Manfred Gries

Wolken

Wolken scheinen manchmal voller Stimmungen zu sein und wenn der Himmel wolkenlos den Tag einläutet, verheißt das Lebensstimmungen, die irgendwann mit den Wolken auftreten. An diesem Tag traten die ersten Wolken gegen Mittag auf.

Die ersten Stunden des Tages waren bei leichter Arbeit verstrichen, als sich mein Körper gen Unterwelt bewegte, dort auf einem Stuhl Platz nahm, um mitten in einer Diskussion die gewohnten Tätigkeiten zu verrichten. “Der Techniker“ - so bezeichnete mich ein Zivildienstleistender - horchte unwillkürlich auf. “So kann das nicht weiter gehen“ - die Stimme des Zivildienstleistenden klang etwas genervt. “Warum werden die Leute nur so alt? Das ist doch kein Leben. Da sollte die Politik etwas gegen unternehmen.“ Er hatte neben einer jungen Dame Platz genommen, die die Hand einer alten Dame hielt. “Meine Oma ist 60 Jahre alt und noch sehr fit.“ Das war klar auf die alte Dame bezogen, die dem Geschehen nicht folgen konnte. “Du siehst alles etwas zu ernst und aus dem falschen Blickwinkel“, antwortete die Pflegerin, während die alte Dame still von ihrer Hand gehalten wurde. “Im Leben gibt es mehr als Erfolg und Kampf. Auch alte Menschen haben einen Platz in dieser Welt.“ Wie gewohnt bestätigte ich die Fragen, die bei Installationen von Arbeitsplätzen auftreten. “Ok“.

“Aber die Gesellschaft braucht Menschen, die sie verändern, verändern zum Guten.“ Ich wagte es nicht, mich umzudrehen, denn die beiden hatten in meinem Rücken Platz genommen. “Aber manche Menschen sind in der Gesellschaft allein“, hörte ich die Pflegerin sagen. “Und dann ist es gut, wenn man eine Bezugsperson hat. Und ich bin eine Bezugsperson.“ Ihre dunkles Haar fiel seidig auf Schultern, die Lasten tragen können. “Ok“, mein rechter Zeigefinger bestätigte “gewohnt“ die nächste Aufforderung zur Fortsetzung der Installation. Woher ich wusste, welche Farbe ihr Haar hatte - das Haar der Pflegerin - na, ich hatte sie schon mehrfach gesehen - aber niemals solch eine Stimmung erlebt, in der sie geduldig zwischen den Generationen zu vermitteln versuchte. So schätzte ich zum ersten Mal ihr Alter. Die Zahl 30 erschien in meinem Kopf. Der Zivildienstleistende war leichter einzuschätzen. Sein Alter lag bei etwas 19.

“Du darfst nicht alles mit dem Maßstab der Entwicklung messen. Manches in diesem Leben unterliegt anderen Gesetzen.“ In meinem Rücken konnte ich den Zwiespalt spüren, den sie selbst erlebte. Auch sie lebte noch in der Zeit, in der Menschen die Gesellschaft prägen wollen. Und doch, irgendetwas hatte in ihrem Leben Platz gefunden, was sie die Hand der alten Dame halten ließ. Und das suchte sie zu vermitteln, während ich die letzten Bestätigungen an den Assistenten weitergab.

“Ich wollte vor Kurzem ein Textverarbeitungsprogramm auf dem Rechner installieren“ - die Stimme des Zivildienstleistenden klang sehr nah und ich schaute ´mich um. “Aber das ging nicht.“ Seine Augen schauten mich fragend an, während ich verzweifelt dem Drang seiner Jugend zu begegnen versuchte. Wie hatte sie das nur geschafft, so ruhig Aufklärung hinter meinem Rücken in dieses junge Leben zu bringen, das voller Tatendrang in die Zukunft sehen wollte, ohne eben selbigen Tatendrang zu stoppen? “Wir installieren nur Software, die wir gekauft haben“, antwortete ich, mir bewusst, dass daran verdient wird. “Und unterbinden jegliche Installationen von nicht von uns erworbenen Programme.“ “Aber das ist doch Unsinn“, entgegnete er. “Daran wird soviel verdient und “verdient haben die Programmierer das nicht.“ Mein Haar ist etwas licht geworden, ich gebe es zu. Nicht seidig. Und meine Schultern haben einiges getragen, was ich eigentlich nie tragen wollte. Aber als der Zivildienstleistende mich mit jenen fragenden Augen ansah, die auch das seidig auf frauliche Schultern fallende Haar angesehen hatten, fiel mir die Antwort leicht. “Verdient haben wir das, was diese Gesellschaft reicher macht. Und Reichtum hat etwas mit der Verantwortung zu tun, die wir den Mitmenschen gegenüber tragen.“

Er bedankte sich einsichtig - man konnte es ihm ansehen - und die Wolken brachten Regen in den Tag. Seidig dunkles Haar fiel wie kleine Regentropfen auf Schultern, die uns allen gemeinsam sind. Schultern, die das tragen, was unser Kopf zwischen Recht und Unrecht, Erkenntnis und offenen Fragen, zu ergründen versucht. Das Leben.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.10.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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