Dieter Kamensek

Der Gute und der Böse (Eine Erzählung)

Zu einer Zeit als die Luft noch rein, die Wasser klar, und das Gute und Böse noch leicht zu erkennen war, lebte in einem Dorf namens P…. eine wohlhabende Familie in einem wunderschönen Dorf. Diese Familie lebte in einem prunkvollen Haus, welches umgeben von einem großen Garten war, und sie hatten, wie es sich für wohlhabende Familien zu dieser Zeit geziemte, viele Dienstboten und Sklaven. Das Schicksal schien der Kaufmannsfamilie  gut gesonnen, denn neben dem Reichtum und der Fülle,  gab es einen Sohn,  der für die Weiterführung des Namens garantierte. Die Jahre gingen dahin, eines nach dem anderen, aber alle voller Freude, Wohlstand und Glück. Der kleine Sohn wuchs mit der Liebe, und unter den gütigen Augen der Eltern heran. Alle schätzten und mochten den Knaben, denn er war freundlich, nett und mitfühlend.

Nun  war er schon groß und alt genug, dass er kleinere Arbeiten verrichten konnte und auch Aufträge mit aller ihm gebotenen Sorgfalt durchführte. Er war auch so weit, dass er seinen Vater auf dessen Geschäftsreisen begleiten durfte, um die Welt sowie das Geschäft kennenzulernen.

Der Sohn sah, wenn er mit seinem Vater, dem Kaufmann,  auf Reisen ging, Reichtum, Freude und Fülle, aber er sah bei diesen reisen auch vermehrt Armut und Not, Hunger und Leid. So fasste er schon recht früh den Wunsch, den Bedürftigen zu helfen, aber auch weltliche Reichtümer anzuhäufen,  um das bereits vorhandene Vermögen zu mehren,  um – schlussendlich – seiner zukünftigen Familie ein gutes und schönes, sorgenfreies Leben ermöglichen zu können – so wie er eines hatte….

 

Alles hätte schön sein können, wäre nicht die Pest – als ungebetener Gast und Zerstörer- in das Dorf gekommen,  und hätte, sehr zum Leidwesen des jungen Mannes, viele Menschen in seiner Familie und nächsten Umgebung dahingerafft. Vater, Mutter und auch viele Bedienstete begleiteten den schwarzen Tod ins Jenseits. Er war der alleinige Erbe, und so brachte ihm  der Verlust der Eltern doch Reichtum und Besitz in Hülle und Fülle. Aber der ganze Reichtum konnte sein Leid nicht mildern. Voller Trauer, innerlich leer und taub, durchlebte er die kommenden Tage. Ein Bediensteter  trat nach einigen Tagen an ihn heran,  und erzählte ihm, dass er einen Bruder hatte, und so doch nicht ganz allein auf der Welt sei. Der junge Mann konnte es kaum glauben, er freute sich, aber gleichzeitig war er misstrauisch… warum haben ihm seine Eltern nie etwas von seinem Bruder erzählt? Er wollte und brauchte Gewissheit, und brachte den Knecht dazu, ihm zu ihm zu führen…

Der Bedienstete wollte zunächst nicht, gab aber schließlich nach. Der junge Herr wollte sich Reisebereit machen, aber der Hausdiener bedeute ihm, mit ihm in den Felsenkeller zu kommen.

Er war noch nie in diesen Räumen, denn die Vorräte und anderen Dinge die im Keller gelagert wurden, wurden durch die Bediensteten und seinen Eltern betreut. So gingen Sie in diese unbekannten Räume… eine Fackel, welche vom vorausgehenden Bediensteten getragen wurde,  erleuchtete die Umgebung ,… Es war eines der ganz wenigen Häuser die einen Felsenkeller ihr eigen nennen konnten. Er folgte dem Knecht durch die eigenartig geformten, nass-kühlen Gänge, bis zu einer Tür im Boden. Diese wurde geöffnet und es ging weiter hinab in eine fast undurchdringliche Schwärze, die nun mit Gestank und seltsamen Geräuschen versetzt war. Die Gänsehaut befiehl dem neuen Herrn des Hauses und am liebsten wäre er sofort weggelaufen… aber die Neugier und Hoffnung war doch stärker… schließlich, nach scheinbar endlosen Minuten kamen sie zu einer verstärkten Tür, aus deren Ritzen und Spalten ein übelerregender Gestank heraustrat, und auf deren anderer Seite unmenschliche, als auch unheimliche Geräusche den Ursprung zu haben schienen.

 

Der Knecht öffnete mit mehreren Schlüsseln die verschiedenen Türschlösser, und stieß die Tür  langsam und vorsichtig auf. Im Schein der flackernden Fackel wurde er einem Wesen gewahr, dessen Aussehen, dessen Erscheinung, jede Beschreibung unmöglich machte,… und so sank er in einer gnädigen Ohnmacht zusammen…

Als er wieder erwachte, befand er sich im Wohnbereich, und der Knecht bemühte sich um sein Wohlergehen. „Wer- wer ist das“ fragte er noch benommen, und er roch an seinen eigenen Kleidern noch immer den Gestank, der um ein vielfaches grässlicher war als Fäulnis oder Verwesung…

„Das ist euer missgestalteter und zurückgebliebener Bruder, o Herr“ sagte der Knecht, „Ich war mit der Aufgabe von Euren Eltern betraut, ihn zu versorgen,…“ und blickte dabei auf den Boden. „Sie gaben mir gerade so viel Geld für seine Verpflegung, als wie es für die Versorgung für einen Hund.gerade einmal passen würde! Oftmals nahm ich die Küchenabfälle mit und gab Sie ihm,…. denn,  wie ihr selbst gesehen habt, er ist sehr muskulös und stark, und braucht deshalb viel zu essen. Er war für mich wie ein eigenes Kind, denn von frühesten Tagen an war ich sein Erzieher und Freund, Vertrauter und Versorger… mit den mir gegebenen Möglichkeiten…..

Mit diesen Sätzen ließ er ihn allein…. Der junge Herr schlief wieder ein und Albträume quälten ihn….. Er sah sich in der Pflicht seinen Bruder ein normales Leben zu ermöglichen, denn er konnte nichts dafür dass er so war wie er nun Mal ist. Sofort gab er Befehl ihn aus seinem Gefängnis zu befreien…. Doch auch er wusste, dass es lange Zeit dauern würde, ihn an ein Leben, außerhalb seines Kerkers, zu gewöhnen. So vergingen Tage und Wochen, der fremde Bruder wurde gewaschen, bekam gutes Essen, schlief in einem Bett und wurde – trotz seines Aussehens – wie ein Mensch behandelt….wenn auch noch immer – als Vorsichtsmaßnahme – angeleint oder angekettet. Er führte noch immer ein Schattendasein, aber viel Menschenwürdiger als je zuvor…

Eines Tages, als der junge Herr überzeugt war, dass sein Bruder keine Fesseln mehr brauchte, aber noch nicht das Haus verlassen sollte, feierte der kleine Kreis der Bediensteten und der junge Herr ein Fest….

Am Abend schlief der junge Herr selig ein.

Am nächsten Morgen gab es Aufruhr im Dorf. Der Nachbar klagte und weinte, und war außer sich. Seine drei Töchter wurden in der Nacht vergewaltigt, und das in einer Brutalität,  die so niemand  kannte. Das Dorf suchte nach dem Übeltäter, doch niemand konnte es sich erklären wer es hätte sein können. Eines der Mädchen sagte nur stets das gleiche: „Dämon, Dämon,…“

 

Der junge Herr stürzte in das Zimmer seines Bruders und sah die Blutbefleckten Laken und dessen blutbefleckten Klauen …. Er war es….  von Panik und Angst getrieben vernichtete er alle Spuren…. aber was weiter? Er ließ ihn sofort wieder anketten, zu groß war die Angst dass es sich wiederholen könnte… Schließlich nahm er einen Beutel voll Gold, wartete die Nacht ab, und legte es dem Nachbar vor die Türe….

Doch auch am nächsten Tag gab es Aufregung im Dorf, eine Kreatur der Nacht – so nannten es die Leute – trieb ihr Unwesen und tötete Männer und Frauen, scheinbar wahllos. Er stürzte wieder in das Zimmer des Bruders, doch diesmal war es leer. Er hatte sich losgerissen. Sein langjähriger Begleiter lag mit gebrochenen Genick im Haus  vor der Eingangstüre  des Hauses. Anscheinend wollte er ihn aufhalten… Es folgten Nächte voller Terror und Grauen….

So kam in dieser Zeit auch immer wieder die Nacht und der junge Herr ging mit goldgefüllten Beuteln zu den Häusern der Opfer und legte diese vor deren Eingangstüren…. als kleine Hilfe für die Hinterbliebenen, denn er wusste, er war schuld, und nicht sein Bruder, er war der Ursprung der Gewalt und des Todes…. Und gleichzeitig suchte er nach diesem Ungeheuer…  Ein kleines Kind sah ihn aber wie er gerade einen Beutel voll Goldstücke vor die Haustüre einer betroffenen Familie legte, und schon wussten alle um die Mildtätigkeit des jungen Herrn. Die Leute freuten sich und verehrten ihn, sie respektierten und bewunderten ihn mehr als je zuvor; aber er hatte Angst die Wahrheit zu sagen,…. So entstand die Geschichte um den mildtätigen Mann der Familien solange half,  bis er selbst keine Reichtümer mehr hatte. Irgendwann hörte die Gewalttaten in diesem Dorf auf, aber  es begann im Nachbardorf eine ähnliche Serie von Gräueltaten….

 

Der junge Herr ging in die große Stadt, in welcher sein reicher und mächtiger Onkel lebte. Dieser riet ihm, aufgrund der Geschehnisse in Askese zu leben und zu bereuen.  Das restliche Gold und das Geschmeide reichten aber noch, dass er einen Kapitän bestechen konnte,  um wichtige Lebensmittel für die hungernden Leute in seiner neuen Umgebung  bereitzustellen. Einige wussten – wie sein Onkel – um die wahre Geschichte hinter dem vom Volk bejubelten Mann….

 

Später gedachte man an ihn, und in diesem Gedenken gibt es, zu einem festgelegten Zeitpunkt jedes Jahr,  einen guten Mann, der Gaben verteilt,  sowie einen Dämon, der Angst und Schrecken verbreitet.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.06.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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