Manfred Bieschke-Behm

Ich habe nie so viel Zeit gewollt

 

Da, wo ich jetzt bin, fühle ich mich wohl. Ich muss nicht überlegen, was ich sage, nicht erklären, wie ich was gemeint habe, mich nicht entschuldigen. Ich kann mich voll auf mich konzentrieren. Ich bin mir uneingeschränkt ganz nah. Wenn ich ehrlich bin, habe ich nie so viel Zeit gewollt. Die ich jetzt habe. Ich bin nur neunundzwanzig Jahre alt geworden. Ein bisschen wenig Menschenleben. Ich hatte noch viel vor. Vielleicht zu viel. Bis zu dem Unfall rauschte das Leben an mir vorbei. Keine Zeit, keine Zeit. Und jetzt? Jetzt habe ich alle Zeit der Welt. Natürlich gab es Dinge, die noch zu erledigen waren, die noch geklärt hätten werden müssen. Zu spät. Später später habe ich oft gesagt und danach gehandelt. Mir war keine Sekunde lang bewusst, dass es sein kann, dass es kein später gibt. Meine Eltern müssen damit leben, dass sie ihrem Sohn keine Warum-Fragen mehr stellen können. „Warum lebst du allein?“ „Warum hast du dein Studium nicht beendet?“ „Warum besuchst du uns so selten? Ich war ihnen und anderen gegenüber oft ungerecht und weit weg von der Wahrheit. Wollte nicht ehrlich sein nicht alle mir gestellten Fragen beantworten. Wollte so leben, wie ich es für richtig hielt. Waren meine Eltern und die anderen mir gegenüber immer ehrlich und gerecht? Ich will keine Aufrechnung. Will es nur gesagt haben. Was mache ich mit der ungewollten Zeit, die ich jetzt habe? Ich werde über alles was ich erlebt, durchlebt, durchlitten, woran ich Freude hatte, was mein Leben bereichert hat noch einmal durchleben. Ich kann mir damit Zeit lassen. Neues kommt nicht hinzu. Den Zustand Zeit zu haben hatte ich mir oft gewünscht. Nun, wo ich Zeit habe, fehlt mir was, sie mit Leben zu fühlen. Das Leben ist so. Ich wüsste gerne wie die, die ich zurückgelassen habe, über mich denken, was sie fühlen. Aber was hätte ich davon, wenn ich es wüsste? Eine Chance zu reagieren habe ich nicht. Wie wird es dem Autofahrer geben der mich auf dem Fahrrad sitzend totgefahren hat? Ist er mit dem Leben davon gekommen liegt er im Krankenhaus? Das täte mir leid. Ich wollte nie, dass meinetwegen jemand leidet und doch konnte ich es nicht verhindern. Meine Freundin litt als ich ihr erklärte, dass ich mich von ihr trenne. Ich hatte lange damit gewartet ihr mein Vorhaben mitzuteilen. Hätte ich damit noch ein bisschen länger gewartet, hätte sich die Situation von selbst gelöst. Ich bräuchte kein schlechtes Gewissen zu haben und sie könnte sagen: „Das Schicksal hat es so gewollt.“ „Für Liebe gibt es keinen Garantieschein“, erzählte mir ein Freund nach seiner Scheidung. „Fürs Leben auch nicht“, würde ich ihm heute antworten. „Leben ist eine Lotterie. Mal gewinnst du, mal verlierst du.“ Ich habe mein Schicksal angenommen. Ich fühle mich nicht als Verlierer. Im Gegenteil. Anfangs sagte ich: „Ich habe nie so viel Zeit gewollt.“ Jetzt sage ich “Die Zeit, die ich jetzt habe, ist die Zeit, die mir im Leben so oft fehlte.“

 

Diese Kurzgeschichte ist in meiner Schreibgruppe entstanden. Die Aufgabe war einen biografischen Text zu
der Überschrift "Ich habe nie so viel Zeit gewollt" zu schreiben.
Manfred Bieschke-Behm, Anmerkung zur Geschichte

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