Angelika Güth

Meine Geburt - Elfriedes Schützenfest

Meine Geburt - Elfriedes Schützenfest

Es war heiß und schwül im September 1946, schon am frühen Morgen, das Thermometer in dem kleinen Ort an der Weser stieg am Nachmittag auf 32 Grad. Die Sonne ließ sich halt „nicht lumpen“, es war Schützenfest. Das erste Schützenfest nach dem Krieg.

Soweit das Auge reichte war die lange Dorfstraße, genannt Lange Straße, mit bunten Flaggen, Fahnen und Girlanden geschmückt. Der ganze Ort war auf den Beinen, endlich wieder etwas zum Feiern. Die Frauen hatten aus bunten Stoffen, die sie noch in den Truhen im Keller gefunden hatten, Feiertagskleider geschneidert und auch die gehüteten Schuhe mit den Stöckelabsätzen wurden aus den heimlichen Ecken geholt. Die Frauen in der Langen Straße hatten sich schön gemacht und sich gegenseitig von Haus zu Haus die Haare mit Zuckerwasser in schöne Locken und Wellen gelegt.

Elfriede stand mit ihrer Freundin Anne aus Hannover am Straßenrand und wartete auf den ersten Schützen-Umzug nach dem Krieg. Selbst ein Lippenstift hatte sich noch in einer von Elfriedes Taschen gefunden. Die Freundinnen freuten sich auf dieses Schützenfest, obwohl, Elfriede war schwanger und lebte in Scheidung. Eine Ungeheuerlichkeit damals. Für ihre Familie war sie eine Schande und der französische Vater hatte ihr, da sich Elfriede nicht von der Scheidung abbringen lassen wollte, kurzerhand das Haus verboten. Sie hatte geliebt, gekämpft, einen Fehltritt begangen und verloren.

Den 7. Monat der Schwangerschaft sah man ihr kaum an, hatte sie doch erst vor einer Woche ihre engen Röcke etwas weiter gemacht. Eine schöne Frau mit blonden Haaren und tiefblauen Augen. Stolz und unnahbar stand sie am Straßenrand. Sie spürte die Blicke und hörte das Getuschel hinter ihren Rücken. Extra war sie zu diesem Schützenumzug gegangen. Sie wollte sich nicht immer verstecken. Ihre Freundin Anne hielt zu ihr, die einzige Vertraute in diesen schweren Monaten.

Elfriede war eine kämpferische Person, manchmal auch stur, temperamentvoll, streitsüchtig wie ihr französischer Vater und zeitweilig unbeugsam in ihren Ansichten. Sie hatte um den Vater ihres ungeborenen Kindes gekämpft, wollte nicht einsehen, warum er wieder nicht zu ihr stehen konnte. Sie hatten sich doch geliebt, schon vor Elfriedes Ehe, eine große Liebe.

Aber auch damals hatte er sie verlassen. Sie hatte das nie wirklich begriffen, das WARUM ? Eine steile Falte erschien auf ihrer Stirn. Anne sah das und legte beschützend den Arm um ihre Freundin. „Elfriede, entspann dich, ich bin ja bei dir. Lass sie doch alle reden“. Elfriedes Gesicht wirkte versteinert, sie nickte nur ein wenig und schaute angespannt die Straße hinunter. Beide hörten jetzt die Blasmusik und die Trommeln. Inzwischen waren die Schützen mit ihren grünen Uniformen vom Marktplatz in die Lange Straße eingebogen. Der Krieg stand vielen Männern noch im Gesicht geschrieben. Nur die Kinder liefen unbeschwert und hüpfend rechts und links im Umzug mit.

Anne sah den großen blonden Mann noch bevor ihre Freundin Elfriede ihn sah, den Vater den ungeborenen Kindes ihrer Freundin. „Mein Gott“, dachte sie, „wer konnte damit rechnen“. Und dann spürte sie auch schon, wie Elfriede zusammenzuckte, sich krümmte und laut aufstöhnte, ein Schock. Ihre Hände pressten sich auf ihre noch kaum sichtbare Bauchwölbung, Gleichzeitig entleerte sich die Fruchtblase. Geistesgegenwärtig zog Anne Elfriede aus der Menschengruppe, die jetzt zum Straßenrand drängte. Offensichtlich bemerkte niemand etwas. Sie hakte Elfriede fest unter. „Ganz ruhig, Elfriede, wir sind gleich in deiner Wohnung, du schaffst das“. Zitternd schloss Anne die Wohnungstür auf und zog Elfriede in das Schlafzimmer. „Leg dich hin, ich hole den Arzt. Ich sag Frau Ebert im Milchladen unten bescheid. Die setzt sich solange zu dir. Gleich ist der Arzt da“. Elfriede stöhnte jetzt in immer kürzeren Abständen. Anne lief los.

Um 1.15h wurde ich als 7-Monatskind geboren, gesund. Man sagte mir später : Ich passte fast in eine Zigarrenkiste.

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