Helga Moosmang-Felkel

Die Regenkatze Kapitel 15

Blue schrak aus ihren Gedanken auf, als er sagte: „Es wird uns nichts anderes übrig bleiben, als zum Schuppen zu laufen…, mein Instinkt sagt mir, dass Ralf bald hier in der Gegend auftauchen wird,…wir müssen uns darauf vorbereiten…“ Er begann schnell loszulaufen und Blue folgte ihm. Eine seltsame Angst schnürte ihr die Kehle zu. Der Korsar verließ die Spur, in der sie sich bis jetzt immer bewegt hatten, und beschloss die Strecke abzukürzen und einen Steilhang hinunterzuklettern, der von tiefen, unter dick verschneiten Bäumen verborgenen Felsspalten durchzogen war, in die man bei der geringsten Unvorsichtigkeit stürzen konnte. Blue, die diesen Weg noch nie betreten hatte, befürchtete, sie würden sich verirren. Doch als die letzten felsigen Vorsprünge hinter ihnen lagen und die Ebene mit dem Holundergehölz vor ihnen lag, miaute sie anerkennend. Sie sprachen wenig, als sie sich dem Schuppen näherten. Unermüdlich und unbeirrbar lief der Korsar voraus ohne die geringste Spur von Erschöpfung und Blue sah an seinem düsteren Gesichtsausdruck, dass er seine Rache an Ralf bereits plante. Sie durchquerten die Ebene und erreichten den Schuppen, der verwittert im schwachen Nieselregen lag. Die Miene des Korsaren war so angespannt, dass Blue plötzlich wusste, dass er mit einem Kampf auf Leben und Tod rechnete. Er schien ganz nach innen gerichtet, Kräfte zu sammeln. In seinen Augen lag der Wille, seinen Gegner endlich auszuschalten. Blue hielt unter den schwankenden Wipfeln des Holundergehölzes an und miaute laut und schrill. Es lag noch Schnee hier unten, der sehr nass und schwer war. Blues Pfoten waren patschnass. Der Himmel war weißlich und grau bewölkt. Der Nieselregen hatte aufgehört und die Sonne kam heraus, so hell, dass man kaum hinsehen konnte. Sie verschwand rasch wieder und Blue sah, dass der Sturm viele Äste abgerissen hatte. Sie miaute wieder und plötzlich knirschte die Schuppentür und Ebony raste heraus. Wieder war sie voller Überschwang und Freude und begrüßte die beiden mit Ungestüm. Ein Tropfen und Rutschen lag in der Luft. Eine Wolke zog fast zum Greifen nah über dem Schuppen dahin und zog ihn in den Schatten. Langsam öffnete sich wieder die Schuppentüre und Sugar humpelte heraus. Atemlos vor Freude sah Blue ihr entgegen. Sie wirkte viel stärker und hatte zugenommen. Ihr Fell glänzte wieder und hatte eine fast rötliche Tönung, sie wirkte unwiderstehlich. „Du bist ja eine richtige Räuberin geworden…“, rief Blue ihr übermütig zu. „Ebony ist eine gute Heilerin…“, sagte Sugar und strahlte. „Ihr habt euch aber lange Zeit gelassen…“, sagte Ebony und warf Blue und dem Korsaren einen vielsagenden Blick zu. Sie scherzten und lachten, nur der Korsar wurde immer unruhiger und drängte sie ins Innere des Schuppens. Da erwachte die Angst auch in Blue wieder und sie sagte leise zu Ebony: „Er befürchtet einen Angriff von Ralf und seiner Meute…“ Ebony, die bei dem Kampf auf dem offenen Feld so schwer verwundet worden war, wurde schlagartig fahl unter dem rabenschwarzen Fell und sie sagte leise: „Nicht schon wieder,…Sooty ist noch nicht lange tot…“ Sugar, die ihre Ohren gespitzt hatte, rief erschreckt: „Er wird uns alle tot beißen…, er wird uns kaputt beißen…“ Doch in Blue erwachte angesichts der Ausweglosigkeit ihrer Lage, der Wille, sich Ralf und seinen Katern um keinen Preis zu unterwerfen. „Wir können uns im Schuppen verbarrikadieren…“, sagte sie, „vielleicht sollten wir so schnell wie möglich Nahrungsvorräte anlegen…“ „Sie werden sich nicht ohne weiteres hereintrauen,…“, stimmte der Korsar ihr zu, „und so können wir sie draußen zermürben…“ Sugar drückte sich ängstlich an die Wand, sie hatte am wenigsten Erfahrung mit den Regeln eines freien Katzenlebens. „Lasst uns keine Zeit verlieren…“, sagte der Korsar, „Ebony und ich gehen auf Mäusejagd, Blue und Sugar, ihr haltet Wache,…wenn ihr sie kommen seht,…miaut ihr dreimal langgezogen…“ Blue hätte es vorgezogen mit ihm zusammen zu bleiben, aber sie sah ein, dass jemand bei Sugar bleiben musste und Ebony das Jagdrevier wie ihre Westentasche kannte. Der Korsar und Ebony brachen sofort auf. Die Sonne leuchtete fast warm herunter. Die schuppige Winterrinde der Föhren glänzte und das Grün der Nadelbüschel stach Blue ins Auge. Mit zwei energischen Sprüngen landete sie auf dem Schuppendach, von wo sie einen ziemlich guten Ausblick hatte. Sugar kroch zwischen die im Schatten liegenden Fichten und wirkte wieder verschlossen, schwermütig und starr. Der schmelzende Schnee tropfte von den Bäumen. Von oben sah Blue, dass sich Ebony auf der Erde wälzte. Das war ihre Art mit Sooty in Kontakt zu treten und ihre Kraft zu erneuern. Von oben sah Blue zu, wie der Korsar und Ebony losschnellten, um sich auf die Beute zu stürzen. Sie wählten entgegen gesetzte Richtungen, der Korsar lief in Richtung Friedhof und Ebony stürmte in die hügelige Ebene hinunter. Blue sah zu, wie ihr schwarzer Körper davon glitt und unter einer Hecke verschwand. Blue sah fast bis zum Horizont und konnte keine feindliche Katze entdecken. Da sie sich bald zu langweilen begann, grübelte sie über die Morde in der Altstadt nach. Sie vermutete, dass die Katzen vergiftet worden waren und obwohl sie Ralf hasste, passten Giftmorde nicht ganz zu seiner Persönlichkeit. Doch Blue wollte das nicht wahrhaben, nach wie vor war sie davon überzeugt, dass Ralf ein Ausbund an Bosheit und zu jeder Tat fähig war. Von oben sah sie, dass die Wiesen unter dem tauenden Schnee von Maulwürfen und Wühlmäusen zerfurcht waren, und der Korsar und Ebony es nicht schwer haben würden, reiche Beute zu machen. Überall waren halboffene Erdgänge vergleichbar mit Borkenkäferlabyrinthen. Die Sonne brannte Blue auf den Pelz, der Schnee um den Schuppen herum war fast ganz geschmolzen und rußige Reste blieben zurück. Der Schnee rutschte überall ganz leise und unauffällig hinunter. „Ich sehe überhaupt niemand…“, rief Blue fast enttäuscht zu Sugar hinunter, die sich unten ängstlich zusammenkauerte. Blue machte sich lang wie ein Schlauch und sog die Sonnenstrahlen auf. Tiffany fiel ihr wieder ein und brachte sie zum Grübeln. Wieder und wieder fragte sie sich, ob das Herz des Korsaren noch an sie gefesselt war und ob sie noch lebte. Sie stellte sich Tiffany vor mit einem zimtfarbenen Langhaarfell und mit einer süßen Schnauze und großen Augen, die sie unschuldig zum Korsaren aufschlug. Mehr und mehr begannen ihre Gedanken zu kreisen und die Vorstellung, Tiffany könnte wieder auftauchen ließ ihr keine Ruhe mehr. Ein wütender Hass begann in ihr aufzulodern auf all die, die ihr das Glück mit dem Korsaren streitig machen wollten. Sie hoffte inständig, die Zeit der Rache wäre endlich gekommen, wo sie die Schläge, die sie empfangen hatte, endlich zurückgeben konnte. Die Zeit dehnte sich unerträglich in die Länge. Blue, die so lange ununterbrochen mit dem Korsaren zusammen gewesen war, vermisste ihn schmerzlich. Die Sonne verschwand in einer dichten, flachen Dunstschicht, ohne dass der Korsar oder Ebony zurückkehrte oder irgendetwas Nennenswertes passierte. Als die Sonne verschwand und alles wieder in ein trostloses Grau gebettet war, war Blue nahe davor, ihren Spähposten aufzugeben. Der Schraubstock um ihr Herz hatte sich gelockert und sie atmete freier. Doch als sie sich erhob, entdeckte sie im Dunst zwei Katzen, die näherkamen. Sie schienen durch den schimmernden Nebel der Ebene zu tauchen und entzogen sich immer wieder für Sekunden Blues Blick, wenn sie in den tiefen Schatten der Hecke verschwanden. Eine der Katzen lief mit flinken Schritten voraus, die andere folgte behäbiger und sehr viel langsamer. Blue sprang auf und schüttelte sich. Sie starrte gebannt auf die sich nähernden Katzengestalten und ihr schlanker Körper begann vor Anspannung zu beben. Solange hatte sich nichts gerührt, nun war die neblige Stille gestört und sie witterte Gefahr. Doch schon im nächsten Moment nannte sie sich einen Dummkopf, sie erkannte die blitzschnell dahin schießende kleine Mona und den dicken Omar, der sich hinter ihr herschleppte. Blue schoss vom Dach des Schuppens herunter, die kleine Mona hatte ihr bitter gefehlt. Sogar ihre Verbitterung Omar gegenüber schmolz dahin, als sie ihre beiden Freunde näher heran kommen sah. Mit tanzendem Schwanz lief sie den beiden entgegen, während sich Sugar ängstlich im Schuppen verkroch. Sie sprang auf die kleine Mona zu und leckte ihr zur Begrüßung die Ohren. Sie warteten dicht aneinandergepresst bis der alte Omar heranschnaufte. „Ich habe es nicht mehr ohne dich ausgehalten…, ich habe dich so vermisst Blue,…“ maunzte Mona. Sie tanzte um Blue herum und sang: „Ich habe wieder Robby in dem vornehmen Haus besucht…und stell dir vor, er hat mit mir geredet… er hat mich wahr genommen…“ Blue verzog ihr Mäulchen, als sie den stolzen Birmakater erwähnte, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. Omar näherte sich mühsam und ächzte bei jedem Schritt. Schließlich blieb er unschlüssig ein paar Katzenlängen von ihnen entfernt stehen und sagte: „Blue, es tut mir leid, dass wir gestritten haben, aber du weißt ja, ich mag die Rassekatzen einfach nicht…, ich konnte mein Quartier nicht mit ihr teilen…“ Blue freute sich so, die beiden zu sehen, dass sie ihm gerne verzieh. Sie vergaß fast, dass sie sich alle in einer unsicheren Lage befanden und führte die beiden zum Schuppen. „Ist sie da drin?“ fragte Omar und stemmte die dicken Pfoten ein. „Ich weiß nicht…“, druckste er herum, „vielleicht sollte ich lieber vor Einbruch der Dunkelheit zurückkehren in die Altstadt…, aber ich bin so erschöpft, mein Herz… macht nicht mehr mit…, Mona hat einfach keine Ruhe gegeben…, sie musste dich besuchen…“

Ihr müsst unbedingt ein bisschen bleiben, der Schuppen ist groß genug für uns alle…“, sagte Blue eifrig und drückte die Türe auf. Sugar war spurlos hinter den Fässern verschwunden, sie wollte eine Begegnung mit Omar vermeiden. Die kleine Mona sprang übermütig herum, gepackt von dem Drang, jede dunkle Ritze zu erkunden. Sie wälzte und wand sich und geriet schnell auf die Fährte von Sugar, die mit eingezogenen Gliedern in einer Ecke kauerte. Sugar schreckte auf und die beiden stieben auseinander. Der alte Omar hockte verdrießlich auf der Türschwelle und beobachtete lauernd jede Bewegung von Sugar. Plötzlich war die Stimmung mit einer starken Spannung aufgeladen. Nur Mona tobte immer noch unbefangen herum. Doch etwas Dumpfes, Schweres verdichtete sich von Minute zu Minute. Eine nasse Kälte drängte durch die offene Tür in das Innere des Schuppens. Ein Specht trommelte am Rande des Gehölzes. Sugars Kopf hing wieder tief herab. Blue nahm hinter sich undeutlich einen dunklen Schatten wahr und erkannte im gleichen Moment den Kopf des schwarzen Korsaren und sein langes Fell. „Wir müssen uns beeilen…“, rief er ihnen zu, „Ebony hat Ralf und vier seiner Leute entdeckt, sie sind uns bereits auf den Fersen, sie schleichen sich an…“ Ohne Zeit zu verlieren, schleifte er mehrere Mäuse in den Schuppen. Kurz darauf tauchte Ebony auf und half dem Korsaren beim Hereintragen der Beute. Überrascht entdeckte sie Omar und die kleine Mona. „Ich glaube, wir haben Verstärkung bekommen…“, rief sie dem Korsaren zu, „wir können jede Katze gebrauchen,… wir werden ihnen Widerstand leisten, bis ihnen Hören und Sehen vergeht…“ Draußen dämmerte es bereits, eine rosige verschwommene Sonne versank endgültig im fahlen Nebel und bläuliche Schatten breiteten sich aus. Sie verschlossen die Türe und Blue sah, dass der Korsar mit jeder Faser seines kampfgestählten Körpers danach lechzte, sich auf Ralf zu stürzen. Der Drang schien in ihm zu bohren und sie wusste, dass diese zwielichtige Angelegenheit mit Tiffany zwischen ihnen endlich ausgetragen werden musste. Plötzlich fürchtete Blue um sein Leben. Der gnadenlose Ernst ihrer Lage wurde ihr bewusst und einen kurzen Moment fühlte sie sich am Ende ihrer Kraft. Omar blicke gierig auf die erlegten Mäuse, doch dann schüttelte er seinen dicken Kopf: „Ich kann nicht bleiben,…Ralf und ich sind gute Freunde…, ich will nicht kämpfen…, lasst mich sofort raus…“ Er wollte sich an dem Korsaren vorbei ins Freie drängen, doch der Korsar trieb ihn energisch zurück. „Zu spät…wir werden nicht mehr öffnen…“, sagte er ungehalten, „das wäre reiner Selbstmord…, hier sind Frauen und Kinder,…du solltest deinen Mann stehen…, so oder so…“ Auch Blue war am Ende ihrer Geduld: „Omar, ich verstehe einfach nicht, wieso du mit Ralf befreundet bist…“, zischte sie wütend. Man merkte Omar an, dass es ihn danach verlangte, sich auf und davon zu machen. „Ich möchte nicht sterben…“, sagte er wütend, „gib die Türe frei…“ In diesem Moment erklang draußen ein rasendes Katzengeschrei aus mehreren Kehlen, das einem durch Mark und Bein ging. „Zurück…“, sagte der Korsar und versetzte Omar einen leichten Schlag mit der Pfote, „du hörst doch, dass unsere Feinde vor der Türe stehen…“ Rasend vor Wut schwankte Omar schwerfällig hin und her, unfähig das Wort des Korsaren zu befolgen. „Ralf…, schrie er, „Ralf, mein Freund, hier bin ich…, hier drin…“ Er richtete sich auf und dehnte seinen schweren Brustkorb. Der Korsar trieb ihn knurrend zurück. „Du bist nicht gerade umgänglich, Korsar, man erzählt sich, du hast schon mehrere Katzen auf dem Gewissen…“,sagte Omar und lachte hämisch, „lass mich gehen…, ich werde dir nicht helfen…“ Wieder erklang draußen ein greller Schlachtruf, dann hörte man die Tritte von Katzenpfoten auf dem Dach und Ralf rief durch einen Spalt im Dach: „Omchen, mein altes Omchen…, wir werden sie aufzwirbeln und ihnen das Fell von ihrer ausgetrockneten Haut ziehen,…mit ihren Schwänzen werde ich meinen Loft behängen und ich werde dem Korsaren seine schwärzlichen Krallen ziehen und mir einen Kopfschmuck daraus basteln…“ Ralf brach in ein kreischendes Gelächter aus. Ein flackerndes Grinsen zuckte über Omars fettes Gesicht. Er sah den Korsaren herausfordernd an. Doch der Korsar brach nun selbst in ein lautes, unheimliches Lachen aus. Er drückte Omar mit dem Kopf zurück und sagte: „Verzieh dich in die hinterste Ecke und muckse dich nicht…, sonst wirst du mich von meiner gnadenlosen Seite kennenlernen…“ „Lach nur…“, rief Omar erbittert, „eines Tages wird dir das Lachen schon vergehen, wenn die Katzenmorde aufgedeckt werden und du endlich überführt wirst…“ „Was für einen Unsinn du redest…“, sagte der Korsar und runzelte die Stirn. „Ich sage nur Tiffany…, ich weiß alles über Tiffany…“, lallte Omar undeutlich, „die Katzengeister haben sie abgeholt…“ Der Korsar versetzte ihm einen unsanften Hieb mit der Pfote: „Was weißt du über Tiffany, heraus mit der Sprache…“ „Nein…“, keuchte Omar, „nein, ich werde dir nichts sagen,…Ralf ist zu mächtig und er ist mein Freund, er könnte mich treffen…“ „Ich werde dich gleich treffen,…soviel ist sicher, wenn du mit deinem ungereimten Gerede nicht aufhörst…“, sagte der Korsar. Blue hörte mit weit aufgerissenen Augen zu. „Was kümmert mich das noch, ich werde Ralf nie verraten,…“ Omar schluchzte fast, „er hat mir, einem alten fetten Eunuchenkater nur Gutes getan…“ Omar verdrückte sich vor sich hinmotzend in eine Ecke. Er murrte immer weiter vor sich hin, aber seine Stimme wurde schwächer und rauer und seine aufgerissenen Augen glänzten fiebrig. „Ralf wird siegen,…ihr werdet schon sehen, eure ganze Verbarrikadierung wird euch nichts nützen,…Ralf wird siegen…“, schimpfte er vor sich hin und seine Worte vibrierten eigenartig in der lastenden Stille des Schuppens. Immer noch hörte man Ralf über das Dach tappen, dann sprang er hinunter und alles wurde geisterhaft still.

 

Niemand rührte sich. Omar grunzte in der dunklen Ecke. Sugar schien von unkontrollierbarer Angst getrieben. Blue bemühte sich ruhig zu bleiben, aber auch ihre Züge waren nervös gespannt. Sie fuhr bei jedem Geräusch auf und lauschte nach draußen, ob es sich um das leise Knirschen von Pfoten handelte oder um Stimmengemurmel. Doch das Pfeifen des Windes kündigte nur die zunehmende Gewalt eines Sturmes an, dessen Schneewirbel vor dem kleinen Fenster tanzten. Immer wieder spähte Blue hinaus und hielt Ausschau, doch jedes Mal kroch sie unverrichteter Dinge zurück. Der Feind hielt sich draußen verborgen und war unsichtbar. Das Bewusstsein ihrer Schwäche schlich sich in ihr Herz. Alle waren bedrückt, unruhig und verzehrten schweigend einen Teil der Beute. „Sie werden nicht in dieser Nacht angreifen, ich denke,…sie werden bis zum Morgengrauen warten…“, sagte der Korsar mit fester Stimme. „Sie wissen nicht, wie viele wir sind und deshalb werden sie sich in der Nacht nicht hereinwagen…, den schnellen Einstieg hat Ralf schon einmal bei Sooty bereut…“ Blue kicherte nervös, sie konnte sich noch gut an die blutende Nase von Ralf und sein Gestöhne erinnern. Sie lief ziellos durch den Schuppen, eine abergläubische Furcht hatte sich ihrer bei dem Geschwätz Omars bemächtigt und sie fürchtete nun, nach Sooty auch noch ihren geliebten Korsaren zu verlieren. Der Korsar bemerkte ihre Angst und lief zu ihr. Er drängte sich an sie und flüsterte: „Was soll schon passieren, ich bin nicht unterzukriegen, mein Schatz, ich bin ein erfahrener Kämpfer…ich bin schon mit ganz anderen Schwierigkeiten fertig geworden…“ „Es sind mehrere große Kater, hier sind außer dir nur Katzen und der alte Omar, der sowieso nur Schwierigkeiten macht…“, sagte Blue bedrückt. „Mag sein, aber was für Katzen…, wenn ich an dich und Ebony denke…, die kleine Mona nicht zu vergessen…“, sagte der Korsar lächelnd. Blue legte ihren Kopf auf seine Schulter und schnurrte. Der Korsar war wie ein großer starker Baum, dessen Verwurzelung allen Stürmen widerstand. Er drückte sie fest an sich und murmelte: „Wir werden zusammen viele Katzenkinder haben…stolze Maine Coon Kitten…“ Blue atmete ein wenig leichter und ein blasses Lächeln glänzte in ihren Augen auf, wieder drängte sie sich an den Korsaren. „Jetzt leg dich zu Ebony und ruhe dich ein wenig aus, damit wir Morgen bei Kräften sind…“, sagte er leise. „Ich werde mit Mona Wache halten, bis der Morgen graut..., sie werden sich in irgendein verdammtes Loch verkrochen haben, um den Schneesturm abzuwarten…“ Die kleine Mona tanzte aufgeregt herum. Ihr buschiger Schwanz stand nie still und ihre Augen lugten durch jeden Spalt. Blue überließ ihr den Platz neben dem Korsaren und zog sich leise zurück hinter die Fässer. Sie legte sich an die Seite von Ebony, die erstaunlich ruhig wirkte. Bedrückt fragte Blue: „Meinst du, wir können sie zurückschlagen…?“ Ebony nickte. „Wie kannst du so ruhig sein…?“ flüsterte Blue aufgeregt. „Ich bin in einer meiner Katzenmeditationen, die mir Sooty zeigte, zu Sekhmet gereist…, der feurigen Katzengöttin im alten Ägypten,…seitdem weiß ich um meine Kraft…, es ist alles eine Frage der Konzentrtion…“, sagte Ebony altklug. „Erzähl, das interessiert mich…“, drängte Blue, „die sehnsüchtig an ihre Aufenthalte in den roten Wäldern dachte. „Eigentlich ist das geheim, verstehst du, okkult,…aber ich mach eine Ausnahme, weil du es bist und es eine besondere Nacht ist…“, flüsterte Ebony. Sie begann zu erzählen: „Ich lag unter einer kleinen Eberesche und plötzlich sah ich ein Schneckenhaus, das vor meiner Nase lag…, ich spielte damit ein wenig herum und das spiralige Muster fesselte mich irgendwie und ich fuhr es mit den Augen nach, bis alles wirbelte und kreiste. Die Sonne schien hell an diesem Tag und das Licht und die Linien tanzten vor meinen Augen wie flüssige Ströme und alles pulste und flimmerte. Plötzlich wurde ich hoch geschleudert und landete an einem anderen Ort. Ich trat durch ein riesiges Tempeltor. Große Steinstatuen säumten den Eingang und musterten mich schweigend aus uralten, wachsamen Augen. Ich schlüpfte durch das Tor und stand in einem düsteren Raum aus dunklem Marmor, ein Licht flackerte. Dann bewegte sich ein Schatten und ich erschrak. Eine große Katze mit einer Löwenmähne stieß ein raubtierartiges Gebrüll aus und ich wollte rückwärts aus dem Tempel fliehen, so erschrocken war ich. Da bewegte sie sich schnell auf mich zu. Ich rutschte auf dem glatten Boden, meine Pfoten griffen nicht und bevor ich Atem holen konnte, stand sie vor mir und sah mich mit wachen Augen an. Etwas Gefährliches ging von ihr aus. Sie streckte ihre Zunge heraus und sie begann zu zucken wie eine Flamme. Sie legte mir eine Pfote auf den Kopf und es fühlte sich an, als flösse flüssiges Feuer durch meinen Körper bis in meine Schwanzspitze…“ Blue hüstelte ungläubig. „Du musst mir ja nicht glauben…“, sagte Ebony beleidigt, „dann behalte ich es eben für mich…“ „Erzähl weiter, tut mir leid…“, kicherte Blue, die für einen kurzen Augenblick die drohende Gefahr eines Angriffs vergessen hatte. „Der ganze Körper von Sekhmet glühte, Flammen tanzten um ihre Löwenmähne herum…, ich begann zu zittern und zu beben…Sie berührte mit ihrer Pfote mein Herz und ein leuchtender orangefarbener Kokon hüllte uns ein und ich hätte platzen können vor Kraft. Mein Fell knisterte und ich fühlte mich so leicht, dass ich bis zum Dach des Tempels hätte springen können…Plötzlich wurde ich hoch in die Luft gewirbelt wie in einem Karussell und mir wurde schwindlig vor Glück,… alles verschwand um mich herum und ich starrte wieder auf das kleine, gewölbte Schneckenhaus…“ Ebony verstummte. Wieder hörte man Katzenpfoten über das Dach trippeln. Ängstlich starrte Blue hinauf und glaubte Katzenaugen durch eine Ritze auf sie hinunter starren zu sehen. Sie lauschten auf das Pfeifen des Windes, das Knacken der Dachbalken und das plötzliche Aufheulen des Windes, das ebenso plötzlich wieder verstummte. Dichte Schneeflocken trieben auf das kleine Fenster und deckten es fast zu. Sugar kam zu ihnen herüber und presste ihren zitternden Körper an Ebonys schwarzes Fell. Sie erstickte fast an ihrer Angst. Irgendwann sank Blue in einen kurzen Schlaf, aus dem sie immer wieder aufschreckte. Sie schlich sich zur Türe, um sich zu vergewissern, dass dem Korsaren und der kleinen Mona nichts zugestoßen war. Der Wind hatte nachgelassen und von draußen drang kein Geräusch herein. Alle schienen erschöpft. „Blue, ich werde einen Erkundungsgang machen und dann werden wir sie mit einem Angriff überraschen…“, sagte der Korsar. „Sobald ich weiß, wo sie lagern, werden wir uns anschleichen…, wir müssen dem zermürbenden Warten ein Ende machen…“ Blue erschrak, sie wollte ihn nicht allein ziehen lassen. Ängstlich klammerte sie sich mit den Pfoten an ihm fest. „Bitte bleib hier,…es ist viel zu gefährlich…, wir haben viel zu wenig Zeit gehabt, um uns zu lieben, und nun willst du allein da rausgehen…“, sagte Blue. „Was ist mir dir, du bist doch sonst so mutig…ich erkenne dich gar nicht wieder…“, sagte der Korsar und leckte mit seiner rauen Zunge über ihren Kopf. „Ralf ist vielleicht immer noch auf dem Dach und wird dir direkt ins Genick springen…“, sagte sie besorgt. „Es wird nicht lange dauern…, und ich kann gut auf mich aufpassen…, außerdem wollen sie in der Hölle keinen Kater wie mich…“, sagte der schwarze Korsar und öffnete mit seiner Pfote so geräuschlos wie möglich die Türe. Er drehte sich noch einmal um und ein spöttisches Grinsen lag um seine Schnauze. Dann sprang er mit einem langen Satz in den frisch gefallenen Schnee.

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