Karl-Konrad Knooshood

Deutschsprachige Musikwunder 02 - 1234 01 bis A 13

 

Die schönsten deutschsprachigen Lieder der Geschichte:

(hier Teil 1 von mehreren)…

(die Original-Texte wurden vom Autoren komplett entfernt, da man sie offenbar nicht (mehr) abdrucken darf, da es Copyright-Schwierigkeiten geben könnte – entsprechend wird nur noch innerhalb meiner Kommentar-Texte grob und minimal zitiert, wo es nötig ist und nur in sehr vager Weise, wobei ich mich aufs Zitatrecht berufe)

 

  1. 257ERS – "Holz" (2016)

Starten wir unsere Reihe mit einem Hip-Hop-Pop-Hybriden, der so ist wie viele dieser Werke heutzutage: Es reimt sich nicht alles akkurat, es ist nicht alles in der Hook- oder Punchline, viele Textpassagen scheren aus dem Rhythmus aus. Gerade dieses moderne Element, das man natürlich als Teil mangelnder Sorgfalt und Beleg für die überaus ausgeprägte Schlamperei dieser Zeit sehen kann, in der nichts mehr heilig und nichts mehr wichtig ist, außer, irgendwie irgendwas zu machen, selbst wenn's unprofessionell ist, macht Lieder wie dieses reizvoll. Es geht, ganz stumpf, um "Holz", das Material, das naturbelassene. Und wie so oft muss die Empfehlung lauten: Wer das Musikvideo dazu auf einer der zahlreichen Videoplattformen im Internet anschaut, wird die Gagdichte gerade im visuellen Stil noch besser erfahren können. Die Verarsche des HOT- und Co-Verkaufsfernsehens ist eine äußerst sensationell gelungene! Schmunzeln und Stirnrunzeln sind eh die Standardreaktionen, wenn man den Song allein hört, heiteres Kichern (mindestens) ist garantiert, wenn man den Zeilen lauscht, in denen der Vorteil des Naturmaterials Holz (das übrigens aus Bäumen, oh Wunder, oh wow, gewonnen wird ;-) augenzwinkernd gepriesen wird. Spaß ist garantiert, denn die drei verrückten Rapper aus Essen geben hier ihren zweitgrößten Hit zum Besten, der voller witziger Anekdoten und Wortspiele ist. Nicht jedes trifft zwar, aber dieser Song ist eine Wucht für jede Party. Und für die Geschichtsbücher. Auf die Einsamen-Insel nehme ich ihn durchaus mit, gerade, wenn ich dort Palmenholz hacke, um mir daraus einen edlen Wohnzimmertisch für meine Blockhütte zu zimmern.

 

  1. ABSOLUTE BEGINNER – "Liebes Lied" (1999)

Starten wir unsere Reihe mit einem Hip-Hop-Track, der bewies, dass Hip-Hop (fast 9 Jahre, nachdem DIE FANTASTISCHEN VIER und BLUMENTOPF als erste den Beweis angetreten hatten, dass Rap auch auf Deutsch funktionieren kann) nicht immer darin bestehen muss, dass man sich als Rapper, erst recht Rap-Combo in den Strophen seiner Texte selbstreferenziell versichert, eine ganz große Nummer zu sein und der größte, beste, geilste Chicken-Checker und alle anderen nur prollige Swag- und Wag-MCs, die man belächeln kann, während man selbst die besten Raps und Hooklines bietet. Zwar hatten auch DIE FANTASTISCHEN VIER und etwa FETTES BROT auch nicht nur in jedem Lied der Selbstbeweihräucherung und Selbstverherrlichung gefrönt, doch hatte sich ja bereits damals, um Mitte der 90er, mit der damals noch unter SCHWESTER S firmierenden SABRINA SETLUR und dem sie umgebenden RÖDELHEIM HARTREIM PROJEKT aus dem hessischen Mannheim, auch die härtere Große-Schnauze-Fraktion gebildet, die eher nicht von "deutschen Kartoffeln" geprägt war. Sie hatte sich unter den überwiegend von deutschen Hipster- und Studenverschnitt-Hip-Hoppern aus gutbürgerlichen Verhältnissen wie ein Krebs gefressen. Der sich in den frühen 2000ern dann zu dem asozialen Migranten-Rap entwickelte, der jetzt den Markt im Rap- und Hip-Hop-Genre dominiert.

Als es noch "Kartoffeln" und "Almans" waren, die in der deutschen Musiklandschaft das relative Sagen hatten, gab es eben die nachdenklichen und intellektuellen Hip-Hop-Combos wie diese hier, die sich damals als ABSOLUTE BEGINNER bezeichneten. Das ABSOLUTE legten sie später ab, seit vielen Jahren heißen sie nur noch BEGINNER, ein Wort, das es bis dahin noch nicht gab. Es gab zwar immer Anfang und Beginn als Begriffspaar mit derselben Bedeutung, aber "Beginner" waren "Anfänger". Mittlerweile hat sich dieses Wort erfreulicherweise eingedeutscht.

Jedenfalls legten die vier Jungs ein respektables Erstlingswerk hin: Das Album "Bambule" schlug ein wie eine Bombe. Ich habe es mir, als eines der wenigen Werke in meiner Sammlung bisher, sogar auf Schallplatte besorgt. Auf besagtem Album befindet sich dieses Lied, ein "liebes" Lied, eben nicht "Liebeslied", sondern "Liebes Lied". Auf BRAVO-HITS 24 begegnete es mir das erste Mal.

Es ist unwiderstehlich in jeder Hinsicht. Sänger JAN EISFELD (der sich selbst DELAY, also engl. "Verzögerung") nennt, ist ein eher vorsichtiger, langsam rappender Zeitgenosse, der das Lied eher singt als rappt, unterstützt von seinen Bandkollegen. Zwar hat der Kerl in den letzten Jahren einen bedenklichen Hang zu linksextremistischen Strömungen und Sympathien für auch gewalttätige Kader gezeigt, doch hier überzeugt er auf ganzer Linie: Sensibler Hip-Hop für feine, empfindsame Ohren. Gleich zu Beginn säuselt eine überaus schmeichelnde, weiche Frauenstimme: "Und jetzt – zur Entspannung – ein wenig Musik". Dann wird dieses Lied beschrieben, als der perfekte Ohrwurm inszeniert, der sanftmütig pluckernde, selbst für Senioren Ende der 90s, 1999, erträglich wenig belastende Beat, der bei ca. 60-70 BPM liegen dürfte und damit, harmonisch, in etwa der gesunden Normalherzfrequenz des Menschen entspricht – all das geht erstaunlich schön ins Ohr, es ist eine Offenbarung, wenn DELAY, nach einem kurzen Instrumentalpart, gleich mit "Das ist Liebe auf den ersten Blick – nicht mal Drum-And-Bass hält jetzt mit deinem Herzen Schritt – Du hast deinen Schatz gefunden, ohne lang zu buddeln – Bock, ihn in den Arm zu nehmen und stundenlang zu knuddeln…"… Daraufhin Samples, ein paar Platten-Scratch-Geräusche, alles, was ein Hip-Hop-Lied benötigt und es auszeichnet. Ausgezeichnet!

 

  1. ABSTÜRZENDE BRIEFTAUBEN – "Paderborn" (1993)

Eine Topliste der besten deutschsprachigen Songs, Chansons und Lieder aller Zeiten an gleich zweiter Stelle (nach einem Hip-Hop-Track auch noch ausgerechnet!) mit einem Kneipen- und Sauflied einer Punkband zu beginnen, ist gewagt! Mindestens dreist! Doch die alphabetische Reihenfolge, die ich als logischste Herangehensweise gewählt habe, um kein Lied explizit zu bevorzugen oder diskriminieren und damit benachteiligen, wende ich mich der Vernunft zu, hier als zweites die ABSTÜRZENDEN BRIEFTAUBEN zu erwähnen. Das Lied sollte in jedem Grundkurs zum Thema Deutsche Musikgeschichte gelehrt werden. Es ist zwar einfachsten Inhalts, dafür originell und unterhaltsam gleichermaßen. Mit einer Akustikgitarre und sanftem Schlagzeug beginnt der Sänger der Band, KONRAD KITTNER (2006 verstorben) in einem übertrieben dunklen, männlichen Timbre zu singen. Er hebt an zu einer klassischen Liebeskummergeschichte nach frisch erfolgter Trennung (später werden wir noch die FANTASTISCHEN VIER mit "Sie ist weg" zu einem ähnlichen Thematik kennenlernen), während er an einem Tresen in einer Spelunke sitzt, folgerichtig fängt der schwermütige Part auch direkt an mit: "In meiner Kneipe, an einer Theke, steh'n ganz verlassen – mein Bier und ich – was ich beim Trinken mir überlege – ich lieb' ein Mädel, das liebt mich nicht!". Dann kommt eines der Lieder der Art, die in der deutschen Geschichte so schön sind: Namedropping at its best, wenn dann die Stationen seiner Frustbesäufnis-Reise entlang des Rheins abgeklappert werden – und er einige schöne deutsche Städte als Etappen nennt, in denen sein Körper mit unterschiedlichen Formen mit unterschiedlichem Volumenalkoholgehalt in Kontakt kommt.

Wie erwähnt: Das Ganze beginnt getragen mit der Akustikgitarre, plätschert gemächlich vor sich hin bis zum ersten Refrain, der sich um die nordostwestfälische Stadt Paderborn (150.000 Einwohner) dreht. Erst nach diesem Refrain, wo in Strophe 2 nochmal der Anfang der Strophe 1 aufgegriffen und dann weitergeführt wird, geht bei der aus Hannover stammenden Punkband gehörig die Post ab, das Getöse geht los und die Band grölt melodisch im Chor – ein unverblümt ungestümes Sauflied beginnt, der Turbopunk ist wiedermal wiedergeboren! Eine schöne Mini-Deutschlandreise mit Städtereise, ein "In 8,0 Tagen durch Deutschland" gewissermaßen. Superliebdickhammergold!

 

  1. ACHIM REICHEL – "Aloha Heja He" (1991)

Absichtsvoll phlegmatisch bis beiläufig beginnt der schleswig-holsteinische Sängerknabe 1991 seinen DIRE-STRAITSschen, monologischen Sprachgesang, hebt gelegentlich zu schlagereskem Sang ab, unterstützt im Killerrefrain von einem vielstimmigen Chor, der den hawaiianisch angehauchten Songtitel gekonnt wiedergibt: "Aloha heja-he, aloha heja-he, aloha heja-he". Gänsehaut beim starken, auf lockeren höchstens 60 bpm dahinpluckernden Schlagzeugbeat, kombiniert mit vorsichtiger E-Gitarre, legendär dann "Hab die ganze Welt geseh's – von Singapur bis Aberdeen – wenn du mich fragst, wo's am schönsten war – sag ich: Sansibar".

Musikalisch Deutschrock, textlich wie ein verspäteter NDW-Hit, ein Epigone dieser wohl besten deutschen Musikrichtung der Spät-70er bis Mitt-80er, hebt das Lied die Laune, beim entspannten Ruhen im Plastikliegestuhl am Strand oder dem heimischen Balkonien nahe Terrassalon der ideale Begleiter, lässt man sich gern von Herrn REICHEL erzählen, was er – angeblich – auf Sansibar erlebte, ein Song ausgezeichneter Erzählstruktur. Deutschfaktor: 95% .

 

  1. ADEL TAWIL – "Lieder" (2013)

Eine Lebensaufgabe, sich darüber mal ein paar Stunden Gedanken zu machen, sollte sich jeder einmal gestellt haben. Sie gehört zu den 1001 Dingen, die man definitiv getan haben sollte, bevor man den finalen Arsch zukneift und den Löffel abgibt, um über den Jordan zu schippern und den Eimer zu kicken: Setze dich hin und mache dir Gedanken, welche Lieder, Songs, Chansons für dein Leben und deine Entwicklung/Prägung besonders wichtig waren und sind, mit denen du die besten, vorzugsweise positiven Erfahrungen gemacht hast.

Wer das geschafft hat (müsste ich übrigens auch noch machen, stünde bisher noch aus), mache daraus seinen größten Solo-Hit. So wie ADEL TAWIL. Der sympathische Sänger-Songschreiber, gebürtiger Berliner und mit ägyptischen Vorfahren, klingt ein wenig wie XAVIER NAIDOO, vielleicht etwas weicher, nicht ganz so soulig. Bekannt wurde er zunächst nicht als Individuum, sondern als Teil der kurzlebigen Boygroup THE BOYZ (mit dem charakteristischen Z am Ende), eines der vielen konfektionierten Boy-Gruppen-Projekte der großen Plattenfirmen in den 1990er-Jahren, eher also die "dunkle Seite" der Musikbranche, wenngleich auch aus diesem gecasteten Brei die eine oder andere geile Band hervorging, entsprechend geile Musik. Fehlte uns das britische Flair von TAKE THAT, ihre großen Hits "Babe", "Back For Good", "Could It Be Magic" (gecovert von BARRY MANILOW), "Everything Changes", "Love Ain't Here Anymore", "Never Forget", "Relight My Fire" (Cover des Hits von DAN HARTMAN), "Pray" oder "Sure", wäre unsere Welt um einige Musikmeisterwerke ärmer. Dasselbe gilt für die BACKSTREET BOYS aus den USA, die einige veritable Hits mit unterschiedlicher Mitgroovebarkeit herausbrachten, unter ihnen "As Long As You Love Me", "I Want It That Way" oder die tanzbarere Fraktion mit "Everybody (Backstreet's Back)" (steht sogar unter den "1001 Songs, die man gehört haben sollte, bevor das Leben vorbei ist") oder "Larger Than Life".

THE BOYZ waren dagegen zwar nur ziemlich kleine, überwiegend im deutschsprachigen Raum erfolgreiche und damit darauf beschränkte Typen, doch sie hatten ihre Coolness am Start. Immerhin zwei Lieder gingen aus dieser Formation hervor, die ganz passabel sind: "I Like" (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Lied von KERI HILSON aus dem Jahr 2009) – und "One Minute". Letzteres mit einem sozialkritischen Anstrich. Dieses ist wohl das am wenigsten spektakuläre und kaum bekannte Lied unter denen, die im Songtext gewürdigt werden.

Gut, ADEL TAWIL machte dann noch Furore in der Duett-Kombination mit ANNETTE HUMPE, NDW-Urgestein: ICH + ICH hießen die.

Zu diesem Lied: Zu einer typischen Neuer-deutscher-Befindlichkeitspop-Instrumentierung und den klassischen Harmonien dieser eigentlich fast ausschließlich unsäglichen Musikrichtung der 10er- und jetzt 20er-Jahre des 21. Jahrhunderts, in der mehr geschwafelt und gesäuselt wird als sonst was und eine Art von Leben abgefeiert wird, das weder erstrebenswert noch besonders lebenswert ist (rein qualitativ gesprochen, nicht auf die es lebenden Individuen bezogen) oder zumindest so erscheint: In der Großstadt, anonym, in Masse statt Klasse, in irgendwelchen Hipster-Vierteln, ohne irgendwelche nennenswerten Probleme, solange der Latte mit veganer Sojamilch serviert wird. Nein, weiß Gott mag ich diese Musik nicht, die mit Bands wie UNHEILIG ihren unseligen Ausgangspunkt nahm und dringend verhinderungsbedürftig gewesen wäre.

Dieses Lied sticht als eines der wenigen daraus hervor. Nicht wegen der Melodie und dem perfekten Ohrwurmcharakter des Songs, denn das ist das Problem der heutigen Musik, vornehmlich dieser Art: Sie ist so glatt, gefällig und ohrwürmelnd, dass sie vor lauter einfacher Eingängigkeit schon wieder leicht vergessen wird. Die bereits während der 90er gepflegte Ohrwurmmelodienpflicht wurde zu etwas, das sich inzwischen selbst in den Untergang aufgrund Perfektion führt. Es ist ein Klischee geworden. Nicht also wegen seiner rein musikalischen, total austauschbaren Qualitäten ist dieses Lied erwähnenswert und deutsche-musikhistorisch bedeutend, sondern wegen des Inhalts. Nach und nach spielt TAWIL auf die Lieder seiner Kindheit und Jugend an, die ihn prägten.

Wie die meisten anderen Lieder des TIM-BENTZKO-artigen UNHEILIG-Genres-der-Befindlichkeit mit MARK-FORSTER-Komplex und einem Hauch SIDO-Rap, wurde dieses auch gleich von vier Autoren geschrieben, was bedeutet, dass TAWIL es schon selbst gemacht hat, allerdings noch mit Unterstützung gleich dreier (!) weiterer Texter/Komponisten. Wie gesagt, nichts Außergewöhnliches. Andere Songs warten gleich mit einem Team in Fußballmannschaftsstärke auf. Dennoch geraten die aus solchen textlichen Großprojekten entstehenden Songs überwiegend überraschend kalenderspruchbanal. Als BÖHMERMANN noch ein nicht-faschistoider, sich nicht über sterbende Omas lustig machender Dude war, hatte er mal eine astreine Parodie über dieses Phänomen gemacht, "Menschen – Leben – Tanzen – Welt"…

Der Reihe nach also die Songs, die bei ADEL, ähnlich wie es bei mir wär, sehr unterschiedlichen Genres und von diversen differenten Bands und Musikkonzepten und mit unterschiedlichen Texten angehören. Die Texte sind allesamt, ausgenommen "One Minute" von THE BOYZ, auf Deutsch übertragen, die Anspielungen sind also für des englischen Musikzeugs Kundige. Der Reihe nach werden so unterschiedliche, mehrheitlich 80er- und 90er-Meisterwerke, aber auch 60s- 70s- und sogar einige klassische Traditional-Kracher, erwähnt wie:

"Walk Like An Egyptian" von THE BANGLES

"When Doves Cry" von PRINCE

"Voodoo Child" von JIMMY HENDRIX)

"Like A Rolling Stone" von BOB DYLAN

"Maria durch ein Dornwald ging" (aus dem 16. Jahrhundert, entstanden auf dem sog. "Eichsfeld" im heutigen Niedersachsen)

"(I Just Died) In Your Arms" von CUTTING CREW

"Bochum" von HERBERT GRÖNEMEYER

"Don't Let The Sun Go Down On Me" von ELTON JOHN

"What A Wonderful World" von LOUIS ARMSTRONG

"Welcome To The Jungle" von GUNS'N'ROSES

"Fremd im eigenen Land" von ADVANCED CHEMISTRY

"Personal Jesus" von DEPECHE MODE

"Insane In The Brain" von CYPRESS HILL

"When Will I Be Famous" von BROS

"König von Deutschland" von RIO REISER

"End of the Road" von BOYZ II MEN

"Loser" von BECK

"Killing In The Name" von RAGE AGAINST THE MACHINE

"Come As You Are" von NIRVANA

…und ein paar weitere…

 

  1. AERGER – "Deine kleine Schwester" (2001)

Extrem beleidigend – und seltsam, wie dieses Lied wirkt: Beleidigend für die Person, an die es gerichtet ist (man möchte glatt wünschen, dass es rein fiktiv ist), befremdlich für die Hörerschaft: "Deine kleine Schwester ist viel schärfer als wie du", singen die Herrschaften von AERGER (sic!) in bewusst doppeltgemoppeltem Vergleich, wobei das Wörtchen "wie" eine Grammatikverhunzung ist, die in vielen Teilen Deutschlands sogar im Dialekt als Ersatz für "als" verwendet wird. Man muss wissen: "wie" ist immer ein gleichwertiger Vergleich: Dieses und jenes ist wie dieses und jenes. Will man jedoch etwas sagen wie "besser", in diesem Fall "schärfer", also der Komparativ zum Einsatz kommt, dann müsste…Doch genug der klugscheißerischen Belehrung. Es macht das Lied irgendwie cool. Der Sound ist ordentlich, klingt er nach relativ mediokrer Schülerband, die wenigstens die Instrumente beherrscht, seichter College-Rock auf Deutsch, schön. Der textliche Inhalt ist völlig in Ordnung, ich höre es gern auf den leichteren Partys, auf denen es um nichts geht. Ein feiner kleiner Song.

Natürlich ist es "problematisch": Der Typ hier könnte sich, wie er seine Freundin preist, bei ihr wohlfühlen – doch dann kommt er mit dem echten Hammer um die Ecke, der tief verletzen (und beleidigen) kann. Zum Davonlaufen. Wie kann er es nur wagen, dieser undankbare Schnösel? Undankbare Schnösel-Lieder gehören allerdings zur DNA deutschsprachiger Musik, gerade bei den jüngsten Mitgliedern der Gesellschaft – und man könnte denken: ECHT haben auch so mager angefangen – und doch was draus gemacht – und ihre Texte haben dennoch den gewissen Drive, den solche Musik braucht. Ob sich AERGER dachten, sie könnten auf der Modewelle der späten 90er und frühen 2000er mitschwimmen, elegant über einen längeren Zeitraum getragen werden, dass auf einmal junge, hippe Teenie-Schülerbands wie etwa SOFAPLANET (die mit ihrem "Liebficken" im selben Jahr, siehe sehr viel weiter unten, Furore machten und für leichten Stunk sorgten) am Horizont auftauchten? Möglich wär's.

 

  1. ALEXANDRA – "Illusionen" (1968)

Mit einer begnadeten, tiefen und reifen Stimme voll dunkler Erotik gesegnet (wie ZARAH LEANDER, nur etwas heller und noch ein wenig fraulicher), bereicherte die am 31. Juli 1969 mit knapp 27 Jahren (somit ein würdiges Mitglied im CLUB 27) im Rahmen eines Autounfalls tragisch tödlich verunglückte Schlagersängerin ALEXANDRA (bürgerlich geborene DORIS WALLY TREITZ, später DORIS NEFEROV) die deutsche Schlagermusiklandschaft der 60er Jahre stark, mit Musik im Spannungs- und Übergangsfeld zwischen biederem deutschsprachigem Schlager (der von der Mehrzahl der damals jungen Generation eher abgelehnt wurde, die natürlich die frischer und progressiver klingenden ausländischen, vorzugsweise englischsprachigen, Produktionen von BEATLES bis ROLLING STONES präferierte) und sozialkritischen, klar linkskonnotierten Tönen und Themen. Besonders hervorzuheben ist dabei (neben ihrem bekanntesten Song "Mein Freund, der Baum", siehe nächster Abschnitt) dieses überaus melancholische, von ihrer Stimmpräsenz sehr getragene, mit fast schon an eher Moll-artige Interpretationen der frühen JAMES-BOND-Filme erinnernden Trompeten ergänzt. Voll relativ authentisch klingender Trauer und dementsprechender Inbrunst singt ALEXANDRA zu ebenfalls hörbaren Geigenklängen über die Vergänglichkeit des Lebens, der Träume, der (namensgebenden) Illusionen, die man sich macht, die vom (klassischen aber unwiderstehlich logisch eingebauten) Element des Windes verweht werden. Eines der traurigsten möglichen Lieder der Weltgeschichte sicherlich, zumindest aber ein exzellenter Beweis für typisch deutsche Schwermut und Nachdenklichkeit im Angesichte des Vergänglichen, beim Beobachten der rasch schwindenden Lebenszeit, der Jahre, die flugs dahinziehen und niemals wiederkommen, die verwehte Jugend, das kommende Alter und schließlich der unvermeidliche Tod, der in jeder Zeile, in jedem Moll-Ton mitschwingt. Zum Runterkommen, zum tieftraurigen Pflegen der Melancholie, für die Bewusstwerdung des Schrecklichen und zugleich Wunderbaren: Das Leben ist endlich und vergänglich. Nichts kann schöner sein.

 

  1. ALEXANDRA – "Mein Freund, der Baum" (1968)

Neben dem wahrscheinlich allein aus titeltechnischen Gründen inzwischen verpönten "Zigeunerjunge" (man würde heute wohl eher von "Junge der noch nicht so lange hier Verweilenden, die bald weiterziehen und fahrend' Volk sind" sprechen, doch das würde die vertretbare Songlänge bei weitem überschreiten) das bekannteste und so ziemlich das (aus meiner Sicht) zweitbeste Lied von ALEXANDRA ist auch das fast sanfteste, zutiefst traurig, extrem schwermütig, sehnsuchtsvoll, anklagend. Schwermütig deshalb, da ein schattenspendender Baum mit seinem ausgreifenden Ast- und Blattwerk schützend und behütend (vor scheinbar allen Gefahren) über einem Mädchen stand, das hier in der Ich-Perspektive vom Verlust seines pflanzlichen Freundes berichtet. Sehnsuchtsvoll, da nun der Verlust stark zu spüren ist, sie den Baum so sehr vermisst, anklagend deshalb, da sie beklagt, was in den 60er Jahren durchaus auch schon ins öffentliche Bewusstsein zumindest der Jugend rückte: Raubbau an der Natur, Umweltzerstörung, (noch weiter fortschreitende) Industrialisierung, Technisierung, vor allem aber Verstädterung. Unentrinnbar säuseln sich die Textzeilen ins Gedächtnis, getragen wiederum von der Sängerin außergewöhnlicher, tiefer und wohlfarbiger Stimme. Ein Lied für meine eher niedergeschlagenen, nachdenklichen Momente.

Und dennoch gewiss nicht als die Maskottchen-Hymne der GRÜNEN JUGEND geeignet. Der in seinen Folgen maßlos übertrieben dargestellte Klimawandel, das große Schreckgespenst, hat nämlich wenig gemein mit der Erhaltung der Natur, unterm Strich jedenfalls. Wüsste ALEXANDRA, dass die GRÜNEN für ihre wahnwitzigen Energiewende-auf-Teufel-komm-raus-und-ohne-Nachdenken-über-etwaige-Problemstellungen zigfach Wälder für ihre albernen Ehrgeiz-Prestige-Projekte Windkrafträder-Anlagen roden lassen, sähe sie das gewiss nicht auf die positivste Weise. Man müsste ihren Signatursong ohnehin neu betrachten: im Plural. "Meine Freunde, die Bäume, die Wälder sind tot", müsste es jetzt modernisiert heißen, "sie fielen nutzlosen, weltfremden Weltklimarettungsphantasien in den Schrot".

 

  1. ALEXANDRA – "Schwarze Balalaika" (1969)

Eine Balalaika ist ein Instrument…Das ungefähr so aussieht:

 

Das war mir nicht klar gewesen – vor Hören dieses alten Liedes der Schlagerqueen ALEXANDRA (eigentlich DORIS NEFEDOV). Es handelt sich also um eine charakteristisch dreieckig geformte Art Gitarre, also ein Saiteninstrument.

Sie ist das Sujet oder Objekt dieses Liedes, um das sich der Kosmos desselben dreht. Die im Lied ist allerdings, wie bereits der Titel verrät, schwarz und weist nicht ein solch schmuckes Blumendesign auf, auch wenn ich dagegen nichts hätte.

Die unter tragischen Umständen mit 27 Jahren bei einem Autounfall unweit der B203 tödlich verunglückte Sängerin (mit ihrer Mutter und ihrem Sohn als Beifahrer; die Mutter verstarb wenig später im Krankenhaus, ALEXANDRA selbst noch am Unfallort), die von einem Vorfahrt habenden LKW gerammt worden und etliche Meter im Fahrzeug mitgeschleppt worden war, war ein Ausnahmetalent, auch in diesem Lied, in dem sie sehnsuchtsvoll säuselnd und flehentlich einen gewissen "Sascha" ruft, der ihr auf seinem Instrument (titelgebender schwarzer Balalaika) vorgespielt hatte, dessen Liebe aber verblasst ist; das Einzige, das der weiblichen lyrischen Person bleibt, ist das Instrument. Darum herum baut sich ein polkaartiger Rhythmus auf, der das Ganze zu einem halb düsteren Schlagerlied mit Tiefgang macht. Gern erinnere ich mich an Instrumente, die ich niemals gespielt habe, wenn ich auf der Einsamen-Insel in die Beziehungsstreit-Wüste gerate. Schließlich ist die Botschaft so herrlich klassisch: Auch ohne Worte versteht man sich – durch die Musik.

 

  1. ALEXANDRA – "Zigeunerjunge" (1967)

Der Bannstrahl politisch korrekter, gereinigter Sprache trifft mittlerweile viele liebgewonnene Begriffe – und auch solche, an denen sich nicht mal die Betroffenen stören. So wie sich ROBERTO BLANCO nicht aufregt, dass er mal als "Neger" bezeichnet wurde (siehe sehr viel weiter unten), geht es den Zigeunern, also dem Fahrenden Volk namens "Sinti und Roma", am Arsch vorbei, ob man die schmackhafte, würzige Zigeunersoße in arschkriecherischer Manier vorauseilenden Gehorsams gegenüber Gesinnungswächtern und linguistischen Puristen und Sprachkommissaren (und ich dachte damals schon, BASTIAN-SICKness wäre schlimm, doch wurde längst eines Besseren belehrt) jetzt in "Soße ungarische Art" oder ähnlich umbenennt. Als BARBARA SCHÖNEBERGER den astreinen Spitzenwitz machte, besagte Soße hieße jetzt "Soße ohne festen Wohnsitz", löste dies eine Massenhysterie aus, die sonst wohl nur der Ausbruch des Vesuv bewirkt hätte – oder eine sonstige Naturkatastrophe geradezu biblischen Ausmaßes.

Aber nein, an einfachsten und wunderschönen und auch historisch logisch gewachsenen Wörtern, die nicht mal die mit ihnen Bezeichneten unbedingt problematisch finden, soll es nicht scheitern: Die werden getilgt, denn die Sprachneuschöpfer und Gendergagaristen, die Neusprech-Verfechter und Sprachfanatiker bestimmen, was wem zu missfallen hat, nicht die betroffenen Minderheiten. "Wir sagen euch jetzt, was ihr scheiße zu finden habt, was euch zu beleidigen oder verletzen hat", lautet der hauptsächliche Glaubenssatz dieser irren Mischpoke.

Dass man "Zigeunersoße", "Zigeunerschnitzel" und "Zigeunermusik" als etwas Positives, kulturell Bereicherndes wahrnehmen kann, scheint niemanden der Sprachhygieniker zu stören.

Dementsprechend dürfte auch eines der schönsten, bittersüßen und romantischen Lieder von ALEXANDRA in Zukunft ein Wort enthalten, das nicht mehr verwendet werden darf. Ich werde jedoch nicht anfangen, ihr wunderschönes "Zigeunerjunge" als "Sinti-Roma-Junge" oder "Fahrende-Menschen-Junge" zu bezeichnen.

 

Das Lied ist ein wunderschöner Schlager mit teilweisen Einflüssen der zum Teil sehr euphonischen Zigeunermusik. Die Story des Liedes ist einfach aber effektiv: Die Liedprotagonistin sieht eines Tages Zigeuner mit ihren bunten und vielfältigen Wagen in ihre dörfliche Kleinstadt kommen. Die Fremden, die dort kommen, werden formal nicht als bedrohlich beschrieben, im Gegenteil: Sehr positiv: Die Protagonistin ist sehr neugierig auf diese ungewöhnlichen Menschen, deren Ankunft spannend ist: "Die Wagen so bunt, die Pferdchen so zottig", irgendwie ursprünglich, wild aber freundlich. Sie beobachtet dann, wie des Abends ein Feuer gemacht wird und die Zigeuner in unwiderstehlicher Weise fröhlich um die natürliche Licht- und Wärmequelle tanzen: "Und die Zigeuner, sie haben getanzt und gelacht".

Als die junge Dame dann einen attraktiv-feschen Zigeunerjunge am Feuer Gitarre spielen sieht und hört, verliebt sie sich Hals über Kopf, auch wenn dies zunächst nicht gegenseitig stattfindet, denn er sieht sie, die Beobachterin, nicht.

Und das bleibt auch so. Sie rennt schnell nach Haus, bekommt diesen hübschen jungen Mann jedoch nicht mehr aus ihrem Kopf. Am nächsten Tag kann sie's kaum erwarten, zum Lagerplatz der Zigeuner zu gehen – doch: Sie sind alle fort.

Auch wenn die vielen "lalala"- und "tam-tam-tam"-Geräusche als dramaturgischer Unterbau nicht nötig gewesen wären: Es ist und bleibt eine Liebeskummerballade der besonders sehnsuchtsvollen Sorte; die Protagonistin verzehrt sich nach dem hübschen Jungen, der nun fort ist, da die Zigeuner in ihrer Eigenschaft als Umherziehende, als nomadisch lebende Menschen bereits weitergezogen sind. Es hätte eine wunderbare interkulturelle Liebe werden können.

Die Aufgeschlossenheit, die das dörfliche Mädchen hier zeigt, ist im Großen und Ganzen wohl eher ungewöhnlich, denn in der tiefen Provinz, auf dem platten Land und in kleineren Ortschaften herrscht noch ein gewisses Misstrauen gegenüber Fremdem aller Art. Normalerweise ist diese Skepsis und vorsichtige Herangehensweise, bei aller verständlichen Neugier, auch sinnvoll. Ohne diese menschliche Eigenschaft (die aber weder auf den Menschen noch geografisch auf in diesem Falle Deutschland beschränkt ist) hätten wohl größere Populationen der Spezies nicht überlebt.

Gut, in diesem Falle konnte die junge Dame abschätzen, dass diese bunten, umherziehenden und feierfreudigen Menschen keine große Bedrohung darstellen und von ihnen keine Gefahr ausgeht.

Und sie hat sich sogar verliebt. So kann's gehen. Ein Lied, das Zigeuner insgesamt in einem eher positiven Licht darstellt, eines von Liebesbegierde über kulturelle Unterschiede hinweg. Hoffentlich verbietet es keine Gesinnungsguerilla, denn es ist doch ein wunderschönes Lied, das niemandem zur Unehre gerecht hätte. Im Gegenteil: Im Gegensatz etwa zu den Dänen in OTTO WAALKES "Dänen lügen nicht", den Deutschen pauschal in jedem dritten Punkrocksong, Spießer in so ziemlich jedem PUNK- und Hip-Hop-Lied – und auch positiver als die Zombies in DIE ÄRZTEs "Anti-Zombie" (2004). Also was zum Teufel haben die ganzen Sprach-Säuberer immer mit harmlosen Benennungen für fahrende Volksgruppen? "Zigeuner" ist doch kein böses Wort!

 

Übrigens: Im Mai 2021 (Stand jetzt: 23.05.2021) heißt es, in Augsburg müsse der sog. "Zigeunerbach", der seit 1765 so hieß, umbenannt werden. Die dortige Stadtverwaltung kam auf diese Schnapsidee, um Rücksicht auf irgendwelche imaginierten Befindlichkeiten zu nehmen. Befindlichkeiten, die wohl nur in irgendwelchen Hirnen existieren, als Gespinste. Angeblich sei der Name "antiziganistisch", also "gegen Zigeuner eingestellt". Gegenstimmen gab es von der nicht ihren Verstand verloren habenden AfD, aber die zählen ja niemals, wenn es um den ekelerregend kotzigen Progressivismus post coronam geht. Ich kotze in alle Richtungen! Los, her mit dem Text jetzt!

 

  1. ALEX C. FEATURING Y-ASS – "Du hast den schönsten Arsch der Welt" (2007)

Jaja, schon klar, logischerweise nicht der niveauvollste Song aller Zeiten! Irgendein bedeutungsloser CDU-Mensch, ein Kerl, dessen Name mir völlig zu Recht entfallen ist, fand das Werk geschmacklos. Er prangerte es an. Ist es sexistisch? Kann es nicht sein, denn wie wir alle gelernt haben, kann Sexismus grundsätzlich nur von Männern gegenüber Frauen ausgeübt werden – und hier singt eine Frau über das knackige Furzerzeugungswerkzeug, jene zwei berühmten Backen, die so viele Menschen beiderlei Geschlechts verrückt machen. Wenn eine Frau einem Mann an den Arsch packt oder ihm auf den Po klopft, wird das ja auch nicht gleich als "sexueller Übergriff" gewertet, also alles gut!

Diese Dame, die das hier singt, macht es über einen sexy typischen 2000er-Beat, verhärmtes Eunuchen-"De-de-de-de-dedö-de-dö-dä" im Hintergrund.

ALEX C. ist der (männliche) Produzent, der bereits hinter dem TECHNO-Projekt U96 (nach dem Namen des U-Bootes im Film "Das Boot" von WOLLE PETERSEN benannt) stand und mit ihm den instrumentalen Soundtrack zu "Das Boot" von KLAUS DOLDINGER für die Charts reanimierte und mittels damals moderner Beats massentauglich(er) machte. Er produzierte in seiner langen Karriere viele Musikprojekte, sein U96 warf noch einige eigene Hits ab, einer davon, "Heaven", hatte sich die Melodie von CINDY LAUPERs "Time After Time" gemopst. Mittlerweile fällt Herr CHRISTENSEN dadurch auf, dass er bereits drei (!) mit dem BERLIN SYMPHONY ORCHESTRA aufgenommene Alben auf, auf denen er die alten Klassiker der 1990er aus den Charts in klassikartiger Version neuinterpretiert, darunter auch einige seiner eigenen Hits. Man kann darüber geteilter Meinung sein, ich besitze immerhin die ersten beiden dieser Alben. Wer die 90er ein wenig (wieder-)entdecken will, mag hier richtig aufgehoben sein.

Dieses Lied atmet einen eigenen Geist, den der mittleren 2000er. Ich fand es zunächst auch etwas…grenzwertig, grotesk vielleicht sogar. Doch wenn man erstmal bereit ist, die eigenen Niveauansprüche auf einem niedrigen Durchschnittslevel zu halten, kann man es sehr mögen. Die Assoziation mit dem "Ballermann" auf "Malle" sollte man allerdings (ver-)meiden. Selbstverständlich findet diese Art von Lied auch auf solchen Urlaubsveranstaltungen statt. Auch in der einen oder anderen Dorfdisco, wenn die Majorität der anwesenden Gäste beschwipst genug ist.

Werten wir's doch als eine nicht rabiate aber ungraziöse Frechheit gegen den guten Geschmack – und als Hymne der Arsch-Anpreisung. In dieser Liste werden sich noch etliche Beispiele für ziemlich dubiose Themen und Tabus finden – das hier ist, versprochen, nur der Anfang!

 

  1. ANGELIKA EXPRESS – "Geh doch nach Berlin" (2003)

Das rotzig-trotzige "Dann geh doch zu NETTO!", mit dem mithilfe eines kleinen Mädchens, einem richtigen Rotz-Kotz-Balg, würzig Werbung für den "Markendiscount" NETTO gemacht wird, ein im mittleren Preissegment, dem Niveau zwischen den "Billigheimern" ALDI und LIDL und den teuren Luxus-Ladenketten, den Supermärkten REWE, K+K, EDEKA, SPAR (ungefähr in der aufsteigenden Reihenfolge des durchschnittlichen Preislevels) angesiedelter Laden, zu dem ich selten gehe (da in meinem Stadtteil schlicht REWE, ALDI und LIDL stark überrepräsentiert sind), kennen wir alle. Diese patzige Erwiderung auf den Unwillen, wohin zu gehen oder eben doch, findet sich hier sehr viel früher, in einem Lied. Als der "Markendiscount" noch nicht diesen Slogan hatte. Unter den vielen Lobhudeleien über Berlin als die Stadt von Welt, Weltoffenheit, Buntheit und Multikulti (mit allen vorwiegend negativen und wenigen wahrlich bereichernden Konsequenzen), die sich von schillernden Künstlern wie DIE ÄRZTE bis GUILDO HORN und IDEAL sowie vielen anderen durch die Musikhistorie ziehen wie feinstes, reinstes Koks über die Nasenschleimhäute, scheint dieses hier herauszustechen, da man es als eine Art Abraten betrachten kann: Hier wird jemandem gesagt: "Geh doch ruhig nach Berlin, wirst schon sehen, was du davon hast" – und Berlin als die Lösung präsentiert. Als eine nicht unbedingt alle Probleme lösende?

 

In einer ziemlich unangenehmen Wohnsituation scheint sich hier jemand zu befinden: Eine Wohnung, die im Grunde so groß ist wie ein Klo (eine Art "Wohnklo", was eigentlich eine in Knästen gängige Bezeichnung für die einzelne Haftzelle sein soll, wenn man einer Doku glauben darf, die ich mal gesehen habe) und die Feststellung, dass "es so nicht mehr weitergeht" – da will man weg. Der Eskapismus richtet sich auf die ach so hippe Hauptstadt des Landes, die längst ein großes Shithole geworden ist und spätestens seit ROT-ROT-GRÜN ein Sehnsüchte-Killer, der nichts davon erfüllen kann, was man gern will. Insofern wirkt das "Wirst schon sehen, was du davon hast" passend. Ob die Band ANGELIKA EXPRESS wirklich ablehnend gegenüber Berlin steht, ist fraglich. Möglich wäre es, dass man aus eigener Erfahrung spricht, dass sich alle Bekannten, Freunde und Angehörigen dorthin verziehen.

 

Übrigens empfinde ich persönlich das Lied als einen exzellenten Aufruf an all die Gutautisten und Utopisten einer neuen Weltordnung, die sich eine linke, bunte, multikulturelle Chaos-Welt vorstellen, in der Anarchie herrscht und sich trotzdem alle nicht an die Gurgel gehen (was leider unrealistisch ist), in der sie sich täglich gegenseitig "retten", zurechtweisen, zensieren und canceln können nach Lust und Laune. Wo sie in ihrer angeblich "toleranten" Welt sich gegenseitig ausschließen können, wenn Einzelne sich nicht an die puritanischen "Progressiven"-Regeln halten, wo sie ihrer neuen Gleichheitsreligion inklusive kernbehinderter Gendergerechtigkeitssprache frönen können. Bitteschön, Leute, geht doch allesamt dahin – und lasst den größten Teil des Volkes, der nicht auf Euren Müll steht, in Ruhe sein normales Leben in einem dann hoffentlich wieder normalen liberalen, demokratischen Staat leben kann. Ohne von Euch Marxisten und Hobby-Sozialisten und Anarchisten behelligt zu werden.

Wir anderweitigen Hörer und Genießer dieses Liedes freuen uns an der Person, der "Ziel" und "Profil" fehlen und die unbedingt nach Berlin will… Die Band kommt aus Köln – da hat sich auch einiges zum Schlechteren entwickelt…

 

  1. ANNENMAYKANTEREIT – "Pocahontas" (2016)

Ein paar vage Bläserpassagen, also Trompeten, dazu die ziemlich heisere Reibeisenstimme des Sängers der Band, die sich aus den Nachnamen der drei Mitglieder zusammensetzt (ANNEN, MAY und KANTEREIT), ein paar disharmonische Geräusche und eine Gesamtatmosphäre, in der Schlagzeug gedroschen statt gescheit gespielt wird. HENNING MAY, als Gaststar auch auf K.I.Z.s "Hurra, die Welt geht unter" (2015) zu hören (siehe wesentlich weiter unten) im Refrain zu hören, hat wirklich eine heftig raue Stimme, obwohl er wie ein halber Milchbub aussieht. Damit ähnelt er einigen anderen Sängern, etwa CASPER (dieser Schmusesänger, dem man immer ein paar Hustenbonbons anbieten möchte). Ist das so Usus, ist das ein Trend, dass man jetzt heisere Rau- und Reibeisenstimmen haben muss? Selbst wenn: WESTERNHAGEN klingt immer noch am besten (siehe ebenfalls sehr viel weiter unten). Das einzige Lied, das mit von dieser Band mehr als nur bekannt ist, dessen Musikvideo in seiner spartanischen Atmosphäre der Unterkühlung einer kleinen Altbau-WG von geschätzt 70 Quadratmetern, in der es gedreht worden zu sein scheint, spannend unterhält oder zumindest die Augenbrauen heben lässt. Ungefähr so sexy ist es auch, wenn eine Frau, bei der der Liedprotagonist einen gewaltigen Sack voll Fehler in der Beziehung zu ihr gemacht hat, deren Name auch noch einer Person entspricht, die es in der Historie gab, deren tragische Lebensgeschichte von DISNEY im Zeichentrickkitsch zum Happyend erstickt wurde. Ob dieser Kitsch da angedeutet werden soll – oder ob sich alles auf die wahre, tragische und nicht hollywoodeske Geschichte der gleichnamigen amerikanischen Ureinwohnerin bezieht (Letzteres ist eher anzunehmen) – schwer zu sagen. Das reichlich skurrile Lied schmiegt sich eng ans Herz und kriegt einen Bonus von mir für die verrückteste Nummer. Viele der hier noch folgenden Songs sind auf ihre Weise einzigartig, es gibt jede Menge in der reichhaltigen, vielseitigen, vielschichtigen deutschen (Musik-)Kultur, das zwar vielfach Fremdeinflüsse absorbiert hat, aber eben die Fähigkeit hat, etwas Eigenes und besonders Hervorragendes zu machen. Was ÖSOGUZ betrifft? Wessen Name schon klingt wie ein fieses Virus oder die menschliche Speiseröhre (Ösophagus), dessen Aussagen über eine "spezifisch deutsche Kultur", die es angeblich (außerhalb der Sprache) nicht gäbe, kann man getrost dahin schmeißen, wohin sie gehören: In den Sondermüll, gern verschifft nach Anatolien… Genug der "Unverschämtheiten". In dieser langen Liste werde ich sicherlich vielfach das Gegenteil des seitens dieser halbintegrierten Wahnhaften Behaupteten beweisen! Dieser Song ist…zum Piepen!

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