Claus Reessing

DER SEHTEST

Endlich, der Lappen rückt in greifbare Nähe, nur noch eine Kleinigkeit. Man müsse wissen wie ich sehe. Es gehe um meine Fähigkeit, wie weit ich schauen kann, und ab wann, ... bin ich zu nah dran. Bei der Gelegenheit zeige man mir dann gleich noch ein paar Bilder, wird mir der Ablauf geschildert. Darauf gilt es zu entdecken, welche Zahlen sich in farbigen Kreisen verstecken. Nun habe ich aber ums Verrecken zwischen den bunten Punkten noch nie etwas gefunden. Doch die richtige Wahl der Zahl im Runden ist nun mal besonders wichtig, denn daran gebunden ob die Antwort richtig, will das Amt sonst nicht bekunden, dass man mir das Fahren in dafür vorgesehenen Stunden erlaubt. Nicht erbaut, von dem was mich erwartet, geht es mir doch wie vielen Menschen, die unter einer Sehschwäche bei Farben leiden, im Ton kann ich Rot und Grün nicht immer deutlich unterscheiden. Leider ist die Inaugenscheinnahme, so sagte die fein raus gemachte Dame von der Behörde freundlich auf meine Frage nach einer Option, nicht zu vermeiden. Sie könne mein Problem zwar schon verstehen, doch im System suche man dazu einen Hinweis vergeblich, da steht nix. Konsequenzen hätte selbstverständlich auch ein Fernbleiben, das wolle sie mir nicht verschweigen. Das wäre nicht vorgesehen, und störe das Verfahren von Anfang an erheblich. Ebenfalls, wer zu spät ist, hätte damit automatisch die Möglichkeit vertan, bald selber mal Automatik zu fahren. Mir die Prozedur ersparen, geht also nicht, das war nun klar. Mit dieser Erkenntnis, habe ich wohl letztendlich keine Wahl, entweder geht das mit Bravour daneben, oder es geschieht ein kleines Wunder, das wäre natürlich genial. Egal, wenn es schief geht, muss ich eben damit leben. So sehe ich dem Ganzen zwar mit gemischten Gefühlen entgegen, aber mein Bestreben das Bewegen vom eigenen Wagen, ist ein guter Grund, nicht zu versagen. Wie an fast allen Tagen, traf ich später noch meinen Kumpel Karl, der empfahl, wie fast jedes Mal, dass ich ihn doch in unsere kleine Kneipe begleite, und mich da auf die Qual der Wahl einer Zahl mental vorbereitet. Es schien also unausweichlich, dass wir reichlich Bier konsumieren. Unbegreiflich, das weiß ich jetzt auch. Sowas durfte vor einem derart exorbitant wichtigen Termin nicht passieren. " Formatieren Sie bitte ihren Verstand, und starten dann neu", würde man das heute vermutlich kommentieren. Nun gut, um nach dem ganzen Gebräu die Kontrolle nicht zu verlieren, sagte ich wohl irgendwann 'ahoi', und verschwand. Karl rief noch hinterher " toi toi toi", dann habe ich mich auf den Heimweg begeben. Glaube, gerade mal zwei Stunden im Bett gelegen, bin ich ein Segen, gegen Morgen wieder aufgewacht. Musste aber erstmal überlegen, wo ich die Nacht verbracht, und ganz besonders wie ich es nach Hause geschafft. Habe aber sofort gemerkt, mein Hirn muss sich zum Denken einfach noch zu sehr verrenken, das kann ich mir schenken. Genauso wie die vor mir liegende Aufgabe, denn ob ich es so überhaupt drauf habe, ist ja noch die große Frage. Macht ein Sehtest in Farbe überhaupt Sinn, mit so viel Alkohol in mir drin? Aber ich kann wohl schlecht erzählen, ich bin hackedicht, nachher steht im Prüfbericht, der Proband war besoffen, natürlich aus Versehen, konnte kaum noch gehen, war schwer zu verstehen und lallte was von Verzicht. Ich glaube nicht, dass das der Sache dienlich wär, er macht ist die geplante Teilnahme am Verkehr so richtig schwer. Dadurch umso mehr in Bedrängnis, bleibt die Sichtkontrolle also unumgänglich. Letztendlich habe ich mich daher aufgerafft, frisch gemacht, Gebiss geschrubbt, Drops gelutscht, damit, falls noch eine kleine Fahne vor mir weht, kein Verdacht entsteht. Nicht zu spät, wie mir mein Chronometer verrät, bin ich gerade noch rechtzeitig angekommen, und siehe da, ohne zu warten auch gleich dran gekommen. Leicht benommen, der Blick noch verschwommen, geht es in den ersten Raum, in dem kaum was steht, außer ein großes Gerät auf einem Tisch, und davor zwei Stühle. Wie ich finde, eine kühle Atmosphäre, weiße leere Wände, völlig kahl. " Na, dann wollen wir mal", sagte der Herr neben mir, und möchte wissen wie ich heiße. Alles wirkt auf mich so übertrieben neutral. Ich antworte leise. Er notiert erstmal und bittet mich dann vor dem Apparat Platz zu nehmen. Um zu sehen ob bei mir alles funktioniert soll ich in zwei Öffnungen für die Augen schauen, und auf eine Taste hauen, sobald sich was bewegt, erklärt mir der Mann. Ganz nah dran, späth mein Blick, durch Promille verdreht und verpennt, nach allem was sich regt, oder was man als Bewegung erkennt. Ungehemmt drücke ich wie wild auf den Knopf, und hoffe, dass ich so oft wie möglich richtig gelegen habe. Wenn nicht, wäre schade, denn gesehen habe ich nur die gleiche schwarze Dunkelheit wie letzte Nacht. Nur auf vagen Verdacht habe ich dem Schalter ordentlich Druck gegeben. Bis auf zweimal daneben, wäre alles richtig gewesen, gab man mir tatsächlich zu verstehen. Das hätte ich doch gut gemacht, wurde mir mit einem Lächeln noch entgegengebracht. Ich war wirklich überrascht. Dann sollte es weitergehen, mit dem wovor mir graute. Ich schaute auf das Buch der Wahrheit. Gleich herrscht Klarheit darüber, ob mir die Farben irgendwelche Zahlen zeigen, oder werde ich die Sache mit den Nummern so richtig vergeigen, und weiter Fußgänger bleiben. Ich will nicht übertreiben, aber was dann geschah, war einfach kaum zu glauben. Ich kann meinem Verstand nicht trauen, war meine erste Reaktion, denn beim Schauen auf die erste Tafel mit Klecksen bei der zweiten Station, sah ich ganz klar, dass es die 32 war, die da stand. Bei der nächsten fand ich auf Anhieb die 7, bei der dritten bin ich bei 11 geblieben, und in der letzten habe ich eine 5 erkannt. Geband warte ich auf das Ergebnis, "Alles richtig, mehr geht nicht, sie sind weiter", Sagte der Mitarbeiter vom Amt. Hatte ich den Abend vorher schon verdammt und bereut, war ich jetzt natürlich umso mehr erleichtert und erfreut. Dennoch stellt sich mir bis heute die Frage, warum war ich an diesem Tage in der Lage alles gestochen scharf zu erkennen, wo sich doch sonst die Punkte vor meinem Auge nicht mal im Ansatz farblich voneinander trennen. Nennen wir es einfach mal, den Trick mit dem Knick im Blick. Mit Geschick und im Blut genug Restethylen, kann man so einen Test offensichtlich ganz gut bestehen. Fast im Handumdrehen ist später auch der Rest perfekt gelaufen. Nach einigen Wochen und der Fahrtauglichkeitsabnahme, an dem Tag selbstverständlich ohne verdächtige Fahne, konnte ich endlich mein erstes eigenes Auto kaufen. Aber was soll ich sagen? Bei der Fahrzeugübergabe vom Wagen stand im Vertrag, auch wenn du magst, du kannst mich nicht verklagen, denn es heißt in einer Klausel, 'gekauft wie besehen', ... du dämlicher Zausel. Das konnte natürlich nicht gut ausgehen, war ja klar. Ich brauchte etwa ein Viertel Jahr um zu verstehen, was mit dem Satz gemeint war. Aber das ist eine andere Geschichte, die ich Ihnen gerne das nächste Mal erzähle, denn hier trennen sich erstmal unsere Wege. Sie werden sicher verstehen, ich muss mich jetzt erstmal in aller Ruhe, nach einem schicken Sportcoupe umsehen ...

Übrigens, ...  das war das erste und einzige Mal, danach habe ich nie wieder irgendwo, irgendeine Zahl entdeckt, ... so gesehen, ... lief doch alles perfekt.    👀

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.06.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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