Fernand Muller-Hornick

Der Zuhörer

Fernand Muller-Hornick

38, Montée Willy Goergen

L-7322 Steinsel

muller_hornick@yahoo.de

 

 

Den Mann, von dem hier zu berichten ist, gibt es genau genommen nicht, jedenfalls nicht offiziell. Er ist aber auch kein Geist, sondern ein Mensch wie Sie und ich. Der Mann arbeitet in einem unauffälligen Gebäude mit brauner Fassade, sechs Stockwerke, wie gesagt, nichts Auffälliges, es könnte sich um eine Bank, ein Verwaltungs- oder sonst ein Bürogebäude mit stinklangweiligen Angestellten handeln. Der Mann sitzt, wie hundert und mehr Angestellte auch, in einem kleinen Büro mit drei Computern und ebenso vielen Aufzeichnungsgeräten. Aber keine Angst, die Raumgröße von 8 qm entspricht durchaus den in den "Technischen Regeln für Arbeitsstätten ASR", A1.2: "Raumabmessungen und Bewegungsflächen", hier unter Nr. 5 "Grundfläche von Arbeitsräumen", Ziffer 3 festgelegten gesetzlichen Anforderungen.

Was der Mann arbeitet, möchten Sie wissen. Genau genommen nichts. Er hört und schaut nur zu. Der Mann beantwortet keine Anrufe, nimmt auch keine Bestellungen für Pizza Margherita beim Pizzabäcker Giovanni entgegen, oder für die Nummer 48, Huhn mit Ananas und Paprika in süß-saurer Soße beim Chinesen, noch gibt er Auskünfte, ob der IC von München nach Berlin Verspätung hat, und wenn ja, wie viel. Er informiert auch nicht darüber, ob die Flüge nach "Malle" in der Corona-Krise Ihre Bedürfnisse befriedigen, in der Schinkenstraße die Sau raus zu lassen um später die ganze Promenade vollzukotzen. Nein, der Mann sammelt nur Informationen. Zum Beispiel, wie oft Sie bei dem und dem Internetanbieter bestellen und was, ob Sie mit der Lieferung zufrieden sind und wenn nein, warum. Aber er sammelt nicht nur, was auf den Aufzeichnungsmaschinen gespeichert wird, er hört ebenfalls zu, was mit freundlicher Unterstützung der modernen Anruf- und Sprechmaschinen, früher nannte man diese komischen Apparate Telefon, an Schwachsinn verzapft wird.

Für wen der Mann, wie seine Arbeitskollegen auch, sammelt und zuhört, werden Sie sich fragen. Woher soll der Mann das so genau wissen. Ein Amt, eine Institution, eine Behörde, eine Administration, eine Dienststelle, es gibt viele Bezeichnungen, aber keine ist genau definierbar, ein undurchschaubares, aber dennoch präzise geregeltes Geflecht. Dieser oder dieses irgendwer, der Einfachheit halber wollen wir es fortan Institut nennen, ist unbekannt, jedenfalls offiziell, das Institut steht in keinem Branchenverzeichnis und in keinem Telefonbuch, es gibt sie ebenso wenig wie den Mann und seine Arbeitskollegen.

Was das Institut mit den Mitteilungen anfängt? Viel, ganz viel. Es hilft Ihnen, die eigene Meinung, sofern Sie je eine gehabt haben, zu verbessern, beziehungsweise an die offiziell vertretene Meinung anzupassen. Wieso und warum, wollen Sie wissen. Ganz einfach: wenn hunderttausend und mehr Personen das Duschgel oder die Zahnseife einer bestimmten Marke, oder eine spezielle Kleidermarke himmelhoch preisen, um nur ein paar Beispiele zu nennen, muss es doch stimmen. Also hilft Ihnen das Institut, beim Einkauf die richtige Wahl zu treffen, was wiederum Zeit spart, denn Zeit ist bekanntlich Geld, und wer hat schon genug davon.

Genauso verhält es sich mit der etwas komplizierteren Meinungsbildung. Wenn Ihnen jeden Tag in den Medien erklärt wird, dieser oder jener Politiker, egal welcher ideologischen Richtung, vertrete die alleinige, für das Wohl des Landes und somit auch für Sie vortrefflichste Anschauung, warum sollten Sie dies anzweifeln? Ihre persönliche Meinung ist somit völlig unwichtig. Wozu brauchen Sie noch eine eigene? Ist es nicht viel bequemer, sich der Allgemeinheit anzuschließen, anstatt sich den Kopf zu zerbrechen, welcher Politiker das Land schneller oder langsamer in den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ruin steuert? Genau. Und damit Sie Ihr Gehirn nicht unnötig strapazieren müssen, um das Wirrwarr an Informationen letztendlich doch nicht durchschauen zu können, dafür sorgt der Mann, beziehungsweise das Institut.

Ein durchaus interessanter Beruf, werden Sie denken, ein Beruf, wo man viel, wenn nicht sogar alles erfährt, das Unwichtige, Belanglose ebenso wie das Wichtige. Andererseits:einen bedauernswerten Mann, werden sie annehmen. Nur sammeln und zuhören, und sonst nichts. Tag für Tag, Nacht für Nacht, sogar an den Wochenenden und Feiertagen, vorausgesetzt, der Mann hat Dienst. Aber da müssen Sie dem Mann Recht geben, immer noch besser als bei der Müllabfuhr stinkende Tonnen leeren, oder im Straßengraben schaufeln, oder sonst eine schlecht bezahlte Drecksarbeit erledigen. Eigentlich ist die von dem Mann zu leistende Arbeit nicht besonders anstrengend, andererseits ist sie ermüdend, acht Stunden nur Daten sammeln und dem Gequatsche der Anrufer zuhören oder die versendeten Nachrichten lesen, ohne dem verschickten Schwachsinn Einhalt gebieten zu können, wer hält das schon auf die Dauer aus. Und überhaupt: was interessiert das den Mann, ob die Bluse mit den roten Rosen und den violetten Querstreifen im Modehaus Sonnenschein anderthalb Euro teurer ist als im Modehaus Schubert, ob das Waschmittel in dem und dem Discounter vier Euro und zehn Cent billiger ist, stellen Sie sich vor, vier Euro und zehn Cent, obwohl das für viele Pfennigfuchser und Geizhälse wiederum fast schon lebenswichtig ist, hebt diese Information doch schließlich das Selbstbewusstsein, vier Euro und zehn Cent gespart zu haben und somit eine vortreffliche Hausfrau oder ein perfekter Hausmann zu sein. Um ehrlich zu sein: es interessiert den Mann auch nicht, ob Sie heute bereits um acht Uhr in der Früh aufs Klo waren anstatt, wie normalerweise, erst um zehn Uhr und ob Sie viel oder wenig und was in der Kloschüssel hinterlassen haben, ob Sie im Sommer für zwei Wochen nach Mauritius fliegt um in einem Luxushotel den vermeintlichen Reichtum zur Schau zu stellen, oder doch nur an der Nordsee eine preisgünstige Erholung suchen. Wie gesagt, den Mann interessiert das alles einen Furz. Aber es hilft dem Institut bei der Entwicklung der Meinungsbildung, und das ist das Wichtigste, weil es letztendlich auch Ihnen zugute kommt.

Würde der Mann über die Redefreiheit verfügen, er könnte mit dem Gehörten hunderte Romane schreiben, Liebesromane, Krimis, Arztromane, Heimatromane, Polittriller, Psychotriller. und was es noch alles an Bestsellerthemen gibt. Er könnte die bunte Presse, die mit wöchentlichem Eifer Ihre Bedürfnisse nach Sensationen, Klatsch und Tratsch über Sternchen und Adelshäuser befriedigt, mit tausenden und nochmals tausenden Informationen füttern und Millionär werden, zehn und mehr Finkas auf Malle kaufen und für teures Geld vermieten, er könnte ebenfalls mindestens fünf Yachten im Hafen von Monte Carlo liegen haben, mit den Ölscheichs auf Kamelen durch die Wüste reiten, unzählige Geliebte sein Eigen nennen, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Der Mann könnte sich natürlich auch gegen diese Informationsbeschaffungen auflehnen, einen Skandal provozieren, der bis in die höchsten politischen Gremien ein Erdbeben auslösen würde, aber er darf nicht. Wieso? Berufsgeheimnis. Streng vertraulich. Auf neu deutsch: Top secret! Sobald er auch nur ein Wort über das Gehörte ausplaudern würde, fristlose Kündigung, Strafprozess, Verurteilung, öffentliche Bloßstellung, alles nur erfunden, krank im Gehirn, wie kann jemand auf so eine hanebüchene Idee kommen, irgendwer würde die Bevölkerung abhören oder noch schlimmer, die Meinungsbildung manipulieren.

Aber warum sollte der Mann sich einer derartigen, gegen ihn gerichteten Diffamierungskampagne aussetzen? Hat er nicht einen sicheren Arbeitsplatz? Im Sommer läuft die Klimaanlage, im Winter die Heizung, er kann das Fenster auf und zu machen, die Beine auf dem Pult ausstrecken, wenn ihm nach Entspannung ist, was will er denn mehr? Ein Idiot, ein Volltrottel, der einen derart sicheren Arbeitsplatz wegen irgendwelcher Wichtigtuerei gefährden würde. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Dieses Motto hat der Mann vor vielen Jahren am PC ausgedruckt und an die Wand geklebt. Bei seiner wohlverdienten Pensionierung wird er es abnehmen, vielleicht lässt er es auch für seinen Nachfolger hängen.

Was den Mann allerdings am meisten beschäftigt, ist, dass er nicht über seine Arbeit sprechen darf. Kommt er nach acht Stunden nach Hause, und möchte seine Frau wissen, wie es war, nicht zu anstrengend, nicht zu stressig oder langweilig, sagt der Mann lediglich: "Nein, ganz gut!" Natürlich weiß die Frau nicht so genau, was ihr Mann arbeitet, irgendwas im Büro einer Institution, ein stinklangweiliger Job, über den zu sprechen es sich nicht lohnt, Hauptsache, der monatliche Lohn ist gesichert, das allein schon beruhigt und verschafft ein gutes Gefühl. Wie gesagt, dass er nichts sagen darf, alles für sich behalten muss, ärgert den Mann. Könnte er seiner Frau ins Gesicht sagen, sie telefoniere stundenlang mit ihren Freundinnen, wäre nichts Besonderes. Er bräuchte ja nur die monatliche Telefonabrechnung zu überprüfen, ohne sich verdächtig zu machen oder seinen Beruf in irgendeiner Form zu gefährden. Nein, dass er ihr nicht ins Gesicht sagen kann, sie quatsche manchmal, oder besser, immer nur idiotisches Zeug am Telefon, stelle ihn zumeist als bequem und lustlos dar, noch zu faul, die Mülltüte in den Container zu werfen, dass er im Bett seine Männlichkeit nicht mehr unter Beweis zu stellen fähig sei, dass er, sofern mal ein- oder zweimal im Jahr etwas passiert, Sie wissen schon, was gemeint ist, nach der Erledigung sofort zu schnarchen anfängt, all das nervt den Mann. Aber gewissenhaft und loyal seinem Arbeitgeber gegenüber, schluckt er alles hinunter, frisst es in sich hinein, lässt nichts nach außen dringen, obwohl er möchte, so etwas zehrt an den Nerven, drückt aufs Gemüt, geht an die Substanz, irgendwann wird er explodieren, alles hinaus schreien, das ihm auferlegte Schweigen brechen, die von den Abgehörten nach außen hin gepflegte und zur Schau gestellte scheinheilige Fassade einreißen. Abgründe werden sich auftun, die Gesellschaft wird, und sei es auch nur heuchlerisch und scheinheilig, mit Abscheu auf diese Hypokrisie, auf dieses Tag für Tag praktizierte Pharisäertum schauen, zugleich aber auch dieser aus Schein und Glanz bestandenen Welt nachtrauern, wenn auch nur für kurze Zeit, denn bald schon wird sich feststellen lassen, dass diese von dem Mann mutwillig zerstörte Welt, in der alles von oben herab geregelt und gesteuert war, eine weitaus bequemere Welt war. Den Mann, der diese Katastrophe verursacht hat, aber wird man nicht nur hassen, man wird ihn auf ewig verdammen, mit Missachtung belegen, in den tiefsten Höllengrund wünschen. Will der Mann das wirklich?

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.06.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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