Patrick Rabe

Treppenhaus auf Tavor

Meine Kurzgeschichte "Treppenhaus auf Tavor" von 2008, die in meinem Buch "Beide Seiten des Fensters" veröffentlicht ist, das ich plane, dieses Jahr neu aufzulegen (zur Zeit ist es vergriffen), eine Parodie selbiger Kurzgeschichte und die dieser Erzählung zugrundeliegende Kurzgeschichte "Stempel", die ebenfalls in "Beide Seiten des Fensters" enthalten ist.


Treppenhaus auf Tavor

 

Hochhäuser haben viele Treppen. Die meisten Menschen nehmen keine Notiz von ihnen und fahren Fahrstuhl. Aber es entgeht ihnen eine Menge dabei. Sie sehen nie die Unterschiede in den einzelnen Stockwerken, die verschiedenen Hauseingänge, nachbarliche Wohnungen, die sie möglicherweise nie betreten. Es gibt so einen Spruch übers LSD: Wer mystische Erfahrungen durch Meditation erlangen will, steigt zu Fuß einen Berg hoch. Wer LSD nimmt, benutzt den Skilift. Und genauso ist das mit Treppenhäusern auch.

 

Nun, ich hatte kein LSD genommen, sondern eine Tavor-Tablette, ein Medikament, das man gegen eine akute Schizophrenie nimmt. Eine solche ist bei mir festgestellt worden. Ich? – heiße Patrick R.,  bin Schriftsteller und wohne in einem Hochhaus.

 

Der Wahnsinn hatte mich wieder eingeholt, und ich versuchte, dem mit einer kleinen, weißen Tavor zu begegnen. Sofort nach der Einnahme kriege ich einen matschigen Kopf. Ich wanke durchs Treppenhaus. Es ist blau gekachelt, und die Kacheln sind leicht verschmutzt. Sieht aus wie im KZ. Frau Gräulich bringt den Müll raus. In ihrem Mund hat sie eine dicke Zigarre, die nicht brennt. „Hallo, Herr R.!“, knurrt sie mit männlich tiefer Stimme, „Wie geht´s ihnen denn so?“ „Gräulich!“, will ich sagen, bremse mich aber schnell noch. Vorsicht, Fettnäpfchen. „Ach, wissen sie, ich bin wahnsinnig, wie immer!“, sage ich. Ich habe keine Lust auf Smalltalk. Schon gar nicht mit so einem alten Drachen. Aber sie stellt sich mir in den Weg und lässt mich nicht vorbei. „Ja, wahnsinnig?“, rülpst sie in ihrem Bass, „Glauben sie mir, das kommt von der Schriftstellerei! Kafka ist auch wahnsinnig geworden. Der war ja schon wahnsinnig, als er noch geschrieben hat. Die ganze Zeit reif für die Klapse. Leute, die sich in Ungeziefer verwandeln! Ja, ja. Und zum Schluss wollte er, dass sein ganzes Zeug verbrannt werden sollte. Hätte Max Brod mal besser gemacht!“

 

Irgendwie macht mich dieses Gelaber wütend. Ich fühle mich Kafka ähnlich, also rechtfertige ich mich (obwohl ich weiß, dass gerade das falsch ist.). „Aber Kafka hat beim Schreiben viel von seiner Seele erfahren, hat mehr gesehen als seine Zeitgenossen. Viele halten ihn für einen Propheten der Moderne und Postmoderne.“ Frau Gräulich beißt ein Stück von ihrer Zigarre ab und beginnt, darauf herum zu kauen. „Sicher, ein Prophet war er“, nuschelt sie. „Aber sehen sie, das ist immer die schmale Grenze zwischen Prophetie und Geisteskrankheit. Der Weltgeist liegt im Innern der menschlichen Seele, und er umgibt sie. Bei Propheten und Wahnsinnigen verschwimmen Innen und Außen und wo man heute noch, dadurch, dass man von sich auf seine Umwelt schloss, die Zukunft prophezeien konnte, hat man morgen bloß noch einen pathologischen Beziehungswahn und wird zum schnatternden Gespenst, zur zappelnden Marionette des Absurditäts-Satans, vom Gott zum Zombie, denn der Weltgeist hat sich längst ein anderes Gefäß gesucht.“

 

Ich bin perplex. Solche Gedankengänge hätte ich Frau Gräulich gar nicht zugetraut. Ich sage es ihr auch unumwunden. Sie grinst mit ihren unförmigen Plunschlippen: „Das bin ja auch nicht ich, die das sagt“, grunzt sie, „Sie sagen sich das selber durch meinen Mund!“ „Aber wie soll das gehen?“, frage ich. „Wilhelm Reich erklärt es. Die Theorie mit der Orgon-Energie. Demnach überträgt – sprich: projiziert – der Schizophrene seine Ich-Energie auf Gegenstände und Lebewesen in seiner Umgebung und belebt sie. Sie können alles und jeden zum Sprechen bringen, Herr R. Aber in Wahrheit sind das immer sie. Es ist ein gewaltiger Monolog, den sie einem nicht vorhandenen Gegenüber halten.“ „Aber warum tue ich das?“, frage ich. „Um“, grunzt Frau Gräulich und zerkaut das nächste Stück ihrer Zigarre, „Um etwas über sich zu erfahren, was sie sich von ihrem Standpunkt aus nicht sagen können. Es ist wie in den Spiegel sehen. Ein Spiegel zeigt einem auch Dinge von einem, die man ohne ihn nicht sehen könnte.“ „Aber – sie waren bei den Propheten stehen geblieben“, murmle ich mit trockenen Lippen. „Ja“, grunzt Frau Gräulich und spuckt Zigarrenfetzen aus. „Es gibt Menschen, die haben nur eine schwache Eigenenergie. Die erfüllen in der Welt so eine Jesus-Funktion. Die werden gekreuzigt. Dadurch reinigt sich die Welt selber. Manche von diesen Menschen werden zertreten wie Würmer. Manche andere aber haben das Privileg, zu erkennen, was ihre Rolle im Weltgetriebe ist. Sie werden dann entweder weiß, so wie zum Beispiel Jesus, oder schwarz, wie zum Beispiel sagen wir Jim Morrison. Auf sie wird ganz viel projiziert, Gutes und Schlechtes. Da diese Menschen Sauger sind, saugen sie all das in sich auf. Wie gesagt: Manche verrecken gleich daran. Andere aber haben in ihrem Geist eine Art Spiegel. Sie nehmen die Projektionen, die sie aufgenommen haben, verwandeln sie und spiegeln sie der Volksmenge zurück. Früher nannte man sie Propheten, heute nennt man sie Künstler. Sie zeigen der Volksmenge ihre Göttlichkeit und ihre Dämonie, ihre Möglichkeiten und ihre Grenzen. Sie sind ein Spiegel der Welt, genauso, wie die Welt ihr Spiegel ist. Am Ende freilich werden die Meisten vom Pöbel zerrissen.“ „Bin ich auch so ein Mensch?“, frage ich angstvoll. Frau Gräulichs Mund wird ein Schlitz. „Da müssen sie schon von selbst drauf kommen. Mein Job ist getan. Aber einen Hinweis gebe ich ihnen noch. In diesem Haus ist eine Tür. Die müssen sie finden! Arrividerci Roma!“ Mit diesen Worten stopft sich Frau Gräulich den Rest von ihrer Zigarre in den Mund, kaut hektisch darauf herum und beginnt, zu rülpsen und zu furzen. Dann nimmt sie ihre Mülltüten in beide Hände und fängt an, sich um sich selber zu drehen. Sie dreht sich immer schneller, bis ihre Konturen nicht mehr zu sehen sind. Dazu erklingt ein Summen. Erst ganz tief, schraubt es sich immer höher hinauf, bis es klingt wie eine Sirene. Ich muss mir die Ohren zuhalten. Plötzlich – ein lauter Knall. Frau Gräulich ist geplatzt und ihre Innereien fliegen mir um die Ohren und klatschen an die Wände des Flures. Ihre sterblichen Überreste und der Müll aus ihren Tüten ergießen sich im Treppenhaus. Widerlich, wie das stinkt. Na, der Hausmeister wird sich freuen!

 

Ich gehe erstmal in meine Wohnung, dusche und wechsle die Klamotten. Ich schaue auf mein Nachttischchen. Dort steht das Tavor-Döschen. Ich sollte doch die Beipackzettel lesen, denke ich. Die Nebenwirkungen dieser Psychopharmaka sind ja verheerend. Das Telefon klingelt. Es ist mein Freund Salih Imamovic aus Amerika. „Hey buddy, how are you?“, kommt seine Stimme aus dem Hörer. „Bin grade graduiert. Harvard University. Habe meinen Prof. in Psychologie und Quantenphysik gemacht. Very intersting, very hot stuff indeed! Wenn das an die große Glocke gehängt wird, drehen die Leute reihenweise durch!“ „Ja, aber, was meinst du denn?“, frage ich ihn. „Ja, weißt du you know“, sagt er, „Es war ein Glücksgriff, Physik und Psychologie zu studieren. Denn – you know – sie sind Geschwister. Sie hängen zusammen wie Jin und Jang! Und der gemeinsame Nenner ist: Spirit! Geist! Alles ist Geist. Und der Geist bewegt sich in Quanten – sprich: Possibilities – Möglichkeiten! Und der Hit ist: Dein Geist kann deine Umwelt so umformen, wie du willst. Mit Quantenphysik und Orgonenergie kannst du dir eine Wunschwelt bauen! Yippie!“ Ich will etwas entgegnen, da höre ich Geräusche am anderen Ende der Leitung. Eine Stimme sagt auf Englisch: „So, Herr Imamovic. Und jetzt kommen sie mal schön mit. Wir wollen nur ihr bestes. Sie wollen doch nicht, dass wir die Zwangsjacke rausholen?!?“ Salih protestierte, es gab offensichtlich ein Handgemenge, bei dem mehrere Dinge zu Bruch gingen, und schließlich war Stille in Übersee. Ich legte auf. Versonnen schaue ich aus dem Fenster. Wieder die alte Frage: Wo ist die Grenze zwischen Erkenntnis und Wahn? Können auch naturwissenschaftliche Erkenntnisse in den Wahn führen? Und die Kernfrage = Bin ich wahnsinnig? Oder erleuchtet? Ich gehe auf und ab. Salihs Theorie klang interessant und verband sich homogen mit dem, was Frau Gräulich mir vor ihrem selbigen Ableben gesagt hatte. Ich konnte es nur selber überprüfen. Und dann vielleicht mich und den armen Salih gesellschaftlich rehabilitieren.

 

Vielleicht war es größenwahnsinnig, gleich mit der Belebung einer Toten anzufangen, aber Größenwahn war mir ja nichts Fremdes. Ich zog meinen Geist zusammen und murmelte: „Frau Gräulich lebt noch. Sie lebt noch. Und sie lässt ihre Zigarren in der Wohnung.“ Je länger ich dies dachte, desto wärmer wurde mein Kopf. Schließlich glühte er, und dieses Glühen pflanzte sich über meinen Rumpf und meine Glieder fort, strahlte in mein Zimmer und durch die Wände meiner Wohnung. Plötzlich machte mein Kopf einen Ruck. Jetzt müsste es geschafft sein, wenn ich recht hatte. Zitternd vor Aufregung lief ich zur Tür und öffnete sie. Ich spähte hinaus. Eine halbe Treppe weiter unten war die Wohnung von Frau Gräulich. Nichts rührte sich. Aber der Flur war sauber. Keine Leichenteile, kein Blut, kein Müll. Entweder hatte der Hausmeister ganze Arbeit geleistet während ich geduscht hatte – oder mein Plan war aufgegangen! Ich zitterte vor Ungeduld. Es drängte mich, bei Frau Gräulich zu klingeln, doch ich hielt inne. Vielleicht ging es auch anders. Ich richtete meinen Geist auf die Tür meiner Nachbarin und dachte: „Wenn du lebst, komm jetzt raus.“ Ich dachte dies drei Mal. Dann… Die Tür ruckelte und – öffnete sich. Die dicke Frau Gräulich schob sich in den Flur, wie eine Wurst in ihre lilageblümte Omaschürze gezwängt. Grummelnd überantwortete sie zwei blaue Säcke dem Müllschlucker. „Hallo, Frau Gräulich!“, rief ich, „Wo haben sie denn ihre Zigarre?“ „Zigarre?“, kam der unverkennbare Bass meiner Nachbarin zurück, „Ich habe noch nie Zigarren geraucht, sie Wirrkopf!“ „Nennen sie mich nicht Wirrkopf!“, lachte ich, „Ihre Theorie von der Orgonenergie habe ich ja auch begriffen!“ Frau Gräulich sah mich an wie ein Auto. „Organenergie? Terrorie? Gehen sie mal lieber arbeiten. Das vertreibt die Flausen!“ „Aber“, wende ich ein, „die Propheten und die Wahnsinnigen!“. „Proleten?“, raunzt Frau Gräulich. „Ja, gibt es viele von. Aber sie sind keiner. Sie sind ´n zerstreuter Professor!“ Damit geht sie wieder in ihre Wohnung und knallt die Tür zu. Diesmal – denke ich – hat eindeutig ihr eigener Geist zu mir gesprochen, nicht mein orgon-mäßig auf sie übertragener! Aber, davon abgesehen – Hip hip hurra! Triumph! Es ging! Es ging wirklich! Man konnte mit seinem Geist seine Umwelt beeinflussen. Salih war nicht wahnsinnig. Ich war nicht wahnsinnig. Ich hatte die schlichte Frau Gräulich hochgeistig philosophieren lassen, hatte sie platzen lassen und sie von den Toten auferweckt! Irgendwie auch unheimlich. War ich so ´ne Art Jesus? Wen sollte ich fragen? Ich hatte ja schon kapiert, dass ich alle und alles zum Sprechen bringen konnte. Aber…war dann nicht jede Antwort, die ich bekam, nur das, was ich vorher schon wusste? Nachdenklich ging ich ein Stockwerk höher.

 

Der Hausmeister kam mir entgegen. Er fluchte: „Immer dieser Dreck hier im Haus. Und jetzt auch noch das ganze Blut und die Innereien! War das ein Gestank. Ich rufe den Reinigungsdienst an!“ Ich stutze und stoppe den Hausmeister. „Warten sie mal“, sage ich, „Wie kann es angehen, dass der Flur voller Blut und Innereien ist? Und welcher Flur überhaupt?“ „Welcher Flur?“, bellt der Hausmeister, „Noch eine Treppe hoch! Sehen sie sich die Schweinerei selbst an. Offensichtlich ist Herr Hässlich explodiert!“ Es überläuft mich kalt. Ich will es jetzt ganz genau wissen. Ich packe den Hausmeister an der Schulter, sehe ihm gerade in die Augen und übertrage meine Orgonenergie auf ihn. Dann frage ich: „Warum ist doch jemand geplatzt? Ich dachte, ich hätte das rückgängig gemacht!“ Die Augen des Hausmeisters funkelten milde. „Weil“, sagte er, „Wenn sie einmal etwas in die Welt gesetzt haben, können sie es zwar an ebendieser Stelle annullieren – aber dann muss es woanders hin. Was einmal in der Welt ist, bleibt in der Welt!“ „Dann hat der eigene Geist Grenzen und muss sich an Regeln halten?“ „Nur an die Regeln, die er sich selbst setzt.“ „Aber“, protestierte ich, „diese Regeln habe ich nicht in die Welt gesetzt!“ „Doch.“, sagte der Hausmeister mit einem milden Lächeln, „Das haben sie. Zwar nicht durch bewusste Aktivität. Aber – einfach durch die Art, wie sie beschaffen sind. Ihr Geist hat eine Struktur, ein Erscheinungsbild, und das schafft Gegebenheiten, die sie selber vielleicht bewusst gar nicht gewollt haben und die sich ihrer Kontrolle entziehen!“ „Aber!“, rief ich empört, „Dann kann ich ja doch nichts für die Welt, in der ich lebe! Denn so bin ich doch geschaffen worden!“ Der Hausmeister grinste sarkastisch. „So, sie sind geschaffen worden? Von einem gewissen Herrn Gott? Wer sagt ihnen, dass sie sich nicht selbst geschaffen haben und alles genauso wollten, wie es ist?“ „Ich kann mich an meine Geburt nicht erinnern!“, bockte ich trotzig. „Ja.“, sagte der Hausmeister auftrumpfend, „Aber vielleicht war das Teil ihres Plans. Diese Amnesie der ersten Jahre und des Davor. Vielleicht sind sie ein Wissenschaftler, der eine Droge ausprobiert und sich bewusst unwissend gemacht hat, um aus seinem Trip unvoreingenommen lernen zu können.“ „Bin ich Jesus – oder so was?“, fragte ich. „Das erfahren sie im nächsten Stockwerk!“, lachte der Hausmeister. „Und – vergessen sie nicht – suchen sie nach der Tür! – Aber ihh! Was ist das denn?! Ein Mauseloch!“

 

Und in der Tat. Der sich von mir abwendende Hausmeister hatte am Treppenabsatz ein Mauseloch entdeckt. „So ne Scheiße!“, fluchte er, „Da muss ich wohl mal nach dem Rechten sehen!“ Mit diesen Worten veränderte sich seine Gestalt. Er wurde lang und schmal wie ein Faden, dann schrumpfte er zusammen und schließlich ging auf seinem stecknadelgroßen Kopf eine winzige Bergmannslampe an. „So, dann wollen wir mal!“, fiepste er und schlängelte sich in das dunkle Mauseloch hinein.

 

Achselzuckend ging ich weiter. Mich wunderte gar nichts mehr. Nur eines musste ich mir nochmals vergewissern: Meine Umwelt war doch grotesk, verhielt sich wahnsinnig. Nicht ich! Ich war doch hier der einzig Normale. Gut – ein Normaler, der die Gesetze der Quantenphysik und Orgonenergie anwandte – aber trotzdem normal! Wieso schluckte ich eigentlich dieses Tavor!?

 

Im nächsten Stock war die Hölle los. Polizeibeamte rannten herum und untersuchten Herrn Hässlichs Überreste. War dessen unschönes Ableben meine Schuld? Dann war ich doch bestimmt nicht Jesus, sondern vielleicht – der Antichrist! Eben, als ich dies denke, fällt mir das Türschild gegenüber von Herrn Hässlichs Wohnung auf. Dort steht Böse/Übel. Vielleicht war das eine Spur. Ich klingle. Es öffnet mir ein stämmiger Mann meines Alters mit dunklen langen Haaren, ganz in Schwarz gekleidet. Um seinen Hals trägt er ein umgedrehtes Kreuz. „Das Satanistenpärchen, das neulich eingezogen ist!“, schießt es mir durch den Kopf. „Nein.“, sagt der Mann freundlich, „Wir sind kein Satanistenpärchen. Ich bin Satanist. Meine Freundin ist Alienexpertin! Melitta, schau mal, wir haben Besuch!“ Eine zigeunerhaft aussehende Frau mit Alienkette-und-Ohrringen, die befremdlicher Weise einen Kinnbart trägt, betritt das Zimmer. Der Schwarzhaarige sagt leutselig: „Gestatten, meine Freundin Melitta Übel, und ich bin Eduscho Böse!“ „Wozu die Kaffeenamen?“, frage ich. „Weil wir schwarz sind!“, antwortet Eduscho. „Nein!“, wirft Melitta mit schnarrender Stimme und unverkennbarem Hamburger Dialekt ein. „Ich bin nicht schwarz. Ich bin eine besonders dunkle Form von Weiß.“ „Lass sie!“, knurrt Eduscho und raunzt seine Freundin an: „Du bist echt die bleiche Inkompetenz! Wie die Hure Jesus am Kreuz!“ „Wieso ist Jesus eine Hure?“, frage ich arglos. Damit habe ich bei Eduscho einen Nerv getroffen! „Wieso!? Das fragst du noch!? Verdammt, er hat seinen Körper und seine Seele und wahrscheinlich auch noch seinen verrotteten Geist dem Pöbel zur freien Benutzung überlassen. Auf Jesus kann man mal eben seine Sünden abwichsen! Ah! Geiler Orgasmus! Und dann fühlt man sich wieder leicht und frei! Weißt du, Patrick, das stinkt doch zum Himmel! Da muss man doch Satanist werden, Alter!“ Mit Mühe unterbreche ich Eduscho Böse und frage: „Kannst du eigentlich Gedanken lesen? Eben an der Tür habe ich gedacht, dass ihr ein Satanistenpärchen seid, und du hast meine Frage sofort beantwortet, ohne, dass ich sie gestellt habe. Und gerade kanntest du meinen Vornamen, ohne, dass ich ihn genannt hatte.“ „Schlaues Kerlchen“, grinste Böse wohlwollend und klopfte mir auf die Schulter. „Wie geht das?“, fragte ich. „Ja, weißt du“, sagte Eduscho, „Das ist eigentlich das Fachgebiet von Melitta. Frau!?“ Melitta Übel schaute irritiert hoch und nestelte an ihrer Alienhalskette. „Gedankenlesen!“, konstatierte sie, „Tscha! Ganz einfach! Die Aliens fickten mit den Affen, daraus entstanden die Menschen. Denen pflanzten die Aliens einen Chip ins Gehirn, den so genannten Geist. Die Geister nun wiederum sind alle bei der Explosion eines noch größeren Geistes entstanden. Sie sind so zu sagen alles Splitter davon. Aber wie heute jeder Physiker weiß: Das kleinste Teilchen eines Ganzen hat den Bauplan des Ganzen in sich. Somit ist jeder Geist Abbild des großen Geistes, oder besser gesagt: Jeder Geist ist der große Geist selbst!“ „Aha“, schluckte ich. „Aber ich dachte, du wolltest mir etwas übers Gedankenlesen sagen!“ Melitta hielt kurz inne, verdrehte die Augen zur Zimmerdecke, dann fuhr sie fort: „Ja, und da jeder Geist dem großen Geist entspricht, entspricht auch jeder Geist jedem anderen Geist. Jeder ist sowohl der große Geist, als auch eben nur ein Teil von ihm. Und diesen individuellen Teil kann man mit dem Teil, der großer Geist ist, erkennen. Auch bei anderen Menschen. So funktioniert Gedankenlesen!“ Melitta seufzte auf und kraulte ihren Kinnbart.

 

„Ja“, sagte ich, „Aber wer war, oder ist, der große Geist?“ „Ja“, entgegnete Eduscho, und seine Stimme bekam einen drohenden Unterton, „Ja, wer… Den bekäme ich gerne mal in die Finger, denn er ist ja schließlich für diesen ganzen Mist verantwortlich!“ Mir wurde es unbehaglich. Ich erinnerte mich daran, was der Hausmeister gesagt hatte. Vielleicht war ich ein Wissenschaftler auf Droge, der das alles geschaffen hatte, inklusive seiner selbst. Vielleicht war ich das, was diese beiden Freaks hier den „großen Geist“ nennen würden. Irgendwie wollte ich gehen, doch ich erinnerte mich daran, dass ich auf diesem Stockwerk erfahren sollte, ob ich Jesus bin. Ausgerechnet von einem Satanisten! Aber vielleicht war das kein Zufall. Mein Geist mochte halt Paradoxien. „Sag mal, Eduscho! Könntest du dir vorstellen, dass ich Jesus bin? Ich habe nämlich heute jemanden von den Toten auferweckt!“ Eduschos Augen wurden groß. „Du – Jesus? Ja vielleicht. Du bist ein verdammt helles Licht, soviel ist sicher!“

 

Wir verließen den Flur und setzten uns im Wohnzimmer auf Ledersessel. Melitta nahm eine Axt hervor und begann sie zu schärfen. „Theoretisch“, sagte sie, „kann erst mal jeder Jesus sein. Jesus war ein Alien. Und wir sind auch alle Aliens.“ „Ach, halt die Klappe, bleiche Inkompetenz!“, blaffte Eduscho. „Da habe ich doch nun mehr Ahnung von! Also. Du fragst, ob du Jesus bist. Nun ja. Wer war Jesus? Stützen wir uns auf die Bibel, Evangelium des Johannes. Jesus war das lebendige Wort, das am Anfang alles war. Alles ist durch ihn geschaffen worden. Er war das Licht der Welt, aber die Welt liebte die Finsternis. Und dann wurde Jesus Mensch. Er, der alles war, kam in die Welt, aber die Welt erkannte ihn nicht. Sie kreuzigte ihn. So weit die Bibel. Ich nun sage: Die Kreuzigung geschah zu Recht!“ „Warum?“, fragte ich. „Nun, ganz einfach!“, erklärte Eduscho. „Jesus wollte über eine Welt richten, die auf seinem eigenen Mist gewachsen war. Wenn die Welt die Finsternis liebte, dann doch nur, weil Jesus sie so geschaffen hatte. Jesus sagte: Wie ihr urteilt, so wird über euch geurteilt werden. Genau das ist ihm passiert. Er urteilte über eine Welt, die er selbst war, und das Urteil fiel auf ihn zurück!“ In meinem Kopf kreiste es. „Aber“, fragte ich, „ist damit nicht wieder Gerechtigkeit hergestellt? Der Schuldige ist tot, die Welt ist frei!“ „Die Welt ist frei!?“, schnaubte Eduscho, „Die Welt ist eine Hölle! Ich brenne darauf, einmal dem Verursacher zu begegnen. Dem würde ich sein faltiges Hälschen durchschneiden!“

 

„Ich bin´s!“, rief ich aufspringend in einem Anflug von Mut. „Ich bin der Verursacher! Ich bin Jesus! Ich bin der große Geist!“ Inzwischen stand ich auf dem Couchtisch und drehte mich herrschaftlich. „Scheiße, er hat recht!“, presste Melitta hervor. „Er hat recht! Er ist es! An die Äxte!“ Melitta packte ihre Axt, die sie die ganze Zeit geschärft hatte und warf Eduscho eine zweite zu, die unter ihrem Sessel gelegen hatte. Jetzt hieß es verduften, ehe diese Totalbekloppten Hackfleisch aus mir machten. Ich stratzte zur Tür, riss sie auf, lief raus und knallte sie direkt vor Eduschos Gesicht wieder zu. Ich lief einem Polizisten in die Arme. Der Kriminalbeamte, der noch immer mit Herrn Hässlichs Überresten beschäftigt war, wollte mich partout nicht durchlassen. Die Wohnungstür von Böse/Übel erzitterte schon unter Eduschos Axtschlägen. „Hilfe!“, keuchte ich. Da! Krachend durchbrach die Axt das Holz der Tür und Eduschos Gesicht starrte hasserfüllt durch die Lücke. „Hallo, Jesus!“, rief er mit einem irren Grinsen, „Hier kommt Jacky!“ Eben da, bei diesem Zitat aus dem Film Shining, steifte mich ein großer Anflug von Geistesgegenwart. Ich konzentrierte mich und richtete meine Orgonenergie auf Eduscho Böse. Es brauchte eine Weile, aber dann verschwand der Hass von seinem Antlitz und machte einer großen Traurigkeit Platz. Tränen kullerten aus seinen Augen und er schluchzte: „Aber Danny! Ich bin doch dein Daddy! Ich würde dir doch niemals etwas antun!“ Damit ließ er die Axt fallen. Sie fiel mit dumpfem Poltern dem Kommissar vor die Füße. „Interessant!“, schnalzte seine Zunge. „Kombiniere, kombiniere, sie sind für dieses ganze Blutbad verantwortlich, Herr…Böse.“ Der Kommissar trat die lädierte Tür auf und verschwand mit dem schrägen Pärchen im Dunkel ihrer Wohnung. Ich atmete auf! Nichts wie weg!

 

Schnell hetzte ich eine Treppe höher. Dort waren zwei Türen. Über einer war ein Buchsbaumzweig aufgehängt, über der anderen duftender Flieder. Ich las die Namensschilder. An der Buchsbaumtür stand A. Liederlich und an der Fliedertür stand E. Lieblich. Mich durchrann es beim Lesen dieses zweiten Namens. Endlich mal ein Name in meinem Haus, der schön klang! Dort wollte ich hinein. Ich klingelte Sturm. Eine hübsche Frau Anfang Dreißig öffnete und lachte mich offensiv an. „Na! Du hast es aber eilig!“ „Ja.“, sagte ich, plötzlich verlegen. „Es drängt mich sehr, einmal etwas Schönes zu sehen, einfach, um zu wissen, ob ich auch etwas Schönes in mir habe.“ „Tja, die schönen, freundlichen Momente sind in dieser Geschichte eher spärlich gesät. Aber es gibt sie. Komm rein!“

 

Die Schöne geleitete mich in ein geschmackvolles Wohnzimmer voller einladender, gepolsterter Möbel. Wir setzten uns, und sie bot mir Pralinen an. „Ich heiße Eumaya Lieblich.“, stellte sie sich vor. „Patrick R., Schriftsteller, schizophren!“, tat ich das Meinige. „Na, bist du ein Zyniker?“, fragte sie. „Man kann schon einer werden, wenn man eine Tavor nimmt und dann alles verrückt spielt.“ Eumaya rümpfte die Nase: „Tavor, verrückt, Schizophrenie! Vergiss das mal ganz schnell! Du befindest dich nicht auf Psychose, sondern auf einer mystischen Reise. Das Tavor hat deinen bewussten Verstand lahmgelegt. Nun reist du durch dein Unbewusstes.“

 

Ich sah mich in Eumayas Wohnung um. Sie war offensichtlich eine Esoterikerin. Überall an den Wänden hingen Mandalas, auf Regalen standen Buddha- und Krishnafiguren, und auf dem Tisch lag aufgeklappt ein tibetanisches Totenbuch. „So.“, nahm ich den Faden wieder auf. „Ich bin also auf einer mystischen Reise. Nicht geisteskrank, wie die Ärzte sagen?“ „Ach, die Ärzte sagen dir auch nur, was ein Teil deiner Selbst hören will. Du selbst bist es doch, der seine Erkenntnisse lieber für Wahnsinn hielte, als sich ihren Konsequenzen zu stellen.“ „Aber wer bin ich denn!?“, rief ich aufgebracht, „Ein Jesus, ein Antichrist, ein Künstler, ein Prophet oder einfach nur eine Made im Weltall, die zerquetscht wird!?“ Eumaya lächelte: „All das und noch viel mehr!“ „Eduscho Böse hat mir gesagt, die Kreuzigung Jesu sei gerecht gewesen, weil Jesus über eine Welt geurteilt hat, die er selbst geschaffen hatte.“ „Auf welches Evangelium hat sich Eduscho denn da berufen?“, fragte Eumaya. „Auf Johannes!“, gab ich zurück. Eumaya lächelte siegermäßig: „Da hat der Gute, äh, Böse aber nicht genau hingelesen! Bei Johannes steht: Ich bin nicht gekommen, um zu richten, sondern um zu sammeln, was verloren ist! Weißt du, es ist so: Jesus, oder sagen wir besser, der Mensch, der Logos, der Geist schuf eine Welt. Psychologisch gesagt, er spaltete sie aus sich heraus. Somit ist diese Welt, die ihm jetzt gegenübersteht, sein Schatten, das, was er von sich verdrängt. Das sind natürlich meistens unschöne Dinge, darum sieht es in der Welt so hässlich aus, aber auch manches von seinen schönen Seiten hat er in die Schattenwelt verbannt. Er, der Logos, ist Gott. Und er wird nun Mensch, ein Teil seiner Schöpfung, eben weil er die verdrängten kleinen Monster seines Geistes kennenlernen möchte und weil er sie zurück holen möchte zu sich bzw. zum Vater, der er ja selber ist. Sein Anliegen ist: Er möchte ganz werden, er möchte zu sich selber stehen lernen und alle Aspekte seiner Selbst nicht mehr ablehnen, sondern heiligen. Er musste gekreuzigt werden, denn nur so war er wieder außerhalb der Welt und konnte die, die ihn annahmen, zu sich holen!“

 

Während Eumaya sprach, war eine große Gelassenheit in mich eingekehrt. Sanfte Ruhe erfüllte mich. „Und ich?“, fragte ich, „Ich bin dieser Jesus, der die Welt erlösen soll, indem er zu sich selber stehen lernt?“ Eumaya schwieg. Mein Blick schweifte wieder durch das Wohnzimmer. Plötzlich fielen mir die vielen Bongs und Haschischpfeifen auf, die überall herumlagen. Und auf einem Eckschrank stand sogar eine Flasche Absinth! Mit welchen Drogen wartete Eumaya noch auf? Wer war sie überhaupt? „Wer ich bin?“, fragte Eumaya lachend, denn sie hatte meine Gedanken längst gelesen, „Übersetze doch einfach meinen Namen!“ Ich tat es. „Eu, das heißt Schön, und Maya, das ist der Schein! Du bist der schöne Schein? Ein Truggespinst?Die Wahrheit verklärt durch einen Schleier? Was ist Wahrheit!?“ „Das hat Pilatus auch gefragt, du erinnerst dich, Johannesevangelium. Und er ist nicht weit gekommen. Wir alle können die Wahrheit nur hinter den Masken der Illusion erkennen. Du natürlich willst es genau wissen! Aber tröste dich. Vielleicht erfährst du das ja hinter der Tür. Sie ist nahe!“ Ich sprang auf. Am Eingang drehte ich mich noch einmal um. „Wo“, fragte ich, „wäre ich gelandet, wenn ich durch die Tür mit dem Buchsbaum gegangen wäre?“ Eumaya lächelte: „Buchsbaum ist ein Friedhofsgewächs. Du wärest in deinem eigenen Grab gelandet!“ Damit schloss sie ihre Wohnungstür.

 

Verwirrt und klopfenden Herzens erklomm ich die nächsten Stufen. Ich kam jetzt in den obersten Stock. Dort waren die Wände weiß gestrichen und eine einzelne rote Tür befand sich in der Mittelwand. Davor saß auf einem Stuhl ein schnautzbärtiger Beamter mit Schirmmütze. Mein Herz klopfte. Ich schien am Ziel zu sein. Die Szenerie erinnerte mich an die Kafka-Erzählung Vor dem Gesetz. Doch den Fehler von Kafkas Protagonisten wollte ich nicht machen. Ich wollte durchgehen. Ich sprach den Türhüter an. „Hey, sie, ist das die Tür, nach der ich schon so lange suche?“ „Ja, sie ist es wohl.“, gab der Mann mürrisch zurück. „Dann können sie mir sicher eine Frage beantworten: Bin ich wahnsinnig oder nicht?“ „Merkwürdige Fragestellung!“, knurrte der Beamte. „Eigentlich ist das völlig ohne Belang, aber…“, er musterte mich, „ihnen scheint das ja sehr wichtig zu sein.“ „Es ist die entscheidende Frage!“, protestiere ich. „Denn entweder habe ich Erkenntnisse über mich und die Welt gewonnen, oder es sind alles nur Hirngespinste eines Irren. Ich finde, das macht einen großen Unterschied!“ Der Türhüter sah mich mahnend an: „Wissen sie, wenn sie so denken, haben sie das Wesentliche noch nicht verstanden. Sie sind Schriftsteller, nicht? Und man hat ihnen gesagt, dass sie schizophren sind, nicht? Und was machen sie, genau wie Kafka im Übrigen auch? Sie schreiben das alles auf, in der Hoffnung, das irgendwer das liest und ausruft: ‚Nein, der Kerl ist nicht wahnsinnig! Er ist ein Genie! Er hat recht, mit dem, was er schreibt!‘ In Kafkas und ihrer Literatur sind die Protagonisten oftmals die einzig Normalen. Aber vielleicht ist es ja auch umgekehrt! Vielleicht ist die Welt normal und ihre Protagonisten sind verrückt!“ Der Türhüter brach in ein schallendes Gelächter aus. „Warum lachen sie?“, fragte ich. „Weil“, gab er mir zur Antwort, „die ganze Fragestellung lächerlich ist. Junger Mann, sie haben doch wohl mittlerweile kapiert, dass die Welt ihr Spiegel ist und sie der Spiegel der Welt sind! Welche Seite von Beiden ist nun verrückt? Na?“ Ich dachte kurz nach: „Keine? Oder Beide? Ach Gott, das macht einen verrückt!“ Der Türhüter lächelte. „Erst, wenn sie solche Bewertungskriterien wie ‚verrückt‘ und ‚normal‘ ad acta gelegt haben, werden sie weise sein. Aber für sie spricht, dass sie von gutem Verstand und voll Feuer sind. Also befinde ich sie bereit für die alles entscheidende Frage.“ „Wie lautet sie?“, rief ich ungeduldig. Der Türhüter holte tief Luft: „Sie lautet: Wissen sie, wer sie sind?“ Ich schaute zu Boden: „Ich habe darüber im Laufe des Tages verschiedene Versionen von verschiedenen Leuten gehört. Ich weiß nicht, was ich glauben soll!“ Der Türhüter kniff die Augen zusammen: „Aber sie, was glauben sie selber, wer sie sind?“ „Offengestanden, ich weiß es nicht!“ Dann kommen sie hier auch nicht rein!“, befand der Türhüter barsch. Da platzte mir der Kragen! „So, ich komm da nicht rein, sagen sie? Das wollen wir doch mal sehen!“ Mit einem kräftigen Tritt kickte ich dem Beamten den Stuhl unterm Hintern weg und – hatte somit den Weg frei. Resolut öffnete ich die rote Tür und ging hindurch.

 

Der Raum, in den ich trat, war überfüllt mit Menschen. Und ich kannte sie alle. Es waren Frau Gräulich und Herr Hässlich, der Hausmeister mit seiner Bergmannslampe, das Paar Böse und Übel, Eumaya Lieblich und auch mein Freund Salih Imamovic. Sie schienen in Smalltalk vertieft, denn sie drehten sich mit irritierten Gesichtern zu mir um. „Hat er die Frage beantwortet?“, grunzte Frau Gräulichs Bass. „Natürlich nicht!“, zischte Eduscho und strich über seine Axt. „Was machen wir nun mit ihm?“, fragte der Hausmeister. „Das soll er selbst entscheiden!“, forderte Eumaya. „Ich möchte doch nur wissen, wer ich bin.“, schluckte ich. Der Pulk rottete sich zusammen. Dann sprachen sie wie aus einem Munde: „Du bist der Zwiespalt, der die Einheit in hell und dunkel teilt! Du bist aber auch die Einheit selbst!“ „Und was ist nun mit mir?“, rief ich, „Muss ich hingerichtet werden?“ Eduscho Böse erhob das Wort: „Jawohl, du bleiche Inkompetenz!“ In meiner Kehle begann sich ein Klumpen zu bilden. Die Menschen verschwammen und lösten sich auf. Ich war plötzlich allein in diesem Raum. Und so konnte ich ihn erstmals genau in Augenschein nehmen. Es war ein gekachelter Duschraum. An beiden Längsseiten des Raumes waren Brausen angebracht. Und plötzlich streifte mich die Erinnerung, dass mir mein Haus immer vorkam wie ein KZ. Ja, ein KZ. Mit einer Gaskammer! Panik durchzuckte mich! Ich schrie. Meine Augen suchten die Tür; sie war verschwunden. Und nun begann das Gas einzuströmen, langsam, schleichend! Ich schnupperte. Wie wohl Zyklon B riecht? Aber es war kein Gas, das da durch die Brausen strömte. Es waren Lichtgestalten. Sie schwebten um mich her, umwoben mich, lockten Teile meiner Seele heraus und entnahmen sie mir. Schließlich war der ganze Raum angefüllt mit meiner Seele. Ich kauerte am Boden.

 

Da öffnete sich die Decke, und ich sah den Sternenhimmel. Und hell strahlend und gleißend senkte sich mein Engel von oben herab und hielt mir seine Hand hin. „Du musst nicht hingerichtet werden, mein Dummerchen!“, sagte er mit warmer, volltönender Stimme. „Du hast alles richtig gemacht!“ „Aber“, fragte ich kleinlaut, „bin ich nun normal oder verrückt?“ Mein Engel lächelte und streckte die Hand aus: „Lass das die Nachwelt entscheiden! Komm jetzt!“ Und ich ergriff die Hand meines Engels, und wir vereinigten uns, bis wir nur noch aus reinem Licht bestanden. Dann erhoben wir uns an den Nachthimmel.

 

Die einzige brauchbare Spur, die die Polizeibeamten nach meinem Verschwinden in meiner Wohnung fanden, war eine halb verbrauchte Tavordose…

 

© by Patrick Rabe, Dezember/Januar 2007/2008

 

Diese Geschichte schrieb ich in der Zeit zwischen November 2007 bis Anfang Januar 2008. Den ersten Entwurf machte ich handschriftlich, weil ich ihn damals noch ganz schnell meiner damaligen Literaturgruppe vorstellen wollte.  Kurz vor Silvester 2007 schrieb ich sie dann eines Nachts in einem Rutsch zuende. Sie ist eine Wiederaufnahme meines kafkaesken Stils, den ich Ende der 1990er und Anfang der 2000er (von uns Deutschen „Nuller“ genannt) ausprobiert und kultiviert hatte, insbesondere in der hochgelobten Kurzgeschichte „Stempel“, die auch im preisgekrönten Sammelwerk „Nehmt mich beim Wort“ erschienen ist. „Treppenhaus auf Tavor“ ist als parodistisches und unheimliches Auf-die-Spitze-Treiben des Stils und der Motive von Franz Kafka zu sehen, und auch in gewisser Weise als Selbstparodie und Parodie auf „Stempel“. Dennoch ging es mir in der Zeit, als ich sie schrieb, nicht gut. Ich litt noch am Tod meiner Freundin und Lebensgefährtin Roxana, und war mir bewusst, dass ich in Kürze meinen Arbeitsplatz in der Patientenbibliothek in Ochsenzoll verlieren würde, weil diese geschlossen wurde. Wir wollten dort mit der Autorengruppe „SeelenPFlug“ noch eine Lesung machen, die so richtig reinknallen sollte, und noch einmal die größten Meriten *1 unserer Gruppe präsentieren sollte. So ist „Treppenhaus auf Tavor“ zu verstehen. Ich hatte es geplant als krönenden Schlussknaller am Ende unserer Lesung. Da wir diese Lesung anlässlich der Schließung des STZ (Sozialtherapiezentrums) und der Bibliothek machen wollten, war der Gedanke an eine sehr lange Lesung nicht ungewöhnlich. Wir hatten sie, nachdem wir bereits eine Weihnachtslesung gemacht hatten, von der wir uns erhofft hatten, dass dadurch noch genügend Geld zusammenkäme, um das STZ in freier Trägerschaft als Kulturzentrum weiterzuführen, und uns damit vom Krankenhaus Ochsenzoll und der von Scientology dominierten Firma Asklepios, die es 2005 übernahm, vollständig zu emanzipieren, als Silvesterlesung angesetzt. Wir hatten vor, gegen 23 Uhr anzufangen, um Null Uhr anzustoßen, und dann bis in die frühen Morgenstunden weiterzulesen, da wir wussten, dass alles, was danach noch kommen würde, eine eher traurige Angelegenheit werden würde (Der Abschied von unserem Chef und leitenden Redakteur der Patientenzeitung „Durchblick“ und SeelenPFlug-Mitgründer Stefan Goreiski nach Bayern, das Ende der Gruppe SeelenPFlug, die schrittweise Auflösung der Bibliothek und die Abgabe der dort befindlichen Bücher an einen Antiquar, eine sehr anstrengende Arbeit, bei der ich noch mithalf, und die dann noch folgende Trauerbewältigung, die ich in Sachen Roxana zu leisten hatte. Da Stefan Goreiski nur mir zutraute, diesen von ihm gewünschten „Schlussknaller“ zu setzen, begab ich mich an die Arbeit zu „Treppenhaus auf Tavor“, das als Zusammenfassung von allem, wofür unsere Gruppe stand, dienen sollte, und auch ein neues Highlight meines schriftstellerischen Werkes werden sollte, das ich in mein schon damals geplantes Buch „Nichts wie Weg“ mit aufnehmen wollte. Ich schaffte es tatsächlich, diese ja eher lange Kurzgeschichte kurz vor Silvester noch fertig zu stellen – wie gesagt in einer einzigen Nacht – und auch wirklich unter dem Einfluss von Tavor, da ich kurz vor dem Beginn des Schreibens noch eine Angstattacke hatte. Leider wurde die Lesung kurz vor Silvester noch abgesagt, was ein zusätzlicher Dämpfer war. Wahrscheinlich, weil wir vorhatten, dort für alle, die Alkohol vertragen, auch Sekt zu reichen. Es hätte natürlich auch Orangensaft gegeben. So ist vielen Zuhörern und Zuhörerinnen dieser „Schlussknaller“ entgangen, was für mich eigentlich nur eines beweist – es wurde noch nicht widerlegt – dass in Hamburg Langenhorn nur Spießer, Leute, die etwas gegen Kunst haben und Künstler leben. Schon eine etwas seltsame Mischung. Ich jedenfalls lebe immer noch in dem selben Haus, in dem ich damals diese Geschichte schrieb. Sie ist mittlerweile in dem Buch „Beide Seiten des Fensters“ (Books on Demand) enthalten, das ein Sammelband meiner ersten vier Bücher ist, und das ich plane, dieses Jahr (2021) neu aufzulegen (zur Zeit ist es vergriffen). Unter anderem, weil ich hier immer noch lebe, und es immer noch gelegentlich damit zu tun habe, dass man mich hier rausschmeißen möchte, habe ich dieses Jahr noch einmal eine saftige Parodie auf „Treppenhaus auf Tavor“ geschrieben. Sie kommt hier anschließend, ebenso wie die Geschichte, die den Ausschlag dazu gab, „Stempel“.

 

 

 

*1: „größten Meriten“ heißt „besten Eigenschaften“

 

 

 

Treppenhaus auf Tavor

(Unerlaubtes, verfälschtes  Remake der Kurzgeschichte von Patrick Rabe,

am Ding gedreht von ihm selber nach den Regeln der Dogmafilmer)

 

 

H   eute  , als ich in meinem Mietshaus vor die Tür meines Apartments trat, sah ich einen Bauarbeiter mit einer Leiter ins Haus kommen, der beim Eintreten gleich die Glastür irreparabel beschädigte.

 

Ich ging zu ihm herunter und fragte ihn, was das solle, und wer ihn hereingelassen habe. Da erkannte ich, dass der Bauarbeiter Lars von Trier war.

 

Er grinste. „Ich drehe gerade ein Remake von Bernardo Betoluccis Die Träumer. Aber diesmal streng nach den Dogma-Film-Dogmen. Nur an echten Schauplätzen, mit Handkameras und ohne mystisches Brimborium. Thomas Vinterberg, der mittlerweile in der katholischen Kirche aufgestiegen ist, hat mich per Enzyklika dazu dogmatisch verpflichtet. Die Szenen auf der Fridays for Future-Demo sind bereits abgedreht.“.

 

Im Untergeschoss öffnete sich eine Tür. Ein geistig behindertes, schwules Pärchen mit Eistüten in der Hand kam heraus und rief: „Was? Ihr habt abgedrehte Szenen auf der FFF-Demo gedreht? Finden wir ja 666! Dürfen wir die mal sehen? Wir sind Loby und Koby. Wir sind Loby und Koby“. Die Tür rechts daneben öffnete sich. „Was? Ihr könnt endlich sehen?“, schrie der Scientologe mit den leeren, gehirngewaschenen Augen, „Dann könnt ihr doch endlich anfangen, vernünftige Dinge zu sagen. Sowas wie: Fupp, Fupp, Faruselski.“. „Ihhhhhhh!“, schrien Loby und Koby. „Alfred Ill ist wahnsinnig geworden. Wahrscheinlich kommt heute Clear Zachanassian, die kalte Dame.“ .

 

Lars von Trier erschrak und kippte mit seiner Leiter die Treppe hinunter, wo das schwule Pärchen sich um ihn kümmerte, indem sie ihm ihr Erdbeereis kühlend ins Gesicht schmierten.

 

Unter Gekreisch öffnete sich nun auch die linke Tür. Isabel und Theo aus Die Träumer kamen nackt herausgelaufen, und Theo fiel seine Auflaufform mit dem Restessenauflauf aus der Hand. „Wir haben die Demo verpasst?“, schrie Theo. „Das ist wieder typisch. Meine Schwester wollte sich gerade wieder selber umbringen, indem sie sich meinen Schwanz als Gashahn um den Hals gewickelt hat.“

 

Lars von Trier stand urplötzlich hochinteressiert kerzengerade – um nicht zu sagen luntengerade- wieder auf beiden Beinen. „Könnt ihr das gleich nochmal machen?“, fragte er. „Ich filme das sofort. Kommt in meinen neuen Film. Ich wollte dafür eigentlich Schauspieler nehmen, aber ihr könnt das bestimmt gut.“. „Wir sind ihre Schaupieler!“, sagte Isabel mit schmachtenden Lippen.

 

Die zerdepperte Eingangsglastür wurde geöffnet. Bauarbeiter kamen herein. „Aha.“, rief Lars von Trier, „Meine Filmcrew.“. „Nein.“, sagte der eine Bauarbeiter. „Wir sind die Kriminalpolizei. Wir suchen einen Mann mit Erdbeereisgesicht.“.  „Den haben wir hier nicht gesehen.“, sagte Lars von Trier, und wischte sich sein Erdbeereis vom Gesicht. „Wir drehen hier nur einen Dogmafilm, ohne Gewalt und pornographische Elemente.“. Der Beamte in der Bauarbeiterverkleidung runzelte die Stirn. „Laut dänischem Gesetzbuch darf man in Innenräumen aber nur Dogmafilme mit Gewalt und pornographischen Elementen drehen.“. „Umso besser.“, lachte Lars von Trier, und schob sich seine Bauarbeitermütze aufs linke Ohr (und kam sich höchst gefährlich vor).

 

Die beiden Bauarbeiter verließen das Haus und schmissen die Glastür so doll ins Schloss, dass sie gänzlich kaputt ging. Der Hausmeister mit seiner Bergmannslampe kam von oben. „Oh!“, rief er, „Ihr habt ja meine Leiter. Dann kann ich ja endlich das Remake von The ring weiterdrehen. Coronagerecht ohne Chinesen und Japaner.“. Da flog urplötzlich die Kellertür auf. Der totgeglaubte Bernardo Bertolucci kam im Rollstuhl angefahren, mit einer Schrotflinte im Anschlag. „Ihr Schweine!“, schrie er. „Ich bin John Shooter! Ihr klaut Steven King und mir alle unsere Filmideen!“. Er legte die Schrotflinte an, und schoss. Irgendwo im selben Haus standen Kurt Cobain, Courtney Love, Jimi Hendrix und Jim Morrison gemeinsam unter einer Dusche, die sie als Decke tarnten. „Gut, wenn man im Leben was kapiert hat.“, grinste Courtney. Dasselbe dachte sich auch Norman Bates.

 

Mit Frauenperücke auf dem Kopf und gewetztem Messer in der Hand stand er vor der Tür, aus der die Duschgeräusche kamen.  Er musste nur noch herausfinden, was das Wort „Eute“ in dem Brief bed-eutete, den ihm Dracula heute geschickt hatte.

 

 

© by Patrick Rabe, 19. Juni 2021, Hamburg.

 

 

 

Stempel

 

Eines Morgens hatte Thomas Milford einen neuen Nachbarn. Das wäre an sich nichts ungewöhnliches und schon gar nichts unheimliches, wenn es nicht schon so seltsam angefangen hätte.

 

Es klingelte, und Milford, ein hochgewachsener, blässlicher Intellektueller, öffnete. Draußen stand ein großer, weißhaariger Mann, der Milford mit klarem Blick in die Augen sah. Er sagte mit Nachdruck in der Stimme: „ Guten Tag. Ich bin ihr Nachbar. Sie werden mit mir auskommen müssen.“ Milford wich dem Blick aus. Er hatte auch schon alltäglichere Begrüßungsfloskeln gehört.

 

Der Fremde hatte ihn beim Schreiben gestört und Milford wollte auch rasch an seine Arbeit zurück. Trotzdem gebot ihn die Höflichkeit, den neuen Nachbarn zu fragen, ob er vielleicht eine Tasse Tee trinken wolle.  „Nein“ entgegnete dieser. „Ich habe keine Zeit. Ich muss bei mir drüben eine Tasse Tee trinken.“ Damit verabschiedete er sich. Milford schüttelte den Kopf. Hatte der Nachbar seine Frage nicht verstanden? Er schien überhaupt recht merkwürdig zu sein. Aber Milford war es im Grunde recht, dass der Fremde so schnell gegangen war. Er war etwas misanthropisch.

 

Schnell kehrte er in seine Wohnung zurück und ging in sein Arbeitszimmer. Es war ein dunkler Raum mit einer Dachschräge und einem darin befindlichen Fenster. Thomas Milford ging zum Schreibtisch. Er arbeitete schon seit Jahren an einer zwölfbändigen Ägyptenenzyklopädie , ein Werk, das ihn voll beanspruchte und für das er sogar seinen Lehrstuhl an der Universität aufgegeben hatte. Milford zog das Rollo herunter, knipste die Schreibtischlampe an und schrieb.

 

In der Nacht hatte er einen Traum. Er stand am Ende einer langen Schlange in einem tristen, rotbemalten Altbau. Langsam bewegte sich der Pulk vorwärts. Da hörte er einen Schlag wie einen Hammer niederdonnern, und eine Stimme sagte laut: „ Stempel!“

 

Als er schweißgebadet erwachte, klingelte es. Noch vom Traum verwirrt öffnete er. Draußen stand sein Nachbar. Er hatte Tränen in den Augen. Einen Moment lang wollte Milford fragen, was denn wäre, aber – nun, es konnte ja auch vom Frost kommen. „Ich bin ein schlechter Mensch, Herr Milford!“. rief der Nachbar, „ ich lebe nun schon einen ganzen Tag hier und weiß noch nicht mal , wie sie heißen!“ Milford verdrehte die Augen. „Wieso, sie wissen es doch !“ sagte er. Der Nachbar bot ein Bild aufgelöster Verwirrung. Er lehnte sich weit vor und flüsterte mit tränenerstickter Stimme: „ Sagen sie ,Herr Milford, akzeptieren sie mich als ihren Nachbarn?“ Milford überlief es kalt Er hatte es offenbar mit einem Gestörten zu tun. „ Ja, ich akzeptiere sie“ sagte er in beruhigendem Tonfall.

„Dann ist es gut.“ Die hellen Augen des Nachbarn strahlten.

 

Milford schloss die Tür. Sein Nachbar schien schwer psychisch krank zu sein. Jetzt aber schnell an die Enzyklopädie . Milford beschloss, seinen Nachbarn zu meiden. Aber er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

 

Am nächsten Tag musste Milford zu seinem Verlag, um die Oberen weiter zu vertrösten. Als er an der Bushaltestelle stand, gesellte sich kurz darauf sein Nachbar dazu. „ Tag, Herr Milford. Ich habe es gerade noch geschafft.“ sagte er, und blickte ihn mit seinen klaren Augen an. „Schön.“, sagte Milford und dachte: „ Hoffentlich steigt er in einen anderen Bus.“.  Er wurde enttäuscht. Der Nachbar nahm den gleichen Bus. Milford kratzte sich unruhig am Kinn. Der Nachbar hatte sich hinter ihn gesetzt und Milford meinte, seinen Blick wie Nadelstiche im Nacken zu spüren. Endlich kamen sie bei der Station an, wo sein Verlag sich befand. Milford stieg aus, der Nachbar folgte. Milford schlug den Weg zu seinem Verlag ein, der Nachbar folgte. Milford bog um die Ecke, der Nachbar folgte. Jetzt hatten sie das Verlagsgebäude erreicht. Milford ging hinein, der Nachbar blieb draußen stehen. Drinnen saß Milford wie auf glühenden Kohlen. Wieso folgte sein Nachbar ihm? Er konnte seinen Verleger nochmals davon überzeugen, die Veröffentlichung seines Werkes zu verzögern.

 

Als er hinausging, atmete er auf. Keine Spur von dieser Nervensäge. Er war ihm offensichtlich gefolgt, obwohl er gar nicht das gleiche Ziel wie Milford hatte. Wenn er überhaupt eins hatte. Milford ging in ein nahegelegenes Café und bestellte ein Stück Sachertorte. Gerade, als er das erste Stück auf seiner Zunge zergehen lassen wollte, spürte er, wie sich jemand von hinten über ihn beugte. „Schmeckt´s?“ fragte eine wohlbekannte Stimme. Der Nachbar! Er setzte sich und bestellte ebenfalls ein Stück Sachertorte. Dann saßen sie sich eine Zeitlang schweigend gegenüber, zahlten schließlich und gingen.

 

In der Nacht hatte Milford einen Traum. Er stand in einer langen Schlange in einem tristen, rotbemalten Altbau. Mittendrin. Der Pulk bewegte sich vorwärts. Da hörte er einen Schlag wie einen Hammer niederdonnern und eine Stimme rief: „ Stempel!“

 

In den folgenden Tagen wurde Milford von seinem Nachbarn weiter belästigt. Er machte einen Spaziergang, der Nachbar auch. Er arbeitete im Garten, der Nachbar auch. Sollte es etwas damit zu tun haben, dass er ihm Akzeptanz zugesichert hatte? Am Liebsten hätte er ihm offen gesagt „Sie nerven mich!“ Aber er hielt den Mund.

 

Die einzige Möglichkeit, diesem Verrückten zu entfliehen, war, weiter an der Enzyklopädie zu arbeiten. Er zog das Rollo herunter, knipste die Schreibtischlampe an und versuchte, zu schreiben. Aber es gelang ihm nicht. Ihn beschäftigte sein Traum. Ob sein Nachbar damit zu tun hatte? Immerhin hatte Milford ihn schon zweimal geträumt, seit sein Nachbar eingezogen war. Milford ärgerte sich. Solche Gedanken müsste man einem Therapeuten mitteilen, und davon hielt Milford gar nichts. Aber er fing schon an, sich selber für verspleent zu halten statt seines Nachbarn.

 

Immer wieder nahm er sich mit Widerwillen sein Schreibzeug vor, vergrub sich in seiner Wohnung. Aber der Gedanke an seinen Nachbarn fraß an ihm wie der Adler an der Leber des Prometheus. Was, wenn er die Tür aufmachen würde, um einen Blick nach draußen zu tun? Würde dann auch die nachbarliche Tür aufgehen? Er musste diesen Plagegeist loswerden, versuchte sich auf Ramses und Gizeh, auf Tut ench Amun und Isis zu konzentrieren, aber es ging nicht. Er brachte keinen Satz zu Papier. Drei Tage lang ging er nicht vor die Tür, die Bartstoppeln staken in seinem Gesicht. Mit jedem Tag, den er über seiner Enzyklopädie brütete, wuchs ein Druck in ihm. Gleichzeitig begann ihm das Geschriebene beim Durchblättern unendlich schal und wesenlos vorzukommen. 12 Bände ägyptische Geschichte. Wer würde das überhaupt lesen, wenn es fertig war? Eigentlich hatte er auf über tausend Seiten nur andere Bücher zum Thema ellenlang und klafterbreit zitiert. Und das sollte sein Lebenswerk sein? Grabkammern und Mumien? In seinem dunklen, abgeschrägten Raum kam er sich auf einmal selber wie in einer Grabkammer vor. Er, der seit Jahren jeglichen menschlichen Kontakt mied. Er, dem sein Nachbar nicht mehr aus dem Kopf ging. Und da wußte er plötzlich – irgendetwas beschäftigte ihn im Zusammenhang mit seinem Nachbarn. Wenn er nur wüßte, was! Über diesen Gedanken wurde Milford schläfrig und ging ins Bett.

 

Donnerschläge hallten durch den roten Altbau. In gedrückter Stimmung schob sich der Pulk vorwärts. Dampf zischte aus dem Lamellenboden unter Milfords Füßen. Gleich war er dran, würde wissen, was das Geheimnis dieses Raumes war. Einen hatte er noch vor sich. „ Stempel!“ rief eine Stimme, die er zu kennen meinte, und sein Vormann schwenkte zur Seite. Da sah Milford es: Einen überdimensionalen  Richtertisch , an dem ein Mann, ein Beamter mit breitkrempigem Hut saß. Milford zitterte. Sein Gegenüber hob den Kopf und – es sahen ihn die klaren Augen seines Nachbarn an. Milford durchlief es wie tausend eisige Bäche. Das war es, was er an diesen Augen gefürchtet hatte! Sie sagten nicht ja oder nein, nicht für oder wider, sie richteten.

 

„Nun bist du also da?“ Die Stimme war ruhig und ohne Vorwurf. „Du weißt, wessen du angeklagt wirst?“ Milford konnte nicht sprechen. Der Nachbar hob die rechte Hand, in der ein gewaltiger Stempel war. Milford bebte. Die Hand senkte sich –nein- fiel von oben wie in Zeitlupe auf seine eigene zu. Milford schloss die Augen. „Halt!“ Die Stimme dröhnte wie Donner. Der Stempel lag an seinem Platz. „Du bist ich“, sagte Thomas Gegenüber rätselhaft. „ Es ist noch nicht zu spät – frag!“

 

Thomas Milford erwachte zitternd und vergewisserte sich, dass er in seiner Wohnung war. Dass dort noch sein Buch lag, sein Schreibstift. Jetzt war es passiert. Sein Nachbar war in seinem Traum aufgetaucht. Er wurde ihn einfach nicht los, diesen, diesen...ja, wie hieß er denn? Die Frage durchzuckte Milford siedendheiß, es war die Frage, auf die er vorhin nicht gekommen war. Und er erinnerte sich, dass sein Nachbar am Anfang der Woche zu ihm gesagt hatte: „Ich bin ein schlechter Mensch, Herr Milford. Ich kenne noch nicht mal ihren Namen.“ Und Milford fiel es wie Schuppen von den Augen. Der Nachbar hatte ihm einen Spiegel vorgehalten! Da lebte ein offenbar kranker Mann in seiner Nachbarschaft und Milford war nie auf den Gedanken gekommen, ihn nach seinem Leiden, geschweige denn nach seinem Namen zu fragen. Das musste er nachholen!

 

Ohne seinen Schlafanzug gegen die Alltagskleidung zu wechseln, lief er, nur in Pantoffeln, nach draußen. Bei seinem Nachbarn brannte kein Licht. Schnell lief Milford in Richtung Straße. Dort stand ein Krankenwagen. War seinem Nachbarn etwas geschehen? Ein Pfleger stieg aus. Milford packte ihn am Arm. „Mein Nachbar!“ rief er aus. „Ist ihm...?“ Der Weißbekittelte nahm Milfords Hand. „Thomas Milford ?“ fragte er. „Ja!“ nickte dieser. Der Pfleger lächelte. „Genau. Ihr Nachbar hat uns angerufen. Er hat sich große Sorgen um ihren Zustand gemacht, und wie ich sehe“, der Pfleger musterte Milford, „Wie ich sehe, zu Recht.“ „Wie bitte?“ Aber Thomas Milford blieb keine Zeit mehr für große Entgegnungen. Er wurde am Arm genommen und in den Krankenwagen gebracht. Als er sich zu wehren begann, holte der Pfleger eine Zwangsjacke.

 

Die Fahrt dauerte ungefähr zwanzig Minuten, dann hatte der Wagen sein Ziel erreicht. Einen rotgetünchten, nicht stillos wirkenden Altbau...

 

© by Patrick Rabe, 1998, 2002, 2021

 

 

 

Für alle drei hier vorliegenden Werke: © by Patrick Rabe

 

Die Kurzgeschichte „Stempel“ folgt im Wesentlichen der deutschen Rechtschreibung, wie ich sie in meiner Schulzeit ab 1983 lernte, und der deutschen Rechtschreibreform von 1996, die ich bereits damals so grottenschlecht fand, dass ich mich nach Kräften weigerte, sie anzuwenden. Da ich ja, wie weiter oben geschrieben, ab 2002 bei einer Zeitung arbeitete, ließ ich mich darauf ein, im Folgenden nach dieser Rechtschreibreform zu schreiben. Alle dann noch folgenden Rechtschreibreformen fand ich unsinnig, und die deutsche Sprache verhunzend. Ich habe nach der deutschen Rechtschreibreform von 1996 keine Weitere mehr anerkannt.

 

 

 

 

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