Patrick Rabe

Man sieht sich (immer wieder) - Ein Morgen in Ozeanien...

Man sieht sich (immer wieder)

Ein Morgen in Ozeanien mit geringer Störungsfrequenz

 

Ein dystopischer Utopismusroman in einem Jahrum

 

von Patrick Rabe

 

Eines Morgens wachte Winston Smith in seinem komfortablen Loft in Lindon, der Hauptstadt von Ozeanien auf. Er vergewisserte sich auf der Wetter App seines Intelligentphones, dass „wir“ 98 Grad Celsius hatten, es also ein schöner Sommertag war. Außerdem guckte er noch mit einem zwanghaften Zucken seiner Augen und seiner Gesichtsmuskulatur auf das Jahrum an der Zeitleiste seines I-Phones. Vor dreimal 1984 hatten sie das Datum durch das Jahrum ersetzt. Das machte vieles einfacher und so ging „das Jahr auch schnellrum“, wie es auf Neusprech, dem zu Hause im Unprivatraum angewandten Slang der Angestellten, wie Angeschmierte seit fünfmal 1984 hießen. Sein Intelligentphone war genauso intelligent wie er, und sagte ihm immer seine eigene Meinung. Er hielt nichts von Leuten, die ein Smartphone hatten, denn das war flach, und sagte seinen Besitzern immer alle anderen Meinungen. Und dann kauften sie sich kleine Autos, anstatt wie er, auf einem Flatboard 10 Meter über der Erde schwebend zur Arbeit zu fahren. Damit verseuchte er weder die Umwelt, noch seine eigenen Schwarzlackschuhe, wie Füße seit fünfundzwanzigmal 1984 hießen. Zwar hatte er permanent das Gefühl, dass sich in seinen Schwarzlackschuhen zwei Gurunkel ( der seit achtmal viermal 1984 eingeführte Euphemismus für „Furunkel“) ausgebildet hatten, die ständig schwitzendes Sekret produzierten, aber das behielt er lieber für sich.

 

Motiviert betrat er seinen Balkon. Das durfte man, und man durfte sich auch gut dabei fühlen. Das „Voll“ vor „Motiviert“ hatte das Ministerium für Fülle vor zweimal 1984 abgeschafft, seit dem Mann auf dem Plakat aufgefallen war, dass es die Leute erst überspannt, dann überdreht und dann „gefährlich“ machte, wie „revolutionär“ seit achthundertmilliardenmal 1984 auf Neusprech hieß. Das Ministerium für Fülle war danach aus Sicherheitsgründen in „Ministerium für Wenigkeit“, kurz „Miniweh“ umbenannt worden war. „Man“ (wie „wir“ in manchen internen Kreisen hieß), hatte dann auch weniger Schmerzen. Seit Winston sich in alles gefügt hatte, und zusammen Alex A. Alexander und Belex B. Belexander in der schönen, neuen Firma von Christopher Nobody arbeitete, in der das Ce-No Phänomen – auf Neusprech kurz „Sayno“  - untersucht wurde, um neu aufkommende „Gefährlichkeiten“ sofort verhindern zu können, ging es ihm wirklich gut.

 

Mit maschinell rasselnden, aber sehr unaufdringlichen Geräuschen, - wie „Atmen“ seit fünfmal 1984 hieß- sog er auf seinem Balkon das frische Ozon – wie „Sauerstoff“ seit mehrmals mal vielmal 1984 hieß- ein, das irgendwann von der Regierung durch ein Loch in der Erdatmosphäre aus dem Weltall heruntergeholt worden war, um den Flavorduft der E-Zigaretten großflächig ersetzen zu können, und für die Bürger von Ozeanien eine Steuerentlastung herbeiführen zu können. Winston schaltete sein Intelligentphone auf „Labern“, wie „lockerer Smalltalk“ auf Relaxsprech hieß, seit die Regierung die Mitmenschen – auf Neusprech „Arbeitsverhinderungstörfälle“- abgeschafft hatte, und laberte frei von der Leber weg mit überhauptkeinem, wie überhauptniemand seit fünf Arbeitseinheiten hieß, damit „er“ ihn nicht etwa an seinen Chef erinnerte.

 

Plötzlich trat etwas in Winstons Gesichtsfeld, was seinen Augapfel – wie die runde Tatsache unter der Internetzverabeitungshaut seit der Nachreligösisierung vor siebenmal 1984 wieder hieß, weil sich das Wort „Rundkörper unter der Arbeitsoberfläche“ nicht durgesetzt hatte- extrem störte. Es war ein ungepflegt aussehender Mann in zerschlissenen Klamotten, der völlig ungeniert sein Flüssigkeitsregulierungsventil – wie „Penis“ seit der --- hieß, wie die unaussprechliche Schweigsamkeitsrunterrevolte von --- seit --- hieß, (was den einzigen erkennbaren Systemfehler in 1884 darstellte, aber darüber schwieg „man“ um „wir“ nicht zu verunsichern)- rausholte, und ekligen gelben Saft, wie das Sekret der Ekelfrucht – vor dreieinhalb Schweigeeinheiten noch „Orange“ genannt- über das gesamte Saluatienbeet vor Winstons Haus verteilte. Winston stöhnte genervt, was ein Gefühl ergab, das er lange nicht mehr empfunden hatte, und das ihn sehr irritierte. Er betrachtete den Mann vor seinem Balkon. Es musste sich hierbei um Peter Pisse handeln, wie alle Obdachlosen und Stadtstreicher seit  zehnmal 1984 kollektiv hießen, damit man sie leichter wegscheuchen konnte. Nämlich mit einem simplen, kurzen „Verpiss dich, Peter!“, auf das die Stadtstreicher konditioniert waren. „Verpiss dich, Peter!“ rief Winston mit seiner „Wut“-Modulation vom Balkon. Doch der ungepflegt aussehende Mann sah nur fröhlich zu ihm hinauf,  lachte und sagte: „Ich bin nicht Peter Pisse. Ich bin Aldous Huxley. Das LSD wirkt noch.“. Mit einem nachgiebigen Geräusch kippte Winston Smith von seinem Balkon.

 

 

 

© by Patrick Rabe, 9. Mai 2021, Hamburg.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.06.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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