Günter Weschke

Schnitzelchen

Schnitzelchen

Meine Frau und ich, dazu unsere beiden Kinder, hatten es satt, im tristen Berlin, also mitten in der Stadt, zu wohnen.
Wir suchten also, per Anzeige, ein kleines Haus im Grünen.
Und siehe da, oder da, es rief jemand an.
Wir verabredeten uns für den nächsten Tag, zur Hausbesichtigung.
Es stellte sich heraus, dass es sich um das Haus ihrer Eltern handelte. Die Eltern hatten viele Jahre den Hof bewirtschaftet, und wollten sich auf Tennerifa zur Ruhe setzen, d.h. sie waren bereits dort.
Der Tochter hatten sie den Hof übergeben, ihr Mann war ebenfalls Landwirt, aber das Elternhaus wollten sie nicht behalten, da sie auf dem Hof selbst wohnten.
Dieser Hof lag ganz in der Nähe des Hauses, nach der Besichtigung, unterschrieben wir den Kaufvertrag und waren ganz plötzlich stolze Hausbesitzer.
Danach führte man uns herum, zeigte uns die Ställe mit ein paar Kühen, wobei unsere Tochter gleich auffiel.
“Papa, darf ich mit der Kuh spazieren gehen?”
“Nein, natürlich nicht!”
“Aber warum nicht?”
Die Bäuerin kam mir zu Hilfe, : “mit einer Kuh kann man nicht Spazieren gehen!”
“Doch, unser Nachbar geht mit seiner Frau auch spazieren!”
So nun komm, gehen wir weiter.
Ooooch, sieh mal die süßen kleinen Ferkel dort!”
Meine Frau hatte plötzlich glänzende Augen bekommen, der Bauer legte ihr ein Ferkelchen in den Arm.
Ganz behutsam streichelte sie es und wollte es nicht mehr hergeben. Der Bauer sagte.” Sie können dieses Schweinchen behalten, das geht so, wenn sie also möchten, dann ziehen wir es bis Weihnachten groß und sie können es dann vom Metzger schlachten lasen, bekommen zwei große Schinken, Speck und viele Würste,, eben ein ganzes, zerlegtes Schwein.
Die Kinder sprangen herum und freuten sich so sehr, dass wir beide zusagten und somit Besitzer eines Schweins waren.
“Da sie ja gleich hier wohnen, können sie jeden Tag kommen, um zu sehen, wie es groß wird und dabei immer fetter!”
Der Jubel der Kids Nahm kein Ende.
“Wie soll es denn heißen”?
Spontan sagte ich -Schnitzelchen-, was mir nicht nur einen empörten Blick meiner Frau einbrachte, sondern auch einen Ellenbogenkick in meine Hüfte.
Au-ja, schrien die Kinder, Schnitzelchen ist ein schöner Name.
Triumphierend sah ich meine Frau an, sie setzte noch einmal ihren Ellenbogen ein, autsch.
Dann sahen wir das große Plakat, auf dem hingewiesen wurde, dass man hier auch täglich frische Eier kaufen kann, auch selbstgebackenes Brot, sie haben auch eine Biene, denn auch guter Landhonig wurde angeboten, man kann auch ein frisch geschlachtetes Huhn erwerben, so wie geräucherten Schinken, Speck und andere Leckereien.
Obst und Kartoffeln und Gemüse.
Und so lebten wir, wie die Made im Speck.
Das Weihnachtsfest rückte immer näher und somit auch die Frage, wo bringen wir das geschlachtete Schwein unter?
Unser normaler Kühlschrank ist zu klein dafür, also wurde überlegt, um eine Kühltruhe anzuschaffen. Nach dem Fest, lebte das Schwein immer noch, meine Frau war glücklich, unsere Kinder eher traurig, ich auch.
Zu Weihnachten hatte ich meiner Frau eine sündhaft teure Halskette geschenkt, auch als Wiedergutmachung.
Bei einem Hofbesuch sagte die Bäuerin, “Sie haben da aber eine schöne Kette!”
Ich mischte mich kurz ein, “Die war aber auch Schweineteuer!”
Der Blick von meiner Frau versprach nichts Gutes.
Der Bauer sagte zu mir,:” Das Schwein hat jetzt ein großes Übergewicht, es muss geschlachtet werden. Ausgemacht waren ja, das es ein Gewicht bis zu 120 Kg haben sollte, jetzt hat es 160 Kg, da verteuert sich der Preis natürlich auch.!”
“Also gut, sagte ich, lassen sie den Metzger kommen, alles andere überlasse ich ihnen, etwa das Räuchern, oder macht das der Metzger auch?”
Um den Kauf eine großen Kühltruhe kamen wir nun nicht mehr herum.
Im Keller hatten wir ausreichend Platz dafür.
So kam es, dass eines Tages diese Truhe, randvoll mit Schinken, Schnitzelchen, Koteletts, Rippenstücke, Filets, Speck und vielen Würsten, gefüllt war.
“Davon esse ich kein Stück!” sagte meine Frau, “ich sehe immer noch die klugen Augen vom Ferkelchen vor mir!” ihre Augen glänzten verdächtig.
In den ersten Wochen gab es fleischlose Gerichte, Aufschnitt wurde im Supermarkt gekauft.
Eines Tages sagte ich “Heute koche ich!”
Ich ging in den Keller… zu Mittag stand ein köstlich duftender Schweinebraten, mit krosser Kruste auf dem Tisch, dazu Kartoffel und Kraut.
Eine Flache Wein durfte nicht fehlen, die Kids bekamen auch etwas ab.
Es war ein Festmahl.
Nur meine Frau starrte wie angewidert, auf das Fleisch.
“Ist das etwa Schnitzelchen?”
Mit etwas belegter Stimme antwortete ich, -ja-, aber sieh einmal, es hatte unsere ganze Liebe und Aufmerksamkeit bekommen, kein Schwein auf der ganzen Welt, war so glücklich wie Schnitzelchen und dafür dankt es uns, mit all seinen Köstlichkeiten!”
Sie tupfte sich ein paar Perlen aus dem Gesicht, nein, es waren Tränen.
Und dann hatte sie sich überwunden und aß vom Fleisch und endlich taten es auch unsere Kinder, sie lachten und schmatzten und ließen es sich schmecken.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.08.2021. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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