Volker Walter Robert Buchloh

Hundzibundel

Hundizibundel

 

von

Volker Buchloh

2007

 

 

 

„Habt Ihr schon einmal ein fliegendes Pferd gesehen?“ „Nein!“

„Was? Ihr glaubt nicht, dass es fliegende Pferde gibt?“ „Nein!“

„Na ja! Es ist schon eine Zeitlang her, als es fliegende Pferde gab. So ungefähr tausend mal so lang, als Ihr alt seit.“

„Ihr glaubt mir immer noch nicht? Gut, dann will ich Euch eine wahre Geschichte erzählen. Die Geschichte von Sheyla und ihrem fliegenden Pferd >Herrin der Winde<.“

 

Es ist, wie ich anfangs sagte, schon lange, lange her. Ungefähr zu der Zeit, als der Mond noch glatt war wie ein Spiegel. Denn heute, da hat er ja schon Altersflecken, wie Ihr es ja jede Nacht deutlich sehen könnt.

Die kleine Sheyla war von ihren Eltern in die Steppe geschickt worden, um Früchte zu suchen. Der Sommer war sehr heiß gewesen und deshalb war das Getreide in diesem Jahr nicht so üppig gewachsen wie sonst. Das bedeutete für die Familie weniger Brot. Man würde zwar nicht verhungern, aber eine Anreicherung des Speiseplans war beschlossen. Alles was essbar war, war willkommen. Und die Wahl war auf das jüngste Familienmitglied gefallen. Sheyla hatte noch nicht die Kraft und die Fähigkeit der älteren Geschwister, und durch das Sammeln sollte sie ihren Beitrag an der Ernährung der Familie leisten.

Die Früchte waren süß und saftig und das kleine Mädchen war froh, dass sie eine große Schale aus Keramik mitgenommen hatte. So konnte der Saft, der beim Abpflücken der Beeren herausrann, ebenfalls gesammelt werden.

Sie hatte ihre Schale schon weit gefüllt, als Sheyla ein eigenartiges Geräusch vernahm. Aber so sehr sie sich auch umschaute, sie konnte nichts erkennen. Neugierig geworden beschloss sie, der Richtung des Geräusches zu folgen. Sie stellte die Schale ab und schlich vorwärts. Je näher das Mädchen dem Geräusch kam, um so mehr vernahm sie ein Stöhnen. Immer wieder setzte es aus, um dann nach einiger Zeit wieder kraftvoller zu ertönen.

Plötzlich stand Sheyla vor einem gewaltigen Haufen. Er schien zu leben, hob und senkte er sich doch im Rhythmus des Geräusches. Sie zögerte, näher zu treten. Vielleicht war es ein Geist, der vom Verschlingen kleiner Mädchen lebte. Aber außer den gleichförmigen Bewegungen, verbunden mit den Stöhngeräuschen geschah nichts. Sheyla fasste sich ein Herz und umkreiste das eigenartige Lebewesen. Auf einem kurzgeschorenen Tierfell lagen Federn. Bei genauerem Hinsehen konnte das Kind sehen, wie sie unmerklich zuckten. Neugierig geworden, umkreiste sie das unbekannte Wesen weiter. Sie hatte es wohl halb umrundet, als sie erkannte, dass es sich um ein Pferd handelte. Es lag auf der Seite, der Hals war lang gestreckt, die Augen geschlossen. Aus dem Maul hing eine gewaltige Zunge. Das Pferd hatte wohl nicht mehr die Kraft, diese aufzunehmen. Das Stöhnen kam aus dem offenstehenden Maul.

Sheyla trat zum Pferd und ihre Hände fuhren liebkosend über den Kopf. Das Pferd zeigte keine Reaktion. Nur das sichtbare Auge zuckte einen Moment.

„Wasser!“

Sheylas Hand zuckte zurück. Die Stimme des Pferdes war ohne Kraft. Das Sprechen schien ihm schwer zu fallen. Ohne ihre Lippen zu bewegen ertönte ein „Wasser!“

Hier drohte keine Gefahr, hier brauchte jemand Hilfe. Sie sprang auf, eilte zu der Stelle, wo sie ihre Schale angesetzt hatte. Kurzerhand schüttete sie den Inhalt aus. Wie der Saft langsam im Boden versickerte, sah sie schon nicht mehr. Ihre Eltern würden schimpfen, wenn sie mit verschmutzten Früchten nach Hause kam, aber das war ihr im Moment egal. Angestrengt hielt sie Ausschau nach einer Wasserstelle. In einiger Entfernung gab es eine Linie, an der Bäume wuchsen. Ein Bach. Sie eilte zu der Stelle, füllte die Schale mit köstlichem Nass und begab sich auf den Rückweg. Sie konnte diesmal nur gehen, wollte sie mit nur einer halbvollen Schale das Pferd erreichen. Dann müsste sie erneut den Weg zum Wasser machen. Ihr Blick war krampfhaft auf den Boden gerichtet. Wie schnell war man über eine Wurzel oder einen Stein gestolpert.

Bei dem Pferd angekommen befeuchtete Sheyla zuerst die Zunge des Pferdes. Dann benetzte sie die Lippen. Das Stöhnen hatte zwar aufgehört, aber eine Regung war auch nicht festzustellen.

War sie zu spät gekommen?

Vorsichtig öffnete das Kind mit einer Hand die Lippen des Pferdes und ließ aus der anderen Hand Wasser in die Mundhöhle träufeln. Sie war wohl zu spät gekommen. Mutlos wiederholte sie die Prozedur des Wassereinflößens. Nichts geschah.

Auf einmal verschwand blitzschnell die Zunge. Sheyla schreckte zurück. Aber nur der Mund bewegte sich ein wenig. Mutig schöpfte sie weiteres Wasser und träufelte es in den Spalt der Lippen. Langsam begann sich der Hals zu bewegen. Je mehr Wasser sie einflößte, um so heftiger waren die Schluckbewegungen. Bald war die Schale leer und das Mädchen beschloss, noch einmal die Wasserstelle aufzusuchen.

Mit frischem Nass zurückgekehrt, fand sie das Pferd in der gleichen Lage wieder, wie sie es zurückgelassen hatte. Sie setzte das Einflößen weiter fort. Siehe da, auf einmal bewegte sich das Augenlid. Ein großes braunes Auge schaute sie an. Zuerst blickte es ängstlich und erschreckt. Als es aber wahrnahm, dass jemand ihm helfen wollte, da blickte es dankbar drein.

Die Schale war wieder geleert und Sheyla sah sich genötigt, erneut zur Wasserstelle zu laufen. Als sie mit Schweißtropfen auf der Stirne zurückkehrte, begrüßte sie das Auge. Ruck zuck verschwand auch der Inhalt dieser Schale im Körper des Pferdes.

Mensch, hatte das Pferd aber Durst. Aber alles half nichts, der Weg zum Wasser musste erneut zurückgelegt werden. Nachdem Sheyla erneut mit Wasser zurückkehrte, ruhte das Pferd auf den Vorderbeinen. Nun konnte es selbst trinken. Aber die Schale war nach wenigen Zügen erneut leer. So musste der Weg zum Wasserholens noch mehrmals zurückgelegt werden. Aber jedes Mal, wenn das Mädchen zurückkehrte, traf sie auf ein Lebewesen, in dem immer mehr Lebensgeister wiederkehrten.

Atemlos und erschöpft setzte sich Sheyla ins hohe Gras.

„Danke! Ich glaube, du hast mir das Leben gerettet.“

Das Pferd stand mühsam auf und schüttelte sich. Wie sie so dastand, erkannte man, dass es sich um eine wunderschöne Schimmelstute handelte. Ihr Kopf senkte sich, ihre Lippen umfassten ein Büschel Gras. Mit einer eleganten Bewegung ihres Halses trennte sie das Gras ab, welches von den Zähnen zermahlen im Magen verschwand. Sheyla erfuhr, unterbrochen von Pausen des Kauens, dass die Stute sich aus Unachtsamkeit den Vorderfuß verstaucht hatte. So kam sie kaum vorwärts. Die Erholungspausen, die sie einlegen musste, wurden immer länger. Kurz vor erreichen des Bachs waren die Schmerzen so gewaltig, dass sie sich hinlegen musste. Sie war dann wohl eingeschlafen. Als sie wach wurde, fehlten ihr die Kräfte zum Aufstehen. Sie beschloss weiter liegen zu bleiben. Eine fatale Entscheidung, denn Wassermangel und Kraftlosigkeit verbündeten sich gegen sie, bis sie ohnmächtig wurde.

„Wie heißt du?“, fragte die Stute.

„Ich bin Sheyla und wohne da hinter den kleinen Hügel mit meinen Eltern auf einem Bauernhof. Und wie heißt du?“

„Man nennt mich Herrin der Winde, weil ich so schnell fliegen kann wie der Wind.“

„Fliegen? Wie der Wind?“, stammelte das Mädchen.

„Ja siehst du denn nicht, dass ich ein fliegendes Pferd bin?“

Erst jetzt bemerkte Sheyla die Flügel, die auf den Schultern der Stute lagen.

„Und warum bist du dann nicht geflogen, als du dir dein Bein verstaucht hast?“

Die Stimme des Kindes klang skeptisch. Sie erinnerte sich daran, dass ihre Großmutter von fliegenden Wesen erzählt hatte. Am Lagerfeuer, wenn die Tage immer kürzer wurden, erzählte sie immer Geschichten, wie sie von ihrer Mutter erzählt wurden. Und diese wusste sie wiederum von deren Mutter. Sheyla hatte diesen Erzählungen immer aufmerksam gelauscht, aber fliegende Wesen, die konnte sie sich beim besten Willen nicht vorstellen. Vor allem, wenn diese größer waren als die kleinen Vögel. Die Stute unterbrach ihren Gedankengang.

„Das ist eine lange Geschichte, aber fliegen darf ich nur, wenn ich jemandem einen Gefallen schulde. Ansonsten bin ich ein ganz normales Pferd.“

„Du meinst, ich könnte ...“

Sheylas Kehle schnürte sich bei diesem Gedanken zusammen.

„Na selbstverständlich!“

Die Schimmelstute schüttelte den mächtigen Hals. Ihre Mähne wehte dabei im Winde.

„Steig auf. Du musst dich nur ordentlich an meiner Mähne festhalten.“

Sobald das Mädchen auf ihrem Rücken saß machte die Herrin der Winde einen Sprung nach vorne und schon erhoben sie sich in die Lüfte. Die Stute gewann schnell an Höhe und bald blickte das Mädchen auf Felder, Wiesen und Wälder, die zusehends immer kleiner wurden.

„So, nun halte dich fest“, ertönte es von vorne.

Durch das Pferd ging ein gewaltiger Ruck. Sheyla musste ihre Beine fest ans Pferd pressen. Ihre Hände vergruben sich in die Mähne. Der Fahrtwind zwang die Augen des Kindes, sich zu Schlitzen zu schließen. Auf einmal wurde es still. Kein Geräusch war zu vernehmen. Auch der Wind schien eingeschlafen zu sein.

„So, nun fliegen wir mit der Geschwindigkeit des Windes.“

Die Erklärung überraschte das Mädchen, aber das Gefühl, welches Sheyla durchströmte, war nicht zu beschreiben. Noch nie hatte sie so etwas erlebt. Und dann dieser Ausblick. Sie war versucht, vor Freude in die Luft zu springen, aber dann erinnerte sie sich der mahnenden Worte und sie hielt ihre Hände in der wehenden Mähne vergraben.

Die Geschwindigkeit verringerte sich. Sie hatten sie den Ort ihres Abflugs erreicht. Elegant landete die Herrin der Winde auf der Hinterhand und kam zum Stehen.

„So, nun muss ich weiter. Ich fühle mich gekräftigt, aber bei meinem Bein, da wird es doch wohl etwas länger dauern.“

„Ich muss auch nach Hause. Ich glaube, meine Eltern machen sich langsam Sorgen.“

Sheyla suchte nach der Schale und den ausgeschütteten Früchten.

„Nur eines muss ich dir noch sagen.“

Der Blick der Schimmelstute schaute auf einmal sehr ernst.

„Wenn du einmal selbst Hilfe brauchst, dann kannst du auf mich zählen. Ich komme dann wie der Wind.“

Die Lippen verzogen sich zu einem leichten Lächeln.

„Und wie finde ich dich?“

Der Blick des Kindes spiegelte Traurigkeit.

„Du musst nur dreimal >Hundizibundel< in den Wind rufen und dann ...“

Die Stute beugte sich immer weiter vor, während ihr Stimme immer leiser wurde.

„Den Rest muss ich dir ins Ohr flüstern, denn das darf kein anderer Mensch erfahren.“

Sie tuschelte etwas in das Ohr des Mädchens und dieses nickte ernsthaft. Dann humpelte der Schimmel von dannen und wedelte zum Abschied mit ihrem langen Schweif. Bald war die Herrin der Lüfte hinter einigen Büschen verschwunden. Das Mädchen füllte die gesuchten Früchte in die leere Schale und machte sich auf den Weg nach Hause.

Zwei Jahre waren ins Land gegangen. Zwei schreckliche Jahre, die den Menschen kaum Möglichkeiten bot, Atem zu holen. Der alte König war gestorben und mit ihm Ruhe und Sicherheit. Die Prinzessin, die nun Königin war, hatte einen Fremden zum Gemahl genommen. Dieser verbreitete nun Angst und Schrecken. Die Leute munkelten, die Hochzeit sei nicht durch Liebe sondern durch Gewalt geschlossen worden. Aber dies war nur ein weiteres Merkmal für die unruhigen Zeiten.

Der Anteil, den die Bauern dem neuen König jedes Jahr abzuliefern hatten, wuchs stetig. Die Abgaben waren inzwischen so hoch, dass es den Bauern kaum selbst zum Leben reichte. Man munkelte, der neue König beabsichtigte, den Krieg ins Nachbarland zu tragen. Mit den Nachbarn hatte man, so weit man sich erinnern konnte, immer friedlich gelebt. Krieg bedeutete, dass die Bevölkerung nicht nur Abgaben zu leisten hatten, sondern auch zum Kriegsdienst herangezogen wurden. Der Boden konnte dann nicht mehr oder nur mit großem Aufwand bearbeitet werden. Die Spirale lag auf der Hand. Bei gleichbleibenden Abgaben wurde die Hungersnot immer wahrscheinlicher.

Auch an Sheylas Elternhaus ging diese Entwicklung nicht vorbei. Das Mädchen hatte den Auftrag, sich um die Ziegen zu kümmern. Sie sollten sich auf einer entfernten Weide den Magen voll schlagen. Sheyla hatte sie zu bewachen. Keine schwierige, aber eine langweilige Angelegenheit. Als sie am späten Nachmittag zum elterlichen Gehöft zurückkam, fand sie ihre Mutter in Tränen. Schluchzend berichtete sie über den Einfall der königlichen Soldaten. Sie waren auf der Suche nach geeigneten Rekruten. Da die Eltern keinen Sohn hatten sondern nur Mädchen, hatten die Soldaten kurzerhand den Vater mitgenommen. Alles Klagen und Jammern half nicht. Den Soldaten war es egal, dass nun keiner mehr für die schwere Feldarbeit zur Verfügung stand. Das Einzige was zählte, war die große Zahl an Soldaten. Mit vielen Soldaten war man stärker als der Nachbarstaat.

Für für den neuen König mochte dieser Krieg ein Spiel sein, für die Familie von Sheyla bedeutete dies aber den Hungertod. Aber keiner in der Familie hatte irgendeine Idee, wie man aus dieser Notlage herauskäme. Schließlich war es Sheyla, die einen naheliegenden Vorschlag machte. Der Vater musste zurück.

„Als die Soldaten, die ihn mitgenommen haben,“ entgegnete die Mutter, „sind schon zwei Wochen ins Land gezogen. Keiner weiß, wo er ist. Vielleicht ist er schon im Krieg gefallen.“

„Ach, ich habe da eine Idee“, sagte das Kind. Sheyla wusste nicht, ob sich das Pferd an sein Versprechen erinnern würde, aber die Not war so groß, dass sie es einfach versuchte. Sie ging auf ihr Feld, schaute in die Richtung aus der der Wind kam.

„Huzibundel!“

Nichts geschah.

Das Mädchen wartete eine Weile, bevor sie es erneut versuchte.

„Huzibundel!“

Wiederum geschah nichts. Nach einer weiteren Frist, drehte sie sich enttäuscht um. Das fliegende Pferd hatte sie vergessen. Nun wusste auch Sheyla nicht mehr weiter. Sie war schon eine kleine Strecke gegangen, als Wind aufkam. Das Pferd landete an ihrer Seite.

„Warte, warte, so schnell galoppieren die Pferde nicht. Ich war weit weg, als ich deine Stimme hörte. Ich habe noch zwei Windstärken mehr aufgelegt, um schnellstens hier zu sein. Was kann ich für dich tun?“

Sheyla erzählte das Missgeschick mit ihrem Vater und die Not, die nun an die Türe am Hause ihrer Eltern klopfte.

„Ich verstehe“, antwortete das Ross. „Wir müssen ihn suchen. Wenn du keine Angst hast, dann steige ich so hoch, dass ich alles überblicken kann.“

Sheyla hatte keine Angst. Um ihren Vater zu finden, war sie bereit alles zu machen.

„Na, dann steig auf!“

Es war wie beim ersten Mal. Nur ging diesmal allen viel schneller. Ihr Haus war bald so groß wie eine der Fliegen, die im Sommer an den Speisen leckten.

„Oh, dahinten sehe ich ein Regiment. Dort könnte dein Vater sein. Dort werden wir in einer Minute sein.“

Gesagt, getan. Die Haare des Mädchens flatterten im Wind wie eine Fahne im Sturm. Das Bild des Regimentes wurde immer größer. Als sie nahe genug da waren, drehte das Pferd den Kopf nach hinten.

„Es ist besser, du gehst die letzten Schritte zu Fuß. Ist ist besser, man sieht mich nicht.“

„Und wenn ich Vater gefunden habe, was geschieht dann?“

„Ach. Wenn es weiteres nichts ist, dann bringe ich euch beide zurück.“

Das würdest du für mich tun, Huzibundel?“ Die Stimme des Mädchens erklang zweifelnd.

„Für meine Lebensretterin würde ich noch mehr machen“, erwiderte das Pferd.

 

Sheyla hatte geglaubt, das Lager der Soldaten wäre streng bewacht. Aber dies war nicht der Fall. Und, was sie besonders erfreute, dort liefen auch neben den Soldaten Zivilisten herum. Während die Uniformierten um ihre Siegesbeute würfelten, bot die Zivilisten vor allem Speisen und Getränke an. Ein Kind würde hier nicht auffallen. Und Sheyla hatte Recht. Keiner kümmerte sich um sie, als sie durch das Militärlager schlich. Aber bei den vielen Soldaten fand sie ihren Vater nicht.

Eine große Menschentraube erweckte ihre Aufmerksamkeit. Als kleines Mädchen konnte sie unbehelligt durch die Beine der Erwachsenen schlüpfen. Fünf Soldaten würfelten um einen goldenen Pokal. Die umstehenden Leute feuerten die Glücksspieler an. Es war ein riesiger Tumult. Einer, mit langen, ungepflegten Haaren musste den Einsatz gewonnen haben. Er steckte den Siegespreis in einen Kartoffelsack, in dem sich schon einige Gewinne stapelten. Er schlug einem seiner Spielkumpane beruhigend auf den Rücken. Seine herrische Stimme war weit zu hören.

„Mach dir nichts draus. Wenn wir morgen in den Krieg ziehen, dann kannst du dich ja wieder mit so tollen Sachen versorgen.“ Dabei lachte er laut und hämisch.

Sheyla erschrak. Wenn es morgen in den Krieg ging, dann musste sie sofort ihren Vater finden. Sie hatte keine Zeit. Aber, wo war er? Das Mädchen irrte herum, ohne mit ihrer Suche weiter zu kommen. Es war ihr Hunger, der sie an einigen riesigen Topf führte. Ein altes Mütterchen rührte in einer dampfenden Flüssigkeit. Was in der Suppe drin war, konnte man nicht sagen, aber er duftete verführerisch. Sheylas Magen knurrte. Während sie den dampfenden Suppentopf beobachtete, bemerkte sie, wie Kunden gegen eine Münze eine Kelle voll schluckten. Aber sie hatte keine Münze. Mit sehnsüchtigem Blick schaute sie auf den riesigen Suppentopf. Diesen Blick musste die alte Frau gesehen haben. Sie beobachtete das Kind genau, dann winkte sie es zu sich.

„Na, möchtest du nicht von meiner phantastischen Gemüsesuppe probieren?“

Sheyla nickte. „Ja, aber ich habe keine Münze.“

Die Frau überlegte, dann gab sie sich einen Ruck. „Wenn du mir ein paar Kartoffeln holst, dann kann ich meine Suppe verlängern. Dann bekommst du auch eine Kelle voll zu essen. Ich kann nämlich nicht weg. Dann essen mir diese Soldaten meine Suppe auf.“

Das Kind nickte. Sie bekam eine Münze, holte die Kartoffeln und kaute an dem, was das Mütterchen ihr in der Kelle reichte. Die Suppe schmeckte vorzüglich.

„Was macht denn so ein kleines Kind wie du bei den Soldaten?“ Die Stimme der Alten klang neugierig und die Frau war es auch.

„Ich suche meinen Vater. Er ist erst seit Kurzem bei den Soldaten.“

Ach so, ein Rekrut.“ Sie zeigte auf einige Zelte, die außerhalb des Lagers standen. Diese müssen noch bewacht werden, bevor es morgen losgeht.“

Mit vollem Magen machte sich das Kind auf dem Weg. Die Alte hatte Recht. die Rekruten, wie sie nun wusste, waren tatsächlich in einem Bretterverschlag eingesperrte. Und das Schlimmste war, vor diesem Verschlag stand eine Wache. Hier war kein Durchkommen möglich. Sheyla beschloss zu warten, bis es Dunkel war. Dann könnte die Wache einschlafen. Es wurde dunkel. Und dann entwickelte sich die Sache doch ganz anders, als erwartet. Überall ertönten Gesänge, nein es war eigentlich ein unmusikalisches Grölen. Soldaten mit Krügen in der Hand zogen an ihr vorbei. Einer von denen steuerte auf die Wache zu. Den angebotenen Krug trank der Wachsoldat in einem Zuge aus. Aus dem Gespräch der beiden Soldaten erfuhr das Mädchen, vor der Schlacht wollten alle Soldaten noch einmal mächtigen Spaß haben. Und Spaß haben bedeutete ein Saufgelage. Weil der eine Soldat nicht mehr zurück kam, machte sich die Wache schließlich auf den Weg, bevor seine Kameraden die ganzen Weinvorräte leer getrunken hatte. Sheyla wartete eine Weile, ob der Trunkenbold zurückkam. Dann öffnete sie die Türe des Verschlages. Zur Überraschung wollten die Rekruten nicht die Flucht ergreifen, sondern den Ort aufsuchen, wo die Weinfässer lagerten.

Mit vorsichtigen Bewegungen erschien ihr Vater an der Türe des Bretterverschlags. Sein Gesicht hellte sich auf, weil er seine Tochter erkannte. Diese ergriff seine Hand und führte ihn zielstrebig zu der Stelle, wo Huzibundel wartete. Für den Luftritt nach Hause brauchten sie nur wenige Minuten. Der Marsch auf dem Hinweg des Vaters hatte fast zwei Wochen gedauert. Ob die Soldaten sein Verschwinden bemerkten war fraglich, und wenn, würden sie dafür nicht zwei Wochen zurücklaufen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.06.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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