begann er sich mit Hitze zu füllen.

Das Flugzeug flog schon so tief, dass ich glaubte, das Fahrgestell musste eigentlich schon den ersten Kontakt mit dem anderen Element gemacht haben, so nah waren wir der spiegelnden Wasserfläche. Jetzt erst tauchten die ersten Sandfelder in meinem Blickfeld auf. Ein Strand schob sich zwischen uns und dem Meer. Einige Kinder spielten dort mit einem Ball. Hätte man das Fenster öffnen können, ich hätte nach der Lederkugel gegriffen.

Rumpelnd stellte das Flugzeug den Kontakt zum Boden her. Kaum rollte der Flieger über der Betonpiste trat der Pilot mit aller Kraft auf die Bremse. Alles was in den Flügeln den Luftwiderstand vergrößerte, war ausgefahren. Der Flieger bremste, als galt es einen Auffahrunfall zu vermeiden. Zum ersten Mal begrüßte ich, dass ich angeschnallt war, so sehr drückte mein Körper gegen den Kunststoff-Riemen meines Sitzes.

Ich glaube, da läuft jemand über die Landebahn.”

Aber meine Frau hatte keinen Sinn für solche Scherze. Sie suchte krampfhaft nach Luft und versuchte durch sichtbares Würgen gegen die Übelkeit anzukämpfen. So schnell kann also ein Flugzeug anhalten, ging es mir durch den Kopf. Musste es aber wohl auch, denn wir hatten das Ende der Landebahn bereits erreicht. Zielstrebig steuerte das Flugzeug auf einen kleinen Gebäudekomplex zu, der sich an der Seite eines Betonstreifens erhob. >Flughafen Brindisi< stand dort mit mittelgroßen Buchstaben.

Das Flugzeug kam zum Stehen. Nach kurzer Zeit schwiegen auch die Triebwerke. Dann geschah nichts mehr. Das einzige, was geschah war, dass nichts geschah. Das Zeichen zum Anschnallen leuchtete still vor sich hin. Das Bordpersonal waren die Einzigen, die sich an Bord frei bewegen durften. Sie hasteten über die beiden leeren Gänge des Flugzeugs. Jeder hatte sitzen zu bleiben. Wenn denn einer zu sehen war, der sich erheben wollte, dann wurde er barsch zum Sitzenbleiben aufgefordert. Zweimal unternahm meine Frau den Versuch, die Bedienung anzusprechen. So als haben man nichts verstanden, eilte man weiter. In mir machte sich Unmut breit. Ich wartete, bis wieder einmal ein Steward auf uns zu kam. Demonstrativ erhob ich mich und machte Anstalten, meinen Platz trotz des Anschnallzwangs zu verlassen. Sofort stockte der Schritt des Uniformierten.

Sie müssen sitzen bleiben, bitte!“ Die Stimme klang gefasst. Der kurzgeschnittene Schnurrbart verlieh ihm bei dieser Uniform etwas Feldwebelhaftes.

Was ist denn passiert?“ Die Stimme meiner Frau klang unerbittlich.

An der Stimme meiner Frau erkannte ich ihre Entschlossenheit. Sie war an einem Punkt angelangt, wo man ihr kein X für ein U vormachen konnte. Der Mann von Alitalia merkte das wohl auch. Zugleich sah er sich durch die fragenden Blicke um sich herum gefesselt. Er zögerte. Sichtlich überlegte er, ob ein Aufschub seiner Aufgabe gerechtfertigt sei. Sein Brustkorb sog sich mit Atemluft voll. Seine Hände machten eine Bewegung als ob er mit meiner Frau Handball zu spielen beabsichtigte.

Nur eine kleine Zwischenlandung, Lady! Machen Sie sich keine Sorgen! It´s a normal matter! A real normal matter!“

Was hat er gesagt?“ Meine Frau bearbeitete mich unmerklich mit ihrem rechten Ellbogen. „Es ist eine ganz normale Sache, eine wirklich normale Sache.“, übersetzte ich unseren Flugbegleiter.

In Brindisi zu landen“, bemerkte meine Frau?

Die Hand des Uniformierten wies mich in meine Polster zurück. Dann entschwand er.

Eine ganz normale Sache?“, sagte meine Frau. „Muss wohl!“, war meine Antwort. Uns war ja nichts passiert. Wir hatten keine Wasserlandung hingelegt. Wir waren nur zwischengelandet. Das konnte schon mal passieren. Meine Aufmerksamkeit richtete nach auswärts. Ich versuchte etwas zu erspähen, was unsere Fragen beantworten würde, aber das Rollfeld blieb leer. An meiner Seite war die Landebahn sichtlich eng. Nur am Horizont waren Dünen erkennbar. Ich glaubte das Gras zu erkennen, das sich dort im Winde bog. So nahe waren es von unserem Flieger entfernt. Der Nachmittag begann sich langsam zu verabschieden. Die Sonne hatte sich zurückgezogen, so als wollte sie von diesem Ärger nichts mitbekommen.

Eine Stunde tatenlosen Herumsitzen lag schon hinter uns. Die Crew hatte sich in den Küchenzellen des Flugzeugs zurückgezogen. So als scheute man die fragenden Blicke der Passagiere. Man hatte die Vorhänge zuziehen lassen. Man fühlte sich so, als sei man im Theater und wartete auf den Beginn der Vorstellung. Jedes Mal, wenn sich dort der Vorhang bewegte, verstummte das Raunen, erhoffte man nun den erwarteten Beginn der Vorführung. Weil aber nichts geschah, schwoll das Raunen wieder an, bis wieder jemand jenseits des Vorhangs diesen berührte, um so die Spannung der wartenden Besucher zu erhöhen. In unserem Flugzeug kündigte sich außer durch die sporadischen Bewegung des Vorhangs nichts an. Um uns herum wurde es stetig lauter. Unmutsäußerungen wurden ausgestoßen. Der Steward, der sich sonst vorwiegend in unserem Teil des Flugzeugs aufhielt, enteilte es Öfteren dem Vorhangs. War er bislang einsilbig geblieben, so wurde er nun zusehends umgänglicher. Er verblieb nun mehr im Gang. Fragen wurden mehr und mehr beantwortet. Wir erfuhren, dass wir hier zum Tanken zwischengelandet waren. Das Wort >Notfall< kam zwar nicht aus seinem Munde, aber er verriet sich doch. Nach dem wir über anderthalb Stunden angekettet auf unserem Platz verharrt hatten rückte er mit der Information heraus, die mir sofort den Ernst der Lage bewusst machte. Unser Langstreckenflugzeug war zu schwer für die hiesigen Plainmover. Dieser hatte die Aufgabe, den Flieger in Abflugposition zu bringen. Bekanntlich haben die Flugzeuge ja keinen Rückwärtsgang. Es musste ein weiterer herangeschafft werden, so erfuhren wir, und ein solcher war wohl nicht da. Wir waren auf einem Flugplatz gelandet, der für die unsere 747 eine Nummer zu groß war. Weil man uns nicht aus dem Flieger bat konnte man davon ausgehen, dass man beabsichtigte mit ihm wieder zu starten. Böswilligerweise könnte man auch behaupten, keine durfte aussteigen und sich dann weigern weiterzufliegen. Das wäre dann für >Z< noch teurer geworden.

Meine Frau interessierte bei diesem Zwischenstopp ein anderer Gesichtspunkt. Eigentlich mussten wir laut Flugplan schon in Mailand sein. In anderthalb Stunden startete unser Anschlussflug nach Frankfurt. Würde dieser Anschluss noch klappen? Erstaunlicherweise wurde diese Frage sofort beantwortet.

Natürlich, keine Probleme.“ Zweifel wurden nicht akzeptiert. „Alles kein Problem“, wurde uns mitgeteilt. Die Alitalia sei eine große Fluglinie und würde mit solchen kleinen Zwischenfällen leicht fertig. Die Zentrale in Rom wüsste um dieses Ereignis. Der Anschlussflug würde bestimmt für uns warten. Auf ihre Frage hin, wie das mit dem Umladen unseres Gepäcks sei, folgte nur eine Handbewegung des Stewards.

No Problem!”

Also wirklich eine ganz normale Sache?

Mit der Geschwindigkeit einer Zeitlupe begann sich der stählerne Koloss endlich zu bewegen. Langsam wich der Boden vor uns zurück. Die Landebahn trat wieder in unser Sichtfeld. Die mit neuem Kerosin versorgten Triebwerke heulten auf. Zügig bewegte sich der Vogel auf die einzige Start- und Landebahn des Flughafens zu. Kaum waren wir in die Startrichtung eingeschwenkt, schaltete der Pilot die Triebwerke auf volle Leistung. Die Beschleunigung drückte uns in die Polster der Rückenlehne. Als das Vakuum über den Tragflächen groß genug war, um die 747 zu tragen, war die Betonpiste auch schon zu Ende. Der Strand und dann das Wasser glitten unter unserem Rumpf dahin. Der Wal hatte das Aquarium verlassen.

 

 

Wie flucht man auf Englisch?

 

Es dunkelte schon, als wir ein letztes Mal mit diesem Flugzeug zur Landung ansetzten. Wir hatten den Wettlauf mit der Sonne um den Erdball verloren. Die Dunkelheit begann sich über Mailand auszubreiten. Die ersten Lichter unter uns waren eingeschaltet. Ein Fußballstadium stand in den hellen Strahlen vierer Scheinwerfersäulen, mit dem ein Spiel ausgeleuchtet wurde. Die Helligkeit der Beleuchtungsblöcke ließ die kämpfenden Menschen dort unten sichtbar werden. Laut Flugplan würde unser Anschlussflug vor fünf Minuten gestartet sein. Aber man wartete ja auf uns. Wirklich? Warum an der Auskunft der Flugbegleiter zweifeln?

Kaum gab die Besatzung nach erfolgter Landung die Gangway des Flugzeugs frei, begaben wir uns zu den Anschlussflügen. Das Gepäck müsste ja noch umgeladen werden. Wir hatte somit Zeit. Der Strom der Menschen, die uns begleiteten, wurde immer geringer, bröckelte schließlich ganz ab. Ein Monitor, dem man im Augenhöhe an die Wand befestigt hatte, zeigte für den Abflug nur zwei Flüge an. Einer ging nach Rom, der andere war ein Regionalflug. Vielleicht war dies auch der falsche Monitor? Man wartete auf uns, nur wo? Sicherheit gab es nur an der großen Tafel in der Abflughalle. Die große Anzeigetafel zeigte dort aber nichts anderes als der Monitor unterwegs. Unser Flug war weg, definitiv weg.

Was nun?

Es gab keinen Hinweis, keine Lautsprecherdurchsage, die sich mit unserer Angelegenheit befasste. Es gab kein Personal, welches die Passagiere leitete. Nichts!

Hatten wir einen Hinweis, ein Plakat oder Flughafenpersonal unserer Fluggesellschaft übersehen?

Wir eilten zurück.

Zu lange würde man auf uns wohl nicht warten. Dauerlauf war angesagt. Zuerst tat die Bewegung nach dem langen Sitzen gut. Bald aber meldete sich die Übermüdung. So um die elf Stunden waren wir wohl schon auf den Beinen.

Nichts!

Kein Hinweis, keine Auskunftsperson. Einfach nichts.

In einem zurückgelegenen Teil der Flughafengänge stand eine Menschentraube. Vor vier Schaltern, von denen nur drei besetzt waren, drängten sich Menschen. Zwei von denen erkannte meine Frau wieder. Von diesen Wartenden erfuhren wir, hier waren wir richtig. Es war ein Stand der Alitalia. Es war auch der einzige, der zu dieser Zeit besetzt war. Also harrten wir hier aus. Unser Absicht, hier mal eben zu fragen, ob wir hier richtig seien, erwies sich bald als äußerst naiv. Auf unserer Seite des Schalters machte sich das Chaos breit. Auf der anderen Seite das Phlegma. Sehr schnell vergrößerte sich die Traube auf unserer Seite. Nach und nach fanden auch die anderen den Platz, der einen weiter helfen konnte. Diese Reisenden waren nicht gewillt, wie englische Gentlemen darauf zu warten, bis sie an der Reihe waren. Alles drängte zu den besetzten Schaltern. Glücklich war für uns, dass wir auf diese Weise näher an den Schalter herankamen, als wir eigentlich an der Reihe waren.

Die Dame der Alitalia, die für uns zuständig sein würde, bearbeitete die Tastatur ihres Computers und starrte dann langanhaltend auf dem Bildschirm. Ihre Ohren zeigten sich taub für das, was an Fragen an sie von allen Seiten gerichtet wurden. War ich zuerst der Meinung, es mit einer Tauben zu tun zu haben, so sah ich mit der Zeit ein, dass es sich hier um eine reine Schutzmaßnahme handelte. Was da so an Fragen auf sie einprasselte, war stressfrei nicht zu beantworten. Also schwieg sie und starrte auf den Bildschirm. Die Tätigkeiten der Uniformierten verliefen aber stets im gleichen Rhythmus. Bearbeiten der Tasten mit folgenden Bestaunen, was der Bildschirm ihr eröffnete. Nach zahllosen Versuchen wendete sie sich dann einer Person zu, die direkt vor ihr stand und die sich krampfhaft an der Platte des Schalters festhielt, um ihren Platz zu behaupten. Nach dem Wortwechsel nahm sie wieder ihre rhythmische Tätigkeit auf. Das Nicken unseres Vordermanns setzte eine Druckertätigkeit ingang. Er bekam ein Blatt Papier ausgehändigt. Die mündlichen Erklärungen wurden mit der Spitze eines Kugelschreibers begleitet. Es wurden einige Kreise gezogen, dann ergriff die Person den Zettel. Kaum machte sie Anstalten, sich zu ihrem Handgepäck zu bücken, da wurde sie schon beiseite geschoben. Der ersten Meter brauchte sie nicht zu gehen. Das übernahm die Schubkraft der Nachdrängenden. Dann allerdings ging es nicht mehr vom Fleck, weil die von hinten Nachdrängenden ihr den Weg versperrten. Erst als die hinter uns Anstehenden begriffen, dass sich vorne nichts mehr bewegte, kehrte Ruhe in der Traube ein. Nur mit den Ellbogen konnte man sich den Weg nach außen bahnen.

Ich hatte auf meine Uhr geschaut, als der Nächste sein Anliegen der Frau von Alitalia vortrug. Es war ein Pärchen. Der Rhythmus Tippen und Bestaunen mit anschließendem Ausdruck dauerte gute zwanzig Minuten, bis die beiden das begehrte Papier ausgehändigt bekamen. Vor uns befanden sich noch fünf Parteien. Wenn alles gut ging, dann waren wir in anderthalb Stunden dran. Ich drehte mich nach hinten. Der letzte würde wohl gegen Mitternacht sein begehrtes Papier erhalten.

Meine Frau hatte inzwischen die ersten Kontakte geknüpft. Wenn man schon im Stau steht, dann kann man doch nett mit den Leidensgenossen plaudern. Was wir hier erfuhren, brachte unser ganzes Weltbild über die Alitalia ins Wanken. Als wir den Flug nach Thailand über diese Fluglinie buchten, waren wir davon ausgegangen, es mit einer der führenden Fluggesellschaften der Welt zu tun zu haben. Unsere Sicht erwies sich nun aber als höchst weltfremd. Alitalia war wohl unter Kennern des Jetsets als wahre Chaos-Fluglinie bekannt. Selten ging hier ein Flug problemlos zu Ende. Was wir im Moment miterlebten, war Normalität. Die Zentrale in Rom hatte doch von unserem Desaster schon vor mehreren Stunden gewusst. Hier wäre genügend Zeit gewesen, organisatorische Vorkehrungen zu ergreifen. Man musste ganz normal Feierabend gemacht haben. Die Organisation hatte nicht versagt, sie war schlicht untätig geblieben. Es waren keine Anschlussflüge vorbereitet. Die Dame hinter dem Schalter musste sich mühsam durch die Listen mit freien Plätzen auf Fliegern von Alitalia oder die der Konkurrenz des nächsten Tages durcharbeiten. Und das kostete eben Zeit.

Wenn Reisegeschädigte so lange beisammen stehen, dann fallen schnell die Hemmschwellen der Kommunikation. Und wenn jemand über eine Sache zu berichten weiß, dann fällt einem anderen zu diesem Punkt auch noch ein Erlebnis oder eine Geschichte ein. Hier mag das ein oder andere erfunden sein, oder man übertreibt gerne in dem momentan empfundenen Ärger. Aber was in dieser Warteschlange über diese Fluggesellschaft berichtet wurde, war so vielfältig und haarsträubend, dass man schon wieder darüber lachen konnte.

Eine Familie hinter uns berichtete, wie sie heute Morgen in Tel Aviv zwei Stunden auf ein Ersatzflugzeug gewartet hatten. Ein anderer Leidensgenosse wusste zu erzählen, dass im letzten Jahr sein Flug aus dem Urlaub durch eine andere Fluggesellschaft durchgeführt wurde, weil das Flugzeug dieser Gesellschaft wohl überhaupt nicht kam. Am bedrückendsten empfanden es die Leute, dass keiner sie informierte. Man hing wartend auf dem Flughafen, wollte gerne nach Hause, und der Flug fand nicht statt. Kein Service, keine Betreuung, nichts geschah. Hatte ich anfangs noch die Hoffnung, mit einer späten Maschine Mailand verlassen zu können, so schmolz diese bei der langen Bearbeitungszeit meiner vor mir Stehenden bald dahin. Ich sah mich spöttischen Blicken ausgesetzt als ich von der Aussage unseres Bordpersonals berichtete, der Anschlussflug würde auf uns warten. Solche Versprechen, so erfuhr ich, gehörten wohl zur Standard-Beschwichtigung der Alitalia-Mannschaft.

War das Thema Anschlussflüge nicht all zu ergiebig, so war das Thema >Gepäck< der eigentliche Pausenfüller bei dieser Warterei. Von fehlgeleiteten Koffern, die in anderen Fliegern die Welt durchmaßen, hatte ich schon gehört und selbst einmal erlebt. Auch von verschwundenen Gepäckstücken hatte ich schon gehört. Bei eigener Armut ist es sicherlich verführerisch, wenn Flughafenarbeiter durch Diebstahl das Lebensniveau ihrer Familie heben wollen. Neu war mir, wie wenig sich diese italienische Fluglinie davon annahm, wenn Gepäck verschwand. Ich erfuhr vom Urlaub aus einem einzelnen Koffer, vom Versprechen, das Gepäck nachzuschicken, das nie gehalten wurde. Erst vierzehn Tage nach dem Urlaub wurde das Gepäck nach Hause geschickt. Den Aufklebern nach zu urteilen hatte es eine Weltreise hinter sich. Man erzählte von der Gleichgültigkeit, auf die man beim Personal stieß, hatte das Schicksal einen ausgewählt, zu den Betroffenen eines Gepäckdesasters von Alitalia zu gehören.

Unterbrochen wurden diese Erlebnisberichte durch einen Bayern. Er sah so aus, wie man sich einen typischen Bayern vorstellt. Er war kleinwüchsig und beleibt. Nur den obligatorischen Vollbart, den trug er nicht. Aber schimpfen konnte der. Ich habe noch keinen getroffen, der so ausgiebig und pointenreich schimpfen konnte, wie dieser Mann. Gegenstand seiner Erregung war die schleppende Bearbeitung hinter dem Counter. Faul seien die. Besonders dieses Flughafenpersonal gehörte seiner Meinung nach wegen Schlamperei gekündigt. Herausgeschmissen hätte er dieses schon längst. Mit der Peitsche wollte er denen da drüben schon Dampf machen. Ja an den Haaren würde er diese aufgedonnerten Weibsen durch die Halle schleifen, bis sie verstanden, dass man für sein Geld auch arbeiten müsste. Von Hohlköpfen sprach er, die keine Ahnung hätten von ihrer Tätigkeit. Es gab kein Klischee, das er ausließ, um das langsame Arbeitstempo zu geißeln. Immer wieder hob er dabei sein Handgepäck hoch, um es dann wieder an dem gleichen Platz abzusetzen.

Als wir an die Reihe der Bearbeitung kamen, erhielt ich erst Einblicke in die mühsame Arbeit der Stewardess. Mein Unmut, den ich mit dem Bayer zwar nicht in Wort, wohl aber im Sinn geteilt hatte, wandelte sich in Mitleid. Hier waren drei Frauen den Aggressionen von bald Achtzig oder mehr Fluggästen ausgesetzt, ohne dass sie auf nennenswerte Hilfe ihrer Gesellschaft hoffen konnten. Sie hatten das Chaos nicht zu verantworten, aber verwalten sollten sie es. Nach zwanzig Minuten hatten auch wir das Papier, das uns unseren Weiterflug sicherte. Es war inzwischen nach Neun und in der verbleibenden Schlange standen noch über zwanzig Personen.

Auf dem Weg zum Ausgang des Flughafens kamen wir an dem Hinweisschild >Gepäck< vorbei. Dies setzte in meinem Kopf wieder die Alarmglocken frei. Was war mit unserem Gepäck geschehen? Da der Anschlussflug heute nicht stattfand, musste es hier irgendwo abgelagert worden sein. Wir hatten daran überhaupt nicht mehr gedacht. Zweieinhalb Stunden die Koffer in einem Flughafen unbeaufsichtigt zu lassen! Ein Schweißfilm benetzte meinen Rücken. Jetzt noch das Gepäck zu verlieren, das hätte uns zu unserem Glück gerade noch gefehlt.

In der Gepäckhalle kreise das Transportband unbeladen seine Runden. Wahllos standen im Raum verstreut Koffer und Reisetaschen herum. Keiner hatte sich darum gekümmert, keiner hatte sie eingesammelt. Nach zweimaligen Umkreisen des Transportbandes fand ich meinen Koffer. Ein größerer Bruder hatte ihn unter sich begraben.

Du, mein Koffer ist weg!” Meine Frau riss mich aus meinen euphorischen Gedanken. In der Tat, ihr Koffer war nicht auffindbar, so angestrengt wir auch suchten. Hinter einem Counter standen fünf Personen. Ihrer Bekleidung nach zu urteilen, gehörten sie zum Gepäckservice. Meine Anwesenheit störte keinen in der Gruppe. Obwohl sie mich sahen, kümmerte sich keiner um meine Anwesenheit. Als ich die Gruppe ärgerlich ansprach, löste sich einer widerwillig davon. Sein Blick und sein Verhalten sprachen Bände: Hey Mann! Was willst du? Siehst du nicht, dass wir uns unterhalten? Die Nachtschicht ist doch so stressig, wir sind so wenige und du willst auch noch was von uns?

Ich war auf einen von der Gruppe getroffen, der nur einige Brocken Englisch sprach.

Alle Koffer unseres Fluges sind hier”, wurde mir mit Worten und Gesten mitgeteilt. Mein Hinweis auf den fehlenden Koffer meiner Frau wurde mit einem Achselzucken beantwortet. Das war wohl meine Angelegenheit, nicht die seine. Ohne sich weiter um meine Belange zu kümmern, drehte er sich um, seiner Arbeit nachgehend, die Betriebsversammlung mit seinen Kollegen.

Während ich mit der Hilfsbereitschaft des Bodenpersonals in Mailand Bekanntschaft gemacht hatte, fand meine Frau ihren Koffer. Er war in einen Nebenraum mitgenommen worden. Dort hatte man ihn liegen lassen, weil man ihn wohl als falsches Gepäck erkannt hatte. Wie gut, dass die Taschendiebe in Mailand heute Abend nicht auf dem Flughafen Dienst hatten.

So! Nun ins Hotel. Wir würden dort eine Kleinigkeit Essen und den italienischen Wein kosten. Dann wollten wir uns auf unser Zimmer zurückziehen, denn morgen würden wir früh aufstehen müssen. Unser Flug ging schon um neun Uhr los. Wir erwarteten eigentlich am Ausgang einen Bus der Fluggesellschaft, der uns zum nahegelegenen Hotel bringen würde. Hotels für Fluggäste lagen immer in der Nähe von Airports.

Wir hatten wieder zu viel erwartet. Das, was uns erwartete, war die Dunkelheit. Es gab keinen Bus, keine Ansprechperson, keinen Hinweis, nichts. Nur die leere Flughafenvorhalle. Wieder brauchten wir Informationen. Wieder gab es keinen, der uns diese geben konnte. Zu der wartenden Traube im Innern des Flughafens wollten wir nicht zurück. Wir hätten an letzter Stelle warten müssen. Zurück ging es also in die menschenleere Halle des Flughafens.

Leer?

Nicht ganz. Ein Büro war geöffnet. Hier konnte man, so mein erster Eindruck, wohl Übernachtungsmöglichkeiten buchen. Aber dies kam ja für uns nicht infrage, denn unser harrte ja schon lange das bequeme Hotelzimmer. Es war aber die einzige Möglichkeit, nach unserer Busverbindung zu fragen.

Hier eine Auskunft zu bekommen, war ber undenkbar. Im Raum befanden sich fünf Schalter, von denen jedoch nur drei besetzt waren. Die Schlangen vor diesen Schaltern waren so lang, dass sich Menschentrauben vor den beiden Eingängen gebildet hatten. Der Innenraum war bis in die letzte Ecke mit menschlichen Körpern vollgepfropft. Beherzt sprach meine Frau jemanden an, den sie von der ersten Warteschleife her zu erkennen glaubte.

Ja, ja”, wurde uns beschieden, “hier bekommen Sie den Schein für das Hotel und den Bustransfer.”

Das konnte doch nicht wahr sein? Da hatten wir über zwei Stunden am Schalter der Alitalia gewartet, um den verpassten Anschlussflug zu bekommen, und dabei wurde nicht sofort der Bustransfer und das Hotel mit erledigt?

Befanden wir uns in einem Alptraum?

Wir waren seit über 20 Stunden auf den Beinen und unser Körper meldete mit aller Deutlichkeit sein Schlafbedürfnis an. Nein, wir befanden uns in der real existierenden Problembewältigung der Fluggesellschaft Alitalia. Bei der Bearbeitungsgeschwindigkeit, die wir bereits kennengelernt hatten, und der Menschenmasse, die sich hier noch vor uns befand, würden wir um fünf Uhr noch keinen Schein für das Hotelzimmer haben. Ich begann, langsam keinen Spaß mehr an dem zu finden, wie wir hier behandelt wurden. Ich bat meine Frau, an einer der Schlangen zu warten, bat sie auf mein Gepäck ein Auge zu werfen und begab mich auf der Suche nach dem Büro der Alitalia. Ich eilte nur durch leere Gänge und Hallen. Zwar fand man überall die Werbinschrift dieser Fluggesellschaft, mal beleuchtet, mal durch die Beleuchtung auch nur angestrahlt.

Fehlanzeige auf dieser Etage.

Auch auf der zweiten Etage zeigte sich das gleiche Bild. Es gab kein Büro, wo man einen Ansprechpartner finden konnte. Doch halt! Dort schloss jemand eine Türe hinter sich zu, durch die er gerade gekommen war. Und dieser Jemand trug die Uniform der gesuchten Fluggesellschaft. Auch ein Emblem zeigte mir, das ich richtig lag.

Nein, ein Büro der Alitalia gibt es nicht.”

Die Nachfrage „Wo denn“ wurde mit einem Blick auf seine Armbanduhr beantwortet.

An wen ich mich denn wenden könnte”, war meine weitere Frage.

Ein Kopfschütteln beantwortete meine Frage. Dabei ging er zielstrebig weiter, so als sei ihm die ganze Angelegenheit etwas peinlich. Ich erzählte ihm was geschehen sei, von dem verpassten Anschlussflug, der langen Wartezeit für die Buchung des Anschlussflugs, die Zeit, die schon auf Elf zu ging und nun die erneut zu erwartende mehrstündige Verzögerung. Der Mann in der blauen Uniform blieb zwar höflich, machte aber sehr deutlich, dass er nicht helfen konnte, ja eigentlich auch nicht helfen wollte. Bei jeder Frage schaute er auf seine Uhr, als habe er vergessen, welche Zeit er gerade abgelesen hatte. Dann entschwand er eilenden Schrittes durch eine Türe mit dem Hinweis >Zutritt untersagt<. Das Letzte, was ich von ihm sah, waren seine zuckenden Schultern. Er beherrschte also noch etwas anderes, als auf die Uhr zu sehen.

Meine Frau stand noch an der Stelle, an der ich sie verlassen hatte. Es war also noch nicht weiter gegangen. Ich war nicht gewillt, das mit mir geschehen zu lassen. Ich drängte in den Raum, um zu sehen, wie hier die Abfertigung ablief. Es waren noch immer, trotz der großen Zahl wartender Reisender, nur drei Counter besetzt. An einem weiteren Schalter saß ein Mann in Zivilkleidung, der irgendwelche Abrechnungen an seinem Computer vornahm. Ihn interessierte das Tohuwabohu in keinster Weise. Gelangweilt betrachtete er das, war sich vor ihm abspielte. Da er keine Uniform trug, war mir seine Aufgabe bezüglich der Vergabe der benötigten Bescheinigung unklar. Hinter den drei Damen, die in gewohnter Langsamkeit ihre Schlangen abarbeiteten stolzierte eine weitere Stewardess auf und ab. Sie gehörte eindeutig zur Alitalia. Ihre Uniform verriet, dass sie den anderen vorgesetzt war. Obwohl noch ein unbesetzter Schalter vorhanden war, dachte sie in keiner Weise daran, an der Abarbeitung der Schlangen mitzuwirken. Vielmehr kontrollierte sie wiederkehrend den Zustand ihrer lackierten Fingernägel. Da ihr diese Tätigkeit langweilig vorkam, verstrickte sie die drei Kolleginnen immer wieder in Gespräche. Man kicherte und verständigte sich wortstark über die Computer hinweg. Obwohl ich kein Italienisch verstehe, war mir nach wenigen Minuten klar, hier handelte es sich nicht um den Austausch von fachlichen Auskünften oder um die Absprache von Hilfestellungen. Man herzte und scherzte und fand die Situation als ungemein amüsant. Die Nachtschicht hatte ja erst begonnen und würde wohl noch lange andauern. Die lackierte Schöne half ihren Kolleginnen nicht, nein sie hielt sie sogar von ihrer Arbeit ab.

Für mich war die Schwelle jeglicher Rücksichtnahme und Verständnis überschritten. Aber wie macht man seinem Unmut Luft, wenn man nicht die Sprache kann, in der man schimpfen will? Zwar kann ich mich leidlich in Englisch äußern, aber ich spreche es so selten, dass ich beim Gebrauch dieser Sprache immer deutsch denke. Das Handicap des Deutschdenkens im Englischen ist mit bewusst geworden, als ich mich während meiner Schulzeit einmal sechs Wochen alleine in England aufhielt. Ich wollte das Land kennenlernen, dessen trockene Sprache mir fünf Stunden in der Woche auf der Schulbank beigebracht worden war. Auf mich allein gestellt hatte ich große Schwierigkeiten für die deutschen Sätze, die sich in meinem Kopf bildeten, die richtigen englischen Begriffe zu finden. Eine Verbesserung meiner Ausdrucksfähigkeit ergab sich erst dann, als ich mit der Reisezeit begann englisch zu denken. Da ergab sich, Dank der Wahl meiner Fortbewegungsmöglichkeit, dem Trampen. Jeder, der mich mitnahm, wollte wissen wo ich herkam und was ich so machte. Suchte ich zu Anfang mehr verzweifelt nach der richtigen Wortwahl, so sprudelte es nach vierzehn Tagen nur so aus mir heraus, wenn ich über irgend etwas gefragt wurde. Ich hatte begonnen, Englisch zu denken.

In einer solchen Situation befand ich mich auch jetzt. Ich kann es mir nur so erklären, dass der Ärger, der sich kaum mehr bändigen ließ, die Schranke des Deutschdenkens beseitigte. Mit lauter und wütender Stimme fuhr ich die Stewardess an, als diese wieder Anstalten machte, ihre Kolleginnen abzulenken. Meine laute Stimme forderte Respekt ein. Alles verstummte. Die drei Stewardessen hörten auf, ihre Tastatur zu bearbeiten und schauten mich mit offenen Mündern an. Mein Zeigefinger war auf sie gerichtet, als ich ihr vorhielt, dass sie zur Alitalia gehörten, dass sie durch ihre Untätigkeit und ihr Verhalten den Ruf ihrer Firma schädigten. Sie sähe doch die wartenden Menschen und nichts rein gar nichts geschähe. Ich würde schon seit mehr als vier Stunden von einem zum anderen geschoben. Ich bezeichnete dies als Skandal. Mit überschlagender Stimme forderte ich sie lautstark auf, endlich zügig ihre Arbeit zu machen und mir sofort das benötigte Papier auszustellen.

Ein solcher Gefühlsausbruch hatte die wohlgestylte Schönheit wohl noch nie erlebt. Offensichtlich wusste sie nicht, ob oder wie sie mir auf meinen Ausbruch antworten wollte. Auf jeden Fall kam sie nicht mehr dazu. Aus allen drei Schlangen drängten die Leute zu mir. Laut schimpfend ergriffen sie für mich Partei und forderten lautstark das Gleiche wie ich. Ich erkannte einen Teil der Gesichter wieder, die ich in der ersten Schlange am heutigen Abend kennengelernt hatte. Einige sprachen nur deutsch, aber das war gleichgültig. Es musste die Drohkulisse sein, die wir vor ihr aufbauten. Hastig gab sie einige Anweisungen. Während mein Zorn langsam verrauchte, stieß der Bayer zu unserer Gruppe. Er setzte das lautstark um, was er schon bei der ersten Schlange geäußert hatte. >Auspeitschen< war sein Vorschlag, das Warteproblem zu lösen. Keiner der Italiener verstand ihn, aber er hielt die Stimmung des Unmuts warm, während unser Anliegen nun schnell bearbeitet wurden. Es dauerte keine zwei Minuten und eine Gruppe von zwanzig Personen war im Besitz der benötigten Papiere.

Ich wollte nicht die Organisation für die Alitalia an diesem Abend in diesem Flughafen übernehmen. Im Besitz des benötigten Papiers beherrschte uns nur ein Gefühl: >Nur Weg von hier!<.

Aber wohin?

Draußen empfing uns die Dunkelheit der Nacht. Die Düsternis wurde nur von wenigen Lichtern durchbrochen. Weit und breit waren keine Gebäude zu erkennen, von denen man vermuten konnte, Hotels zu sein. Am Straßenrand standen zwei Busse. Auf beiden gab es Schilder, die ihren Bestimmungsort angaben.

Aber welchen Bestimmungsort traf für uns zu? Aus dem in Italienisch gehaltenen Schreiben ging weder der Ort hervor, noch das Hotel. Und ich besaß so wenig Ortskenntnisse, um entscheiden zu können, welcher Bus in die richtige Richtung fuhr. Der Fahrer des ersten Busses sprach nur seine Landessprache. Was ich ihm auch an Begriffen: Hotelname, Fluggesellschaft nannte, er winkte ab. Was er mir daraufhin auf Italienisch sagte, verstand ich wiederum nicht. Schließlich schüttelte er mit seinem Kopf. Als ich mich an den zweiten Bus wenden wollte, fuhr dieser ab. Meine Zornesrede schien bei einigen Reisenden Eindruck gemacht zu haben. Jedenfalls folgte mir von nun an eine Menschentraube.

Was tun? - eine Frage, die Lenin nur zu stellen, nicht aber, wie man weiß, auch zu beantworten in der Lage war. Hatte ich vorhin einigen Mitreisenden geholfen, so bekamen wir nun Schützenhilfe von einer deutschen Familie, die Italienisch sprach. Der Bus, bei dem ich gerade gefragt hatte, war wohl doch der richtige.

Wirklich?

Wohl oder übel stiegen wir, und die mir folgten, ein. Eine Unsicherheit blieb. Aber in diesem Stadium des Wissens und Erlebens hätte uns eine Ansprechperson von Alitalia höchst überrascht.

Der kleine Bus war überfüllt. Obwohl der Transport nur von sitzenden Personen erlaubt war, nahm er noch gut zehn Passagiere mit, die keinen Sitzplatz fanden. Na, ja, bis zum Hotel würde es ja nicht so lange dauern. Ich hatte diesen Gedanken gerade meiner Frau mitgeteilt, als sich eine ältere Dame in unser Gespräch einmischte.

Wie Sie haben einen Flug von Malpensa bekommen?”

Ja, sicher.“, war die vorschnelle Antwort meiner Frau.

Da haben sie aber Glück gehabt. Ich muss extra zum Internationalen Flughafen.“

Diese Tatsache war uns neu. Mailand besaß zwei Flughäfen?

Wie, ist Malpensa nicht der internationale Flughafen von Mailand?” Ich war wirklich überrascht.

Nein, Malpensa ist nur ein Regionalflughafen. Bis zum Internationalen liegt noch eine Fahrtzeit von anderthalb Stunden.”

Ich fingerte nach meinen Flugunterlagen, die ich sofort nach Erhalt gut in meinen Taschen verstaut hatte, damit sie mir bei all der Aufregung nicht noch verloren gingen. In der Tat! Auch unser Anschlussflug fand morgen vom Internationalen Flughafen statt. Vom Morgen trennte uns allerdings nur noch eine halbe Stunde.

Der Bus kämpfte sich durch die Dunkelheit. Den Lichtquellen nach zu schließen befanden wir uns außerhalb jeglicher Besiedlungen, damit auch außerhalb der Möglichkeit ein Hotel zu finden. Über eine Stunde wurden wir auf dem schmalen Gang des Busses hin und her geschaukelt, bis die ersten Lichterketten sichtbar wurden. Unser Hotel lag an einem Kongresszentrum, versteckt in einer schmalen Seitenstraße.

Im Gegensatz zur Alitalia war hier alles perfekt organisiert. Zehn Minuten später waren wir auf unserem Zimmer. Auf dem Wege dahin waren wir an einem erleuchteten Speisesaal vorbeigekommen. Das Licht regte meine Lebensgeister an.

Ob man hier um diese Zeit noch eine Pasta bekam?

Die Überraschung war riesengroß. Man hatte uns und vor allem unseren Hunger erwartet. Es gab für jeden ein komplettes Abendessen mit Pasta, Schinken und Nachtisch. Nicht sehr reichhaltig, aber für diese Zeit, es war schon kurz nach Ein Uhr, eine tolle gastronomische Leistung. Dazu gab es Tafelwasser und Wein. Nur der Kaffee gehörte zu den Leistungen, die man bezahlen musste.

Auf den Nachtisch verzichteten wir, denn um Fünf sollten wir wieder geweckt werden. Ich war eigentlich zu müde, um einzuschlafen. Als das Telefon uns aus unseren Träumen klingelte, da hatte ich den Eindruck, gerade erst eingeschlafen zu sein.

 

 

 

Ein neuer Tag bedeutet nicht immer einen Neubeginn

 

Geduscht und durchaus gestärkt beeilte ich mich, unsere Sachen zu packen. Ich bin ein Frühstücksmensch und das Darbieten eines Nachtessens hatte bei mir Erwartungen auf ein mögliches Frühstück geweckt. Ich wurde nicht enttäuscht. Es gab zwar keine Bedienung, aber doch einen Automaten für Kaffee und einen anderen für Säfte. Dazu bot ein Büfett die Möglichkeit, sich mit Brot und Aufschnitt zu bedienen. Ich war der Einzige der Reisegruppe, die von dieser Möglichkeit Gebrauch machte. Ich genoss die Stille, die um mich herrschte. Diese Ruhe war mir sicher. Was der Tag mir noch weiteres bescheren würde, wusste ich nicht. Noch mussten wir mit der Alitalia nach Frankfurt gebracht werden. Noch war nicht alles beendet.

Die Frage, warum wir schon um fünf Uhr aufstehen mussten, wenn unser Flugzeug erst gegen neun Uhr startete beantwortete sich bald und von selbst. Der Bus brauchte über eine Stunde, um uns in die Innenstadt von Mailand zu bringen. Hier mussten wir aus einem Hotel eine weitere Gruppe abholen. Dann ging es fast den gleichen Weg wieder zurück. Das einzig Erfreuliche an der ganzen Angelegenheit war, das man uns zweimal an der Mailänder Skala vorbei chauffierte. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich morgens um halber Sieben eine Stadtrundfahrt gemacht habe.

Schon als wir uns den Gebäuden des Internationalen Airports von Mailand näherten, konnte man den Unterschied zu Malpensa deutlich sehen. Um kurz nach Sieben herrschte hier schon rege Betriebsamkeit. Nicht Herumtrödeln war angesagt. Wir hatten ja nun unsere Erfahrungen mit der Schalterarbeit der Alitalia gesammelt. Einchecken hieß die Devise.

Der Abflugschalter der Alitalia war schnell gefunden. Für unseren Flug nach Frankfurt gab es allerdings nur einen Schalter. Die erschien aber nicht problematisch, denn diesmal konnte man nicht von einer Warteschlange reden. Vier Personen befanden sich nur vor uns und wir hatten fast noch eine dreiviertel Stunde Zeit, das Gepäck aufzugeben. Alles verlief normal. Die Bedienung der Leute vor uns dauerte nicht länger, als es sonst üblich war.

Sollte es das gewesen sein?

Den beiden jungen Damen vor uns wurden die Reiseunterlagen ausgehändigt. Wir griffen zu unseren Koffern, um nachzurücken. Kaum hatte ich meinen Blick erhoben, um die Bagage auf die Wage zu stellen, da drehte sich der Steward vor mir um. Er griff zu einem Schild, mit dem man üblicherweise einen Schalter schließt, um Frühstückspause zu machen. Kaum waren wir also an der Reihe, da ging das Spielchen der Alitalia schon wieder los.

Frühstückspause vor dem Abflugtermin!

Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Ich entschied mich für das Lachen. Ich lachte so laut und so anhaltend, wie es mir nicht nur möglich sondern auch ein Bedürfnis war. Mein Lachen füllte den Abfertigungssaal. Es übertönte alle Geräusche, die nicht zwangsweise absterben, wenn jemand lauthals in einem Flughafen lacht. Mir war es völlig egal, was die Menschen über mich dachten, die mich anstarrten. Meine Frau malträtierte meine Seite. Ich lachte trotzdem weiter und brauchte mich dabei überhaupt nicht anzustrengen. Je länger dieses Lachen anhielt, um so befreiter fühlte ich mich. Schließlich legte meine Frau ihre Hand auf meine Schulter und überreichte mir unsere Flugunterlagen.

Du kannst jetzt aufhören”, sagte sie zu mir. “Der Steward wollte nur das Schild wegräumen, weil es ihn dort störte, wo es lag.”

Über das weitere lohnt es sich nicht, viele Worte zu machen.

Doch, noch eines. Aber das betrifft nicht die Alitalia.

Wir flogen oberhalb der dichten Wolkendecke, die sich über den Alpen gebildet hatte. Unbehindert durch andere Wolken blinzelte die Sonne uns von hinten zu. Der Schatten des Flugzeugs hüpfte über die weiße Oberfläche der Wasseransammlung. Die Wolkenschicht hatte sich auf zweieinhalbtausend Metern festgesetzt und war ziemlich eben. Und dann tauchte sie auf: Eine Gruppe von Dreitausendern, mit schneebedeckter Spitze, von der aufgehenden Sonne ausgeleuchtet. Sie ragte einsam aus der Watteschicht heraus. Nur aufgrund eines solchen Erlebnisses können Reinhard May der Text zu seinem Lied eingefallen sein: “Über den Wolken, da muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.” Obwohl es nicht der Verdienst der italienischen Fluggesellschaft war, kehrte Ruhe in meinen Körper ein. Für einige Minuten fühlte ich mich eins mit der Natur. Dann ließ der Flieger das Massiv hinter sich.

 

 

 

Gefühle

 

Wenn mich in der Nacht mein Körper wegen des Wasserabschlagens aus der Welt des Traums in den der Realität zurückholt, dann kommt es häufig vor, dass mich das Tagesgeschehen nicht mehr zum Schlaf kommen lässt. Dann denke ich häufig an die bemitleidenswerten Menschen, die diesmal am Flughafen Malpensa einen Anschlussflug der Alitalia verpasst haben und in einer dieser langen Schlange vergeblich darauf warten, eine Bescheinigung für den Flug und den Bustransfer zum Hotel zu ergattern. Dann kehrt Entspannung in meinem Schädel ein. Der Genuss, schon in meinem warmen Bett zu liegen, und nicht warten zu müssen in vielen Stunden erst dort zu sein, wo ich mich bereits befinde, führt mich zu dem Schlaf zurück, den ich gerade unterbrechen musste.

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