Christa Astl

Der kleine Flori sucht seine Mama

 

 

Manche glauben, eine Hausfrau hätte ein ruhiges, sorgenfreies Leben, und für Abwechslung und Freude sorgen die Kinder. Der soll mal mit ihnen einkaufen!

Meine Vier musste ich überall mitnehmen, es war keine Oma in der Nähe, wo ich sie kurz „abstellen“ durfte. Damals gab es nur in der Hauptstadt die großen Einkaufszentren, wo man praktisch alles bekam. Darum fuhr ich zwei- bis dreimal im Jahr dorthin. Mit den Kindern natürlich. Die waren damals sieben Monate, zweieinhalb, vier und fünf Jahre alt. Sie waren das Einkaufen gewohnt, blieben in der Nähe, durfte früh mithelfen, Sachen auszuwählen, das Kleinste war im Einkaufswagen untergebracht.

Vor Weihnachten war es nun wieder einmal so weit. Eins brauchte einen Anorak, andere Schuhe, Spielzeug sollte natürlich auch gewählt, zumindest gesehen werden, bevor es zu Hause verschwand und erst unterm Christbaum wieder auftauchte.

Wir fuhren also nach dem Mittagessen los. Erst ein wenig in die Stadt, die Kinder waren immer begeistert, so viele große Häuser, Autos und Menschen zu sehen, und natürlich die großen Geschäfte. Brav liefen sie mit, die Jüngste trug ich in einem Babysitz vor dem Bauch, um die Hände frei zu haben, meine wichtigen Sachen wahrscheinlich in einer Umhängetasche oder damals schon im Rucksack.

Bereits auf dem Weg stadtauswärts erinnerte ich mich plötzlich, dass zum Abendessen noch was gekauft werden musste. Der große Einkaufsmarkt war schon in Sicht. Auto in die Tiefgarage, Kleine umbinden, Kleinen an die Hand nehmen, die Großen, auch schon etwas müde, trabten hinterher. Gleich am Anfang war damals noch eine Elektroabteilung, unter anderem mit den neuesten Fernsehern. Da wir selber keinen hatten, übten die flimmernden Bilder eine besondere Anziehungskraft aus. Ich ließ also die Drei dort stehen und trug ihnen auf, hier zu warten. Solange sie in Sicht waren, vergewisserte ich mich, sah aber, wie sie gebannt in die Flimmerkiste starrten. Getrost konnte ich mit der Kleinsten meine Besorgungen machen. Brot, Wurst, Käse, etwas Obst und Gemüse waren rasch gewählt, ich war auf dem Weg, meine Kinder zu erlösen. – O Schreck, da standen nur noch zwei! „Wo ist Flori?“ – Vor lauter Fernsehen hatten die Großen sein Verschwinden gar nicht bemerkt. Jetzt kamen die Angst und das schlechte Gewissen. „Wir müssen ihn suchen, weit kann er ja nicht sein.“

Da die Märkte im Allgemeinen sehr übersichtlich gestaltet sind, schickte ich die Beiden, mit nicht ganz ruhigem Gewissen, einen Gang entlang, ich ging mit Baby und Einkaufswagen einen anderen parallel dazu. In den Zwischenreihen konnten wir immer zusammen schauen. Einträchtig Hand in Hand, hoch konzentriert, ihr Brüderchen zu finden, beruhigt, dazwischen immer wieder die Mama zu sehen, erblickte ich sie. Stolz und Liebe erfüllte mich, sie so verantwortungsbewusst zu erleben.

Plötzlich ertönte eine Durchsage: „Der kleine Flori sucht seine Mutter, er ist an der Information abzuholen.“ Schnell zu den Beiden, die die Worte auch bereits gehört hatten und auf dem Weg zu mir waren. Gemeinsam eilten wir zur Kassa. Die vor mir Stehenden bat ich, mich vorzulassen, denn wieder ertönte die Durchsage. Mitleidig rückte man zur Seite, man sah mir wohl meine Aufregung und Sorge an. Beim Bezahlen erkundigte ich mich, wo ich die Info und meinen Dritten zu finden habe. Noch mit Einkaufswagen, die beiden Großen im Schlepptau, raste ich hin. Da saß er auf der Theke, ließ die Beinchen baumeln, und hielt ein Täfelchen Schokolade in der bereits klebrigen Hand, die Wangen noch von getrockneten Tränen verschmiert, aber schon wieder mit strahlenden Augen. Wie gut, dass wir alle wiederum beisammen waren! Nun aber schnell nach Hause, es war genug Aufregung für diesen Tag.

 

 

ChA 17.07.21

 

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