Klaus-D. Heid

Fielmann

Mit Logik ist das wirklich nicht zu erklären, was ich hier mache. Als wenn ich nicht genau wüsste, was mich erwartet. Und wenn ich schon so blöd bin und mir hier in der Kälte einen abfriere, hätte ich wenigstens etwas wärmeres als diesen lächerlichen Anorak anziehen können. Was habe ich nun davon? Meine Füße sind wahrscheinlich längst angefroren. Zumindest spüre ich sie nicht mehr. Pissen muss ich auch, verdammt! Stocksteif gefroren und pinkeln müssen. Was für eine Kombination. Warum bin ich nur so blöd und stehe mir hier die Beine in den Bauch? Nur, um hinterher zu wissen, was ich jetzt schon weiß?

Wusste ich’s doch! Da kam sie. Arm in Arm mit diesem Schwachkopf von Martin! Händchenhaltend wie ein frischverliebtes Pärchen nach der ersten gemeinsamen Nacht...

Hoffentlich machen meine Beine jetzt nicht schlapp. Die Beiden werden ja wohl kaum weit laufen wollen, oder? Die nächste Kneipe? Das ‚Mistral’. Wahrscheinlich marschieren sie jetzt schnurstracks ins Mistral, um dort, bei Kerzenlicht und gedämpfter Musik, über den Idioten herzuziehen, der nichtsahnend zu Hause vor der Glotze sitzt.

Tatsächlich. Sie gehen Richtung Mistral. Hab ich’s mir doch gleich gedacht! Erst stundenlang in seiner Wohnung rummachen – und dann in aller Ruhe ein Gläschen Wein trinken gehen.

Wenn Lisa ahnen würde, dass ich ihr und diesem Tiefflieger folge, würde sie wahrscheinlich mindestens einen Meter Abstand zu ihm halten. So aber kann sie sich nicht eng genug an ihn pressen. Fehlt nur noch, dass sie ihm gleich die Hand auf den Hintern legt...

Verdammt. Sie tut es! Hat diese Hexe denn keinerlei Skrupel? Denkt sie nicht mit einem winzigen Rest ihres spärlich vorhandenen Gehirns an mich? Haben ihr die letzten Stunden mit dem Kasper noch nicht gereicht? Und warum hat sie mich nie am Hintern berührt? Mein Hintern sieht auch nicht viel anders aus, als der von diesem Arschgesicht! Luder! Biest. Verlogene kleine Schlange!

Ich kann da unmöglich reingehen. Die Kneipe ist viel zu klein, um unbemerkt zu bleiben. Außerdem kennt man mich und Silke dort. Und nun? Jetzt will ich wirklich genau wissen, wie weit sie’s noch zu treiben gedenkt! Folglich werde ich mir hier ein einigermaßen geschütztes Plätzchen suchen, bis Martin und Silke wieder heraus kommen.

Ich darf gar nicht daran denken, was mir Silke nachher erzählt, wenn sie nach Hause kommt. Mit dem ehrlichsten Augenaufschlag der Welt wird sie mir irgendeine Story von einer zufällig aufgetauchten Bekannten erzählen, mit der sie unbedingt ein Glas Wein trinken musste. Sie wird mir eine regelrechte Lebensgeschichte auftischen, die so unglaubhaft ist, dass sie jeder Mann glauben würde. Hätte ich keine Ahnung, was wirklich passiert ist, würde ich glatt Tränen vergießen...

Hexe. Zuhause die brave liebende Freundin markieren – und hier mit Martin die Sau rauslassen. Garantiert hat er jetzt – genau in diesem Moment – seine ekelhaft behaarte Hand auf ihren Schenkeln liegen. Silke wird sie nicht empört zurückstoßen. Im Gegenteil. Sie wird sogar ihre Beine leicht spr...

Nicht daran denken! Nicht daran denken.

Wenn ich nun meine Ohren berühre, brechen sie ab. Die Kälte ist so fürchterlich, dass bald auch meine Blase eingefroren ist. Noch ist es allerdings nicht soweit, denn sie scheint sich nicht mehr lange von mir vertrösten zu lassen. Von einem Bein aufs andere kann ich also auch nicht hüpfen, um die Kälte zu vertreiben. Schon nach dem ersten Hüpfer rutsche ich auf den gefrorenen Folgen meiner Blasenschwäche aus.

Kommt endlich raus! Glaubt Ihr vielleicht, dass ich die ganze Nacht hier verbringen will? Mir macht es jedenfalls keinen Spaß, der Freundin beim Knutschen zuzusehen! Also? Was ist nun? Ich zähle jetzt bis drei. Wenn die beiden dann noch nicht rausgekommen sind, warte ich zuhause auf Silke.

Die kann was erleben! Na warte, Silke! Und erzähl mir ja keinen Scheiß von irgendeiner doofen Freundin! Ich weiß es nämlich besser! Ich habe mir den Tod geholt, um es besser zu wissen. Ich hab mir sogar fast in die Hose gepinkelt, weil ich genau wissen wollte, mit wem du’s heute getrieben hast! Mit mir nicht! Nicht mit mir!

Da kommen sie.

Scheint so, als würden sie auf etwas warten. Was soll das denn werden? Worauf warten die denn? Ein Taxi? Unmöglich. Bis zu Martins Wohnung sind es höchstens zehn Minuten zu Fuß. Zu unserer Wohnung kann man es locker in fünf Minuten schaffen, wenn man nicht so eingefroren wie ich ist.

Da kommt tatsächlich ein Taxi. So was Dreistes!

Schluss. Aus. Basta! Feierabend! Der Spaß hat jetzt ein Ende! Jetzt, hier und gleich werde ich Silke sagen, dass sie mir gefälligst für immer gestohlen bleiben kann! Soll sie doch mit diesem abgewrackten Schönling glücklich werden! In meiner Wohnung ist jedenfalls ab sofort kein Platz mehr für sie. Basta!

Ich muss mich beeilen, wenn ich sie noch erreichen will, bevor das Taxi abfährt. Jawohl. Kurzer Prozess. Ein schneller knapper Satz – und dann kann sie mir für immer im Mondschein begegnen! Blöde Kuh! Und Martin? Der soll bloß froh sein, wenn ich ihm nicht auf der Straße einen Satz roter Ohren verpasse!

Schnell über die Straße! Sie steigt gerade ein!

„Martin? Silke? Wollt Ihr wohl warten? Damit habt Ihr wohl nicht gerechnet, wie? Ich habe Euch jetzt seit Stunden...“

Ich kannte das Mädchen nicht. Na gut. Bei ihm handelte es sich tatsächlich um Martin – aber das Mädchen sehe ich heute zum ersten Mal. Sie sieht Silke nicht unähnlich. Trotzdem kann ich bei aller Ähnlichkeit feststellen, dass es wirklich nicht Silke ist!

„Hey! Was treibt Dich denn bei diesem Scheißwetter nach draußen? Wo ist denn Silke?“

Ich habe keine Lust, ihm zu antworten. Konsterniert nicke ich nur flüchtig dem fremden Mädchen zu und mache mich auf den Heimweg. Silke hat schon Recht. Ich muss unbedingt zum Augenarzt. In letzter Zeit sehe ich wirklich immer schlechter. Sie ist doch echt besorgt um mich, meine Silke. Ich sag’s ja immer.

Eine Freundin wie Silke gibt’s nur einmal auf der Welt...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.12.2001. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Kein Leben hinter mir: Trauma oder Irrsinn von Klaus-D. Heid



Langsam gehe ich auf das sechzigste Lebensjahr zu. Da hinter mir nahezu jede emotionale Erinnerung »verschwindet«, besitze ich keinerlei sichtbare Erinnerung! Vieles von dem, was ich Ihnen aus meinem Leben berichte, beruht auf alten Notizen, Erinnerungen meiner Frau und meiner Mutter oder vielleicht auch auf sogenannten »falschen Erinnerungen«. Ich selbst erinnere mich nicht an meine Kindheit, Jugend, nicht an meine Heirat und auch nicht an andere hochemotionale Ereignisse, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin.

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