Florian Schneider

Der Mann und die Murmeln

 

Es war nach der Arbeit, ich ging einen Umweg zum Parkhaus und noch am Rhein etwas spazieren, als ich einen Mann auf einer Parkbank sitzen sah. Er hatte zwei Murmeln in der Hand, die er wieder und wieder gegen eine graue Betonwand schnippte.

Ich beobachtete ihn vielleicht zehn Minuten, er machte immer das Gleiche. Irgendwie hatte das Ganze eine verstörende Wirkung auf mich und ich entschied mich hinzugehen. „Ist alles okay bei Ihnen?“, fragte ich den hageren Mann. Er antwortete mir nur mit einer Gegenfrage: „Warum sollte es das nicht sein?!". Als ich ihm erklärte, dass es aussähe, als wäre er ein Plattenspieler, der in der Dauerschleife festhänge, lachte er. Er erklärte mir, dass es ihm sogar sehr gut ginge und das ihm die Murmeln beim Entspannen helfen. Ich setzte mich zu ihm und er erkannte meinen Kummer über den Arbeitstag. „Stressiger Tag auf Arbeit, wa?“, fragte er mich. Ich erzählte ihm davon während er seinen Hund streichelte, der entspannt neben ihm kauerte. Wieder lachte er.

„Siehst du die Murmeln da an der Wand?", fragte er mich. „Klar, deshalb wurde ich ja erst auf Sie aufmerksam“, erwiderte ich schroff. Er erklärte mir, dass die Murmeln all das verkörpern würden, für dass das Leben steht. „Fügung, Vertrauen und Endlichkeit”, wären das in seinen Augen. Ich solle darüber nachdenken sagte er und morgen nach der Arbeit wieder kommen. Ich fuhr mit dem Auto nachhause und musste darüber nachdenken. Nachdem ich daheim angekommen war, verstand ich so allmählich was er mir damit sagen wollte. Die Murmeln rollen bergab, wenn man sie rollen lässt, man benötigt etwas vertrauen, damit sie sich ihren Weg bahnen können, aber sie Rollen nicht ewig. Sie könnten in einen Gully fallen, ein Auto könnte drüberfahren, jemand könnte sie klauen. Es gibt viele Variablen, die unbekannt sind, die es beenden können. Das war zumindest meine Interpretation. Soll ich es einfach „rollen“ lassen? Alles lockerer sehen?

Am nächsten Tag nach der Arbeit war der Mann weg. Aber er war doch da, das war doch kein Tagtraum.

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Florian Schneider).
Der Beitrag wurde von Florian Schneider auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.06.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  • Autorensteckbrief
  • florianschneider12googlemail.com (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Florian Schneider als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Der Mensch denkt, der Tod lenkt von Waltraud Wickinghoff



Ein Ruhrgebietskrimi mit Blick über den Tellerrand (Mordversuch, Mord und Kidnapping eines Kindes)

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Sonstige" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Florian Schneider

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Mohammed und der Wolf von Florian Schneider (Tiergeschichten)
MANCHMAL GIBT ES NOCH KLEINE WUNDER von Christine Wolny (Sonstige)
Endgültig von Monika Klemmstein (Abschied)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen