Anschi Wiegand

Wolfi, Dolfi und ich

Prolog
Früher habe ich gedacht, Geister gibt es nicht. Irgendwann, als ich älter wurde und im Leben schon so manches erlebt hatte, was ich nicht für möglich gehalten hätte, wurde ich da offener. Ich stellte fest: es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde, die vielleicht einfach da sind, auch wenn ich sie mir nicht erklären kann. Und ich entwickelte eine Begeisterung für mystische Erzählungen, Romane und Filme, in denen Geistwesen Verbindung aufnahmen zu einzelnen Personen, um ihnen eine Botschaft zu überbringen oder ihr Leben in eine neue, eine bessere Richtung zu lenken. Doch dass ich selbst mit Geistern zu tun bekommen könnte, das konnte ich mir wirklich nicht vorstellen - so etwas passierte doch nur Menschen, die etwas „abgehoben“ waren…nicht so ganz von dieser Welt sozusagen. Aber sicher nicht jemandem wir mir, der eher unscheinbar seine täglichen Aufgaben verrichtete und allenfalls damit punkten konnte, dass er noch an das Gute in der Welt und in den Menschen und an die Liebe glaubte, obwohl die Weltnachrichten täglich eher das Gegenteil zu beweisen schienen. Ich sollte mich getäuscht haben in dieser Ansicht…



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Die Tränen liefen mir über die Wangen, als Patrick Swayze alias „Sam“ langsam unsichtbar wurde und ins wohlverdiente Jenseits entschwand. Verstohlen wischte ich sie schnell weg, aber ich spürte schon das Lächeln von Thomas, der seitlich von mir auf dem Sofa saß und sich mit mir gemeinsam „Ghost“ auf DVD angeschaut hatte… Er wusste, dass ich immer weinen musste an dieser Stelle - das gehörte sozusagen dazu, wenn ich solche Filme anschaute. Ich seufzte nochmal laut und sagte dann grinsend zu meinem Schatz: „ Wenn ich mal sterbe, dann erscheine ich dir auch als Geist…“ „Na, das hoffe ich doch…du weißt doch, dass ich es nicht mag, abends hier so alleine zu hocken…“ antwortete er grinsend. „Aber falls ich zuerst gehen muss, schau ich auch öfter mal bei dir vorbei“ versprach er mir dann noch. Ich dachte dann darüber nach, dass es eigentlich schade ist, dass all meine lieben „Voran-Gegangenen“ nicht einfach mal ab und an „vorbei schauen“ würden. Vor allem meinen Papa vermisste ich oft schmerzhaft und bedauerte es besonders, dass er meine neue Liebe und mein neues Glück nicht mehr hatte miterleben können. Ich selbst hatte noch das Glück gehabt, den Vater von Thomas kennen zu lernen, bevor auch er schon viel zu früh verstarb - fast im gleichen Alter, wie mein eigener Papa einige Jahre zuvor. Manchmal stellte ich mir vor, dass unsere Väter sich irgendwo „da oben“ vielleicht öfter trafen und ein Schwätzchen hielten, während sie uns hier unten beobachteten. Über diesen Gedanken schlief ich auch an diesem Abend ein.

Ich war nochmals eingeschlafen, nachdem Thomas und die Kinder sich schon auf den Weg zur Arbeit gemacht hatten. Heute hatte ich erst am Nachmittag Dienst und da gönnte ich mir gerne noch etwas längeres Schlafen und genoss die Ruhe im Haus. Im Hintergrund hörte ich das Trippeln von Ben, der sich offenbar mal wieder nicht entschließen konnte, wo er seinen Hundeschlaf fortführen wollte. Es würde nicht mehr lange dauern, bis er sich deutlicher bemerkbar bei mir machen würde, um sein Frühstück einzufordern. Sein lautes Bellen bewog mich dann auch wenige Minuten später, aufzustehen und ins Wohnzimmer zu gehen. Dort kläffte unser Hund in Richtung Sofa, als ob er einen Einbrecher verjagen wollte. „Was ist denn los, ist doch niemand dort…“ versuchte ich ihn zu beruhigen. „Tzzz…niemand bin ich ja wohl nicht…“ hörte ich da eine Stimme aus der Sofaecke, die mir vertraut vorkam. Erschrocken wischte ich mir über das noch verschlafene Gesicht und dachte, dass ich wohl langsam anfange, zu spinnen. Oder ich schlief in Wirklichkeit noch und das war ein Traum? Eine zweite Stimme meldete sich aus Richtung Sofa: „Nein, du träumst nicht, wir wollten dich einfach mal besuchen und ein wenig mit dir plaudern...“ hörte ich die Stimme meines verstorbenen Schwiegervaters sagen.
Mit „wir“ meinte er offensichtlich meinen Papa, denn die erste Stimme war die von meinem Papa gewesen… vertraut und doch fremd, da er ja schon so viele Jahre tot war. Und nun sollten beide bei mir auf dem Sofa sitzen?

Ich beruhigte erst mal den Hund und schickte ihn mit einem Leckerli in sein Körbchen, dann wandte ich mich in Richtung Sofa: „Mit mir plaudern? Das geht nicht… ihr seid doch tot… und Tote plaudern nicht...“ stammelte ich.
„Das mag ja sein, meine Liebe, aber das hindert uns doch nicht, hier bei dir ein Gläslein Wein zu trinken und uns mit dir zu unterhalten“ ergriff nun wieder mein Schwiegervater das Wort. Ich dachte daran, dass er immer schon wesentlich gesprächiger gewesen war, als mein Papa.
Mein Papa ließ ein zustimmendes Brummen hören, das klang wie „so ist es“.
„Ihr trinkt Wein am frühen Morgen?“ fragte ich. „Da, wo wir jetzt leben, spielt Zeit keine Rolle… und da wir beide ein Glas guten Weines zu schätzen wissen, warum sollten wir nicht zusammen eines trinken?“ hörte ich meinen Papa sagen.
Wolfi, mein Schwiegervater, lachte sein fröhliches Lachen und ergänzte:“Wenn wir auch sonst nicht viel gemeinsam haben, dein Papa und ich, liebe Anschi… aber ein guter Wein schmeckt uns beiden! Und wir erzählen auch beide gerne Geschichten aus unserem Leben, auch wenn die auf sehr unterschiedliche Weise verlaufen sind.“
Ja… das konnte ich wohl bestätigen – im echten Leben wären sie wohl kaum enge Freunde gewesen, aber beide hatten das Herz am rechten Fleck und liebten ihre Kinder. Und bei Familienfeiern… hätten sie diese noch gemeinsam erleben können... hätten sie sich sicher gut verstanden und miteinander lachen können. Es freute mich, dass sie sich nun „da oben“ getroffen und sich gemeinsam auf den Weg gemacht hatten, um mich zu besuchen.
„Wo wir gerade davon sprechen… noch trinken wir ja gar nichts… aber es wäre nett, wenn du uns ein Glas Wein anbieten würdest, Anschi“ lachte da Wolfi. „Dolfi und ich haben nämlich Durst“. Aha… Dolfi nannte er meinen Papa, wie niedlich, dachte ich, während ich mechanisch zwei Rotweingläser aus dem Schrank holte und den Korkenzieher aus der Schublade. Weißwein hatte ich keinen kalt gestellt… ich hatte ja nicht mit Besuch gerechnet. Aber Rotwein mochten sie ja ebenso; für mich holte ich noch eine frische Tasse Kaffee.

Ben hatte sich inzwischen aus seinem Körbchen erhoben und vor das Sofa gelegt – offenbar fand er den Besuch inzwischen nicht mehr bedrohlich, nachdem ich mich scheinbar friedlich mit den Gästen unterhielt, die er wohl sehen konnte, ich aber nicht. Darum blickte ich schon sehr irritiert auf die nun schwebenden Weingläser, die sich scheinbar ins Nichts entleerten.
Nach einem genussvollen Seufzen sprach mein Papa jetzt zu mir: „Wir dachten, es wäre schön, wenn wir dich mal besuchen und dir erzählen, dass wir uns getroffen haben und dass es uns da oben gut geht. Wir schauen euch gerne zu, wie es euch so ergeht und freuen uns so, dass es meistens ganz gut läuft bei euch. Es ist so schade, dass wir die Enkel nicht mehr leibhaftig aufwachsen sehen – aber sag ihnen, dass wir trotzdem immer in ihrer Nähe sind und uns so freuen, dass aus ihnen so tolle junge Erwachsene geworden sind.“
Ich schluckte, denn ich wusste, wie sehr die Kinder ihre Großväter vermissten. Während mein Schwiegervater schon zu Lebzeiten leider viel zu wenig von seinen Enkeln mitbekommen hatte, war mein Papa ein sehr engagierter Opa gewesen, der den Enkeln durch seine lustigen Spiele und seine liebevolle Geduld in liebender Erinnerung geblieben war. Beide Opas vermissten ihre Enkel genauso, wie es umgekehrt der Fall war. Diese Botschaft wollte ich gerne weiterleiten!
In dem Moment warf sich Ben auf den Rücken und unsichtbare Hände kraulten ihm offensichtlich den Bauch. Er ließ sein glückliches Hunde-Grinsen sehen und ich musste lachen.

Wolfi und Dolfi erzählten mir dann noch viele Geschichten von den Verwandten, die sie im Jenseits schon getroffen hatten und mit denen sie hin und wieder Familientreffen hatten, auf denen es immer sehr fröhlich zuging. Denn die Bosheit bleibt beim Übergang im Körper, während nur der gute Geist nach oben entweicht - und die ganz Bösen wären ohnehin an einem anderen Ort…
Wir lachten viel und weinten gemeinsam um die verlorene gemeinsame Zeit. Als die beiden schließlich gehen mussten, weil ihre Besuchszeit abgelaufen war, verabschiedeten wir uns herzlich und mit einem guten Gefühl. Im Wohnzimmer entstand ein Gefühl von Leere.
„Das wird mir keiner glauben, wenn ich das erzähle“, dachte ich bei mir, als ich die zwei Weingläser und meine Kaffeetasse in die Spülmaschine räumte, um mich für die Arbeit fertig zu machen.

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