Hermann Moser

Selbstmordverbot

  1.  „Oh, mein Gott … Pass auf!“

 

Corinna Zimmermann öffnete den Reißverschluss ihrer Notarzt-Jacke. Selbst in dieser kühlen Nacht war ihr heiß, nachdem sie eine gefühlte Ewigkeit um das Leben eines Schwerstverletzten gekämpft hatte. Sie lehnte an der Wand neben einem Personalausgang des Allgemeinen Krankenhauses der Stadt Wien und nahm einen großen Schluck von ihrem Multivitamin-Saft. Als sie den mehr als 60 Jahre alten weinroten Opel Olympia kommen sah, lächelte sie. Klaus holte sie mit ihrem Lieblingsmodell aus seiner Oldtimer-Sammlung ab. Ihr Mann wusste immer, wie er mit kleinen Gesten ihre Stimmung heben konnte.

Der Göttergatte hielt direkt vor seiner Frau im Halteverbot an, stieg aus, und ging zu ihr. Corinna umarmte und küsste ihn, musste sich dabei etwas bücken, da er mehr als einen Kopf kleiner als sie war.

„Hallo Schatz, danke fürs Abholen. Einen plaudernden Taxi-Fahrer hätte ich heute nicht mehr ausgehalten. Die Notarzt-Kleidung macht die Leute immer so neugierig.“

Klaus öffnete galant die Beifahrertür. Corinna sah zwei Flaschen Multivitaminsaft auf dem Sitz liegen. Gott, war dieser Mann süß!

Sie fuhren los. Corinna öffnete eine Flasche. „Wie war euer Abend? Mit den Kindern alles in Ordnung?“

„Was immer sie Schlimmes angestellt haben, konnten sie erfolgreich vor mir verbergen. Es war also stressfrei. Bei dir war es offensichtlich nicht so. Warum seid ihr direkt ins AKH gefahren? So schlimm?“

„Furchtbar! Verbrennungen am ganzen Körper. Der Mann wird wohl noch Stunden operiert.“

Sie näherten sich der Auffahrt zum Gürtel. Die Ampel war rot. Klaus trommelte mit den Fingern auf das Lenkrad. „Ich habe von einem Rettungshubschrauber-Einsatz in Simmering gehört. Wart ihr das?“ Endlich grün, Klaus gab Gas.

Corinna atmete tief durch. „Ja … Oh, mein Gott … Pass auf!“

Ein Auto.

Von links.

Viel zu schnell.

Klaus trat voll auf das Bremspedal. Der Wagen raste knapp an ihnen vorbei. Corinna wollte ihr Mobiltelefon nehmen, um die Polizei anzurufen. Sie kam aber nicht mehr dazu. Das Auto krachte in der folgenden lang gezogenen Linkskurve in ein Gebäude der Wiener Linien. Die Scheiben des Eingangstors zerbarsten klirrend.

Dann wurde es still.

Corinna legte den Kopf zurück und schloss die Augen. Noch ein Einsatz. Sie ballte die Fäuste, spannte jeden Muskel ihres Körpers, war plötzlich wieder hellwach. „Klaus, fahr hin! Schnell!“ Der Ehemann gehorchte. Corinna griff zum Rücksitz, wo ihr Notarztrucksack lag.

An der Unfallstelle sprang sie aus dem Auto. Im Wrack saß ein Mann, der aus Mund und Nase blutete. Er bewegte sich kaum noch. Sie versuchte, die Fahrertür zu öffnen, doch die klemmte. Durch die Öffnung des gebrochenen Fensters fühlte sie den schwachen Puls, betastete mit der anderen Hand die vom Schock kühle Stirn.

„Verdammt, Klaus! Er stirbt! Wir müssen die Tür aufbekommen! Mach doch etwas!“

Klaus lief mit einem Werkzeugkasten aus seinem Kofferraum zu ihr und suchte etwas, um die Tür aufzuhebeln. Dafür war er nicht ausgerüstet. Er nahm die Stange des Wagenhebers und rammte sie mit Wucht in den Türspalt. Mit seinem ganzen Gewicht drückte er dagegen, bis die Tür aufging.

Corinna drängte ihn zur Seite. „Wir müssen ihn herausholen, bevor er an seinem eigenen Blut erstickt! Ich ziehe am Oberkörper, komm hilf mir!“ Corinna wartete keine Antwort ab. Sie drehte den Rücken des Verletzten leicht zu sich, griff unter seinen Achseln durch und nahm seinen Unterarm mit dem Rautek-Rettungsgriff, zog den Mann mit der Hilfe von Klaus langsam heraus.

Als sie den Verletzten auf die Straße legten, kam er noch einmal zu sich. Er versuchte, etwas zu sagen, aber die Worte erstickten in seinem Blut. Dann legte er seinen Kopf zur Seite und bewegte sich nicht mehr.

Corinna fühlte, wie sein Puls verschwand. Sie riss sein Hemd auf, wollte zur Herzmassage ansetzen. „Oh nein!“, schrie sie.

„Was ist?“, fragte Klaus und reichte ihr den Notarztrucksack.

„Multiple Rippenbrüche. Ich kann keine Herzmassage durchführen, ohne seine Lunge zu verletzen.“ Sie tastete noch einmal nach seinem Puls und schüttelte den Kopf.

Das war der Moment, in dem Corinna nach jahrelanger Notarzt-Erfahrung noch immer nicht professionell bleiben konnte. Wenn sie einen Patienten verlor, ging ihr das zu Herzen. Sie stand auf und trat gegen das Unfallwrack. Klaus versuchte, sie zu umarmen, doch sie stieß ihn weg. Dann setzte sie sich auf den Gehsteig, lehnte sich an die Hauswand und weinte.

 

  1.  „Irgendetwas stimmt hier nicht.“

 

Das Leben kehrte in der Form von Einsatzkräften an die Unfallstelle zurück. Die Szene erstrahlte in blinkendem Blau, begrenzt von einem gelben Absperrband.

Klaus saß neben Corinna auf dem Gehsteig und tröstete sie, als sich ein Mann in Polizeiuniform aus der Gruppe löste und auf sie zuging.

Klaus stand auf und zeigte ihm seinen Dienstausweis, der ihn als Mitarbeiter des Bundeskriminalamts auswies. Der Beamte schaute flüchtig auf das Dokument. „Ein Kollege? Da schau her.“

„Kein Polizist, aber ziviler Angestellter. Ich bin Tatortanalyst.“ Klaus nahm wieder seinen Ausweis und steckte ihn ein.

„Servus, ich bin Gruppeninspektor Thomas Wallner“, wechselte der Polizist in den kollegialen Ton, „ich muss dich als Zeugen befragen, bitte ohne Analyse. Der Unfallhergang war wohl eindeutig.“

Klaus ging zum Unfallwrack und deutete seinem Kollegen, mitzukommen. „Der Hergang war eindeutig, aber ich frage mich, warum das so geschehen ist. Ich habe gesehen, wie er mit mehr als 100 Sachen über den Gürtel gerast ist. Der Mann ist etwas zu alt für pubertäre Racing-Spiele. Es gibt keine Bremsspuren, er hat auch nicht versucht, den Wagen herumzureißen. Er hat einfach Gas gegeben und ist in das Haus gerast, und das in einer lang gezogenen Kurve, die sogar mein Oldtimer mit diesem Tempo locker geschafft hätte.“

Wallner schaute den Tatortanalysten verzweifelt an. „Vielleicht ist er eingeschlafen,“ meinte er grübelnd. „Er könnte auch so etwas wie einen Anfall gehabt haben.“ Seine Stimmlage stieg mit der Begeisterung über seine neue Theorie. „Durch die Krämpfe hat sein Fuß das Gaspedal voll durchgetreten. So etwas ist schon vorgekommen.“

Klaus ging ein Stück in die Richtung, aus der das Auto gekommen war, drehte sich um und streckte seinen Arm aus, als ob er eine Pistole in der Hand hätte, zielte auf die Unfallstelle. Das Schauspiel wiederholte er mehrmals. „Er ist völlig gerade gefahren, ohne einen Millimeter zu lenken. Bei einem Anfall hat man doch Zuckungen. Irgendetwas stimmt hier nicht.“

Wallner zeigte genervt zum Kleinbus mit der Aufschrift „Unfallkommando“. „Herr Kollege! Du bist hier kein Tatortanalyst, sondern Zeuge eines Unfalls. Wir müssen ein Protokoll aufnehmen.“ Er stieg in den Wagen und setzte sich an den kleinen Schreibtisch, auf dem sich ein Laptop befand.

Klaus nahm gegenüber Platz. „Das war weder ein Unfall noch ein Anfall, da bin ich mir sicher.“

„Ganz ruhig, ich muss dich zuerst über deine Zeugenrechte aufklären.“

Klaus schlug sich die Hand auf die Stirn. „Das ist wohl ein Scherz. Ich bin selbst Angestellter der Polizei.“

„Aber kein Polizist, wie du selbst schon festgestellt hast. Dennoch solltest du wissen, dass wir unsere Amtswege einhalten müssen.“

Klaus blickte nach oben und faltete demonstrativ die Hände. „Natürlich! Aber für diesen Vorfall hat Gott den Amtsweg des Todesfalls unter ungeklärten Umständen geschaffen. Damit kommt die Kriminalpolizei ins Spiel.“

„Nur weil zufällig ein BKA-Kollege Unfallzeuge ist, muss das nicht gleich ein verdächtiger Todesfall sein. Habt ihr sonst nichts zu tun?“ Er machte eine abweisende Handbewegung. „Das bringt doch nichts. Es ist besser, du kümmerst dich um deine Frau. Die sitzt noch immer völlig fertig auf dem Gehsteig.“

„Endlich ein vernünftiger Vorschlag! Ich gehe zu Corinna, du rufst meine Chefin Nyoko Humer an und erklärst ihr unsere verschiedenen Meinungen. Die ist eine echte Polizistin, seit kurzem sogar Leutnant.“

„Nyoko? Was ist das für ein Name?“ Wallner begann zu lächeln. „Ist das die Asiatin aus dem Polizeikalender? Die rufe ich gerne an.“

„Mach dir aber nicht zu viel Hoffnungen. Sie wird mit ihrem Mann kommen, der arbeitet nämlich auch bei uns.“ Klaus stieg aus dem Auto aus. „Wenn es einen Amtsweg für männliche Hormone gäbe, würde Nyoko die Verwaltung revolutionieren“, murmelte er und ging zu seiner Frau, die auf dem Gehsteig noch immer mit den Tränen kämpfte.

 

  1.  „Was ist hier los?“

 

Nyoko Humers quietschende Reifen malten eine schwarze Bremsspur auf die Fahrbahn. Das Gemälde endete millimetergenau vor der Unfall-Absperrung. Ein Polizist eilte hin, um ihr eine Standpauke für das waghalsige Manöver zu halten. Der Elan des Beamten wurde allerdings von ihrem strengen Blick in Kombination mit dem BKA-Ausweis gestoppt. Ihr legeres Outfit, bestehend aus einer Jogginghose und einem engen Top, mag wohl auch dazu beigetragen haben. Sie lief an allen Polizisten vorbei direkt zu Klaus, der die Unfallspezialisten bei ihren Messungen beobachtete und gleichzeitig mit einem Polizisten stritt.

„Hallo Klaus! Ich hoffe, es gibt einen guten Grund, dass mich mitten in der Nacht ein Polizist weckt und sich beschwert, dass du bei einer Unfallaufnahme nicht konstruktiv mitarbeitest.“

„Servus Chefin! Heute ohne Christian unterwegs?“

„Es reicht, wenn eine Person in der Familie morgen nicht ausgeschlafen ist! Was ist hier los?“

Klaus stellte Thomas Wallner vor. Die beiden begannen sofort wieder zu streiten. Nyoko stellte sich zwischen sie. „Stopp! Aus! Kollege Wallner, fahre bitte zur Familie und informiere sie über den Unfall. Ich kümmere mich hier um Klaus und leite den Einsatz, der ohnehin fast abgeschlossen ist.“

„Es gibt ja doch vernünftige Menschen im BKA.“ Wallner zog seine knallgelbe Weste mit dem Aufdruck „Polizei Einsatzleiter“ aus und überreichte sie Nyoko. Er winkte einem Kollegen und ging mit ihm zu seinem Streifenwagen.

Nyoko lächelte Klaus an, als Wallner außer Hörweite war. „So einfach übernimmt man den Einsatz, ohne zu streiten. Es schadet nicht, wenn jemand die Nachricht überbringt, der an den Unfall glaubt. Ich vertraue deinem Instinkt, auch wenn das Ergebnis hier etwas fantastisch klingt. Jetzt kannst du es mir ungestört erzählen.“

Klaus erklärte mit seinem ganzen Körper. Er lief die Bahn des Unfallautos hin und her, deutete mal in diese, mal in jene Richtung, und schüttelte jedes Mal den Kopf, wenn er das Wort „Unfall“ sagte.

Nyoko verfolgte konzentriert das Schauspiel. „Könnte es ein Selbstmord gewesen sein?“

Klaus zeigte Richtung Süden. „Siehst du das große Gebäude? Das Allgemeine Krankenhaus. 50 Operationssäle. Mehr als 1000 Ärzte. Würdest du für einen Suizid durch Unfall einen Ort wählen, wo direkt daneben so viele Menschen arbeiten, die dein Leben retten können? Außerdem ist er in spitzem Winkel gegen das Haus gefahren. Selbstmörder nehmen ihr finales Ziel in der Regel frontal in Angriff.“

Nyoko ging zu ihrem Auto, stieg ein und stellte den Wagen genau auf die Bahn, die der Unfallwagen genommen hatte. Sie stellte sich vor, Vollgas zu geben, um ihr Leben zu beenden. Das war zu statisch. Sie öffnete das Fenster und rief hinaus, dass die Polizisten den Weg freimachen sollten. Alle gehorchten. Das Wrack war bereits verladen. Nun hatte sie freien Blick auf die Unfallstelle. Und freie Fahrt. Nyoko gab Gas. Mit quietschenden Reifen beschleunigte sie auf der Bahn, die ihr Klaus vorher erklärt hatte. Gerade wie eine gespannte Schnur. Das Haus kam rasch näher. Nyoko bremste. Wieder quietschten die Reifen. Das Auto blieb kurz vor der Hauswand stehen. Nyoko schloss die Augen und fuhr im Geiste weiter. Gegen die Hauswand. Ließ ihr Auto an der Mauer zerschellen. Sie beugte sich ruckartig vor, als ob sie beim Aufprall nach vorne geschleudert würde. Der Gurt hielt sie zurück. „Interessant“, murmelte sie und öffnete ihre Augen.

Nyoko stieg aus, Klaus wartete bereits neben ihrem Auto. „Du hast recht“, sagte sie zu ihm, „so begeht kein Mensch Selbstmord. Ich habe Corinna noch gar nicht begrüßt. Wo ist sie? Ich muss dringend mit ihr sprechen.“

„Sie sitzt in meinem Auto. Du weißt doch, wie es ihr zu Herzen geht, wenn sie ein Leben nicht retten kann.“

Nyoko lief hin. Corinna stieg aus, als sie ihre Freundin, Patientin und obendrein Chefin ihres Mannes kommen sah. Die Polizistin umarmte die Ärztin. „Hallo! Wie geht es dir?“

„Es wird schon wieder. Mann muss in diesem Beruf damit umgehen können, dass man nicht jedes Leben retten kann.“ Ihre verheulten Augen signalisierten, dass sie bei der Bewältigung nicht sehr erfolgreich war. „Schickes Outfit“, versuchte sie, ihre Stimmung zu verbergen und zeigte auf Nyokos Einsatzleiterweste. „Bist du zur Verkehrspolizei gegangen?“

„Es könnte sein, dass dein Mann richtig liegt. So wie fast immer, wenn er penetrant nervt. Das wird unter Umständen noch eine Mordermittlung. Mich wundert, dass das Opfer so schwer verletzt war. Die Geschwindigkeit war zwar hoch, aber er ist im spitzen Winkel auf der Beifahrerseite gecrasht. Da hat man doch gute Chancen. Noch dazu war die beste Notärztin Wiens sofort hier. Kannst du abschätzen, welche Verletzungen er hatte?“

„Das war allerdings seltsam“, grübelte Corinna. „Er hatte multiple Rippenfrakturen, bogenförmig, als ob er mit voller Wucht gegen das Lenkrad geprallt wäre. In dieser Form habe ich das bei einem Verkehrsunfall noch nicht gesehen.“

„War er nicht angegurtet?“

„Oh doch, den Gurt habe ich bei der Ersten Hilfe geöffnet.“

„Der Airbag?“

„Hat ausgelöst.“ Corinna machte eine Pause. „Das ist allerdings seltsam. Die Verletzung passt einfach nicht dazu.“

Nyoko begann unruhig hin- und herzugehen. „Der Gurt war angelegt und der Airbag hat funktioniert. Die Verletzungen sagen genau das Gegenteil. Wie kann das sein? Klaus, hast du eine Idee?“

Corinnas Ehemann neigte den Kopf zur Seite. „Ich habe keine Ahnung. Entweder hatte der Mann so viel Pech wie ein Beduine, der in der Wüste ertrinkt, oder …“

Klaus machte eine Pause, zu lang für die stets ungeduldige Nyoko. Sie sah ihn fordernd an. Er atmete tief ein. „Oder … wir stehen am Anfang einer Mordermittlung.“

Nyoko klatschte in die Hände. „Los geht’s! Wir haben Arbeit!“ Sie ging mit Klaus zum Unfallkommandowagen, in dem ein junger Streifenpolizist auf dem Computer tippte. „Kollege, was wissen wir über den Toten?“

Der Mann schaute auf seinen Bildschirm. „Franz Mößlinger, 60 Jahre, aus Wien. Er ist der Eigentümer der Sleipnir GmbH, das ist anscheinend ein gut gehendes Software-Unternehmen.“

Klaus schlug mit der Hand gegen den Kommandowagen. „Sleipnir! Jetzt wird mir einiges klar!“

Nyoko schaute ihn fragend an. Er nahm sein Smartphone, rief die Homepage der Firma auf, und zeigte sie Nyoko. „Das Unternehmen erstellt Software für automatische Fahrassistenzsysteme. Du weißt schon, automatisches Einparken, Abstand halten, und das ganze Klimborium, das ich nicht mag.“ Er scrollte durch die Webseite. „Schau hier! Auf der Referenzliste steht auch der Hersteller des Unfallwagens. Wir müssen den Täter wohl in der Firma Sleipnir suchen. Dort gibt es Menschen, die solche Systeme manipulieren können.“

Die Hoffnung, dass Klaus sich getäuscht hatte, musste Nyoko wohl endgültig aufgeben. Sie setzte sich in den Unfallkommandowagen, drehte den Protokoll-Laptop zu sich, und rief die Homepage des Unternehmens auf. „Das führt uns direkt zu den Angehörigen des Opfers“, murmelte sie während sie die Seite über die Firmenleitung studierte. „Sleipnir ist ein Familienbetrieb, beide Söhne sitzen im Vorstand. Hier sind auch die Lebensläufe. Die Herren sind ausgebildete Informatiker und waren an der Produktentwicklung federführend beteiligt.“ Sie griff in ihren Rucksack – eine Freundin von schicken Damenhandtaschen war sie nicht – und nahm einen Haargummi heraus, band ihre Haare zu einem Pferdeschwanz. Ihre Kampffrisur, das Zeichen, dass sie in den Angriffsmodus geschaltet hatte. „Wir werden die Familie noch nicht über unseren Verdacht informieren. Vorher möchte ich alle Fakten kennen. Ich schreibe Mails mit den Aufträgen an die Kollegen, die morgen früh ausgeschlafen in den Dienst kommen“, sie lächelte kurz, „einer bekommt einen Zettel auf das Nachtkästchen gelegt. Klaus, kannst du bitte den Transport des Wagens in die Forensik und die Überführung der Leiche zu Wolfgang in die Gerichtsmedizin organisieren.“

„Alles klar! Das Auto zu mir und den Fahrer zu meinem Schwiegervater.“

Klaus instruierte einen Streifenbeamten. Dann durfte er endlich seine geliebte Notärztin nach Hause fahren.

 

  1.  „Wir brauchen endlich Erklärungen, was schiefgegangen ist.“

 

Am folgenden Morgen betrachtete Christian Humer nachdenklich das Wrack in der Werkstatt der Forensik. Unfälle machten den sonst so gelassenen Mann immer nervös, sie erinnerten ihn an den halsbrecherischen Fahrstil seiner Frau.

Am Morgen hatte er sich noch gewundert, als er die Nachricht von Nyoko gefunden hatte, dass er ohne sie zu wecken ins Büro fahren sollte, um an der Aufklärung des mysteriösen Unfalls zu arbeiten. Ein neuer Fall und Nyoko wollte sich ausschlafen? Das war ja etwas ganz Neues. Die Verwunderung sollte nicht lange andauern, denn schon eine halbe Stunde nach ihm war sie im Büro aufgetaucht, frisch und munter, als ob sie nicht die halbe Nacht an einem Unfallort verbracht hätte.

Christian ging um das Auto, das vor allem auf der Beifahrerseite schwer beschädigt war. Konzentrieren konnte er sich nicht. Er hörte, wie Nyoko Anweisungen gab, erinnerte sich an ihrer Zeit bei der Motorradstreife, als sie auch privat ein heißes zweirädriges Gefährt gefahren hatte. Immer diese Angst. Nein, Nyoko und ein Unfallwrack im selben Raum konnte er nicht aushalten.

„Christian! Hallo!“ Er hörte sie und nahm sie dennoch nicht wahr. Genauso wenig ihr ungeduldiges Händeklatschen. Wie ferngesteuert schaute er in den Innenraum des Autos. Der Airbag war inzwischen ausgebaut. Auf dem Fahrersitz lag ein Laptop, von dem ein Kabel zu einem Port in der Konsole des Autos führte. Was hatte ihm seine Chefin und Ehefrau noch mal aufgetragen? Die Gedanken wanderten weiter. Als er sie schließlich genötigt hatte, ihr Motorrad aufzugeben, hatte sie ein Rallye-Auto gekauft. Ruhiger war er dadurch nicht geworden.

Er erschrak, als er ihre Hand auf seiner Schulter spürte. „Christian, was ist los mit dir?“, fragte sie ihn, diesmal im besorgten Ton. „Man könnte meinen, dass du derjenige von uns beiden warst, der die halbe Nacht auf den Beinen gewesen ist.“

Christian drehte sich zu ihr. „Ich bin in Ordnung, dachte nur etwas nach.“

„Du Dummerchen machst dir schon wieder Sorgen, weil du ein Unfallwrack siehst. Hab keine Angst, ich bin doch inzwischen ganz brav geworden.“

„So brav man eben mit quietschenden Reifen sein kann.“

Klaus kam zu den beiden. In der Hand hielt er die geöffnete Aufrollvorrichtung eines Sicherheitsgurtes. „Vielleicht kann ich den Göttergatten beruhigen, wenn ich euch erkläre, warum das hier kein gewöhnlicher Unfall war. In einem Gurtaufroller befindet sich ein Zahnkranz auf der Rolle.“ Er zeigte mit einem Kugelschreiber auf das Teil. „Hier seht ihr die Federn, von denen die Rolle in der Mitte gehalten wird. Wenn man ruckartig am Gurt anzieht, reicht die Federkraft nicht aus, um die Rolle in ihrer zentralen Position zu fixieren. Sie bewegt sich zur Seite und der Zahnkranz blockiert an diesen Auskerbungen. Seht her!“ Klaus zog am Gurt, und die Rolle versah ihren Dienst so, wie es der Tatortanalyst erklärt hatte. Er reichte die Rolle Nyoko.

Sie testete den Mechanismus erfolgreich. „Jetzt habe ich wieder etwas dazugelernt. Aber was willst du uns damit sagen? Das Ding funktioniert doch. Wir brauchen endlich Erklärungen, was schiefgegangen ist.“

„Das ist ja auch der Gurt des Beifahrersitzes. Ich wollte euch nur die Funktion demonstrieren. Kommt mit!“ Klaus führte die beiden zu einem Whiteboard, an dem der Ausdruck eines großen Bildes mit bunten Magneten fixiert war. „Hier seht ihr den geöffneten Aufroller des Fahrergurtes, bevor wir ihn für die Spurensicherung komplett zerlegt haben.“ Er wartete, während Nyoko das Foto betrachtete. „Jetzt können wir abprüfen, ob du vorher brav gelernt hast. Fällt dir etwas auf?“

„Das Zahnrad fehlt.“

„1 Punkt Abzug für die Bezeichnung ‚Zahnrad‘. Es ist ein Zahnkranz. Es reicht dennoch für ein ‚Sehr Gut‘.“

Nyoko trommelte mit ihren Fingern gegen das Whiteboard. „Dafür bekommst du eine Betragensnote, weil du die Ermittlungen mit unsachlichen Kommentaren aufhältst. Wir sind bisher von einer Softwaremanipulation ausgegangen. Jetzt kommst du mit einem fehlenden Zahnrad … Zahnkranz, du machst mich ganz verrückt! Suchen wir jetzt einen Mechaniker statt eines Programmierers?“

„Geduld, liebe Chefin! Ich bin noch lange nicht fertig.“ Er ging weiter zum nächsten Whiteboard. An diesem hingen einige Ausdrucke von Computerprogrammcodes. Mehrere Stellen waren mit Leuchtstiften verschiedener Farben markiert.

Nyoko stöhnte. „Bitte halte jetzt keinen Programmierer-Kurs ab. Sag mir einfach, was wir hier sehen.“

„Keine Angst! Computerprogramme sind bei weitem nicht so interessant wie Zahnkränze. Mir ist es viel lieber, wenn sich etwas dreht.“

„Klaus! Ich rotiere bald und dann wirst du meine Zähne spüren!“

„Ist ja schon gut. Hier sehen wir das Programm für den Airbag. Die markierte Zeile sollte eigentlich nicht hier stehen. Sie bewirkt eine Zeitverzögerung beim Auslösen des Luftballons. Nur ganz kurz, aber lang genug, dass ein Mensch ohne funktionierenden Sicherheitsgurt vorher gegen das Lenkrad prallt.“

Christian, der bisher schweigend danebengestanden hatte, versuchte, alle Gedanken zu verdrängen, wie Nyoko gegen ein Lenkrad prallte. Erfolglos. „Das ist aber perfide“, raunte er. „Damit bleibt noch die Frage, wie es zu dem Unfall kam. Ich vermute, die Antwort steht auf den anderen Blättern an diesem Whiteboard.“

„Hochintelligent wie immer, der Kollege. Damit sich die Chefin nicht aufbläst wie ein Airbag, werde ich mich kurzhalten. Das Programm für die Einparkautomatik wurde auf eine interessante Art modifiziert: Lenkung immer gerade aus und Vollgas. Das wurde nach einer halben Stunde Fahrzeit automatisch aktiviert.“

Klaus zeigte während seines Vortrags auf die entsprechenden Stellen im ausgedruckten Programmcode. Christian fand langsam zur Konzentration zurück. „Das Auto dachte also, dass es einparkt, während es gegen die Wand fuhr. Für einen Menschen, der Computer hasst, kennst du dich eigentlich sehr gut mit diesen Programmen aus.“

„Manchmal versteht man die Dinge besser, wenn man sie nicht mag“, sagte Klaus grinsend. „Außerdem hat es mir vorher ein Experte des Autoherstellers erklärt. Wenn ich mir anschaue, was man damit anstellen kann, wird meine Abneigung sicher nicht kleiner.“

Christian stellte sich vor, wie Nyoko in einem manipulierten Auto durch die Gegend raste. Immerhin hatte sie als erfolgreiche Kriminalpolizistin viele gefährliche Feinde. Demnächst würde einer dazukommen, der die Fähigkeiten zu so einer Aktion besaß. Und Vollgas musste man bei ihr nicht programmieren. Er überlegte, für sie einen Oldtimer wie jenen von Klaus zu kaufen. Aber auch Zahnräder konnte man manipulieren. Es war zum Verzweifeln.

Nyoko riss ihn aus seinen Gedanken. „Gute Arbeit! Die Frage nach Mord oder Unfall ist endgültig geklärt. Der Täter besitzt spezielle Kenntnisse, das schränkt den Verdächtigenkreis ein. Kann man eigentlich den Zeitpunkt der Umprogrammierung feststellen?“

Klaus zeigte auf ein weiteres Blatt am Whiteboard. „Im Normalfall schon, aber auch dieser Teil wurde verändert. Der Kerl ist schlau. Wir sollten einen Intelligenztest mit allen Verdächtigen machen. Der mit dem besten Ergebnis ist der Mörder.“

Nyoko schaute ihn an wie ein umprogrammierter Kampfroboter. „Klaus! Könntest du bitte konstruktive Vorschläge machen!“

„Gerne! Wir sollten mit allen Beteiligten würfeln. Wer verliert, ist der Täter.“

„Was willst du damit schon wieder sagen?“

„Der Mörder ist der größte Pechvogel der Geschichte. Er hat das so genial geplant und die Sache wäre beinahe als Unfall durchgegangen. Aber sein Mordcomputer wurde genau aktiv, als ich Corinna mitten in der Nacht vom AKH abgeholt habe.“

Nyoko lachte. „Dafür verzeihe ich dir zwei Abschweifungen. Leute! Ab ins Büro! Ich möchte noch mehr Hintergründe über die Mößlingers erfahren, bevor wir die Familie besuchen.“

 

  1.  „Die haben uns noch gefehlt.“

 

Das Tor öffnete sich automatisch. Nyoko betrat am Nachmittag mit Christian das Grundstück der Mößlingers und fragte sich, ob die Eigentümer eine derart hohe Mauer um das Gelände errichtet hatten, weil das Haus so hässlich war. Diese ineinander verschachtelten Betonkuben waren so gar nicht ihr Stil. Nicht einmal, als sie noch als Model gearbeitet hatte, waren so viele Kameras auf sie gerichtet gewesen. Ein Rasenmäher-Roboter fuhr neben ihnen, als sie zum Haus gingen. Über den beiden Polizisten flog eine Drohne.

An der Haustür empfing sie eine junge Frau. „Mein Name ist Sibylle Hannak, ich bin die Assistentin der Mößlingers“, stellte sich die Blondine vor.

Sie gingen in das Haus. Hannaks Kleid war schwarz, eng und kurz. Ein ähnliches Teil hatte Nyoko früher auch erfolgreich eingesetzt, wenn sie auf Männerfang war. Sie schaute zu ihrem Mann, der offensichtlich den Po von Sibylle Hannak als Wegboje benutzte, und schüttelte den Kopf.

Die Assistentin bat die Polizisten, in einem großen Raum zu warten, der mit einigen fernöstlichen Kunstgegenständen verziert war.

„Freut mich, dass du die asiatische Schönheit nicht vergessen hast“, sagte die Polizistin, die das Aussehen ihrer japanischen Mutter geerbt hatte, zu ihrem Mann, als er die Kunstwerke betrachtete. „Hast du die Assistentin vorher geistig ausgezogen?“

„Natürlich habe ich nur ermittelt. Ich fragte mich, wobei sie den Brüdern in ihrem Wohnhaus assistiert.“

Aus dem Nebenraum hörten sie ein lautes Gespräch. Sie stellten sich nahe zu der Tür, hinter der die Figur der Sexbombe davor verschwunden war, und lauschten.

„Er will ein schlichtes Begräbnis! Was hat er sich nur dabei gedacht? Wir besitzen ein erfolgreiches Unternehmen und sind eine der reichsten Familien des Landes. Das müssen wir bei seinem letzten Weg repräsentieren. Gibt es in dem Testament kein Schlupfloch?“

„Das wird schwierig. Er hat eine Obergrenze von 10.000 Euro für alle Begräbniskosten inklusive Grabstein festgelegt. Entweder lassen wir ein Holzkreuz aufstellen oder wir können die Gäste nicht verköstigen.“

„Das ist eine Katastrophe! Er stirbt in einem 140.000 Euro teuren Auto und will als Toter plötzlich bescheiden sein. Ich habe vorher mit einem Bischof telefoniert. Er wird das Requiem halten, dann hat es zumindest etwas Stil. Dass wir gleichzeitig eine großzügige Spende für die Domerhaltung geben, hat natürlich nichts mit dem Begräbnis zu tun.“

„Seid doch etwas leiser“, hörten Nyoko und Christian nun Hannaks Stimme, „draußen warten zwei Polizisten vom Bundeskriminalamt und ihr diskutiert lautstark über ein repräsentatives Begräbnis.“

„Die haben uns noch gefehlt. Hol sie rein.“

Nyoko und Christian verließen schnell ihren Lauschposten. Sie konnte gerade noch ihr Smartphone in die Hand nehmen, um konzentriertes Lesen zu simulieren, und er musterte mit interessierten Blick eine thailändische Buddha-Statue, als Sibylle Hannak die Tür öffnete und die beiden in den nächsten Raum bat.

In der Mitte des großen Wohnzimmers war ein kleiner japanischer Go-Tisch aufgestellt. Nyoko war zwar Shogi-Meisterin, aber auch Go spielte sie sehr gut. Sie erkannte sofort, dass die Stellung nicht aus einem vernünftigen Spiel kommen konnte. Die schwarzen und weißen Linsen waren offenbar schnell zufällig aufgelegt worden. Die Mößlingers wollten wohl Gelassenheit demonstrieren.

Beide Brüder erhoben sich aus ihrer sehr schlampig eingenommenen Fersensitzhaltung. Nyoko musste sich ein Lächeln verkneifen. Der ältere der beiden trug einen Maßanzug mit perfekt sitzender Krawatte. Sein Bruder hatte sich zwar nichts um den Hals gebunden und seine Beine steckten in einer flotten Jean, aber auch er hatte ein Sakko an. Bei einem gepflegten Go-Spiel im Wohnzimmer? Nyoko konnte es nicht fassen. Was sollte die Show?

„Franz Mößlinger“, stellte sich der Mann mit Krawatte vor.

„Ludwig Mößlinger“, folgte der sportliche Typ.

„Nyoko Humer“, sagte die Polizistin, zeigte ihren Ausweis, und zog es vor, die beiden zu beobachten anstatt gleich loszuplaudern.

„Christian Humer“, beendete der Ehemann seiner Chefin die Vorstellrunde.

Sibylle Hannak lief etwas abseits des Quartetts unruhig hin und her. Nyoko erkannte den Typ Frau, der es nicht aushielt, wenn nur schweigsam herumgestanden wurde. Dieses Spiel musste sie verlieren.

„Wollen Sie etwas trinken?“, fragte die Assistentin.

„Nein, danke!“, antwortete Nyoko.

„Ich auch nicht“, unterstützte Christian.

Nun konnte auch Ludwig Mößlinger nicht mehr stillhalten. Er bat die Polizisten mit einer Handbewegung, auf der Couch Platz zu nehmen.

„Ich sitze eigentlich gerne japanisch“, meinte Christian und setzte sich auf ein Sitzkissen neben dem Go-Tisch.

„Das ist keine schlechte Idee“, pflichtete ihm Nyoko bei und nahm gegenüber Platz. Sie warf einen anerkennenden Blick zu Christian. Mit diesem Manöver hatte er die Mößlingers endgültig zum Herumstehen vor zwei auf dem Boden sitzenden Polizisten verdonnert. Eine gute Gelegenheit, die Brüder aus dem Konzept zu bringen und die Körpersprache zu beobachten.

Die Mößlingers schauten sich ratlos an. Franz lockerte seine Krawatte. „Sie sind vom Bundeskriminalamt? Kommt die Kripo immer bei einem Unfall?“

„Ich fürchte, wir bringen unangenehme Nachrichten“, sagte Nyoko. „Wir haben den Unfall Ihres Vaters noch einmal untersucht, weil es einige Ungereimtheiten gegeben hat. Bei der technischen Analyse haben wir festgestellt, dass Herr Mößlinger vor der Kurve beschleunigt hat und ohne Lenkbewegung oder Bremsversuch gegen das Haus gefahren ist. Das lässt nur einen Schluss zu: Ihr Vater hat den Unfall in suizidaler Absicht herbeigeführt. Wissen Sie, ob er an Depressionen gelitten hat?“

Ludwig Mößlinger konnte sich nicht stillhalten und ging im Kreis. „Selbstmord? Das kann ich mir nicht vorstellen. Meine Güte! Wenn das stimmt, bekommt er kein kirchliches Begräbnis. Jetzt verlieren wir auch noch den Bischof.“

„War Ihr Vater ein religiöser Mensch?“

„Überhaupt nicht, aber ein Bischof beim Begräbnis wäre schon standesgemäß.“

Sein Bruder deutete auf den Spieltisch zwischen den Polizisten. „Das Ganze ist beinahe skurril. Mein Vater liebte das Go-Spiel.“ Er schaute zu Nyoko. „Sie kennen es wahrscheinlich.“

Sie nickte. „Ich spiele aber lieber Shogi. Was wollen Sie uns damit sagen?“

„Go ist eine faszinierende Sache. Die Regeln beherrscht man in fünf Minuten. Dennoch sind die Spielverläufe so komplex, dass es das letzte Strategiespiel war, für das man ein starkes Computerprogramm erstellen konnte. Eine der wenigen Regeln ist das Selbstmordverbot. Man darf einen Stein nicht so setzen, dass er sofort tot ist. Vater hat diese Vorschrift gehasst, weil nach seiner Meinung solche Bestimmungen die Einfachheit des Spieles stören. Das Recht, sich selbst in eine schlechte Position zu bringen, wollte er sich nicht nehmen lassen.“

„Sehr interessant“, murmelte Nyoko, während sie zu ihrem Smartphone griff, das gerade vibrierend eine Nachricht ankündigte. Eigentlich war es die vorher eingestellte Weckfunktion, aber das sollten die Mößlingers nicht wissen. Sie entsperrte das Telefon mit ihrem Fingerabdruck und rief das Mailprogramm auf. „Ich habe gerade eine Nachricht von unseren Technikern bekommen.“ Sie überflog den letzten Monatsbericht der Kriminalstatistik und steckte das Handy wieder ein. „Das ist gar nicht gut“, sagte sie zu den Mößlingers, „unsere Experten haben festgestellt, dass die Software des Unfallautos manipuliert war. Ist so etwas möglich?“

Ludwig Mößlinger drehte seine Kreise immer schneller. Sein Bruder Franz entledigte sich endgültig seiner Krawatte. „Theoretisch ist das schon möglich, aber da sind viele Sicherungsmechanismen eingebaut.“

Nyoko erhob sich vom Sitzkissen am Boden und stellte sich Ludwigs Kreisen in den Weg. „Ihr Unternehmen beschäftigt sich doch mit dieser Software. Hatte ihr Vater im Betrieb Feinde?“

„Eigentlich war er sehr beliebt. Er hat sich allerdings schon vor einiger Zeit aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen. Er war nur noch formal der Chef. Die aktive Firmenleitung haben Franz und ich übernommen.“

Nyoko ging weiter zu Franz Mößlinger. „Wie viele Mitarbeiter besitzen die Fachkenntnisse, um so eine Manipulation durchzuführen?“

„Diese Programme sind unser Kerngeschäft und wir beschäftigen nur exzellentes Personal, also fast alle.“

„Können sie uns zeigen, wie man dabei vorgeht? Ich meine nicht die Programmierung selbst, aber mich interessiert, was man am Auto machen muss, um so einen manipulierten Code einzuspielen.“

„Sibylle … ähh Frau Hannak, können Sie bitte die Polizisten in die Garage führen. Wir holen einen Service-Laptop und kommen nach.“

Die Assistentin führte Nyoko und Christian in die Garage, in der ein großer SUV und ein Sportcoupet standen. Nyoko ließ Christian den Vortritt, der mit einem Blick signalisierte, dass er ihren Plan verstanden hatte. Hannak ging zum SUV und stieg auf der Fahrerseite ein, Christian nahm auf dem Beifahrersitz Platz und öffnete das Fenster, damit Nyoko auch zuschauen konnte. Sie lehnte sich gegen das Auto und beobachtete, wie Hannak eine kleine Klappe in der Mittelkonsole öffnete, hinter der sich zwei USB-Ports befanden. Christian starrte ihr unverschämt in den Ausschnitt. Die Blondine wusste, dass er ein Mann war, hatte aber keine Ahnung von seinen Fähigkeiten als Zauberkünstler. Sie bemühte sich um eine aufregende Pose und bemerkte nicht, wie ein Gegenstand seinen Ort wechselte.

In diesem Augenblick kamen die Brüder Mößlinger mit dem Service-Laptop und einem Datenkabel. Nyoko wandte sich zu den beiden. „Vielen Dank, aber ich denke, dass Christian in dem Auto schon genug gesehen hat. Wir können nicht ausschließen, dass auch auf Sie Anschläge geplant sind, solange wir das Motiv nicht kennen. Es könnte ein Racheakt gegen Ihr Unternehmen sein. Wir müssen Ihre Autos untersuchen, aber unsere Spezialisten haben leider erst morgen Zeit. Bitte lassen Sie die Fahrzeuge in der Garage und versuchen Sie nicht, selbst etwas zu untersuchen. Das würde unsere Ergebnisse verfälschen. Wir kommen dann morgen mit den Experten.“ Nyoko wartete keine Antwort ab. Sie verabschiedete sich und verließ mit Christian das Haus.

In ihrem Auto klopfte sie ihm auf den Oberschenkel. „Gut gemacht!“

 

  1.  „Warum singt Falco unter dem Beifahrersitz?“

 

In der Nacht ging Sibylle Hannak mit Franz und Ludwig Mößlinger wieder in die Garage. Ludwig stieg in den SUV seines Bruders und verband einen Laptop mit dem USB-Port des Autos.

Hannak öffnete die Beifahrertür und schaute ihm zu. „Bist du sicher, dass niemand die nachträgliche Umprogrammierung bemerkt?“

„Natürlich, ich habe ein falsches Datum in die Meta-Files gegeben und die Spur zu einem kürzlich gekündigten Mitarbeiter gelegt.“

„Ist das so sicher wie beim Auto eures Vaters? Ihr habt geschworen, dass alle an einen Unfall glauben würden. Dann ist der Wagen wie eine Rakete über den Gürtel in das Haus geschossen. Da musste die Polizei misstrauisch werden.“

„Sei nicht so zickig!“, rief Ludwig, während er auf dem Laptop tippte. „Du wirst deinen Anteil schon bekommen, wenn du einen von uns heiratest.“

Hannak schaute zwischen den Brüdern, die um ihre Gunst buhlten, hin und her. „Hoffentlich bin ich dann keine Gefängnisbraut. Bis jetzt habt ihr alles vermasselt. Kein Wunder, dass der Alte das Unternehmen verkaufen und den Gewinn einer sozialen Stiftung vermachen wollte. Ich verstehe nur nicht, warum er mich sitzengelassen hat. Da peppt man das Sexleben eines alten Knaben auf und er will plötzlich wie ein Mönch mit sozialem Gewissen leben. Bist du endlich fertig?“

Ludwig klappte den Laptop zu. „Ja. Mach dir keine Sorgen. Ich habe das besser gemacht als der da drüben bei unserem Vater.“

„Das werden wir ja noch sehen“, brummte der Bruder aus dem Hintergrund.

Dann erschraken sie.

Eine Stimme ertönte aus dem Nichts.

„Drah di ned um, oh oh oh.“

„Was ist denn das?“, fragte Hannak.

„Der Kommissar geht um, oh oh oh.“

Ludwig Mößlinger schlug mit der Faust gegen das Lenkrad. „Warum singt Falco unter dem Beifahrersitz?“ Er bückte sich zur Seite und inspizierte den Fahrzeugboden. „Hier ist ein Handy. Das hat wahrscheinlich der Polizist verloren. Der Klingelton sollte wohl lustig sein.“ Er gab das Telefon Sibylle Hannak, während Falco weiter sang.

Sie blickte auf das leuchtende Display. „Hier steht ‚Nyoko‘, ich übernehme das … Guten Abend Frau Humer! Ihr Kollege hat anscheinend sein Telefon bei uns verloren.“

„Hallo Frau Hannak! Er kann manchmal ein richtiger Schussel sein. Wo haben sie es gefunden?“

„Es war im Wohnzimmer beim Go-Tisch. In der japanischen Sitzhaltung kann schnell etwas aus der Hosentasche rutschen.“ Hannak lächelte die Mößlingers zufrieden an.

„Das ist interessant“, tönte Nyokos Stimme aus dem Telefon, „ich habe eben Falco in Ihrer Garage singen gehört.“

„Wie bitte? Wo sind Sie?“

„Ich stehe vor dem Garagentor. Können Sie uns bitte öffnen?“

Das Wort ‚uns‘ brachte Hannak noch mehr aus der Fassung. „Das … geht leider nicht. Das Tor ist kaputt.“

„Schade! Dann muss ich sie telefonisch informieren, dass der Untersuchungsrichter einen Lauschangriff genehmigt hat. Unsere Techniker haben Christians Handy per Fernzugriff dafür programmiert. Ihr aufschlussreiches Gespräch vorhin ist aufgezeichnet worden.“

„War das alles eine Falle?“

„Sehen Sie es wie ein Go-Spiel. Sie haben den letzten Stein in ein vom Gegner eingeschlossenes Feld gesetzt. Das widerspricht dem Selbstmordverbot. Sie haben verloren. Das Haus ist übrigens tatsächlich umstellt. Es wäre einfacher, wenn Sie die Funktion des Garagentors noch einmal überprüfen.“

Hannak schleuderte Christians Telefon in eine Ecke der Garage und ging zur Torsteuerung an der Wand.

Das Rolltor öffnete sich langsam.

Hannak sah zuerst viele Beine, dann die Oberkörper, schließlich die Gesichter. Nyoko und Christian Humer standen zwischen weiteren Polizisten.

Sie winkten grinsend mit Handschellen.

Alles Weitere bekam Sibylle Hannak nur noch wie durch einen Schleier mit. Sie nahm kaum wahr, wie die Polizisten in die Garage liefen, hörte nicht die Rufe.

Am Ende spürte sie nur den kalten Stahl an ihren Handgelenken.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.08.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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