Rebecca K.

Das erste Mal vergisst du nie

Man kann sagen, dass mein erster Kuss mich zutiefst enttäuscht hat.

Seit der 6. Klasse träumte ich schon davon, dass ein Traumprinz zu mir findet und es schließlich passiert: die Kuss-entjungferung. Ich dachte nicht, dass in meinem Kopf Feuerwerkskörper explodieren würden, wie in zahlreichen Filmen, aber ich dachte es wäre zumindest… naja… schön.

Rein technisch gesehen, hatte ich meinen ersten Schmatzer mit einer meiner ältesten Freundin, auf einer Geburtstagsparty, in der achten Klasse. Da waren wir die einzigen Mädchen und die Gruppe pubertierender, sexuell frustrierter, mit Zahnspangen und Pickeln gestrafter Jungs, wollte unbedingt Wahrheit oder Pflicht spielen… natürlich die Version ab 18. Das bedeutete nicht nur das Verspeisen von Kaffeebohnen, sondern auch Grabscherei vom Feinsten und natürlich Lippen an Lippen Action. Als ich schließlich an der Reihe war, meinen ersten Kuss zu bekommen, entschied ich mich dafür lieber nicht meinen rechten Nachbarn zu küssen. Erstens hatte er eine Freundin und zweitens fand ich ihn ehrlich gesagt ziemlich hässlich. Da mein linker Partner meine Namensvetterin war, gaben wir zwei Mädels uns also einen 3 Sekunden langen Knutscher. Natürlich genaustens per Kamera dokumentiert… durch die Gruppe pubertierender, sexuell frustrierter, mit Zahnspangen und Pickeln gestrafter Jungs…

Diese Geschichte war mir aber zu doof, um als erste Lippenbegegnung herzuhalten, also sagt ich mir: Mädchen küssen zählt nicht.

Da ich aber auch nicht wollte, dass der erste besondere Moment der Liebesbekundung, durch ein Spiel herbeigeführt wird- schon wieder!- weigerte ich mich ab dann, bei solchen Kinderspielchen mitzumachen. Das war ja unter meiner Würde und nur was für Babys!

Tja, und deshalb habe ich auch eine lange Zeit gewartet, bis mein Traumprinz sich dazu herabließ, in mein Leben zu treten. Unromantischerweise lernte ich meinen ersten „Freund“ beim Geburtstag einer meiner Freundinnen kennen. Zu diesem Zeitpunkt war er noch... nun ja ihr Traumprinz.

Doch das ordentlich betrunkene Geburtstagskind hatte ihn wohl im Vollrausch vergessen und war, zum gemeinsamen Speichelaustausch mit einem der Gäste, im Garten verschwunden. Armer Traumprinz…

Doch an diesem Abend fing unsere Geschichte nicht an, es war zwei Monate später, als er mich, dem modernen Zeitalter geschuldet, über Whatsapp auf einen meiner Facebookposts ansprach. Ab dann waren wir im dauerhaften virtuellen Kontakt, erzählten uns unsere Ängste und Träume… bis es irgendwann nicht mehr viel zu erzählen gab. Da trafen wir uns dann. Wichtig zu erwähnen ist, dass trotz meiner Ungeduld geküsst zu werden, ich mit 15 einen ganz schon fetten Stock in meinem Mini-Arsch hatte. Ich war maximal verklemmt und geblendet von zu viel Hollywoodromantik.

Trotz allem, hatte ich einen klebrig süß verliebten Abend mit ihm, bis er bei der Verabschiedung keine Anstalten machte, seinen Lippen mit Meinen zu berühren! Ich war maßlos entsetzt. Was sollte das? Warum wollte mich keiner küssen?

Doch bereits am nächsten Tag sahen wir uns wieder, Händchen haltend und schließlich eng umschlungen auf seiner Couch. Das klingt jetzt sehr nach sexy Action. Aber nein, sexy war daran nun wirklich nichts. Eher konstante awkwardness gepaart mich Angst (meinerseits) und Unsicherheit (seinerseits). Als ich schon meiner Mutter schrieb, dass sie mich bitte erlösen sollte, passierte es dann. Er hatte 3 STUNDEN Zeit gehabt, an mich geschmiegt und nahe an meinem Gesicht seine Chance zu nutzen, aber nein, er suchte sich den Moment aus, als ich die Treppe runtergehen wollte, wo meine Mutter und meinen Schuhe warteten. Kurz bevor ich die Stufen nach unten erreichte, hielt er mich kurz am Arm fest. Hat er mich wie im Märchen leidenschaftlich an sich gezogen und stürmisch geküsst? Nein. Der Gute machte einen Meter von mir entfernt mit seinem Mund Fischbewegungen in der Luft und dann in meinem Gesicht. Hm. Nein, danke.

Tatsächlich ging unsere Liaison danach noch genau einen Tag, weil ich bin ins Mark erschüttert war von meinen ersten, nun ja Körperkontakt Erfahrungen und von der, für mein 15 jähriges ich UNAUSHALTBAREN Vorstellung, jetzt gefangen zu sein in einem Beziehungskörper. Wobei seien wir mal ehrlich, diese Probleme hatte nicht nur mein 15 jähriges ich.

An also dem feierlichen Beziehungsabbruchstag habe ich in meinem Zimmer auf Miley Cyrus‘ zweite CD getanzt und mich leicht gefühlt.

Doch so richtig geküsst worden war ich immer noch nicht. So kam es, dass, ungefähr eine Woche nachdem ich meine erste Kusserfahrung in die Wüste geschickt hatte, mein damaliger „best bro“ mich um eine sogenannte Freundschaft plus bat. Die Erwachsenen unter euch, haben jetzt bestimmt ein falsches Bild im Kopf. Seine „Freundschaft plus“ beinhaltete einmaliges Rumknutschen auf der Couch meines Kinderzimmers. Dabei lief erneut Miley Cyrus und die Spucke rann meinem „best bro“ aus dem Mund, am Kinn herab. Richtig heiß war das. Ich bin mir sicher, dass seine riesen Schleimzunge der Grund ist, warum ich mich heute noch vor Waschlappen ekele.

So. Rumschlabberei war nun abgehakt. Jetzt fehlte nur noch die Rumschlabberei etwas weiter südlich. Mit 15 war ich nicht mal annähernd bereit dafür. Ich stellte mir Sex nicht wirklich bildlich, geschweige denn erregend vor. Sondern, so wie ein richtiges Teeniegirl: einfach nur schööööön. Falsch gedacht. Hust. Das erste Mal stinkt. Hust.

Mit 16 war ich gefühlt noch weniger bereit. Ich hatte Angst vor Penissen oder davor einen Jungen auch nur unterm T-Shirt zu berühren. Geküsst hatte ich zwar schon ein, zwei Frösche mehr, aber keiner der milchgesichtigen Halbwüchslinge brachte- wie sagt man? - meinen Motor auf Touren. Nachdem ich meinen ersten Porno gesehen hatte, dachte ich mir so: irgendwie mega widerlich. Aber auch interessant. Nicht, dass bei mir irgendein Typ in Aussicht stand. Toll fand ich, natürlich, nur meinen „Exfreund“, siehe Beschreibung Fischkopf erster Kuss, aber der fand mich nach dem ganzen Drama ganz schön scheiße. Verdenken konnte ich es ihm nicht. Die Monate flossen dahin und schließlich war ich 17, mit extrem gestörten Körperbild und ein paar unangenehmen Schlabbereien mehr. Immer noch nur nördlich der Gürtellinie.

Die Typen in Clubs waren wahnsinnig anhänglich- in jeder Hinsicht und in meiner Klasse nur Idioten. Tinder gab es noch nicht, genauso wenig wie bumble und grinder oder wie sie auch alle heißen. Der Winter kam, ich wollte es endlich hinter mich bringen, gemacht haben, dazugehören und VERDMMT NOCH MAL WISSEN WIE DAS IST. Gut für mich, dass sich ein Freund von mir, in mich verliebt hatte. Irgendwann später war ich gefühlsmäßig auch dabei, aber das Wichtigste war: und auf einmal hatte ich einen FREUND. Kein Fischkopf, kein Waschlappenloser, sondern mein ganz persönlicher Traumprinz. Oder so.

Er war dann also mein Erster. Der Erste der brutal mit seinem erigierten Schwanz, mein armes Jungfernhäutchen entzwei gerissen und mich danach mit klebrigem, weißem Zeug vollgespritzt hatte. Die nächsten zwei Tage, hatte ich dann Blut in der Unterhose und war ähnlich desillusioniert, wie nach meinem ersten Kuss. Als seine Mutter nach Hause kam, zogen wir uns schnell an und taten total cool und unauffällig. Ich hatte zwar ein Vogelnest auf dem Kopf, rote Wangen (vor Scham) und die Hose meines Freundes saß mehr schlecht als recht. Aber bestimmt waren wir trotzdem total cool und unauffällig. Und warum das Ganze? Weil wir uns irgendwie nichts mehr zu sagen hatten. Da hatten wir halt Sex. Denn mit Sex löst man ja alle Probleme. Oder so.

Die ersten Monate Sex waren so ne 3 auf einer Skala von 1-10. Einmal habe ich sogar meine Klamotten angelassen. Doch noch einiger Zeit hat sich da was geändert. Ihr kennt das wohl ;-)

 

Also mal schauen was als Nächstes kommt.  Oder wer.

Erstes Mal verhaftet? Erste Geschlechtskrankheit? Oder erster Schuldenschein? Wir werden sehen.

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.06.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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