Helga Moosmang-Felkel

Die Regenkatze Kapitel 16

Er war fort. Die Zeit dehnte sich unerträglich in die Länge. Der Schuppen schien ohne die kraftvolle Katergegenwart des Korsaren seine Wärme verloren zu haben. Mit heftig schlagendem Herzen wartete Blue auf seine Rückkehr. Alle anderen schienen zu schlafen, doch plötzlich entdeckte sie auf der anderen Seite des Schuppens tief am Boden zwei glänzende Augen, deren Blick lauernd auf sie gerichtet war. Erschrocken starrte sie hinüber und bemerkte, dass Omar sie keine Sekunde aus den Augen ließ. Ihre Gedanken überschlugen sich. Vielleicht wollte Omar die Abwesenheit des Korsaren ausnutzen, um einen Ausbruchsversuch zu wagen. Sie wusste, dass sie das verhindern musste, sonst wäre die ganze Aktion des Korsaren draußen gefährdet. Nach wie vor war es drinnen wie draußen totenstill und keine Spur von Helligkeit sickerte durch die Ritzen und kündigte den Anbruch des Morgens an. Immer noch sah sie das lauernde Glitzern in Omars Augen. Entschlossen richtete sie sich auf und knurrte zornig in seine Richtung. Es musste ihr gelingen, die Stellung zu halten, bis der Korsar zurückkam. Sie hatte das Gefühl, dass Omar mit ihr spielte. Er kroch ein wenig vor und wieder zurück und fixierte sie mit einem verschlagenen Lächeln. Sekunden verstrichen und Blue sträubte ihre Nackenhaare. Plötzlich richtete sich der alte Omar gemächlich auf und schlenderte zu ihr hinüber. Seine Züge trieften vor Hohn. „Nun, Blue,…wirst du mich durchlassen…, du kleine Hurenkatze…?“ fragte er hämisch und rückte ihr immer näher auf den Pelz. „Geh zurück, oder ich wecke die anderen auf…“, sagte Blue schroff. Sie wollte sich nicht anmerken lassen, dass ihr Herz vor Angst pochte. Der alte Omar sabberte und kicherte in sich hinein. „Du glaubst doch nicht, Blue, dass du mich aufhalten kannst, das glaubst du doch nicht wirklich…“, sagte er und wollte sich ausschütten vor Lachen. „Zurück mit dir…“, stieß Blue gepresst hervor und machte einen halbherzigen Schritt auf ihn zu. Plötzlich begann der alte Omar mit seinem Schwanz zu peitschen und sein dicker Körper begann zu zucken. Er wollte gerade zum Sprung ansetzen, da knarrte die Türe leise und der Korsar glitt zurück in den Schuppen. Mit einem Blick erfasste er die Situation und scheuchte Omar zurück. „Sie liegen unter dem dichten Gebüsch rechts vom Holunderbaum…“, sagte der Korsar, „ich werde jetzt alle aufwecken und wir werden vor dem Morgengrauen angreifen…“

 

Leise schlüpfte Blue von einer Katze zur anderen und weckte alle auf. „Geht es endlich los…“, rief die kleine Mona so vergnügt, als bräche sie zu einem Spaziergang auf. „Sie sind zu fünft…“, sagte der Korsar, „ich werde voran schleichen und Ralf so schnell wie möglich ausschalten,… das wird ihre Kampfmoral gehörig untergraben…“ Sein Fell knisterte und Blue sah die straffen Muskeln darunter spielen. „Blue und Ebony, ihr werdet den Russen und Wehringhauser in Schach halten, bis ich Ralf besiegt habe…,“ „Und was ist mit mir, ich will auch kämpfen…“, schrie die kleine Mona empört und tänzelte unruhig durch den Schuppen. „Du könntest mir Sugar die anderen beiden Kater, schwächliches, herunter gekommenes Gesindel…in Schach halten,… sobald Ralf erledigt ist, werden sie ohnehin das Weite suchen…“, sagte der Korsar. „Bitte nicht,…Mona ist viel zu klein…“, sagte Blue ängstlich, „sie soll zusammen mit Sugar im Schuppen bleiben…“ „Blue, dann sind wir in der Minderzahl…, wir müssen alle Kräfte einsetzen, die uns zur Verfügung stehen…“, antwortete der Korsar. Plötzlich richtete sich Sugar auf und sagte entschlossen: „Ich werde kämpfen,…ich verdanke Blue mein Leben und ich werde kämpfen und wenn es das letzte ist, was ich in diesem Leben tue…“ Erleichtert und erfreut lachte der Korsar sie an: „Ich habe nichts anderes von einer Katze aus so altem Adel wie dir erwartet,…“ sagte er mit Wärme in die angespannte Stille hinein. Omar stand wie gelähmt in der Ecke, dann schleppte er sich schwerfällig nach vorne: „Was ist mit meiner Wenigkeit…“, fragte er barsch. „Sobald wir draußen sind, kannst du gehen, wohin du willst…“, sagte der Korsar und sah ihm fest in die Augen. Der alte Omar schimpfte vor sich hin und schien nicht zu wissen, ob er weglaufen oder dableiben sollte. Ohne noch länger auf ihn zu achten, stieß der Korsar die Türe auf und setzte sich an die Spitze des kleinen Zuges. Sie stapften so geräuschlos wie möglich durch den feuchten Schnee. Im Osten hellte sich bereits der Himmel auf und die schmale Mondsichel wurde blasser. Sie hielten sich dicht hintereinander und setzten die Pfoten so leise wie möglich auf. Nur die kleine Mona drängelte und tanzte immer wieder aus der Reihe. Ihre völlige Sorglosigkeit beunruhigte Blue plötzlich stark. Obwohl die Entfernung zu dem Gebüsch nur kurz war, schien die Zeit, die sie brauchten, um sich anzuschleichen, endlos. Die kleine Mona benahm sich mittlerweile, als habe sie den Verstand verloren. Sie lief zurück, erschien von neuem, kehrte nach wenigen Schritten wieder um, dann flüsterte sie Blue zu: „Wir hätten Omar nicht allein lassen sollen, er wird sie warnen, ich muss zurücklaufen...“ „Es ist zu spät, wir sind fast da…“, sagte der Korsar. Er drehte sich noch einmal um und versenkte seinen Blick in Blues. Ein halbes Lächeln lag auf seinem haarigen Gesicht, das ihr mit der Maske und den Narben über den brennenden dunklen Augen im schwindenden Mondlicht plötzlich abgezehrt erschien. Er betrachtete sie mehrere Sekunden lang, gleichgültig für alles, was ihn umgab, betrachtete sie, als sei sie das einzige Wesen auf der Welt. Wieder dachte Blue, dass sie ohne ihn nicht weiterleben konnte. „Geh weiter, Blue, die Zeit drängt…“, sagte Ebony, deren schwarzes Fell fast bläulich glänzte. Der Korsar setzte zum Sprung an. Im gleichen Augenblick hörte man den alten Omar lang und heiser durch die Nacht schreien. Der gespenstische Schrei erstarb und klang von neuem auf, während Blue mit einem hohen Sprung dem Korsaren ins Gebüsch folgte.

 

Mit geweiteten Augen sah sie, wie der Korsar sich rasend vor Wut auf den gelben Ralf stürzte, der sich schnell aufrichtete, um Widerstand zu leisten. Doch der Korsar mit seinem gestählten und geschliffenen Körper warf ihn auf Anhieb nieder und verbiss sich in seinen Hals. Im gleichen Augenblick stürzte sich Ebony auf den massigen Russen. Ihre smaragdgrünen Augen sprühten Funken, als sie auf seinen Rücken sprang und ihn von oben mit den gezückten Krallen drangsalierte. Durchdringende Schreie und unterdrücktes Fauchen dröhnten in Blues Ohren. Überrascht sah sie, wie Sugar sich auf Wehringhauser stürzte und ein tiefes Knurren aus ihrer Kehle drang. Die kleine Mona tänzelte vor den anderen beiden Katern herum, die vergeblich versuchten, sie zu packen. Alle gaben ihr Bestes, nur Blue fühlte sich wie betäubt. Die Ängste um den Korsaren und die kleine Mona verlangsamten jede ihrer Bewegungen und sie war plötzlich völlig unkonzentriert. Dem fetten Russen gelang es Ebony abzuschütteln, und sich auf Blue zu stürzen. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis der schwere Kater Blue in den Krallen hatte und sie mit mörderischer Lust bearbeitete. Blue versuchte sich herumzuwerfen, aber sie hatte den geeigneten Moment verpasst. Ihre graublauen Fellbüschel flogen durch die Luft und bevor sie sich versah, tropfte Blut aus ihrer Nase und ihrem Mund. Sie stieß ein grelles Geheul aus und merkte, dass ihre Zunge seltsam heraushing. Ihr Rücken schmerzte plötzlich unerträglich und sie hörte alles aus weiter Ferne. Sie hatte das Gefühl über dem Gehölz zu schweben und wunderte sich, weil blassviolette und weiße Mandelblüten die Landschaft wie Zuckerwatte überzogen und alles funkelte. Glöckchen klingelten in ihren Ohren, sie wusste, dass sie am Boden lag, aber gleichzeitig schien sie leichtfüßig zu tanzen. Ungläubig schloss sie die Augen. Sooty stand plötzlich an ihrer Seite, und in ihren dunklen Augen standen Tränen. „Bist du zur Erde zurückgekehrt?“ fragte Blue Sooty lächelnd. Sooty senkte den Kopf und sagte leise: „Nein, aber du gehst vielleicht auf Reisen…“ Einen kurzen Augenblick schreckte Blue auf und fühlte überall furchtbare Schmerzen, sie fror und es hatte wieder zu schneien begonnen. Der Boden um sie herum war blutgetränkt. Sie hörte das Keuchen und Fauchen von mehreren Katzen um sich herum. Dann driftete sie wieder weit weg und sagte zu Sooty: „Ist die Reise, die ich mache, gefährlich…?“ Sootys Barthaare zitterten. Sie ließ Blue nicht aus den Augen. An Blue zogen die wenigen Stationen ihres jungen Lebens im Zeitraffer vorbei. Plötzlich wühlte sie wieder zwischen ihren fünf Geschwistern herum und fühlte das Fell und die weichen Zitzen ihrer Mutter in dem großen Stall, in dem sie geboren war. Gleich darauf wohnte sie wieder unter der Kanalbrücke in der Altstadt und hörte das gleichmäßige Rauschen des Wassers. Sie wollte dort verharren und zur Ruhe kommen, doch schon rissen sie weitere, immer neue Bilder mit. Flüchtig sah sie Said, fühlte fast sein silbernes, dickes Fell, bevor neue Katzen, neue Orte auch ihn vorbeiziehen ließen. Plötzlich hörte sie ein leises Schnurren und sah einen großen dunklen Kater neben sich, an dessen Namen sie sich nicht erinnern konnte. Aber er war da, er war zu ihr zurückgekommen und alles war plötzlich gut. Nun konnte sie beruhigt einschlafen, dachte sie. Sie hatte den Rand der Welt gesehen und wusste nun, wo ihr Mittelpunkt war, bei diesem großen schwarzen Kater.

 

Als Blue wieder erwachte, lag sie im Schuppen und um sie herum drängten sich viele Katzen in einem Halbkreis und leckten an ihr herum. Blue hatte das Gefühl, sich in einem seltsamen Rausch zu befinden, ihr ganzer Körper schmerzte. Das Dach vom Schuppen schwankte. Die Gesichter der Katzen verschwammen. Die Geräusche verstummten und setzten dann verstärkt wieder ein. In einem Moment war ihr glühend heiß, im nächsten wieder eiskalt. Sie sah, wie sich zwei dunkle Katzen über sie beugten. Sie hörte die dumpfe Stimme eines Katers, die aus einer Höhle zu kommen schien und wusste, dass er zu ihr gehörte, obwohl sie ihn nicht erkannte. Sie sah Ratlosigkeit und Bestürzung in den Gesichtern der Katzen, die sie umringten. Sie flössten ihr Trinken ein, nur wenige Tropfen, die in ihrer Kehle brannten. Völlig erschöpft ließ Blue sich zurücksinken in einen Ozean jenseits aller Schmerzen. Sie wollte sich aufmachen, um Sooty zu suchen. Sie wollte Sooty in ihr neues Leben begleiten und nie mehr von ihrer Seite weichen. Doch plötzlich wurde ihr für einen Moment bewusst, dass sie kämpfen musste, dass sie eine Aufgabe, die ihr entfallen war, in der Altstadt hatte und sie murmelte vor sich hin: „Ich komme zurück,…wartet, ich komme wieder…“ Bevor sie sich in die Dunkelheit sinken ließ, sah sie in die verstörten Gesichter der anderen Katzen und spürte, dass sie beschleunigt atmete. Ihre Ohren glühten und ihre Brust hob und senkte sich rasch. Irgendwann schreckte sie auf und sah den Mond wie einen Silberfaden über dem Schuppen stehen. Funkelnde Goldkörnchen tanzten vor ihren Augen und verschwommen nahm sie neben sich einen schlafenden, zusammen gerollten Katzenkörper wahr, der fast bronzefarben schimmerte. Doch bald sank sie wieder hinein in schwarze und schwankende Fluten und hörte einen schwermütigen Katzengesang, der immer mehr anschwoll und ihr unsagbar in den Ohren schmerzte. Der Gesang verwandelte sich in ein Geheul, das bis zu den Wolken hinaufröhrte.

Das Licht in Blues Kopf wurde wieder intensiver. Sie fühlte, dass sie diesem Licht entgegenreiste, einem Licht, das immer greller und gewaltiger wurde und einem endlosen Gewölbe glich. Blue fühlte, dass sie im Fieber vertrocknete wie der morgendliche Tau. Sie fühlte weder Schmerz noch Angst. Doch plötzlich durchfuhr sie die Erinnerung an einen dunklen, fast schwarzhaarigen Kater und sie fragte immer wieder: „Wird er mit mir kommen…durch das Licht…?“ Sie verstand die Antwort nicht und wurde hin- und hergerissen von der Sehnsucht, sich in dem Licht aufzulösen und dem Wunsch, bei ihm zu bleiben. Sie rollte sich schreiend auf dem alten Fell und schrie: „Nein, ich will ihn nicht allein hierlassen…, ich will bei ihm bleiben…“

Schlagartig erlosch das Licht und Blue wurde von einem schweren Gewicht niedergedrückt, das ihr den Atem nahm. Das Blut in ihren Adern raste im Feuer eines Fiebers, das sie vor Kälte schlottern und mit den Zähnen klappern ließ. Sie hörte ihren eigenen Atem abgehackt und pfeifend über ihre Lippen kommen. Plötzlich wusste sie mit ungewöhnlicher Klarheit, dass sie im Sterben lag. Doch gleichzeitig merkte sie, dass sie im Herzen des schwarzen Katers verwurzelt war. Sie konnte nicht über den Rand der Welt gehen. Für einen Augenblick wurden ihre Gedanken klarer und sie dachte: „Ebony wird mir helfen…, sie wird das Fieber weg machen, sie wird es aus mir heraussaugen…“ Dann verwirrten sich ihre Gedanken wieder und sie murmelte mit ausgetrockneten Lippen: „Neun, ich habe neun, nein ich habe noch acht Leben…ich darf noch achtmal durch das Licht tauchen…, bevor, bevor…“ Plötzlich rastete Blue völlig aus und boxte mit den Pfoten um sich. Bizarre Gestalten beugten sich über sie und versuchten, sie zu bändigen. Sie wehrte sich, wollte weglaufen, hinaus über die Felder, zurück in die roten Wälder,…in die tiefen Schluchten. Ein schriller Schrei durchdrang das unruhige Treiben der geisterhaften Katzengestalten. Blue schreckte hoch und erkannte für einen Augenblick die kleine Mona, die angstvoll nach ihr rief. Wieder stieß Mona einen entsetzen Schrei aus und dann wurde wieder alles still. Blue tauchte wieder ein in schattenhafte Welten, ein absurdes Katzenballett tanzte vor ihren Augen und sie versuchte, einen Sinn darin zu finden. Alles schien sich in einer endlosen Spirale um einen Punkt zu drehen. Plötzlich blickte sie in zwei dunkle Katzenaugen und ihr Herz schien vor Freude zu bersten. Sie sah ganz deutlich sein eingefallenes, fast verwüstetes Gesicht, über das Tränen wie Regentropfen liefen. Gleichzeitig hörte sie Regen auf das Dach prasseln, Regen, Stöhnen, Flüstern…

 

Blue ist aufgewacht…“, hörte sie eine leise Stimme flüstern. Ein pechschwarzer Katzenkopf beugte sich über sie und in den grasgrünen Augen stand eine fast jubelnde Freude. Blue hob die Pfote und berührte kurz das weiche, schwarze Fell, dann sank sie in den Schlaf zurück, aber diesmal war es ein tiefer und ruhigerer Schlaf. Nach einer Weile hörte sie wieder Stimmen auf sich eindringen. „Wir sollten sie aufwecken, sie schläft schon solange…“ hörte sie eine vertraute Stimme sagen. Dann beugte sich jemand über sie und eine zärtliche, raue Stimme sagte leise: „Wach auf, meine kleine Blue…, meine liebste Blue…“ Blue schlug langsam die Augen auf und starrte in das grelle Licht der Sonne. Nur langsam gewöhnten sich ihre Augen an die strahlende Helligkeit. Mehrere Katzen umringten sie. Sie erkannte die kleine Mona, die sie anstrahlte und Sugar mit ihrem feinen schokoladenfarbenen Fell, die eine große Erleichterung zu fühlen schien und Ebony, die ein bisschen schief grinste, um sich ihre Rührung nicht anmerken zu lassen. Und dicht neben ihr lag der schwarze Korsar und der Anblick seines geliebten Gesichts beruhigte Blue endgültig. Unwillkürlich hob sie ihm eine Pfote entgegen. Eine bange Ahnung ließ ihr Herz klopfen: „Der Kampf, haben wir ihn verloren…?“ fragte sie ängstlich. Alle begannen gleichzeitig zu reden und der Chor der vielfältigen Katzenstimmen betäubte Blue. Endlich verstummten sie wieder und der Korsar ergriff das Wort: „Wir haben sie vernichtend geschlagen,…Ebony hat den fetten Russen getötet und Sugar einen der beiden namenlosen Kater…du hättest Sugar mal sehen sollen, sie raste plötzlich wie eine Furie…, sie hat wirklich scharfe Krallen…“ Der Korsar blinzelte Sugar zu, die verlegen zu Boden sah. „Dann habe nur ich mich so dumm angestellt…“, flüsterte Blue beschämt, „und euch alle in Gefahr gebracht…?“ „Ralf und die andern beiden konnten fliehen, aber sie haben den Loft verlassen und sind aus dem Revier verschwunden…“, sagte der schwarze Korsar. Blue bereute ihr zerstreutes Verhalten in der Nacht des Kampfes sehr. Leise fragte sie: „Du musstest von Ralf ablassen, um mich zu retten…?“ Behutsam versuchte der Korsar ihr das auszureden, aber Blue wusste, dass sie recht hatte. „Ralf ist auf lange Sicht gebrochen…“, sagte Ebony, die tage- und nächtelang bei Blue gesessen hatte. „Blue, das Wichtigste ist jetzt, dass du wieder zu Kräften kommst…“, sagte sie. Doch Blue grübelte immer weiter und versuchte die Zusammenhänge zu erkennen. „Hat Ralf etwas über Tiffany gesagt?“ fragte sie und spürte gleichzeitig, dass sie völlig erschöpft war. „Er hat zugegeben, dass er sie vertrieben hat,…er hat sie immer weiter über die Landstraße gehetzt,…aber angeblich weiß er nicht, was aus ihr geworden ist…“, sagte der schwarze Korsar grimmig. Blue blickte nachdenklich in die Sonne hinaus. Sie erinnerte sich plötzlich an die zarte Versuchung, sich in diesem endlosen Licht aufzulösen. Aber das behielt sie für sich, sie wollte ihre Freunde nicht beunruhigen. „Und die Morde in der Altstadt, hat Ralf die auch zugegeben…?“ fragte sie matt. Das Atmen fiel ihr leichter, doch sie fühlte immer noch eine dumpfe Betäubung, die sie nicht abschütteln konnte. Der Korsar schüttelte den Kopf: „Ralf hat bestritten, damit etwas zu tun zu haben…“ Blue merkte, dass sich ihre Gedanken verwirrten und trieb wieder in einen schweren Schlaf hinein. Die Augenlider fielen ihr zu und das letzte was sie hörte, war die beruhigende Stimme des schwarzen Korsaren, der ihr versicherte, sie würde bald wieder auf den Beinen sein.

 

Doch diese Voraussage erwies sich als trügerisch. Blue hatte zwar ihr Bewusstsein wiedererlangt, aber sie kam nur langsam wieder zu Kräften. Sie grübelte fast zwanghaft über ihr Versagen im Kampf nach und verzieh sich nicht, dass sie die ganze Gruppe gefährdet hatte. Starr heftete sich ihr Blick auf Einzelheiten, die ihr einfach nicht aus dem Kopf gehen wollten. In ihrem geschwächten Zustand hatte sie das Gefühl, dass alles in Unordnung wäre und die Geschehnisse immer noch ein gespenstisches Eigenleben entfalteten, das alles zerstören würde. Sie fürchtete, Ralf würde zurückkehren und glaubte den Versicherungen Ebonys und des schwarzen Korsaren nicht, dass er ein gebrochener, schwer verletzter Kater war. Obwohl sie Ralf verdächtigt hatte, quälten sie Ahnungen, dass weitere Morde in der Altstadt geschehen würden. Sie grübelte nächtelang darüber nach und fühlte sich schuldig, weil sie die Aufgabe, den Mörder zu finden, die Sooty ihr aufgetragen hatte, nicht erfüllt hatte. Sie wollte so schnell wie möglich in die Altstadt zurückkehren und zürnte ihrem geschwächten Körper, der das noch nicht erlaubte. Nur langsam fasste sie wieder Fuß in der Wirklichkeit. Ebony lief tage- und nächtelang allein auf die Jagd, damit der Korsar bei Blue bleiben konnte. Jeder hatte seine Aufgabe und seinen Platz in der täglichen Geschäftigkeit und im Ruhen. Obwohl das Fieber nachgelassen hatte, plagten Blue wirre Traumbilder, die sie ängstigten. Die kleine Mona verhielt sich so scheu Blue gegenüber, dass sich Blue fragte, was sie im Fieberwahn von sich gegeben hatte. Mona fürchtete immer noch, Blue könnte doch noch in der Schattenwelt verschwinden. Sie war die erste, die es im Schuppen nicht mehr aushielt. Es zog sie zurück in die Altstadt zu ihrer großen unerfüllten Liebe, dem Birmakater Robby. Sie lächelte schelmisch und ein bisschen schuldbewusst, als sie sich von Blue verabschiedete. „Verzeih mir, Blue, aber ich muss einfach zurück, ich habe Robby solange nicht gesehen…“, piepste sie. „Ich werde dich oft besuchen…“, versprach sie und zwinkerte mit ihren langen Wimpern. Blue beugte sich vor und senkte die Stimme: „Mona, pass auf dich auf, vor allem im „Roten Löwen“, Omar war so seltsam in letzter Zeit, man könnte fast glauben, er wäre närrisch geworden…“ Mona spitzte die Lippen und wich Blues Blick aus, dann sagte sie: „Ach, weißt du, Blue, er hing einfach so an Ralf, er fand seine Späße lustig,…du kennst ihn doch, er ist eine alte, treue Haut…“ Blue schüttelte missbilligend den Kopf über Monas gewohnte Sorglosigkeit. Doch Mona lief fröhlich lachend aus dem Schuppen, um sich von den anderen Katzen zu verabschieden. Blue seufzte, sie fühlte sich bereits wieder erschöpft. Als sie die Augen wieder öffnete, lag der Korsar neben ihrem Bett und erzählte ihr von seiner Mäusejagd, in der er täglich geschickter wurde, weil er mittlerweile jeden Meter des Gebiets kannte. Ebony und er waren eine eingeschworene Jagdgemeinschaft, die gut aufeinander eingespielt war. Blue liebte es, wenn er neben ihrem lag und sie lauschte seinen Berichten mit Gier. Sie hatte immer das Gefühl, seine Worte und Sätze brachten ihrem geschwächten Körper Nahrung. Ihre Genesung machte nun schnellere Fortschritte und ihr früheres Selbstvertrauen kehrte langsam zurück. „Mona ist heute aufgebrochen,…wir sollten auch bald zurück in die Altstadt gehen,…“, sagte Blue leise. „Liebling, quälst du dich immer noch mit diesen Befürchtungen herum,…? Ralf hat das Gebiet verlassen, es wird keine weiterten Morde in der Altstadt mehr geben…“, sagte der Korsar besänftigend und leckte zärtlich über ihr vom Fieber stumpf gewordenes Fell. Doch Blue sah ihn mit undurchdringlichen Augen an und antwortete nicht. Ihr untrüglicher Instinkt sagte ihr, dass er sich diesmal irrte. Sie spürte tief innen, dass immer noch eine große Gefahr auf sie lauerte, die noch kein Gesicht hatte. Traurig-trotzig schüttelte Blue den Kopf. Sie lebte ständig in Erwartung einer neuen Katastrophe, die allem Schönen in ihrem Leben ein Ende setzen würde. Der Korsar drückte seine Pfote fester auf ihren Pelz. „Ich hatte Angst um dich, Blue,…“, sagte er gepresst, grenzenlose Angst,…wir sollten uns jetzt den schönen Seiten des Katzenlebens zuwenden und die Vergangenheit endgültig ruhen lassen…“ Noch nie hatte sie ihn das Wort Angst aussprechen hören und seine Worte hatten einen drängenden Unterton, dem sie sich kaum entziehen konnte. Sie erinnerte sich, dass sie in ihrem Fiebertraum sein tränenüberströmtes Gesicht gesehen hatte und wagte nicht mehr, ihm zu widersprechen. Doch in ihr kämpfte der Wunsch, Sootys Auftrag, endlich zu erfüllen mit ihrer Liebe zum Korsaren. Sie neigte den Kopf und schmiegte sich an sein weiches Fell. Sie fühlte die Wärme des Felles und ließ sich von seiner Stärke einhüllen, der gestählten Stärke eines kampferprobten Lebens. „Lass uns ein wenig hinaus ins Freie gehen, die Sonne wird dir gut tun…“, sagte der Korsar. Blue hatte weder die Kraft noch den Wunsch, sich ihm zu widersetzen und richtete sich auf. Ihre Beine fühlten sich fast hilflos und sehr weich an. Sie taumelte leicht bei den ersten Schritten. Dann liefen sie einträchtig nebeneinander her ins Freie. Es hatte geregnet und der Raum wirkte bis zum Horizont luftleer. Sugar lag auf dem Dach des Schuppens und winkte ihnen zu. Sie war immer noch still, aber wirkte runder und glücklicher. Aus ihren riesigen klaren Augen lächelte sie zu den beiden hinunter. Sie half Ebony, die Kräuter und Hölzer zu rupfen, die dem Mondstand entsprachen und oft führten die beiden Katzen lange Gespräche über die Heilkraft einer bestimmten Wurzel oder die Kraft bestimmter Plätze, die heilsame Schwingungen für Katzen hatten. Der Schnee war getaut und die Palmweidenkätzchen wirkten bereits aufgeschwemmt. Die ersten Blatttriebe sprossen und die Vögel sangen. Blue zwang sich ein paar Schritte durch das Holundergehölz zu machen, wäre aber am liebsten zurückgekehrt in die dämmrige Geborgenheit des Schuppens. Ihre Pfoten waren eiskalt und sie sehnte sich nach dem knisternden Holz und dem trüben Licht des Schuppens. Ihr erschöpfter Körper bedeckte sich mit Schweiß und sie bewegte sich wie ein Automat. Der Korsar bemerkte Blues tiefe Müdigkeit und ihre Wehrlosigkeit in diesem geschwächten Zustand betrübte ihn sehr. Er spürte ihre innere Abwesenheit, aus der sie seit ihrer Erkrankung nicht herausfinden konnte. Apathisch und gleichzeitig überwachsam versuchte sie ihre Kräfte zu sammeln und ihn ihre Erschöpfung nicht merken zu lassen. Sie schwiegen lange Zeit, dann wollte Blue in den Schuppen zurück. Sie schoben die Türe weit auf, um die milde Luft hereinzulassen und der Korsar zeigte ihr lächelnd eine große Spinne, die in einem Winkel des Fensters saß. Es war in diesem Augenblick, dass Blue einen Ruf zu hören glaubte. Über dem Gesang der Vögel und den Motorsägengeräuschen vom Wald her schien sie zu hören, wie sich Katzenpfoten näherten und eine Stimme rief: „Hilfe, wir brauchen Hilfe…“ Sie lauschte angespannt und als draußen alles still blieb, ahnte sie, dass sie es nur in ihrem Inneren gehört haben musste. Sie schob es auf ihre übergroße Empfindlichkeit nach der Krankheit und lief schnell in den Schuppen und rollte sich auf ihrem Fell zusammen. Doch als sie sich entspannen wollte, hörte sie wieder einen lauten Hilferuf und fuhr erschreckt hoch. „Was ist los, Blue…?“ fragte der Korsar und sah sie besorgt an. „Ich habe mehrere Katzen um Hilfe rufen hören…“, sagte Blue leise. „Aber Blue, es ist weit und breit keine Katze zu sehen…, und Gespenster gibt es nicht…“, sagte er und sah schweigend zu Ebony hinüber. Wie eine eisige Umklammerung packte Blue die Angst, sie hätte den Verstand verloren, das Fieber hätte sie dauerhaft geschädigt. Eine große Einsamkeit griff nach ihr, als sie die ungläubigen Mienen der anderen Katzen um sich herum sah. Sie musste sich einfach getäuscht haben. „Ich werde einen Kontrollgang machen…“, sagte der schwarze Korsar, um sie zu beruhigen. „Nein, nimm dich in acht, bleib bei mir…“, schrie Blue fast hysterisch, „Ralf könnte zurückgekehrt sein, zu allem entschlossen…“

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Helga Moosmang-Felkel).
Der Beitrag wurde von Helga Moosmang-Felkel auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.06.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  • Autorensteckbrief
  • sharonmultimedica-software.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Helga Moosmang-Felkel als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Alles ist Windhauch: Ein Protokoll Gedichte und Worte - Trauer Abschied Erinnerung von Regina Elfryda Braunsdorf



Es ist ein - wirklich nicht verändertes - lyrisches Protokoll, entstanden im ersten Vierteljahr nach der plötzlichen Abwesenheit des besten Freundes und Seelenverwandten. Ein schmerzverbundenes Aufschreiben für die Erinnerung.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Tiergeschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Helga Moosmang-Felkel

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Regenkatze Kapitel 19 von Helga Moosmang-Felkel (Sonstige)
Der arrogante Hund von Norbert Wittke (Tiergeschichten)
Hilfe...ich bin ein Lüstling...lach...smile... grins und heul von Rüdiger Nazar (Autobiografisches)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen