Heike Henning

Wie der kleine Igel und seine Freunde... Kapitel 5 bis 7

Wie der kleine Igel und seine Freunde dabei halfen, das Virus zu besiegen

 

5. Kapitel – Impfen, impfen, impfen!


Kaum hatte der Igel das gelesen und sich ehrlich darüber gefreut, rief jemand
aufgeregt von draußen: "Igel komm schnell, wir müssen zur Impfung!" Es war
Moritz, der diesen Satz völlig ohne zu stottern über seine Lippen gebracht hatte.
Sollte er am Ende seinen Sprachfehler überwunden haben?

 


"Zur Impfung?", fragte der Igel ungläubig.

 

"Ja, alle Wald- und Gartenbewohner bekommen eine Spritze!", wusste Moritz,
der noch immer völlig außer Atem war. "Fräulein Meise, die Krankenschwester
hat es mir erzählt. Zusammen mit dem Walddoktor hat sie verschiedene, sehr
seltene und spezielle Kräutlein gesammelt und nach uralten Medizinrezepten
zubereitet. Stell' dir vor, ein Kräutlein davon blüht nur um Mitternacht! Frau
Eule hat sich bereit erklärt, es zu suchen und zu pflücken, weil sie die Einzige
ist, die nachts gut sehen kann."

 


Der kleine Igel staunte. "Die Kräutlein und Pflänzlein müssen eine große Heilkraft
haben", dachte er laut und fügte noch hinzu: "Aber warum sollen  w i r  sie
bekommen? Die Hasenfamilie ist doch krank!"

 


"Jaaa - natürlich wird auch die Hasenfamilie geimpft.", belehrte ihn sein Freund
Maulwurf. "Du musst jedoch wissen, dass die Impfung uns allen mehr Kraft geben
soll, die schlimmen Viren zu bekämpfen. Und - ganz wichtig - wir können uns
dann nicht mehr gegenseitig anstecken."

 


Das hatte der kleine Igel verstanden. "Bei meinen Stacheln, was gibt es da noch
zu überlegen! Ich vertraue Fräulein Meise, dem Walddoktor und natürlich auch
unseren guten Heilkräutlein. Sie sind die Besten weit und breit. Also - hurtig, hurtig,
gehen wir impfen!"

 


Unterwegs begegneten ihnen viele Tiere. Alle wollten zur großen Waldwiese, denn
dort sollte die Impfung stattfinden.
Auch die Krähe, deren aufgeregtes Krächzen alles übertönte, rauschte aus der Luft
heran: "Alle da? Alle da? Hier entlang, kraa, kraa, hier entlang, zum Haupteingang,
zum Haupteingang!"

 


Mitten auf der Waldwiese waren Steine in der Form eines großen Kreises
angeordnet. Mittendrin stand ein bequemer, stabiler Baumstumpf, auf dem bereits
der erste Patient Platz genommen hatte. Es war Opa Uhu, der sich freiwillig gemeldet
hatte, um als erster Testpatient der Waldwissenschaft zur Verfügung zu stehen. Alle
bewunderten ihn und es gab einen spontanen Beifall. Dann erschienen der Walddoktor
und Fräulein Meise - beide in sauberen, blütenweißen Kitteln. Doch sie waren nicht
alleine! Weil alle Tiere so schnell, wie möglich geimpft werden mussten, brauchten sie
dringend eine Hilfe. Unmöglich konnten sie die viele Arbeit zu zweit schaffen.

 


"Seht mal da!", wisperte plötzlich ein kleines Mäusemädchen. Und wie der Blitz düste
eine winzige, gelb-schwarz-gestreifte Rakete heran und setzte sich mitten auf den
linken Flügel von Opa Uhu. Es war Brummhilde, die kleine emsige Honigbiene! Freiwillig
hatte sie heute auf das Sammeln von Blütennektar verzichtet, um ihre Hilfe beim
Impfen anzubieten. Vorsichtig tauchte sie nun ihren, spitzen Stachel in das
Kräutermedikament, das ihr in einem Gläschen von Fräulein Meise gereicht wurde und
impfte anschließend den Patienten. Danach wurde das Bienchen von ihren zahlreichen
Schwestern aus dem Bienenstock, nach genauer Vorschrift gereinigt und desinfiziert.

 

"Bravooo, bravooo!", jubelten die Tiere begeistert.

 


Opa Uhu ging es danach erstaunlich gut - nur sein linker Flügel war schlaff  und hing
etwas herab.

 

"Keine Panik, das sind nur geringe Nebenwirkungen!", beruhigte der Walddoktor mit
tiefer Stimme.

 

"Na dann kann es ja jetzt losgehen, witt, witt! Alle bereit? Hals- und Nadelbruch!",
scherzte Fräulein Meise und setzte sich gut gelaunt trällernd an ihren Arbeitsplatz.

 


Und genau so friedlich und ruhig ließen sich nun alle Wald- und Gartentiere impfen.
Sie waren ganz still, hielten Abstand und drängelten nicht. Jeder wartete geduldig, bis
er an die Reihe kam. Nur das kleine Mäusemädchen piepste ängstlich und musste von
seiner Mama beruhigt werden.
Auf dem Nachhauseweg waren die Tiere sehr erleichtert und stimmten gemeinsam ein
Liedchen an: "Ach, sind wir froh! Ach, sind wir froh! Das Virus besiegen wir sowieso...!" 


Doch nun werdet ihr euch sicherlich fragen: "Was wurde denn aus der Hasenfamilie?"
Nun, keine Angst, da kann ich euch beruhigen! Nachdem sich die Stummelschwänzchen
sooo gefreut hatten über die leckere Hasenmahlzeit, die sie natürlich dankend annahmen,
bekamen sie nun, wie alle anderen Tiere auch, die erlösende Impfung. Tag für Tag ging
es ihnen besser und schließlich war ihre Quarantänezeit vorbei. Vorsichtig hüpften sie ins
frische Sommergras und ließen ihre Näschen von der Sonne kitzeln. Und dann wurden sie
richtig übermütig. Immer höher sprangen sie und alle Tiere merkten, wie glücklich sie
waren:

 

Schnüffelt eine Hasennase
am Gänseblümchen, dort im Grase,
lässt sich kitzeln: "Ei! Hatschi"
Vöglein spotten: "Tirilli!"

Hoppelt weiter, zu den Schlehen,
lässt den Wind ums Näschen wehen,
die Lupinen  steh'n Spalier:
"Häschen lauf', wir applaudier'n!

Und die Hasenohren fliegen,
können nicht genug heut' kriegen,
rechts und links, und zick und zack -
übermütig lacht der Tag.

Stummelschwänzchen  hüpft vergnüglich,
wilde Röschen winken friedlich,
Bächlein sprudelt klar und frisch:
"Kleiner Has' '', wir lieben dich!"


 

6. Kapitel – Geheimnisvolle Einladung

 

Am nächsten Morgen, das Igelchen hatte sich endlich einmal richtig ausgeschlafen,
klopfte sein Freund Moritz leise an die Eingangstür.

 

"Bin wach, komm' ruhig herein! Ich hoffe, du hast diesmal gute Nachrichten!",
näselte der Igel fröhlich, denn er hatte gerade intensiv in einem Häufchen Laub
herumgeschnüffelt.

 


"Naja, das ist nicht so genau zu sagen." Moritz sprach völlig ohne Fehler und sein
Freund freute sich darüber. "Jedenfalls sollen wir sofort zur großen Waldwiese
kommen."

 


Das Igelchen wunderte sich, denn für heute waren dort keine Veranstaltungen
angesagt. "Nun denn - machen wir uns eben auf den Weg."

 

Arm in Arm gingen die beiden Freunde durch den sommergrünen Wald und freuten
sich, denn sie liebten ihre Heimat sehr.
Als sie zur großen Waldwiese kamen, staunten sie. Alle Tiere waren dort bereits
versammelt und es roch nach frischem Holz, denn eine große, neue Tribüne war
zwischen zwei dicken Buchenstämmen aufgebaut worden. Die Grillen-Kapelle
musizierte, und alle hatten sich schick gemacht.

 


"Na eeendlich, na eeendlich, da seid ihr jaa, kraa, kraa!", krächzte die Krähe nervös
und rückte ihr frisch geputztes und glänzendes Federkleid zurecht. "Mitkommen!
Mitkommen! Kraa, kraa!", befahl sie und die beiden Freunde wussten nicht, was sie
davon halten sollten. Brav folgten sie dem schwarzen Vogel und hatten den Eindruck,
dass ihnen alle Tiere am Wegrand geheimnisvoll zulächelten.

 

 

Und nun sollten sie auch noch klettern! Bis ganz nach oben auf die Tribüne wurden sie
von der Krähe gelotst. Völlig außer Atem angekommen, wurden sie freundlich von Frau
Eule empfangen. Aber auch Fräulein Meise, der Walddoktor und - sie trauten ihren
Augen kaum - die gesamte Waldgesundheitspolizei war anwesend! Die Grillen-Kapelle
spielte einen Tusch und dann wurde es plötzlich ganz still. Nur das kleine Mäusemädchen
piepste aufgeregt: "Guck mal, Mama, die steh'n da gaaanz oben!"

 

 

7. Kapitel – Die Ehrung

 

Frau Eule rückte sorgsam ihre Federn zurecht, zwinkerte bedächtig mit den klugen Augen,
drehte ihren runden Kopf einmal genau nach rechts, so dass sie Maulwurf und Igel gut im
Blickfeld hatte. Dann begann sie langsam zu sprechen:

 

"Verehrte Zuhörer und Zuhörerinnen aus grünen Auen, aus Wald und Gärten", begann sie
feierlich. "Wie ihr alle wisst, bin ich ein Vogel der Nacht und das Tageslicht blendet meine
Augen." Und wie auf Kommando zwinkerte sie - zuerst mit dem rechten, dann mit dem
linken Augenlid. "Dennoch", fuhr sie fort, "ist es mir eine große Ehre, heute auf der
nagelneuen Waldtribüne vor euch sprechen zu dürfen! Hocherfreut bin ich über den Grund
unseres heutigen Zusammentreffens. Wie ihr alle seht, stehen neben mir zwei treue,
unzertrennliche Freunde, die ihr alle kennt. Igel und Maulwurf haben die Obere Waldschule
besucht und sich dort kennengelernt. Seitdem sieht man sie stets zusammen, weil sie sich
mögen und sich gegenseitig achten. Aber auch die anderen Tiere schätzen ihre freundliche
Art und ihre Hilfsbereitschaft."

 


Während Frau Eule redete, spürte das Igelchen, dass Moritz vor Aufregung am ganzen
Körper zitterte. Behutsam nahm er seinen Schaufelarm in sein Pfötchen und hielt ihn ganz,
ganz fest. Und schon huschte ein Lächeln über das süße Maulwurfgesicht. Fräulein Meise
hatte das beobachtet und wippte freudig mit dem Schwanz. Aber auf keinen Fall durfte sie
jetzt singen und tirilieren und sie bemühte sich, ganz still zu sein und der Festrede von Frau
Eule zu folgen:

 


"Ohne zu zögern", so fuhr die Eule fort, "brachten die beiden Freunde neulich eine Hilfsaktion
in Gange, die ihresgleichen sucht! Kaum hatten sie gehört, dass die Hasenfamilie in Not ist,
weil sie sich mit dem gefährlichen Virus angesteckt hatten, handelten sie sofort. Keiner hatte
daran gedacht, die Langohr-Patienten mit Nahrung zu versorgen, während sie im Hasenhaus
in Quarantäääne bleiben mussten. Fleißig besorgten sie leckere Mohrrüben und ihre Freunde
suchten frische Gräslein und Kräutlein. Ohne das große Organisationstalent dieser beiden,
wären die armen Häslein wohl hungrig geblieben und wären nie wieder gesund geworden!
Deshalb hat die Waldgesundheitspolizei beschlossen, dem Igel und seinem Freund Maulwurf
den "Orden der Gärten und des Waldes" zu verleihen."

 


Und wie auf Kommando huschte das kleinste Häslein aus der Hasenfamilie schwubbdiwubb
auf die große Tribüne. In seinen Pfötchen hielt es eine kleine Schachtel. Als ihr Deckel
geöffnet wurde, funkelten darin zwei goldene Medaillen. Das Hasenkind durfte den Karton
an Frau Eule weiterreichen und war sehr stolz darauf. Zur Feier des Tages hatte es sogar
eine schicke, rosarote Schleife am Ohr.

 


Frau Eule entnahm die wertvollen Orden und überreichte sie würdevoll den beiden Geehrten.
Dabei flüsterte sie: "Da sieht man's mal wieder, die Absolventen der Oberen Waldschule sind
zu Höchstleistungen fähig!" Dabei zwinkerte sie zweimal so lustig mit dem linken Auge, dass
alle drei recht herzlich lachen mussten.

 


Nachdem es von der Grillen-Kapelle einen weiteren Tusch gegeben hatte, setzte nun ein
tosender Beifall ein. Alle Tiere jubelten und die komplette Hasenfamilie fiel den beiden
Helden gesund und dankbar in die Arme.
Anschließend wurden alle anderen Helfertiere auf die Waldtribüne gerufen. Einen besonders
lauten Beifall bekam Onkel Specht. Er hatte nicht nur bei der Futteraktion mitgeholfen, nein,
er war auch der stolze Erbauer der neuen Waldtribüne!
Er war so gerührt, dass er ganz spontan ein großes Herz in die Rinde eines dicken
Fichtenstammes schnitzte.

 


Als alle Tiere geehrt waren, übernahm die Krähe das Kommando: "Musik ist heute daa, kraa,
kraa! Der Tanz beginnt, von Opa Uhu bis zum Mäusekind! Der Birkenwalzer wird gespielt und
Honigwein ist auch bestellt! Musik ist heute daa, kraa, kraa, der Tanz beginnt - na klaar,
na klaar!"

 


Und so endete dieser wundervolle Sommertag mit dem lustigsten Waldfest, das die Tiere jemals
gefeiert hatten. Und so lange sie lebten, erzählten sie ihren Nachkommen von diesem
außergewöhnlichen Waldfest.
Später, auf dem Nachhauseweg, hüpfte und piepste das klitzekleine Mäusemädchen voller
Begeisterung: "Und ich war auch dabei!"

                           
                          
                                                      * * * Ende * * *

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.06.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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