Volker Walter Robert Buchloh

Eine etwas andere Geschichte der Entstehung des Christentums

 

Eine etwas andere Geschichte

der Entstehung des Christentums.

 

2019

 

von

Volker Buchloh

 

 

Die Entstehung des Christentums steht und fällt mit der Person Jesus. Dieser Jesus ist, da beißt keine Maus einen Faden ab, ein Jude. Und dieser Jesus will ein Jude sein. Er wird zwar von den Juden als Außenseiter, gar als Abtrünniger gesehen, was aber an seiner Religionszugehörigkeit nichts ändert. Auch Jesus selbst hat sich als Jude begriffen. Er hatte weder das Bestreben eines Religionsgründers, noch wollte er ein Christus sein, wie die katholisch-orthodoxe Kirche dies darstellt. Um die Beweggründe dieses Jesus zu verstehen, ist ein Rückblick auf den jüdischen Glauben notwendig.


 

Die Juden verstehen sich als auserwähltes Volk unter allen Völkern. Aber wie so oft fallen Anspruch und Wirklichkeit auseinander. Wenn man dem Alten Testament Glauben schenkt, dann basiert dieser Absolutheitsanspruch auf Moses. Auf diesen Moses beziehen sich all die Gesetze, die jüdisches Leben und Handeln ausmachen, und die die Einzigartigkeit ihres Glaubens bestimmen. Das gelobte Land, wie sie es benennen, wird unter die 11 Stämme Israels aufgeteilt, dem zwölften fällt die Pflege des Heiligtums zu. Schaut man sich die Geschichte der Juden in dem Landstrich an, den sie als von Gott zugewiesen betrachten, dann bestätigen die geschichtlichen Fakten dies für die ersten hundert Jahre nach der Besiedlung. Wenn überhaupt. Dann ist Schluss mit der Einzigartigkeit. Danach schrumpfen die 12 Stämme Israels geografisch-politisch gesehen auf drei zusammen: Der Stamm Juda, der Stamm Israel, und die Leviten, als Hüter des Heiligtums in Jerusalem. Ein großer Bruch ist die Vertreibung aus ihrem `Gelobten Land´, die man als Babylonische Gefangenschaft kennt. Nach dieser Gefangenschaft findet zwar eine Rückbesiedlung statt, aber die politische Dimension des Judentums ist beendet, und lässt sich auch nicht mehr herstellen. Der Glaube an Jahwe bleibt das Verbindende Element, denn ein Judäa oder ein Israel existiert als souveräner Staat nicht mehr. Die Juden bleiben nur eine der vielen Völkerschaften in diesem ehemaligen jüdischen Siedlungsgebiet. Nur ein Teil der der Bevölkerung stellen Gruppen jüdischen Glaubens dar. Die anderen Kulturkreise über dergestalt Einfluss auf den jüdischen Glauben aus, das diesen verwässert. Das Alte Testament kennt eine Reihe von Propheten, die dieses „Zerfall“ beklagen, und den Weg zurück zu den Werten Moses einklagen. Beispielsweise können hier die Pharisäer genannt werden, die den Juden allerdings feindlich gegenüberstehen. Dazu kommen eine Reihe von Besatzungsmächten, die sich die Klinke in die Hand geben. Nur um hier zwei zu nennen: Alexander, der Grieche – den am auch den Großen nennt – und die Römer. All das zerrt an der Einzigartigkeit des jüdischen Selbstverständnisses.

So verbleibt nur die Religion als einigendes Medium. Auch in Glaubensfragen läuft bei den Juden nicht alles rund. Glaubt man dem Alten Testament, dann liest man dort eine Reihe netter Geschichten. Die machen auch heute noch eine kulturelle Basis europäischen Selbstverständnisses aus. Die entscheidende Botschaft dieses Alten Testaments ist indes der Unglaube der Juden selbst. Immer wieder treten Propheten auf, die den jüdischen Sittenverfall geißeln und der `Gottlosigkeit´ der Bevölkerung entgegentreten. Die Ursache des Glaubensabfalls sind die Sitten und Gebräuche der Fremden – also Nichtjuden und deren Kulturen. Diese bringen neue Sitten und Gebräuche mit sich und verführen permanent die gesetzestreuen Juden. Trotz Androhung von Jezebel, Fegefeuer oder von Jahwe zugewiesene Strafen in Form von Katastrophen bleibt der Erfolg allerdings aus. Dem Bund mit Jahwe folgt schon zu Moses Zeiten der Neue Bund. Folgt man den Aufzeichnungen dieses Testaments, dann werden immer wieder neue Bünde den Ungläubigen unter den Auserwählten mit Gott in Aussicht erstellt. Eine Tragödie im Selbstwertgefühl eines auserwählten Volkes. Fasst man die politische Besatzung und den religiösen Zerfall zusammen, dann ergibt sich die Frage nach dem Warum.

Die Antwort findet sich in der Apokalypse. Eine solch chaotische Gegenwart, ein Zerfall des Glaubens und der Sitten, der Verlust von Selbstbestimmung und Heimat kann nach dem jüdischen Selbstverständnis eines gesetzestreuen Juden nur durch Jahwe selbst gelöst werden. Aus der Geschichte von der Arche Noah weiß man, dass Gott, wenn es ihm zu bunt ist, mit dem Besen den Saustall ausmistet. Jahwe, der Gott des Alten Testaments ist ein wütender Gott. Es erscheint unumgänglich, das dieses Ausmisten erstens geschehen muss und zweitens unmittelbar bevorstehen muss. So kann es einfach nicht weitergehen. Man glaubt an das Ende aller Zeiten, und am Ende steht nach jüdischer Überzeugung das Jüngste Gericht. Nach der damaligen Vorstellung von Gerechtigkeit sortiert Gott nach dem Motto: Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen. Gemäß ihres Selbstverständnis als Auserwähltes Volk können nur die Juden diesen Untergang `überleben´. Jahwe wird nicht, wie bei Noah geschehen, von allen eine Auswahl retten. Jahwe wird diesmal zwischen Gläubigen und Gottlosen unterscheiden. Das Jüngste Gericht. Nur die Gläubigen wird er zu sich aufnehmen. Den Rest der Menschheit wird er aber in die verdiente Tonne kloppen. Es setzt eine erneute Bekehrungsbewegung ein, den Anteil der Gläubigen innerhalb der Juden zu erhöhen, sie zu erretten.

Dieser nahende Weltuntergang ist ein Katastrophenscenario schlimmsten Ausmaßes. Ein Morgen gibt es nicht, eine Zukunft ist undenkbar. Es ist schlimmer, als bei einem Vulkanausbruch vor dem immer schneller folgenden Lavamassen davon zu laufen. Das einzige. was zählt, ist der wahre Glaube. Nur dieser besänftigt Jahwe und bietet die Chance, im Jenseits zu überlegen. Diese Angst war so dominant, dass auch die ersten Juden-Christen vom Weltenuntergang überzeugt waren. Spuren dieser Überzeugung wird auch heute noch im christlichen Glauben tradiert. Nur ist er heute bedeutungslos, weil keine Seele daran noch glaubt. Damals sah sich die jüdische Welt aber am Rande des Abgrunds der Menschheit.

In diese Atmosphäre lebt dieser Jesus. Als Galiläer weiß er um die Verführbarkeit durch den Einfluss fremder Kulturen auf den jüdischen Glauben. Die prägende Kultur dieser Region ist die griechische. Er verdammt diese unheilvolle Entwicklung. Auch er verdammt, was die Propheten als Sittenlosigkeit geißeln. Auch er glaubt an das baldige Ende der Welt und an das nahende Gericht. Er ist überzeugt, dass Jahwe die Ordnung wieder herstellen wird. Auf sein Selbstverständnis als Jude wurde bereits hingewiesen. Auch er will nur gläubige Juden aus diesem Chaos retten. Der Rest der Menschheit interessiert ihn nicht. Nach seinem Verständnis vom jüdischen Glauben ist dieser Teil der Menschheit sowieso verloren. Was ihn in dieser Thematik einzigartig macht, ist der Weg, den er als Lösung dieses Problems sieht.

Jesus sieht den Fehler in der Konstruktion des jüdischen Glaubens. Er ist zu der Auffassung gelangt, dass Gott keine rächende Instanz ist, sondern ein liebender, verzeihender Vater. Dazu kommt die Praktizierung des Glaubens. Eine bloße Anwendung der jüdischen Gesetze und Bräuche kann nicht der Weg zu Jahwe sein kann. In diesem Kulturgemisch Galiläas hat er gesehen, wie oberflächlich sich dieser jüdische Glaube entwickelt hat. Man befolgt die Gesetze pro forma, und vertraut darauf, dass dies für eine Himmelfahrt ausreicht. „Wenn einer in meinen Satzungen wandelt und meine Gesetze hält, in dem er treulich danach tut – der ist gerecht, der soll am Leben bleiben.“ (Ez 18,9) Gesetz und Glaube an Jahwe gehören unabdingbar zusammen. Jesus erkennt, wie oberflächlich der Weg über die Befolgung von Gesetzen und Satzungen zu Jahwe geworden ist. Ich will dies als den äußerlichen Weg zu Gott bezeichnen. Der Weg zu Jahwe kann seiner Meinung nach nicht durch den Kauf von Opfertieren oder Geldgeschenken an die Priester erfolgen. Auch die jährlich vorgeschriebene Reise aller Juden nach Jerusalem hat nur pekuniäre Vorteile für die Hüter des Tempels. Ja, der Tempel als Marktplatz des Glaubens ist für den Mann aus Galiläa der falsche Weg zu Jahwe und seiner Gnade.

Das revolutionär Neue dieses Jesus ist die Andersartigkeit des Glaubens. Ich möchte dies als inneren Weg zu Gott bezeichnen. Aus einer kollektiven Verantwortung, wie bei den Juden, wird für ihn eine singuläre. Der einzelne Mensch muss sich direkt an Jahwe wenden. Im Gebet oder durch Handeln tritt er in Zwiesprache mit seinem Schöpfer. Ihm ist er alleine verantwortlich, oder rechenschaftspflichtig. Nur in dieser direkten Verantwortung steht er in Verbindung zu Jahwe. Es gibt nichts, worauf man seine Verantwortung bei Sünden abwälzen kann. Kein Opfertier, keine Spende, kein Scherflein bringt eine Vergebung Jahwes. Nur Gebet, Reue, barmherzige Tätigkeiten finden den Zugang zu Jahwe. Nur durch sie erfährt der gläubige Jude die Gnade des Herrn. Man kann sich aber nie sicher sein, dass Jahwe diese Beiträge würdigt, oder ob sie dafür ausreichen. Glaube bedeutet für Jesus, sich bedingungslos Jahwe auszuliefern, und zu hoffen, dass man alles richtig gemacht hat. Diese Unsicherheit ist der Motor für künftiges Handeln. Man hat keine Zeit dazu, denn alles geht ja den Bach herunter. Das Endzeitgericht naht. Deshalb zieht er durch die Lande und predigt.


 

Dies ist nicht nur ein Bruch des Heilweges zu Jahwe mittels der seit Moses praktizierten Gesetze. Es ist eine Neuorientierung des jüdischen Glaubens. Das ist die wahre Revolution. Das macht Jesus zum Revolutionär. Damit geht einher, dass damit eine Machtverschiebung und damit ein Verlust ökonomischer Ressourcen innerhalb der jüdischen Führungsschicht verbunden ist. Und wegen des drohenden Untergangs sieht auch er keine Zeit, seine Vorstellungen auf die lange Bank zu schieben. Um es anders auszudrücken: Der indirekte Weg der jüdischen Gläubigen über eine Schicht von Priestern zu Gott ist eine Sackgasse. Kein Wunder, dass, unter dem Vorgaukeln einer Staatsgefährdung, dieser Jesus ans Kreuz geschlagen wird. Sein Tod löst alle politischen und religiösen Probleme. Aber damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende.


Sie gehr weiter mit dem, was seine Anhänger daraus machen. Die einsetzende Entwicklung, die von den Anhängern seiner Bewegung eingeschlagen wird, verläuft zunächst im Sande, weil sich die erhoffte Endzeit nicht so schnell einstellt. Aber der Grundgedanke Jesu, des direkten Weges zu Jahwe bleibt in der Welt: Die Hingabe des Einzelnen zu Jahwe, und das gütige Wesen Gottes. Parallel dazu entwickeln sich Sachen, die man nicht willentlich anstrebt. Die Zeit nach seinem Tode verstreicht. Die Botschaft verwässert sich, weil Menschen nur das weitergeben, was und wie sie es verstanden haben. Worte sind vergänglich, Gedanken beflügeln das Gehörte. Schriften halten sich über die Zeit. Nur die Botschaft Jesu ändert sich dadurch. Diesem Jesus ging es nicht um Worte, die man in Evangelien gesammelt und geordnet hat. Die Exegese solcher Evangelien war ihm genauso fremd wie die Auslegung ihm zugeschriebener Worte. Es geht nicht um Mission. Es geht ihm nicht um Manifestierung von Macht in Glaubensfragen. Für Jesus wäre alles dies Blasphemie. Die Entwicklung verselbstständigt sich. Aus Jesus ist ein Christus geworden, aus Jahwe ein Gott.

All das, was Menschen diesem Christus zuschreiben, was man dazu dichtete oder wie man seine vermeintlichen Äußerungen auslegte, was man als glaubensfeindlich diffamierte, oder als Handlungsanweisung deklarierte, um eigenes Handeln zu rechtfertigen, all das was, die nachfolgenden Generationen daraus machen, sind die Ströme, was wir als Kirche bezeichnen.

Jesus revolutionäre Sichtweise der Dinge hat sich in sein Gegenteil verkehrt. Er verdammte die Zwischenschaltung des Tempels zwischen Gott und dem Menschen. Statt eines indirekten Weges zu Jahwe wollte er den direkten. Nun beginnt ein neuer, wieder indirekte Weg des Menschen zu Gott. Wie sich bei den Juden die Tempelkaste zwischen Gott und dem Menschen gestellt hatte, übernimmt nun bei den Christen die Kirche diese Vermittlerrolle. Nur über sie wird ein Weg zu Gott gewiesen. Alles andere ist Häresie. Der Mensch ist zwar bei seiner Glaubensfndung nicht aus der Verantwortung entlassen, dafür sei Jesus Dank, aber nur durch die Kirche ist künftig das Seelenheil erlangbar. Und wie bei den Juden sich die Befolgung ihrer Gesetze aushöhlte, verkehrt sich kirchliches Handeln in einer langen Liste von Verfehlungen. Den einzigen Unterschied, den ich sehe, ist der blasser werdende Glaube an ein Jüngstes Gericht. Es wird also noch eine Zeitlang so weitergehen.

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