Volker Walter Robert Buchloh

Und der Himmel lag unter ihnen

Und der Himmel lag unter ihnen.


 

von Volker Buchloh

1998


 


 

I.


 

Das quietschende Geräusch ertönte rhythmisch. Jedes mal, wenn sich der Schlitten der Kraftmaschine auf oder ab bewegte, trat es auf. Es war aber nur wahrnehmbar für denjenigen, der den Schlitten bediente. Man konnte sich davon gestört fühlen, oder auch nicht. Du musst nachher an der Rezeption Bescheid sagen, sie sollen das mal schmieren, gab sich Meik Sonnenberg selbst den Auftrag. Dabei schaute er auf seine Breitling. Es wurde Zeit. Für heute hatte er genug trainiert, seinen Körper geschunden. Er beendete die Hebeübung mittels Gewichten mit aller Wucht. Er musste noch Duschen und dann Einiges erledigen, bis er den Flieger nach Athen nehmen konnte. Die Federung der Maschine ächzte, als Sonnenberg sich von seiner Bank erhob. Sein T-Shirt zeigte auf dem Rücken ein dunkles V, welches der Schweiß hinein gezeichnet hatte. Durch diesen Schweiß konnte man seine ausgeprägte Rückenmuskulatur besonders gut sehen. Sonnenberg liebte es, seinen durch dieses Training ausgebildeten Körper zu zeigen. Aus diesem Grunde wählte er stets eine Idee zu knapp geratene Hemden. Lässig warf er das Handtuch, mit dem er sich den Schweiß von Gesicht und Nacken abgewischt hatte, über die Schulter. Er setzte sein charmantestes Lächeln auf, als er sich der Theke der Rezeption näherte. Zielsicher wandte er sich einer langhaarigen Blondinen zu. Er hätte auch dem Trainer Hagelstange von dem Quitsch-Geräusch berichten können, aber die Blondine erschien ihm dafür geeigneter.

Moni!“, säuselte er, „Lass doch bitte den Schlitten von der „Streckbank“ mal ein bisschen ölen. Das Quietschen stört mich, wenn ich an dich denken will.“ Seine Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen.

Aber sicher doch Herr Sonnenberg“, antwortete die Blonde, ohne allerdings auf die Anspielung einzugehen, „Morgen wird kein Geräusch Sie bei Ihrem Körper-work-out stören.“

Seinen Hinweis, er sei morgen leider nicht hier, überhörte sie geflissentlich.

Kann ich sonst noch etwas für sie tun?“

Sie konnte nicht. Es wäre Sonnenberg lieber gewesen, Monika hätte sich auf einen kleinen Flirt eingelassen, aber was nicht war, dass ... Sonnenbergs Blick auf die große Uhr, die im dezenten Design die Rezeption mehr schmückte, denn als Information der Zeit erscheinen ließ, erinnerte ihn daran, dass es für ihn höchste Zeit wurde. Zu viel musste er heute noch erledigen. Er duschte schneller als sonst üblich und gegen seine Regel betrat er mit feuchten Haaren die Straße vor dem Fitness-Studio. Er lenkte seine Schritte auf einen schwarzen Audi 100, den er per Funksignal aufschloss. Kurze Zeit später lenkte er den Wagen zu seinem Arbeitsplatz.

Das Schild war nicht zu übersehen. Der Firmenname war in Magenta gehalten und lautete auf >Equiptronik<. Die anderen Buchstaben in einen hellen Blau verhießen, dass es sich hierbei um eine Firma handelte, die elektronische Bauteile herstellte und vertrieb. Sonnenberg genoss es jedes Mal, diese Tafel zu lesen, wenn er an ihr vorbeifuhr. Er war stolz darauf, hier arbeiten zu dürfen. Die Firma hatte in der Branche einen guten Ruf, jedenfalls in Deutschland. Er hatte sich sofort nach seinem Elektronikstudium hier beworben. Sonnenberg war aus einer Bewerbergruppe von 32 Diplomingenieuren ausgewählt worden. Es muss als Auszeichnung gewertet werden, dass man ihm den Vorzug gegeben hatte. Er hatte ja keine Praxis vorweisen können. Das Empfehlungsschreiben seines Doktorvaters hatte diese Türen für ihn geöffnet. Sonnenberg glaubte noch heute, seine Chefs hätten diese Entscheidung nicht bereut.

Sonnenberg schritt mit gewaltigen Sätzen das Marmorportal hinauf. Er galt in der Geschäftsführung als der Sportlichste und deshalb musste er dies immer wieder unter Beweis stellen. Mit dem Fahrstuhl fuhr er in die 12. Etage. Die Türe des Aufzugs glitt lautlos zu Seite und gab den Blick frei auf eine Glaswand gigantischen Ausmaßes. In Magenta stand auch hier >Equiptronik<, nun aber von Innen lesbar. In hellem Blau darunter stand der Zusatz: >Geschäftsleitung<. Die Glastüre glitt lautlos vor Sonnenberg zur Seite. Er trat auf den mit hellem Kirschbaumholz verkleideten Schreibtisch zu. Auf diesem stand neben einer Telefonanlage nur ein Namensschild, auf dem der Name der Vorzimmerdame angekündigt wurde.

Frau Jerschke“, fragte Sonnenberg, „hat jemand nach mir gefragt?“

Diese Frage hätte bei einem fiktiven Besucher den falschen Eindruck erweckt, als frage hier ein bedeutsamer Mann. Das Gegenteil war hier der Fall. Sonnenberg hatte die Anweisung seines Chefs, jedes Mal wenn er seine Arbeit aufnahm oder in dieser Etage erschien dies zu fragen. Dadurch würde wenig Zeit verloren, wenn man ihn brauchte.

Nein!, antwortete Frau Jerschke mit freundlichem Tone. „Ich darf Sie aber an den Termin mit Herrn Dr. Weber erinnern.“ Während dieser Worte öffnete sie eine Schublade neben sich, um den Terminkalender zu ergreifen.

Als Sonnenberg nicht nur den Termin bestätigte sondern auch die Uhrzeit wusste, erstarb diese Handbewegung. Frau Jerschke war eigentlich nur den Direktoren unterstellt, so auch seinem Chef Dr. Weber. Sonnenberg selbst hatte keine Sekretärin. Aber Frau Jerschke verstand sich als das gute Herz dieser Abteilung, und so war sie auch ihm gefällig, wenn es ihre Zeit zuließ.

Sonnenberg ging auf sein Zimmer zu. Rechts neben seiner Türe befand sich ein Namensschild, welches den Eindruck der Unauffälligkeit vermittelte. Zu unauffällig, wie Sonnenberg meinte. Es hätte ruhig ein wenig auffälliger sein können. Es verriet, in diesem Zimmer arbeitete Dr. Meik Sonnenberg, Direktionsassistent, Verkauf. Er öffnete die Türe und betrat sein hell eingerichtetes Arbeitszimmer. Sein Schreibtisch war leer. Er hatte also keine zusätzlichen Arbeiten zu übernehmen. Sonnenberg stürzte sich auf seine Akten für Athen. Bis zum Gespräch mit seinem Chef hatte er noch jede Menge an Arbeit zu leisten.

Der schwarze Audi 100 wurde zügig in Richtung der Wohnung von Sonnenberg gelenkt. Noch vor Einsetzten des Berufsverkehrs galt es, zu Hause zu sein. Sonnenberg war dabei nicht vollständig mit seinen Gedanken beim Straßenverkehr. Das Gespräch mit seinem Chef Dr. Weber ging ihm nicht aus dem Kopf. An sich hätten sie beide gleich nach Athen fliegen sollen. Aber ein wichtiger Auftrag zwang Weber morgen nach London zu fliegen. Es war eine Auszeichnung für Sonnenberg, die Angelegenheit Athen alleine regeln zu dürfen. Na ja! Alleine war ein bisschen übertrieben. Er hatte Verhandlungsvollmacht für die Konzeption des Kaufvertrages, die Dr. Weber vorgegeben hatte. Das Ergebnis sollte er dann bei seiner Rückkehr aus Athen seinem Chef zur Zustimmung vorlegen. Aber es war das erste Mal, dass Weber ihn auf eigenen Füßen stehen ließ, wenn auch der Grund aus einer Zwangslage herrührte.

Der schwarze Audi bog in eine Auffahrt ein. Sie war mit großen, bunten Platten ausgelegt. An den Seitenrändern wuchsen in schmalen Beeten Rosenbüsche in gelb und rosé. Die Hupe ertönte zweimal kurz hintereinander. Sonnenberg hatte den Wagen noch nicht ganz verlassen, als ein wuscheliger Hirtenhund hinter dem Rhododendronbusch auf ihn zusprang. Er machte Anstalten, an ihm hoch zu springen. Der Mann wehrte dies mit freundlichen Worten ab. Er bückte sich, um den Hund zu streicheln. Dies war aber ein vergebliches Unterfangen, da sich dieser durch seine ständig drehenden Bewegungen diesen Liebkosungen entzog. Das Schreien eines fünfjährigen Mädchens überlagerte das Hundegebell. Sonnenberg musste einerseits den Hund abwehren und gleichzeitig den Sprung seiner Tochter Jasmin auffangen, mit der sich diese ihm entgegen warf.

Papi! Papi! Der Hermann hat beinahe die Katze von Lindströms gefressen. Mutti hatte gewaltigen Ärger. Und auf der Terrasse hat er einen großen Haufen gemacht. Den habe ich alleine weggemacht!“

Das Kind redete auf ihren Vater ein, ohne Atem holen zu müssen. Mit einer Frage versuchte Sonnenberg deshalb diesen Redeschwall zu unterbrechen:.

Wo ist Mutti?“

Aber dies war nur der Anlass zu einer weiteren Mitteilungskette was die Mutter heute so alles gemacht hatte. Innerhalb der nächsten Minute erfuhr Sonnenberg, dass sein Koffer schon gepackt war, Jasmin dabei geholfen hatte, was alles eingepackt worden war und dass Hermann sich beinahe in den offenen Koffer auf dem Bett gelegt hätte.

Helga Sonnenberg war eine zierliche Frau mit kurzgeschnittenen schwarzen Haaren. Ihre Stupsnase machte sie jünger, als sie war. Sie war wohl etwas jünger als Sonnenberg und erweckte, wie er, bei dem Betrachter einen sportlichen Eindruck. Sie küssten sich zur Begrüßung.

Du brauchst gar nichts zu sagen“, entgegnete er ihr, als sie zu sprechen anfing. „Jasmin hat mir schon alles erzählt, auch das mit der Katze von Lindströms. Hat er die wirklich geschnappt?“

Seine Frau lächelte und schüttelte dabei ihren Kopf: „Nein, nein! Es war ein missratener Versuch. Hermann ist viel zu langsam, um eine Katze zu fangen. Willst Du vor dem Flug noch etwas essen?“

Er nahm sie in den Arm, als sie zur Terrasse hinaustraten. Während sie beide zuschauten, wie einträchtig Tochter und Hund zusammen spielten.

Nein! Es gibt ja etwas im Flieger.“

Jasmin versuchte derweil den Schwanz von Hermann zu ergreifen. Doch diesem gelang es durch geschickte Körperdrehung jeden Angriff dieser Art erfolgreich abzuwehren. Das freudige Bellen verriet, wie sehr ihm dies Spaß machte. Sonnenberg hatte noch eine viertel Stunde Zeit. Er verbrachte sie mit einem Ballspiel mit seiner Tochter, derweil Hermann versuchte, den Ball zu erhaschen. Frau Sonnenberg stand auf der Terrasse und schaute diesem Treiben zu. Mit Genugtuung registrierte sie, wie gut sich die drei verstanden.

Die Fahrt zum Flughafen verlief ohne Zeitverzögerung. Hund und Tochter balgten auf dem Rücksitz, während Frau Sonnenberg ihren Mann auf dem Kurzparkplatz verabschiedete. Der Hund wollte an die Gummiente gelangen, die Jasmin ihm verweigerte. Hermann versuchte mit zarten Bissen und leckender Zuge sein Ziel der Begehrlichkeit zu bekommen. Jasmin quietschte vor Vergnügen

Komm mir gesund wieder“, sagte Helga zwischen den Abschiedsküssen.

Es ist schön, dass Du Verständnis dafür hast, weil ich so häufig verreisen muss“, antwortete er, statt ihre Frage zu beantworten.

Das haben wir beide gewusst, als du bei der Equiptronik angefangen hast. Übrigens! Ich habe mir für morgen Nachmittag Petra und Heinz eingeladen. Wir wollen quatschen.“

Petra und Heinz waren ein Paar, welches zum engeren Bekanntenkreis der Sonnenbergs gehörte. Meik nickte zustimmend und man sah ihm an, wie erleichtert er war, seine Frau nicht gänzlich allein zu Hause zu wissen. Er musste Jasmin die Gummiente abnehmen, um sich von ihr verabschieden zu können. Kaum besaß sie diese wieder, ging das Gejauchze wieder los. Das Spiel mit dem Hund war ihr wichtiger, als seine Abwesenheit. Er schlug mit sanfter Gewalt die Türe des Audis zu, winkte mit der linken Hand, während seine Rechte den kleinen Lederkoffer hielt. Er drehte sich um und war bald im Gewühl der Menschen verschwunden. Helga Sonnenberg begab sich mit Tochter und Hund auf den Heimweg.

Frau Jerschke hatte wie immer alles blendend organisiert. Der Flugschein lag am Schalter der Fluggesellschaft. Auch der Sitzplatz in der Mitte war bestellt. Seinen kleinen Koffer gab er nicht auf, das sparte Zeit beim Auschecken in Athen. Er begab sich in die Buisineslounge der Fluggesellschaft. Er trank gerade seine zweite Tasse Kaffee, da wurde sein Flug auch schon aufgerufen. Er betrat als einer der ersten die Maschine. Er setzte sich auf seinen Platz in der Mittelreihe. Hier war erfahrungsgemäß immer ein Platz rechts oder links von ihm frei. Alle Fluggäste wollten immer am Fenster sitzen. Er hatte sich vorgenommen, noch die Verhandlungen für Morgen durchzuarbeiten. Während Sonnenberg seine Unterlagen ausbreitete, hörte er, wie die Passagiere der Ökonomieklasse die Maschine betraten und geräuschvoll ihre Sitzplätze aufsuchten. Den Begrüßungsdrink, ein trockener Sekt, nahm er von der Stewardess an, dann versank er in seine Unterlagen, bis das Abendessen gereicht wurde. Das Flugzeug flog durch den nächtlichen Himmel in Richtung Athen..

Das Hotelzimmer war stilvoll eingerichtet. Frau Jerschke hatte wieder gute Vorarbeit geleistet. Während er den Betthupferl auf seinen Kopfkissen, einen Steifen Schokolade, in den Mund schob, ließ er sich mit seiner Frau verbinden.

Hast Du schon geschlafen?, war seine erste Frage.

Du weißt doch, dass ich nicht einschlafen kann, bis du angerufen hast. Wie war dein Flug?“

Sonnenberg berichtete, dass er vom Flug wegen seiner Aktenbearbeitung nichts mit bekommen habe. Er schilderte, was zum Abendessen gereicht wurde. Er erzählte von den problemlosen Einreisekontrollen, der kurzen Fahrt zum Hotel. Dann beschrieb er ihr die Einrichtung seines Zimmers. Beide wünschten sich eine gute Nacht, dann legte Sonnenberg auf. Er hatte den Eindruck, seine Frau könnte nun sorgenfrei einschlafen. Er duschte, bevor er sich ins Bett legte und schlief sofort ein.

Die Verhandlungen verliefen schwieriger, als Sonnenberg dies gedacht hätte. Er konnte sich nicht des Eindrucks entziehen, als versuchte die Gegenseite daraus Kapital zu schlagen, weil er ohne den ‘Schutz’ von Dr. Weber angereist war. Bei den privaten Gesprächen anlässlich des Mittagessens in einem typischen griechischem Restaurant schien es, als könne er diese Sache nicht alleine zum Abschluss bringen. Er wusste zwar um die Qualität der Steuerelemente seiner Firma, aber er war sich nicht sicher, ob die Griechen mit einem anderen Angebot pokerten oder nicht. Sonnenberg blieb aber bei seiner Handlungsmaxime, die er sich im Flieger erarbeitet und von Doktor Weber vorgegeben war. Er wollte 15 Prozent unterhalb der Marke abschließen, die Weber ihm vorgegeben hatte. Am Nachmittag war immer noch keine Einigung in Sicht. Seine Verhandlungspartner verließen häufig den Raum und schauten ständig auf die Uhr. Zwar fühlte Sonnenberg sich unter Druck gesetzt, aber er gab in der Sache nicht nach. Hinter seinem Rücken vernahm er schon das Wort ‘Abbruch’. Dies bestärkte ihn in seiner Position, denn wenn man das Wort so gebrauchte, dass er es verstehen konnte, dann war dies Strategie. Als Information hätten seine Verhandlungspartner dies auch auf griechisch sagen können, was er sicherlich nicht verstanden hätte. Die Sonne begann schon an Strahlungsintensität zu verlieren, als Sonnenberg ein Arten gleiches aber preiswerteres Bauteil in die Diskussion brachte, dafür aber eine höhere Losgröße verlangte. Der Service von Equiptronik wurde dabei erweiternd angeboten. Als die Sonne anzeigte, dass sich ihre heutige Reise dem Ende näherte, wurde man handelseinig. Für Sonnenberg war dies ein voller Erfolg, denn er hatte die Marge von Weber um sieben Prozent unterschritten.

Eigentlich war Sonnenberg nach dieser Marathonverhandlung erschöpft. Er wollte sich auf sein Hotelzimmer zurückziehen, um sich zu erholen, ehe er morgen Vormittag den Flieger zurück nach Düsseldorf nehmen würde. Aber seine Geschäftspartner bestanden darauf, den Abschluss gebührend zu feiern. Es ging ja schließlich um die künftige Zusammenarbeit mit Equiptronik. Sie ließen ihm nur Zeit, sich frisch zu machen und einige Telefongespräche zu führen. Er hinterließ auf dem Anrufbeantworter von Dr. Weber eine Kurzfassung seines Geschäftsabschlusses. Dann erreichte er seine Frau. Auch dieser berichtete er von seinem Erfolg. Auch mit Jasmin musste er sprechen. Diese hatte ihre Schlafenszeit nach hinten gedrückt, weil sie ja mit Papi telefonieren wollte. Sonnenberg erfuhr auf diese Weise, Hermann habe der Katze von Lindströms den Schwanz abgebissen, beinahe jedenfalls. Auch Heinz wollte mit ihm sprechen, um ihm mitzuteilen, dass er sich keine Sorgen um Helga zu machen brauchte. Er und Petra würden sich schon um sie kümmern. Helga und Petra hatten vor, ins Kino zu gehen, während Heinz über Jasmins Schlaf wachte.

In dem griechischen Lokal war die Hölle los. Der Lärmpegel war so laut, wie die Stimmung ausgelassen war. Das mehrgängige Essen war schmackhaft und fremd zugleich. Sonnenberg kannte zwar die griechische Küche, aber seine Gastgeber hatten es sich zum Ziel gesetzt, ihm etwas Besonderes zu bieten. Zwischen den einzelnen Gängen wurde ausgiebig getrunken und sich unterhalten. Es wurde sogar zwischendurch getanzt. Auch eine Griechin mit streng nach hinten gekämmten Haaren forderte Sonnenberg auf. Sie war keine Schönheit, aber doch ein bestechender Typ. Sie sprach fließend Deutsch und hieß Alissa. Alissa behauptete, mehrere Jahre in Erkelenz gearbeitet zu haben. Wegen ihres kranken Vaters habe sie aber wieder nach Athen zurück gemusst. Die Ablenkung verscheuchte die Müdigkeit, die Sonnenberg bislang in seinen Gliedern verspürte. Die Zeit verging wie im Fluge. Sonnenberg hatte genau so reichlich getrunken, wie er gegessen hatte. Die Griechin wich nun nicht mehr von seiner Seite. Ihre Tänze wurden immer vertrauter und ihre Bemerkungen ließen kaum einen Zweifel, dass sie an ihm stark interessiert war. Sonnenberg war dies in Anwesenheit seiner Geschäftspartner peinlich, mit dieser Frau das Lokal zu verlassen. Für diese schien dies aber die natürlichste Sache der Welt zu sein. Die richtige Mischung von Geschäft und Vergnügen. Dies erweckte seinen Argwohn. Er glaubte, wenn er mit dieser Frau das Lokal verlassen würde, auch wenn danach nichts geschehen würde, wäre er bei späteren Verhandlungen erpressbar. Vielleicht war dieser Kontakt auch von seinen Geschäftsfreunden initiiert. Aus diesem Grunde machte er keinerlei Anstalten, als es zum Aufbruch kam, mit Alissa verschwinden zu wollen. Statt dessen legte er Wert darauf, sich mit einem Taxi ins Hotel bringen zu lassen, in der sich auch einige seiner Geschäftspartner befördern ließen. Nur Alissa befand sich nicht darin.

Die Hotellobby war menschenleer. Die Ruhe, die hier herrschte war erholsam. Er war aber von den Körperkontakten Alissas so erregt, dass er sich nicht sofort ins Bett legen konnte. Sonnenberg beschloss, noch einen Absacker in der Hotelbar zu sich zu nehmen. Hier befand sich kein Mensch. Die Bedienung erfolgte durch den Nachtportier außerhalb der Bar. Nachdem ihm dieser einen doppelten Cognac und ein Schüsselchen mit Cashewnüssen hingestellt hatte, verschwand dieser wieder zu seiner Rezeption. Sonnenberg war nun ganz alleine und konnte so seinen Gedanken nachhängen. Er dachte an seine Frau, welche Bedeutung sie in seinem Leben einnahm, an Jasmin, die er weniger sah, als ihm lieb war. Der Gedanke an Hermann zauberte ein Lächeln auf seine Lippen, als er sich vor Augen führte, wie dieser schwerfällig hinter der Katze von Sörströms her war. Er dachte an Equiptronik, wie wichtig ihm diese Arbeit war und wie gerne er sie ausfüllte. Dann wanderten seine Gedanken zu dem heutigen Abschluss. Nicht nur er war mit dem Resultat zufrieden, sondern auch Dr. Weber konnte damit zufrieden sein. Vielleicht bedeutete dies, dass er künftig eigenverantwortlicher eingesetzt wurde. Zu dem Hochgefühl seiner Selbsteinschätzung gehörte auch seine Selbstkontrolle gegenüber Alissa. Er hätte sie haben können, wenn er es gewollt hätte. Dabei genoss er, wie sich sein Penis in seiner Hose verstärkte und ein Gefühl von Geilheit seinen Körper durchströmte.

Haben Sie Feuer für mich?“ Die Frauenstimmen riss ihn aus seinen Gedanken und ließ ihn zusammenzuzucken. „Haben Sie keine Angst, ich will nur Feuer von ihnen.“

Vor ihm stand eine Rothaarige mit einem kecken Gesichtsausdruck. Erst jetzt merkte Sonnenberg, dass die Unterhaltung in Englisch geführt wurde. Da er selbst fließend Englisch sprechen musste, antwortete er.

"Oh nein! Ich habe keine Angst. Ich war nur in Gedanken versunken.“ Während er dies sprach, griff er in seine Jackentasche und gab ihr Feuer. „Was macht denn eine junge Frau um diese Zeit alleine in einem Hotel? Es fiel ihm nicht anderes ein, um die Peinlichkeit der Situation zu überbrücken. Gleichzeitig blickte er instinktiv auf seine Armbanduhr. Diese verriet ihm, es war kurz nach drei.

Die Rothaarige überspielte die Situation, in dem sie berichtete, was sie heute Abend gemacht hatte. Ihr Mann hatte sich nicht gut gefühlt und sich deshalb früh zu Bett zu begeben. Sie hatte sich daraufhin ein Taxi genommen und in die Stadt fahren lassen. Dort sei aber nichts los gewesen. Sonnenberg glaubte ihren Ausführungen nicht so ganz. Zum einen war es dafür, dass „nichts los war“ reichlich spät geworden, zum anderen hatte sie unverkennbar eine Fahne. Sie hatte also recht ausgiebig getrunken.

Trinken Sie mit mir noch einen Absacker?“, fragte sie freundlich.

Gerne“, antwortete er. „Wir haben nur keinen Barkeeper. Ich hole den Portier.“

Die Rothaarige nickte zustimmend und zündete sich eine neu Zigarette an .

Sonnenberg machte sich auf den Weg, fand aber den Portier trotz längeren Suchens nicht. So beschloss er ergebnislos, wieder die Bar aufzusuchen. Das Hotel schien ein Ort des Tiefschlafs zu sein. Seine Zechgenossin hatte in der Zwischenzeit nicht nur sein Glas ausgetrunken, sondern hinter dem Tresen eine Flasche Cognac hervorgeholt.

Kommen Sie her“, rief sie ihm entgegen. „Ich gebe einen aus.“ Dabei goss sie beide Gläser so voll, als gäbe es keinen Eichstrich.

Sonnenberg erzählte von seinem vergeblichen Versuch, den Nachtportier aufzutreiben. Aber dies interessierte sein Gegenüber in keiner Weise. Statt dessen erzählte sie von ihren Erlebnissen des heutigen Abends. Sonnenberg erkannte bald, was sie mit „nichts los“ gemeint hatte. Griechische Casanovas waren nicht ihr Fall und Europäer, unter die sie wohl die nördlichen Bewohner der EU verstand, hatten ihren Weg nicht gekreuzt. Sonnenberg stellte schnell fest, wie trinkfest diese Dame war. Er hatte kaum die Hälfte seines Glases geleert, da hatte sie mit einigen gekonnten Schlücken das ihre ausgetrunken. Sie selbst schenkte dann stets nach. Seines wurde auf den anfänglichen Stand nachgefüllt, ihres neu nachgegossen. Der Nachtportier musste sie vergessen haben. Er hatte sich wohl hingelegt, denn er tauchte nicht mehr auf. Sonnenberg konnte schließlich sein Gähnen nicht mehr unterdrücken.

Keine Kondition?“, hörte er sie sagen. „Sie müssen mich aber vorher noch zu meinem Zimmer bringen.“ Sie leerte ihr Glas erneut. Ohne seine Antwort abzuwarten hakte sie sich bei ihm ein und schmiegte sich an ihn.

Sonnenberg merkte an ihrem Gang, dass sie mehr getrunken hatten als ihr guttat. Er konnte aber ein Schwanken meistens abfangen. Sie machte dabei deutlich, er sei derjenige, welcher schwankte und sie diejenige, die ihn richtig führte. Im Hintergrund vernahm er einige Schritte, aber sie waren weiter entfernt. Das Hotel schien menschenleer. Der Aufzug kam schnell und sie nannte ihm die Etage ihres Zimmers. Der Aufzug ruckelte an. Dies brachte sie ins Schwanken. Sie suchte das Gleichgewicht und griff nach ihm. Sonnenberg hielt sie notgedrungen fest. Ihre Hände lösten sich aber nicht von seinem Körper. Sie hielt ihn erkennbar fest. Ihre Körper suchten einander die Nähe. Er wusste nicht, wie es geschah, aber plötzlich küssten sie sich. Seine Hand fuhr in ihren Ausschnitt oberhalb des BH´s. Der Hautkontakt elektrisierte ihn. Er drückte den Busen leicht zusammen und merkte, wie ihre Brustwarzen hart wurden. Ihre Hand glitt zu seinem Schritt und machte die selben greifenden Bewegungen wie die seinen. Er löste sich vom den Brüsten. Beide Hände begannen, das Kleid nach oben zu ziehen. Er fühlte die nackte Haut ihres Hintern. Die Rothaarige drückte ihren Unterleib gegen seinen Schoß und begann, sich langsam hin und her zu bewegen. Sonnenberg hatte gerade begonnen, ihren Slip nach unten zu ziehen, als der Aufzug hielt. Ein Blitz in der Aufzugkabine hätte sie nicht schneller auseinander getrieben, als dieses Halten. Die Rothaarige fuhr instinktiv mit ihren Händen über ihr Kleid um wenigstens ein bisschen Ordnung in ihre zerknautschte Garderobe zu bringen. Sonnenberg fuhr mit beiden Händen durch sein Haar, um auch hier Struktur auf seinem Kopf zu schaffen. Aber diese Täuschungsmanöver waren überflüssig. Vor dem Aufzug befand sich kein Mensch. So als wäre nichts zwischen ihnen gewesen sagte die Rothaarige.

Ich habe noch Durst. Hast Du noch etwas in deinem Kühlschrank? Dann brauchen wir meinen Mann nicht zu wecken.“

Sonnenberg konnte nur nicken. Seine Stimme versagte. Die Erektion bereitete ihm Beschwerden zu laufen. Die Aufzugtüre öffnete sich sofort. Sie fuhren noch zwei Etagen höher, ohne weitere Worte zu wechseln. Kaum hatte er die Türe seines Zimmers aufgeschlossen, als sie begann, sich auszukleiden. Er wusste nachher nicht mehr, wie er es geschafft hatte, sie ins Zimmer zu ziehen, sich auszuziehen, dabei den Weg zum Bett zurückzulegen. Als sie auf das Bett fielen, waren sie unbekleidet. Sie schliefen so lange zusammen, wie ihre Begierde dies erforderte. Sonnenberg konnte nachher nicht mehr sagen wie oft dies gewesen war. Nach dem sie sich angezogen hatte und wortlos, aber mit einem Lächeln das Zimmer verlassen hatte, stellte Sonnenberg den Wecker. Bevor er einschlief fiel ihm auf, er kannte ihren Namen überhaupt nicht.


 


 

II.


 

Das Schrillen des Weckers brachte Sonnenberg vom Traum in die Realität zurück. Er war alleine. Seine Bekanntschaft musste wohl irgendwann das Zimmer verlassen haben. Er stand mit gemischten Gefühlen auf. Einerseits hatte er ein schlechtes Gewissen seiner Frau gegenüber. So offenkundig hatte er sie noch nie betrogen. Andererseits war ihm eine solche Situation noch nicht widerfahren. Eine Nacht, wie die letzte, hatte er bislang noch nie erlebt. Er war erstaunt über seine Potenz. So kannte er sich gar nicht. Das Gefühl von Selbstsicherheit durchfuhr ihn. Der geschäftliche Abschluss und das Erlebnis dieser Nacht gehörten zusammen. Der Erfolgreiche hat auch Erfolg bei Frauen, redete er sich ein. Mit diesem Glücksgefühl frühstückte er, verließ er das Hotel, begab sich zum Flughafen und checkte sich ein.

Auf dem Rückflug musste er nicht arbeiten. Aus diesem Grunde ließ er sich einen Fensterplatz geben. Sonnenberg hatte in der VIP-Lounch mehrere Tassen Kaffee getrunken, da forderte der Lautsprecher zum Betreten des Fliegers auf. Sonnenberg hatte gerade den Kontrollpunkt des Durchlasses erreicht, als er von hinten grob angerempelt wurde. Ohne ein Wort der Entschuldigung zu sagen, stürmte ein dunkelhaariger Mann mit einem Bordkoffer, über dem ein Mantel hing, an ihm vorbei. Das Bordcase traf ihn dabei schmerzlich in den Nieren. Sonnenberg holte Luft und wollte gerade dem unhöflichen Patron hinterher brüllen, dass er ein dummes Schwein sei. Er solle sich in acht nehmen, sonst gebe es etwas auf die Nase. Da traf sein Blick die Stewardess, welche die Bordkarten kontrollierte. Sie schaute ihn so an, als ob sie sagen wollte: Ja! Ja! Man kann sich seine Zeitgenossen nun mal nicht aussuchen. Als er zu ihr trat lächelte sie.

Der hat es aber eilig! Ich muss mich bei Ihnen für diesen Vorgang entschuldigen.“

Der Ärger in Sonnenberg verebbte schlagartig. Er feixte: „Vielleicht will er den vorhergehenden Flieger noch erreichen."

Aber die Stewardess lächelte ihn nur an und wendete sich dem nächsten Passagier zu, um ihm die Bordkarte abzureißen. Sonnenberg begab sich in den kleineren aber abgeschotteten Businessbereich des Fliegers. Er liebte es, hier eine Sonderbehandlung zu erfahren. Die Sitze ließen mehr Beinfreiheit zu und waren bequemer. Solch ein Flug, den stets seine Firma bezahlte, war für ihn ein Statussymbol seiner Stellung bei Equiptronik. Der Zeitgenosse, der vorne am Einlass keine Zeit gehabt hatte, befand sich auch in diesem Teil des Flugzeugs. Er war damit beschäftigt, sein Handgepäck zu verstauen. Es fiel Sonnenberg auf, wie penibel er dies machte. In ihm wuchs wieder die alte Wut hoch. Eigentlich sollte ich ihn ansprechen und für seine Unverschämtheit zur Rechenschaft ziehen, fuhr es ihm durch den Kopf. Dann verwarf er diesen Gedanken. Der Fremde drehte sich in diesem Moment um. Zum ersten male sah Sonnenberg in das Gesicht, dass er in seinem Leben nie mehr würde vergessen können. Es war vermutlich ein Südeuropäer, wie seine Gesichtszüge sofort verrieten. Das Haar war sportlich geschnitten. Der Anzug verlieh ihm eine elegante Erscheinung. Es waren die Augen oder der Blick, die Sonnenberg veranlassten, nichts zu sagen. Sie waren unangenehm, unbeugsam. Sie vermittelten den Eindruck, dieser Mensch war von seinem Handeln überzeugt. Er dulde keinerlei Widerspruch. Ein Gespräch mit diesem Menschen hätte nicht gebracht, außer neuen Ärger. Und auf den hatte Sonnenberg bei seiner ausgezeichneten Gefühlslage keine Lust. Er nahm den Fensterplatz ein und beobachtete, wie die anderen Passagiere in das Flugzeug drängten. Es war interessant zu beobachten, wie sie ins Flugzeug drängten, als könne jemand keinen Platz bekommen und müsse deshalb im Flughafen verbleiben.

Die 747 startete pünktlich. Er wusste, dass ihn seine Frau am Flughafen abholen würde. Er würde sie überraschen und mit ihr bei ‘Franco’ lecker Essen gehen. Dann wollte er noch einmal kurz in die Firma, um aufgetretene Fragen abzuklären. Den späten Nachmittag wollte er sich - wenn nichts dazwischen kam - frei nehmen. Die 747 bewegte sich langsam rückwärts aus ihrer Parkbucht und suchte ihren verschlungenen Weg zur Startposition. Das Wetter in Athen war sonnig. Es versprach gute Sichtverhältnisse während des Fluges. Sonnenberg beobachtete das Treiben auf dem Außengelände des Flughafens. Seine Augen folgten den farbigen Linien, die Straßen symbolisieren sollten. Einige Versorgungsfahrzeuge schienen sich daran zu halten, andere nicht. Sonnenberg konnte an ihrer Funktion nicht erkennen, wer sich an die Markierungen halten musste, wer nicht. Während das Flugsteig-Gebäude immer kleiner wurde, nahm die Zahl der Flugzeuge zu, die außerhalb parkten oder parken sollten. Er wunderte sich, wie viel Fluggesellschaften es gab, die ihm unbekannt waren. Sein Flieger stockte etwas in seiner Bewegung. Langsam drehte er sich um seine linke Achse. Sie hatten die Startbahn erreicht. Der Pilot wartete auf die Starterlaubnis des Towers. Was nun folgte, war für Sonnenberg der schönste Moment des Fliegens. Das Flugzeug beschleunigte. Die Kraft des Anfahrens drückte einen gegen die Rückenlehne des Sitzes. Die Landschaft huschte an den Luken des Fahrzeugs vorbei. Nur entfernt liegende Gebäude oder Dinge blieben für das Auge sichtbar. Das Naheliegende wurde durch die Geschwindigkeit konturlos verwischt. Sonnenberg hatte einmal nach der Höhe dieser Geschwindigkeit gefragt. Man hatte ihm geantwortet, es wären so an die vierhundert Stundenkilometer. Ich fahre jetzt schneller als Schumacher, fuhr es ihm durch den Kopf. Und abheben kann der auch nicht. Der Ruck, der nach oben ging, erschütterte das gesamte Flugzeug, dann hatte man das Gefühl, als fiele man ins Leere. Der Koloss aus Metall und Menschen hatte den Kontakt zum Boden aufgegeben. Er hatte abgehoben. Sie flogen. Das Bild draußen änderte sich schlagartig. Hatte man während des Startvorgangs noch das Gefühl, die Innenwelt des Flugzeugs und die Außenwelt befänden sich in gleichem Maßstab, so änderte sich dieser fortlaufend zu Ungunsten der Außenwelt. Dort wurde alles kleiner, unscheinbarer. Der Gedanke von einer Puppenküche entstand in Sonnenbergs Kopf. Aber das Abbildungsverhältnis nahm draußen weiter ab. Aus der Puppenküchenperspektive formte sich das Bild eines Ameisenstaates. Wie unter einem Verkleinerungsglas erschien die Stadt vor seinen Augen. Das Flugzeug legte sich gewaltig in eine Rechtskurve. Sonnenberg konnte auf einmal nur den blauen Himmel sehen. Sein Blick schnellte zu den Fenstern der anderen Seite. Er hatte den Eindruck, als fiele das Flugzeug auf die Stadt. Das Flugzeug stabilisierte seine Lage. Während Sonnenbergs Blick wieder zu seinem Fenster schwang, sah er den Rüpel vom Einchecken. Ihm fiel auf, mit welcher Anspannung dieser auf seinem Platz verharrte. Zuerst glaubte Sonnenberg, dieser habe Flugangst. Als er aber in dessen Augen schaute glaubte er eine andere Anspannung zu erkennen. Es schien, als müsse dieser gleich den Piloten ablösen. Komisch!, dachte Sonnenberg. Aber das Geschehen unterhalb seines Fensters zog ihn schnell wieder in seinen Bann. Der Hafen Piräus tauchte am unteren Fensterrand auf. Glücklicherweise hatte man heute eine gute Sicht. Sonnenberg streckte seinen Hals, um mehr von diesem Bereich zu sehen. Die Inselwelt des Saronischen Golfs schob sich in das Fenster. Sonnenberg genoss diese Aussicht. Wenn er üblicherweise flog, dann war es meist Nacht, oder er musste sich in seine Unterlagen vertiefen. Heute war alles anders. Und dann noch diese freie Sicht. Er fühlte sich befreit. In der Ferne tauchte die Küstenkontur des Peloponnes auf. Seine anfänglich grauen Linien gewannen zunehmend an Farbe. Die formlosen Flächen lösten sich mehr und mehr auf und ließen eine Stadt entstehen. Korinth. Sie würden also über den Golf von Korinth und Golf von Patras fliegen.

In der Kabine entstand Unruhe. Die ersten vertraten ihre Beine. Der Kapitän hatte wohl das Rauchen und das Abschnallen frei gegeben. Die Stewardess reichte die ersten Getränke. Auf einmal waren mehrere Ausländer im Business-Bereich. Sie standen in einer kleinen Gruppe zusammen. Wahrscheinlich gehörten sie zusammen. Sonnenberg konnte nicht verstehen, was sie sprachen. Es interessierte ihn auch nicht. Der Rüpel vom Einchecken war unter ihnen. Er führte wohl das große Wort. Die anderen hörten andächtig zu. Sonnenberg wandte sich Angenehmerem zu, als den Erinnerungen an das Verhalten des Rüpels.

Das wild zerklüftete Hochland von Arkadien war im Fenster aufgetaucht. Er hatte den Eindruck, als blättere jemand vor seinen Augen einen Bilderbogen ab, den er begutachten sollte. Sonnenberg versuchte Gebäude und Straßen ausfindig zu machen. Einige Linien konnte er nicht entschlüsseln. Waren diese vom Menschen angelegt, oder von der Natur gezeichnet? Die Landschaft von Patras wurde durch das Fenster gezogen. Bald würden sie zum Ionischen Meer kommen. Dann ging es nordwärts nach Italien. Die Maschine kippt nach links ab. „Der Autopilot schlägt eine alternative Richtung ein“, dachte Sonnenberg. Aber die Linkskurve dauerte so lange, dass man den Eindruck hatte, als ginge es zurück. Der Peloponnes tauchte wieder im Flugzeugfenster auf. Der Pilot hat bestimmt sein Bordcase auf dem Flughafen vergessen, feixte Sonnenberg mit sich selbst.

Das Signal sich anzuschnallen und das Rauchen einzustellen leuchtete auf, begleitet mit einen metallenen Geräusch. Komisch, fuhr es Sonnenberg durch den Kopf, bei diesem Wetter kann es doch keine Turbulenzen geben. Er kam widerwillig der Aufforderung nach und schnallte sich an. Die Suche nach einer möglichen Erklärung wurde ihm abgenommen.

Sehr verehrte Damen und Herren! Hier spricht der Kapitän.“

Sonnenberg verstand diese Ankündigung in Englisch ohne Probleme. Ach du je!, dachte er, jetzt kommt dieser ganze Quatsch mit der Begrüßung, den Flugdaten und der Wetterankündigung. Er hörte deshalb nur mit geringem Interesse den Ausführungen zu. Sein Blick suchte Schiffe in der Weite des Ozeans. Er war so unkonzentriert auf die Ansage, dass er den ersten Teil nicht mitbekam.

... befindet sich unser Flugzeug in der Hand von einigen Personen.“

Eine Frostwelle ließ seinen Körper erstarren. Hier geschah etwas Außergewöhnliches.

Der Kapitän sprach weiter, sehr ruhig und gefasst: „Bitte bleiben Sie auf Ihren Plätzen sitzen und bewahren Sie Ruhe. Ich bitte Sie ausdrücklich, bleiben Sie besonnen. Man hat mir versichert, dass für Sie keinerlei Gefahr besteht. Die Herren haben mir gegenüber politische Gründe geltend gemacht. Man hat mir nahegelegt, die Flugrichtung zu ändern. Wenn ich genaueres weiß, dann werde ich Sie darüber unterri ...“ Die Durchsage endete abrupt, als wäre sie abgeschnitten worden.

Konnte man bislang im Hintergrund immer ein gewisses Murmeln hören, so war es schlagartig im ganzen Flugzeug still. Was außen vor dem Flugzeug geschah, wurde auf einmal uninteressant. Sonnenberg fiel auf, dass das Bordpersonal verschwunden schien. Statt dessen liefen einige Ausländer mit Waffen durch die Gänge. Sonnenberg glaubte, einen vorher bei dieser Gruppenbesprechung gesehen zu haben. Richtig! Der Rüpel von heute Morgen trug nun auch eine Waffe. Er gab leise, kurze Anweisungen. Dies verriet Sonnenberg, er müsse der neue Chef an Bord sein.

Die Lautsprecheranlage des Flugzeugs wurde wieder eingeschaltet. Es war aber nicht die Stimme des Kapitäns. Diese hier war ungeübt. Sie stotterte. Seine englischen Worte kamen zudem holpernd und der Satzbau war fehlerhaft. Nach einigen Worten war Sonnenberg klar, es musste einer der Entführer sein. Die Stimme forderte alle Passagiere auf, Ruhe zu bewahren und auf den Plätzen zu bleiben. Den Anweisungen sollte man unbedingt folgen. Der Rüpel blieb nun in der Businessklasse. Ausländer mit Pistolen in den Händen erschienen vor ihm, erstatteten im Flüsterton kurz Bericht. In der gleichen Lautstärke bekamen sie Anweisungen vom Rüpel. Dann verschwanden sie im Laufschritt wieder. Die Situation hatte etwas Gespenstisches. Sonnenberg hatte das Gefühl, als befände er sich in einem Film, vergleichbar seinen Erlebnissen, als er aus dem Fenster die Landschaft unter ihm beobachtete. Neugierig verfolgte er deshalb das Geschehen so, als ob er im Grunde nicht betroffen war. In der Tat, es war offensichtlich, der Rüpel führte das Wort und leitete die Entführung. Sonnenberg musste zugeben, dass er seinen Job beherrschte. Es gab kein Zögern, keine Unsicherheit. Ein Wort von ihm und die anderen flitzten.

Der Stotterer meldete sich wieder über das Mikrofon. Alle Passagiere wurde aufgefordert, den Kopf auf die Knie zu legen und die Hände in den Nacken zu legen. Als würde ihn dies alles nichts angehen, schaute Sonnenberg sich um. Einige der Passagiere waren der Aufforderung nachgekommen, die meisten nicht. Es war nicht erkennbar, ob diese sich der Anweisung widersetzten, oder ob sie den Stotterer einfach nicht verstanden hatten. Die Bewaffneten begannen, wo sie gerade standen, die Köpfe der Passagiere nach vorne zu beugen. Sie unterstützten dies mit zischenden Worten, die Sonnenberg aber nicht verstand. Einer der Entführer fiel Sonnenberg sofort auf. Dieser hatte sich nahezu eine Glatze rasieren lassen. Er trug ein beiges T-Shirt. Darüber hatte er eine ärmellose Weste gezogen, die vielfältige Taschen hatte. In allen Schlaufen steckten Patronen. Unter dem T-Shirt waren gewaltige Muskeln zu erkennen. Bei seiner Größe von ein Meter siebzig sah er nicht nur martialisch aus, er wollte wohl auch so erscheinen. Sonnenberg beobachtete, wie dieser Rambo verschnitt einigen Passagieren den Kopf auf die Knie drückte und deren Hände in den Nacken zog. Er hatte diese Prozedur schon bei einigen gemacht, als sich einer derjenigen wieder aufrichtete, den er vorher in die gewünschte Lage gepresst hatte. Mit einem Schrei sprang der Glatzkopf wie eine Katze auf diesen zu. Mit einem gezielten Schlag traf die Pistole die Partie zischen den Schultern. Der Schmerzensschrei musste im ganzen Flugzeug zu hören sein, so durchdringend war er zu hören. Der Mann senkte sofort seinen Kopf. Auf einmal gab es keinerlei Verständigungsschwierigkeiten mehr. Sonnenberg wusste nicht, ob er Lächelns sollte. Wie bei einem Domino-Effekt verschwanden alle Köpfe. Rambo schaute sich um. Sein Blick fiel auf Sonnenberg. Rambo machte Anstalten ihm die gleiche Behandlung widerfahren zu lassen, da tauchte er blitzschnell auch unter. Sonnenberg sah nur noch seine Knie und schloss seine Augen, als er die Hände in seinen Nacken legte.

Die Dunkelheit und die Ruhe störten ihn. Er bekam nichts mehr mit, was im Flugzeug so alles ablief. Er fühlte sich isoliert. Das ist das, was die Entführer wollten, fuhr es durch seinen Kopf. Er hörte Geräusche von leisen Stimmen, die er wiederum nicht verstand. Da waren Laute von hastigen Schritten, die er nicht zuordnen konnte. Sonnenberg öffnete seine Augen und schaute zum Fenster. Sein Kopf lag zu tief. Außer einer blauen Fläche konnte er nichts erkennen. Vorsichtig bewegte er seinen Kopf nach rechts. Er konnte nur die Köpfe seines Nachbarn sehen. Er schob seinen Oberkörper langsam nach vorne. Nun konnte er auch den Kopf des dritten Sitznachbarn sehen, der in seiner Bankreihe saß. Er hatte die Augen geschlossen, seine Hände zitterten, während sie im Nacken lagen.

Die Körperhaltung wurde langsam unangenehm. Die Muskeln begannen, sich zu verkrampfen. Sonnenberg glaubte zuerst, das Murmeln käme von den Entführern. Plötzlich ertönte ein Wort. Man konnte es nicht verstehen, aber es war so laut, so aggressiv, so böse. Es wurde trotzdem von allen verstanden, die es hören konnten. Das Gemurmel erstarb schlagartig. Je schmerzhafter die Muskeln auf diese Zwangslage reagierten, um so mehr begriff Sonnenberg, dass er nicht Beobachter einer Entführung war sondern Objekt. Er saß nicht in seinem Fernsehsessel und hatte die Freiheit aufzustehen, wann er es wollte. Hier war er Opfer, fremd bestimmt. Er versuchte, seine Muskeln so weit zu entspannen wie es ging. Er verlagerte das Gewicht in seine Armen und Beinen. Er dehnte seinen Oberkörper nach vorne und zog ihn zurück. Er wollte gerade seine linke Hand auf den Boden sinken lassen, als er in seinem Augenwinkel den Schatten einer Gestalt vorbei gehen sah. Instinktiv wollte er hinschauen. Dann zuckte der Gedanke Schmerz durch seinen Kopf. Sofort gab er dieses Vorhaben auf. Wieder ertönte ein gellender Schrei, der in ein Wimmern über ging, dann aber letztendlich verstummte. Einer musste sich wieder aufgerichtet haben. Vor Sonnenberg Augen tauchten einige Sequenzen des Klassikers „Ben Hur“ auf. Die Galeerenszene. Er brauchte zwar hier nicht zu rudern, aber die Muskeln taten ihm genau so weh. In seiner Nähe wurde auf einmal gesprochen. Er konnte nicht verstehen, was gesprochen wurde. Dies waren zweifellos die Entführer. Er vernahm schabende Geräusche, Geräusche von Werkzeugen. Etwas wurde mehrmals ab geknipst. „Die schneiden sich doch nicht die Haare?“, versuchte er sich aufzuheitern. Die neuen Besitzer des Flugzeugs arbeiteten. Ein Klebeband wurde abgerollt und geräuschvoll abgerissen. Dann kehrte Ruhe ein. Warten!

Sonnenberg glaubte nach einiger Zeit, die Entführer seien nun an einer anderen Stelle beschäftigt. Dies bot doch die Möglichkeit sich ein bisschen umzusehen. Langsam hob er den Kopf. Vorsichtig schaute er nach rechts. Er konnte nun auf die gesamte Reihe bis zum Fenster auf der anderen Seite schauen. Bislang war ihn gar nicht aufgefallen, wie wenige Passagiere sich in der Businessklasse befanden. Millimeterweise hob er den Kopf. Höher, immer etwas höher. In seinem Sichtfeld tauchten nun mehrere Sitzreihen auf. Von den Entführern war nichts zu sehen. Der Wunsch breitete sich in seinem Kopf aus, sich nur einmal zu strecken, sich nur einmal kurz lang zu machen. Dann könnte man ja wieder ... Vor seinen Augen stand auf einmal Rambo. Es war so unerwartet, dass er zu keiner Bewegung fähig war. Er merkte den Schlag mit der Waffe, unmittelbar nach der Berührung. Der Hieb auf die verhärteten Muskeln war besonders schmerzhaft. Er selbst hörte seinen Schrei nicht, der durch das Flugzeug hallte, so sehr breitete sich dieser Schmerz in seinem Oberkörper aus und nahm ihm den Verstand. Sonnenberg war noch niemals in seinem Leben ohnmächtig gewesen. Nun begriff er zu ersten Male, was es bedeuten könnte, ohnmächtig zu werden. Es war schwarz vor seinen Augen. Er wusste nicht, ob er sie geöffnet hatte oder geschlossen hielt. Erst, als sich das Muster seiner Hose als immer schärferes Bild breitmachte, wusste er, dass er nicht mal die Zeit gehabt hatte, die Augen zu schließen. Der Speichel aus seinem Mund drang in den Stoff und seine Haut meldete ihm, dass sie durchgedrungen war.

Sonnenberg wusste nicht mehr, wie lange er in dieser unnatürlichen Haltung ausgeharrt hatte. Die Angst, noch einmal solche Schmerzen ertragen zu müssen, ließ die Muskelverspannungen vergessen. In dem Maße, wie der Schmerz nachließ, kamen seine Lebensgeister wieder. Er begann damit, den Konturen seiner Schuhe zu folgen. Dann spielte er mit den Linien des Teppichmusters. Er versuchte, sich selbst Regeln bei dem Nachzeichnen dieser Konturen vorzugeben. Auch die Nabenstruktur des Leders vom Sitz seines Vordermanns war höchst interessant und konnte somit Gegenstand eingehender Betrachtungen sein, interessanter jedenfalls, als noch einmal einen solchen Hieb versetzt zu bekommen.

Die Worte, die auf einmal ertönten, waren wie eine Wohltat. Abwechslung in dieser Stille, dieses Nichtstun. Sie gehörten zu den Entführern. Sonnenberg verstand zwar ihren Sinn nicht, aber es war offenkundig, es handelte sich um Befehle. Sonnenberg dachte aber nicht im entferntesten daran, den Kopf zu heben. Zu den unbekannten Worten gesellten sich englische. Der Aussprache nach schien es der Stotterer zu sein. Aber diese Worte kamen nicht über die Lautsprecheranlage, sondern wurden so ausgesprochen. „Aufstehen!“ und „Gehen“ waren nun deutlich zu verstehen. Sie wurden häufig wiederholt. Auch Stimmen, die offensichtlich des Englischen noch weniger mächtig waren, sprachen diese Worte aus. Man hatte den Eindruck, als verstünden sie nicht, was sie sagten. Sonnenberg dachte nicht im entferntesten daran, seinen Kopf zu heben. Zu schmerzhaft war dies bei seinem ersten Versuch geahndet worden. Erst als seine beiden rechten Nachbarn aus den Sesseln gezogen wurden, hob auch er instinktiv den Kopf. Die Businessklasse war halb geräumt. Drei der Entführer standen so platziert, dass alle Passagiere nur einen Weg hatten diesen Teil des Flugzeugs zu verlassen. Die Waffen wurden drohend bewegt. Sie wiesen die Richtung, in die man gehen sollte. Sonnenberg fiel auf, dass nun jeder der Entführer an einer Kette um den Hals einen kleinen schwarzen Kasten trug. An diesem viel auf, dass er nur einen großen roten Knopf hatte. Sonnenberg konnte damit nichts anfangen. Ihm dämmerte es allerdings, als er seine Sitzreihe verließ und im Gang einen Schritt vorwärts machte. Die Sprengladung war mit einem Textilband an der Wand befestigt worden. Dies mussten die Arbeitsgeräusche gewesen sein, die er gehört hatte. Ein rüder Stoß in den Rücken war die Antwort auf sein Stocken. Sonnenberg trat durch die Türöffnung. Vor ihm befand sich ein kleiner Raum, welcher der Flugbegleitung für ihre Arbeit diente. Hinter den Türen der Einbauküche befanden sich wohl die rollbaren Schränke für das Essen und Trinken der Passagiere. Aber Sonnenberg hatte keinen Hunger. Danach stand ihm der Sinn nicht.

Langsam betrat er durch den Vorhang den großen Raum der Ökonomieklasse, die der Billigflieger, wie Sonnenberg sie immer verächtlich nannte. Der Anblick war gespenstisch. Der ganze Raum schien leer. An drei Stellen standen Männer, die zweifellos zu den Flugzeugentführern gehörten. Sie trugen auch einen Sender um den Hals, hatten ihre Waffen aber eingesteckt. Sie hielten die Situation also nicht für bedrohlich. Nach einigen Schritten sah Sonnenberg, dass die meisten Sitze besetzt waren. Ihre Besitzer hatten genau wie er vorhin den Kopf auf den Knien liegen und die Hände im Nacken. Kein Mucks war zu hören.

Setzen!“, kommandierte der Stotterer in Sonnenbergs Rücken. „Setzen!“

Die vor ihm gehenden Passagiere setzten sich wortlos in die freien Plätze, an denen sie vorbeikamen. Dann senkten sie ihren Kopf und legten die Hände in den Nacken. Sonnenberg konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, als habe ein Teil von ihnen die Behandlung erfahren, die ihm widerfahren war. Nun war er dran, sich ebenfalls einen Sitzplatz zu suchen, denn sein Vordermann hatte den seinen gefunden und begann bereits, die befohlene Sitzhaltung einzunehmen. Die nächsten Reihen waren alle besetzt. Hinter sich vernahm er wieder die Stimme des Stotterers, der eindringlich

Setzen!“

befahl. In der Mittelreihe, die aus vier Sitzreihen bestand, war ein Platz frei. Allerdings befand sich dieser auf der zweiten Stelle. Die Frau, die den Sitz am Gang inne hatte, machte Anstalten, damit Sonnenberg trotz ihrer Haltung vorbeigehen konnte. Er wusste nicht warum. Aber eine inneres Gefühl warnte ihn, diesen Platz einzunehmen. So stellte er sich begriffsstutzig und drückte mit seinen Beinen gegen den Körper der Frau. Die Stimme des Stotterers war ungeduldig. Ungeduldig und stereotyp befahl er:

Setzen! Setzen!“, so als würden die Angesprochenen es immer wieder vergessen, wenn er dies nicht wiederhole.

Die Frau an seinen Knien gab ihren Widerstand auf. Sie erhob sich schüchtern und rückte einen Platz auf. So konnte Sonnenberg den Sitz am Gang einnehmen. Bedachtsam nahm er die bückende Stellung wieder ein.

Man weiß ja nicht, wie lange diese Übung noch dauerte" flüsterte er zu seiner Nachbarin.

Nun hatte er aber ein ausgedehnteres Blickfeld als an seinem Fensterplatz. Er konnte einen Teil des Ganges hinunter schauen. Der Blickwinkel in die andere Richtung des Ganges war eingeschränkter. Sonnenberg hatte nun die Gewissheit seine Situation besser kontrollieren zu können. Das Nahen der Entführer konnte nun nicht mehr so überraschend erfolgen. Sein Selbstbewusstsein kehrte zurück, zwar nur zögerlich, aber es kam.

Die Maschine neigte sich auf einmal nach rechts. Dies geschah so unerwartet, so überraschend, dass Sonnenberg beinahe auf den Gang geflogen wäre. Aber die Seitenlehne fing ihn auf. Er hatte einige Flugerfahrung. Dabei verzogen sich seine Lippen zu einem schüchternen Lächeln. Flugerfahrung könnte ja auch bedeuten, er säße vorne bei den Piloten, aber mit denen wollte er im Moment bestimmt nicht tauschen. Gerade diese Flugerfahrung sagte ihm aber, so eine Richtungsänderung war ihm noch nie vorgekommen. Der Kapitän war also gezwungen worden, Befehlen ohne Rücksichtnahme auf die Passagiere nachzukommen. Etwas Gutes hatte dieser abrupte Richtungswechsel allerdings. Alle Passagiere waren nicht nur in ihrer Gleichgewichtslage gestört und durch den Richtungswechsel so verunsichert, dass sie sich wie ein Mann aufrichteten. Auch die Bewacher waren von dieser Richtungsänderung nicht informiert worden. Sie hatten selbst Schwierigkeiten, auf den Beinen stehen zu können. Und weil alle Passagiere die nicht erlaubte senkrechte Sitzhaltung auf einmal einnahmen, waren sie im Moment machtlos, die vorhergehende Sitzhaltung weiter zu erzwingen. Sonnenberg konnte nun diesen Teil der Maschine überblicken. Es befanden sich vier Entführer in der Ökonomieklasse. Sie hielten sich mit der rechten Hand alle an den Gepäckfächern fest, als erwarteten sie einen weiteren Richtungswechsel des Flugzeugs. Keiner hatte aber eine Waffe in den Händen. Noch nicht? Einen erkannte Sonnenberg sofort wieder. Es war Rambo. Sonnenberg hatte den Eindruck, als schaute er nicht mehr so martialisch drein. Er schien etwas verunsichert. Auf der unteren Seite seines Ganges stand das Gegenteil von Rambo. Kleiner, schmächtiger, aber drahtiger, als der Muskelprotz. Er hatte im Gegensatz zu diesem längere Haare, die bis auf den Hemdkragen reichten. Ihr öliger Zustand erweckte den Eindruck, als klebten diese zusammen. Er drehte sich in diesem Moment in Sonnenbergs Richtung. So konnte er auch dessen Gesicht sehen. Er trug einen Schnauzer, der so lang war, dass er die Oberlippe fast verdeckte. Sonnenberg war sofort klar, warum dieser den Bart trug. Seine Lippen liefen spitz zu. Er sah aus wie eine Ratte. Der enge Abstand seiner Augen verstärkte diesen Eindruck. Sonnenberg konnte sich vorstellen, man hatte ihn mit diesem Tiervergleich häufig aufgezogen. Deshalb hatte er sich diesen Lippenbart zugelegt.

Sein Auge schweifte weiter umher. Alle Passagiere in diesem Raum saßen aufrecht und genossen diese Haltung. Wer weiß, wie lange man noch so entspannt sitzen durfte. Die unnatürliche Position hatte aber ihre Wirkung erzielt. Alle Passagiere, denen er in die Augen schauen konnte, waren eingeschüchtert. Keiner sprach. Auch die, welche sich kannten, tauschten sich nicht aus. Vielleicht brauchten die Entführer deshalb ihre Waffen nicht zu zücken. Sonnenberg versuchte, sich zu konzentrieren. Erstens: Der plötzliche Richtungswechsel war ein Hinweis darauf, dass die Entführer ein bestimmtes Ziel nun anflogen. Sie standen also mit einer Stelle in Verbindung, die mit ihnen verhandelte, zu mindestens sprach, oder von denen sie Befehle empfingen. Zweitens: Der Richtungswechsel hatte aber auch gezeigt, dass die Kommunikation zwischen den Entführern nicht reibungslos lief. Die Spitze der Entführer handelte, ohne dem Fußvolk von ihren Entschlüssen Mitteilung zu machen. Drittens: Das Flugzeug war in der Gewalt der Entführer. Der Gedanke an Gewalt veranlasste Sonnenberg, seine Gedanken in eine andere Richtung zu bewegen. Er beobachtete Rambo nun genauer. Seine Muskelmasse war enorm und beeindruckend. Er war zweifellos gut trainiert. Aber nachdem Sonnenberg ihn eine Weile beobachtet hatte, glaubte er doch, dass er einen unbewaffneten Rambo ziemlich schnell auf die Bretter schicken würde. Er hatte aufgepumpte Muskeln, nicht durch Training gestärkt. Sein Blick wechselte zu Ratte. Sie war zweifellos zäh, hinterhältig. Hier durfte man sich nicht täuschen. Aber Sonnenberg glaubte doch, der Ratte mit einem gezielten Schlag ins Gesicht das Genick brechen zu können. Der Gedanke, er Sonnenberg könne diese Flugzeugentführung beenden, keimte in ihm auf. Sein Blick suchte die beiden anderen Entführer. „Man muss nur den Gegner richtig abschätzen, ehe man ihn vernichten kann, murmelte er.“ Diese beiden standen aber weiter weg als Rambo und Ratte, waren also schlechter einzuschätzen. Aber Sonnenberg versuchte es dennoch. Vorsicht, zuckte es durch sein Gehirn, keiner durfte von seinen Beobachtungen merken. Der hinten rechts im Gang des Flugzeugs stand, fiel auf wegen seiner Größe. Richtig, er war länger als Ratte. Er hatte aber sonst nichts auffallendes. Seine Muskeln entsprachen seiner Figur. Er wirkte etwas asketisch. Latte trug ebenfalls kurze, gelockte Haare, war aber bartlos. Seine Gesichtszüge waren wegen der Entfernung nicht genau auszumachen. Auch Latte, so seine Einschätzung, könnte vielleicht eine Minute gegen ihn bestehen, länger nicht. Ein Glücksgefühl durchströmte ihn. Es zeigte sich doch als richtig, dass er gegen die Unterstützung seiner Frau im Athletik Club trainierte. „Mucki-Bude“ nannte sie es verächtlich. Wenn er nun von dieser Entführung zurückkehrte, würde sie anders darüber denken.

Sonnenberg setzte sein Inspektion weiter fort. „Man muss seinen Gegner kennen, wenn man ihn erfolgreich bekämpfen will“, wiederholte er sich selbst. Die Nummer Vier, am linken hinteren Teil des Raumes wirkte noch schmächtiger, als Ratte. Die Kleidung war größer gewählt, als die Figur dies erforderte. Dadurch wurde der Körper in seiner Kontur verwischt. Auffallend war jedoch die Farbabstimmung der Kleidung. Das Muster des Hemdes war gewagt, aber geschmackvoll. Die uni Hose passte genau dazu, ebenso die Weste wie Hemd und Hose. Sie gab dem Outfit der Person sogar eine sportliche Note. Diese Entführer wusste sich im Gegensatz zu den anderen zu kleiden. Sonnenberg wollte diesem Entführer gerade den Namen Dandy verpassen, da blickte dieser anhaltend in seine Richtung. Die Gesichtszüge waren, was man aus dieser Entfernung zweifelsfrei sehen konnte, sehr zart geschnitten. Ein schwuler Flugzeugentführer? Das wäre ein Gag, zotete Sonnenberg. Wenn man den schminken würde, dann sähe der aus wie eine Frau. Nein! Das kann doch nicht wahr sein! Sonnenberg weigerte, sich diesen Gedanken weiter zu denken. Aber je mehr Gegenargumente er suchte, um so mehr Gründe fand er für seine Befürchtung. In der Tat. Er war der einzige von den Entführern, der eine Mütze trug. Es war eine Baseball-Kappe mit nach hinten gedrehtem Schirm, wie die Jugend ihn heute so trägt. Der Schirm war aber kleiner als üblich, deshalb hatte Sonnenberg die Kappe übersehen. Die Mütze hatte aber nur eine Aufgabe, die langen Haare aufzunehmen. Dieser Mann war eine Frau. Eine Amazone waren bei der Flugzeugentführung beteiligt. Mit dieser Erkenntnis war für Sonnenberg die Analyse dieser Gegner abgeschlossen. Eine Frau konnte für ihn kein Gegner sein.

Der Rüpel hatte die Ökonomieklasse betreten, während Sonnenberg die Person Amazone enträtselt hatte. Er sprach kurz mit Ratte und verließ den Raum wieder. Ratte selbst rief den anderen etwas in der Sprache zu, die Sonnenberg nicht verstand. Das Fußvolk ist endlich informiert worden, mutmaßte er. Wollte er seinen Gedanken in die Tat umsetzen, dann musste er Verbündete haben. Vorsichtig schaute er nach rechts und links. Die Frau neben ihm konnte man vergessen. Sie war zu schüchtern. Auf der anderen Seite des Ganges saß in seiner Reihe ein junger Mann mit einem Bart, wie ihn Fidel Castro trug. Nur war dieser rot. „Fragen könnte man ihn, wenn die Gelegenheit dies zuließ“, murmelte er. Eine Sitzreihe davor saß eine Frau am Gang. Uninteressant. Auch davor saß eine Frau. Sonnenberg wendete vorsichtig den Blick in den hinteren Teil des Ganges. Hinter dem Rauschebart saß ein fettleibiger Mann mittleren Alters. Schon wie der schwitzte und sich nervös durch das Gesicht und Nacken fuhr, besagte alles. Seinen Vordermann konnte Sonnenberg nicht genau sehen, um ihn einschätzen zu müssen. Wer direkt hinter ihm saß, das wagte er nicht festzustellen. Dazu hätte er sich zu weit aus seinem Sessel hinauslehnen müssen. Zu auffallend. Er ärgerte sich, weil er beim Hinsetzen darauf hätte achten können. Er hatte daran aber nicht gedacht. Die Analyse seiner Umgebung war also nicht sehr erfolgversprechend. Abwarten war die Devise. „Mal sehen, was sich noch entwickelt. Sonnenberg lehnte sich wohlig in seinen Sessel und entspannte die Rückenmuskulatur.

In der Nähe von Latte wurde es auf einmal unruhig. Eine Stimme ertönte, dann mehrere. Latte zog seine Waffe aus dem Hosenbund und richtete sie auf die Störer. Sofort verstummten alle. Nach einiger Zeit ertönte eine Stimme schüchtern aber doch vernehmbar laut in Englisch: „Toilette bitte! Toilette bitte!“ Hier und dort schlossen sich einige weitere Stimmen dieser Bitte an. Alle vier Entführer zeigten nun ihre Waffe, als drohte ein Aufstand der Passagiere. Rambo rief etwas unverständliches laut durch das Flugzeug. Sofort kehrte wieder Ruhe ein. Auch Sonnenberg merkte nun, dass sein Körper das Bedürfnis verspürte, den getrunkenen Sekt loszuwerden. Mit dem Gedanken daran wurde das Gefühl immer unangenehmer. Leises Weinen war nun zu vernehmen. Der Ruf „Toilette Bitte!“ ertönte erneut, nur zaghafter. Sonnenberg schloss sich dieser Gruppe an. Wieder kamen unverständliche aber drohende Worte aus den Lippen von Rambo. Dabei fuchtelte wild mit der Waffe herum. In dem Vorhang zur Businessklasse tauchte eine weitere Person auf. Sie hatte eine Stirnglatze und runde Backen. „Was ist ?“, fragte er auf Englisch. Es war der Stotterer. Ratte sprach etwas mit ihm. Dann wandte er sich einigen Passagieren in seiner Nähe zu. Sonnenberg konnte aber nicht verstehen, was gesprochen wurde. Der Stotterer verschwand und eine Zeitlang geschah nichts. Dann meldete er sich über den Bordlautsprecher. Man dürfe einzeln zur Toilette. Man müsse sich melden. Und man dürfe nicht abschließen. Das mit dem sich melden zu müssen war ein Flop, denn kaum hoben diejenigen, die den Stotterer verstanden hatten die Hand, da hob sie jeder. Es schien so, als wäre die Ökonomieklasse zu einem großen Klassenzimmer geworden, welches sich auf eine Lehrerfrage hin meldete. Die vier Bewacher gingen also dazu über, die Passagiere reihenweise ihre Notdurft nachkommen zu lassen. Zwar befanden sich sechs Toiletten in der Ökonomieklasse - hinten zwei mal zwei und vorne einmal zwei - aber dieser Ansturm dauerte doch sehr lange. War einer der Passagiere fertig, so wurde der nächste mit der Waffe heran gewunden. Alles geschah ohne Wortwechsel. Dadurch wurde diese Toilettenaktion zu einem Akt der Kuriosität. Zu dieser Kuriosität kam eine Peinlichkeit hinzu. Rambo, der hinten an den beiden Toiletten stand, hatte ein besonderes Verständnis vom „nicht abschließen“, wie es der Stotterer gefordert hatte. Er stellte vor allem bei den Damen seinen rechten Fuß in die Türe und schaute ihnen ungeniert zu. Auch die Herren wurden nicht verschont, bei offener Türe ihren Geschäften nachzukommen. Welche Beweggründe für Rambo dabei eine Rolle spielten, war nicht zu erkennen. Aber er erreichte auf diese Weise eine Beschleunigung der Besuchsfrequenz seiner Toiletten.

Sonnenberg hatte schon durch das zu lange Anhalten des Wasserabschlagens Bauchschmerzen. Schließlich war ihm die Beobachtung seiner Umwelt vollkommen egal. Er wollte nur, diese Schmerzen sollten aufhören. Längst hatte er die Beobachtung des Ablaufs eingestellt und aufgehört, die Zeit der einzelnen Besuchsfrequenzen zu stoppen. Jetzt zählte er nur noch die Anzahl der vor ihm drankommenden Sitze. Nach einigen Minuten des Wartens war er aber wiederum verunsichert, ob die von ihm vorhin festgestellte Zahl auch die Richtige sei. Sie war es. Aber nachdem einige vor ihm den Toilettenaufenthalt absolviert hatten, zählte er erneut, um sich dann wieder durch mehrere Kontrollzählungen davon zu überzeugen, dass er doch richtig gezählt hatte. Je weniger die Sitzplätze zwischen ihm und dem Toilettenbesuch waren, um so langsamer verging die Zeit. Sonnenberg glaubte schon nicht mehr an sich halten zu können, so hämmerte der Wunsch sich von seinen Exkrementen zu befreien in seinen Schläfen, da galt das Winken der Waffe von Ratte ihm. Schwerfällig stand er auf. Jeder Schritt schmerzte. Aber es war dennoch ein eigenartiges Gefühl, nach dieser langen Sitzperiode sich endlich einmal bewegen zu dürfen. Als er die Hose herunter streifte, um sich auf die Keramik zu setzen, war es ihm vollkommen egal, ob irgend jemand etwas davon mitbekam, was er machte. Erleichterung machte sich in seinem Gehirn breit. Er hatte das Gefühl auszulaufen, wie ein abgenutzter Eimer.

Sonnenberg hatte immer geglaubt, eine Flugzeugentführung sei für die Betroffenen eine langweilige Angelegenheit. Es wäre ihn ja nie in den Sinn gekommen, einmal selbst davon betroffen zu sein. Auf seine Entführer traft dies aber wohl nicht zu. Sie ließen sich wohl immer noch etwas Neues einfallen. Kaum hatte die Ökonomieklasse ihren Toilettengang beendet, wurde das Gepäck kontrolliert. Eingeleitet wurde diese Maßnahme durch den Stotterer. Er kündigte diese Kontrolle über seinen Lautsprecher an und befahl, die Reisedokumente vorzuzeigen. Die Entführer hatten dazu ihre Position in der Ökonomieklasse geändert. Rambo führte die Kontrolle durch. Ratte stand daneben mit gezogener Pistole. Mit ihr drohte und dirigierte er zugleich. Im anderen Gang hatten Amazone und Latte auch ihre Waffen aus dem Hosenbund genommen und hielten sie schussbereit. Sonnenberg glaubte, nun müsse man Geld, Uhr und Diamanten abgeben. Er überlegte, welche Wertsachen er mitführte. Der Koffer befand sich ja in der Businessklasse. Also kamen nur die Sachen infrage, die er am Leibe trug. Seine Armbanduhr, ein Geschenk seiner Frau zu Weihnachten, fiel ihm zuerst ein. Dann waren da noch einige Kreditkarten. Sein Bargeld schätzte er auf unter dreihundert Mark. Bis auf die Uhr konnte er auf alles leicht verzichten. Er ertappte sich dabei, wie er das Armband der Uhr zu öffnen begann, um diese in der Jackentasche verschwinden zu lassen. Da fiel sei Blick auf die weiße Haut, die durch die abgelegte Uhr an seinem Handgelenk aufleuchtete. Sonnenberg fluchte leise. Das würde auch dem Dümmsten auffallen, dass er seine Uhr irgendwo versteckt hatte. Also gab er dieses Vorhaben auf. Statt dessen überlegte er fieberhaft, welche Reichtümer er noch mit sich führte. Ihm fiel aber nichts ein. Er konnte also gelassen warten, bis er an der Reihe war.

Die Gepäck- und Personalkontrolle war langwierig, zugleich aber auch kurzweilig. Es war interessant, was die einzelnen so mit sich führten. Hier gab es durchaus Amüsantes zu sehen. Sonnenberg erkannte Handtücher und Kulturtaschen. Als ob die hier übernachten wollten. Er lachte innerlich, bis ihn einfiel, dass er ja gar nicht wusste, wie lange diese Entführung überhaupt dauern würde. Er schaute auf die Uhr. Eigentlich müsste die 747 in einer Stunde in Düsseldorf landen. Seine Frau würde bestimmt gleich losfahren, um ihn abzuholen. Er bedauerte, dass er es ihr nicht ersparen konnte. Sie würde sicherlich einen Schreck bekommen. Oder war sie bereits durch die Fluggesellschaft oder die Polizei informiert worden? Diese Entführung musste doch schon in Düsseldorf längst bekannt sein. Sonnenberg wurde aus seinen Gedanken gerissen. Einer der Passagiere wurde von Ratte aus dem Raum geführt. Rambo hatte derweil die Gepäckkontrolle unterbrochen und auch seine Pistole gezogen. Erst, als Ratte zurückkehrte, setzte er das Durchwühlen des Gepäcks fort. Ratte und Rambo hatten das Gepäck von einigen Passagieren durchsucht, da wurde es hinter dem Vorhang zur Businessklasse laut. Alle schauten gespannt auf den Vorhang. Nichts geschah, nur die Stimmen wurden noch aggressiver. Sonnenberg glaubte, die Stimme vom Stotterer zu hören, war sich aber nicht sicher. Auf einmal beulte sich der Vorhang auf. Der Stotterer erschien. Hinter sich zog er den Passagier am Kragen herein. Mit rotem Kopf brüllte er den Passagieren der ersten Reihe auf der Fensterseite irgend etwas zu. Als diese ihn nicht verstanden, ließ er von seinem Opfer ab, setzte dem außen sitzenden Passagier die Pistole an den Kopf und zog ihn von seinem Sitz. Dieser begriff nun, was von ihm gefordert wurde und sprang wie ein Reh in den Gang. Die beiden übrigen Passagiere der Sitzreihe schnellten auch so schnell hoch, dass es eine lustige Einlage gewesen wäre, wäre die Situation nicht so gefährlich gewesen. Ohne auf lange Erklärungen zu warten, suchten sie sich einen freien Platz. In der Zwischenzeit zog der Stotterer den anderen Passagier an der Kleidung und nötigte ihn, sich auf den freien Fensterplatz zu setzen. Die Durchsuchung wurde wieder aufgenommen. Sie hatte bei den wenigen Vorgängen an Bord einen gewissen Unterhaltungswert.

Einige Reihen vor Sonnenberg wurde nach einer Personenkontrolle wieder ein Mitreisender mit Waffengewalt aus dem Raum geführt. Das Ritual war das gleiche. Man konnte sich aber nicht des Eindrucks erwehren, als mache es diesem Zeitgenossen Spaß. Unverständlich! Die Inaugenscheinnahme des Handgepäcks wurde wieder aufgenommen. Hin und wieder wurden Gegenstände von Rambo herausgenommen. Ratte steckte diese in einer seiner vielen Taschen. Gab es dabei auch nur den kleinsten Widerstand, dann wurde dieser mit dem Einsatz der Waffe sofort im Keime erstickt. Rücksicht wurde nicht genommen. Reichte die Drohung mit der Waffe nicht aus, wurde mit Schlägen nachgeholfen. Nach einiger Zeit erschien der Spaßvogel wieder. Er ging lockeren Fußes, ohne dass man ihn drängen musste. Er nahm den Platz neben dem ersten ohne Widerspruch ein. Je näher der das Gepäck inspizierende Rambo mit Ratte kam, um so mulmiger wurde es in Sonnenbergs Magen. Er hatte kein gutes Gefühl, wenn er sich auch nichts vorzuwerfen hatte. Bei dem Mann, der in der Reihe vor Sonnenberg saß, gab es auch Probleme. So weit wie Sonnenberg es verstand wurde ihm vorgeworfen das Handy in seiner Jacke benutzt zu haben. Sonnenberg wurde kreidebleich. „Mist!“ Auch er hatte ein Handy. Es war allerdings in seiner Reisetasche. Er deponierte es dort immer, weil es verboten war an Bord zu telefonieren. Außerdem empfand er es als unbequem, dieses immer bei sich zu führen. Aus diesen Gründen hatte er es stets stumm geschaltet und in den Koffer gelegt. Sein Vordermann lamentiert laut und weinerlich zugleich. Er schwor bei allem was ihm wohl heilig war, nicht telefoniert zu haben. Ratte nahm ihm das Handy schließlich ab. Er durfte sitzenbleiben.

Sonnenberg schluckte, als er an die Reihe kam. Sein Gepäck konnte ja nicht untersucht werden. Ein kurzer Hinweis auf seinen Wechsel von der Business- in die Ökonomieklasse genügte. Sonnenberg fiel ein Stein vom Herzen. Da Rambo offensichtlich nicht nach Wertsachen sondern nach Kommunikationsmittel suchte, war für Sonnenberg die Angelegenheit fast beendet. Nur noch die Kontrolle seines Ausweises. In dieser Situation tat er was Falsches. Er atmete tief durch und ein Lächeln erschien auf seinen Lippen, als er Rambo seine Papiere zeigte. Es ist nicht zu sagen, was den Ausschlag machte. War es, dass Leute, die bei Kontrollen lächeln, meist etwas zu verbergen haben. Oder sollten Unterwürfige im Angesicht ihrer Peiniger kein Selbstbewusstsein zeigen. Sei es, wie es ist. Kaum hatte Rambo die Seite mit dem Foto aufgeschlagen, hielt er Sonnenberg die Mündung seiner Waffe vor die Stirn. Der Zorn hatte seine Gesichtsfarbe verdunkelt. Speichel, der beim Ausstoßen zischender Worte austrat, traf ihn im Gesicht. Sonnenberg hatte so was schon häufiger im Film gesehen. Es war ihm deshalb nicht fremd. Aber als sich die Mündung der Waffe in seine Stirn drückte, wusste er nicht was schlimmer war: der bohrende Schmerz oder der Herzschlag, der an den Seiten seines Halses pulsierte. Rambo schrie irgend etwas, weil Sonnenberg keine Reaktion zeigte. Er war bewegungslos. Diese Situation war neu in seinem Leben. Er war aber von seiner Unschuld überzeugt und er konnte dies nicht erklären, geschweige denn beweisen, wie Rambo dies wohl forderte. „Das kann doch alles nur ein Missverständnis sein. Gleich würde es sich aufklären. Rambo hielt ihn für einen Verstockten, der ihn auf den Arm nahm. Er griff nach der Krawatte seines Gegenübers. Langsam drehte er den Stoff nach links, um Spannung in das Material zu bringen. Dann zog ihn unsanft auf den Gang hinaus Sonnenberg folgte, weil er sonst keine Luft bekommen konnte. Rambo lockerte etwas den Griff, da er die Situation unter Kontrolle wähnte. Bei den ersten beiden Fällen hatte Ratte den Passagier in die Businessklasse geführt. Bei ihm nahm Rambo aber nicht die Pistole von seiner Stirn. Er zog Sonnenberg nach vorne, als habe er einen gesuchten Schwerverbrecher erwischt. Sonnenberg wurde grob durch den Vorhang gedrückt. Die Dunkelheit in diesem Vorraum blendete ihn. In den Augenwinkeln erblickte er die Gestalt einer Stewardess. Sie hantierte mit Geschirr in der kleinen Bordküche. Der Durchgang zur Businessklasse hin war nicht durch einen Vorhang versperrt. In seiner ehemaligen Klasse sah es aus, wie auf einem Schlachtfeld. Alles war durchsucht worden und lag in einer Ecke. Auf den Tischen in der Nähe des Vorhangs standen Speisen und Getränke herum. Die Entführer hatten sich bestens von den Stewardessen bedienen lassen. Dosen und Essensreste, die auf den Boden gefallen waren, waren unter die Sitze getreten worden. Es roch nach dem Rauch starker Zigarren. Ein kurzer Blick sagte Sonnenberg, sie hatten sein Handy schon gefunden. Aber es war nicht das, was sie wohl von ihm wollten. In wichtigtuerischer Pose stand Rambo vor Rüpel. Die Waffe hatte er wohl schon wieder eingesteckt. Nur die Krawatte von Sonnenberg ließ er nicht los. Nein er schüttelte ihn hin und her, wie man eine Dose Farbe durchschüttelt, bevor man sie verstreicht. Der Rüpel antworte irgend etwas. Der Ton erzwang Gehorsam. Daraufhin stellte Rambo seinen Handsport ein und verließ murrend den Raum. Sonnenberg blieb benommen stehen. Er wollte sich gerade beschweren - zumindest glaubte er in dieser Situation noch an einen Erfolg, als Rüpel ihn ruhig aber bestimmt ansprach.

Du Imperialist! Du Amerikaner!“ Es war keine Frage sondern die Aussage einer unumstößlichen Wahrheit. Ein Widerspruch kam gar nicht infrage.

Sonnenberg fiel aus allen Wolken. Er hatte mit allen gerechnet, aber damit nicht. Fassungslos schüttelte er nur den Kopf. Sein Gegenüber verstand dies aber wohl als eine erwartete Ausrede. „Du scheiß Imperialist! Du scheiß Amerikaner!“

Sonnenberg atmete tief durch. Er wollte durch die Sauerstoffzufuhr sein Denken anregen. Seine Gedanken überschlugen sich. Er begriff nicht, was ihm geschah. Nur mühsam konnte er Ordnung in seine Gedanken bringen. Da fiel ihm das Naheliegende ein.

Ich bin Deutscher!“, antwortete er. „Dies steht doch in meinem Pass. Bitte schauen Sie doch rein.“ Sein Satz beruhigte ihn.

Er glaubte, die Angelegenheit sei damit aus der Welt geschafft. Er hatte sich noch gar nicht entspannt, da fauchte ihm Rüpel an.

Fälschung! Du Amerikaner-Schwein!“

Sonnenbergs Herz beschloss, seine Schlagzahl zu erhöhen. „Sie sind verrückt! Die Papiere sind echt ...“

Diese Wortwahl war ein weiterer Fehler. Der Stotterer ließ Sonnenberg nicht ausreden. Ohne Warnung trat er ihm mit aller Kraft gegen sein rechtes Schienbein. Die Bewegung war so heftig, dass der Kasten an seinem Halse kräftig hin und her schwang. Sonnenberg brach zusammen, während ein Schrei seine Kehle verließ. Glaubte er am Boden nun seine Ruhe vor weiteren solcher Attacken zu bekommen, so sah er sich getäuscht. Jemand packte ihn mit hartem Griff in seine Haare und zog ihn nach oben. Er glaubte, noch nie in seinem Leben, sich mit den Schmerzen im Bein so schnell erhoben zu haben, wie in diesem Moment. Sein Gesicht befand sich nun genau vor dem des Rüpels.

Wenn Du mich noch einmal als verrückt bezeichnen, bricht dein erster Knochen.“ Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, schlug er mit seiner Stirn auf Sonnenberg Nase. Meik merkte, wie das Blut über seine Lippe lief und bei den Mundwinkeln über die Backen abtropfte.

Das ist doch alles nicht wahr. Meik, du träumst.“ Dieser Gedanke setzte sich in seinem Schädel fest, aber es fiel ihm nicht ein, wie er aus diesem Traum erwachen konnte.

Der Stotterer rüttelte an seiner Schulter „Hör zu, wenn wir mit dir reden.“

Sonnenberg hatte wirklich nicht hingehört.

Dein Name Meik. Meik sein Name amerikanisch“, dozierte er altklug.

Sonnenberg überlegte fieberhaft, wie er diesen Vorwurf entkräften konnte. Doch alles was ihm einfiel war ein gehauchtes: „Doch!“

Du stur“, schrie der Stotterer ihn an. „Am besten Geständnis machen.“ Sonnenberg konnte nicht zugeben, was er nicht war.

Vor allem das Wort „Imperialist und „Amerikaner-Schwein“ ließen nicht Gutes erwarten. Es war fatal, jetzt dem Druck nachzugeben, um aus der Sache ohne Schmerzen zu kommen. Vielmehr lag auf der Hand, eine Zustimmung hätte weitere Schmerzen zur Folge. Er blieb also bei seiner Wahrheit und stammelte kläglich.

Doch, ich bin Deutscher.“ Nachgiebigkeit, Unterwürfigkeit signalisiert durch seine Stimme schien ihm ein besserer Ausweg.

Aber die folgenden Worte des Stotterers zeigten ihm, er kam aus dieser Falle nicht heraus. „Du lügen! Amerikaner immer lügen.“

Das konnte doch nicht endlos so weitergehen, dachte Sonnenberg verzweifelt. Behauptung - Gegenbehauptung. Soll das den ganzen Flug so dauern?

Da kam der Zufall Sonnenberg zu Hilfe. Aus einer Türe, die zum Cockpit führte, kam ein weiter Mann. Sonnenberg hatte diesen bisher noch nicht gesehen. Wenn auch Sonnenberg wieder nicht verstand, was gesprochen wurde, so war es doch offensichtlich, der Neue war in Panik. Seine Stimme überschlug sich. Er musste wohl wiederholen, was er meinte. Der Rüpel sprang auf und verschwand Richtung Cockpit. Der Neue eilte hinterher. An Sonnenberg bestand kein Interesse mehr. Jedenfalls im Moment nicht. Er war verunsichert. Sollte er zurück zu seinem aktuellen Platz gehen, oder hier bleiben? Beides konnte falsch sein. Er setzte sich auf eines der freien Sitzplätze.

Nach einiger Zeit erschien der Entführer wieder. Der Stotterer fasste Sonnenberg unsanft an die Schulter.

Amerikaner komm“, forderte er ihn auf.

Sonnenberg humpelte so schnell es ihm möglich war hinter dem Stotterer her. Das Schienbein schmerzte. Er wollte dem Stotterer nicht noch einmal Gelegenheit geben, ihn zu treten oder sonst irgendwie Schmerzen zuzuführen. Sie erreichten die Ökonomieklasse. Sonnenberg musste sich auf den freien Platz vorne rechts am Vorhang auf den Sitz am Gang hinsetzen. Jetzt wusste er, wer oder was die beiden Passagiere waren, die man nach dem Verhör dort hingesetzt hatte. Er befand sich nun unter Amerikanern.

Jetzt erst hatte er Zeit, den Gesundheitszustand seines Körpers zu untersuchen. Die Nase schmerzte, war aber nicht gebrochen. Das Blut war inzwischen geronnen. Es begann unter seinen Tastversuchen auf seine Hose zu krümeln. Vorsichtig tastete er mit dem Händen über Lippe und Wangen. Glück im Unglück? Dann krempelte er vorsichtig das Hosenbein hoch. Die Stelle, wo ihn der Fuß des Stotterers getroffen hatte war inzwischen angeschwollen. An einer kleinen Stelle war die Haut aufgerissen. Es würde ein blauer Fleck werden. Er hatte auch hier Glück gehabt. Sonnenberg konnte nun sein Interesse auf seiner Situation richten. Er überlegte krampfhaft, wie er sich aus dieser misslichen Lage befreien konnte. Wie konnte er nachweisen, Deutscher zu sein? Im Flugzeug kannte ihn keiner und Zuhause würde dieser Rüpel bestimmt nicht anrufen. Da meldete sich der Stotterer über die Lautsprecheranlage. Die unverständlichen Sätze waren wohl Informationen an seine Kumpel. Dann folgten englische Brocken. Diese waren wohl für die Passagiere bestimmt. Der Kommandoton ließ aber keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit seines Willens.

Fenster verdunkeln! Kopf auf Knie!“

Die Leute, die seine englisch gehaltenen Anweisungen verstanden zogen sofort das Rollo herunter. Die, welche wohl des Englischen nicht mächtig waren, folgten in einer zweiten Welle. Im Flugzeug wurde es dunkel. Die Stimmung an Bord sank auf den Nullpunkt. Die Angst der Passagiere vor den Entführern steigerte sich noch mehr.


 


 

III.


 

Das Flugzeug kippte nach vorne ab - unerwartet, ohne eine Vorankündigung. Der Höhenverlust signalisierte dem Gleichgewichtsorgan du bist nun leichter. Einige Passagiere schrien. Auch Sonnenberg musste sich zusammennehmen. Das Gefühl war mehr als mulmig. Weil die Sinkgeschwindigkeit aber nicht zunahm und andauerte, war es Sonnenberg klar, es konnte sich nur um einen dramatischen Anflug auf den Flughafen handeln. Die Entführer wollten wohl Druck auf ihre Verhandlungspartner erzeugen. Auch die Entführer schrien nun. Dies geschah aber nicht aus Angst, wohl aber um die Schreier zur Ruhe zu zwingen. So richtig hatte keiner bei diesem freien Fall den Kopf nach unten gesenkt. Sie hielten ihn tief, aber nicht auf den Knien. Auch Sonnenberg konnte einfach nicht den Vogel Strauß spielen. Er musste sehen, was um ihn herum vorging. So konnte er beobachten, wie Ratte und Amazone durch den Gang liefen, um hier und da einigen Schreiern in den Rücken zu schlagen. Sie hatten aber selbst sichtliche Schwierigkeiten ihren festen Stand zu halten. Jedenfalls hörten sie bald mit dem Schlagen auf und ließen das Schreien zu. Die Sinkgeschwindigkeit verringerte sich. Im Flugzeug wurde es ruhiger. Im Vergleich zu der Panik von vorhin war diese Stille unheimlich. Einige Passagiere begannen wohl zu beten, weil sie mit ihrem Leben abgeschlossen hatten. In diesen Minuten glaubte auch Sonnenberg, er würde seine Familie nicht mehr wiedersehen. Die Nase der 747 hob sich etwas. Dann ein Rumpeln vom Bauch der Maschine. Sie setzte auf. Wenn man davon ausging, dass die Landung mit dem Sinkflug eingeleitet worden war, dann hatte Sonnenberg hier gerade die schnellste Landung seines Lebens erfahren. Die Maschine verzögerte stark und kam abrupt zum Stehen.

In der Maschine war es mucksmäuschenstill. Die Passagiere waren diese Körperhaltung inzwischen gewohnt. Sonnenberg bemerkte, wie der Stotterer den Raum betrat und kurz hinter ihm im Gang stehen blieb. Nun befanden sich fünf Entführer im Raum. Die Gefahr, das jetzt alles aus sein konnte, war offenkundig. Sonnenberg hatte mal in einem Zeitungsartikel gelesen, dies sei die gefährlichste Phase einer Entführung. In der Luft war es relativ ungefährlich, es sei denn, das Kerosin war alle. Auf dem Boden drohte der Zugriff von Sicherheitskräften.. Die Passagiere waren nun davon abhängig, wie dumm oder wie intelligent diese Soldaten oder Polizisten vorgingen. Ihr Schicksal lag nun in den Händen anderer. Diese doppelte Abhängigkeit erzeugte ein Phlegma. Es war der Alptraum in Person. Für Sonnenberg war es logisch, dass es kein Ende dieser Entführung gab, ohne eine Eroberung durch Sicherheitskräfte. Die Entführer würden nie freiwillig aufgeben. Er glaubte, nur einmal habe es eine Flugzeugentführung gegeben, die nicht durch den Angriff von Sicherheitskräften beendet wurden. Das war die Entführung eines Berliner Bürgermeisters, er glaubte Lorenz war dessen Name. Der Zusammenhang fiel ihm aber nicht mehr ein. Er musste sich also mit der Tatsache abfinden, das früher oder später das Flugzeug gestürmt wurde. Es galt sich darauf vorzubereiten. Das war klar. Nur das Wie war die entscheidende Frage.

Diese Stille ging auf die Nerven. Weder im Inneren noch außerhalb war etwas zu hören. Auch die fünf Geiselnehmer schwiegen. Vorsichtig schaute Sonnenberg den Gang hinunter. Der Stotterer war den Gang etwas weiter herunter gegangen. Er drehte sich um seine eigene Achse, um das Beobachtungsfeld zu vergrößern. Sonnenberg konnte ihn dadurch von vorne sehen. Stotterer hatte seine Waffe in der Hand und die linke Hand hielt den Kasten, den er um den Hals trug. Der Daumen ruhte auf dem Taster. Sonnenberg versuchte sich zu erinnern, wo die Sprengladungen in seiner Nähe waren. Er hatte darauf aber nicht geachtet. Es fiel somit nicht ein. Er ärgerte sich über sich selbst.

Nichts geschah. Es tat sich nichts. Für die Passagiere galt es abzuwarten. Die Ruhe ging auf die Nerven. Ab und zu hob mal einer das Passagiere den Kopf, um die Rückenmuskulatur zu entspannen. Jedenfalls für einen kurzen Augenblick. Man orientierte sich kurz, wo die Bewacher standen. Waren sie so weit entfernt, das keine Hiebe in den Nacken drohten, dann wurde der Augenblick noch einige Sekunden ausgedehnt. Sonst tauchte man sofort ab.

Untätigkeit ist ein guter Anlass, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Sonnenberg dachte an seine Familie. Da war Helga, seine Frau. Er erinnerte sich, wie sie sich in einer Autowerkstatt kennengelernt hatten. Er, der seinen Wagen aus der Reparatur holen wollte. Sie, die einen Wagen kaufen wollte. Noch heute war der dem Autoverkäufer, diesem abgezockten Hund, dankbar. Sonnenberg musste warten, weil der Meister noch auf einer Probefahrt bestand. Also ging er zum Kaffeeautomaten, um sich die Zeit mit einem Kaffee zu verkürzen. Dabei wurde er unfreiwillig Zeuge des Verkaufsgesprächs mit seiner künftigen Frau. Sonnenberg merkte bald, dem Verkäufer ging es nur um seine Provision, nicht um Beratung. Er erzählte der Frau, manchmal einen solchen technischen Schwachsinn. Er wusste wahrscheinlich, welchen Laien er vor sich hatte. Sonnenberg hatte noch genau diese Situation vor Augen, als der Moment eintrat, wo er sie zu lieben begann. Er stand abwartend eine Autos weiter entfernt, den Becher heißen Kaffees von einer Hand in die andere wechselnd. Der Verkäufer stand mit dem Rücken zu ihm. Trotzdem hörte er ihn reden, als gebe es morgen keine Möglichkeit mehr sprechen zu können. Seine Frau stieg in den Wagen, fasste das Lenkrad, drehte es leicht hin und her, so wie es Kinder machen, um Autofahren zu simulieren. Dabei schweifte ihr Blick über das Armaturenbrett, über den Kühler. Da trafen sich beide Blicke. Er lächelte Kontakt aufnehmend, sie mehr hilflos über die zutreffende Kaufentscheidung. Da schüttelte er langsam aber bestimmend seinen Kopf. Ihren Wagen kauften sie eine Woche später zusammen, wie sie bald alles zusammen machten.

Der erste Urlaub, der erste Streit, Verlobung, die Schwiegereltern, ihr erster Beischlaf in einem abgelegen Waldstück in seinem Wagen ... Die Gedankenkette der Erinnerungen riss nicht ab. Ein Gedanke fügte sich zwanglos hinter einem anderen. Die Erinnerungen gehörten zusammen, wie ihr Leben zusammen gehörte. Eins hatten sie alle gemeinsam, sie waren schön. Er war seiner Frau für alles Erlebte dankbar. Er nahm sich vor, es ihr zu sagen, wenn er wieder daheim sein würde. Trotz seiner misslichen Lage durchströmte Sonnenberg ein Gefühl der Glückseligkeit. Dadurch schmerzte die Nase kaum noch und der Schmerz am Schienbein war einem tauben Gefühl gewichen. Er entspannte sich und harrte dem, was da auf ihn zukommen würde.

Oder doch nicht? Ein bitterer Gedanke tauchte in der positive Gedankenkette auf, als der Gedanke an Jasmin, seine Tochter, sich einklinkte. Er liebte sie über alles. Er würde auch alles machen, wenn es zu ihrem Nutzen wäre. Aber Sonnenberg war nicht entgangen, dass Hermann in ihrem Leben eine größere Rolle spielte, als er selbst. Die Schuld lag zweifelsfrei bei ihm. Er nahm sich zu wenig Zeit für sie. Einmal war es seine Arbeit, die einen großen Anteil auch seiner Freizeit auffraß. Es waren aber auch seine Hobbys, die ihm wenig Zeit für seine Familie ließen. Dann die gesellschaftlichen Verpflichtungen. Sie waren notwendig, um notwendige Kontakte zu knüpfen. Zeit, wo Jasmin alleine Zuhause war. Er rechnete den Babysitter da nicht mit. Es ging ja um ihn und Jasmin Seine Frau brachte dem allen viel Verständnis entgegen, aber seine Tochter schien seiner Meinung nach davon getroffen. Ihm war dies so richtig kurz vor dem Abflug aufgefallen. Hier war er gefordert. Hier musste er gegensteuern, gegensteuern ehe es zu spät war. Zu spät für ihn, nicht für Jasmin. Sonnenberg überlegte, was er künftig so alles mit Jasmin übernehmen könnte. Nach einiger Zeit des Nachdenkens gestand er sich jedoch ein, dass ihm so Rechtes dazu nicht einfiel, außer so Kinkerlitzchen, wie Kino, Eisessen oder Besuch vom Phantasialand. Sonnenberg begriff, er wusste im Grunde nicht, welche Wünsche seine Tochter überhaupt hatte. Er nahm sich fest vor bei seiner Heimkehr dringend mit Helga darüber zu sprechen.

Die Triebwerke der 747 waren während der gesamten Zeit nicht abgeschaltet worden. Nun heulten sie auf. Ein Ruck ging durch die Aluminiumkonstruktion. Sie starteten. Wenn ihn nicht alles täuschte, fuhr sie schneller als gewöhnlich. Es gab auch nicht den obligatorischen Halt vor dem Abheben. Der Flieger beschleunigte, wurde weich in den Knien. Sie befanden sich wieder in der Luft. Die Passagiere durften sich wieder aufrecht hinsetzen. Die Fenster durften enthüllt werden. Es wurde aber nicht so richtig hell in der Kabine. Die Dämmerung kündigte die kommende Nacht an. Man durfte die Toilette aufsuchen. Die Prozedur war die gleiche, wie beim vorherigen Mal. Es gab auch keine Lautsprecheransagen mehr. Die Kommunikation zwischen den Highjackern erfolgte mündlich. Sie lösten sich untereinander ab, verschwanden und tauchten nach einiger Zeit wieder auf. Ohne große Ankündigung erschienen im Vorhang zwei Essenswagen der Fluggesellschaft. Zwei Stewardessen rollten diese die beiden Gänge entlang. Sie gaben Essen und ein Getränk aus. Die Entführer beobachteten argwöhnisch, ob nicht zu viel Essen und Getränke ausgegeben wurden. Durch den Anblick dieser Essenswagen meldete sich auch bei Sonnenberg das Hungergefühl. Er hatte seit dem Frühstück heute Morgen nichts mehr zu sich genommen, bis auf den Begrüßungssekt an Bord.

Rücksichtslos wurde er an der Schulter gerüttelt. Nach dem Essen war er wohl eingenickt. Es war Ratte. Ihm bereitete dies wohl Vergnügen, denn er griente bis über beide Ohren. Ein dezenter Wink mit der auf ihn gerichteten Pistole übersetzte seinen Willen. Sonnenberg solle sich erheben und ihm vorausgehen. Ihm schwante nichts Gutes. In seinem Magen wechselte das Völlegefühl in ein flaues Unwohlsein. Nun begann Unterhaltung zweiter Akt. Sonnenberg legte den Gurt ab und erhob sich. Im Gang reckte er seine eingeschlafenen Muskeln. Wider Erwarten wurden auch seine beiden Nachbarn gezwungen mit aufstehen. Mit demjenigen, der am Fenster gesessen hatte, verschwand Ratte in den vorderen Teil des Flugzeugs. Die anderen in der Reihe setzten sich wieder und schnallten sich an. War er noch einmal davon gekommen, oder war er nur noch nicht dran? Da Sonnenberg dem Geschehen nun näher saß, als beim ersten Mal, konnte er durch den Vorhang hören, wie laut das Verhör bei dem Herausgewunkenen ausfiel. Als dieser nach einer Weile wieder durch den Vorhang geführt wurde, schaute Sonnenberg in ein weißes Gesicht. Er hatte in seinem Leben noch nie ein so blutleeres Gesicht gesehen, wie dieses. Dann war Nummer Zwei an der Reihe. Hier geht es zu, wie beim Zahnarzt, dachte Sonnenberg. Seine Neugier war befriedigt. Diesmal lauschte er nicht. Er grübelte vielmehr, wie er das Beste aus dieser unerwünschten Lage machen konnte. Sein Kopf war leer. Ihm fiel überhaupt nichts ein.

Griente Ratte diesmal besonders abgründig? Jedenfalls erschien es ihm so. Ohne die geringste Gegenwehr stand er auf. Nun war er an der Reihe und wo er hin sollte, das war ihm klar. Also ging er ohne Worte zu machen voraus. Ratte brauchte ihn nicht zu stoßen. Der Rüpel hatte es sich bequem gemacht. Sein Gesichtsausdruck deckte sich mit dem Klima in der Businessklasse. Alles schien nach seinem Plan abzulaufen. Vielleicht war deshalb seine Stimme nicht so aggressiv.

Hallo Amerikano!“, wurde er begrüßt.

Sonnenberg widersprach sofort, aber unterwürfig. Diese Lektion hatte er kapiert. Er hatte sich vorgenommen, die Unwahrheit zu leugnen. Gleichzeitig durfte er sich nicht provozieren lassen. Es hieß den untersten Weg zu gehen. Weiche der Gewalt, besann er sich. Es war nicht leicht. Der Rüpel und Ratte beschimpften ihn nach allen Regeln der Kunst. Sie wollten die Konfrontation mit ihm. Um jeden Preis Konfrontation. In dem Maße, wie er ruhig blieb, stieg deren Ärger. Sonnenberg wurde gestoßen, von vorne, von hinten. Man zog ihn an den Haaren, schlug mit der Faust in seinen Magen, seinen Rücken. So laufen Verhöre dritten Grades ab, zuckte es durch sein Gehirn. Er wagte aber nicht, dies laut zu äußern. Es hätte nur alles noch verschlimmert. Schließlich war er zermürbt. Er bot seinen Peinigern an, sie möchten ihm sagen, was sie von ihm hören wollten, dem würde er sich anschließen. Hatte Sonnenberg geglaubt, damit aus der Schusslinie gelangen zu können, so war dies eine Enttäuschung. Eine solche Kapitulation war nicht erwünscht.

Du Jude!“, zischte der Rüpel.

Diese Variante überraschte Sonnenberg nun nicht mehr. Er hätte auch zugegeben, ein Hund namens Hermann zu sein, oder was auch immer. Er schaute nur ungläubig.

Sonnenberg jüdischer Name“, wurde ihm beschieden.

Sonnenberg schüttelte hilflos seinen Kopf. „Jude ist Religion, wagte er einzuwenden. „Ich bin Christ.“

Dies war wohl der Widerstand den beide erwartet hatten. „Du scheiß Jude, du amerikanischer Jude!“ Die Unterhaltung driftete ins ordinäre ab. „Ich dich töten!“ Mit einer schnellen Handbewegung zog Ratte die Waffe aus seinem Hosenbund, griff in Sonnenbergs Haare und bog dessen Kopf nach hinten. Unsanft stieß er den Lauf der Waffe in den offenen Mund. Sonnenberg kannte diese Szene aus zahlreichen Verfilmungen. Er hätte nie geglaubt, wie unangenehm so etwas in Wahrheit war. Er fühlte sich vergewaltigt. An eine Gegenwehr dachte er nicht. Starrheit überfiel seinen ganzen Körper. Ein Blick in die hasserfüllten Augen von Ratte ließen ihn begreifen, es handele sich aber nicht um eine Foltermethode. Dieser wollte ihn tatsächlich umbringen. Das Klicken des Abzugs verriet ihm, er habe noch Sekunden zum Leben. Komisch, sagte er zu sich: die letzten Gedanken in einem Leben sind das Zählen der Sekunden: eins, zwei, drei. Er schloss die Augen.

Stahl hat keinen Geschmack. Er ist nur kalt. Ratte zog den Lauf aus seinem Mund. Sonnenberg war bewegungsunfähig. Sein Mund stand auf als warte er darauf, dass ein Vogel ihn füttere. Rüpel lachte. Er lachte so, dass ihm die Tränen in die Augen schossen. Er zeigte mit dem Lauf seiner Waffe auf Sonnenbergs Hose. Ratte stimmte mit ein. Sie hatten die Verfärbung in der Hose des "Amerikano" gesehen.k Ratte bog seinen Oberkörper nach vorne, seine waren Hände waffenlos. Im Film hätte der Held seine Gegenoffensive gestartet. Sonnenberg war aber bewegungs- und handlungsunfähig. Sonnenbergs Gehirn nahm seine Arbeit wieder auf. Das Erste, was dieser registrierte war, den beiden ging es nicht um ein Verhör. Ihnen ging es um Spaß. Amerikaner und Juden waren ihre Objekte ihrer Begierde. Zeitvertreib sozusagen. Das Zweite was sein Gehirn wahrnahm, war das, was Rüpel und Ratte immer noch belachten. Sonnenberg hatte sich in die Hose gemacht. „Bringe das Schwein zur Toilette“, lautete Rüpels Anweisung. Das Verhör war beendet.


 


 

IV.


 

Seine Nachbarn waren wirklich Amerikaner. Sonnenberg hatte sich auf der Toilette alle Zeit genommen, sich zu waschen. Er brauchte sie, um wieder zu sich zu kommen. Es blieb auch noch Zeit für gymnastische Übungen, um die Muskeln zu lockern. Als er mit allem fertig war und die Toilette verließ, merkte er, wie entspannt die Atmosphäre an Bord war. Die Entführer standen in Zweiergruppen zusammen, rauchten und unterhielten sich. Alle Passagiere saßen aufrecht. Einige unterhielten sich flüsternd, was offensichtlich nun geduldet wurde.

Nach einiger Zeit der Besinnung versuchte auch Sonnenberg, eine kleine Unterhaltung zu beginnen. Sein direkter Nachbar zur linken hieß Tim und kam aus Los Angeles. Er wollte das ‘merry old europe’ kennenlernen. Sonnenberg wandte ein, dass eine solche Entführung glücklicherweise nicht dazu gehörte. Tim glaubte, dieser Spuck sei bald zu Ende. Seiner Meinung nach würde man bald verhandeln. Dann ging es nur noch um die Alternative Straffreiheit gegen Freilassen der Geißeln. Er schätzte die Situation zwar als ernst ein, Sonnenberg hatte aber den Eindruck, Tim sei aber über diese Situation eigentlich nicht recht unglücklich. Auf diese Weise hatte er genug Erzählenswertes für seine Freunde und Bekannten im Baseball-Club. Er war sogar zu Witzen aufgelegt. Bei seinem Bericht über seine „Unterhaltung“, wie er es nannte, erzählte er: „Da haben die mich gefragt, wo ich herkomme. Los Angeles habe er geantwortet. Ah! habe derjenige, den Sonnenberg als Ratte kannte, behauptet, das kenne er. Das ist ein berühmtes Kloster in Spanien.

Glauben sie“, wandte er sich an Sonnenberg, „dass diese Burschen in einem Kloster schon einmal eine Nonne entführt hätten?“ Er lachte leise. Da konnte auch der Kalkweiße lächeln. Dem zitterten jetzt noch die Knochen. Er hieß Jaimie und kam aus einen kleinen Nest aus dem mittleren Westen. Sonnenberg kannte diesen Ort aber nicht. Jaimie hatte mit seinem Leben abgeschlossen. Er sagte zwar nicht warum, Sonnenberg konnte sich aber lebhaft vorstellen, was die beiden Entführer mit ihm angestellt hatten. Er hatte ja einiges am eigenen Leib erfahren. Jaimies größte Sorge war, er hatte es versäumt, vor dem Flug eine Lebensversicherung abzuschließen. In den Staaten, so erfuhr der Deutsche, konnte man vor jedem Flug eine Lebensversicherung für die Luftreise machen. Er besaß eine kleine Firma, die sich auf die Programmierung von Spezialproblemen bei numerisch gesteuerten Fertigungsinseln der Umformtechnik eingerichtet hatte. Dazu war er in Athen geschäftlich unterwegs gewesen. Um die Firma wirtschaftlich betreiben zu können hatte er sich richtig verschuldet. Er fürchtete, bei seinem Ableben würden seine Frau und seine beiden Söhne verarmen. Denn nur er war derjenige, der das Unternehmen trug, weil er das Know How besaß.

Die Jungs sind doch viel zu jung:“

Die Kommunikation mit seinen beiden Nachbarn machte Sonnenberg klar, auch er hatte Position zu beziehen. Er begriff, bislang hatte er sich so verhalten, als gehe ihn die Situation in dem Flugzeug so richtig nichts an. Seine Einstellung, er könne dies alles mitmachen, und wenn es ihm zu viel sei mit den Fingern schnipsen, damit der Alptraum zu Ende sei, war falsch. Ratte und Rüpel hatten zwar vorhin mit ihm gespielt, unmenschlich zwar, aber gespielt. Was aber, wenn ... Sonnenberg weigerte sich diesen Gedanken zu Ende zu denken. Er war aber notwendig. Die Frage, die sich für ihn stellte war: Wie komme ich hier so ungeschoren wie möglich heraus. Um diese Frage beantworten zu können, sollte er eine Einschätzung vornehmen. Was würde diese Entführung für ihn für Folgen haben? Seine beiden Nachbarn hatten dies für sich schon getan, und sich quasi die Hauptfrage damit beantwortet. Was aber sollte er antworten. Tim und Jaimie schauten ihn fragend an.

So lustig wie Tim es sah, konnte es nicht sein. Die Spielchen von Ratte und Konsorten zeigte, wie egal denen Menschenleben waren. Aber zu Tode verurteilt, wie Jaimie es sah, fühlte Sonnenberg sich nicht. Er versuchte, die beiden von seiner Einstellung zu überzeugen. Man sollte überlegen, was man machen könnte im Fall der Fälle, wenn die 747 gestürmt würde. Er machte den beiden Amerikanern klar, nur auf dem Boden drohte Gefahr. Keinesfalls würde man den Flieger abschießen. Es sei denn, man würde mittels Kerosinmangel abstürzen. Aber daran waren die Entführer nicht interessiert. Diese suchten politische Ergebnisse. Die Frage erzeugte Betroffenheit bei den beiden Ausländern. Auch ihnen fiel dazu nichts rechtes ein. Gurt lösen, sich umdrehen und auf den Boden hocken und Beten, schien die erfolgversprechendste Antwort zu sein. Beten ist ein anderes Wort für Hilflosigkeit. Bei dieser Lösung hatte nur Sonnenberg schlechte Karten. Zum Gang hin besaß er den schlechtesten Schutz.

Rambo kam in ihre Nähe. Möglicherweise hatten sie sich zu intensiv unterhalten und er witterte Aufruhr. Die Unterhaltung erstarb sofort. Erst jetzt merkten die drei, wie ruhig es inzwischen an Bord geworden war. Die 747 hatte einen neuen Passagier an Bord genommen, die Müdigkeit. Auch die Dunkelheit draußen, das Essen und die Anstrengung des Tages machten schläfrig. Sonnenberg konnte aber nicht einschlafen. Zu viel war ihm heute widerfahren. Zuviel ging in seinem Kopf herum. Eigentlich forderte sein Körper Schlaf, Schlaf, Schlaf. Aber wie sollte man in dieser Lage schlafen Man konnte die Beine nicht ausstrecken, den Kopf nicht richtig lagern. Er wälzte sich von der rechten Seite auf die linke und wieder zurück. Tim und Jamie schienen zu schlafen. Tim bestimmt, denn er atmete tief und fest. Schließlich forderte sein Gehirn das, was es zu Aufrechterhaltung seiner Steuerungsfunktionen dringend brauchte, die Abarbeitung der lästigen Tagesreste. Sonnenberg verfiel in einen unruhigen Halbschlaf, immer schwankend zwischen dem Wunsch schlafen zu wollen und dem Willen nicht schlafen zu können.

Der Lärm an Bord weckte Sonnenberg. Er wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte. Aber die aufgehende Sonne kündigte den neuen Tag an. Es war offenkundig, die entspannte Atmosphäre, die noch in der Nacht an Bord geherrscht hatte, war einer bedrohlichen gewichen. Die Entführer eilten mit gezogenen Waffen durch die Gänge hin und her. Sie waren sichtlich aggressiv. Es war etwas eingetreten, mit dem sie wohl nicht gerechnet hatten. Der Rüpel erschien im Raum und gab laute Anweisungen. Hektik machte sich breit und Nervosität. Einige Passagiere hatten ihre Plätze zu räumen. und auf freie ausweichen. Sonnenberg begriff bald, warum. Ratte erschien und forderte ihn mit dem Winken seiner Waffe auf, sich zu erheben und zu gehen. Es ging über den Kantinenbereich, den er schon kannte. Sein Herz stockte. „Unterhaltung dritter Akt?“ Nein! Es ging in Richtung des rechten Gangs. Die gesamte Reihe hinter der Nottüre im mittleren Leib der 747 war geräumt worden. Ratte befahl Sonnenberg, sich auf den äußersten Platz direkt am Fenster zu setzen und sich anzugurten. Dann verschwand er. Sonnenberg beobachtete, wie auch Tim und Jaimie an ähnlichen Plätzen hin beordert wurden. Ratte kehrte mit Amazone zurück. Er stellte sich in der Reihe vor Sonnenberg und hielt ihm die Waffe an die Schläfe. Amazone kniete auf dem Sitz neben ihm. Erst jetzt erkannte Sonnenberg, dass sie einen Strick in der Hand hielt. Sie knotete ein Ende an seine rechte Hand, um dann den Strick unter seinen Knien durchzuziehen. Das konnte sie nur, in dem sie sich über Sonnenberg beugte. Es ließ sich nicht vermeiden, dass sie dabei ihre Brüste gegen Sonnenberg drückte. Normalerweise hätte er dies zu genießen gewusst, aber in dieser Situation hatte er dafür keinerlei Sinn. In der Zwischenzeit war auch seine linke Hand mit der rechten unterhalb seiner Knie verknoten worden. Sein Oberkörper war gezwungen, dafür eine unnatürliche Haltung nach vorne einzunehmen. Dabei kam er dem Gesicht von Ratte näher. Dieser grinste.

Hei, Amerikano!“ Die Bewegung seiner Lippen wurde durch den Schnauzer fast verdeckt. „Wenn deine Freunde uns besuchen, dann du der erste.“ Er machte die Gestik des Kopfabschneidens.

Amazone hatte inzwischen ihre Arbeit erledigt. Beide verschwanden hinter dem Vorhang. Sonnenberg verstand nicht, was das alles bedeuten sollte. Nach einiger Zeit des Grübelns durchschaute er den perfiden Plan der Entführer. Die Türe war mit einer Sprengladung gesichert. Wollte man von außen in das Flugzeug eindringen, musste man diese sprengen. Dabei ging diese Bombe genau so hoch, wie durch den Knopfdruck auf den Kasten, den die Entführer um den Hals trugen. In beiden Fällen überlebte er die Befreiungsaktion nicht. Schachmatt!

Alle vorhergehenden Gedanken waren hinfällig. Er war nicht nur bewegungsunfähig, um sich zu drehen und im Fußraum zu verstecken. Er saß auch noch neben einer Bombe. Jetzt war alles aus. Als Kind hatte er immer geglaubt, da wo sich die Wolken befinden, da oben sei der Himmel. Jetzt flog er mit dem Flugzeug weit, weit darüber hinweg. Der Himmel lag unter ihnen. Jemand, der ihn beschützen konnte, musste sich seiner Meinung nach über ihm befinden. Jetzt war er dort, aber da war nichts, nur Leere. Sonnenberg hatte zum ersten Male Angst in seinem Leben. Angst bedeutet, der menschliche Körper trennt sich von seinem Willen. Die Angst begann sich in ihm auszubreiten, langsam und dann immer mehr. Es begann in den Beinen, den Armen und erreichte seinen Kopf. Sonnenberg zerrte an seinen Fesseln und schrie. Er hatte keinen Einfluss auf die Lautstärke und die Wortwahl. Der Schrei und das Zerren war das einzige, wozu sein Gehirn noch in der Lage und Willens war. Es registrierte nicht, wie er Mittelpunkt des Geschehens an Bord wurde, noch das Nahekommen von Ratte. Dieser schrie in an und schlug mehrmals mit seiner Waffe auf die Schulterpartie Sonnenbergs, ohne das Schreien und Zerren im Entferntesten damit unterbinden zu können. Erst der Schlag auf den Schädel ließ den Schrei verstummen. Aber es war nicht von Dauer. Sein Schreien und Zerren am Strick setzte wieder ein. Er wusste nicht, wie oft Ratte auf ihn einprügelte. Er kam zum Schweigen, begann dann wieder mit dem Schreien und Zerren. Zerren und Schreinen waren eins. Das einzige, was ihn zum Schweigen brachte waren die Schläge auf seinen Rücken. Schließlich schlug Ratte auf ihn ein, auch als er nicht schrie. Jedes Mal, wenn Sonnenberg Anstalten machte, sich zu bewegen, setzte es Prügel. Als er dies endlich. begriff, bewegte er sich nicht mehr. Ratte verblieb noch eine Weile in seiner Nähe, um bei Bedarf mit Schlägen eingreifen zu können, aber Sonnenberg hatte aufgegeben. Es war ihm egal, was später aus ihm würde. Nur im Moment konnte er diese Schmerzen nicht mehr ertragen. Lieber nicht bewegen, als solche Schmerzen zu erdulden. Diese Einstellung wurde belohnt. Bewegte er sich nicht, dann ging es ihm gut. Also bewegte er sich nicht. Mit der Zeit meldeten sich seine anderen körperlichen Funktionen wieder. Seine Blase sendete das Signal des Wunsches zur Entleerung. Auch wenn er nicht gefesselt gewesen wäre, er hätte es nicht gewagt, sich zu bewegen. Wärme drang in seine Unterhose, gefolgt von dem Gefühl von Nässe. Die Flüssigkeit lief teilweise an seinen Beinen herab, teilweise versickerte sie im Polster. Sonnenberg hatte kein Empfinden von Scham oder Ekel. Vollkommen apathisch ruhte sein Kopf auf den Knien. Er registrierte nicht, wie das Flugzeug nach vorne kippte und damit einen erneuten Landeanflug ankündigte.

Sonnenberg blieb bewegungslos sitzen. Er genoss es, wie langsam die Schmerzen wegflogen, seinen Körper zu verlassen schienen. Je mehr von ihnen wegflogen, um so wohler fühlte er sich. Einige Stellen in seinem Rücken spürte er nicht, aber dies war angenehmer, als diese Schmerzen ertragen zu müssen. In dem Maße, wie diese Schmerzen verschwanden, um so mehr drängte sich die Wahrnehmung der Umwelt in sein Bewusstsein. Als erstes registrierte er, man könne sich bewegen, ohne das Schmerzen die Folge waren. Sonnenberg nutzte die neue Freiheit. Er begann, sich zaghaft, fast unmerklich zu bewegen. Er wurde immer verwegener in seinen Bewegungen. Zwischen Bewegungen und Schmerzen bestand nun kein Zusammenhang mehr. Das Heben des Kopfes ließ die Wahrnehmung zu, neben ihm befand sich kein Entführer mehr. Ratte hatte ihn allein gelassen, nachdem der Durchgedrehte sich über fünf Minuten nicht mehr bewegt hatte. Außerdem hatte er ja wichtigeres zu tun. Die Geiselnehmer waren wohl mit anderen Dingen beschäftigt. Seine Ohren nahmen die Arbeit wieder auf und meldeten, das Flugzeug flog nicht mehr. Sie konnten sich demnach nur auf einen Flughafen befinden. Die Wahrnehmungen seiner Ohren verfeinerten sich. Er registrierte Worte, die er nicht verstand, deren Aussprache ihm aber Hektik und Aufregung verrieten. Die Situation an Bord spitzte sich zu, wurde brenzlig.

Sonnenberg war das alles egal. Für ihn änderte sich nichts. Die Situation war für ihn ausweglos. Er hatte nur einen Wunsch. Alles möge sehr schnell ablaufen. Je schneller, um so besser. Denn schlimmer als das Ende erschien ihm das Warten auf die Sekunde ‘Bumm’. Am Besten ist Aus, Schluss, Ende. Aber man hat keinen Einfluss auf die Ereignisse: Es trat nicht ein, wie es gewünscht wurde. Weder drückte jemand auf den Knopf zum Auslösen der Bombe, noch wollte jemand von draußen herein, um ebenfalls diese zu Zünden. Noch nie hat jemand so lange auf sein Ende gewartet, dachte er. Sogar eine Spinne ist zu einer Fliege gnädiger als diese Situation zu mir. Es ist wohl eine Streitfrage: Was ist gnädiger, der Tod oder das Warten darauf? Er beantwortete diese Entscheidung zugunsten des Wartens. Wann würde er erlöst werden?

Das zunehmende Ausbleiben des Schmerzes wirkte, wie eine langsam einsetzende Erfrischung. Das Hier und Jetzt verlor mehr und mehr an Bedeutung, die Zukunft rückte zunehmend in den Mittelpunkt seines Interesses. Solange der Mensch atmet, solange hat er noch eine Chance. Dieses Wissen war ihm stets banal gewesen. Nun begann es für ihn eine neue Dimension der Bedeutung zu bekommen. „Wenn er Sterben müsste, sollte er dann nicht bestimmen wie? Musste er sich das alles so gefallen lassen, was sie mit ihm machten? Wenn er, statt auf den Tod zu warten bestimmen würde, wie er sterben können? Auch eine Kuh wehrt sich, bis man ihr den Hals durchschnitt. Und wenn dann noch der Hauch einer Chance besteht, irgendwie aus der Sache herauszukommen? Wenn nichts geschah, wenn er noch nicht starb, dann konnte man sich doch mit Planungen beschäftigen. Also plante er.

Wie konnte er seine Chancen verbessern? Seine Chancen verbesserten sich, wenn er nicht gefesselt wäre. Diesen Umstand galt es herzustellen.“ Die Entführer schienen ihm so beschäftigt, dass sie sich wohl kaum um ihn kümmern würden. Sie hielten ihn für ausgeschaltet. Er musste nur behutsam vorgehen. Da er sowieso nichts zu tun hatte, begann er an dem Strick zu nagen. Es war nicht von besonderer Festigkeit. Außerdem bestand es aus einer Vielzahl von einzelnen Tauen. Steter Tropfen höhlt den Stein. Seine Zähne nahmen ihre zerstörende Arbeit auf.

Es war wirklich keine Leistung, das Tau zu durchtrennen. Sonnenberg konnte nun seine Beine weiter auseinander nehmen. Mit dem Kopf verdeckte er seine Absicht, seine Hände von den Fesseln zu lösen. Nach dieser Aktion genoss er seine neue Freiheit. Er bewegte seine Arme und Beine, hob seinen Oberkörper höher, als ihm das durch seine Fesseln möglich gewesen wäre. Ohne dass er es bewusst gesteuert hätte entstand in seinem Kopf der Wille, er müsse eine Lösung herbeiführen. So oder so. In dem Maße, wie er begriff, er konnte nur mehr gewinnen als den Tod, in dem Maße machte sich eine Verwegenheit in ihm breit, die er bislang noch nie erfahren hatte. Er hatte seine Chancen weiter zu verbessern. Das Lösen der Fesseln hatte ihn praktisch noch nicht weiter gebracht. Die Gefahr der Bombe räumte er damit nicht aus der Welt. Er versuchte die Situation einzuschätzen: Die Gefahr durch die Geiselnehmer schätzte er im Moment als gering ein. Die Sprengung der Bombe war ihre ultima ratio: Sie würden sie nur zünden, wenn es ihnen an den Kragen ging. Die größere Gefahr drohte von den Sicherheitskräften draußen. Waren sie zu sehen? Waren sie gewillt die Maschine zu stürmen? Dazu musste er wissen, was draußen so ablief.“ Die Rollos waren an den Fenstern herunter gezogen worden. Sonnenberg kontrollierte, wo sich gerade seine Entführer befanden. Für das, was er vorhatte, um aus dem Fenster schauen zu können, müssten diese weit genug von ihm weg sein. Er wartete. Das einzige, was er im Moment besaß, war Zeit. Jede Sekunde, die verrann, bedeutete eine Sekunde länger zu leben. Er massierte Waden und Unterarme. Dabei genoss er die zusätzliche Durchblutung. Ihm schien der richtige Augenblick gekommen, als sich nur noch Amazone und Ratte im Raum befanden und sich in der Nähe der Vorhänge zu Businessklasse aufhielten. Er legte den längsten Teil des Stricks über seine Knie, öffnete das Rollo. Es sollte nur ein Spalt breit sein, aber es schnellte ganz nach oben. Sonnenberg versuchte soviel durch seine Augen aufzunehmen, wie es ihnen möglich war. und schaute heraus. Seine Umgebung wurde schlagartig hell. Ihm blieb wenig Zeit, bis einer der Entführer bei ihm wäre. Was er in den Sekunden erblickte, die ihm blieben, erschreckte ihn zu tiefst.

Sonnenberg ließ den Kopf auf seine Knie sinken, ergriff mit beiden Händen die Strickenden und zog sie kreuzweise zu. Dann mimte er den Bewusstlosen. Wie nicht anders zu erwarten, tauchte Amazone über ihm auf. Sonnenberg bemerkte dies an ihrem Murmeln. Sie konnte sich verständlicherweise auf das was sie sah keinen Reim machen. Sie zog das Rollo herunter. Seine Schulter wurde gerüttelt. Sonnenberg hatte sich aber vorgenommen, auf nichts zu reagieren. Nichts geschah. Auch kein Schmerz meldete sich. Er hatte alle überlistet. Er brauchte nur noch eine Weile bewegungslos sitzen bleiben. Während er wartete, bis Amazone seine Nähe verlassen hatte, beschäftigte er sich mit dem Bild, welches er bei dem Blick aus dem Fenster wahrgenommen hatte.

Vor seinen inneren Augen trat die Landschaft auf in der das Flugzeug gelandet war. Die Vegetation fehlte fast vollständig. Sie befanden sich in einem öden Gebiet. Keine Gebäude waren zu erkennen. Da diese zwangsläufig zu einem Flughafen gehörten, konnte man daraus schließen, wie weit man vom Hauptgeschehen eines Flughafenbetriebes entfernt war. Entsetzen bereitete ihm der Anblick der Panzer und Mannschaftswagen, die er in einiger Entfernung erkannt hatte. Das Flugzeug war also umstellt. Im Moment konnte das Flugzeug nicht weg, wurde fest gehalten.

Schachmatt?

Nun war ihm die Nervosität der Entführer verständlich. Die Verhandlung mit den politischen Stellen war wohl in eine entscheidende Phase geraten. Das Pokerspiel um Forderungen und Ultimaten, Hinhalten und Entgegenkommen hatte wohl begonnen. Auch, wenn es im Zuge solcher Auseinandersetzungen zu einem Austausch von Geißeln kommen würde, er, Sonnenberg wäre mit Sicherheit nicht dabei. Geißeln gegen Sprit würde die Entführung nur verlängern, nicht beenden. Alle Anzeichen deuteten darauf hin, es ging in diese Richtung: Verhandeln, Verschleppen, Ermüden, Erstürmen. Sonnenbergs Situation zeichnete sich damit als chancenlos ab.

Nur um eine Frage kreisten seine Gedanken: Hatte er wirklich keine Chance? Wie komme ich aus dieser Falle heraus? In dem Moment, wo es zur Explosion kommen würde, egal von wem auch immer ausgelöst, blieb ihm keine Zeit, aus dem Gefahrenbereich unbehelligt herauszukommen. Dann war es zu spät. Aber was konnte er vorher machen? Zum Entschärfen der Bombe blieben ihm weder Zeit, noch besaß er das Können, mit einer solchen Elektronik umzugehen. Seine Gedanken drehten sich im Kreise. Vieles fiel ihm ein, jedoch alles wurde nach mehrmaligem Nachdenken wieder verworfen.

Verdammt! Wie komme ich aus diesem Dilemma heraus?“ Bei dieser gemurmelten Frage fiel es ihm auf einmal wie Schuppen von den Augen. Das war die Lösung! Sonnenberg fühlte sich schlagartig in Hochstimmung. Warum war er nicht gleich darauf gekommen? So einfach, so naheliegend! Sonnenberg dachte nach, kreuz und quer ließ er seine Gedanken spielen. Das Für und das Wider kreisten in seinen Schädel. Sicherlich, ungefährlich war es nicht, aber bei der Alternative zwischen Tod und Risiko entschied er sich ohne zögern für das Risiko.

Seine Überlegungen nahmen generalstabsmäßige Formen an: Es klappte nur bei Dunkelheit. Er musste warten, bis es draußen dunkel war. Vorher würden die Sturmeinheiten erfahrungsgemäß da draußen sowieso nichts übernehmen. Wie muss die Situation im Innern der 747 aussehen, damit er einen Hauch von Chance bekommen könnte? Er sollte warten, bis möglichst wenig Entführer in der Ökonomieklasse waren. Sein Handeln war für alle sicherlich eine Überraschung. Darauf baute Sonnenberg. Er musste nur die Türe erreichen, die in greifbarer Nähe war. So einfach, so schwer. In einem Film hatte er einmal gesehen, wie schnell solche Flugzeugtüren zu öffnen waren – wenige Sekunden. Er brauchte nur herausspringen. Dann hatte er gewonnen. In der Dunkelheit war nichts zusehen, auch er würde nicht sichtbar sein. Unterhalb der Türe befand sich der rechte Flügel des Fliegers. Die Höhe von zwei Metern könnte er mühelos im Sprung überwinden. Dann würde er zur rechten Seite laufen. Die Entfernung zum Boden war gewaltig. So fünf Meter schätzte er. Er wollte sich an den Landeklappen festhalten. Dadurch würde er die Höhe auf drei bis vier Meter reduzieren. Im schlimmsten Fall würde er sich einen Knochen brechen, aber was war ein Knochenbruch im Vergleich zum Tod?“ Nun wartete er auf die Dunkelheit.

Sonnenberg hatte seinen Fluchtweg schon an die fünfzig Mal in Gedanken zurückgelegt. Die Wartezeit bis zur Dunkelheit erschien ihm länger, als der bisherige Entführungsflug. Er wollte die Angelegenheit beenden, so beenden. Er las die Beschriftung zur Bedienung der Türe so oft, dass er sie auswendig hersagen konnte. Im Flugzeug merkte man, wie die Spannung stieg. Das Verhalten der Entführer war hektischer geworden. Nervosität stand in deren Gesichtern geschrieben. Alles schien anders zu laufen, als sie es sich vorgestellt hatten. Wahrscheinlich war die Gegenseite kompromisslos. Nervös begann sie mit dem Kästchen am Hals zu spielen. Was wäre, wenn jetzt einer die Nerven verlor und auf den Knopf drückte? Sonnenberg begann sich in Schweiß aufzulösen. Am liebsten wäre er jetzt schon aufgesprungen, auf die Türe zugeeilt ... Seine Gedanken hakten sich fest und führten wiederum den gesamten Ablauf vor dem inneren Auge durch. Nein, Dunkelheit war eine notwendige Voraussetzung für seinen Plan. Nur in der Dunkelheit, wenn überhaupt, besaß er eine kleine Chance. Sonst könnte er auch aufstehen und sagen, erschießt mich bitte! Er hatte noch nie lange warten können, jetzt lernte er es.

Sonnenberg hatte noch nie warten können. Arbeitstier sagte seine Frau zu ihm immer, wenn er statt am Wochenende im Liegestuhl zu ruhen, lieber im Garten arbeitet. Nein, Nichtstun war ihm zuwider. In Gedanken sah er seinen kleinen Garten, seine Frau, wie sie im Liegestuhl lag und ihn beobachtete. Er züchtete Rosen. Rosen waren für ihn die Königinnen der Natur. Er liebte ihren unterschiedlichen Duft, ihre einzigartige Gestalt, ihre Dornen und ihre Zerbrechlichkeit. Wer war so anspruchslos und so schön zugleich? Seine Gedanken lösten sich vom Blumenbeet. Jasmin spielte mit Hermann auf dem Rasen. Seine Ohren vernahmen das Lachen des Kindes und das freudige Gebell des Hundes. „Bald! Bald!“, murmelten seine Lippen, „Bald bin ich wieder bei euch zu Hause.“

Die Dunkelheit kam. Endlich! Langsam, zu langsam kam sie, aber sie kam. Sonnenberg schaute auf seine Breitling. Noch zwei Stunden! Mindestens zwei Stunden! Die Spannung der Entführer übertrug sich langsam auch auf die Passagiere. Die meisten schwiegen, einige weinten und pressten ihre Hände auf den Mund, weil sie beim lauten Weinen Repressalien erwarteten. Der Rüpel schien wohl den Toilettenbesuch verboten zu haben. Jedenfalls begann Rambo die Leute zurückzuschicken, die dazu Anstalten machten. Sonnenberg war überrascht. Rambo schien der einzige zu sein, der von den Entführern keine Nervosität zeigte. Je mehr es einem vermeintlichen Show-down zu ging, um so mehr schien es ihm zu gefallen. Es gefiel Sonnenberg nicht, wenn Rambo bei seinem Fluchtversuch anwesend sein sollte. Sonnenberg setzte als Zeitpunkt für seine Flucht an, wenn der große Zeiger auf der zwölf stehen würde. Ihm schien dies als gutes Omen. Er dachte dabei an den Film „12 Uhr Mittag“. Hier müsste es folgerichtiger eigentlich heißen: „12 Uhr Nacht“ Jetzt stand der kleine Zeiger auf der Vierzig.

Wie lang sind zwanzig Minuten? Hier hält jemand den Zeiger fest. „Nein, bitte nicht, nicht jetzt“, betete er. „Nein! Die Uhr darf jetzt nicht kaputt gehen. Wie stellt man fest, ob eine Uhr kaputt ist, die nicht tickt? Man muss den Zeiger beobachten. Also warten. Immer dieses Warten. Doch! Oder nicht? Der Zeiger bewegt sich. Viel zu langsam, aber er bewegte sich. Sonnenberg ging seinen Fluchtplan erneut durch. Nur fünfundzwanzig Sekunden hat dies gedauert. Sicherheitshalber ging er alle Schritte noch einmal durch. Der Gedanke, dass alles bald vorbei sein würde, beruhigte ihn etwas.

Latte, Ratte und Amazone waren diejenigen, welche die Bewachung der Passagiere übernommen hatten. Glücklicherweise war Rambo nicht darunter. Latte und Amazone standen im anderen Gang. Das war günstig für ihn. Diese konnten sowieso nicht bei seiner Flucht eingreifen. Mit Ratte glaubte er leichtes Spiel zu haben. Der Zeiger hatte sich auf die Dreiundfünfzig vorgearbeitet. Rambo trat durch den Vorhang. Er trat zu Ratte. Beide schienen ein Streitgespräch zu führen. Rambo hatte keine Waffe in den Händen. Die Pistole steckte hinten im Hosenbund. Wer weiß, was passiert wäre wenn er sie in den Händen gehalten hätte? Er fuchtelte so mit beiden Händen, als reichten seine Worte nicht aus sich verständlich zu machen. Rambo befand sich in einem Zustand äußerster Erregung. Der Zeiger war auf die Achtundfünfzig geschnellt. Vier Bewacher, das erschien Sonnenberg zu ungünstig. Er begann schon mit dem Gedanken zu spielen, die ganze Sache fallen zu lassen, da drehte Rambo sich um. Rückwärts über die Schulter sprechend, verließ er den Raum. „Noch eine Minute“, befahl sich Sonnenberg. Es war eine falsche Entscheidung.

Sonnenberg ließ das Seil zu Boden fallen. Im Sichtschutz der Vorderlehnen bewegte er sich zum Gang hin. Nun begann der kritische Teil seines Vorhabens. Er hatte sich gerade erhoben und machte den ersten Schritt Richtung Türe, da trat Rambo erneut in die Ökonomieklasse. Er bemerkte den sich bewegenden Sonnenberg sofort und setzte zum Spurt an. Sonnenberg bemerkte den auf ihn zukommenden Riesen. Er hatte einmal A gesagt. Ein Zurück gab es nicht mehr. Die Angst vor den Schlägen saß ihm immer noch im Nacken Nur vor ihm lag eine Chance. Er musste sich schneller bewegen. Er hatte gegenüber dem anderen den viel kürzeren Weg. Vor seinen Augen lief nun ein Film ab, den er nur aus seinen Alpträumen kannte. Rambo näherte sich ihm wie ein Pfeil, während er nicht vom Fleck kam. Wie eine Schnecke kroch er auf die Türe zu, den Hebel zum Öffnen fest im Blick. Den Fluchtplan hatte er unzählige Male durchlebt. Aber immer nur in Gedanken. Das Wichtigste hatte Sonnenberg aber vergessen: Seine Rückenmuskeln waren so verhärtet, dass die Beine die Impulse des schnelleren Bewegens nicht umsetzen konnten. Die Schläge auf seinen Rücken, das lange Sitzen, die mangelnde Durchblutung seiner Beinmuskeln? Wer kann in einem solchen Moment sagen, war die Ursache war? Entscheidend war, sie funktionierten nicht. Jetzt, wo sie eine Hochleistung vollbringen sollten, versagten sie ihren Dienst.

Sonnenbergs Hand ergriff den Öffnungshebel der Türe. Da griff eine Hand seine Kleidung und zog ihn zurück von der Türe. Weck von der Freiheit. Zurück in die Hölle. Verzweifelt drehte sich Sonnenberg um. Durch seine schnelle Drehbewegung musste Rambo ihn loslassen. Die beiden Kämpfer standen sich nun gegenüber. Arme griffen ineinander oder versuchten, den Gegner in eine ausweglose Lage zu manövrieren. Rambo war der fittere von den beiden. Was nutzte Sonnenberg seine trainierten Muskeln, wenn diese mangelhaft durchblutet waren. Die Panik, in der sich Sonnenberg befand, machte aber einiges wett. Letztendlich setzte sich Rambo aber durch. Er hebelte Sonnenberg rechten Arm nach hinten, um ihn nach vorne zu beugen. Wenn er seitlich von Sonnenberg stand, dann hatte er die Gewalt über ihn gewonnen. Unbarmherzig setzte Rambo seinen Armhebel ein. Es war aus, vorbei. Für einen Bruchteil einer Sekunde tauchten Rambos Augen vor den seinen auf. In diesem Moment erschien das Bild von Rüpel vor seinen Augen. Instinktiv stieß er seine Stirn nach unten. Es geschah mit der letzten Kraftanstrengung zu der Sonnenberg fähig war. Rambos Nasenbein brach. Der Armhebel lockerte sich. Die Augen seines Gegenübers spiegelten das Erstaunen wieder. Mit dieser Kampfvarianten hatte er Rambo überrascht. Er stieß ihn fort, um zur Türe zu gelangen, aber Rambo hielt ihn fest. Auch dieser Stoß geschah mit seiner letzten Kraft. Ihm wurde klar, dass der Flüchtende eine neue Chance bekommen würde. In dieser Situation waren ihre Köpfe in Augenhöhe. Sonnenberg sah die Entschlossenheit in Rambos Augen, ihn um keinen Preis der Welt entwischen zu lassen. Er streckte seinen rechten Arm in Richtung Türe. Er fühlte die Kälte von Metall. Der Hass im rechten Auge von Rambo verschwand. An seine Stelle entstand eine dunkle Höhle. Wie wenig Blut doch aus einem Auge austritt, wenn man in den Kopf geschossen wird. Sonnenberg hatte keine Gelegenheit, diesen Gedanken zu Ende zu denken. Vor seinen Augen wurde es blendend weiß und ein Schmerz durchfuhr seinen Körper. Dann wurde im ihn alles schwarz.


 

Die gepanzerte Limousine fuhr langsam die Straße herunter. Der Fahrer suchte offenkundig etwas. Das Begleitfahrzeug hielt sich unauffällig im Hintergrund. Es passte nur immer seine Geschwindigkeit dem der vorfahrenden Limousine an, um den Abstand gleich zu halten. Der Chauffeur des schwarzen Mercedes drehte sich Hilfe suchend nach seinem Hintermann um. Dieser hob den Kopf, schüttelte ihn und nahm sein Aktenstudium wieder auf. Der Chauffeur betätigte den Sprechfunk. Er fragte noch mal nach der Adresse und bat das folgende Fahrzeug, ihm den Weg zu weisen. Der Begleiter des blauen Ford griff zu dem Stadtplan, der auf seinen Knien ruhte. Ein kurzer Blick, der Finger huschte über den Plan, dann gab er seine Wegbeschreibung an den Chauffeur durch.

Der Mercedes wurde um einige Kurven dieses Neubauviertels gesteuert. An diesen Straßen standen alles Einfamilienhäuser. Ihre äußere Gestalt und die gepflegten Gärten sagten dem Betrachter: Hier wohnen Leute, die Geld haben. Vor einem Einfamilienhaus hielt der Mercedes an. Das Gebäude hatte zur Straße hin einen kleinen Vorgarten. Der Rasen war gepflegt und reichte bis an den Bürgersteig. Die Bepflanzung der Rhododendronbüsche war geschwungen angelegt. Sie teilte sich, um den Weg zum Gebäude freizugeben. Auf der Einfahrt stand ein schwarzer Audi. Beflissen sprang der Chauffeur aus dem Fahrzeug, eilte um das Heck herum und öffnete die hintere rechte Türe. Auch bei den Begleitfahrzeugen öffneten sich die Türen. Der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen legte die Akten beiseite und stieg aus. Während die Wagentüre hinter ihm geschlossen wurde. Drehte er sich um seine eigene Achse, um die Gegend in sich aufzunehmen. Er wollte wissen wo er sich befand. Dann schritt der Politiker zielstrebig mit schnellem Schritt durch den Vorgarten auf das Eingangsportal zu. Der Fahrer verblieb am Fahrzeug, als gehörte er dazu. Nur die beiden Leibwächter folgten ihrem Chef. Der Gong schlug an und war auch draußen zu vernehmen. Vor den Scheiben der Türe tauchte eine verschwommene Gestalt auf. Eine schwarz gekleidete Frau wurde in der Türöffnung sichtbar. Offensichtlich wurde der Besucher erwartet. Sie begrüßten sich und die Frau trat mit gefasstem Blick zurück, um den Eintritt in ihr Haus freizugeben.

Die beiden hatten im Wohnzimmer Platz genommen. Auf dem Tisch standen ein Kaffeegeschirr, eine Thermoskanne und Gebäck. Die Frau goss wortlos ihrem Gast Kaffee ein. Ein großes Fenster gab den Blick in den hinteren Teil des Anwesens frei. Auf dem Rasen spielte ein Mädchen mit einem wuscheligen Hund. Des Kindergeschrei und das Bellen des Hundes waren nicht zu überhören.

Wie hat es die Kleine überstanden“, leitete der Ministerpräsident die Unterhaltung ein?

Sie vermisst ihn, aber ich glaube, sie ist zu jung, um ihn wirklich zu vermissen.“

Beide schwiegen. Ein solcher Besuch gehörte nicht zu den angenehmsten Tätigkeiten eines Ministerpräsidenten, aber man kann sich in einem solchen Beruf nicht alles aussuchen wie es einem passt.. Er griff zur Tasse und trank vorsichtig einen kleinen Schluck. Nun konnte er seiner Gastgeberin ein Kompliment machen. Sie lächelte. Der Ministerpräsident, zum Anlass seines Besuches zu kommen.

Bei der Überreichung des Ehrenbandes in Gold posthum für ihren Mann hatte ich Ihnen versprochen, Ihnen mitzuteilen, wenn mir Genaueres über die Abläufe an Bord des Unglücksflugzeugs vorliegen. Die Untersuchungen sind nun abgeschlossen. Ich bitte Sie um Diskretion. Was ich ihnen nun sage steht in dem Abschlussbericht der Expertenkommission. Ich brauche Ihnen aber nicht zu betonen, dieser ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Aber ich bin immer noch der Meinung, vor allem Sie haben Anrecht auf diese Informationen.“

Die Frau nickte zustimmend. Ihre Augen wurden feucht, sie weinte aber nicht. Sie biss ihre Zähne zusammen, die Lippen begannen blutleer zu werden.

Sie wissen ja wegen künftiger Entführungen“, setzte der Ministerpräsident erklärend hinzu, und setzte die einseitige Unterhaltung fort. „Die Entführer hatten das Flugzeug so vermint, dass bei einem Sturm der Sicherheitskräfte mindestens fünfzehn bis zwanzig Personen durch die Explosion der Bomben getötet worden wären. Vielleicht ist es Zufall, vielleicht Gottes Fügung. Ich weiß es nicht. Die Untersuchungen haben zweifelsfrei ergeben, dass Ihr Mann die Türe öffnete, welche die Sicherheitskräfte zum Sturm auf die Maschine ausgewählt hatten. Es ist zweifelsfrei das große Verdienst ihres Mannes, die Gangster in diesem entscheidenden Moment abgelenkt zu haben. Dadurch konnte von denen keiner mehr die Bomben zünden.“

Die Augen der Frau füllten sich mit Tränen. Tapfer unterdrückte sie ein Schluchzen.

Ja, wir haben Glück gehabt, wirkliches Glück. Die Entführer haben ihre Sprengladungen so angebracht, für den Fall eines äußeren Angriffs. Keiner von denen hat daran gedacht, dass jemand von Innen die Türe öffnen würde. Ihr Mann hat sich geopfert. Das erfordert höchste Anerkennung. Ich habe es aber für meine Pflicht angesehen, in Anbetracht der hervorragenden Leistung Ihres verstorbenen Mannes, Ihnen dies persönlich mitzuteilen.“

Danke“ war das einzige Wort, welches über die Lippen der Frau kamen.

Der Ministerpräsident erhob sich und man merkte seiner Sprache und seinem Verhalten an, es war ihm wirklich so ums Herz, wie er sprach: „Frau Sonnenberg, ihr Mann hat sich um das Leben vieler Menschen verdient gemacht. Es ist mir klar, dies kann kein Trost für sie sein. Aber ich habe die Hoffnung, es hilft ihnen leichter über den Schmerz hinwegzukommen.“ Er reichte ihr die Hand. Der Kaffee in seiner Tasse wurde nicht mehr getrunken.

Als der Ministerpräsident sich in die Polster seines Wagens sinken ließ, konnte er einen Seufzer nicht unterdrücken. Das Leben ist undurchsichtiger als ein Autoscouter. Er war sich nicht im klaren, ob jedes Mal die Richtigen zum Opfer wurden. Als er den letzten Blick über den Vorgarten schweifen ließ, sah er einen wuscheligen Hund, der keine Ruhe ließ, bis die schwarz gekleidete Frau den Stock warf, den er ihr vor die Füße gelegt hatte.

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