Florian Schneider

Mohammed und der Wolf

 

Mohammed war in seinen Zwanzigern als er sein Land verließ, um in Deutschland ein besseres Leben anzufangen. In seinem Heimatland wollte er nicht mehr sein. Nun war er nur ein deutscher Bürger der auf seiner Terrasse Tag für Tag seinen Lebensabend und seine Rente genoss. 

Er war inzwischen 70 Jahre alt und dem hageren Mann mit dichtem, struppigen grauen Haar war inzwischen ein kleiner Rentnerbauch gewachsen. Sein Haus stand direkt am Waldrand. Familie hatte er in Deutschland nie und seine Verwandtschaft, die er noch hatte, lebte noch im Iran.  Seit etwa zwei Jahren kam regelmässig ein strubbeliger grauer Wolf vorbei. Er blieb stets am Ende der Baumlinie stehen und starrte Mo, wie ihn seine Freunde nannten, an. Er taufte Ihn Maus. Denn genau diese Farbe hatte das Fell – mausgrau. 

Maus war immer alleine. Was für ein Rudeltier natürlich sehr ungewöhnlich war. Immer wieder tauchte er auf und immer regelmäßiger. Mal wenn Mo seinen schwarzen Tee trank, mal wenn er Abendbrot ass. Höchst ungewöhnlich dachte sich Mo. Als er nach etwa einem Jahr begann frisches Fleisch am Ende seines Gartens zu drapieren, war Maus erst zögerlich, doch nach etwa zwei Wochen legte er sich auf den Rasen des Grundstücks und ass das Fleisch. Mo freute sich und nippte zufrieden an seinem Tee.  Maus blieb noch etwas liegen und verzog sich wieder. 

So bauten die beiden langsam eine Beziehung miteinander auf und irgendwann konnte sich Mohammed sogar an das andere Ende des Rasens gegenüber des Tieres setzen und beide waren total entspannt. Schauten sich sogar in die Augen. Momente wie dieser gaben Mo Seelenfrieden. 

Es war inzwischen der dritte Sommer, den die Beiden miteinander hatten und Mo saß mal wieder in seinem Lieblingsstuhl auf seinem Rasen und Maus war auch da. Inzwischen kam er fast täglich und das Exemplar der ach so scheuen Spezies gehörte inzwischen fest zu Mo’s Leben.  Da kam wie so oft Mo der Gedanke: „Wenn doch alle nur friedlich koexistieren würden und sich auf den Gegenübern einlassen würden. Nur dann gibt es auch die Chance zu Akzeptanz und eventuell auch Freundschaft. Und nur dann erhält man auch Glück als Gegenwert. Wie arm manche Menschen doch dran sind, die das noch nicht mal bei ihren Artgenossen tun.“

Dann machte Mo einen Mittagsschlaf in der Sonne. Von welchem er nicht mehr aufwachte. Er schlief einfach ein – für immer. Maus lag ein paar Stunden da, dann näherte er sich Mo. Er schleckte zuerst über dessen Hände und dann über sein Gesicht. Er begann zu wimmern und schlich mit hängender, eingezogener Rute zurück in das Waldstück. 

Heute wohnt eine Familie in dem Haus und ab und zu schaut Mo noch aus dem Dickicht in Richtung haus. 

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Florian Schneider).
Der Beitrag wurde von Florian Schneider auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.07.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  • Autorensteckbrief
  • florianschneider12googlemail.com (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Florian Schneider als Lieblingsautor markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Ein Kobold zu Weihnachten von Franz Spengler



Vier weihnachtliche Kurzgeschichten, teils heiter, teils nachdenklich, können auch übers Jahr gelesen werden.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Tiergeschichten" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Florian Schneider

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

TIMO - mein Held auf vier Pfoten von Florian Schneider (Autobiografisches)
TINI von Christine Wolny (Tiergeschichten)
dreimal gesagt, versteht sich´s leichter ! von Egbert Schmitt (Leben mit Kindern)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen