Thomas Klassen

Geschenk

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Myriam stand vor dem Tor. Sie war konzentriert.

Das Tor war natürlich gesichert. Da man im „Museum für galaktische Absurditäten und schlimme Kunst“ nie so genau wusste, was die aktuelle Zielgruppe eigentlich war, wurde das Museum entgegen üblicher Gepflogenheiten auch mechanisch gesichert.

Sie fuhr mit dem linken Zeigefinger über den Rahmen des Tors und ließ es von ihren Bionics scannen. Sie fand die Schnittstelle und legte ihren Mini daran. Dann kramte sie ein paar flache Federstähle heraus. Einige waren vorne wie abgerundete Haken geformt. Damit begann sie an dem antiquierten Schloss herumzuhantieren. Nach ein paar Sekunden spürte sie, wie der Zylinder sich drehen ließ. Ihr Mini hatte inzwischen die Torkontrolle übernommen, und schon schloss sich das Tor hinter ihr.

Sie betrat den Eingangsbereich. Kleine Lichter flammten irritiert auf und zuckten umher. Der Boden kräuselte sich optisch, unterstützt von einer leichten Vibration. Wenn sie stehen bliebe, bewegte sie der Boden von alleine in Richtung Besucherscanner. Aber da wollte sie nicht hin. Sie hatte sich das kompakteste Exoskelett besorgt, dass ein Kumpel von Mirag IV ihr anpassen konnte. Damit sprang sie bis an die Decke und kroch mit den Chamäleonpads über die Decke in die Ausstellung. In ihrer erweiterten Sicht tauchte der Gebäudeplan auf. Ihr Ziel lag im dritten Untergeschoss, hinter dem Wald eingefrorener Spikulen.

Bei Tag war das Museum interessant und voller Überraschungen, bei Nacht war es zusätzlich noch gruselig. Da war eine Darstellung eingefrorener Seelen der Mruk-sA, die sich ihrer Vernichtung widersetzten (erfolglos, wie die Geschichte ja weiß). Grün-grau blitzte es in den rötlichen Eiswolken, während unsichtbare Kraftfelder alles im Fluss hielten. Hier ließ sie sich fallen. Dahinter kam – wahnsinnig schräger Humor – ein Großrechner, der auf Elektronenröhren basierte. Irgendwer hatte auf der Erde sowas im Museum gesehen und sich köstlich darüber amüsiert. Nachdem der Hype über die analoge Digitaltechnik wieder aus den interplanetarischen Shows verschwunden war, hatte ein Händler namens Tokker sich einen Spaß daraus gemacht, einen Mega-Rechner aus Pentoden zu bauen. Keinen kleinen Demostrationsrechner, nein gleich was Großes, um eine Torverbindung zu berechnen. Er schaltete ihn ein, und in der Raumstation ging das Licht aus. Daraufhin baute er das Ding ab und schenkte es dem Museum, das ihn auf einem Eismond am Rande des Systems aufstellte. Und ihn mit Portalen mit dem eigenen Gebäude verband. Dann kam ein anderer Irrer und baute die Portale in mehrere Türrahmen. Ein Schritt für den Besucher, 100 Astronomische Einheiten für alle anderen. Myriam war vorbereitet, die tauende Methaneiswüste von Mylar zu sehen. Im Hintergrund ging der Gasriese auf und leuchtete dunkelrot. Einen Moment genoss sie den Anblick. Dann durchquerte sie die Reihen rotgold lumineszierender Röhren und trat aus der Rückseite des Portals. 120 Schritte für sie, aber nur 25 Zentimeter im Museum.

Ihre erweiterte Sicht zeigte ihr den Weg ins Untergeschoss. Im nächsten Raum ließ sie die Augen geschlossen. Beim letzten Besuch kotzte sie sich hier ein. Ihre Trägheitsnavigation führte sie sicher hindurch.

Sie nahm sich im nächsten Abteil kurz Zeit und betrachtete sich die Darstellungen der ersten Fluggeräte der Ktomki. Die stammten von einer Wasserwelt mit weniger als 10% Land. Und bis heute rätseln alle, wie die Ktomki auf die Idee kamen, zu fliegen. Vom Raumflug gar nicht zu reden.

Der Aufzug ins nächste Untegeschoss wurde mitten in der Fahrt zum Innern eines Stellarators, und Myriams integrale Kraftfelder sprangen an. Ihr Exoskelett ging direkt in den Kampfmodus und fast hätte sie den Aufzug gegrillt.

Bleich stolperte sie heraus und stand nun vor der gewünschten Ausstellung. Das Tor leistete ihr nur kurz Widerstand, dann lagen die Flügel verformt und glühend rechts und links von ihr auf dem Boden. Der Raum war schwarz. Also, nicht dunkel. Sondern SCHWARZ. Die Abwesenheit von Licht, von 300nm bis 15µm Wellenlänge wurde alle Strahlung verschluckt. Und in der Mitte war die Explosion einer thermonuklearen 500 Megatonnen-Bombe aufgestellt, eingefangen im unmittelbaren Beginn und in Stasis für alle Ewigkeit aufbewahrt. Myriam überlegte wieder einmal, ob das noch absurd war, oder schon schlimme Kunst, oder beides. Dann zuckte sie mit den Schultern, rollte das faltbare Tor aus und prüfte ihnen Mini. Er hatte inzwischen die Sicherheits-KI des Museums übernommen und gab ihr grünes Licht. Sie aktiviere das Tor, baute eine Kurztransferverbindung auf und schnappte sich die Explosion. In dem Moment, da sie das Tor passierte, schrillte der Alarm los. Aber da war sie schon weg.

Drei Monate später gingen die meisten Wesenheiten in der bekannten Galaxis davon aus, dass das Kunstwerk bei einem Sammler gelandet war. Die Wogen hatten sich geglättet, und Museum, Erben des Künstlers und Versicherung stritten sich darüber, ob dies nun eine unwiderbringlich verlorene Kunst war, oder etwas, dass nur auf technischen Gimmicks beruhte und eigentlich, wenn sich jemand fände, der wahnsinnig genug dazu sei, wieder herstellen ließ. Was, in Hinsicht auf den Künstler, eine interessante Diskussion zu werden versprach.

Myriam näherte sich auf einer elliptischen Bahn langsam ihrem Ziel. Sie sah auf den Timer am Rande ihres Gesichtsfelds. Sie lag gut in der Zeit. Sie aktivierte den Interlink und rief ihren Bruder an.

„Hi Brüderchen. Schafft ihr es, wie ausgemacht zum Mondaufgang am Strand zu sein? - Super, danke.“

Alles lief wie geplant. Sie bestätigte den Countdown, klinkte ihr Paket aus und startete die Korrekturdüsen ihres Shuttles.

3 Stunden später saß ihre Nichte am Strand, vor sich einen Geburtstagskuchen, und blickte in den Himmel. Knapp über dem Mond leuchtete eine grelle Explosion auf. Kraftfelder hielten ganze 3 Sekunden, bevor sie zusammenbrachen, aber das reichte, um die Explosionsgewalt soweit zu kanalisieren, dass ein lustiges Leuchtgebilde entstand. Ein großer glühender Kreis mit zwei angesetzten kleineren, die etwa bei 10 und 14 Uhr standen, dazwischen ovale dunkle Bereiche mit zwei stilisierten Augen, eine Nase in der Mitte und ein Grinsen darunter. Eine der antiken Comicfiguren, die ihre Nichte liebte.


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.08.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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