Eleonore Görges

Nicht mehr einsam

Rudolf, ein älterer Mann von 85 Jahren, lebt in einer Großstadt in Deutschland. Seine Frau ist vor Jahren schon gestorben, Kinder haben sie keine, sodass er seine große Wohnung alleine bewohnt. Besuch bekommt er nie, außer dem Pflegedienst, der alle Besorgungen für ihn erledigt und sich auch um seine körperliche Pflege kümmert.
In ein Heim möchte Rudolf nicht, denn in seiner Wohnung hat er über 30 glückliche Jahre mit seiner verstorbenen Frau gelebt, Erinnerungen schweben noch immer in den Räumen.

Irgendwann, an einem Vormittag, zu einer Zeit, zu der er den Pfleger nicht erwartete, läutete es an seiner Wohnungstür.
„Wer mag das wohl sein?“ – fragte sich Rudolf erstaunt. Nie kam doch jemand zu ihm, außer den Pflegekräften.
Er schlurfte zu der Sprechanlage, während es ein zweites Mal läutete.
„Wer ist denn da?“ – fragte er, bekam aber keine Antwort. Es läutete ein drittes Mal, diesmal etwas länger, ungeduldiger.
„Wer ist denn da?“ – fragte er erneut und war etwas neugierig geworden.
„Na ich bin es, Oma, mach mir doch bitte schnell die Tür auf, ich muss ganz dringend zur Toilette“, antwortete eine etwas schrille Kinderstimme.
„Schnell, sonst ist es zu spät“, rief diese Stimme noch etwas schriller in die Sprechanlage.

Rudolf wollte nun wissen, wer dieses Kind war, also drückte er auf den Türöffner für die Haustüre unten und schloss seine Wohnungstür im ersten Stock auf. Er hörte, wie schnelle Schritte auf der Treppe immer näher kamen und diese Stimme wieder rief: „Oma, es ist wirklich ganz dringend“.
Da sauste ein kleines Mädchen an ihm vorbei und würdigte ihn keines Blickes, sie rannte auf der Treppe weiter in die obere Etage.
„Ich habe dir die Tür geöffnet, Kleine“, rief Rudolf ihr nach, aber sie reagierte nicht, sondern stürmte weiter nach oben.
Da hörte er, wie sie gegen die Tür klopfte, immer wieder und ganz laut über ihre Oma rief, die aber anscheinend nicht zu Hause war.
„Hallo Kleine“, rief Rudolf laut nach oben, „ich habe dir die Tür geöffnet, wenn du willst, dann kannst du meine Toilette benutzen“.
Einen Moment war Ruhe, dann klopfte sie wieder gegen die Tür und rief über ihre Oma.
Nun hörte er, wie die Kleine die Treppe wieder herunter gerannt kam, da stand sie auch schon vor ihm.
„Darf ich ganz schnell deine Toilette benutzen?“
„Aber ja, komm ich zeige dir, wo sie ist“.
Schon war sie an ihm vorbei gerannt und zielstrebig auf das Bad zugesteuert, sogleich darin verschwunden und hatte die Tür hinter sich verschlossen.
Rudolf ließ die Wohnungstür offen stehen, denn er wollte nicht, dass die Kleine, wenn sie aus dem Bad kam, Angst bekäme. Er ging in seine Küche, von wo aus er den Flur und den Wohnungseingang, sowie auch das Bad, im Blick hatte und setzte sich auf einen Stuhl.
Kurz darauf hörte er die Spülung, anschließend das Wasser am Waschbecken, dann öffnete das Mädchen die Tür des Badezimmers und trat in den Flur.
„Hier bin ich, Kleine“, rief Rudolf aus der Küche. „Wer bist du denn und wer ist deine Oma?“
„Ich bin Celina, meine Oma wohnt über dir seit ein paar Wochen – und wer bist du?“
„Mein Name ist Rudolf, ich lebe schon über 30 Jahre hier, jetzt leider ganz alleine.“
„Meine Oma ist auch alleine, seit Opa vor fünf Jahren gestorben ist. Damit sie näher bei uns lebt, ist sie vor sechs Wochen hierher gezogen. Jetzt besuche ich sie jeden Tag, weil meine Mama arbeitet.“

„Ich habe nicht gewusst, dass eine neue Mieterin über mir eingezogen ist“, meinte Rudolf. „Deine Oma scheint nicht zu Hause zu sein, willst du bei mir warten? Wir lassen die Wohnungstür offen, dann siehst du, wann sie zurückkommt.“
„Au ja, sie ist sicher gleich da, denn sie weiß ja, dass ich kommen wollte.“
So saßen beide in der Küche und unterhielten sich. „Wie heißt denn deine Oma?“ – wollte Rudolf wissen.
„Oma Lina, sie heißt Lina mit Vornamen.“
„Ich kannte auch einmal eine Lina, aber das ist schon eine Ewigkeit her, müssen über 50 Jahre sein, da wohnte ich noch in dem Stadtbezirk Lichtenberg“.
„Meine Oma wohnte auch in Lichtenberg“, meinte Celina – „vielleicht kennst du sie ja“.
„Wie ist ihr Mädchenname?“ – wollte Rudolf wissen, aber die Kleine konnte ihm das nicht beantworten, sie wusste nur, dass ihre Oma Lina heißt und die nächste Woche ihren 78. Geburtstag feiert.
Rudolf überlegte, das könnte hinkommen, verdammt, wenn das die Lina wäre, die er kannte…

Es dauerte nicht lange und sie hörten Schritte die Treppe heraufkommen, langsame Schritte, schwere Schritte.
„Das ist meine Oma“, schon lief Celina zur Wohnungstür und Rudolf hörte sie über Lina rufen.
„Oma Lina, ich bin hier bei Rudolf. Weil du nicht zu Hause warst, habe ich seine Toilette benutzt. Komm herein, damit er dich kennen lernt“.
„Du weißt doch ganz genau, dass du nicht zu fremden Leuten darfst, Mama und ich haben dir das strengstens verboten, weil es in einer Großstadt viele böse Menschen gibt, die kleinen Mädchen etwas antun wollen.“
„Aber ich musste doch ganz, ganz dringend zur Toilette, was hätte ich denn tun sollen?“
„Es ist meine Schuld, du hast recht“, antwortete die Oma und stand in der Wohnungstür.

Rudolf erhob sich langsam von seinem Stuhl und ging auf Lina zu.
„Ich habe ihre Enkelin herein gelassen“, sagte Rudolf und stellte sich der Frau vor.
„Rudolf Schweigert?“ – fragte diese. „Ich kannte auch einmal einen Rudolf Schweigert, vor vielen Jahren, das war noch in Lichtenberg.“
„Na wenn das kein Zufall ist. Ich sagte vorhin schon zu Celina, dass ich eine Lina aus Lichtenberg kenne, aber sie wusste deinen Mädchennamen nicht.
Dass wir uns jetzt, nach so vielen Jahren, wieder treffen, ist ein kleines Wunder. Da leben wir schon seit sechs Wochen nur ein paar Meter voneinander entfernt und wissen es nicht.“
„Ja, das ist das heutige Stadtleben, da kennt einer den anderen nicht mehr, die Menschen leben leider nicht mehr miteinander. Das war früher anders, auch in der Stadt.“

„Komm doch bitte herein, wir machen uns einen Kaffee und schwatzen über die alten Zeiten.“
Lina und Celina gingen in die Küche und Rudolf schloss die Eingangstür. Dann bereitete er einen Kaffee und sie vergaßen die Zeit um sich, schwelgten in alten Zeiten. Celina hörte interessiert zu und fand es wahnsinnig lustig, dass Rudolf und ihre Oma vor vielen Jahren einmal ein Liebespaar waren.
„Jetzt, wo ihr beide alleine seid, könntet ihr doch wieder ein Liebespaar werden“, meinte sie und strahlte sie an. Oma Lina wurde rot, was ihr schon seit zig Jahren nicht mehr passiert war, Rudolf aber lächelte sie an und ein leichtes Glitzern war in seinen Augen zu erkennen.

So verging der Nachmittag wie im Fluge. Irgendwann läutete es an der Tür, Rudolf hatte den Pfleger ganz vergessen, so intensiv war er ins Gespräch vertieft und in der Vergangenheit versunken. Mit leicht geröteten Wangen sagte er diesem, dass er ihn heute gar nicht brauchen würde, er käme alleine zurecht.
Nach einer ganzen Weile verabschiedete sich Lina, um mit ihrer Enkelin nach oben, in ihre Wohnung zu gehen.
„Ich bin glücklich, dass wir uns wieder gefunden haben, morgen komme ich dich wieder besuchen“, meinte sie.
Da wusste Rudolf, dass er ab sofort nicht mehr alleine war.
Und wer weiß, vielleicht werden sie ja wieder ein Paar, so wie sie es vor über 50 Jahren schon einmal waren?

© Eleonore Görges

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.07.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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