Helga Moosmang-Felkel

Die Regenkatze Kapitel 18

Die Katzen warteten, bis die Nacht hereinbrach. Der Mond bildete nur eine schwache Sichel am Himmel und im Schuppen war es stockdunkel. Nur die blauen, grünen und bernsteinfarbenen Katzenaugen funkelten, während die Katzen wieder einen Kreis bildeten. Ebony hatte Blue angewiesen, mit den Pfoten auf eines der Fässer zu trommeln. Dumpf und gleichmäßig hallten die monotonen Schläge durch den Raum, so als würde ein riesiges Herz pochen, das in ihnen allen wohnte. Plötzlich rief die kleine Mona: „Ich habe Angst,…Ebony, es ist nicht geheuer,…eigentlich will ich nicht, dass Sootys Geist kommt…“ Der Korsar rückte dicht neben sie und sagte: „Mona, es gibt keinen Grund Angst zu haben, ich werde heute Nacht auf dich aufpassen, es wird nichts geschehen, was nicht gut für dich ist…“ Etwas beruhigt sagte Mona: „Ich weiß gar nicht, was ich tun muss…“ Ebony, die in der Mitte des Kreises stand, rief zu ihr hinüber: „Konzentriere dich einfach auf die Morde…, du musst nichts anderes tun,…alles, was in diesem Ritual geschieht, geschieht in einem geschützten Kreis, in den kein böser Geist eindringen kann…“ Ebony begann, in einem großen Bogen im Kreis um alle herumzulaufen und dabei singende Töne auszustoßen. Blue schloss die Augen und versuchte sich auf die Aufklärung der Morde zu konzentrieren. Sie dachte auch an ihre überstandene Krankheit und fragte sich, ob sie auch um vollständige Heilung bitten sollte, damit sie all ihre Kräfte zur Aufklärung des Falles einsetzen könnte. Sie wartete darauf, dass Ebony ihr das Zeichen zum Trommeleinsatz gab. Sie ließ ihre Blicke über die Runde streifen und sah die dunklen Augen des Korsaren, die ihr zulächelten. Gleich darauf winkte ihr Ebony zu und sie begann mit beiden Pfoten rhythmisch auf die Trommel zu schlagen. Ebony sang nun noch lauter und deklamierte etwas, das Blue an ein Kirchengebet erinnerte. Sie bemerkte von ihrer erhöhten Position aus eine Unruhe unter den teilnehmenden Katzen. Sugar bebte vor Angst und der alte Omar rang immer wieder nach Luft und drückte eine Pfote auf sein angeschlagenes Herz. Blue trommelte jetzt schneller und rhythmischer. Ebony stieß fast pfeifende Laute aus und umschritt wieder den Kreis der Anwesenden. Ihr dunkler Körper zeichnete sich kaum gegen die Schwärze des Schuppens ab, nur ihre Augen leuchteten fast ekstatisch. Sie begann, Sooty zu rufen. Immer lauter rief sie in die Nacht hinein. Sie sang vom Holundergehölz, von den Plätzen des Waldes und der Ebene, von allen Orten, die Sooty geliebt hatte, vom klaren Bach und vom Marktplatz vor dem Dom. Gebannt war Blues Blick auf Ebony gerichtet. Kleine Lichtfunken schienen durch den Schuppen zu tanzen und wieder zu verglimmen. Leise knisternd hüpften sie durch den Schuppen wie kleine leuchtende Bällchen. Die schmale Mondsichel stand jetzt unmittelbar vor dem Fenster und es wurde etwas heller im Schuppen. Ebony sang, sie rief die Kräfte der Ahnen und der Natur um Hilfe an und ihre weit geöffneten Augen verrieten, dass sie den Schuppen innerlich verlassen hatte und mit den Winden jagte. Auch in Blues Gehirn schien etwas zu explodieren, so als wäre sie mit Ebony verbunden. Ein Feuerwerk entfaltete sich hinter ihrer Stirn, es krachte und blitzte und plötzlich sah sie Sootys vertrautes Gesicht. „Schließt den Kreis…, schließt den Kreis…“, rief sie Blue aufgeregt zu, „der Kreis ist durchbrochen…, es klafft ein Loch darin…“ Blue erschrak, sie blickte zu Ebony hinüber. Ebony sang weiter und rollte sich auf dem Boden herum, sie schien in ihrer Trance nichts zu bemerken. Blue versuchte, nachzudenken, das Geschehene zu sortieren. Sie redete sich ein, dass Ebony sich mit Ritualen viel besser auskannte als sie, die noch nie dabei gewesen war. Doch wieder sah sie Sooty, die abwehrende Bewegungen machte, jedoch schnell zurück ins Dunkel glitt und immer kleiner und undeutlicher wurde. Blue bemerkte, dass sich etwas im Raum zu verändern schien, ihr Kopf fühlte sich außerordentlich klar und hell an, als hätte jemand da oben eine Lampe angezündet. Sie sah sich um und bemerkte, dass die Fünkchen erloschen waren und die Dunkelheit, die sie umgab nun einem abgründigen Loch glich, das sie alle einsaugte. Sie trommelte weiter, doch Angst presste auf ihr Herz. Ebony pfiff, zischte und maunzte weiter, doch ihre Bewegungen wurden langsamer und schwerfälliger. Einen Augenblick dachte Blue, dass sie das Loch im Kreis mit dem Rhythmus ihrer Trommelschläge schließen könnte, es zunähen. Sie änderte den Rhythmus und trommelte schneller. Etwas zehrte an ihrer Kraft. Es fühlte sich an, als würde sie mit der Stille des saugenden, schwarzen Lochs in Wettbewerb trete. Blue konzentrierte sich noch stärker, war ganz versunken in den Versuch, den Kreis zu schließen. Sie konnte das Loch, das im Kreis klaffte plötzlich sehen. Es strudelte wie flüssiges Wasser, immer schneller, immer schneller. Pechschwarzes Wasser schien das Loch zu füllen, dann eine brodelnde Masse, die sich in die Luft ergoss. Schlangen schienen sich darin zu winden. Blue sah ein Knäuel sich windender Schlangen und ihr wurde schwindlig. Sie schloss die Augen und plötzlich verstand sie, eine böse Kraft war direkt unter ihnen, die sich gegen ihre Absicht stemmte, den Mörder zu finden. Plötzlich sah sie eine Schale voller tiefroter Flüssigkeit. Sie fiel zu Boden und zerbrach in tausend kleine Splitter, die wie winzige Vögel wirkten. Gesichter schienen auf Blue zuzukommen, sie wechselten immer schneller, Blue konnte sie nicht festhalten. Plötzlich kam Sootys Gesicht auf sie zugerast, wurde immer größer. Sooty riss den Mund auf und brüllte lautlos und Blue bemühte sich den Namen zu verstehen, den sie rief, doch in ihren Ohren surrten nur hohe, schrille Töne. Sootys Gesicht weinte, die Tränen wurden immer größer. Blue schnappte nach Luft, sie hatte panische Angst, in den Tränen zu ertrinken. Die Dunkelheit, durch die sie reiste wurde zeitlos und ohne Begrenzung. Alles um Blue herum bewegte sich wellenförmig, wurde heller und wieder dunkler. Plötzlich löste sich ein heller Fleck aus der Dunkelheit. Blue vergaß einen Augeblick, gleichmäßig zu atmen. Formen schwebten durch den Fleck hin und her, sie wurden farbig, rot und schwarz. Blue verschluckte sich vor Aufregung. Plötzlich fügten sich die einzelnen Formen zu einer großen Form zusammen. Ein Gesicht blickte Blue an. Ihr Herz schlug fast so laut wie die Trommel. Das Gesicht war eine dämonische Maske. Riesige Augen mit großen schwarzen Pupillen, eine überdimensionale Nase, ein geöffnetes Maul mit langen Fangzähnen. Das Maul weitete sich, bald war es so breit wie Blue hoch war. Ein Schrei brach aus Blues Brust heraus, sie schrie und schrie. Das Gesicht grinste grimmig, die Zähne bewegten sich. Plötzlich packte Blue eine ungeheure Wut. „Komm nur…“, fauchte sie, „komm nur, ich werde dir dein elendes Maul mit meinen Schreien stopfen, bist du erstickst…“ Wieder schrie sie. Verblüfft merkte sie, dass es wirkte. Das Maul wurde kleiner, die Zähne bewegten sich nicht mehr, die runden Augen glotzten sie blöde an. „Verschwinde…“, brüllte Blue, verdammt noch mal, verschwinde…“ Blue japste, ihre Brust war leer geschrien. Um sie herum war es dunkel, einfach nur dunkel. Blue öffnete die Augen, Ebony sang immer noch, wie losgelöst in einem völlig eigenen Rhythmus. Sie wusste nicht, ob sie laut geschrien hatte. Im grauen, weichen Licht sah sie die anderen Katzen immer noch im Kreis sitzen, so als wäre nichts geschehen. Doch dann bemerkte sie, dass die kleine Mona zitterte und würgte. Der schwarze Korsar drückte sich schützend an sie und sie verkroch sich fast unter ihm und presste ihren Bauch ängstlich auf den Boden. Blue hatte das Gefühl, ungewöhnlich scharf zu sehen. Sugar saß zusammen gesunken an der anderen Seite des Korsaren. Blue beugte sich weiter nach vorne und sah, dass der alte Omar ächzte und stöhnte. Die Augen quollen ihm fast aus dem Kopf. Die Maskenkatzen, die dicht nebeneinander saßen, schwankten hin und her, als wehte ein kalter Wind durch den Schuppen. Blue bemerkte, dass die unheimliche Kraft sie zwar losgelassen hatte, aber immer noch im Schuppen ihr Unwesen trieb. Blue wusste, dass sie das Ritual so schnell wie möglich beenden musste. Zwar hatte die feindliche Kraft sie nicht überwältigt, aber es war ihr gelungen, den Kreis zu zerstören. Schlagartig hörte Blue auf, zu trommeln. Eine gespenstische Stille legte sich über die Katzengesellschaft. Nur Ebony begann immer schneller, wie gejagt durch den Schuppen zu laufen. Sie raste vor und zurück und ihre Augen waren seltsam verdreht. Sie wirkte, als wäre sie verwirrt und verängstigt. Von Zeit zu Zeit stieß sie ein lautes klagendes Miauen aus. Plötzlich fiel sie um und zuckte. Sie wurde ganz steif und Schaum stand vor ihrem Maul. „Verdammt…“, rief Blue, „jetzt hat der böse Geist sie gepackt…“ Die anderen starrten sie verständnislos an. Blue überlegte fieberhaft, was sie tun sollte. Sie fürchtete, der böse Geist hätte Ebonys Seele geraubt und sie als Zombie zurückgelassen. Doch dann fiel ihr Sootys Rat wieder ein und sie überließ sich der Weisheit ihres Instinkts. Sie beugte sich über Ebony, die immer noch zuckte und schnell über den Boden rollte und betrachtete sie. Immer noch hatte sie das Gefühl, klarer zu sehen, als gewöhnlich. Sie bemerkte eine rötliche Stelle in Ebonys pechschwarzem Fell genau über der Herzgegend. Die Stelle erschien Blue wie ein Fenster, durch das sie in Ebonys Körper hineinsehen konnte. Unter ihrem Fell erkannte sie eine rötliche Geschwulst von der Größe einer Walnuss oder eines kleinen Wollknäuels. Plötzlich wusste Blue, dass sie diese eingedrungene Masse aus Ebony heraussaugen musste und entsorgen. Es war ein konzentriertes Gift, das Ebony lähmte. Ohne noch länger zu zögern, begann sie mit aller Kraft zu saugen. Sie hatte das Gefühl, dass eine eklige, schleimige Masse in ihren Mund glitt und musste mehrmals absetzen und ausspucken. Jedes mal sah sie wieder in Ebonys Brust hinein und entdeckte immer noch einige rötliche Fäden. Blue mobilisierte ihre letzten Kräfte und wappnete sich innerlich gegen den ekelhaften Geschmack der rötlichen Masse. Ebony hatte sich inzwischen beruhigt und ihre Augen wurden wieder klarer. Blue spuckte und spie und begann dann am Boden zu scharren, um alles, was sie herausgezogen hatte, mit Erde zu bedecken. Sie keuchte vor Anstrengung. Ebony kicherte plötzlich leise. Sie wirkte zwar noch etwas erschöpft, aber war wieder ganz die Alte. Wie auf ein unsichtbares Zeichen hin, begannen alle durcheinander zu reden und den Kreis aufzulösen. Der Morgen dämmerte bereits und ein fahles, graues Licht fiel durch das Fenster in den Schuppen. „Was hast du gesehen…, Ebony…?“ fragte Blue schnell. Ebony schüttelte den Kopf und flüsterte Blue ins Ohr: „Da war eine zerstörerische Kraft im Raum…, sie hat sich an mich gehängt…, sie war stärker als ich…, als wir, sie hat unseren Schutzkreis zerrissen…“ Sie warf Blue einen anerkennenden Blick zu: „Ohne dich wäre ich nicht so einfach aus dem Bann heraus gekommen…, du hast mit der Trommel dagegen gehalten…, Blue“ Blue nickte langsam, dann flüsterte sie fast tonlos: „Meinst du, der Mörder ist hier unter uns…?“ Ebony legte ihre Pfote auf die Lippen und sah Blue tief in die Augen, dann sagte sie: „Ganz bestimmt sogar, und er hat ziemlich gewaltige Kräfte…“ Plötzlich schwirrte Blues Kopf, müde sah sie sich im Schuppen um. Überall sah man gähnende und erschöpfte Katzen. Mona hatte sich in einer Ecke zusammen gerollt und schlief tief und fest. Robby streckte sich und schlenderte zu ihnen hinüber: „Irre ich mich, oder ist die Veranstaltung aus dem Ruder gelaufen…?“ fragte er von oben herab. Blue und Ebony sahen sich vielsagend an. Sie waren entschlossen, ihre Erkenntnis nicht preiszugeben. „Wie man es nimmt…“, antwortete Blue. „Das wäre in den heiligen Pagoden von Birma nicht passiert…, aber da waren auch keine Pfuscher zugange…“, schimpfte Robby. Er öffnete den Mund, um weiter über die damaligen Ereignisse auszuholen, da stand plötzlich Said neben ihnen und unterbrach ihn leise, aber bestimmt. „Lieber Freund…“, sagte er zu Robby, „wir sollten die Gastfreundschaft des Korsaren nicht länger in Anspruch nehmen,…sondern eine Einteilung für die Wachrunden vereinbaren und dann aufbrechen…, die Nacht ist vorbei…“

 

Said nickte ihnen zu, streifte die schlanke Gestalt von Sugar mit einem anerkennenden Blick und verließ mit Robby im Schlepptau den Schuppen, um draußen den Korsaren zu treffen. Die anderen Katzen rappelten sich hoch und folgten langsam in ungewohnter Stille. Als alle draußen verschwunden waren, kroch Sugar zu Blue und Ebony auf das Fell: „Es war eine unheimliche Stimmung im Raum, vorhin…“, sagte sie leise. Sie sah sie fragend an, aber Blue schüttelte nur verneinend den Kopf. Sie war todmüde und wollte nur schlafen, sonst nichts.

 

Wenige Stunden später wachte Blue aus einem unruhigen Schlaf auf, in dem sie die Ereignisse der Nacht immer weiter bedrängten. Verzweifelt stellte sie sich immer wieder dieselbe Frage: „Warum war es ihr nicht gelungen, das wahre Gesicht der Mörderkatze zu sehen?“ Dann plötzlich war es der schwarze Korsar, der neben ihr ging und ihr diese Frage stellte. Aber sie konnte nicht antworten, sie konnte nicht einmal den Mund öffnen. Als sie aufwachte, konnte sie die Frage immer noch nicht abschütteln. Es war bereits Spätnachmittag und die Sonne verblasste langsam am Himmel. Sie blickte durch das Fenster hinaus und sah den großen schwarzen Körper des Korsaren draußen vor dem Schuppen liegen. Vorsichtig öffnete sie die Türe und bemerkte, dass der Korsar breit ausgestreckt in der Wiese lag und schlief. Sie zögerte kurz, ihn aufzuwecken. Sie streckte sich und lauschte kurz auf das Singen der Vögel. Vom Waldrand her krächzten Eichelhäher und von Zeit zu Zeit gurrte eine Taube. Am Palmkätzchenstrauch flogen bereits erste Bienen. Blue versank wieder ins Grübeln. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass der Mörder unter den Katzen war, die am Ritual teilgenommen hatten. Sie glaubte alle gut zu kennen, bis auf die Maskenkatzen. Aber konnte man diesen exaltierten und ziemlich verweichlichten Tieren so grausame Taten zutrauen? Oder verstellte sich der rote Clarence so gut? War Die Apothekerkatze nur eine falsche Spur? Oder irrten sie und Ebony sich bezüglich des Rituals? Blue lief zum Korsaren hinüber und stupfte ihn mit der Pfote an. Er rührte sich nicht, er schien wirklich fest zu schlafen. Blue wandte sich enttäuscht ab. Doch plötzlich schoss er lachend hoch und warf sich über Blue. Blue zappelte: „Lass mich los,…ich muss wichtige Dinge mit dir besprechen…“ Doch der Korsar begann mit ihr herumzubalgen. „Es ist wirklich wichtig…,“ rief sie wieder. „Lass mich raten, du hast während des Rituals eine wichtige Eingebung gehabt…“, sagte er und lachte wieder. „Ich wette, du und Ebony wissen jetzt, wer der Mörder ist…“, scherzte er weiter. „Du hast ja keine Ahnung…,“ sagte Blue hitzig und boxte ihn mit der Pfote. Der Korsar brach in ein lautes Gelächter aus: „Du wirst mich sicher gleich aufklären, wie ich dich kenne…, jedenfalls bin ich froh, dass es dir wieder besser zu gehen scheint, deine Energie ist wohl zurückgekommen…“ Eng aneinander geschmiegt lagen sie kurz auf der Wiese in der wärmenden Sonne und verharrten einige Sekunden schweigend. Blue wurde schnell unruhig. Der Korsar spürte ihre innere Spannung und sagte: „Nun, erzähl schon, was du bei dem Ritual gesehen hast…, du kannst es doch kaum erwarten…“ „Das ist kein Spaß…“, sagte Blue beleidigt. „Blue…“, sagte der Korsar ernst, „ganz gleich, was du gesehen hast, es sind Vermutungen…, wir brauchen aber handfeste Beweise,…wir können keinen unsichtbaren Feind besiegen…“ Blue schmollte. Sie war aufgewühlt, sie wusste, dass das was sie während dem Ritual erlebt hatte, richtig war, aber sie konnte den Täter nicht nennen. Ärger auf den Korsaren stieg in ihr hoch. Da wandte er sich ihr ruhig zu und sagte: „Ihr glaubt, der Täter war im Schuppen…“ Blue starrte ihn fassungslos an: „Woher weißt du das…?“ fragte sie. „So auffällig wir ihr beiden vorhin getuschelt habt und die Köpfe zusammengesteckt,…war das nicht schwer…“, sagte er lachend. Tränen schossen Blue in die Augen, sie konnte nichts dagegen tun. „Und wenn es so ist…“, sagte sie dann trotzig. „Dann ist er jetzt gewarnt,…“, sagte der Korsar nachdenklich. „Das heißt, er wird uns nicht so einfach in die Falle laufen…, die Rundgänge sind erstmal für die Katz…“ Blue fühlte sich nieder geschmettert, von dieser Seite hatte sie die Angelegenheit noch nicht betrachtet. „Und was machen wir jetzt?“ fragte sie bestürzt. „Dann müssen wir ja die ganzen nächtlichen Rundgänge umsonst machen…“, Blue seufzte tief. Der schwarze Korsar zuckte mit den Schultern: „Wir tun so, als wüssten wir nichts…, und halten unsere Augen offen…“ Blue rollte sich enttäuscht zusammen. Sie hatte so sehr gehofft, den Täter nun bald überführen zu können, dass sie nahe daran war, ganz zu resignieren. „Wir werden ihn in Sicherheit wiegen…, bis er wieder zuschlägt…“, sagte der Korsar. Blue fuhr wütend auf: „Dann muss vielleicht noch eine Katze dran glauben…“ Wieder seufzte sie tief. „Komm laufen wir zu unserer Höhle hinüber…“, sagte der Korsar, „es ist ein wundervoller Abend…“ Langsam liefen sie die Anhöhe hinauf. Das neue Gras leuchtete hell und saftig grün im abendlichen Licht. Die Wiesen waren übersät mit Löwenzahn und der Kirschbaum trug milchfarbene und rosige Blüten. Im mürben Boden der Felder arbeiteten und wüteten bereits die Wühlmäuse. Weit entfernt in der Tiefe des Waldes röhrte ein Rehbock. Immer wieder flogen Schwärme von Spatzen und Finken vor ihnen auf und ließen sich anderswo nieder. „Es wird bald regnen…“, sagte der schwarze Korsar, „ich spüre es in meiner Schwanzspitze…“ Er schubste Blue ein wenig, dann begann er loszurasen: „Komm, Blue, wir rennen um die Wette…“, rief er ausgelassen. „Nimm deine Pfoten in die Hand, Kleine…“ Sie liefen und liefen und der Korsar begann mit Blue zu spielen. Er warf sich vor sie hin, wälzte sich und kroch wieder auf sie zu. Er peitschte übermütig mit seinem Schwanz. Blue schüttelte den Kopf über seine Albernheit, hob den Schwanz steil hoch und trabte mit erhobener Nase in einem sanften Bogen an ihm vorbei. Da federte er wieder mit spielerischen Sprüngen an ihr vorbei, schnitt ihr den Weg ab und brachte Blue wieder zum Stehen. Sie spürte, dass sie noch nicht ganz bei Kräften war. Sie geriet schnell außer Atem, ihr Herz klopfte, die Brust stach. Goldene Lichtströme der Abendsonne ergossen sich über die beiden Katzen. Als sie wieder zu Atem kam, fragte sie: „Du glaubst also, dass Magnolia nichts mit den Morden zu tun hat? Das Gift ist doch in der Apotheke…oder?“ Der Korsar murmelte vor sich hin: „Vielleicht hilft sie dem Mörder…oder er bedient sich dort und sie weiß es nicht,…keine Ahnung…“ Blue betrachtete ihn. Er lag da, als wäre er untrennbar mit der Erde und der Sonne verbunden. Er sah unglaublich schön und vollendet aus. Bevor sie weitere Fragen stellen konnte, warf er sich über sie und leckte ihre Ohren. Eng aneinander geschmiegt liefen sie weiter: „Wer ist es, was glaubst du?“ fragte Blue schließlich. Sie hatte das Gefühl, dass er ihren Fragen auswich. „Kannst du an nichts anderes mehr denken, Blue…warum denkst du nicht an unsere Nächte, an die Kitten, die wir zusammen bekommen werden, an unsere weiche und süße Liebe…?“ fragte er und zog sie ungestüm an sich. „Kannst du das alles gar nicht genießen?“ Blue senkte den Kopf: „Ich habe Sooty versprochen,…den Mörder zu finden…“, sagte sie traurig, „was glaubst du also, wer es war?“ Der Korsar überlegte, dann sagte er: „Ganz ehrlich, Blue, ich weiß es nicht, und ich möchte niemand einfach so beschuldigen,…in die Tiefe der Katzen kann man nicht schauen…, wir werden weiter ermitteln,… und jetzt lass uns den Abend genießen…“ Blue nagte an ihrer Unterlippe, es fiel ihr schwer, sich von ihren düsteren Gedanken zu lösen. Die ständige Ungewissheit war für sie schwer zu ertragen. Doch der Korsar ließ nichts unversucht, um sie aufzuheitern und abzulenken und bald tauchten sie in die heitere Stille ihrer Höhle und drückten sich eng aneinander.

 

Blue und die kleine Mona tauchten ins Dunkel der Altstadt. Sie hatten sich im „Roten Löwen“ getroffen, wo Mona nun die meiste Zeit allein wohnte. Der alte Omar war in Ralfs Loft umgezogen und ließ sich nur noch selten im „Roten Löwen“ blicken. Er wurde immer mehr zu einem nörglerischen Einsiedler. Im Wirtshaus roch es nach alten Kartoffeln. Draußen lag ein leichter Nebel über dem Frühlingsgrün. Es war der erste gemeinsame Einsatz der beiden Katzen und die kleine Mona war sehr aufgeregt. „Vielleicht schnappen wir ihn heute Nacht, Blue,…ich habe so ein prickelndes Gefühl, das könnte eine Vorahnung sein, meinst du nicht…“ piepste sie. Mona konnte keinen Moment still halten und hopste dauernd auf und ab oder plapperte auf Blue ein. Sie umkreisten einen duftenden Fliederbusch und umrundeten den alten Dom, in dem gerade die Glocken zur Abendmesse dröhnten. Plötzlich entdeckten sie Magnolia, die mit erhobenem Haupt aus dem Dom stolzierte und Mona begann vor Aufregung zu zittern. Blue fühlte einen Moment eine Spannung wie ein Taucher vor dem Sprung, dann zog sie Mona zurück und sie duckten sich hinter einen Mauervorsprung. Langsam schritt Magnolia auf der Treppe auf und ab und schlüpfte durch das Geländer, so als wartete sie auf jemand und vertreibe sich ein wenig die Zeit, eine vereinzelte Katzengestalt gegen die hereinbrechende Nacht. Ungeduldig flüsterte Mona: „Auf was wartet sie denn so lange…, mir ist langweilig…“ „Pssst…“, machte Blue und drückte ihre Pfote auf Monas Mund, „Magnolia hat scharfe Ohren…“ Plötzlich drückte sich ein roter Kater um die Ecke und ein breites Grinsen huschte über Magnolias Gesicht. „Das ist Clarence…“, flüsterte Mona entsetzt, „er lebt doch mit Lucy zusammen…“ Erstaunt beobachtete Blue, wie Clarence mit dem Silberblick sich Magnolia schnurrend näherte und begann, ihr Komplimente zu machen. „Meine teuerste Magnolia…“, sagte er gestelzt, „deine Frisur ist wieder außergewöhnlich reizvoll…“ Magnolia schien zu erröten und ihre Brust schwoll im gehobenen Gefühl ihrer Bedeutung. Der Stolz schien fast ihre Haut zu sprengen, als sie sagte: Lass uns zusammen den Dom im Uhrzeigersinn umrunden, das soll gut sein für unser nächstes Katzenleben…“ Clarence wedelte einen Moment umständlich mit der Pfote und sah sich verstohlen um. Dann neigte er den Kopf vor ihr und sie setzten sich langsam in Bewegung und liefen an der Dommauer entlang. Sobald sie außer Hörweite waren, rollte Mona sich am Boden herum und lachte. „Sie sind verliebt…, die alte Magnolia ist verliebt…“, kicherte sie. „Sie leise, verdammt…“, fluchte Blue, „wir müssen ihnen folgen,…vielleicht ist das eine Falle von Magnolia und sie will ihn töten…“ „Aber Blue,…“, sagte Mona geistesgegenwärtig, „es ist noch nie ein Kater ermordet worden,…immer nur Katzen…“ Blue grummelte vor sich hin. Mona hatte Recht, doch es gab keine Sicherheit, zuerst wurden Straßenkatzen umgebracht, dann plötzlich eine Rassekatze,… „Komm, wir schleichen hinterher, aber bleibe in der Deckung…, Mona…“, rief sie Mona leise zu und sie nahmen die Verfolgung auf. Sie huschten an den Seiteneingängen des Doms vorbei und drückten sich hinter Mauervorsprünge. Langsam und mit gemessenem Schritt liefen Clarence und Magnolia um den Dom herum. Sie schwiegen die meiste Zeit, nur ab und zu vernahmen sie Magnolias altkluge Sprüche. Clarence trottete neben ihr her und wagte nicht, den Abstand von mindestens einer Katzenlänge zwischen ihnen zu verringern. Plötzlich begann die kleine Mona zu niesen, sie zog hörbar die Luft ein und nieste wieder. „Die Fliederblüte…, ich vertrage die Fliederblüte nicht,…“, keuchte sie und schniefte. Magnolia war verwundert stehen geblieben. „Wir werden verfolgt…, mein Lieber…“, hörte Blue sie in herrischem Ton zu Clarence sagen, „Ich werde nach dem Rechten sehen…“ Mit zwei plumpen Sätzen stand die grobknochige Magnolia neben ihnen und stemmte ihre weißen Pfoten in den Asphalt: „Das glaube ich nicht…“, sagte sie wütend, „mein Stelldichein wird überwacht, damit ihr es Lucy haarklein berichten könnt,…ihr verdammten Stalker…“ Bevor Mona wieder Luft holen konnte, sprang Magnolia auf ihren Rücken und drückte sie zu Boden. Sie ohrfeigte Mona mit den Pfoten, dass ihr Hören und Sehen verging. Clarence trat verlegen von einem Fuß auf den anderen und nur sein großer Respekt vor Magnolia hielt ihn davon ab, sich aus dem Staub zu machen. Blue schrie: „Hör sofort auf, Magnolia,…Mona hat dir nichts getan…“ Sie versuchte, die massige Magnolia von Mona herunter zu bugsieren. „Ich glaube, ich muss dann mal,…“, stotterte Clarence und im nächsten Augenblick war er hinter dem Fliederbaum verschwunden. Magnolia sprang auf: „Du bleibst, gefälligst,…unser Rendezvous ist noch lange nicht beendet…“, schrie sie völlig außer sich hinter dem flüchtenden Clarence her. Mona nutzte ihre Unaufmerksamkeit und flüchtete. Schnell verschwand sie um die nächste Ecke. „Ihr verdammten Stalker…“, kreischte Magnolia und wollte sich auf Blue werfen. „Und hütest du den Gifttopf gut,…?“ fragte Blue, die sich maßlos ärgerte und wich ihr geschickt aus. „Du unverschämte Regenkatze,…das muss ich mir von dir nicht sagen lassen…“, schimpfte Magnolia und zückte ihre Krallen. Sie versuchte, Blue mit den Pfoten zu treffen. Doch Blue machte einen Satz über sie hinweg, bog um die Ecke und machte sich grummelnd auf die Suche nach der kleinen Mona. Ihr erster Einsatz war gründlich schief gegangen und sie ärgerte sich über sich selbst, weil Magnolia nun erst recht gewarnt war.

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