Phillip Schlink

Ein Schritt zum Schafott

Pochende Schritte tragen mich über den kalten Teer der Straße. Mit jedem Schritt drückt sich die bedrohliche Dunkelheit tiefer in mein, vom beißenden Wind verkühltes, Gesicht. Ringsum stehen die uralten Kiefern, das Mondlicht stehlend, um dem Verirrten die Hoffnung auszumerzen. „Noch zehn Schritte.“ Wie ein Greis quäle ich meine brüchigen Knochen vorwärts, getrieben von der Angst, gebremst durch die Furcht. „Neun.“ Der Wind frischt auf und ein Ast schlägt krachend vor mir nieder. Tausende Splitter stäuben auf, peitschen meinen gemarterten Körper und lassen tiefe, aber schmale Schnitte aufklaffen. Der eisige Wind erkennt seine Chance und nistet sich in mein Fleisch wie hungrige Maden. „Acht.“ Verbissen schiebe ich meine Sohle nach vorn. Ächtzend wogen die Bäume in der bedrückenden Dunkelheit. Unheilvoll knarzen sie, als schrien sie nach Hilfe, um dem unerbittlichen Kältetod zu entgehen. Ich bete für sie. Wenn sie fallen, falle auch ich. „Sieben.“ Ein Krampf zuckt durch mein Bein, widerspenstig kämpft er gegen meinen Schritt an, reißt meine Nerven entzwei wie eine Knochensäge. Ich strauchele, drücke aber mit aller Entschlossenheit meinen Fuß zu Boden. „Sechs.“ Es ist als wäre mein Blut gefroren; die spitzen Eiskristalle durchbohren meine Adern, meine Muskeln, nagen an meinen Knochen, wie eine verhungernde Raubkatze. Unter Schmerzen zwinge ich den nächsten Schritt an die Erde. „Fünf.“ Ich blicke durch den Schatten der Nacht. Weit entfernt jault ein sterbendes Tier, um mich an mein unausweichliches Ende zu erinnern. Doch noch gebe ich nicht auf. „Vier.“ Jede Bewegung ist lebendiges Begraben, jeder Blick ein Stich durchs Herz. „Drei.“ Ich höre einen süßen Gesang von oben auf mich herabfließen. Meine Gedanken erwärmen sich. Die Kälte versiegt und mit neuer Kraft werfe ich mein Bein zum vorletzen Schritt vor mich. Ich empfinde Ruhe und dennoch Aufregung, ein neues Gefühl. Der Sturm streichelt mein gefrorenes Gesicht, als wolle er es auftauen. „Eins“, murmele ich „nur noch einer mehr!“ Ich erstarre. Ich drehe mich um. Ich sehe den Ast, er liegt direkt hinter mir. Unmöglich. Verwirrt und wütend setze ich zum letzten Schritt an – „Was erlaubt sich der Ast, ich muss 5 Meter entfernt sein und doch stehe ich beinahe auf ihm." Stille. Der Gnadenstoß hämmert mir alle Gedanken aus dem Gehirn. Jede Hoffnung und jede Angst – alle Traurigkeit und jegliches Glück – jeden Mut und alle Furcht. All dies verfliegt klanglos in den kreischenden Böen des Todes. Wie eine Guillotine schneidet er meine Gefühle von mir ab. Ein letzter, verschwommener Blick ist mir gestattet, als meine Gebeine klirrend auseinanderfallen, wie eine Glasscheibe, die von Steinen zerschlagen wird. In weiter Ferne funkelt und zuckt eine Glut, als würde sie mich verhöhnen. Dort erwartet es mich vergebens - mein Ziel.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.06.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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