Volker Walter Robert Buchloh

Reliegionen

R e l i g i o n e n

Eine strukturelle Betrachtung

 

von Volker Buchloh

2021

 

Vorbemerkungen


 

Religion ist ein komplexes wie emotional brisantes Thema, dem man sich nur bedachtsam nähern sollte. Man muss bei bei diesem Thema zwei wichtige Aspekte unterscheiden. Es gibt eine persönliche Ebene und eine politische. Die persönliche Beziehung, die ein Individuum zur Religion hat, sucht, ist universales Menschenrecht. Sich damit zu beschäftigen, ist unakzeptabel. Es geht keinen etwas an, was ein anderer glaubt. Wer also unter diesem Gesichtspunkt des Glaubens sich diesem Thema Religion nähern will, der wird im Folgenden nichts finden, oder enttäuscht sein. Es ist somit allein die politische Dimension, die hier interessiert. Es kann allerdings sein, dass politische Ziele mit dem Bezug auf den individuellen Glauben versuchen, sich unangreifbar zu machen. Dann ist dies Ausdruck einer Ideologie, die sich einer politisch-religiösen Betrachtung entziehen will. Was aber bedeutet, dass man diese Verschleierung aufdecken muss. Diese Strategie, politische Ziele durch individuellen Glauben zu instrumentalisieren, soll hier nicht Vorschub geleistet werden. Gegenstand dieser Betrachtung ist somit die politische Dimension Religion.

Bei dieser Themenstellung erscheint es unumgänglich, sich ihrer Entstehung, ihrer Ausrichtung ihrer Instrumentalisierung in einer historischen Betrachtung zuwenden. Wie Religion sich heute zeigt, ist Ausfluss einer Entstehungsgeschichte. Religion ist nicht per se vorhanden. Sie ist Prozess einer geschichtlichen Entwicklung. Wie weit diese historisch zurückreicht, entzieht sich wissenschaftlicher Betrachtung. Man ist auf Mutmaßungen angewiesen. Es kann somit keine wissenschaftliche Untersuchung darüber geben, weil die Anfänge in einer Zeit liegen, in der es keine schriftlichen Quellen gibt. Es gibt allerdings historische Fakten, die aber der Interpretation unterliegen. Es kann in sofern weder einen Bezug auf Erklärungen anderer Autoren geben, noch eine Gewichtung, Gegenüberstellung von Meinungen stattfinden. Insofern kann es auch kein Literaturverzeichnis geben. Man ist aber diesen Fakten nicht hilflos ausgeliefert, weil es die Möglichkeit einer Plausibilität gibt. Es könnte auch alles anders sein, aber zumindest gibt es einen Weg, der plausibel erscheint. Dieser Plausibilität soll hier gefolgt werden.

Die Systemtheorie stellt die Strukturen zwischen Teilsystemen in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung. Auch die Thematik Religion kann in Bezug zu anderen Systemen gesehen werden. Es geht hier also nicht um eine Betrachtung, was Religion aussagt oder welche Bedeutung sie per se einnimmt. Im Mittelpunkt des Interesses steht die Frage, welche Aufgaben Religion in anderen Systemen übernimmt, oder welche Auswirkungen Religion aus diese hat.

Als methodisches Werkzeug wird hier ein Stufenmodell gewählt. Wohl wissend, dass sich Entwicklungen kontinuierlich generalisierend zeigen, bietet dieses Stufenmodell einige Vorteile. Sie konzentriert sich auf wesentliche Ereignisse, Merkmale, welche in dieser Phase bedeutend sind. Dadurch wird der tiefere Sinn der Entwicklung deutlicher. Durch die Aneinanderreihung von Stufen wird der Prozess der Entstehung von Religion verdeutlicht. Solche Abfolgen von Stufen finden nicht an jedem Ort zur gleichen Zeit statt. Zeitliche Verzögerungen sind eher die Regel, denn das Normale. Durch äußere Einflüsse ist es sogar möglich, regional Stufen zu überspringen oder auch zurück zu gehen.Bei der Analyse ist es sogar möglich, dass man ein feineres Stufenraster anlegen kann, ja nach dem, welches Erkenntnisinteresse man verfolgt. Aber dann bedient man sich schon dieses Modells.


 

1. Die Stufe Null

Die Position, es gibt keinen Gott, ist nicht überraschend und bei Leibe nicht neu. Der Streit darüber war bislang ein Glaubensstreit. Die einen glauben an Gott, die anderen eben nicht. Es ist somit müßig, diesen Streit weiterzuführen. Getretener Quark trägt auch nicht stark. Die Frage nach der Entstehung von Religion erscheint hier zielführender. Religion hat einen Sinn. Sie war nicht von Anfang an da, wie es heute verkauft wird. Sie hat sich entwickelt. Neu ist also der Weg, zu erklären, ist warum es Religion überhaupt gibt, wie sie entstanden ist. Religion hat mit den Menschen zu tun. Alles was hier geschieht, ist Menschenwerk. Es gibt keine unmittelbare Einwirkung eines Gottes. Es sind die Menschen, die dieses Konstrukt geschaffen und entwickelt haben. Götter sind Spiegelbilder oder Reflexionen menschlichen Geistes. Das lässt sich an vielen Fakten zeigen. In soweit, wie Religion eine individuelle Sache ist, steht sie gleichberechtigt neben der Meinungsfreiheit. Wie das Individuum sich sein Leben erklärt, ist Privatsache. Man kann sich darüber austauschen oder auch indoktrinieren. Diese Freiheit wird hier zugestanden und wird hier nicht weiter durchleuchtet.

Aber Religion hat auch eine gesellschaftspolitische Bedeutung. Das betrifft alle und muss sich deshalb einer kritischen Analyse unterziehen lassen. Bei genauerem Betrachten zeigt sich, wie sehr sich Religion einen bestimmenden Platz in menschlichen Gesellschaften erobert hat. Sie verkauft sich gerne als zweckloses Gebilde, was sie aber nicht ist. Sie ist ein Fundament gesellschaftlichen Handels und gestaltet dort fleißig mit. Ihr Handel versteht sie jedoch erfolgreich zu verschleiern. Sie präsentiert sich als naturgegeben. Dabei erweckt sie den Anschein, als existiere ein Gott so, wie Materie existiert. Man unterstellt Gott, diese Materie ja selbst geschaffen zu haben. Gott soll mehr sein, als Materie, aber er muss dann auch Teil von Materie sein. Damit ist ein Hinterfragen: Warum ist es so, wie es ist? verboten. Auch eine Kritik an dem momentanen Zustand der Materie verbietet sich dadurch. Eine solche Frage, oder eine solche Kritik kann hier aus menschlichem Versagen nicht geleistet werden. Was man aber leisten kann ist die Fragestellung: Warum gibt es überhaupt Religion? Was steuert sie? Warum macht sie das? Die Antwort darauf findet man, wenn man sich der Entstehung von Religion zuwendet. Religion ist eng mit der Entstehungsgeschichte der Menschheit verbunden. Sie hat sie stetig begleitet, zunächst unerkannt, später bestimmend. Wenn wir also über Religion sprechen, dann müssen wir uns der Menschwerdung zuwenden.

Wir beginnen, wie bei jeder Analyse mit der Betrachtung des Zustandes, bei dem alles anfängt. Wir befinden uns auf der Stufe des Tierreiches. Alle Abläufe finden entsprechend der genetischen Struktur statt, die sich im Laufe der Entwicklung des Lebens auf diesem Planeten gebildet haben. Sie findet nach Gesetzmäßigkeiten statt, die hier nicht interessieren. Aber sie dokumentieren sich in einem genetischen Bauplan. Das Leben von Pflanzen und Tieren folgt so den wechselnden Jahreszeiten und den örtlichen Gegebenheiten. Für unsere Betrachtung kann man den Bereich Pflanzen ausklammern.

Bestimmend im Tierreich sind hierbei die Funktionen Selbsterhaltung und Fortpflanzung. Andere Bestimmungsfaktoren können aus diesen Basisfunktionen abgeleitet werden. Man lebt so, wie sich die jeweilige Situation darstellt und wie man sich an Änderungen gemäß der genetischen Struktur anpassen kann. Erst bei bedeutsamen Änderungen erfolgt eine Änderung des Verhaltens, was sich genetisch manifestiert. Diese werden so zu biologischen Tatsachen. Änderungen der Umwelt werden klaglos akzeptiert. Verlaufen sie entsprechend der genetischen Matrix ab, dann ist das Leben problemlos. Bei unerwartet, stochastischen Störungen wird versucht, entsprechend der genetischen Vorgaben darauf so gut wie möglich zu reagieren. Sind diese Verhaltensweisen erfolgreich, dann werden sie in den genetischen Bauplan integriert und vererbt. Sind sie nicht erfolgreich, dann ist das Leben beendet. Tod bedeutet damit das Ende einer Entwicklung, eine Einbandstraße sozusagen. Das ist der Rhythmus von Leben und Sterben.


 


 

2. Stufe Relation


 

Es gibt vielerlei Versuche, den Menschen vom Tier unterscheiden zu helfen. Hier gehen wir davon aus, dass der Mensch beginnt, über seine Situation nachzudenken. Er nimmt Umwelterscheinungen nicht nur als Unabwendbares wahr. Er beginnt solche Erscheinungen in Beziehung zu seiner Existenz zu setzen. Es blitzt nicht nur, weil es blitzt. Der Blitz hat eine Bedeutung. Man kennt sie nicht, aber es muss einen Grund geben, warum es blitzt. Dieses Bemühen ist vielfältig, weil ja auch die Abläufe der Naturgewalten hochkomplex sind. Aber einfache Relationen werden zunächst klar: Der Zusammenhang zwischen Helligkeit und Sonne, der Zusammenhang zwischen Helligkeit und Dunkelheit, der Zusammenhang zwischen Tag und Nacht, die Verbindung von Blitz und Donner, die Beziehung von Blitz und dunklen Wolken, der Zusammenhang von Überschwemmungen und ausdauerndem Regen. Solche Erscheinungen erzeugen Angst. Regen.Aber auch die Entstehung von positiven Emotionen: Helligkeit ist angenehm, Dunkelheit verbreitet Angst oder Unbehagen. Die Beschäftigung mit solchen Phänomenen wirkt bewusstseinsbildend. Der Mensch hat das Beziehungsgeflecht Reiz-Reaktion verlassen.

Der Mensch beginnt, sich auf diese Zusammenhänge einzustellen. Sie nehmen Platz ein im Verhalten der Menschen. Die Einstellung einer Prophylaxe bahnt sich einen Weg. Zu den genetisch verankerten Verhaltensweisen kommt nun die Möglichkeit hinzu, nicht genetisch bedingte Faktoren in die Lebensplanung mit einzubeziehen. Es beginnt das, was wir als Steuerung bezeichnen.Eine solche Änderung der Verhaltensweise muss erfolgreich sein, sonst würde sie sich nicht fortsetzen.


 

3. Stufe Egobezug

Der Mensch beginnt über die Zusammenhänge des Wahrgenommenen nachzudenken und darüber zu kommunizieren. In den Menschen setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Abläufe nicht für sich geschehen, nicht geschehen können. Es muss einen Grund dafür geben. Das, was er wahrnimmt, passiert, weil es eine Bedeutung für den Menschen haben muss. Kein Lebewesen auf Erden ist dazu in der Lage so etwas wahrzunehmen, nur er selbst. Es beginnt die Entwicklung eines Selbstbewusstseins.

Durch die Sinnhaftigkeit solcher Botschaften zieht der Mensch Vorteile für sich. Der Prozess, sich später als Krone der Schöpfung zu begreifen, beginnt hier. Aus dem Drang, sich irgendwo zu verkriechen, beginnt die planmäßige Errichtung von Unterkünften. Aus dem Drang, sich vor Kälte zu schützen, entsteht Kleidung. Dies stärkt das Überlegenheitsgefühl gegenüber der Tierwelt. Man beginnt die genetisch vorhandenen Fähigkeiten, Werkzeuge zu entwickeln, auszubauen. All dies baut das Selbstbewusstsein des Menschen weiter auf. Der Mensch wird zum Agens. Aber vieles geschieht nach wie vor, was er nicht begreift. Anpassung ist keine hinreichende Bedingung des menschlichen Lebens. Obwohl er sich erhabener gegenüber der Tierwelt einschätzt, geschehen nach wie vor Sachen, die ihm Angst einflößen. Aber was geschieht, dass muss mit ihm als Menschen zu tun haben. Das ist die logische Konsequenz. Die Einschätzung – auch die der unerklärbaren Vorgänge - alles geschehe nur seinetwegen, nimmt in seinem Leben an Bedeutung zu.


 


 

4. Stufe Außerirdische Kräfte


 

Die einzig logische Erklärung ist die Existenz mehrerer außerirdischer Kräfte. So wie der Mensch sich als handelndes Wesen sieht und begreift, muss das Unbegreifliche etwas sein, das genau so denkt und handelt, wie er selbst. Nur versteht es der Mensch noch nicht. Die Naturgewalten sind nur insofern sinnvoll zu begreifen, wenn diese Gewalten ähnlich des menschlichen Denkens handeln. Der Mensch überträgt somit seine Denkmuster auf das Geschehen in der Natur. Wenn der Mensch allerdings diese Kräfte in Relation zu den eigenen Kräften setzt, dann muss er eingestehen, dass diese Naturkräfte viel gewaltiger sind, als das eigene Vermögen. Das ist nicht nur befremdlich, sondern lässt auch Gefühle von Angst, Bedrohung oder Unterwürfigkeit als sinnvoll erscheinen. Man sieht sich in einer Zwangslage, aus der man nicht herauskommt. Ein solcher Zustand psychischer Bedrängnis kann kein langandauernder Prozess sein. Man begibt sich auf der Suche nach einer Lösung. Es ist naheliegend, von sich auf andere zu schließen – was bleibt ihm auch anders übrig. Wenn man sich als handelnde Person begreift, dann müssen auch diese außerirdischen Kräfte handelnde Personen sein – können es nur sein. Irgendwie. Entsprechend der eigenen Wahrnehmung können diese, des eigenen Verständnisses nach, nur dem Menschen ähnliche Wesen sein. Aus der Sonne, die am Himmel wandert, wird die Sonne als Kraft, die Leben spendet. Aus der Dunkelheit wird der Tod, das Schattenreich. Entsprechend der gemachten Erfahrungen werden diese personifizierten Kräfte als positiv oder negativ, für das menschliche Leben als angenehm, nutzbringend betrachtet, oder als zerstörend und todbringend. Es entstehen personifizierte Übermenschen - Götter, welche die Geschehen lenken. Sie tun das, was der Mensch nicht vermag. Was der Mensch nicht weiß, dass wissen dies Götter. Diese steuern alles Geschehen, planvoll, auch wenn der Mensch dieses nicht in jedem Fall begreift.

Es können aber auch personenlose Wesen sein – Geister. Diese sind in der Regel negativ besetzt. Sie haben allein die Aufgabe, Angst zu verbreiten. Damit dienen sie nur der Disziplinierung der Menschen. In der Entwicklung von Religion weisen sie in eine Einbahnstraße. Eine Einbahnstraße, in der es keine Weiterentwicklung gibt. Das erklärt sich schon rein psychisch. Wenn ich vor jemandem Angst habe, dann kann er mir unmöglich auch als gutmütiges Wesen erscheinen. Ein Gott kann das allemal. Was der Mensch allerdings vermag, ist eine Einflussnahme auf das Handeln dieser Geister. Es entsteht eine Kultur von Opferrieten. Allerdings sind solche Gaben nicht immer zielführend. Eine Erklärung wird aus den menschlichen Verhaltensweisen abgeleitet.


 


 

4. Stufe Die Relation Mensch-Götter


 

Es ist eine zwingende Schlussfolgerung, dass der Mensch Einfluss auf das Geschehen nehmen möchte. Vor allem, wenn es zu seinem Nachteil geschieht. Wenn Menschen ihre Einstellungen ändern, warum sollte das bei den Göttern anders sein? Ein Geschenk hat unter anderen die Aufgabe, sich positiv in Erscheinung zu bringen. Dies ist eine Interpretation von Fakten, die sich mal zustimmend, aber auch strafend begreifen lassen. Was sich für uns heute als komplexe Naturereignisse erklärbar ist, ist in dieser frühen Phase der Naturbeobachtung ein Wechselspiel von widersprechenden Resultaten. Wolken können dunkel werden, aber es muss nicht immer zu einem Gewitter führen. Selbstverständlich ist eine solche Sichtweise auch psychisch angenehmer zu verkraften. Der Mensch kann zwar an den Erscheinungen nichts ändern, aber es besteht zumindest die Möglichkeit, darauf Einfluss nehmen zu können. Solche gängigen Handlungen sind das Gebet und das Opfer. Sie unterscheiden sich in ihrer Intensität zu der Gottheit. Ein Gebet beinhaltet nur eine Absichtserklärung, etwas zu tun, oder etwas zu unterlassen. Ein Opfer hingegen ist eine Aktion. Sie ist Handeln, um die Ernsthaftigkeit des Tuns zu unterstreichen.

Außerdem begibt man sich in ein Verhältnis von Kumpanei. So nach dem Motto: Du bist zwar der Boss, aber wir beiden haben einen Deal. Das rückt die Götter in menschliche Nähe. Ebenfalls ein Merkmal, was den Menschen von der Natur abhebt. Der Mensch kann Einfluss nehmen, das Tier nicht. Als Beispiel könnte man die Stelle aus Genesis nehmen. Der Gott redet mit den Menschen. Er teilt ihm seine Regeln mit. Er gewährt ihm Vorteile, die er natürlich auch entziehen kann. Es ist nirgendwo bekannt, dass irgend eine Gottheit dies mit Tieren oder Materie (Stein) gemacht hätte. Aber dieses Sonderverhältnis Mensch – Gottheit bedingt eine menschliche Verhaltensänderung. Der Mensch wird gezwungen, eine mehr oder minder hohe Aufmerksamkeit diesem Wesen zu widmen. Der Schritt zur periodischen Verkündungen und Nachweisen dieser Beziehung ist beschritten. Eine solche Verehrung ist mehr oder minder individuell, wobei es auch zu lokalen Gruppierung geringer Menge kommen kann. Es entstehen auf diese Weise eine Vielzahl von lokalen Gottheiten, die sich voneinander in Verehrung, Ritualen oder Intensität unterscheiden, aber nie in Beziehung zueinander stehen.


 


 

6. Stufe: Trennung


 

In dieser Phase der Religion vollzieht sich eine Trennung in den Vorstellungen über Gottheiten. Man kann sie geografisch einigermaßen genau verorten. Da ist einmal der europäisch-vorderasiatische Raum und der des fernen Ostens. Im ersteren findet der oben beschriebene Personifizierungsprozess statt. Auf diesen werden wir weiter unten genauer eingehen. Im fernen Osten steht die Suche nach dem Wesen von Religion im Vordergrund. Religion wird somit nicht zur Erforschung des Geheimen, sondern Motivation ist hier die Suche nach dem Weg der Verständnis. Religion ist hier ein permanenter Prozess, der ergründen will, was machen diese Kräfte aus, die man beobachtet. Diese Kräfte verfügen über Eigenschaften oder auch Wissen, welches ich (noch) nicht besitze. Wenn diese vermögen zu begreifen, was der Sinn des Lebens ist, dann muss mir als Mensch das auch möglich sein. Religion wird so zu einem Weg, der den Suchenden zum Licht am Ende des Tunnels führt. Es ist die Aufgabe des Menschen, diesen Weg zu beschreiten, diesem Sinn nachzueifern. Es gibt dabei nur ein Ziel, mag man es sich als Licht am Ende des Tunnels oder als Resultat eines Erkenntnisprozesses vorstellen. Es ist auf jeden Fall ein individueller Weg, kein kollektiver. Hinduismus, Taoismus, Buddhismus sind nur die Autobahnen auf diesem Weg. Letztendlich muss jeder Einzelne sich allein auf den Weg machen. Bei dieser Suche kann es keinen Zwang geben, wie er bei den monotheistischen Religionen der Fall ist. Dies ist einer der Gründe, warum diese Religionen friedfertiger sind. Es verbietet sich, an dieser Stelle eine Bewertung vorzunehmen. Aber diese Erkenntnisreligionen liefern, strukturell gesehen, kaum Einfluss auf den politisch strukturellen Raum. Ganz anders die personifizierten Religionen.


 


 

7. Stufe Personifizierung


 

Mit der Personifizierung der Gottessuche bieten sich andere Möglichkeiten an, Einfluss auf politische Systeme zu nehmen. Mit dem Erwerb sprachlicher Fähigkeiten kommt es auch zum Austausch über Gottheiten. Man muss sie beschreiben, damit der andere einen versteht. Man lässt sich Götter beschreiben, was den Erfahrungshorizont des einzelnen Menschen erweitert. Diese Erkenntnis bringt den Vorteil, besser Bescheid zu wissen, als der Nichtgläubige. Das Leben wird dadurch überschaubarer. Der Mensch sieht Sinn in seinem Handeln. Wenn alle an einem Strang ziehen, dann ist gesellschaftlicher Erfolg größer als individueller. Die kulturelle Leistung steigt exponentiell. Es lohnt sich an spezifische Götter zu glauben.

Wie aber sehen diese Götter aus? Es gibt zahlreiche Erklärungsversuche. Sie beginnen, Kräfte der Natur mit Leben zu versehen. Zunächst formlos, dann immer konkreter. Der Mensch ist dabei nur in der Lage, vom Menschen auf die Gottheit zu schließen. Ist ist leichter verständlich und leichter kommunizierbar, wenn die Götter vorstellbar sind. Hier beginnt der Prozess der Personifizierung. Durch den Austausch von Menschen über ihre Vorstellungen nehmen diese Götter immer konkretere Formen an. Das bezieht sich nicht nur auf Äußerlichkeiten sondern auch auf Kernaufgaben. Die mündliche Weitergabe über Generationen verfestigt solche Vorstellungen zu Bildern. Diese werden allerdings nicht skizziert. Sie bleiben geistige Konstrukte. Diese Personifizierung vereinfacht die Kommunikation und konkretisiert die Aufgabenstellung.

Die Herausbildung gesellschaftlicher Strukturen bei den Menschen wird auch auf die Götterwelt übertragen. In dem Maße, wie sich Menschen arbeitsteilig organisieren, wird dies auf die Götterwelt übertragen. Die Gottheiten werden speziellen Zuständigkeitsbereichen zugeordnet. Das kann sich lokal überschneiden, oder gar widersprechen. Aber es entstehen Ansprechpartner für die menschlichen Probleme. Ebenfalls werden die Machtstrukturen auf die polymorphe Götterwelt übertragen. So wie einer in der Sippe das Sagen hat, muss es logischerweise eine Gottheit geben, die den Götterhimmel organisiert. Es entstehen Götterfamilien, in denen es so abläuft wie im menschlichen Leben. Beispielsweise: Machtkämpfe, Intrigen, Konflikte innerhalb der Göttergemeinschaft, Inzest, Mord und Totschlag. Auf diese Weise übernimmt die Götterwelt die Funktion des Vorbildes für die Gläubigen. Sie erteilt Ratschläge, wie man es in speziellen Fällen verhalten soll, oder eben nicht. Die Götter werden so zu einer pädagogischen Institution für die bestehenden und künftigen Generationen. Es ist zu bezweifeln, dass die damaligen Menschen dies bewusst wahrgenommen haben.n

Durch diese mündliche Überlieferung entstehen so in sich geschlossene Geschichten um diese Gottheiten. Der menschliche Erfindungsgeist schmückt diese Erzählungen mit der Zeit aus. Die personifizierten Götter werden so in fiktive Geschehnisse gehüllt. Diese Mythen runden die Person der Gottheit ab, machen die Gottheiten deutlicher, verständlicher, nachvollziehbarer. Der Glaube an externe Weltenlenker beginnt sich dadurch zu vertiefen und zu verfestigen. Wie die Menschen an Mythen ihrer Entstehungen interessiert sind, wird das auch den Gottheiten unterstellt. Dies hat den Vorteil, dass es Erklärungen darüber gibt, wieso es so ist, wie sich die Welt darstellt. Die Mythen der Entstehung der Welt (Erde), und damit der Gottheiten, sind vielfältig. Von der Knospung über Heimarbeiten der Gottheit, Geschlechtsakte, Aufteilung vom Nichts in Erde und Himmel gibt es ein Sammelsurium von Erklärungsversuchen her. Zweck und Ziel all dieser Erklärungsversuche ist neben der Entstehung, warum Menschen eigentlich existieren, auch die Bestätigung seiner hervorragenden Stellung in dieser Welt.


 


 

8. Stufe: Religion und Macht


 

War die Beziehung Mensch – Götter bisher mehr oder minder individueller Art, gibt es einige Personen, welche die Religion für eigene Zwecke auszunutzen verstehen. Die menschliche Gesellschaft ist keine Stammesgesellschaft mehr. Das Wesen von Herrschaft muss sich ändern, weil die menschliche Gesellschaft mit Zunahme ihrer Menge immer komplexer wird. Stadtstaaten entstehen. Dieser Prozess resultiert aus den Strukturen, die sich als notwendig erweisen, will man größere ökonomische Aufgaben bewältigen. Entwässerungsprojekte, Kanalbau, Felderbestellung, Ernten, Lagerung der Feldfrüchte, oder Steuereintreibung bedürfen größerer Menschenmassen. Motivation solcher Kulturleistungen ist die Gier nach Reichtum, und Herrschaft macht reich. Der Ertrag dieser Gesellschaften fällt demjenigen zu, der an der Spitze solcher sozialen Gebilde steht. Allerdings kann er das Erwirtschaftete nicht zu 100 Prozent für sich beanspruchen. Er muss zwecks Motivation einen Teil davon an andere abgeben. Aber der Ertrag ist so märchenhaft groß, dass für den Herrscher genügend übrig bleibt. Die Legitimation von Aneignung und Verteilung bringt uns zu unserem Thema zurück. Der Mann an der Spitze muss sich legitimieren, warum gerade er – und nicht andere – berechtigt ist, die Aneignung der Erträge und die Befehlsgewalt über diese Reichtümer zu übernehmen9. 1 Der Königshof

Der Königshof oder das zentrale weltliche Machtzentrum ist an der Göttlichkeit des Herrschers ausgerichtet. Diese Göttlichkeit bezieht sich aber lediglich auch auf einen engeren Kreis von nahen Familienangehörigen. Mit der Zunahme des Herrschaftsgebietes sind aber eine Menge weiterer Aufgabenbereiche/Funktionen verbunden. Eine Zunahme von königlichen Beamten ist somit absehbar. Diese haben Ansehen, aber keinen Gottesstatus. Ihr Ansehen, ihre Macht, ihren Einfluss beziehen sie aus den Verwaltungsstrukturen. Was hier eingenommen oder ausgegeben wird festigt einen Beamtenkörper. So entsteht ein streng hierarchisch-strukturiertes System von Herrschaft. Unter dem Gesichtspunkt dieses Themas kann es als weltlich ausgerichtetes System gesehen werden. Dies geschieht unabhängig von der Religion und hat ihren Ursprung schon in vor-monotheistischen Zeiten.. Was liegt da näher als den Zugriff auf die Religion. Der Machthaber streut Erzählungen über die Entstehung seines Geschlechts, das sich in grauer Vorzeit von Gottheiten ableiten lässt. Er wird so zu einem Abkömmling der von Göttern gewollten Weltenordnung.

Der Preis, den dieser Abkömmling zahlen muss, sind Rituale, die ein Herrscher erfüllen muss, seien sie periodischer (Jahrestag der Thronbesteigung, Fruchtbarkeitsfeste) oder situationsgebundener (Kriegsführung, Katastrophen) Art. Er muss seinen Untertanen demonstrieren, mit den Göttern im Bunde zu stehen. Hat er mit seinem Handeln Glück, bestärkt dies seine Verbindung zu dem Gott seiner Existenz. Hat er Pech, dann versinkt seine Herrschaft in die Bedeutungslosigkeit. Aber es gibt immer andere, die das Spiel durchschauen und mit dem Spiel göttlicher Abstammung Karriere machen. Erfolg ist militärische Macht. „The winner takes it all!“

Von dieser Stufe der Entwicklung zur nächsten ist es nur ein marginaler Sprung. Hat man militärisch-ökonomischen Erfolg, erklärt sich selbst zu einer personifizierten Gottheit. Widerstand ist somit aus zweierlei Gründen unmöglich. Einmal, weil man die absolute Macht von Truppen in der Hand hat. Weiterhin erweist sich der Widerstand als Infragestellung der göttlichen Ordnung. Und wer will es schon mit einem oder mehreren Göttern aufnehmen. Hinzu kommt ein weiteres Strukturmerkmal. Waren die Herrschaftsgebiete in soweit übersichtlich, dass man den Herrscher persönlich kannte, wird bei wachsenden Territorien dieser Kontakt unmöglich. Die Herrscher fördern diesen Prozess, in dem sie sich eine eigene Welt schaffen, um ihren Reichtum zu genießen. Der Bau von Palästen ist ein Ausdruck dafür.

In der personellen Distanz zum Herrscher entfällt dieser menschliche Bezug. So bleibt den Bewohnern irgendwo im Herrschaftsgebiet – weit entfernt von seiner Person - nur die Sicherheit, die Götter kümmern sich um alles. Was auch geschehen mag, geschieht im Einklang mit dem Willen der Götter. Diese Sichtweise ist eine selbsterfüllende Prophezeiung. Solange alles klappt, geht es einem gut – und es geht Generationen gut (im Sinne von besser als bei den umliegenden Völkern). Brechen diese Gesellschaftssysteme zusammen, dann ist schnell Schluss mit dem Gemeinwesen. Die Kultur geht sang und klanglos unter. Keiner hat dann die Möglichkeit sich zu beschweren, geschweige denn zu überleben.

Es ist die arbeitsteilige Organisation dieser Gesellschaften, welches die Entwicklung voran bringt. Die Menschenmassen nehmen zu, die Territorien werden immer größer, die Aufgaben sind so gewaltig, dass eine einzelne Person diese unmöglich wahrnehmen kann. Während uns dieser Prozess im weltlichen Sektor hier nicht interessiert, müssen wir unser Augenmerk auf den geistlichen Sektor richten.

In dieser Phase entwickelt sich auch die Priesterkaste. Je komplexer die Gesellschaft wird, um so schwerer gelingt es dem Herrscher Machtausübung und Götterpflege unter einen Hut zu bringen. Ganz zu Schweigen von der Zeit, die er für seine Vergnügen braucht. Er setzt Priester für diese Aufgaben ein. Er bleibt zwar der Sohn Gottes ,oder der Gott selbst, aber im Rahmen einer Arbeitsteilung delegiert er Aufgaben wie die Sternendeutung an kompetente Personen. Bezahlt werden diese von den materiellen und pekuniären Opferabgaben, welche die Gläubigen an die Götter bereitstellen müssen. Diese Priesterkaste entwickelt ein Eigeninteresse an der Entstehung, Ausgestaltung und Weiterentwicklung des Reichs der Götter. Der Glaube wird somit immer konkreter und besser erfassbar, aber auch teurer.

Ebenso, arbeitsteilig bedingt, vergrößert sich die Gruppe der geistlichen Funktionsträger, die nun, infolge der Machtausübung, benötigt wird. Neben der weltlichen Macht entsteht so eine geistige Elite. Das Problem wird sein, Macht abzugeben, um sie dennoch zu behalten. Die geistlichen Funktionsträger müssen zunächst loyal sein und sie müssen das Vertrauen des Herrschers immer unter Beweis stellen. Dieses Vertrauen genießen anfangs nur Familienangehörige. Als Abstammung vom Herrscher genießen sie ebenfalls göttlichen Status und fordern diesen Anspruch auch von der Bevölkerung ein. In der Folge entstehen so Dynastien, welche des Gottesstatus an den Nachfolger abgeben. Religion verfestigt sich auf diese Weise zu einer Klammer, die ganze Gesellschaften zusammenhalten und deren Funktionsweise garantiert.

Aber mit der Zeit entsteht so ein geistliches Machtzentrum. Die Priesterkaste tritt so in Konkurrenz um die Macht in der Gesellschaft an. Wer bestimmt die Zielsetzung? Die Ausrichtung der Macht an politisch-strategischen Zwecken, oder die Durchsetzung religiöser Vorgaben? Gesetze als Produkt gesellschaftlicher Kräfte, oder Gesetze aus den religiösen Vorgaben? Der Herrscher muss sich durch militärische Macht durchsetzen. Die Zeit dieser Macht ist zeitlich fixiert. Ändert sich Herrschaft, werden neue Ziele gesetzt, deren Durchsetzung Zeit brauchen. Bei jedem Herrschaftswechsel wird die Zeit auf Null gestellt.

In der Geistlichen Machtsäule gibt es so etwas nicht. Gott ist ein ewiges Wesen. Die Regeln sind zeitlos, immer existent. Sie müssen sich nie behaupten. Das bringt Vorteile in der Machtfrage. Eine Zeitrechnung, die sich beispielsweise an der Amtsführung von Oberpriestern ausrichtet, wäre ein Frevel. Der Hohepriester ist nur ein Diener dieses Gottes. Wenn er verstirbt, dann stehen ihm Ehren zu, aber das geistliches System besteht weiter fort – ewig. Unter dem Gott sind die Menschen austauschbar. Mit der Zeit verfestigen sich die geistlichen Strukturen, dass es einem Herrscher immer schwerer fällt, Entscheidungen dieses Systems infrage zu stellen.

wird zwar als Gott akzeptiert, aber die Geistlichkeit erhebt Ansprüche, welche die weltliche Herrschaft nicht ignorieren kann. Eine Herrschaft ohne Religion wird somit unmöglich. In sofern besteht auf allen Seiten das Interesse, dass Religion zur Klammer wird, welches die Gesellschaft zusammenhält.


 


 

9. Stufe: Monotheismus


 

Je komplexer Gesellschaften werden, je verzweigter das Herrschaftsterritorium ist, um so schwerer sind die Menschen unter Kontrolle zu halten. Die Religion ist neben der Armee die entscheidende Größe geworden. Während die Armee aus sicherheitspolitischen Erwägungen der Zentralmacht unterstellt bleibt, ist für die lokale Herrschaftsabsicherung die Verwaltung und die Religion zuständig. Die weltliche und geistliche Verwaltung wird hierarchisch organisiert. Nur so ist die Eintreibung von Abgaben sicherzustellen. Für die Religion gilt das noch nicht, weil regionale Gottheiten durchaus zu den Gottheiten in der Zentrale in Widerspruch stehen können. Lokale Bereiche des Herrschaftsgebietes können sich auf diese Weise dem Druck der Zentrale dadurch entziehen, dass sie auf lokale Gottheiten ausweichen können. Dies ist gängiges Verhalten, weil diese Götter meist schon länger existieren, als die Götter der Zentralregierung. Und der Glaube (Loyalität) lokaler Priester ist über Verwaltungsstrukturen schlecht bestimmbar. Damit ist dieser Personenkreis autonomer und bei Nichtbefolgung weniger erpressbar.

Zwar gelingt es, diverse Götterfamilien zu einer zentralen Götterfamilie zusammenzufassen, aber lokale Eigenständigkeiten bleiben bestehen. Was als Griechische oder Germanische Göttersagen bekannt ist, sind bereits solche Zusammenfassungen von göttlichen Funktionen. Nicht nur, was die Götterspitze betrifft, sondern auch die einzelnen Zuständigkeiten von Göttern werden unter dem Gesichtspunkt von Teilzuständigkeiten subsumiert. So wird beispielsweise ein lokaler Göttervater nicht entmachtet. Er wird in seiner Bedeutung dem zentralen Göttervater gleichgesetzt. Der Schritt zur namentlichen Gleichheit ist dann nur noch ein kurzer. Erleichtert wird dieser Prozess, weil es ja nur mündliche Überlieferungen über deren Existenz gibt. Dieser Vorgang ist auch heute noch ein praktizierte Taktik bei Verhandlungen. Man erarbeitet einen Text. Jeder kann damit leben, obwohl sich jede Partei vom Inhalt eigene Vorstellungen macht.

Auch, wenn nun jede Religionsgemeinschaft das weiterhin glaubt, was Tradition ist, verbleibt unter dem Strich eine gesellschaftliche Diversifizierung von Religion und Göttern. Diese kann man nur beseitigen, in dem die Vielzahl der Götter als Vielgötterei diskreditiert wird. Wie es nur einen Herrscher geben kann, so kann es auch nur einen Gott geben. Dieser Gott ist für alles zuständig, zugleich muss er so mächtig sein, wie es irgendwie geht. Die Forderung nach Allmächtigkeit ist geboren. Seine Zuständigkeit für alles sichert den Einfluss in der äußersten Winkel jeden Reiches, ja, er wirkt auch über die Grenzen hinaus. Auch für die Gläubigen ist eine solcher religiöser Zentralismus vorteilhaft. Man muss nicht mehr wissen, wer für welches Ereignis zuständig ist. Man muss sich nicht mehr in den Zentraltempel begeben, wenn man ein Anliegen hat.

Das ist das entscheidende Postulat. Dieser Monotheismus schafft einen einzigen Gott als zentrale Größe für die Verantwortlichkeit für alle Menschen, also aller Untertanen. Es ist ein langer Kampf, bis sich diese Sichtweise durchsetzt. So ist beispielsweise die Bibel ein beredtes Beispiel für die Bekämpfung der Vielgötterei zugunsten Jahwes. In diesen Fall setzt sich der Monotheismus durch. Im Fall Echnaton scheitert der Stratege.

Mit diesem Schritt in den Monotheismus sind aber auch eine Reihe von strukturbestimmenden Änderungen verbunden. Eine so geschaffene zentrale Gottheit löst den lokalen Bezug auf und zentralisiert Herrschaft bis in die entlegenen Regionen von Reichen. So entstehen Staatenbunde, die große Reiche unter der Ideologie einer Religion zusammenbinden. Dies fördert den Wunsch nach mehr Macht. So können riesigere Verwaltung aufgebaut werden. Der Schritt in die Internationalität ist gemacht.

Der Monotheismus stabilisiert zunächst die zentralen staatlichen Strukturen und führt so zur erwarteten Vereinnahmung von noch mehr Ressourcen. Mehr Ressourcen bedeuten eine Vergrößerung der Armee, eine quantitative und qualitative Zunahme an Gebäuden, Tempeln, Handelsstationen. All das ermöglicht wiederum weitere Eroberungen. In der Geschichte sind nur drei Monoreleigionen erfolgreich: Judentum, Christentum, Islam.

Aber mit diesem Monotheismus wird der Weg in massive Strukturveränderungen innerhalb des Gemeinwesens beschritten. Neben dem Machtzentrum Königshaus bildet sich ein Machtzentrum Priestertum, welches sich nicht dem weltlichen Sektor unterordnet sondern sich den weltlichen Sektor unterordnen will. Diesen Prozess gilt es sich genauer anzuschauen.

Durch den Monotheismus entstehen somit zwei hierarchische Säulen der Macht, ein weltliches und ein geistiges Machtzentrum. Ihre Funktionsweise und ihre Reproduzierbarkeit ist jedoch unterschiedlich. Bei der weltlichen Macht bleibt alles wie seither üblich.Sie beginnt mit der Inthronisation des weltlichen Herrschers. Bei jeder neuen Inthronisation beginnt man mit der Zählung bei Null und endet mit dem Tode des Monarchen. Darüber ist die Geschichtsschreibung dankbar, kann sie diese punktuellen Episoden in die zeitlichen Abläufe der historischen Entwicklung zuordnen. In der internationalen Historie setzt sich das angebliche Geburtsjahr Christi durch. Innerhalb der Religion bleibt es aber bei der religionsüblichen Zählweise.

Die geistliche Macht fußt auf der Ewigkeit Gottes. Es gibt keinen Anfang und kein Ende. Nichts muss sich bewahrheiten oder legitimieren. Nichts muss neu definiert werden. Im Gegensatz zur weltlichen Macht sind die Priester austauschbar. Priester besitzen Reputation, müssen sich aber nicht behaupten. Während die Herrscher laufend wechseln, verbleiben Priester auf Lebenszeit. Sie bleiben im Geschäft der Machtausübung und Intrigen. Das bringt unschätzbare Vorteile im Machtpoker.


 


 

9.1 Die Geistlichkeit

Zunächst stehen die Priester unter dem Machteinfluss des Gottkönigs. Sie sind Handlanger für religiöse Zeremonien und Feste. Auch hier ist ein Wachstum der Aufgaben und der Funktionen über die Zeit feststellbar. Es reicht nicht einmal (z. B. Inthronisierung) die religiösen Rituale zu zelebrieren. Es bedarf einer Reihe von Zeremonien. Man darf dies nicht mit Feiertagen im heutigen Sinne verstehen. Die Geistlichkeit korrespondiert mit ihrem Gott, die Bevölkerung arbeitet.

Auch die lokale Aufgliederung trägt zum Machteinfluss bei. Durch eine Ausweitung der Hierarchie verfügt die Religion zunehmend über Einfluss in den Regionen. Aber diese tritt nicht in Konkurrenz zur Zentrale. Sie untersteht ihr. Jede der drei Monoreligionen richtet einen Feiertag (Freitag, Sonntag) ein, auf dem die Gläubigen gehalten sind lokale Gotteshäuser aufzusuchen, um die Meinung der religiösen Zentrale zu erfahren. Gleichzeitig werden die Glaubensinhalte ventiliert, welche die Gläubigen aktuell zu interessieren haben. Dadurch wird das Band innerhalb der Religionsgemeinschaft enger. Diese Maßnahmen sichern Einfluss von oben nach unten und Einnahmen der Religionsgemeinschaft.

Die Herrscher müssen ihre Göttlichkeit immer weder unter Beweis stellen. Sie verfügen wegen der irdischen Macht über alle Ressourcen. Das bringt Vorteile, wenn diese Ressourcen der geistlichen Macht zugeteilt wird. Aber es entstehen Begehrlichkeiten. Es kommt zu Machtkämpfen, wobei es durchaus geschehen kann, dass diese geistliche Gewalt die Machtfrage stellt. Der Herrscher wird immer wieder gezwungen, sich gegenüber der Geistlichkeit zu behaupten. Dies ist höchst problematisch, weil er sich ja auch gegenüber weltliche Konkurrenten behaupten muss.

Das Judentum verfolgt eine strickte Arbeitsteilung. Die Herrschaft regelt die weltlichen Dinge und lässt dabei die Religionsseite unbehelligt. Die jüdischen Gelehrten beschäftigen sich ausschließlich mit religiösen Fragen und verbiete sich staatliche Einflussnahme.

In der christlichen Religion geschieht eine Machtergreifung des Heiligen Stuhls nur punktuell im Mittelalter. Königtum und Papsttum einigen sich letztendlich im Laufe der Zeit auf einen Gleichstand der Macht gemäß der christlichen Maxime: Gebt dem König, was des Königs ist und Gott was Gottes ist.

Im Islam gewinnen die Imame die Auseinandersetzung und begründen Gottesstaaten , in denen die Religionsführer die staatliche Gewalt wahrnehmen. Egal, wer die lokale Herrschaft ausübt, der Islam ist die alles bestimmende Religion, der Koran die bestimmende Größe. Es gibt Toleranz, aber diese wird nur als Gnade gewährt. Eine Gleichberechtigung von Religionen ist undenkbar.

Die Konkurrenz zu den anderen monotheistischen Religionen ist nicht das einzige Strukturmerkmal des Monotheismus. Es gibt weitere. Sie aufzuzählen bedeutet keine Rangfolge.

Dogmatismus: Der Dogmatismus wirkt mindestens auf zwei Ebenen, einer individuellen und einer gesellschaftlichen. Auf der individuellen Ebene existiert ein Kanon an Glaubensvorschriften. Vorgegeben wird dies durch die an der Spitze der Religionsführung stehenden Personen. Das Individuum besitzt keinerlei Freiheitsrechte. Es darf nicht glauben, was es will (für richtig erachtet), Es ist an den vorgegebenen Quellen und Auslegungen dieses Kanons gebunden. Die Führungsschicht der Monoreligion gibt vor, was der richtige Glaube ist. Das Urteil, was zu diesem Glauben gehört, und was nicht, fällt gemäß der als gültig vorgegebenen Interpretation der zugrundeliegenden Quellen. Diese sind Bestandteil des einzig wahren Glaubens. Es ist somit ein Absolutheitsanspruch. Verstöße dagegen werden entsprechend der fixierten Regeln bestraft.

Auf der gesellschaftlichen Ebene wirkt der Dogmatismus ähnlich rigide, aber viel gefährlicher. Die Auseinandersetzungen um den einzig wahren Glauben sind unversöhnlich. Mit allen Mitteln der Propaganda, der Information und Desinformation wird religiöses Terrain verteidigt oder fremdes in Angriff genommen. Hier wird durchaus Gewalt eingesetzt. Das kann bis zur Kriegsführung kommen. Viele Kriege sind Religionskriege, oder religiös motiviert. Die Gemengelage der Interessen sind dabei vielfältig. Aber ein Beweggrund ist dabei immer die Religion. So sind die Spannungen zwischen Indien und Pakistan zu nennen, wobei man es bislang lediglich zu begrenzten Scharmützeln kommen lässt. In Indien eskaliert immer mal wieder die Gewalt. Radikale Hindus und Muslime bekämpfen sich offen auf der Straße. Der Palästina Konflikt scheint wegen religiöser Gegensätze nicht lösbar. Nur Statistiker halten nach, die wievielte Auseinandersetzung zwischen Israel und Palästinensern gerade ausgefochten wird und wie viele Vergeltungsmaßnahmen durchgeführt werden.

Wenn auch Kriege in den großen Konfliktlinien vermieden werden, zu Stellvertreterkriegen kommt es allemal. Sie sind der Weg des geringsten Risikos. Es ist nicht nur eine Politik der Nadelstiche sondern ein Warmhalten des Konfliktsphäre. Sie sollen hier nur angesprochen werden: Armenien und Aserbaidschan, Nordirlandkonflikt, Staaten wie Irak und Libyen sind daran zusammengebrochen, Jemen und Syrien und vielleicht auch der Libanon ist auf dem Weg dahin. Es geht nicht immer um Staaten. Ziel kann auch eine Destabilisierung sein. Hier mögen Staaten mit involviert sein, wenn Privatleute kriegerische Aktionen finanziell unterstützen. An evangelikale Gruppen sei hier erinnert, wie Taliban und die Vielzahl angeblicher Freiheitsbewegungen wie Al Quaida, Hisbollah, PLO, Hamas, Islamischer Staat, PKK und noch zahlreiche ähnliche Organisationen.

Rivalität: Es liegt schon an der Tatsache, dass es nur einen Gott gibt, was Konkurrenz ausschließt. Man kann nie der Diener zweier Herren sein. Jede der drei monotheistischen Religionen nimmt für sich in Anspruch, die einzig wahre zu sein. Die jeweils anderen Religionen werden theoretisch verteufelt, praktisch bekämpft. Das Ausmaß bestimmt sich je nach dem Absolutheitsanspruch der Religion. So gibt es im Moment ein Nebeneinander der Existenz, was aber keine Akzeptanz der anderen Religionen bedeutet. Man betrachtet diese als Irrlehren, bei denen man es aufgegeben hat, diese auf den rechten Weg zu bringen. Zwischen Gläubigen dieser Religionen oder Ungläubigen wird kein Unterschied gemacht. Diese haben es selbst zu verantworten, wenn sie bei der Endabrechnung durch ihren Gott der Verdammnis anheim fallen.

Übereinstimmung: Alle drei Religionen stimmen darin über, dass es ein Ende dieser Welt gibt. Im Judentum hatte diese Endzeitangst die Aufgabe, die Gläubigen zu disziplinieren, damit sie unter der Schirmherrschaft der Tora flüchten. Dieses Disziplinierungsmittel wurde sowohl vom Christentum als auch vom Islam übernommen. Dies liegt sicherlich daran, weil alle drei Monoreligionen auf gleiche Quellen fußen und sich die restlichen beiden mehr oder minder als Fortentwicklung des Judentums sehen. Diese Endzeitreligionen tragen das Erbe der jüdischen Wurzeln in sich. Vielleicht als Folge einer Befürchtung die jüdische Religionsgemeinschaft nicht mehr unter Kontrolle zu haben, entstand eine Glaubensrichtung, welche das Ende der Welt prognostizierte. Ein Ende der weltlichen Existenz beinhaltete den Tag des letzten Gerichts. Hier stand die endgültige Zuweisung Himmel oder Hölle. Diese zeitnahe Prophezeiung hat sich nun nicht erfüllt. Deshalb spielt dieser Aspekt des Weltuntergangs momentan keine Bedeutung, aber es hat sich gezeigt, das die Drohung mit der Hölle funktional effektiver ist.

Schismen: Das Glaubensgebäude einer Monoreligion zwingt jeden Zweifler in die Akzeptanz. Es gibt keine ernsthafte Diskussion um Glaubensinhalte sondern nur Glauben. Der innnerreligiöse Streit kann aber soweit gehen, dass eine Verständigung über Fakten nicht mehr möglich ist. Die Folge ist eine Abspaltung (Schisma). Jede neue Gruppierung erhebt, ähnlich wie die zwischen den drei Hauptreligionen, nun ihrerseits den Anspruch erhebt die einzig wahre Religion zu sein, gibt es eine Vielzahl solcher Abspaltungen. Diese abgespaltenen Gruppierungen verhalten sich so, wie die anderen großen Monoreligionen - Konfrontation. Ein Schisma bedeutet faktisch die Entstehung einer neuen Monoreligion. So betrachtet existiert für den externen Betrachter eine Vielzahl von Monoreleigionen. Ihrem Verständnis gemäß, bleibt die eigene Religion einzigartig und ignoriert alle Konkurrenten.

Durch die Verbindung von Religion und Politik sind im Islam und weniger ausgeprägt im Christentum weitere Schismen vorhanden. Weil jeder Herrscher, für sich in Anspruch nimmt, unter der Gnade des einen Gottes zu stehen, existieren so viele Religionsschismen, wie es Herrschaftsformen dieser Religion gibt.

Missionierung: Die Unterstützung einer Religion ist nicht nur eine Frage des Glaubens, sondern hängt auch von der Masse der Gläubigen ab. Masse bedeutet Einfluss. Vor allem demokratische System sind hier anfällig. Durch das Prinzip der Mehrheit, bringt die Religion ihre politische Beeinflussung ein. Je größer die Anzahl der Gläubigen, um so mächtiger erscheint diese Religion nach außen. Auch nach dem Selbstverständnis einer Religion kann die Entwicklung erst dann gestoppt werden, wenn die gesamte Weltbevölkerung nur einen Glauben hat. Das hebt ihre Einzigartigkeit hervor. Gestützt wird diese Erscheinung durch die wirtschaftliche Kraft, die sich aus den Gläubigen erwirtschaften lässt. Aus diesem Grunde ist Missionierung eine Größe, um den Einfluss einer Religion auch ökonomisch zu vergrößern. Nur im Judentum gibt es so etwas wie Missionierung nicht, weil die Abstammung allein die Zugehörigkeit zur Religion bestimmt. Dies mag einer der Gründe sein, warum diese Religion zahlenmäßig am Kleinsten ist. Bei den anderen beiden Religionen ist Missionierung ein Kampf um die knappe Ressource Mensch. Diese Missionierung findet mehr oder minder im Verborgenen statt. Jedenfalls wird über dieses Thema beharrlich geschwiegen. Aktive Gruppierungen übernehmen hier die Aufgabe der Gläubigervermehrung. Die Anreize sind vielfältig: Fürsorge bei Schicksalen, Unterstützung bei sozialer Not, Orientierungshilfe im Leben, Bildungsangebote, Bau von Gebäuden, Entlohnung von Ämtern. Hierbei gibt es kaum einen Unterschied zwischen Religion und Sekten. Es ist zu vermuten, dass diese Sekten die Rekrutierung von Mitgliedern bei den Hauptreligionen abgeschaut haben. Haben sich die Missionierten in das Geflecht der Religion eingefügt, dann werden sie zu religiösen und wirtschaftlichen Unterstützern. Der Ausstieg aus einer solchen Religion obliegt der Bedrohung. Im Islam wird sie mit dem Tode bestraft ( Motto: Willst du nicht mein Bruder sein, dann...), im Christentum droht der Verlust des Seelenheils und ewige Höllenqualen am Tag des Letzten Gerichts.

Gottesdienst: Die übrigen Religionen kennen nur Kontakte zu ihrem Gott aus individuellen Gründen und Belangen. Die Monoreligionen haben einen Tag in der Woche, an welcher der Kontakt zu Gott verpflichtend ist. Im Judentum und Islam geschieht dies am Freitag vor dem Feiertag, im Christentum am Feiertag selbst. Hier ist der Besuch des Gotteshauses vorgeschrieben. Die Gläubigen kommen dann zusammen, um gemeinsam in einer Feierstunde Kontakt mit Gott aufzunehmen, ihn zu verehren und Bitten zu stellen. Neben diesen individuellen religiösen Riten hat diese Zusammenkunft aber auch funktionale Gründe. Für die Glaubenselite besteht so die Möglichkeit, die Gläubigen über aktuelle Sachverhalte zu informieren. Die Gläubigen kommen so an Informationen, welche die religiöse Elite der Glaubensgemeinschaft mitteilen will. Gleichzeitig werden durch wiederholende Berichte über den Glauben den Gläubigen wesentliche Geschehnisse des Glaubens wiederholend in Erinnerung gebracht. Auch Belehrungen, wie man sich in bestimmten Situationen zu verhalten hat, werden hier erteilt. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass die Gläubigen das ungefiltert erfahren, was sie erfahren sollen. Aber auch die Empfängerseite solcher Informationen ist froh, hilfreiche Anweisungen für die Lebensführung zu erhalten. Sie geben Orientierung und Halt. Die Anzahl der Gläubigen, die die der Aufforderung nachkommt, wird als Maß für die Intensität der Religion gedeutet. Im Judentum und Christentum ist diese Intensität gering. Im Islam wird bei solchen Gottesdiensten manchmal zu politischen Aktionen aufgerufen. Bei brisanten Themen kann es nach dem Gottesdienst durchaus zu Tumulten kommen.

Konstruktionsfehler: Mit der Existenz eines einzigen Gottes geht die Behauptung einher, dieser Gott sei allmächtig, allwissend, gütig und der Herr der Schöpfung. Nun geschehen im Leben der Menschen Ereignisse, die an diesen Attributen Zweifel aufkommen lassen. Menschen, die mit ihrer Glaubensentscheidung glauben, die Rundum-Sorglos-Police erworben zu haben, werden enttäuscht. Gleichgültig, ob sie einer Religion angehören oder nicht, es trifft sie das gleiche Schicksal. Da keiner diesen Widerspruch (Warum gerade ich?) auflösen kann, wird von der Gruppe mit dem Recht auf Exegese der Glaubensrichtlinien auf die geistige Beschränktheit des Menschen gegenüber Gott verwiesen. Nur ein Gott ist in der Lage zu erkennen, warum er so handelt. Diesen göttlichen Willen überhaupt erkennen zu können ist dem Menschen nicht vergönnt. Motto: Gottes Wege sind unergründlich! Ein Hinterfragen dieser Auffassung gilt als Frevel an Gott. Denn dürfte ein Zweifler darüber nachdenken, dann gerät die Existenz dieses Gottes in Gefahr. Warum ein gütiger Gott Weltkriege zulässt oder Naturkatastrophen unsagbaren Ausmaßes, ist nicht erklärbar. Oder die Frage, warum ein Gott seine Schöpfung so mir-nichts-dir-nichts von Menschen vor die Wand fahren lässt, ist nicht zugelassen.

Mit dem einen Gott ist der Absolutheitsanspruch verbunden. Dieser Gott kann alles, weiß alles. Trotzdem gibt es eine gewaltige Kraft, die strafend den Gottlosen trifft. Gott teilt sich mit dieser Erscheinung scheinbar problemlos die Herrschaft dieser Welt. Diese Gegenkraft hat vielfältige Namen. Im Allgemeinen bezeichnet man diese als Teufel. Es ist auffallend, dass dieser nur in Monoreligionen vorkommt. In den Religionen mit Götterhimmel oder Geistererscheinungen gibt es so etwas nicht. Es gibt dort durchaus böse Geister, die monokausal wirken. Keiner dieser Geister/Götter organisiert ein Reich, in dem Strafe für Fehlverhalten organisiert sind. Die Hölle ist nur als Gegensatz zu einem Mono-Gott denkbar. Es hat immer schon die Vorstellung gegeben, dass es eine Unterwelt geben muss. Aber diese war der Ort, in dem die Toten weiterexistierten. Er war nie ein Ort der Bestrafung. Der Mensch wollte in seinem Selbstverständnis nicht einfach zu toter Materie werden. Erst in dem der Mensch auch als Toter weiterexistierte, konnte man ihm Gegenstände mitgeben und ihn posthum verehren. Er blieb existent, wenn auch in anderer Form. Es gibt keine Religion auf diesem Planeten, welche Steine oder Pflanzen als solche verehren. Es gibt höchsten Geister (Götter), die in diesen wohnen. Der Mensch als materielles Wesen, will eben mehr sein, als tote Materie. Dies ist die entscheidende Basis von Religion.

Die Hölle nun differenziert die Menschen in zwei Gruppen. Es gibt Gläubige, die kommen in den Himmel (oben/Paradies) und Ungläubige, die kommen in die Hölle (unten). Es wird viel menschliche Intelligenz aufgebracht, den Ort der Hölle so grausam zu beschreiben, damit eigentlich kein Mensch dort freiwillig hin will. Die Hölle, als Schreckgespenst, wird so zu einem Disziplinierungsinstrument menschlicher Gesellschaften. Es straft die Ungläubigen der eigenen Religion ab. Die der >Ungläubigen< sowieso. Dadurch erreicht man eine Stabilisierung der Gesellschaft. Ein Raubtier Mensch, der machen kann was er will, ist nicht gemeinschaftsfähig. Dieser gesellschaftliche Vorteil ist aus religiöser Perspektive allerdings leider zweitrangig. Hier geht es primär um die Stabilisierung der Gemeinschaft der Gläubigen. Dies ist der Preis, den Monoreligionen in Kauf nehmen, wenn Gott eben nicht so allmächtig ist, wie man behauptet.

Man könnte natürlich spitzfindig an die Sache herangehen. Unterstellt man der göttlichen Strategie, Gott habe den Teufel geschaffen, um die Menschen zu disziplinieren, dann hätte man diesen Widerspruch gelöst. Der Teufel als Werkzeug Gottes. Aber damit schafft man einen erneuten Widerspruch. Der Gott des Monotheismus wird so zu einem strafenden Gott. Er richtet nicht mehr am letzten Tag, sondern straft aktuell jedes Fehlverhalten ab. Wenn man sich die Realität anschaut, dann erscheint eine solcher Strafmechanismus durchaus sinnvoll. Dieser Gott kann dann aber nicht gütig sein. Dies widerspräche dann aber den Vorstellungen von einem allseits gütigen Wesen, dass erst am Ende aller Tage das Amt des Richters übernimmt. Es sei denn, erst am letzten Tage öffnet auch die Hölle wie das Paradies erst ihre Pforten. Das wiederum würde bedeuten, bis zu diesem Zeitpunkt befänden sich alle Menschen in einem Wartesaal, harrend der Dinge, die da auf sie zukommt.

Ökonomie: Mit der Entstehung einer Monoreligion gewinnt die ökonomische Sichtweise an Bedeutung. Die polytheistischen Religionen finanzieren sich von Opfergaben im weitesten Sinne. Die Monoreligion müssen hierarchische Strukturen entwickeln und aufbauen, um in der Breite wirken zu können. Die hierbei benötigten Funktionsträger haben so viele Aufgaben zu erfüllen, dass sie keine Zeit mehr haben, für ihren Lebensunterhalt Sorge zu tragen. Sie müssen deshalb entlohnt werden. Da sie entweder wie das Christentum und Judentum die unmittelbare Nähe zur Herrschaft besitzen oder wie im Islam selbst die Herrschaft stellen, fällt eine Finanzierung nicht schwer. Sie bekommen einen Anteil der Steuergelder. Für Deutschland liegen hier einige Zahlen vor, die das verdeutlichen. So fließen gemäß des Konkordats von 1933, geschlossen von der Hitlerregierung und dem Heiligen Stuhl, der katholischen Kirche jährlich Beträge so um die 6,8 Milliarden Euro zu. Als Sozialträger betreibt sie Schulen, Krankenhäuser, Medienunternehmen, die sie sich vom Staat zusätzlich vergüten lässt. Außerdem besitzt sie Immobilien und Grundstücke, die locker 200 Milliarden Euro betragen. Aus diesem staatlichen Topf fließen weitere Gelder in das Säckel der Kirche. Ein weiterer Batzen sind die Staatsleistungen des Reichsdeputationshauptschlusses. Er sind 1803 geschaffen worden, als Entgelt für Enteignungen aus der Zeit Napoleons. Seit dieser Zeit erhält die Kirche jährlich horrende Beträge. Zur Zeit belaufen sie sich auf eine halbe Milliarde Euro pro Jahr. In den islamischen Ländern ist dies prinzipiell anders aber ähnlich.

Mit der Entlohnung von Funktionären wird gleichzeitig ein beachtlicher Unterstützungsapparat unterhalten und in Bewegung gesetzt. Die einzelnen Würdenträger verbreiten das, was die Kirche als Leitlinie herausgibt. Denn entsprechend der Stufe in der Kirchenhierarchie steigt auch die Vergütung an. Dies ist eine weitere Motivation, den religiösen Motor am Laufen zu halten. Durch die Kooperation von weltlicher und geistiger Macht wird so ein System stabilisiert. Unerwünschte Meinungen werden unterdrückt. Das Bild: Eine Lehre, ein Gott, wird so aufrecht erhalten. Den Gläubigen verbleibt die Rolle einer anonymen Masse, die nicht anderes darf als zuzustimmen.

Der stumme Gott: Eine Kommunikation zwischen Gott und seinen Gläubigen findet nicht statt. Es gibt natürlich Erscheinungen der Natur, die als Kommunikation ausgelegt werden. Aber die Sprache Gottes ist nicht verständlich. Die ihm unterstellten Botschaften bedürfen der Interpretation von Menschen. Jede der monotheistischen Religionen verfügt über einen einzelnen Menschen, der vorgibt, mit Gott kommuniziert zu haben. Darauf beruft sich die jeweilige Religion. Seit Moses, Christus oder Mohammed hat es keinen gegeben, der eine solche Kommunikation weiterführt. Es hat natürliche Versuche gegeben, die allerdings nie an Bedeutung gewannen. Selbsternannte Propheten gab es allemal. Gott hat sich nie entschieden, sich nie festgelegt, wer den Anspruch auf sich beziehen darf. Gott hat nur jeweils einmal den Weg einer solchen Kommunikation gesucht. Vorher und nachher schweigt er. Die Integrität dieses Propheten ist in der jeweiligen Religion gesichert. Obwohl hunderte von Jahren seit diesen Erscheinungen verstrichen sind, werden die erfolgten Änderungen der Gesellschaften nicht im Glauben berücksichtigt. Nur Moses konnte nach seinem Gedankenaustausch mit seinem Gott Schriftliches vorweisen. Christus und Mohammed waren Analphabeten, was hier nicht als Beleidigung gedacht ist. Es betont aber die Menschlichkeit dieser Wissensvermittlung. Menschen haben erst Jahre später schriftlich fixiert, welche Mitteilungen Gott dem Menschen gegeben hat. Ebenso findet eine Interpretation bei Veränderungen der Lehre nur durch Menschen statt. So nach dem Motto: So würde Gott zu uns sprechen, würde er denn zu uns reden. Hatten wir oben den Anspruch kennengelernt, dass der Mensch den Willen Gottes nicht zu erkennen vermag, so besitzt er aber doch scheinbar die Fähigkeit, den Gotteswillen zu verstehen. Denn Gott spricht nicht. Er ist stumm.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 06.06.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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