Angelika Güth

2 Millionen auf Cayman Island

 

2 Millionen auf Cayman Island

Regine schreckte hoch, ihr Kabinenbett schwankte bedrohlich. Was war das ? Ein Knall, laut, durchdringend hatte sie geweckt, zumindest dachte sie das. Sie schaute zu Erich neben sich, der aber  lag wie immer schnarchend auf dem Rücken. „Ich habe wohl doch sehr besonders geträumt, dachte sie noch. Aber da wieder, ein ohrenbetäubender Knall. Regine sprang aus dem Bett, breitbeinig, das Gleichgewicht haltend, angespannt lauschend.  Ein Blick zu ihrem Mann. Regine schüttelte ihn unsanft „Typisch Erich, wenn man ihn mal braucht, schnarcht er“. „Erich,  nun wach doch mal auf. Da ist etwas passiert. Ein Knall ganz laut. Eeeerich, verdammt noch mal, dein Fell ist ja noch dicker, als ich dachte. Wach endlich auf“. Erich rollte sich auf den Bauch, gähnte ausgiebig und rieb sich die Augen. „Typisch, Regine“, dachte er „macht wieder mal das Panik-Orchester“. „Was ist denn los, Frau ?“. Er setzte sich schwerfällig auf die Bettkante und versuchte, Regines panischen Gesichtsausdruck zu ignorieren.

Ein dritter Knall, noch härter,  ließ aber nun auch Erich vom Bett hochspringen, trotz Körperfülle. Ihre Schiffskabine schwankte jetzt bedrohlich, blieb dann knarrend, ächzend in einem 35 Grad-Winkel nach unten stehen. Wie in Zeitlupe rutschen Tische, Stühle, Pantoffeln in den nun stark gesenkten Kabinenteil. Auf dem Boden stehende Koffer,  Taschen, Schuhe verfingen sich, rutschten dumpf ineinander. Die halbvolle Champagnerflasche fiel um, der Champagner floss in eine Ecke über zerbrochene Gläser.  Nur Sekunden, Beiden stockte der Atem und Erich wusste jetzt, es passierte gerade etwas Furchtbares, kaum Vorstellbares. Regine stand noch wie erstarrt im Chaos, in ihren senffarbenen Satin-Schlafanzug. Champagner lief über ihre braungebrannten Füße und färbten sich rot. Schreckensstarr war Sie in Scherben getreten.

2 Millionen, Erichs Gedanken kreisten um die Millionen im Mini Safe ihres Kabinenschrankes und um seinen Plan, Geld auf Cayman Island vor den deutschen Steuerbehörden in Sicherheit zu bringen. Alles hatte er bis ins Kleinste durchdacht, geplant, getarnt als Luxus-Schiffsreise und mit Regine abgesprochen. Und nun diese Situation. Die Kabine knarrte, inzwischen bedrohlich dröhnend.

“Ach verdammt“, dachte er, erreichte Regine mit einem großen Schritt und schüttelte sie.  „Frau, zieh dich an, Hose, Pullover, unsere Overalls im oberen Fach. Lass alles andere hier, vergiss deine Schmuckschatulle und dein Abendkleid, deine Cashmere-Stola und die Highheels. Wir müssen hier sofort irgendwie raus in die Rettungsboote. Los, komm in die Gänge“.  Erich zog sich hastig an, nahm die 2 Millionen in Scheinen aus dem Mini Safe,  stopfte sie mit fliegenden Fingern in einen Plastikbeutel der schiffseigenen Modeboutique für Unterwäsche und verstaute alles in seinem 3XL-Overall. Regine, inzwischen auch mit Overall, wartete mit bleichem Gesicht. Erich lächelte seiner Frau kurz zu. Er liebte sie, auch dafür, dass sie, wenn es darauf ankam, immer mit ihm am gleichen Strang gezogen hatte, auch in vergangenen schwierigen Lebensphasen. Sie zickte nicht, wurde nicht hysterisch, er hatte sich immer auf sie verlassen können.  Ja, dafür liebte er sie besonders.

Im eingebauten Kabinenschrank hatte er im obersten Fach kürzlich zufällig 2 gelbe Schwimmwesten entdeckt. Er warf Regine eine Schwimmweste zu. Gottseidank passten beide. Ein kurzer Griff noch zu den Geldscheinen, innen an seinem Bauch, dann rissen Beide die Kabinentür auf. Auf dem langen Gang kam ihnen schon gurgelnd das Wasser entgegen. Sie stemmten sich Schritt für Schritt dagegen, zogen sich an Messinggeländern hoch, immer weiter nach oben  und erreichten über mehrere Treppen schließlich das Oberdeck. „Erichs Orientierungssinn ist goldwert“ dachte Regine kurz „Wenn’s drauf ankommt, ist er der Größte, trotz dieser elenden Schnarcherei“. Auch dafür liebte sie ihn, auch nach all den Jahren.

Auf dem Oberdeck Chaos. Alles drängte zu den Rettungsbooten. Rücksichtslos drückten sie Passagiere zur Seite. Das harte Scheppern und Rasseln der schweren Ketten beim Ablassen der Beiboote schnitt die laue Nachtluft in harte Stücke.

Erich hatte sich am Bug des Schiffes einen Überblick verschafft. Seine Gedanken überschlugen sich „2 Millionen in meinem Overall, der Temin morgen 11 h in der Butterfield Bank in George Town…aber ich schwöre mir“, flüsterte er, „wir gehen morgen durch die Drehtür der Bank, etwas ungewöhnlich angezogen, aber wir gehen“.

“Regine, schau dir das doch mal an, wie haben keine Wahl, wir müssen springen, nach unten, so ungefähr 35 m tief, das Wasser ist warm. Fass mich ganz fest an, meine Liebste“. Regine nickte kurz, holte ganz tief Luft, fasste fest Erichs Hand, dann sprangen sie in das dunkle Wasser der karibischen See.

Intensiv duftet es nach tropischen Blüten, Früchten, nach Kokosnuss und aromatischen Cocktails, ein Duft nach Urlaubsunbeschwertheit, nach Flirts und Reggae-Tönen. Wellen rollen sanft auf den Strandsand der Karibikinsel Grand Cayman, irgendwo auf halbem Weg zwischen Kuba und Mexiko.  

Es ist der 22. Mai, 10.30h Ortszeit.  Ein typisch beiges Cayman-Taxi hält an der  Uferpromenade.  Eine Frau und ein Mann in XXL- Overalls mit gelben Schwimmwesten steigen in das wartende Taxi. „Zur Butterfield Bank in der Sheden Road 19 bitte, wir haben um 11.00h einen Termin“.

 „Yes, please“ sagt der Taxifahrer und fährt los.

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Angelika Güth).
Der Beitrag wurde von Angelika Güth auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.08.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Die Autorin:

  • Autorensteckbrief
  • angelika.guetht-online.de (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)

  Angelika Güth als Lieblingsautorin markieren

Bücher unserer Autoren:

cover

Geschichten und Gedichte aus dem Wald. von Eveline Dächer



(Für Kinder von 3 - 9 Jahren)

Hier gibt es Gedichte und Geschichten von Bäumen, Blumen, Pflanzen, von Fuchs und Hase, von Spinnen,+ Käfern, Raupen + Schmetterlingen, Ameisen, Eulen, Fledermäusen, von Gnomen und Elfen, kurz alles was im Wald so kreucht und fleucht , wunderschön mit Wunsch- und Traumbildern illustriert.
Es ist so ein liebens - und lesenswertes Büchlein geworden, dass nicht nur Kinder ihre Freude beim Lesen haben werden.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Abenteuer" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Angelika Güth

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Awita´s Welt - Arbeitslos, Versuch einer Satire von Angelika Güth (Gesellschaftskritisches)
Pilgerweg V. von Rüdiger Nazar (Abenteuer)
24 Stunden von Klaus-D. Heid (Satire)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen