Ein schräges Riff, ein komischer Rock-Trott schickt sich an, lahm gestimmte E-Gitarre, etwas verstimmt eher, ein Typ, der in Berliner Dialekt etwas von einem gewissen "Peter" erzählt, einem Typen, den er sieht, bewundert und beneidet, da der wohl wahnsinnig wohlhabend ist – und sich der Ich-Erzähler im Lied fragt, wovon dieser Typ wohl lebt: Ja, das ist WINSON, ein One-Hit-Wonder aus Berlin, das mit diesem Hit zwar nicht gänzlich untergegangen ist, aber weniger Beachtung fand, als es diesem Song zumindest zustünde. Eines der skurril abgefahrensten Lieder, die mir jemals in die Gehörgänge schlichen ist das hier! Eines der Lieder, bei denen nicht nur der Text, sondern das musikalische Gesamtkonzept mir sofort auffielen, mich aufhorchen ließen. Mit der Erkenntnis gepaart: Etwas DERARTIGES hast du bisher noch nicht gehört in deinem Leben! Wie schon bei RAMMSTEINs erstem Erfolgsrocksong "Engel" (1997) oder bei WIR SIND HELDENs "Guten Tag" (siehe ein Stück weiter unten) musste ich gestehen: Wow! Einfach wow! Supermegageilomate Checke! Die Schose reißt mich vom Hocker! Ich habe die musikalische Erleuchtung erlangt, wenn auch nur für Momente.
Im Lied schildert der Protagonist dann, wie er den Peter dann mal trifft und versucht, herauszufinden, woher der seine "Penunsen" hat, womit er sie verdient – doch "im Endeffekt" hat er das nicht verraten, wie der WINSON am Ende des recht kurz-knackigen aber prägnanten Liedes eingestehen muss, nachdem es kurzzeitig aussah, als würde der Mann mit dem P-Namen konkreter… Für Fans des in jeder Hinsicht Un- und Außergewöhnlichen ein Hör-Genuss-Muss!
Na wunderschön! Das nenne ich mal interkulturelle Verständigung! Die Deutschen und die Franzosen – kein leichtes Verhältnis. Die Franzosen belächel(te)n die Deutschen (erst recht jetzt wieder, da wir ihren teuren Atomstrom importieren lassen müssen, da wir unsere Atomkraftwerke abbauen und nur dämliche Windrädchen in die Landschaft stellen, die den Stromgesamtbedarf nicht decken können), nicht nur wegen des "Waldsterbens" in den 80ern, das dann weitestgehend doch ausblieb.
Ja, es gibt jede Menge Klischees, Vorurteile und Missverständnisse zwischen Deutschen und Franzosen, seit jeher. Eine alte "Erbfeindschaft" addiert sich noch zu dem ganzen Camembert… Nun gut, über sowas wurden schon mittelmäßige ARTE-Sendungen mit nervigen Deutschinnen und Französinnen gemacht.
Die klassische Kulturschockstory rührt die Herzen, wenn Sängerin JUDITH HOLOFERNES einer fiktiven Figur namens "AURELIE" erklärt, wie die Gepflogenheiten bei deutschen Männern so sind, wo sie ihre Klöten hängen haben und warum es nicht sofort mit der großen deutsch-französischen Liebesfreundschaft inklusive Knatterei und "voulez vous coucher avec moi" drin ist. Schon tausendfach in Funk, Film, Fernsehen und Literatur erzählt, wie in zig "Crocodile Dundee"-artigen Klamotten gesehen, gehört und gefühlt, ist dieses typisch WIR-SIND-HELDEN-hafte, herzhaft-exzentrische Stück Exzellenz-Musik eine Ausnahmeerscheinung auf dem Parkett deutschsprachiger Musik!
Mollartig melancholisch, schwerfällig getragenes Klavierspiel, das resignative Singen von Sängerin JUDITH HOLOFERNES, unendlich spröde, mehr denn je, das sind die wesentlichen Zutaten der Pop-Rock-Ballade der HELDEN-Band, des Titelsongs des damals vierten Studioalbums. Nach vier Alben und einigen EPs, dazu einem Best-Of wollte man sich wohl etwas aus dem Musikgeschäft zurückziehen. Frau HOLOFERNES alias Frau HOLFELDER würde in Mutterschaft gehen, ein Kind stand bevor. Einige Jahre später erschien HOLOFERNES' erstes Solo-Album "Ein leichtes Schwert"…
Der Ruhm, der Starrummel, der überbordende Erfolg, der damit verbundene Stress zwischen Studioaufnahmen, Konzerttourneen und alldem, das zum Künstlerleben gehört (vom Komponieren und vor allem Texten neuer Songs ganz abgesehen) – all das wurde wohl zu viel.
Unendlich erschöpft wirkend aber mit zwar trauriger aber schöner Melodie, voller Gespür für Einprägsamkeit erstellt, bittet die Liedheldin jemanden: "Komm und trag mich – schlag mich nieder – bring mich nach Hause – ich bin schon zu weit – hier draußen". Das mit dem Niederschlagen ist schon etwas heftig, sie will also nicht mehr bewusst mitkriegen, wie sie getragen wird, im vollen Vertrauen zur tragenden Person. Überhaupt handelt es sich um eine seltsame Aufforderung zur Entführung "nach Hause", also ins Vertraute, aber von Beginn an mit fragwürdigen Methoden, immer kontrastierend: "Ich brauche einen Freund mit weiten Armen" fängt das Werk harmlos an, wird dann schon etwas schärfer: "Einen Freund, der kein Erbarmen kennt" – konkretisiert die Sängerin. Um dann gleich in Strophe 1 fortzufahren: "Der mich zu Boden ringt – ich tobe und rase – ein Tuch mit Äther – über Mund und Nase".
Nein, eine Ballade, mit makabrem Inhalt, mit gewaltigen Bildern, die evoziert werden, wenn es kurz vor Schluss zur Steigerung kommend heißt: "Ich brauche einen Freund mit weiten Schwingen" (soweit, so harmlos) – der mich nach Hause bringen kann" – immer noch in Ordnung, aber dann: "durch den Wind und den Regen – um mich dann vor meine Tür zu legen – Und dort erst auf der Schwelle – will ich verbluten…". Reines "Zuhause ankommen", "Endlich den Sinn gefunden haben" hört sich meines vorsichtigen Erachtens anders an – und dennoch – oder gerade deswegen? – kann man hierzu nur schwelgen, das ideale Lied zur Einstimmung auf ein persönliches Sabbatjahr, einen ausgedehnten Landurlaub oder eine ausgiebige Auszeit.
Die Vorlesefunktion für SMS war eine beliebte Spielart in den frühen 2000ern, selbst jetzt ist sie manchmal noch anwendbar. Mit einer etwas gebrochenen, blechernen Stimme wird abgehackt ein SMS-Text vorgelesen, nachdem eine charmant-fröhliche Frauenstimme das "Intro" gesprochen hat: "Wir haben eine SMS-Kurznachricht für Sie – die Nachricht lautet:". Die wesentlichen Stichwörter im Lied werden genannt, ehe es schrill schwerfällig und äußerst rumpelnd mit manch Miss- aber auch Wohltönen losgeht. Inhaltlich dreht sich alles um die Liebe. Doch WIR SIND HELDEN wären nicht sie selbst, wenn sie aus dem trivialsten, banalsten und eigentlich abgedroschensten Thema der Welt und Menschheit, dem man dennoch stets neue Nuancen abgewinnen kann, nicht etwas Spezielles extrahieren würden. Wohl selten zuvor (mir persönlich ist kein Beispiel bekannt) wurde das "Spoilern" der Liebe durch das Bauen eines vorzeitigen, voreiligen Denkmals derartig scharf kritisiert – entsprechend vehement sind die radikalen Gegenmaßnahmen: "Hol den Vorschlaghammer!" fordert die resolute Dame im Spiel ihren Liebhaber auf, sie wollen damit gemeinsam das miese Denkmal ihrer Liebe, das imstande ist, diese kostbare Blüte zu zerstören. Bei Nacht solle dann Folgendes getätigt werden: "Die schlechtesten Sprayer dieser Stadt" sind zu engagieren, damit diese die Trümmer des "Denkmals" mit Graffiti besprühen.
Die zackige, eingängige Melodie, dieses Thema, auch der instrumentale Teil, mit Trompeten vorgetragen, ein wenig Ska-artig, doch auch poppig zwischen Samba und Blasmusik angesiedelt, eignet sich perfekt für die Untermalung aktionistischer Szenen in Doku-Serien und –Soaps. Für die dynamischen Momente. Doch man soll sich nicht täuschen: Inhaltlich geht es um so vieles mehr. Der stetige kompetetive Charakter unserer heutigen "Ellenbogengesellschaft" und der harten Welt des Individualisierten, in der gleichzeitig Gruppendruck und Gruppenzwang hochgehalten werden, geht schon so weit, dass es vor allem linke Zeitgenossen stört. Natürlich jeden halbwegs gesund denkenden Menschen. Dass das Menschsein so ist, dass dieses Hauen und Stechen ein Stückweit typisch menschlich sind und ebenso schwer zu überwinden wie unsere uralten Instinkte und tradierten Verhaltensweisen aus der Steinzeit, wird viel schwieriger zu begreifen. Allerdings muss ich eine klare Lanze brechen für dieses Lied: Es stellt die sich unversöhnlich gegenüberstehenden Lebensentwürfe gnadenlos gegenüber, ohne zu beschönigen: Auf der einen Seite dieses stetige "Einer für alle", das Musketier-Prinzip, längst aus der Literatur herausgehoben und auf gesellschaftliche Prinzip-Beine gestellt, auf der anderen das Konkurrenzdenken: "Jeder ist sich selbst der Nächste" könnte man sagen. Dass in einer solchen Welt, in der "die Konkurrenz nicht schläft", wie hier auch klassisch in einer beinah hysterischen und forschen Manier von Sängerin JUDITH HOLOFERNES vorgepeitscht wird, allzu rücksichtsvolle und zartbesaitete Gemüter kaum eine Chance auf Erfolg haben, steht fest. Es ist eben immer "Survival of the Fittest" angesagt, auch wenn dieses DARWINsche Prinzip selten geliebt ist. So singt die Sängerin am Ende einer Strophe herausfordernd: "Sag's mir, Hippiekind!" – an einer anderen, ebenso provozierend: "Sag's mir, kleiner Punk!"
Dass es einen jeden, da bilden Hippies und Punks keine Ausnahme, wurmt, wenn andere besser sind und sich wer vor einen verirrt, ein Podest, einen Thron besteigt und am meisten absahnt, wird deutlich gemacht. Für ein Lied einer stocklinken Progressivband, die ganz sicher mit großen Teilen der heutigen Clownwelt auf Linie sein dürfte, schon ein bemerkenswerter Song. Wann scheint schonmal durch, wann hat man das, dass jemand Linkes, sei er linksliberal oder linksradikal, sich dahinstellt und einige der eigenen linken Lebenslügen und Illusionen seiner eigenen Blase zum Platzen bringt? Schnell, fange man sich dieses Lied und genieße es, solang es noch existiert. Denn schon bald könnte es als "nicht woke/progressiv genug" abgestempelt und aus dem Kanon entfernt werden. Selbst wenn es natürlich den Anstoßstein jeglicher Kritik von links weiterhin mit sich trägt, sogar wie eine Monstranz vor sich her.
Sei es die Neue Neue Deutsche Welle, die sich zu Anfang der 2000er auftat (zählt man die zahlreichen deutschsprachigen Beiträge der 1990er nicht bereits als eine zeitlich erweiterte, fortgesetzte Version der ersten NDW oder als eine "zweite Welle"; hier ist viel davon vertreten), sei es die Band WIR SIND HELDEN. Was auch immer es ist, das sich hier überaus selbstbewusst hervortut und im Brustton selbstsicherer Überzeugung hinausposaunt: "Wir sind gekommen, um zu bleiben wie ein perfekter Fleck": Es hat was. Musikalisch zeigt man sich hier HELDEN-untypisch(er) (als sonst): Ein Salonjazz-Werk mit dezentem Kontrabass, Streichern, elektronischen Verfremdungsgeräuschen – fertig ist in diesem Fall das runde Mondgesicht, stimmig! Inhaltlich war man sich auf Album 2, "Von hier an blind" (Besprechung zum Titelsong: siehe weiter unten) felsenfest sicher: Wir bleiben und kommen immer wieder bzw. sind von vornherein gekommen, um zu bleiben. Gern auch unter cleverer wortspielerischer Zuhilfenahme englischer Wendungen, auch gern aus "My Way" ("now bitte face your final curtain"). Genial… Wäre es mal so geblieben…Doch die insgesamt vierte Welle der deutschsprachigen Musik, jetzt ein betulicher Beerdigungs-Pop und eine Art Befindlichkeitsmusik flacher Geister, die auf intellektuell machen, machte selbst dieser Musik mit wahrem Tiefgang und Inhalt ein Ende… Schade. Auf jeglicher Einsamen-Insel ist diese zweite NDW der dritten und vierten vorzuziehen.
Musikalische Offenbarungen sind nicht rar gesät, doch wenn man in ihren besonderen Bann gerät, werden sie zu einzigartigen Momenten. Es gibt nur wenige dieser Aha- und Wow-Effekte (und Aha steht hier nicht für die wohl dämlichste deutsche Abkürzung, die jemals die deutsche Sprache verschandelte, zu Corona-Zeiten), die jedoch mehr hervorstechen! Dieser war so einer! Das schrullige, skurrile und musikalisch zwischen Wahnsinn und Verrücktheit mäandernde Stück, das mir im Jahre 2002 um die Augen und Ohren gehauen wurde, als ich das interessant, wie eine BRAVO-Foto-Lovestory nämlich, strukturierte Video sah und hörte, in welchem ein "gerissener Musikproduzent" eine im "Keller" spielende Band (die HELDEN eben) "entdeckt" und ihnen für die ganz große Vermarktung ordentlich Bares für Klares bietet, ging direkt ins Gedächtnis. Es ging nicht wieder raus. Es blieb haften wie ein Klettverschluss. Und das ist, was ein wahrer Ohrwurm leisten muss. Wenn er dann noch mit einer konsumkritischen und warnenden Botschaft daherkommt, ist der Tag gerettet. "Guten Tag, ich will mein Leben zurück", das könnte auf so vieles zutreffen. Das Leben, das man vor dem ganzen Konsumterror hatte? Das Leben, das man ohne Werbung und Versprechungen aus ihr hatte? Vielleicht das, das man versäumt hat, weil man nur hinter dem Mammon, dem schnöden, her war? Auf jeden Fall eine Kampfansage an den Ausverkauf des reinen Lebens, des unschuldigen, nicht kommerzialisierten Lebens. Revolutionen, so sie zu zahm bleiben gegen das bestehende System…nun ja, so kann man das nur als linke Person sehen, nicht jedoch als normaler Bürger…Der Rest ist etwas, dem man sich inhaltlich anschließen könnte.
Des Lebens Routine, die konzentrischen Kreise, die man dreht, die Fehler, die man wiederholt, die Chancen, die man verpasst, das alles ist Inhalt dieses Liedes, das eine mehr als typische HELDEN-Nummer geworden ist. Unwiderstehlich traurige Trübseligkeit in Melodie gegossen, dazu die deprimierende aber auch zutiefst von Wahrheit durchdrungene Lyrik, der man fast nur zustimmen kann: Man wird alt, man befindet sich dennoch immer im selben alten Käfig, dessen Gitter man niemals überwindet, man kann sein Sein nicht abstreifen. Man ist, wie man ist, in Rollen und Konventionen festgefahren. Nun denn: Die durchdachten, klugen Wortspiele, das unglaubliche sprachliche Können der Sängerin und Dichterin der Band, JUDITH HOLOFERNES, bürgerlich JUDITH HOLFELDER, können über den ernsten Inhalt, wie meist bei den HELDEN, nicht hinwegtäuschen. Man war eben ein "Raubtier", nun ein gezähmtes Großkätzchen.
So bleibt ein Stück Song auf dem vierten und für lange Zeit letzten Album von WIR SIND HELDEN: "Bring mich nach Hause" hieß es. Die Texte sind ein wahrer Abschluss einer langen Reise, wie auch der hier drunter. Adieu, liebe HELDEN!
Mit 14 Wörtern Länge ist dieser Songtitel einer der langatmig-längsten der berühmten Deutschpop-Heroen intellektuellen Anstrichs mit Anspruch. Dazu einer der melancholischsten. Nun, HELDEN-Lieder, die sowieso selten mit ausgesprochener Ausgelassenheit umherwandeln (partytauglich sind sie nur bedingt), strotzen nicht vor falscher Fröhlichkeit. Diese Nummer ist spartanisch unterlegt, mit leichtem Klavierklimpern, dazu haucht und seufzt Sängerin JUDITH HOLOFERNES in einer Tour über eine (nicht zwangsläufig ihrer höchsteigenen Biografie entsprungene) Freundin, die im Koma gelegen haben soll – und ihr nur ein "lausiges" T-Shirt, eine Tasse und wenig Weiteres mitbringt. Dabei hatte sich die Erzählerin im Lied wohl mehr vorgestellt: War ihre ex-komatöse Freundin etwa "auf der anderen Seite", im Jenseits, wie wir es behelfsmäßig nennen? Konnte sie von dort nicht "mehr" mitbringen, irgendwas? Die Fragen nach dem (Lebens-)Sinn und dem Nahtod werden hier aufgeworfen. Was steckt dahinter, hinter dieser Seite? Fragen über Fragen, Rätsel zu Rätseln, die wir nicht beantworten können. Nicht einmal durch ein Lied, das umso mehr in die Tiefe geht, wie hier bemerkbar ist. Auch Schmerz über die Nichtmöglichkeit zur Erkenntnis und dem ultimativen Wissensgewinn lassen sich vage erkennen. Doch was wäre es schon wert, das zu wissen? Die Akzeptanz auch der eigenen Vergänglichkeit ist ein gewisser Trost.
Konformismus, Herdentrieb, Mitmach- und Gruppenzwang – nette Dinge, wenn man drauf steht, wenn man glaubt, sie zu benötigen. Dass sie aber im Grunde ihre Nachteile haben, die zahlreichen, ist ein Anliegen, das WIR SIND HELDEN in diesem Lied verfolgt. Der Text dreht sich genau darum, wenngleich ich die Lösung und Gesamtsituation im unteren (siehe hierunter) Text noch etwas adäquater resümiert zu sehen meine. Musikalisch ist es ein typisches HELDEN-Lied, das mit wenigen Sondereffekten wie Stimm-Verfremdung und leichtem Hall auskommt. Kritik an allem, das dazugehört: Wie ein dressierter Affe multitaskingfähig mit allen Händen gleichzeitig alles tun, was man wollen muss und können sollte, egal, ob es sinnvoll ist oder nicht. Hinterfragen! Lautet das Mantra hier.
Konformismus ist eine nette Sache, wenn man sich ihn leisten kann und will. Widerstand ist anstrengend und Individualismus und Eigensinn nicht gern gesehen in einer Welt der um sich greifenden TINA (there is no alternative) und Globalisierung, in welcher gigantische Völkerwanderungsbewegungen auch noch die idyllischsten Landstriche und sämtliche noch funktionierenden Nationen, Staaten und Volkswirtschaften über kurz oder lang in die Knie zwingen werden. Um das stille Mitziehen, das unhinterfragende Mitläufertum geht es exakt in diesem Lied, das sich musikalisch bewusst als eine stellenweise dissonante Quietsch-Orgie aus seltsamen Geräuschen zu einem lahmen Rock-Grundbeat mit starker Schlagzeugbetonung und weiteren diffusen Tönen präsentiert. Dazu der desillusorische Text, der folgendermaßen beginnt: "Schwere Schritte, rumpelnd rollen die Karawanen – tiefer in den Wald, wir plätten die Platanen", nur um resigniert und keine Chance auf voreiligen Zweckoptimismus lassend, fortzufahren: "Keiner weiß, wieso, wohin – doch alle ahnen – hinter jeder Kurve goldene Bananen". Das Versprechen der "goldenen" und wohl süßen Südfrüchte, die im ehemaligen Ostdeutschland, der DDR, sehr begehrt waren, gerade weil ein eklatanter Mangel an ihnen herrschte (die Banane nur sinnbildlich für alle anderen) ist wohl das, das die "Karawanen" im Liede zusammenhält und noch glauben lässt an die Versprechungen, die gemacht werden. "Und du gehst Rüssel an Schwanz hinterher" könnte auch einfach allgemeiner "und man geht Rüssel an Schwanz hinterher" heißen, doch der Betrachter oder Hörer wird direkt adressiert, denn wie ein dressierter Affe rennt auch er hinterher: dem Konsumismus, der allgemein akzeptierten Mehrheitsmeinung, dem Mainstream (gerade letztere zwei gelten besonders in dieser Zeit), den Normen und dem, was von ihm verlangt wird. Totale Anpassung ohne kritisches Selbstdenken ist letztlich gefragt. Ein wenig wie eine harsche, erwachsene Version schonungsloser Art eines Liedes, das mir bei meiner Erstkommunion ins Ohr gesungen wurde: "Kommt, kommt, kommt und reiht euch ein", damals noch weitergehend mit "an diesem Tag, wir singen heut vor Freude". Harmlos – doch dieses Lied ist es nicht. Es ist keine Schönheit. Kein Kunstwerk im klassischen Sinne: Die Melodie hat wohl etwas Eingängiges, doch folgt keinem klassischen Muster notorischer Ohrwurm-Massenlieferanten großer Plattenfirmen. Wie so viele Lieder von WIR SIND HELDEN macht gerade dies dieses Lied zu einem Unikat, das unter Millionen heraussticht. Unbedingt hörenswert und für einsame Inseln wie überfüllte Communities geeignet. Wortspiele mit Trampelpfaden und fadem Trampeln inklusive.
WIR-SIND-HELDEN-Texte sind schwer zu analysieren. Auf einer intuitiven Ebene ist jedes Wort, ist jeder Satz leicht verständlich, wenn man so will. Auf der abstrakten Ebene steht man wie der Ochs vorm Berge oder der Mops in der Küche blöd daneben und stutzt. Reibt sich kratzend den Kopf. Worum es bei dem Lied geht, das auch bei WETTEN, DASS…? damals, 2004, von der Band frisch performt wurde, als der Rapper 50 CENT zu Gast war (50 Cent für seine Gedanken zu dem Lied, dessen deutscher Text sich ihm noch viel weniger als dem übrigen Publikum erschlossen haben dürfte)? Nun, Orientierungslosigkeit, Ziellosigkeit, Nicht-mehr-weiter-Wissen womöglich. Möglicherweise auch um allgemeine Entfremdung: von der Welt, von sich selbst, von der Seele der Dinge. Im Lied, das aus einem knackigen Pop-Rock-Beat, begleitet vom kleinen Hand-Keyboard, besteht, fast ebenso melancholisch wie sein Vorgänger, der Starter des gleichnamigen Albums (der Song ist hier drunter) Nummer 2 der Band, ist alles verklausuliert, metaphorisiert, verwirbelt und verwickelt in sich sind die Reime. Eine Aneinanderreihung von Wortspielen, so erweckt es zunächst den Eindruck. Mit Doppeldeutigkeiten wird gespielt. Die Symbolik wird nicht gänzlich klar, erschließt sich mir kaum. Man ist in unbekanntem Gebiet ("soweit war ich noch nie"), man verliert den (Über-)Blick (fürs Wesentliche?), wird quasi "blind" und steht kurz vorm Aufgeben (was man sollte?): "geh endlich auf die Knie"…Mysteriös vom Anfang bis zum Ende. Doch ein schönes Stück Musik aus Deutschland, die ich auf der einsamen Insel nur weiterhin verherrlichen und frenetisch jubelnd abfeiern kann.
Melancholie in eine halbschwebende und dann flugs voranziehende Melodie in Fast-Moll. Ein typisches Deutschpop-Rock-Lied, ein Hybrid, wie meistens bei den skurril klingenden WIR SIND HELDEN. Dass es der Dame, die sich nach zwei gegensätzliche Figuren zugleich JUDITH HOLOFERNES nennt (bürgerlich: JUDITH HOLFELDER VON-DER TANN), hier singend, hauchend, resignierend, tonlos klagend, ernst ist: Merklich, wenn sie hier quasi den nahenden Weltuntergang thematisiert, dass sie ihn sogar "miterleben" möchte. Sie will zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein? Möglich. Wenn es nicht passiert? Wenn überhaupt was genau passiert? Das bleibt das bittersüße Geheimnis der in Rätseln reimenden Frontfrau der Band mit dem großspurigen doch ironisch aufgeladenen Namen (man vergleiche den Zusatztitel der ÄRZTE, die selbsternannte "Beste Band der Welt"). Sie will bei ihren Lieben sein, sie will vorbereitet sein, da sie sich sonst fragen würde: "Wo war ich, als das wahr war?". Wo werden wir sein? Wo werde ich sein? Wo werden meine liebsten Menschen sein? Oder ist am Ende alles gar nicht wahr – und es ist nur Angst vorm Verlust – vor welchem? Dem der Existenz, dem der Angehörigen? Fragen!
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Der Beitrag wurde von Karl-Konrad Knooshood auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.07.2021.
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