Herbert Glaser

Die letzte Seite

 

„Da drüben ist die Einfahrt zum Campingplatz. Sieht nicht besonders einladend aus.“ Der Taxifahrer blickte in den Rückspiegel und musterte seinen Fahrgast. „Soll ich auf Sie warten?“

Reinhold schüttelte den Kopf. „Was bekommen Sie?“

„53,60 Euro.“

Eine 200€-Banknote wurde nach vorne gereicht.

„Haben Sie es nicht kleiner? Ich kann Ihnen nicht rausgeben.“

Reinhold war bereits ausgestiegen. „Nicht nötig!“ Er schlug die Tür zu. „Auf den letzten Schein kommt es nun auch nicht mehr an“, murmelte er vor sich hin, als er sich dem offenstehenden, verrosteten Gittertor näherte.

„Danke!“, rief ihm der Taxler im Vorbeifahren noch zu, dann kehrte Stille ein.

Die Sonne war soeben aufgegangen – ein fahles, kraftloses Licht, das sich mühsam durch die morgendlichen Dunstschleier kämpfte.

Reinhold ging unter dem schief hängenden Schild des Dauercampingplatzes durch und passierte ein marodes, nur notdürftig gegen unbefugtes Betreten gesichertes Trafohäuschen. Offenliegende Kabelenden und mehrere Hinweistafeln mit der Aufschrift „Lebensgefahr“ erregten seine Aufmerksamkeit.

Er blieb stehen, nahm einen Zettel aus der Hosentasche und betrachtete die von Hand gezeichnete Skizze.

Es war nicht leicht gewesen, diese Adresse herauszufinden. Der einzige Hinweis war ein Name, vor sehr langer Zeit in einem Buch notiert. Erst hatte Reinhold erfolglos sein Glück auf eigene Faust versucht, dann aber doch die teuren Dienste eines Privatdetektives in Anspruch genommen. Obwohl dieser über wesentlich bessere Möglichkeiten verfügte, sah es anfangs alles andere als erfolgversprechend aus. Die Ermittlungen zogen sich monatelang hin und Reinhold war gezwungen, seine Lebensversicherung zu beleihen.

Als er nicht mehr damit rechnete, kam es zu einem Durchbruch, der Privatermittler hatte die Person, die zu dem Namen gehörte, gefunden. Auf dem Zettel hatte er den groben Grundriss des Campingareals skizziert und einen Platz darauf farblich hervorgehoben.

Endlich bestand für Reinhold eine reelle Chance, die Wahrheit zu erfahren und einen Schlussstrich zu ziehen. Sollte alles nach Plan verlaufen, würde er heute das Drama beenden und seinen Frieden finden.

Und wenn nicht? Erneut fixierte er eines der Hinweisschilder mit der Aufschrift „Lebensgefahr“ und schritt weiter auf dem mit Unkraut überwucherten Weg.

Vor dem letzten Stellplatz in der Reihe blieb er stehen. Kein Namensschild gab Auskunft über den Bewohner dieses heruntergekommenen, offensichtlich fahruntauglichen Wagens.

Reinhold trat näher und klopfte.

Nach einer gefühlten Ewigkeit waren scharrende Geräusche aus dem Inneren zu hören. Endlich klackte eine Verriegelung, die Tür schwang quietschend auf, ein undefinierbares Geruchspotpourri schlug Reinhold entgegen. Ein  Mief, der immer dann entsteht, wenn ein Mensch auf engstem Raum lebt und dabei Sauberkeit und Körperpflege nicht höchste Priorität genießen.

Aus dem Halbdunkeln tauchte ein Greis auf. Das zerfurchte Gesicht unter dem ungepflegten Bart erinnerte an einen frisch gepflügten Acker. Die ungekämmten, verklebten Haare tanzten ihm kreuz und quer auf dem Kopf herum. Mit halbgeöffneten Augen blinzelte er den Störenfried an.

Reinhold steckte den Zettel ein. „Sind Sie Herr Sattler ... Konstantin Sattler?“

Der Angesprochene hob erstaunt die wild wuchernden Augenbrauen. „Was wollen Sie?“

„Ich bin hier, weil ich Ihre Hilfe brauche.“

„Meine Hilfe?“ Sattler lachte humorlos auf. „Sehe ich so aus, als könnte ich irgendjemandem helfen?“

„Ihr Aussehen interessiert mich nicht im Geringsten. Sie verfügen allerdings über Informationen, die ich dringend benötige, um ... um mein Leben zu retten.“

„Sie sind ja völlig verrückt. Hauen Sie bloß ab!“ Mühsam lehnte er sich aus dem Wagen, die von Gicht gekrümmten Finger packten den Griff und zogen daran.

„Es geht um Mord!“, schmetterte Reinhold ihm entgegen.

„Mord? “ Sattler hielt in der halbgeschlossenen Tür inne. „Nun passen Sie mal auf, junger Mann. Ich weiß nicht, was Sie für ein Problem haben, aber ich kann Ihnen mit Sicherheit nicht helfen.“ Seine brüchige Stimme zitterte fast so sehr wie er selbst. „Ich wohne seit ewigen Zeiten alleine, pflege nur den nötigsten Kontakt zur Außenwelt. Mord? Lächerlich! Vielleicht habe ich in meinem früheren Leben eine Fliege erschlagen. Das war's auch schon. Ich kenne Sie nicht, also verschwinden Sie von hier.“

Reinhold fasste in die Brusttasche seines Mantels. „Sehen Sie sich das an.“ Langsam nahm er einen Gegenstand heraus und zeigte damit auf Sattler.

Dessen Augen weiteten sich, sein Atem ging stoßweise. „Das kann nicht sein. Wieso tun Sie das?“

„Weil ich Sie nicht einfach davonkommen lassen werde. Ich erwarte von Ihnen, die Wahrheit zu erfahren.“

Sattler raufte sich die Haare. „Die Wahrheit? Reicht es denn nicht, dass ich alles aufgegeben habe? Den Job geschmissen, die Wohnung gekündigt, die Frau verlassen. Das Einzige, was mir geblieben ist, ist der Müllcontainer hier.“ Wütend schlug er gegen den Wohnwagen. „Wissen Sie, wie schwer es war, damit abzuschließen, nicht mehr daran zu denken? Und jetzt kommen Sie daher und zeigen mir das.“ Er deutete auf den Gegenstand, den Reinhold hochhielt. Es handelte sich um ein Buch mit schwarzem Einband, auf dem der Titel des Romans „NEUSTART“ in Rot gedruckt war. „Sie reißen alte Wunden wieder auf, ist Ihnen das klar? Woher haben Sie das und wie haben Sie mich eigentlich gefunden?“

Reinhold ließ die Hand sinken und schlug die erste Seite auf.

„Diesen Band, ein ehemaliges Büchereiexemplar, habe ich neben allerlei Gerümpel auf einem Speicher entdeckt. Hier vorne ist ein einziger Name notiert, Ihr Name. Danach müssen Sie das Exemplar irgendwann in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts ausgeliehen haben. Erinnern Sie sich?“

Sein Gegenüber atmete mehrmals tief durch. „Der ganze Titel lautet »NEUSTART. Eine gescheiterte Existenz. Ein schrecklicher Unfall. Ein Neubeginn?« Wie sollte ich das jemals vergessen können! Der Klappentext war dermaßen vielversprechend, dass ich sofort zu lesen anfing. Ein großer Fehler! Den Text habe ich regelrecht verschlungen, so sehr hat er mich gefesselt. Die Hauptperson des Romans, Pascal Weber, lag nach einem Unglück im Koma. Dann die erste Wendung, als er wieder zu Bewusstsein kam und sich sein wahrer Charakter zeigte, indem er seinen Sohn Roman verstieß. Im weiteren Verlauf schien alles gut zu werden, als diese Frau in sein Leben trat ... wie hieß sie nochmal?“

„Evita ... Evita Lachner.“ Reinhold hatte Sattlers Ausführungen mit steigender Erregung gelauscht und kam nun seinerseits richtig in Fahrt. „Die Beiden sind sich langsam nähergekommen und Weber hat sich durch Evita zu einem guten Menschen entwickelt. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus bezogen sie eine einsame Waldhütte, um alles zu verarbeiten. Dabei eröffnete Evita ihm, dass sie Kontakt zu Pascals Sohn Roman aufgenommen hat und er zu ihnen unterwegs sei, um sich mit seinem Vater zu versöhnen. Kurz vor Romans Ankunft jedoch ...“

„... kam Evita mit der Wahrheit heraus.“ Sattler war die zwei Stufen aus dem Campingwagen heruntergestiegen, stand mit seinen Pantoffeln in einer Pfütze, gestikulierte wild und erzählte spuckesprühend weiter. „Sie hat zugegeben, dass sie alles inszeniert hatte, aus Rache wegen einer früheren Verfehlung Pascals und es einen Mord geben würde, sobald Roman hier eingetroffen ist. Und dann ...“

„Genau“, schrie Reinhold den alten Mann an, „und dann ... was? Sagen Sie es mir, was ist danach in der Waldhütte passiert? Wer wurde umgebracht und von wem? Mit dieser Ungewissheit kann ich nicht mehr weiterleben!“

Sattler ließ die Schultern hängen und schlug die Hände vor das Gesicht. „Ich weiß es doch auch nicht.“

„Soll das heißen ...“

„Das heißt ... die letzte Seite des Buches hat gefehlt ... herausgerissen.“

Reinhold stand mit offenem Mund da. „Die Seite hat damals bereits gefehlt? Haben Sie denn in der Bücherei nicht reklamiert?“

„Die hatten nur ein Exemplar, den Verlag gab es nicht mehr und der Autor war bereits verstorben. Auch Antiquariate konnten mir nicht helfen. Ich habe versucht, damit fertig zu werden, war zeitweise in psychologischer Behandlung ... alles umsonst. Am Ende bin ich hier gelandet.“ Sattler sah Reinhold müde an. „Und Sie?“

„Im ganzen Internet keinerlei Hinweise über das Buch oder den Autor. Ein Privatdetektiv hat Ihren Aufenthaltsort herausgefunden.“ Er fingerte den Zettel mit der Skizze aus seiner Hosentasche, zerknüllte ihn und warf ihn in den Dreck. „Jetzt bin ich pleite und weiß nicht mehr weiter.“

„Dann haben wir wohl einiges gemeinsam.“ Sattler stieg die zwei Stufen hinauf. In der Tür drehte er sich um. „Allerdings gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen uns.“ Ein verschmitztes Lächeln schien seine Lippen zu umspielen. „Sie haben Ihr ganzes Leben noch vor sich.“

Mit leeren Augen sah Reinhold auf die geschlossene Tür, legte das Buch auf die obere Stufe und straffte sich. Dann schritt er entschlossen in Richtung Trafohäuschen.

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.06.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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