Hella S.

Meine steile Karriere als Musikerin

Erinnerungen werden wach, wie ich im Musik-Unterricht saß und mich zu Tode langweilte. Schon wieder am Anfang des Jahres wurden wir gefragt, was eine Kadenz ist. Musik zieht sich durch mein ganzes Leben, erst im Kinderchor bei Johannes H E Koch, der wollte, dass ich ihm vorsinge, damit ich im Chor aufgenommen wurde. Es kam kein Ton aus mir raus, als er mir dann anbot, ihm ins Ohr zu singen, wurde ich sofort aufgenommen. Geht doch!

Nach 3 Jahren Gymnasium am Ende des Schuljahres stand meine Mutter am Schultor und winkte mir, das hatte ich ja noch nie erlebt. Als ich näher kam sah ich einen blauen Brief: Ich musste dann das Jahr wiederholen wegen Geschichte, Handarbeiten und Musik. Handarbeiten konnte ich hervorragend, aber durch die kleinen gleichmäßigen Stiche war ich zu langsam. Die 5 in Geschichte hatte ich verdient, weil ich mir die Jahreszahlen nicht merken konnte und ich fand, das Jahrhundert würde genügen, denn irgendwann würden sie bei Ausgrabungen auf eine ganz andere Jahreszahl stoßen und dann mussten sie alles korrigieren. Musik aber war mein Ding, ich wusste sehr viel davon und sagte meinen Klassenkameradinnen immer vor und ich konnte Moll und Dur in einem Musikstück heraus hören und Oboe von Englisch Horn unterscheiden, verriet es aber nicht.
Eigentlich wollte ich Opernsängerin werden, aber wie ich später erfuhr musste man erst Klavier spielen können. Wollte ich das nicht eigentlich immer??? Mir wurde eine Blockflöte aufs Auge gedrückt, die ich gar nicht mochte. Gut, es war in den 50ger Jahren und kein Geld und null Verständnis für ein Klavier da. Ich hatte aber keine Lust auf Blockflöte und deshalb übte ich auch nie. Da im Unterricht aber das Lied für die nächste Stunde einmal gespielt wurde, wegen der Griffe, brauchte ich auch nicht zu üben, denn in der nächsten Stunde konnte die Blockflöte das Lied schon allein, mit zwei kleinen Fehlerchen. „Du musst aber mal mehr üben“, verdonnerte mich die Flötenlehrerin, aber ich kriegte die Kurve nicht. Das gleiche Spiel, machte die Gitarre mit mir, ich übte nie und als meine Lehrerin mich dann fragte, ob ich Flamenco oder Biedermeiertänze als Nächstes spielen wollte, war ich begeistert: Flamenco natürlich und was brachte sie mir mit? BIEDERMEIERTÄNZE. Ich hätte so gerne Klavier gespielt!!! Ich warf die Gitarre in die Ecke, nicht ganz, denn als wir eine Klassenfahrt nach Bodenwerder unternahmen, beglückte ich die Stadt, indem ich mich singend und wandernd auf der Gitarre begleitete und wie beim Rattenfänger liefen meine Klassenkameradinnen hinter mir her.

Meine Ausbildung zur Kindergärtnerin teilte sich in zwei Abschnitte:
1. Ein Jahr Haushaltungsschule, da sang ich im Chor und sollte für einen Wettbewerb sogar Solo singen, das traute ich mich nicht und so sangen wir zu zweit und gewannen den ersten Preis.

2. Das Kindergärtnerinnen-Seminar, dort wohnte ich im Internat. Als Erstes fragte mich die Musiklehrerin, was für eine Note ich in Musik hatte und da bei mir eine Fünf im Zeugnis stand, war ich gespannt, wie sie reagieren würde. Ich bekam eine Vier. Zum Teufel mit den Lehrern!!! Was ich im Internat musikalisch trieb, wussten die Lehrer allerdings nicht: Ich sang Schubertlieder und eine Klassenkameradin begleitete mich auf dem Klavier. Wir musizierten nur zu unserem Vergnügen, es interessierte sich sowieso keiner dafür.
Im zweiten Schuljahr teilte uns die Musiklehrerin in 3-rer Gruppen ein und wir sollten die Begleitung zu einem Lied erfinden. Während überall Blockflötengefiepe zu hören war, blieb meine Gruppe stumm. Ich hatte allerdings einen Plan: Das Lied enthielt ein Crescendo und Decrescendo. Erst am Stichtag verteilte ich die Begleitinstrumente, nämlich eine Streichholzschachtel mit Nägeln, zwei Löffel und eine Plastikschüssel. Das Lied wurde von uns gesungen und das leiseste Instrument begann und bis zur Mitte des Liedes kam immer ein Instrument dazu und dann wieder zurück. Wir bekamen als Einzige in der Klasse ein Sehrgut. Mein Leben lang fehlten mir Förderer oder Unterstützer. Meine Eltern hörten sich nie an, was ich so musikalisch trieb. Sie hätten doch stolz auf mich sein können. Manchmal sang ich im Treppenhaus, wegen der Akustik, bis mein Onkel, der nach seiner Scheidung auch bei uns wohnte, immer, wenn ich anfing zu singen, ein ganz anderes Lied dazwischen grölte. Als meine Mutter dann irgendwann zu mir sagte: „Ich hatte früher eine schöne Stimme“, blieben mir die Töne im Halse stecken. Viele Jahre schwieg meine Stimme.
Mit 21 Jahren zog ich nach Berlin, mit Gitarre, vielleicht hätte ich sie ja im Kindergarten gebrauchen können. Der Kirchenchor wollte mich und dann auch der Posaunenchor, mit Blockflöte? Nein, sie drückten mir ein ausrangiertes Tenorhorn aufs Auge, ein hässliches Ding. Woher sollte ich wissen, welcher Ton herauskam, wenn ich ein Ventil drückte? Erklärt wurde mir nur, wie man einen Ton erzeugt. Von je her flogen mir gute Ideen nur so zu: Ich kaufte mir deshalb ein Zugposaune von meinem ersten Gehalt und lernte schnell, sie zu spielen. Üben konnte ich nicht, denn ich wohnte zur Untermiete. Eine schöne Erinnerung an Berlin war das Konzert aller Posaunenchöre im Olympiastadion, es klang bombastisch. Als ich dann nach einem Jahr Berlin wieder in die Heimat zog, spielte ich wieder im Posaunenchor, diesmal bei Johannes H.E. Koch und keiner hat sich über mich beschwert, also konnte ich meinen Part. (https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_H._E._Koch) Das Schönste beim Posaunenchor war das Kurende blasen im Advent. Jeden Sonntag spielten wir morgens in den Straßen unserer Gemeinde unter einer Laterne Weihnachtslieder. Jedes Mal brachte uns jemand einen Schnaps zum Aufwärmen. Richtig lustig wurde es, als immer mal wieder ein Instrument zufror. Auch hier sang ich im Kirchenchor, bis der Kantor mich raus warf, weil ich nicht jeden Sonntag Liturgie singen wollte. Ich mag das einstimmige Singen nicht.

Da der Beruf als Kindergärtnerin nicht unbedingt mein Traum war, bereitete ich mich nun auf die Prüfung für die Musikhochschule vor. Inzwischen war ich 23 Jahre alt, kaufte mir ein Klavier und nahm Unterricht. Diesmal wollte ich gerne üben, doch meine kleine Schwester in deren Zimmer mein Instrument stand, verweigerte mir oft den Zutritt. Joh. H.E Koch unterrichtete mich umsonst in Musiktheorie und als ich dann endlich eine Gesangslehrerin fand, erkrankte sie nach ein paar Unterrichts-Stunden an Krebs und vorbei war es mit dem Unterricht. Immerhin konnte ich Schubertlieder singen und auf dem Klavier ein Menuett von Bach spielen. Mit 24 Jahren lernte ich dann meinen Mann kennen und so hatte sich alles erledigt. Er nötigte mich, mein geliebtes Klavier zu verkaufen und auch die schöne Jazzposaune bekam einen neuen Besitzer. In der Kirche sang ich auch ab und zu mal Solo, aber es gab Jahre, da blieb meine Stimme stumm und nach meiner Scheidung waren es zehn Jahre. Fing ich wieder an zu singen, dann klang meine Stimme reifer, als hätte sie sich in der Stille weiterentwickelt. Immer noch steckte tief in mir der Wunsch Opernsängerin zu werden. Ich übte mit einer CD von Sopranistinnen und Tenören.
Eines Tages, als ich zur Kur war, sang ich zur Begleitung von der Pianistin des Kurorchesters in einem Cafe. Da hörte ich zum ersten Mal Beifall.
Nachdem ich 4 Jahre als Kindergärtnerin gearbeitet hatte, bekam ich ein paar Jahre später eine Anstellung an der Musikschule und brachte mit viel Erfolg 4-6 und 6-8 jährigen Kindern Freude an Musik bei, theoretisch und auch praktisch. 26 Jahre habe ich dort gearbeitet und sogar mein eigenes Programm geschrieben, weil ich das vorgegebene Programm nicht altersgemäß fand. Ich schrieb eigene Lieder und Verse usw.

Im Alter von 57 Jahren brach ich zusammen und war fast ein Jahr lang krank. Mit 58 Jahren bekam ich eine Stelle bei der Stadtverwaltung im Büro, da ich nicht mehr in der Lage war, weiter in der Musikschule zu arbeiten. Nach einer freien Arbeit in der Musikschule wurde mir nun die Arbeit zugeteilt. Meine Kolleginnen und Kollegen gingen sehr gut mit mir um, so etwas kannte ich gar nicht. Als sie dann erzählten, wie schön es zur Weihnachtszeit war, als noch der Trompeter im Treppenhaus spielte, suchte ich Weihnachtslieder auf CD heraus, schickte eine Rundmail mit dem Text: Am Donnerstag, d…. um 12 Uhr bitte die Bürotüren öffnen, es gibt eine Überraschung.
Mit 59 Jahren sang ich dann jedes Jahr solo im Rathausflur und als ich mit 62 Jahren in Rente ging, baten sie darum, dass ich doch weiter singen sollte. Bis ich 70 Jahre alt wurde habe ich meine lieben Kolleginnen mit meinem Gesang beglückt und nun kann man mich nur noch im Internet hören, siehe: Youtube Hella Schümann

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.07.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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