Christa Astl

Der Schmuck des Königs

 

 

 

Es war einmal vor langer Zeit ein König, der regierte über ein großes reiches Land.

Er hatte aus dem Nachbarland eine wunderschöne Prinzessin geholt und als seine Königin auf den Thron gesetzt. Bald darauf bekam sie einen Knaben und der König war überglücklich, dass er nun einen Thronfolger hatte, der nach ihm sein Land regieren sollte.

Als das Söhnchen fünf Jahre alt war, nahm er ihn das erste Mal mi. Aber er war gründlich enttäuscht. Denn der Kleine fürchtete sich so, als der Vater ihn aufs Pferd hob, obwohl ein Diener das Pferd am Zügel führte.

Auch sonst entwickelte sich der Junge ganz anders, als es sich der König vorgestellt hatte und man es von einem zukünftigen Herrscher erwartete.

Er war ein stilles Kind, ein Träumer.

Statt auf Vögel zu schießen, saß er am Fuße eines Baumes und hörte ihrem Gesange zu, statt sich wie die anderen seines Alters in Kampfspielen mit Gleichaltrigen zu messen, seine Kräfte auszuprobieren, saß er in einem Raum des Schlosses und – machte Schmuck! Feine Silberdrahtketten, Armbänder, Stirnreifen, wahre Kunstwerke entstanden unter seinen geschickten Händen. Manches Mal schenkte er ein Stück seiner Mutter, die sich sehr darüber freute, doch sie durfte es nicht tragen. Der König wurde jedes Mal ganz wild, wenn er es sah.

Er wollte ja einen starken, kampfeslustigen Mann aus seinem Sohne machen. Könige müssen Kriege führen, mit Waffen umgehen können, und dies bereits in früher Jugend lernen. So riss der König seinen Sohn immer wieder aus seiner Werkstatt und nahm ihn mit auf die Jagd. Der Junge aber trabte teilnahmslos hinter seinem Vater, tat keinen einzigen Schuss, spannte nie den Bogen, wenn etwa ein Reh oder Hirsch in Schussnähe war. Da nahm der König eines Tages seine Donnerbüchse, ein besonders lautes Gewehr mit, die er neben seinem zutiefst erschrockenen und verängstigten Sohn abfeuerte. Was er nicht wusste, war, dass er dadurch das Gehör seines Sohnes zerstört hatte, denn sei dieser Stunde hörte der Junge kaum mehr etwas.

Der König wusste schließlich nicht mehr, was er machen sollte, und fragte im ganzen Land, um einen geeigneten Lehrer für seinen Sohn zu finden. Es kamen viele, doch der Junge wurde nur immer noch verschüchterter und zog sich immer öfter in seine Werkstatt zurück. Denn er hörte kaum, was sie Menschen sprachen, ja nicht einmal mehr das Singen der Vögel im Walde.

Da verstieß ihn der König, als seine Frau ihm nach einigen Jahren einen zweiten Sohn schenkte.

Der junge Prinz packte seine Habe, viel nahm er nicht mit, vor allem keine schwere Rüstung, aber ganz obenauf legte er seinen selbst verfertigten Schmuck. Vielleicht konnte er ihn irgendwo verkaufen? Vielleicht aber auch verschenken, wenn er ein schönes Mädchen fand?

Tagelang zog der Königsjunge durch das Land.

Irgendwann kam er in eine Stadt, in der alle Menschen, die er auf der Straße traf, lachten und fröhlich waren. Gerne hätte er sich auch gefreut, wäre lustig wie sie gewesen, aber er wusste nicht, worüber sie sich so freuten. Wohl fragte er ein paar Leute, aber er konnte ihre Antwort nicht verstehen. Traurig ging er hinter ihnen her. Aus allen Gassen strömten junge Leute, auf dem Hauptplatz waren die Musikanten, und munter bewegte sich der Menschenzug weiter bis zum Eingang des Schlosses. Dort trat am Balkon ein schönes Mädchen mit blond gelockten Haaren heraus, der der ganze Umzug wohl gelten mochte. Der taube Königssohn glaubte, nie etwas Schöneres gesehen zu haben, und verliebte sich unsterblich in sie. Doch wie sollte er sich ihr nähern? Was tun, wenn sie ihn wirklich anspräche? Er würde sie ja nicht verstehen.

Aber auch das Mädchen hatte ihn bereits erspäht, und auch ihr gefiel er. Lange schaute sie zu ihm, während er sich bückte und seiner Tasche etwas Glänzendes entnahm. Es war ein funkelnder Armreifen, von ihm selber gemacht. Wenn er ihn recht drehte, flammte er in der Sonne brennendrot auf. Das Mädchen, es war die jüngste Prinzessin, konnte ihre Neugierde nicht mehr bezähmen und schickte eine Dienerin hinunter. Da der Königssohn keine Antwort gab, weil er sie ja nicht verstand, nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn einfach die Treppe hinauf. Alle Zuschauer lachten und klatschten Beifall.

Stockend brachte er einen Gruß hervor, mehr wusste er nicht zu sagen. Immerzu musste er die schöne Prinzessin anschauen. Er wurde ganz traurig, als er sah, wie sie zu ihm sprach, er aber nichts verstehen konnte. Da hatte die Prinzessin eine Idee: Sie führte den Prinzen einen Gang entlang und in ein Zimmer, in dem ein alter Mann saß und ein langes Hörrohr neben sich hatte. Dieses borgte sie sich aus und hielt es dem Königssohn ans Ohr, und tatsächlich konnte er damit alles verstehen, was sie nun sagte. Als er ihr von seinem Unglück erzählt hatte, lud sie ihn ein, doch einige Zeit bei ihr zu bleiben. Sie rief den Leibarzt des Königs herzu und der ließ ein neues Hörgerät für ihn machen. Als Dank schenkte der Königsohn ihr all seinen kostbaren, selbst gemachten Schmuck. Dann zog er sich zurück in sein Zimmer und begann an seinem schönsten Stück, einer Brautkrone für sie zu arbeiten. Als diese fertig war, feierte sie eine große fröhliche Hochzeit und das junge Paar bekam ein eigenes kleines Schloss am Rande der Stadt, nahe am Wald, wo sie glücklich bis an ihr Ende lebten.

 

 

ChA 2015 / 09.01.2020

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.06.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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